Zum Aufstehen zu wenig

Vor einiger Zeit bekam ich das inzwischen veröffentlichte Thesenpapier Zeit zum Aufstehen zugesandt mit der Einladung, Erstunterzeichner zu werden. Anscheinend gehöre ich zu den Menschen, denen die Autoren das zutrauten. Viele meiner Freunde und Bekannte haben sich inzwischen dem Aufruf angeschlossen.

Ich war nicht begeistert. Hier sind ein paar Gründe:

Erstens scheint es mir, dass es hier um evangelikale Richtigkeiten geht, die zu bekräftigen die Urheber und wohl auch viele Unterzeichner nichts kostet, weil sie diese Positionen seit Jahr und Tag vertreten und in einem Umfeld arbeiten, das sie ebenfalls für selbstverständlich hält – jedes Rütteln an ihnen aber vehement sanktionieren würde. Das Papier hätte vor 25 Jahren genau so erscheinen können. Ich habe mich gefragt, was sich denn eigentlich bewegt hat in letzter Zeit. Aber vielleicht ist das schon die falsche Frage, weil Positionierung und Bewegung ja gerade nicht dasselbe sind.

Zweitens enthält es formal und inhaltlich aus meiner Sicht keinerlei Gesprächsangebot an Andersdenkende, lädt zu keinem Brückenschlag ein, stellt keine Fragen, sondern formuliert Parolen und versucht, die eigenen Reihen zu schließen. In der obligatorischen Bekräftigung der Autorität der Bibel finden sich so – Entschuldigung, plumpe – Slogans wie „Die Bibel ist immer aktueller als der jeweilige Zeitgeist.“ Gilt das auch für die Bibeltexte, die Sklaverei unkritisch sehen? Und wenn nicht, was bedeutet so ein Satz dann eigentlich noch?

Drittens fallen die Leerstellen auf: Die Christologie (genauer: Göttlichkeit und Einzigartigkeit Christi, Versöhnung durch Kreuz und Auferstehung) hat die Trinität überlagert, vom Heiligen Geist ist nirgends die Rede und der Schöpfer erscheint, wenn man genau hinsieht, nur als Begründer und Garant der Ebenbild-Anthropologie. Diese wiederum reduziert sich, wie die weiteren Aussagen zeigen, auf die Festschreibung traditioneller Geschlechtermuster und die Unantastbarkeit menschlichen Lebens. Ich bin auch gegen eine „Entwertung der Ehe“, aber ich weiß natürlich, dass dieser Textbaustein mittlerweile ein gängiges Codewort ist, das darauf zielt, andere Lebensformen als problematisch und defizitär hinzustellen.

Viertens: Fahndet man nach den gesellschaftspolitischen Konsequenzen des Aufrufes, dann bleiben die Themen Lebensrecht, islamkritisch akzentuierte Religionsfreiheit und die Exklusivität der traditionellen Familie allein auf weiter Flur. Hat Jesus das gemeint, als er vom Reich Gottes sprach? Die Bekräftigung der alten Engführungen ist doch ein Schlag ins Gesicht für die Vertreter der Micha-Initiative, die evangelikale Frömmigkeit und den Einsatz für eine gerechte Welt verbinden, die sich ja längst nicht mehr trennen lässt von der Bewahrung der Schöpfung.

Das ohrenbetäubende Schweigen zu diesen Themen ist natürlich auch eine klare Abgrenzung von allen anderen kirchlichen Bewegungen, die sich eben diese Themen auf die Fahnen geschrieben haben. Und damit vermittelt der Text unterm Strich den Eindruck, dass es den Autoren nicht um Kooperation, gegenseitige Ergänzung und lebendigen Austausch geht, sondern um das Beharren auf und die Durchsetzung von bestimmten Positionen.

Das ist jetzt meine völlig subjektive Interpretation dieses Textes. Möglicherweise lesen und meinen ihn die Autoren und Unterzeichner ja anders. Daher ist das keine persönliche Kritik an einzelnen, wohl aber eine an diesem verunglückten Aufruf.

