Intellektuelle

„Intellektueller“ scheint mir ein seltsames Wort zu sein. Intellektuelle – ich habe noch nie welche getroffen. Ich habe Leute getroffen, die Romane schreiben, und andere, die mit Kranken arbeiten. Leute, die ökonomische Analysen machen, und andere, die elektronische Musik komponieren. Ich habe Leute getroffen, die lehren, Leute, die malen, und Leute, bei denen ich nicht so recht verstanden habe, ob sie überhaupt etwas machen. Aber Intellektuelle, nie. Ich habe indessen viele Leute getroffen, die über den Intellektuellen reden. Und durch vieles Zuhören konnte ich mir ein Bild davon machen, was dieses Lebewesen sein mag. Es ist nicht schwer, es ist der, der Schuld hat. Schuld an allem Möglichen: zu sprechen, zu schweigen, nichts zu tun, sich in alles einzumischen… Kurz, wo es um Rechtsfindung, Aburteilen, Verurteilen und Ausschließen geht, muss der Intellektuelle her.

Michel Foucault

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Nervige Gottesdienste (3): Steil nach oben

(Hier geht es zu Teil 1 und Teil 2)

Die Sprache des Konsums ist in den meisten Gemeinden längst angekommen und zeigt an, wie sehr sich die dazugehörige Mentalität verbreitet hat. Als Ausdruck dieser Mentalität lässt sich der folgende Liedtext lesen: „Mein Freudeschenker, mein Heimatgeber, mein Glücklichmacher und mein Schuldvergeber, mein Friedensbringer und mein Worteinhalter, mein Liebesspender bist Du.“ Die Sequenz zusammengesetzter Substantive beschreibt die Gottesbeziehung ausschließlich in der Sprache der Funktionalität und der Wirkung auf das individuelle Wohlbefinden.

Viele Christen kommen in den Gottesdienst, um nach eigenen Worten dort „aufzutanken“, etwas „mitzunehmen“ – aber kaum, um zusätzliche Lasten auferlegt zu bekommen, etwa weil sie dort mit Fragen nach sozialer Gerechtigkeit konfrontiert werden, auf die es keine einfache und schnelle Antwort gibt.

Der ausgewiesene Zweck des Gottesdienstbesuchs ist es in diesem Fall, bis zum nächsten Sonntag möglichst reibungslos zu funktionieren, in der Familie und natürlich auch im Beruf, wo man auf göttlichen Beistand hofft, um auf immer ungewisseren Karrierepfaden doch irgendwie den Aufstieg zu schaffen (oder wenigstens den Abstieg zu vermeiden).

Vom Aufstieg ist interessanterweise auch in vielen modernen Lobpreisliedern die Rede: Um dem erhabenen Gott zu begegnen, muss erst ein spiritueller Höhenunterschied bewältigt werden. Statt den in unsere Welt heruntergekommenen Gott zu feiern, der sich (wie etwa Luther unaufhörlich betonte) nur in aufreizender Niedrigkeit einer Krippe und dem bitterem Leid am Kreuz zu erkennen gibt, dreht sich nun wieder viel um sterile Herrlichkeit und Hoheit, um Glanz und Pracht, Gold und Engel.

Das sind zwar auch alles biblische Aussagen. Aber sie waren ursprünglich trotzige Gesänge im Munde einer gefährdeten Märtyrerkirche. Nun sind es Himmelsvisionen eines Christentums, das in Gott die Steigerung und ultimative Erfüllung seiner Wohlstandsideale zu finden meint, und nicht etwa deren radikale Kritik im Namen einer humanen und gerechten Welt für alle.

Und so vermittelt das bei gleichem Wortlaut eine völlig andere Botschaft. Ein ähnlicher Zwiespalt tut sich auf in zahlreichen Tempel-Analogien, die uns in Liedgut und Liturgie begegnen. Sie verschweigen und verdunkeln geradezu die Bewegung Gottes in die Welt hinaus oder vom Himmel herab und erwecken letztlich den Anschein, man müsse dem Alltag und den Mitmenschen erst bewusst den Rücken kehren, um ihm dann zu begegnen. Wenn man so denkt, dann rechnet man kaum noch damit, dass man Gott anderswo antreffen könnte als im Außergewöhnlichen.

