Wie banal ist das Böse?

Margarete von Trotta hat sehr eindrücklich einen Abschnitt aus dem Leben von Hannah Arendt verfilmt, der auch heute noch Stoff für Kontroversen hergibt. Einerseits bricht sie mit Martin Heidegger, der sich vor den Karren der Nazis spannen lässt, andererseits brechen enge Freunde mit ihr, nachdem sie den Prozess gegen Adolf Eichmann kommentiert und von der Banalität des Bösen spricht und die Rolle der jüdischen Räte kritisiert.

Und so wird seither über Hannah Arendt gestritten. Aktuell erinnern manche der im Film gezeigten Reflexe an den Antisemitismus-Vorwurf gegen Jakob Augstein, etwa in der unbelehrbaren Naivität, die beiden, Augstein wie Arendt, verschiedentlich attestiert wurde und wird (Augstein scheint etwa kaum noch Unterschiede zwischen ultraorthodoxen Juden und Islamisten zu erkennen – ähnlich verglich jüngst Christ und Welt Salafisten und Evangelikale und erntete dafür energischen Protest).

Mit ihren Aussagen zur Banalität des Bösen hat sie (selbst wenn heute einiges dafür spricht, dass sie tatsächlich Eichmanns Täuschungsstrategie auf dem Leim ging) noch eine andere Saite anklingen lassen. In der Diskussion um schärfere Waffengesetze in den USA war immer wieder zu lesen, dass die Befürworter eines allgemeinen Grundrechts auf Schusswaffenbesitz damit argumentieren, man müsse einen eventuellen Hitler (gelegentlich auch Stalin) verhindern können, der die staatliche Gewalt an sich reißt (Salafisten bzw. Al Qaida könnten dabei allmählich zum neuen Hitler werden).

Hitler erscheint hier nicht mehr als historische Gestalt, sondern als Chiffre für das absolute Böse, das eben so absolut Böse ist, dass jede Form des Gewalteinsatzes gegen diesen Feind per Definitionen schon gut ist. Das Alarmierende an der ganzen Hitlerrhetorik ist dabei jedoch die Tatsache, dass ganze politische Gruppierungen in den USA noch viel mehr als hier bereit sind, alle möglichen Gegner (allen voran den eigenen Präsidenten) als „Hitler“ zu bezeichnen und damit buchstäblich zum Abschuss freizugeben. Jede Kritik an dieser Haltung wird umgehend als fahrlässige Verharmlosung und unwillkürliche Komplizenschaft mit diesem absoluten Bösen abgeblockt. Dabei war der Zweite Weltkrieg so ziemlich der letzte Konflikt, wo die Rollen von Gut und Böse so eindeutig auf die Kriegsparteien verteilt waren.

Im pädagogischen Begleitmaterial zum Film findet sich ein Zitat von Karl Jaspers, der sogar um Arendts Leben fürchtete, weil er erkannte: „Wie unendlich naiv, nicht zu merken, dass der Akt, ein solches Buch in die Welt zu setzen, eine Aggression ist gegen ‚Lebenslügen‘.“ Wenn die Annahme eines absoluten Bösen dazu dient, eigene Lebenslügen zu stabilisieren, das eigene Gewaltpotenzial zu legitimieren, vermeintliche Gegner zu dämonisieren oder Minderheiten zu drangsalieren, dann könnte sich der (unter)kühl(t)e Blick Hannah Arendts und ihre Vorstellung, dass das Böse zwar oft extrem, aber nie radikal in dem Sinne ist, wie das Gute gut ist, vielleicht ja doch als heilsam erweisen. Dann kann man vielleicht manche banale Bosheit im eigenen Denken entdecken, bevor sie extrem geworden ist.

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Eine Antwort auf „Wie banal ist das Böse?“

  1. excellenter Film – die Frau ( so wie sie gespielt wurde ) war mir rundum extrem sympathisch ! Eine scharfe Denkerin, der jegliche dogmatische Verfestigung und Aufgeregtheit fehlte.

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