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Liebe, Lieder und der Abwasch

Neulich erzählte ein Pfarrer, dass sich manche Gemeindeglieder mit Lobpreisliedern auch deshalb schwer tun, weil Gott darin nicht in der dritten Person erscheint, sondern in der zweiten. Es sind Lieder an Gott und nicht, wie gewohnt über Gott. Im Falle der Lobpreislieder gibt es eine doppelte Analogie zu ihren Gunsten, die bei der Gewöhnung helfen könnte:

Erstens entspricht es der Mehrzahl der biblischen Psalmen, Gott unmittelbar zum Adressaten zu machen (viele der neutestamentlichen Hymnen allerdings wählen die dritte Person).

Zweitens ist das intime „Du“ auch in der Popmusik zuhause, wo die Angebetete (oder Verflossene…) meist auch in der zweiten Person angeredet wird. Bis dahin, dass auf den ersten Blick gar nicht mehr so leicht auszumachen ist, ob da noch ein menschliches Wesen gemeint ist oder ein göttliches. Schön zu sehen aktuell bei Sunrise Avenue und „Lifesaver“. Es sieht fast danach aus, als hätte der Texter sich von Amazing Grace inspirieren lassen, wenn es unter anderem heißt:

Oh, my friend, you’re holding out your hand


I take it like an oar from the depth 


Hey, Lifesaver, I’m drowning in despair 


But you’re fighting for me right until the end. 


You pull me back to land and save me once again.

You help me wash away 


The insane mistakes I’ve made 


And I see it in your face 


My only source of grace

Kleine Randbemerkung: Diese Songtext-Website hat die Zeile „You help me wash away“ mit „Du hilfst mir beim Abwaschen“ übersetzt. So praktisch kann Liebe sein! Andererseits – gar nicht so ganz falsch, das Ganze: Auch in den geistlichen Liedern muss immer Gott den „Abwasch“ erledigen…

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„Was ist Wahrheit?“

Nietzsche fand bekanntlich, dass Pilatus besser abschneidet als Jesus, weil er illusionäre Wahrheitsansprüche ironisiert. David Bentley Hart betrachtet das Gespräch der beiden aus einem anderen, sehr erhellenden Blickwinkel, wie ich finde:

Die Frage des Pilatus ist höchst dialektisch, höchst sokratisch: Mit einem Wahrheitsanspruch konfrontiert, einer rhetorischen Geste, die den Angesprochenen zur Anerkennung einlädt, aber die abgesehen von dieser Einladung nicht in eigener Sache argumentiert, versucht Pilatus, deren Kraft umzuleiten, indem er seinen Blick von der Wahrheit vor seinen Augen abwendet, hin zu einer abstrakten Frage bezüglich der Wahrheit von Wahrheit.

Jesus jedoch hat keine Behauptung aufgestellt, die besagt, dass er wahr sei, dass er im Abstrakten an „Wahrheit“ appelliere, vielmehr hat er gesagt, dass er die Wahrheit ist, die er anbietet und bezeugt; er hat die Frage des Pilatus tatsächlich schon beantwortet, und Pilatus manövriert sich nun weg von dem beunruhigenden Anspruch, vor den Christus ihn stellt. Und dann wieder, nachdem Christus gegeißelt und verspottet worden ist, versucht Pilatus Christus ein letztes Mal dazu zu zwingen, über sich Auskunft zu geben, irgendein reinrassiges – „Wo bist du her?“ – das den außerordentlichen Ansprüchen, die er stellt, Autorität verleiht oder sie wenigstens erklärbar macht; Pilatus ringt darum, die Kraft der Rhetorik aufzulösen, die vor ihm steht, mit Dornen gekrönt, und schließlich kann er nur die eine Wahrheit aussprechen, die er kennt – „weißt du nicht, dass ich die Macht habe, dich zu kreuzigen?“ – und dann kann er nur diese Wahrheit herbeiführen, … indem er Christus dem Tod übergibt.

Pilatus ist also nicht der vornehme Ironiker, sondern schlicht ein kurzsichtiger Reaktionär; Jesus hat die Ordnung von Wahrheit, der Pilatus sich verschrieben hat, längst untergraben, also hat Pilatus keine andere Wahl, als sie wiederherzustellen, indem er handelt. Christi Wahrheit jedoch ist derart, dass sie umso offenkundiger wird, je mehr man sie unterdrückt; ihre Geste ist die des Geschenks, das selbst dann gegeben wird, wenn es abgelehnt wird; und so macht Christus am Kreuz die schiere Gewalt, die den Ökonomien weltlicher Wahrheit zugrunde liegt, für sich selbst transparent, und eröffnet eine Wahrheit anderer Ordnung, eine andere Geschichte, eine, die jedes Mal neu und mit größerer Kraft erzählt wird, wenn man sie mit Gewalt zu Schweigen bringt. (The Beauty of the Infinite, S. 332f.)