Dazu kommt: Wo in diesem Kontext dann tatsächlich vom Kreuz die Rede ist, da steht es oft für die rückstandfreie Entsorgung unserer Schuld und dafür, dass Jesus die Zeche für uns bezahlt hat, damit wir einigermaßen sorglos und unbehelligt weiterleben können. Vom gegenwärtigen Leid unserer Mitmenschen und Mitgeschöpfe ist dabei nur ganz selten die Rede, wie in dem oben zitierten Text dominiert nicht das „wir“, sondern das „ich“. So droht der Gottesdienst hier drinnen zur Immunisierung gegen das Leid der anderen „da draußen“ zu werden.

(Fortsetzung folgt)

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„Nervige“ Gottesdienste (2): Augen zu und durch?

(Hier geht es zu Teil 1)

Nun ist die Sehnsucht nach einer heilen Welt nichts Falsches, solange sie uns nicht zum Selbstbetrug verleitet – zum Rückzug aus der leidenden Welt, zu einer Spiritualität des Wegschauens. Diese Aufforderung zum „Wegschauen“ ist mir am Beginn vieler Gottesdienste schon begegnet, und insofern sie sich darauf bezieht, dass ich aufhöre, ständig um mich selbst zu kreisen und meine Sorgen und Bedürfnisse als den Mittelpunkt der Welt zu betrachten, sind sie durchaus angebracht. Wo, wenn nicht im Angesicht Gottes, kann ich mich selbst einmal im besten Sinne des Wortes vergessen?

Oft aber sind das auch Aufforderungen gewesen, sich auf Gott unter Absehung vom zwiespältigen Zustand seiner (und unserer) Welt auszurichten. Wir laufen damit Gefahr, aus dem „Himmel“, von dem wir in unseren Liedern so gerne singen, ein hohles Wolkenkuckucksheim zu machen. Im alten Israel hat Gott diesem Hang zur Verdrängung drastisch widersprochen (Amos 5,21-24):

Ich hasse eure Feste, ich verabscheue sie

und kann eure Feiern nicht riechen. Wenn ihr mir Brandopfer darbringt,

ich habe kein Gefallen an euren Gaben und eure fetten Heilsopfer will ich nicht sehen.

Weg mit dem Lärm deiner Lieder! Dein Harfenspiel will ich nicht hören,

sondern das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

Amos hatte es mit einer Situation zu tun, in der die Kluft zwischen Arm und Reich sprunghaft angewachsen war. Die Oberschicht schottete sich – wie heute das reiche Europa zweifellos überzeugt davon, dass sie ihre Privilegien „verdient“ hatte – vom Leid der Verlierer ab. Armut wurde (wie heute vielfach wieder) als selbstverschuldet verstanden und als Makel behandelt. Wohlstand hingegen galt als ein Zeichen des göttlichen Segens, und um diesen zu feiern, ließ ein Besserverdiener im Tempel auch mal ordentlich was springen. Doch dann stört dieser ungehobelte Partyschreck im Namen Gottes die andächtige Stimmung mit dem Hinweis darauf, dass Gott die ganze Sache stinkt.

Dabei sind, um die Kritik des Propheten noch etwas weiter zu entfalten, keineswegs nur die Lieder das Problem, es können auch die Predigten sein: Als im 19. Jahrhundert das Industrieproletariat entstand, bezeichnete kein Geringerer als Goethe die Predigten des Erweckungspredigers Friedrich Wilhelm Krummacher, die zwar die persönliche Moral, Heiligung und den rechten Glauben betonten, aber die sozialen Missstände unberührt ließen, als „narkotisch“. Friedrich Engels, Sohn eines frommen Fabrikanten aus Wuppertal, fand noch viel drastischere Worte.

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„Nervige“ Gottesdienste (1): Die Tücken der Konsumkritik

Den folgenden Text habe ich für eine Mitarbeiterhilfe des CVJM geschrieben, und diesen ersten Teil auch vor einigen Monaten schon einmal gepostet unter dem Titel „Die Singkrise“. Damit auch die folgenden Gedanken nachvollziehbar werden, stelle ich das nun erneut ein und lasse den Rest in kurzen Abständen folgen. Wer’s schon kennt, kann warten bis zum zweiten Teil.