(Wer dem Wahrheitsthema gern weiter nachgehen möchte, kann hier zu Parker Palmers Gedanken klicken).

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Weisheit der Woche: Der poetische Gott

Ein schönes Zitat von Alfred N. Whitehead (aus der Predigt meines katholischen Kollegen Michael Pflaum vom vergangenen Wochenende):

Gott ist der Poet der Welt, leitet sie mit zärtlicher Geduld durch seine Vision von der Wahrheit, Schönheit und Güte.

Und im kritischen Blick auf populäre Gottesbilder (der Monarch, der Moralist, der Apathische) konnte Whitehead sagen:

Liebe herrscht weder, noch ist sie unbewegt; auch ist sie ein wenig nachlässig gegenüber der Moral. Sie blickt nicht in die Zukunft; denn sie findet ihre eigene Belohnung in der unmittelbaren Gegenwart.

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Niemand hat das verdient!

Vielleicht liegt es daran, dass ich vorgestern einen Bericht über die heimlichen Foltermaßnahmen der CIA und einen über Augenzeugenberichte aus den Konzentrationslagern des Dritten Reiches gelesen habe und dann über Karfreitag nachdenken musste. Jedenfalls fiel mir ein, wie oft ich den Satz gehört habe, „ich“ oder „wir alle“ hätten es ja eigentlich „verdient“ gehabt, am Kreuz zu enden. Also an der für damalige Verhältnisse brutalsten und unmenschlichen Folter zu sterben.

Ich weiß schon, was damit vermutlich gemeint ist: Es ist der Versuch, das neutestamentliche „für unsere Sünden gestorben“ nachzubuchstabieren. Aber es ist für mich ein Versuch, der in eine falsche Richtung führt:

Erstens nämlich verharmlost und legitimiert so ein Satz (ungewollt zwar, aber um so effektiver) die unmenschlichen Grausamkeiten, auf die er sich bezieht, indem es sie als „verdient“ bezeichnet. Dagegen kann man nur sagen: Niemand hat das verdient, wirklich niemand. Zumal sich sofort die Frage stellt, wer ein solches Urteil überhaupt fällen und solche Gewalt verüben darf. Der Satz setzt die Folterknechte und ihre Dienstherren damals und heute ins Recht.

Zweitens wirft der Satz ein völlig entstellendes Licht auf Gott. Dessen Heiligkeit scheint sich daran zu bemessen, dass jeder Kratzer, der ihr zugefügt wird, möglichst drakonisch vergolten wird. Je vernichtender das Urteil über jeden, der sie antastet (man könnte auch sagen: je grausamer die Rache), desto strahlender erscheint Gottes Herrlichkeit. Zugleich löst sich angesichts der Dominanz von strafender „Gerechtigkeit“ die Beziehung von Gottes Heiligkeit und seiner Barmherzigkeit und Liebe fast vollständig auf.

Drittens führt die Aussage zu einem kranken Menschenbild. Wenn jedem Durchschnittssünder schon aus Prinzip die Höchststrafe droht, dann fehlt in Gottes Blick auf den Menschen jedes Element von therapeutischer Korrektur, sanftem Werben, und das kann ja nur heißen, dass man es eben gar nicht wert ist. Wenn also jemand von sich sagt, er habe das „verdient“, dann tut er es ja meist in dem sicheren Wissen, dass ihm die Vollstreckung erspart bleibt. Vielleicht schaut man dann nicht so genau hin und fragt auch nicht, ob man das wirklich, wirklich ernst meint.

Diese Strafe, die an Jesus vollstreckt wurde, hat niemand verdient. Gott hat sie auch nicht „verhängt“. Er hat sie am dritten Tag aufgehoben.

Die Liebe Gottes, die sich am Kreuz zeigt, fragt im Übrigen nicht einmal rhetorisch, was wir „verdienen“ oder nicht. Also auch nicht, um uns einen pädagogisch-taktischen Schreck einzujagen und den dann durch den nachfolgenden Hinweis auf die Vergebung in ewige Dankbarkeit zu verwandeln.

Die Liebe fragt nur danach, wie sie möglichst allen Menschen einen solchen Tod ersparen kann, und wie das unbeschreibliche Leid derer, denen Folter und Grausamkeit widerfährt, in den Horizont einer noch größeren Hoffnung gestellt werden kann.

Das Kreuz ist, so verstanden, aber auch Gottes Gerichtsdrohung gegen die Verbrechen der Nazis, der CIA und aller anderen Menschenverächter. Die unterdrückten Stimmen der Opfer werden nicht aus der Geschichte verdrängt. Die Täter werden sich ihnen noch stellen müssen. Erst dann kann die Welt heil werden.

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Die Kunst, gastfreundlich und verwundbar zu sein

Vor mir liegt der stattliche Sammelband Christus heute bezeugen: Mission auf dem Weg von Edinburgh 2010 nach Busan 2013. Einer der ersten Texte, die ich gelesen habe, stammt von Michael Bieler aus Hamburg und trägt den Titel „Gastfreundschaft und Verwundbarkeit“. Ich bin an der Formulierung deswegen hängen geblieben, weil sie zwei wesentliche Werte darstellen, die ich durch die Northumbria Community schätzen gelernt habe: Gastfreundschaft und Verwundbarkeit.

Im Blick auf das Missionsverständnis in einer multireligiösen Welt und ganz konkret im Blick auf das Verhältnis zu Migrationskirchen fragt Bieler dort, durchaus provokativ, wie absichtslos Mission eigentlich sein müsste:

Wie leben wir und wie drücken wir die Gastfreundschaft aus, die wir von Gott empfangen haben? Indem wir anderen Raum geben, indem wir bereit sind, uns durch die verändern zu lassen, denen wir Gastfreundschaft anbieten oder von denen wir selbst Gastfreundschaft erfahren. Wenn dieses Verständnis ernst genommen wird, stellt es letztlich in Frage, ob Mission überhaupt Ziele identifizieren kann.

Den Englischen Text kann man hier nachlesen.

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Von Kopftüchern und Naturgesetzen

Vor einer Weile bekam ich einen Beitrag aus Faszination Bibel zugesandt, der sich mit der Anweisung des Paulus befasst, Frauen hätten im Gottesdienst und in der Öffentlichkeit immer das traditionelle Kopftuch zu tragen. Die Überschrift lautet „Jeder Text ist ein Kind seiner Zeit“ und der Autor, Prof. Armin Baum von der FTA in Gießen, erläutert dort wunderbar verständlich und klar, was der Brauch (der in vielen patriarchalischen Gesellschaften heute noch existiert) damals bedeutete, um dann ebenso überzeugend zu schildern, inwiefern sich der gesellschaftliche Kontext so verändert hat, dass das Symbol (Kopftuch) seine Bedeutung (kein Interesse an intimen Beziehungen zu Männern) verloren hat.

Was Paulus selbst angeht, so hat er, wie mir scheint, an eine solche kulturelle Distanzierung seiner Anweisung gegenüber entweder nicht gedacht (Juden und Heiden waren in dieser Frage, wie der Artikel belegt, weitgehend einig) oder er sah verständlicherweise keinen Anlass, weil er ja auch nicht damit rechnen konnte, dass 2.000 Jahre später unter ganz anderen gesellschaftlichen Bedingungen jemand diesen Brief lesen würde. Aus dem Text wird deutlich, wie Paulus hier

  • erstens christologisch argumentiert: „Ihr sollt aber wissen, dass Christus das Haupt des Mannes ist, der Mann das Haupt der Frau und Gott das Haupt Christi.“ (11,3),
  • zweitens schöpfungstheologisch unter Anspielung auf Genesis 2: „Denn der Mann stammt nicht von der Frau, sondern die Frau vom Mann. Der Mann wurde auch nicht für die Frau geschaffen, sondern die Frau für den Mann. Deswegen soll die Frau mit Rücksicht auf die Engel das Zeichen ihrer Vollmacht auf dem Kopf tragen“ (11,8-10),
  • drittens das wackelige schöpfungstheologische Argument wieder christologisch relativiert durch den Verweis auf die Gleichrangigkeit der Geschlechter: „Doch im Herrn gibt es weder die Frau ohne den Mann noch den Mann ohne die Frau. Denn wie die Frau vom Mann stammt, so kommt der Mann durch die Frau zur Welt; alles aber stammt von Gott.“ (11,11-12)
  • und viertens und letztens (d.h. aber auch als sein entscheidendes Argument!) in dieser Streitfrage die „Natur“ anführt und an den Verstand appelliert: Lehrt euch nicht schon die Natur, dass es für den Mann eine Schande, für die Frau aber eine Ehre ist, lange Haare zu tragen?“ (11,14-15).