Kürzlich nahm ich als Gast bei Freunden an deren Gottesdienst teil und die Lobpreisband spielte Matt Redmans berühmtes Lied “Heart of Worship”. Die Story dazu ist nicht nur unter Insidern bekannt: Redmans Gemeinde – die Jugendkirche „Soul Survivor“ im englischen Watford – stellte fest, dass ihre Lobpreismusik dabei war, zum Selbstzweck zu werden und Gott selbst in den Schatten zu stellen – gerade weil sie so angesagt und mitreißend war. Also verschrieb man sich eine Phase der Entwöhnung und verzichtete auf die Musik – wie die Katholiken auf die Glocken in der Karwoche (da fliegen diese angeblich nach Rom). In dieser Zeit entstand das Lied, das davon handelt, dass es nicht um Lieder und Musik geht, sondern um die Liebe zu Gott. So weit, so gut. Ich finde, es ist wirklich ein schönes und bewegendes Lied.

Und es kann einen zum Nachdenken bringen!

Bei Soul Survivor haben sie längst wieder begonnen zu singen und “Heart of Worship” hat überall auf der Welt begeisterte Aufnahme gefunden. Vielleicht, weil es ein Dilemma anspricht, das viele ganz ähnlich empfinden: das Medium entwickelt eine Eigendynamik, es verdeckt mehr als dass es noch Hinweischarakter hätte, geistliche Musik wird zum Konsumartikel. Auch dazu wurde schon viel gesagt.

Aber reicht es denn schon aus, in einem Lied (unter etlichen anderen) darüber zu singen, dass Singen nicht alles ist und manchmal mehr von Gott ablenkt als zu ihm hinführt, ohne dann auch tatsächlich den Ausknopf zu drücken und zu sehen, was denn wirklich passiert, wenn wir mit leeren Händen dastehen, die Stille mühsam aushalten, in der der innere Lärm und die Störgeräusche von nichts mehr übertönt werden – und können wir glauben, dass Gott uns dann auch darin begegnet? Sollte man so ein Lied eigentlich singen, ohne sich die damit verbundenen Herausforderungen tatsächlich zugemutet zu haben? Anders gefragt: Verhindert es am Ende vielleicht genau den Erneuerungsprozess, den es beschreibt? Ist es genug, dass wir den Gedanken oder die unbehagliche Ahnung „eigentlich müsste man etwas ändern“ zwar ausdrücklich zu Protokoll geben, die tatsächliche Beschäftigung mit diesem Thema dann aber umgehend wieder vertagen?

Der Philosoph und Gesellschaftskritiker Slavoj Zizek hat in den letzten Jahren immer wieder angemerkt, dass unsere Konsumkultur und der moderne Kapitalismus längst einen Weg gefunden haben, die Kritik am System zum Teil des Systems zu machen. Ohne dass sich das System an sich ändert, das – Papst Franziskus hat es erst kürzlich scharf kritisiert – alles und jeden zur Ware macht, die man kauft, benutzt und wegwirft, kann sich der Konsument etwa durch ethisch „guten“ Kaffee für einen gewissen Aufpreis von seinem schlechten Gewissen loskaufen. Das Rädchen, das zu quietschen drohte, läuft nun wieder wie geschmiert.

Zizek bestreitet nicht, dass „fairer Konsum“ die Lage mancher Erzeuger tatsächlich verbessert, er zweifelt nicht an den guten Absichten der Beteiligten, aber er fragt, ob die gute Absicht konsequent genug umgesetzt wurde, oder ob wir es am Ende doch mit einer Alibi-Aktion zu tun haben, die nur die hässlichen Symptome kaschiert und die wahren Ursachen unberührt lässt. Würden wir nach diesen Ursachen fragen, dann müssten wir uns unseren Ohnmachtsgefühlen angesichts dieser trostlosen Lage stellen, der Resignation und Gleichgültigkeit, die uns lähmen oder zur Flucht in heile Welten drängen: virtuelle Phantasiewelten, die (spieß-)bürgerliche Idylle oder fromme Subkulturen. Zieht man den Horizont nur eng genug, bleiben all die verstörenden Dinge außer Sichtweite.

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Unrein: Vom Essen, Ekel und dem Evangelium

Barmherzigkeit statt Opfer – auf diese Formel bringt Jesus seinen Konflikt mit den Pharisäern in Matthäus 9. Hinter diesen beiden Begriffen stehen gegensätzliche Weltbilder und Lebensweisen, mit denen wir bis heute ringen. Vor allem aber ein mächtiges Gefühl, das in Kirche und Theologie gravierende Folgen nach sich zieht.