Die ebenfalls argumentativ ins Feld geführte Angelologie lasse ich einmal beiseite. Völlig zu Recht stand in Faszination Bibel, dass Paulus sich wohl sorgt, ein Aufgeben des Kopftuches in der Öffentlichkeit würde unvermeidlich zu falschen Schlussfolgerungen Anlass gegeben hätte. Wir heute hätten aber dafür – Baum spricht vom ethischen Prinzip der ehelichen Treue – andere Ausdrucksformen und Konventionen entwickelt, zum Beispiel den Ehering.

Paulus selbst aber schreibt hier nichts von dieser Sorge, die erschließt sich bestenfalls aus dem Zusammenhang. Sein Begründung liest sich für mich recht kategorisch: Schöpfungsordnung, Natur, Vernunft (alles Dinge, die heute in keiner Polemik gegen den vermeintlichen Ausverkauf des Glaubens an den Zeitgeist fehlen dürfen). Das wird im Falle des Kopftuches nun kulturell und kontextuell relativiert. Ich bin nicht ganz sicher, ob man zeitlose ethische Prinzipen und zeitgebundene Symbole tatsächlich so leicht auseinanderhalten kann, aber abgesehen davon stimme ich dieser Auslegung uneingeschränkt zu: Es ist kein Gebot der Natur, also keine biologische Notwendigkeit, sondern der Kultur, also ein gesellschaftliches Arrangement. Die antike Kleiderordnung ist keine Schöpfungsordnung.

Und jetzt denken wir das Ganze bitte einen wichtigen Schritt weiter:

Ich frage mich, wo jetzt noch der qualitative Unterschied zu Römer 1,26f. liegt, wenn Paulus hier wie dort mit dem damals gängigen philosophischen Naturbegriff argumentiert (der fehlt übrigens im Alten Testament) und mit „atimia“ („Unehre“) einen Begriff aus der alttestamentlichen Weisheit verwendet:

Darum lieferte Gott sie entehrenden Leidenschaften aus: Ihre Frauen vertauschten den natürlichen Verkehr mit dem widernatürlichen; ebenso gaben die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau auf und entbrannten in Begierde zueinander; Männer trieben mit Männern Unzucht und erhielten den ihnen gebührenden Lohn für ihre Verirrung.

Wo dieselbe Begründungsstruktur vorliegt, da können doch auch dieselben Fragen gestellt werden – in diesem Fall eben, ob nicht auch diese Aussage über das, was „natürlich“ ist, in hohem Maße zeit- und kulturbedingt sein könnte, und ob wir nach allem, was wir heute wissen, uns das Urteil („widernatürlich“, „Schande“) unbesehen zu eigen machen müssen. Von „müssen“ kann, wie der Vergleich zeigt, auch nach evangelikalen Maßstäben keine Rede sein. Leider wird das sehr oft so dargestellt, als gäbe es keinen Ermessensspielraum.

Das ist verstörend, zumal sich auch hier das allgemeine Empfinden (das die Christinnen in Korinth nicht verletzen sollten) ebenso gewandelt hat wie die wissenschaftliche Bewertung (eine seltenere Spielart menschlicher Sexualität, aber kein pathologischer „Defekt“ – schon gar kein mutwillig oder durch eigene/fremde Schuld herbeigeführter) und die gesellschaftlichen Verhältnisse (es gibt gleichberechtigte, verbindliche Partnerschaften unter Homosexuellen, was damals bei Juden, aber auch Griechen und Römern undenkbar war). Wollte man hier ein kontextunabhängiges „Prinzip“ ermitteln, dann wäre das die partnerschaftliche und fürsorgliche und treue Liebe.