Statt eines „normalen“ Blogposts stelle ich heute den Mitschnitt und die Präsentation meiner Predigt von gestern hier ein. Sie beruht in vielem auf dem ungemein hilfreichen und erhellenden Buch Unclean: Meditations on Purity, Hospitality, and Mortality von Richard Beck, das ich seit einigen Tagen mit einer ganzen Serie von Aha-Effekten lese. Vielen Dank an Rainer Behrens für den Tipp, und viel Spaß beim Zuhören. (Leider ist der Ton in den ersten Sekunden durch ein Versehen meinerseits etwas hallig, das hört aber gleich auf)

Weitere Posts zu Becks spannenden Thesen werden folgen.

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Der Wald, der Weg und die Angst

Die Bayerische Staatsforsten GmbH ist ein Unternehmen, das sich durch besondere Großzügigkeit auszeichnet. Einerseits, weil sie seit ein paar Jahren selbstlos den russischen Holmulti Ilim Timber mit einem langfristigen Liefervertrag zum Tiefstpreis beglückt, andererseits, weil man beim Schottern der – inzwischen für den Schwerlastverkehr zum Abtransport eben dieses Holzes verbreiterten – Forstwege mit dem Material auch sehr freigiebig umgeht. Als Radfahrer schwimmt man förmlich im losen Mikrogeröll. Und gelegentlich sind als kostenlose Zugabe sogar extra große Steine auf dem Weg zu finden.

Wie dem auch sei: Nach einer Weile bilden sich auf den üppig geschotterten Waldwegen kleine, fußbreite Spurrillen, in denen man halbwegs gefahrlos Radfahren kann. In einer solchen war ich heute ein paar Kilometer weit unterwegs und staunte nach einer Weile, wie gut und flott das doch ging.

Hätte ich stattdessen auf einem ebenso breiten Balken radeln müssen und auf beiden Seiten wäre es einen, oder ein paar hundert Meter steil bergab gegangen, wäre mir das nicht so leicht gefallen. Vermutlich wäre ich vor lauter Nervosität gestürzt. Nicht, weil der Balken zu schmal gewesen wäre, sondern die Angst zu groß.

Ist es da noch ein Wunder, dass Menschen, die in einem Klima der Angst leben müssen (vor dem Staat, vor dem Chef, vor dem wirtschaftlichen Absturz) nicht etwa besser und motivierter bei der Sache sind als andere, sondern häufiger Fehler machen, und dass umgekehrt Angstfreiheit Menschen zu erstaunlichen Dingen fähig macht?

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Erschöpfte Toleranz

Überraschend, vor allem für die Betroffenen selbst, hat die Evangelische Allianz in Großbritannien (EAUK) letzte Woche den Oasis Trust ausgeschlossen, nachdem sich dessen Gründer Steve Chalke im vergangenen Jahr für eine Anerkennung homosexueller Partnerschaften ausgesprochen hat.

Seither hat es offenbar immer wieder Verhandlungen gegeben, die nun einseitig für gescheitert erklärt wurden. Mit Steve Chalke verliert die EAUK ihren wohl prominentesten Dissidenten und jemanden, der im Laufe der Jahre enorm viel frischen Wind in die Szene gebracht hat, nicht zuletzt hat er das öffentliche Image der Evangelikalen durch seine sympathische Medienpräsenz mit geprägt.

Durch den Ausschluss definiert die EAUK freilich auch explizit, was für sie als „evangelikal“ gilt und was nicht. Es gibt Fragen, in denen man verschiedener Meinung sein kann, und Themen, wo das nicht geht. Eine offene Haltung gegenüber Homosexualität gehört in die letztere Kategorie, in der ersteren befinden sich Themen wie Taufe, die Hölle, der Sühnetod, die Ordination von Frauen, gerechter Krieg, Wirtschaftsethik und viele andere Dinge. Es wäre durchaus einmal interessant zu recherchieren, wer im Laufe der Jahre weswegen aus der Evangelical Alliance ausgeschlossen wurde. Offenkundig macht sich „Bibeltreue“ für jene, die sie stets einfordern, nach wie vor besonders an der Sexualethik fest. Dabei hat die Bibel über Homosexualität vergleichsweise wenig zu sagen.

Das Statement der EAUK lässt erkennen, dass dort die Auffassung herrscht, Chalke habe den bestehenden Konsens aufgekündigt, als er die traditionelle Position verließ. Dieses „es war schon immer so“ ist ein strukturell konservatives Argument, das regelmäßig von Orthodoxien aller Art gegen Innovatoren und Querdenker ins Feld geführt wird. Nun ist Steve Chalke ja keineswegs der einzige Evangelikale, der den Ausschluss homosexuell lebender Menschen ablehnt. Bestenfalls war er einer der wenigen, die es laut und vernehmlich formulierten. Alle anderen sind nun gewarnt, und viele werden ihre von der Party Line abweichende Meinung wie bisher nur hinter vorgehaltener Hand äußern, um keinen Rauswurf zu provozieren.

Aktuell aber schlägt schon die nächste prominente Äußerung Wellen in den sozialen Netzwerken: Die Theologin, Musikerin (u.a. Worship Leader bei Spring Harvest), christliche Feministin und Publizistin Vicky Beeching hat sich, trotz ihrer konservativen Wurzeln, ebenfalls für einen neuen Kurs gegenüber der LGBT-Community ausgesprochen. Sie hat gerade eine Blogserie gestartet, in der sie ihre Haltung begründet. Es dürfte nicht das letzte Ereignis in dieser Richtung sein. US-Sängerkollege Dan Haseltine von den Jars of Clay hat den traditionell-konservativen Standpunkt ebenso aufgegeben wie Sir Cliff Richard, der die anglikanische Kirche schon 2008 aufforderte, gleichgeschlechtliche Paare zu trauen.

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Die Tücken des postmodernen Über-Ich

In den letzten Tagen hat mich ein Aufsatz von Slavoj Žižek beschäftigt, der eigentlich schon etwas älter ist (1999), aber viele Anregungen enthält, die auch 15 Jahre später noch aktuell sind. Ich denke, das ist ein Beweis dafür, wie scharfsinnig Zizek die Welt analysiert. Der Titel – „You May“/“Du darfst“ – spielt direkt auf kalorienreduzierte Lebensmittel deutscher Provenienz an. Im Grunde aber geht es um Freiheit, Normierung, Begehren und Zwang in unserer Gesellschaft.

„You May“ beginnt mit dem Phänomen der „Reflexivierung“ von Gebräuchen in der heutigen Risikogesellschaft. Verhalten, das früher einmal selbstverständlich war, ist heute etwas, für das man sich entscheidet und das man lernen muss, es bedarf also der Reflexion. Zizek zeigt das am Beispiel des Rassismus gegenüber seiner Heimatregion, dem „Balkan“: Es gibt den traditionellen Rassismus mit seinen Vorurteilen und Stereotypen (barbarisch, despotisch, korrupt, un“westlich“…), daneben existiert aber ein politisch korrekter, reflexiver Rassismus (die Gräueltaten zeugen von einem irrationalen und ungebildeten Stammesdenken, das den Anschluss an die – unparteiisch und verwundert zusehende – zivilisierte Welt noch nicht gefunden hat, in der Nationalstaaten ein Phänomen der Vergangenheit sind), und schließlich ist da der umgekehrte Rassismus, etwa der Serben, die sich gegenüber dem weichlichen, blutleeren Westen, den sie verachten, als authentisch, ursprünglich und leidenschaftlich inszenieren.

In der Psychoanalyse ist es inzwischen kaum noch möglich, das Unbewusste eines Menschen durch Interpretation heilsam zu erhellen, weil die Patienten ihre Leidensgeschichte schon im reflexiven Vokabular des Therapeuten schildern und damit bereits über Erklärungen verfügen. Žižek schreibt (und man hört im Geist schon die Ärzte singen):

Es ist so, als würde ein Neonazi-Skinhead, von dem man verlangt, sein Verhalten zu begründen, anfangen, wie ein Sozialarbeiter, Soziologe oder Sozialpsychologe zu reden, als zitiere er die geringe soziale Mobilität, die wachsende Unsicherheit, die Auflösung väterlicher Autorität, den Mangel an Mutterliebe in seiner Kindheit.

Ein postmoderner Neonazi, „der Schwarze verprügelt weiß genau, was er tut, aber er tut es trotzdem“. Die postpolitische, liberal-freizügige Gesellschaft kann den Missbrauch der Menschenrechte nicht verhindern:

Das Recht auf Privatsphäre ist im Endeffekt das Recht, Ehebruch zu begehen, heimlich, ohne dass man bespitzelt oder dass gegen einen ermittelt wird. Das Recht, nach Glück zu streben und Privateigentum zu besitzen, ist im Endeffekt das Recht, zu stehlen (andere auszubeuten). Presse- und Meinungsfreiheit – das Recht zu lügen. Das Recht freier Bürger auf Waffenbesitz – das Recht, zu töten. Das Recht auf Glaubensfreiheit – das Recht, falsche Götter anzubeten. …