Dass dies im einen Fall recht problemlos geht und im anderen zu so schweren Zerwürfnissen führen kann, lässt sich für mich nicht so sehr aus den Texten selbst erklären, sondern vielmehr aus den Macht- und Mehrheitsverhältnissen in den Gemeinden und Führungszirkeln der jeweiligen Konfessionen, wie auch der Tatsache, dass die Gleichstellung von Frauen in der Gesellschaft schon wesentlich weiter gediehen ist als die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften. In ein oder zwei Generationen könnte das also schon ganz anders aussehen.

Die Frage an alle, die heute Verantwortung tragen, bleibt: Warum nicht auch „b“ sagen, wenn man längst schon „a“ gesagt hat – um der betroffenen Menschen willen?

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Rückblick: Symposium keltisch-christliche Spiritualität

Auf unserem Esstisch steht eine Lichtschale vom Schwanberg. Während das Teelicht brennt, wandern meine Gedanken zurück dorthin. Die Schwestern von der Communität Casteller Ring und Pfarrer Harald Vogt hatten für das vergangene Wochenende zu einem Symposium eingeladen und einen gastfreundlichen Rahmen geschaffen, in dem sich ganz unterschiedliche Menschen begegnen konnten, die sich für die besondere Tradition des keltischen Christentums interessieren. Zumindest hier in der Region und im evangelischen Umfeld hat es das noch nicht gegeben, so weit ich sehe.

Allein schon der persönliche Austausch mit alten und neuen Bekannten wäre die Reise wert gewesen – wir saßen mit Ilona und Rainer Wälde, Katrin und Daniel Sikinger zusammen, lernten zwei keltisch bewegte Freikirchler aus der Schweiz sowie Ken Humphrey und Roy Searle von der Northumbria Community kennen, haben uns von Oliver Behrends auf eine Entdeckungstour in Sachen Schöpfungsspiritualität schicken lassen und ich habe auf einem Pilgerweg mit Hans-Joachim Tambour durchdringende Erfahrungen gemacht – der atlantische Dauerregen ging bei mir (trotz NorthFace-Jacke, mit denen muss ich noch ein Hühnchen rupfen…) bis auf die Haut durch.

Unter die Haut ging bisweilen das gemeinsame Nachdenken darüber, was die Geschichte und Impulse der keltischen peregrinati für uns im 21. Jahrhundert bedeuten: Warum eine theologisch verantwortete und vitale Schöpfungsspiritualität unverzichtbar ist, inwiefern diese historischen Vorbilder hier und heute anschlussfähig sind, wo sich Gottes und unsere Sehnsucht treffen (davon sprach Andy Lang) und wie man miteinander ermutigende und beflügelnde Erfahrungen teilen kann.

Es war ein verheißungsvoller Auftakt. Mal abwarten, was daraus noch wird!

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Ungeaigneter Vorschlag

Unsere Staatsregierung koaliert ja nach eigenen Angaben mit dem Volk. Den Koalitionsvertrag hat sie natürlich einseitig entworfen und alleine „unterschrieben“. Nach Horst Seehofer übt sich nun auch seine gelehrige Kronprinzessin Ilse Aigner im „Koalieren“: Sie will die Sommerzeit abschaffen – per online-Petition.

Natürlich könnte die CSU-Fraktion im Landtag einen Antrag einbringen, besser freilich noch im Bundestag – obwohl Bayern als autonome Zeitzone natürlich ein großartiges Symbol dafür wäre, dass im Machtbereich der Christsozialen „die Uhren anders gehen“. Bisher ging ich, naiv wie ich bin, davon aus, solche Themen würden im Parlament diskutiert und entschieden.

Offenbar ist das Ganze aber ein Manöver im Europa-Wahlkampf, das das Robin-Hood-Image der Partei nach dem peinlich schlechten Abschneiden bei den Kommunalwahlen aufpolieren soll. Es zielt auf all die geschundenen Seelen, die sich in ihrem fragilen Biorhythmus von der Zeitumstellung wochenlang aus der Bahn geworfen fühlen. Freilich fliegen dieselben gar nicht armen Seelen in ferne Länder, um sich dort trotz des vielfachen Zeitunterschieds prächtig zu erholen und schon nach vierzehn Tagen nehmen sie denselben wieder klaglos in Kauf, um am nächsten Tag daheim wieder arbeiten zu gehen.