Gut, das mit dem Bespitzeln und der Privatsphäre hat sich, wie wir alle wissen, gründlich geändert. Aber nach wie vor gilt Žižeks Beobachtung, dass der Rechtsstaat den Missbrauch der Freiheitsrechte kaum einschränken kann, ohne die Freiheit selbst einzuschränken. Das geschieht inzwischen zwar punktuell, das grundsätzliche Dilemma bleibt jedoch, das es keine absolut gültigen Regeln mehr gibt – und dass diejenigen, die wir noch haben (Menschenrechte), von manchen mutwillig pervertiert werden, während ihre wahren Anhänger keinen Gegendruck erzeugen können, ohne sie zu verraten.

Wenn die öffentliche Ordnung nicht mehr durch „Hierarchie, Repression und strikte Regelungen“ aufrechterhalten wird, kann sie auch nicht mehr durch befreiende Regelbrüche (etwa dem Lachen hinter dem Rücken des Lehrers) verletzt werden. In einer freizügigen Gesellschaft wird dafür die selbstgewählte Unterwerfung zum Tabubruch, was für Žižek auch die Erotisierung von Repression und Sklavenverhältnissen erklärt (was das für theologische Fundamentalismen bedeutet, etwa im Blick auf den sogenannten Komplementarismus und dessen Motivation, eine Hierarchie der Geschlechter zu repristinieren, oder auch autoritäres Führungsverständnis bzw. eine antiquierte, grob gerasterte Dogmatik, wäre noch zu klären: Es könnte vormodern und unreflektiert sein – man kann sich die Welt gar nicht anders denken als so –, oder postmodern und reflexiv – dann wird dieser Glaube zum Vehikel der antiliberalen Grenzüberschreitung).

An dieser Stelle bringt Žižek den Begriff des „Über-Ich“ ins Spiel. Wo Eltern ihr Kind früher dazu verdonnerten, die Großmutter zum Geburtstag zu besuchen, da sagen sie heute: „Du weißt ja, wie gern Deine Großmutter dich sehen möchte. Aber Du solltest natürlich nur hingehen, wenn Du es wirklich möchtest, sonst bleib lieber zuhause.“ Das Kind weiß natürlich, dass es im Grunde keine Wahl hat, nur kann es jetzt nicht mehr gegen den Zwang aufbegehren, der vordergründig keiner mehr ist. In Wirklichkeit lautet die Forderung aber nun: „Du musst die Großmutter besuchen, und Du musst es auch noch gern tun.“ Das Über-Ich befiehlt uns, die Dinge, die wir tun, gefälligst zu genießen. Aus Kants kategorischem Imperativ, der davon ausging, dass ich das Gute tun kann, weil es meine Pflicht ist, wird somit die Pflicht, alles zu tun, was ich kann: Die Verfügbarkeit von Viagra schlägt um in die Erwartung, so viel Sex wie nur möglich zu haben. Unter Esoterikern wird Selbstverwirklichung und das Lebensglück eben deshalb zur Pflicht, der man mit Freuden nachzukommen hat, weil sie machbar ist. In der totalitären Demokratie muss man dem Führer nicht nur gehorchen, mann muss ihn lieben. Es ist nicht genug, seine Arbeit ordentlich zu machen, es muss jetzt auch noch mit totaler Leidenschaft und Begeisterung geschehen. Damit bilden sich neue „Fundamentalismen“, während die alten, autoritären auch noch irgendwie lustvoll und reflexiv gebrochen fortbestehen. Und jetzt kommt der Slogan fettfreier Produkte ins Spiel, denn man kann plötzlich Salami essen, ohne sein Fett abzubekommen:

Nationalistischer Fundamentalismus fungiert als ein kaum noch verschleiertes „Du Darfst“. Unsere postmoderne reflexive Gesellschaft, die so hedonistisch und freizügig scheint, ist in Wirklichkeit gesättigt mit Regeln und Vorschriften, die unserem Wohlergehen dienen sollen (Einschränkung des Rauchens und Essens, Regeln gegen sexuelle Belästigung). Eine leidenschaftliche ethnische Identifikation ist keineswegs eine weitere Einschränkung, sondern ein befreiender Zuruf „Du darfst!“: du darfst (nicht den Dekalog, aber) die starren Vorschriften friedlicher Koexistenz in einer liberalen, toleranten Demokratie verletzen; du darfst essen und trinken, was auch immer du willst, Sachen sagen, die politische Korrektheit verbietet, sogar hassen, [andere] bekämpfen, töten und vergewaltigen.