Frau Aigner hat im Namen all dieser Opfer von Eurobürokratie und Behördenwillkür nun an die EU appelliert, die Sommerzeit abzuschaffen. Wenn am kommenden Wochenende wieder Tausende betrauern, dass ihnen eine Stunde kostbarer und verdienter Schönheitsschlaf geraubt wurde, dann werden sie sich an Aigner und die CSU erinnern, die in diesem unübersichtlichen Gebilde die einzigen Menschen sind, die ihren momentanen Kummer verstehen. Wer sich derart selbstlos und heroisch für das Wohl seiner Bürger einsetzt, darf natürlich auf dankbaren Zuspruch bei der anstehenden Europawahl hoffen.

Ich schlage als Antwort zwei Online-Petitionen vor:

  1. Der Missbrauch von Online-Petitionen sollte Regierungsmitgliedern verboten werden. Das ist ein Instrument für Bürger und muss es auch unbedingt bleiben.
  2. Schaffen wir bitte die Winterzeit ab! Ich liebe die langen Sommerabende, verzichte gern auf Sonnenaufgänge morgens um vier im Juni und habe gar nichts dagegen, die Uhr auch im Winter nicht mehr zurück zu stellen.

Kleiner Nachtrag: In Iphofen habe ich heute ein Plakat der CSU gesehen, auf dem stand: „Lieber christlich und sozial als frei und …?“ Nein, danke. Ich wäre erst einmal gern frei – zum Beispiel von solchen plumpen Bauernfängereien. Und für das ominöse „…“ kommen mir dann bestimmt ein paar gute Ideen.

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Keltische Woche

Diese Woche begann mit St. Patrick’s Day, gestern Abend hat Martina mit einer stattlichen Gruppe ihre Alltagsexerzitien mit Geschichten und Elementen aus dem keltischen Christentum begonnen. Und in einer Stunde brechen wir auf zum geistlichen Zentrum auf dem Schwanberg, wo an diesem Wochenende im Rahmen eines Symposions unter anderem Roy Searle von der Northumbria Community sprechen wird.

Und heute mittag habe ich für August zwei Tickets nach Glasgow gebucht, von dort aus geht es dann zur „Open Week“ der Iona Community.

Spannend, das alles…

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Ökomission und Ökogerechtigkeit

Während die Christen im Westen es sich leisten können, den Klimaskeptiker zu geben und vor der vermeintlichen „Ökodiktatur“ zu warnen, leben die Christen in Ozeanien täglich mit den Folgen der Veränderungen in der Atmosphäre, die wir ihnen ungebeten eingebrockt haben. Auf der Website von Lausanne International ist die theologische Arbeit zu diesem Problem dokumentiert.

Seit dem Jahr 1900 ist der Meeresspiegel um 19 cm angestiegen. Salzwasser dringt in Süßwasserreservoirs ein. Menschen verlassen ihre Heimat und verlieren ihre Kultur und Wurzeln. Viele Christen fühlen sich von Gott verlassen und deuten die Ereignisse als einen göttlichen Fluch, nicht als eine von Menschen gemachte und zu verantwortende Katastrophe. Dem setzen die Theologen aus dem südwestpazifischen Raum entgegen:

  • Im Evangelium geht es nicht nur um individuelles Heil, sondern um die ganze Schöpfung.
  • Ökomissiologie hat es mit der Schöpfung zu tun, weil Gott uns mit und nicht von der Welt rettet.
  • Ökomissiologie ist eine Frage der Ökogerechtigkeit, weil die Armen der Welt unter den Umweltschäden am meisten leiden.
  • Sie schließt eine Ökospiritualität ein, eine neue Wahrnehmung der Schöpfung, und erkennt die Sorge um die Schöpfung als einen eigenständigen Aspekt und eine Form von Mission an.

Vielleicht finden diese Gedanken (und die praktischen Folgerungen, etwa für Missions- und Hilfsorganisationen) auch in unseren Breiten bald Gehör. Vor allem bei jenen, die solche Themen bisher nicht unter Mission (und damit nicht als den eigentlichen Auftrag von Kirche) subsumiert haben und lieber weiterhin bloß „Seelen retten“ wollen.