Diese Fundamentalismen verdanken also ihren Sexappeal ausgerechnet der toleranten Gesellschaft, die sie verachten und auf deren Kosten sie sich als „authentische“, „ungezähmte“ Freiheitskrieger inszenieren. Leute, die sich „den Mund nicht verbieten lassen“, „Klartext reden“ oder wie auch immer das dann heißt.

In seinem jüngsten Beitrag für die Zeit vom 16. April nimmt Žižek viele dieser Motive übrigens wieder auf und wendet sie auf den Rechtspopulismus in Europa an, sein Interesse gilt nun aber den Folgen rechter Tabubrüche. Die richtige Antwort auf derartige Umtriebe wäre aus seiner Sicht, mit Freiheit und Gleichheit in Europa noch viel konsequenter und radikaler Ernst zu machen (sich also, um auf das „du darfst“ zurückzukommen, die subtilen Zwänge des Über-Ich bewusst zu machen), statt dem rechten Druck zur Abschottung und der Rückkehr zu autoritären Ordnungsstrukturen nachzugeben, mit der man den Feinden der Freiheit (die Orbans, Le Pens und wie sie alle heißen) den Grund zur Klage nehmen möchte, in Wahrheit aber ihre Ziele und Methoden legitimiert. Denn wenn die emanzipatorischen Bemühungen aus Angst oder Trägheit eingefroren werden, erhalten die Reaktionäre die Chance, sich als die bessere Revolution auszugeben.

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Schwierige Verständigung

Gestern traf ich am Nürnberger Hauptbahnhof einen jungen Mann, der sich dort mit jemandem zur Weiterreise über eine Mitfahr-Plattform verabredet hatte. Irgendwo zwischen Post und Haupteingang sollte das Auto parken, aber nichts war zu sehen. Die beiden telefonierten, dann suchten sie einander, dann sprachen sie wieder. Und stellten dann fest, dass der eine in Nürnberg war und der andere in Regensburg.

Anscheinend war es mit der Übersichtlichkeit der Online-Plattform etwas schwierig gewesen. Aber die Situation erinnerte mich an so manche irritierenden Gespräche, in denen mein Gesprächspartner und ich zwar dieselben Begriffe benutzten (in dem Fall statt Auto, Bahnhof, Post, Haupteingang etc. dann eben irgendwelche weltanschaulichen und politischen Dinge) und dann doch merkten, dass wir meilenweit entfernt waren von einander.

Der junge Mann vom Hauptbahnhof hat seinen Fahrer gestern übrigens noch getroffen, weil Nürnberg an der Strecke zu beider Ziel weiter westlich lag. Vielleicht ist das ja auch ein tröstlicher Gedanke im Blick auf die anderen schwierigen Verständigungen. Und natürlich gibt es auch den umgekehrten Fall, dass mir jemand näher ist, als ich aufgrund seiner Redeweise bisher vermutet hatte.

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Eine Theologie des Blühens

Ich bin kürzlich in einem Aufsatz von Hanna Strack über Hildegard von Bingen auf folgenden interessanten Gedanken gestoßen: Strack plädiert für eine „Theologie des Blühens“ und stellt diese in einen Kontrast zur traditionellen „Theologie der Mortalität“, die sie so beschreibt:

… die bisher überwiegend gelehrte und gepredigte Theologie der Sterblichkeit aller Menschen [betont] die Hinfälligkeit, Fehlerhaftigkeit, das Schuldbewusstsein und die Angst. Diese zielt auf Erlösung durch die strafende und barmherzige Gottheit.

Während Strack das biblische Motiv des Blühens mit (vor allem auch explizit weiblicher) Fruchtbarkeit verbindet, könnte man, um eventuell problematische Parallelen zu Fruchtbarkeitskulten oder Esoterik zu meiden, die „Theologie des Blühens“ auch von Auferstehung und Neuschöpfung her denken und sagen, dass Gott in der Sendung Christi seine Liebe zum Leben erweist und sie mit der Auferweckung bestätigt als die grenzenlose, überströmende Lebenskraft und -fülle, die selbst das verwelkte und beschädigte Leben erneuert und verwandelt.