Inzwischen verstreicht wertvolle Zeit: In der EU stehen demnächst wichtige Entscheidungen zur Energie- und Klimapolitik an. Die Bundesregierung hat die ohnehin schon bescheidenen Ziele aus dem Koalitionsvertrag weiter aufgeweicht. Dabei würde eine Beschleunigung der Energiewende die Kosten senken und käme mit weniger umstrittenen Stromtrassen aus, wie Greenpeace heute vorgerechnet hat.

 

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Dann halt nochmal…

Gestern nach dem Gottesdienst sprach mich eine Frau aus der Gemeinde an. Bekannte hatten ihr gesagt, ich hätte – anders als früher – in Kaum zu fassen geschrieben, dass „alle in den Himmel kommen“.

Die Wahrheit ist: Ich habe das früher nicht behauptet und behaupte es auch jetzt nicht. Was ich tatsächlich über viele Jahre ziemlich konstant sage, sind zwei Dinge, in denen ich mit der Fragestellerin auch sofort einig war:

Erstens ist es nicht meine Aufgabe, Urteile und Prognosen darüber abzugeben, wer „in den Himmel kommt“ und wer nicht. Meine Aufgabe ist es, niemanden abzuschreiben und für jeden Menschen zu hoffen. Dafür gibt es jede Menge biblische Anhaltspunkte und gute Vorbilder.

Zweitens ist es nicht die zentrale Fragestellung des Evangeliums, wie und wofür Menschen „in den Himmel kommen“, wenn sie sterben. Für Jesus dreht sich alles darum, wie Gottes Reich in die Welt kommt, oder in den klassischen Begriffen ausgedrückt: wie der Himmel auf die Erde kommt.

Damit bin ich theologisch und praktisch auch ganz gut ausgelastet.

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Kleine Worte klauben

Einmal ist mir in der heutigen Predigt doch das Wort „Liebe“ herausgerutscht. Das liegt daran, dass ich kein Volltextprediger bin, sondern lieber möglichst frei rede. Heute war der Redefluss etwas gebremst durch den Vorsatz, auf die 49 „großen Worte“ zu verzichten, die das Zentrum für Predigtkultur auf den temporären Index gesetzt hat. Eine großartige Idee und eine kreative Zumutung.

Bei der Vorbereitung war die Postkarte mit den überstrapazierten Substantiven immer auf dem Schreibtisch gelegen und hin und wieder musste ich meine Notizen korrigieren, weil ich entdeckte, dass etwa „Messias“ auch drauf stand. Rückblickend wäre ich dankbar gewesen, wenn „Jesus“ nicht auf der Liste gewesen wäre. Immerhin ist das ja ein Name – trotz aller missglückten Aussagen, die man mit ihm immer auch verbinden kann. Die Umschreibungen (von ihm gar nicht zu reden, kommt nicht in Frage) fallen, wenn sie verständlich sein sollen, auch nicht immer elegant aus; meine jedenfalls…

Wie auch immer – in 14 Tagen werde ich es wieder versuchen. Vielleicht ist es dann schon ein bisschen selbstverständlicher.

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Im Hier und Jazz

Ist das eigentlich ein besorgniserregend, dass ich das Philosophie-Magazin spannender finde als die meisten frommen Zeitschriften, die auf meinen Schreibtisch flattern? Vielleicht liegt es aber auch nur an solchen Beiträgen wie dem von Michael Hampe, der sich mit dem Selbstverständnis seiner Zunft als „Wissenschaft“ mit standardisierter Methodik und verwertbaren Ergebnissen auseinandersetzt, um dann auf Sokrates zu sprechen zu kommen und einen ganz anderen Ansatz ins Auge zu fassen, der im Übrigen auch der Theologie gut zu Gesicht stünde:

Für Sokrates gleich das Führen eines Gesprächs eher dem Musizieren. Da wird mit Begriffen gespielt, werden mögliche Bedeutungen variiert und ausgetestet. Und auch eine Jazzband variiert ihr Thema nicht, um herauszufinden, wie man es „richtig“ spielt. Wer das glaubt, zeigt damit an, dass er nicht versteht, was Jazz ist. Genauso versteht man ein sokratisches Gespräch nicht, wenn man fragt: Und, wer hat denn nun Recht gehabt? Es geht bei dieser Tätigkeit nicht darum, ein Problem endgültig zu lösen oder zu einer unzweifelhaften Behauptung vorzustoßen, sondern um die Erfahrung eines Spielraums im Umgang mit Begriffen, die das Leben prägen.

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