Denn für Hildegard von Bingen hat die „Grünkraft“ auch mit dem Heiligen Geist zu tun, der nach dem Neuen Testament nicht nur in der anfänglichen Schöpfung wirkt, sondern auch die Kraft ist, durch die die Welt und die Menschheit neu geschaffen wird. So kann Hildegard, wie Strack zeigt, Christus als schöne Blume bezeichnen und von ihm sagen: „sie schenkte ihren Duft all den Gewürzen, die da dürre waren. Da prangten alle sie in sattem Grün“.

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Deutsch zum Abgewöhnen (9): „Ein“ Thomas Müller

Heute las ich den Kommentar von Oliver Fritsch in der Zeit zum Halbfinale zwischen den Bayern und Real Madrid. Neben vielen guten Beobachtungen habe ich mich gefreut, dass kein Eigenname mit unbestimmtem Artikel im Text erschien. Selbstverständlich ist das schon lange nicht mehr.

Nicht im Sport jedenfalls. Ich weiß nicht, wer mit diesem Unsinn begann, aber er hat sich im Umfeld des Profifußballs durchgesetzt. „Ein“ Lothar Matthäus begann schon früh, über sich selbst in der dritten Person zu reden und dann den unbestimmten Artikel zu verwenden. Dabei soll dieses „ein“ bei Lothar M. natürlich nicht ausdrücken, dass es auch noch andere Menschen mit diesem Namen gibt (für die dieses Aussage dann ja auch gelten müsste), sondern eben nur den einen und einzigartigen – ihn selber: Weltmeister, Weltfußballer, Würdenträger.

Oliver Kahn gehört zu Lothars gelehrigsten Schülern. Immerhin kommentieren sie nun beide gelegentlich im Fernsehen und werfen mit unbestimmten Artikeln nur so um sich. So weit ich sehe, hat selbst Pep Guardiola zwar zwei Marios im Kader, kann aber nur einen Mandzukic und einen Götze auf dem Platz schicken, und das jeweilige Original spielt dann, nicht eine von mehreren Kopien.

Oder habe ich das missverstanden? Wissen Kahn und Matthäus mehr als wir? Spielt tatsächlich nur ein Klon? Hat die Sportmedizin im Schatten der Dopingdebatten längst den nächsten Quantensprung gemacht und multipliziert wichtige Leistungsträger? Liegt das Original vielleicht irgendwo an einem Strand in der Karibik, nachdem es seine Gene an den Verein lizensiert hat?

Jemand sollte dieser Frage einmal nachgehen. Vielleicht findet ein Oliver Fritsch die Antwort.

PS – Fest etabliert ist das „ein“ freilich bei dieser Fußballikone:

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Unvergänglich

Where are the nails that pierced His hands?

Well the nails have turned to rust

But behold the Man

He is risen

And He reigns

In the hearts of the children

Rising up in His name

Where are the thorns that drew His blood?

Well, the thorns have turned to dust

But not so the love

He has given

No, it remains

In the hearts of the children

Who will love while the nations rage

Rick Mullins, While The Nations Rage

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Der Aufstand des Lebens

Das Grab ist schließlich par excellence das Symbol metaphysischer Totalität und des Mythos kosmischer Gewalt: es ist Endstation und Grenze, es markiert nicht nur die Schranke zwischen Leben und Tod, sondern zwischen Sein und Nichtsein, Fleisch und Seele, Kosmos und Chaos, Geschichte und Mythos, Sinn und Sinnlosigkeit, dem Physischen und dem Spirituellen, dem Reinen und Unreinen, Zeit und Ewigkeit, Polis und Exil, Subjekt und Objekt; es ist, kurz gesagt, ein absoluter taxonomischer Index der Welt als einer abgeschlossenen Totalität; denn wenn jede Begrenzung eine Art Tod ist, dann ist die Begrenzung auch die Kraft des Lebens – so lange sie gewahrt wird.

Aber genau diese Begrenzung überschreitet Christus, der keine Schranken respektiert, in absoluter Freiheit. Die Auferweckung Christi ist, sofern das leere Grab ihr Kardinalzeichen ist, das genaue Gegenteil jeder Form gnostischer Vertröstung, jedes Heilsschemas, das die Schöpfung der Herrschaft der Mächte ausliefert und zugleich eine Emanzipation von der Welt und ihren Leiden bietet; die Form Christi, der Heilsweg, legt sein reales historisches Gewicht nie ab, seine Schönheit – seine kabod.

David Bentley Hart

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