Pflichtlektüre

Der Pustet-Verlag in Regensburg hat Walter Winks († 2012) kleines Buch The Powers That Be auf Deutsch herausgebracht unter dem Titel Verwandlung der Mächte. Eine Theologie der Gewaltfreiheit.

Es ist eines der wenigen Bücher, von denen ich sagen würde, die sollten zumindest jede Theologin und jeder Theologe gelesen und verarbeitet haben. In der Einleitung bringt es Wink schön auf den Punkt, worum es geht: Viele der Schwierigkeiten und Fehlschläge, die wir uns selbst oder anderen anlasten, sind nicht einfach nur auf individuelles Versagen zurückzuführen, sondern auf die innere Dynamik der Institutionen, die unser Leben regeln. Es geht auch nicht nur technisch um bessere und gerechtere Strukturen, sondern darum, dass da eine spirituelle Dimension enthalten ist, die es zu erkennen und zu berücksichtigen gilt, wenn man echte Veränderung anstrebt:

Im Zentrum handfester Institutionen der Gesellschaft entdecken wir etwas Geistiges. IBM und General Motors haben jeweils eine eigene Spiritualität, genauso die Liga für die Ausbreitung des Atheismus. […] Auch die Vordenker der neuen Physik sind, nachdem sie durch den Materialismus hindurch gestoßen sind, in einer Welt der Geist-Materie angekommen. So können auch wir das ganze gesellschaftliche Unternehmen der menschlichen Spezies unter den beiden Aspekten von Geist und Materie sehen. Wir stehen auf der Schwelle der Wiederentdeckung der Seele im Innersten eines jeglichen Geschöpfes. Es gibt nichts, von der DNA bis hin zu den Vereinten Nationen, das nicht Gott in seinem Innersten hat. Alles hat einen spirituellen Aspekt. Alles ist Gott gegenüber verantwortlich.

Vom Weltbild her liegt das nahe an dem, was etwa Patrick Spät in Der Mensch lebt nicht vom Hirn allein darlegt, aber Wink fragt nun weiter, wie diese Einsicht nun fruchtbar gemacht werden kann im Ringen um eine gerechte und menschliche Gesellschaft, in kirchlichen und politischen – also institutionellen – Veränderungsprozessen und was das für die Spiritualität bedeutet, die wir leben und anderen vermitteln wollen.

Fragt man sich etwa aktuell, warum das TTIP-Abkommen zustande kommen könnte, dessen Geist den Sieg des internationalen Kapitals über die nationalen Demokratien bedeuten würde, so dass selbst die Zeit nur noch den Begriff „satanisch“ dafür findet, dann lässt sich das Geschehen und seine potenzielle Wirkung in den Kategorien von „Mächten und Gewalten“ und deren Hang zum Götzendienst offenbar besser fassen als in der Sprache der Ökonomen und Juristen.

Jetzt, wo die Textgrundlage für alle verfügbar ist, wäre eigentlich eine theologische Konferenz oder ein Symposium über Wink und seine Anstöße fällig. Vielleicht kommt da ja noch etwas von den Herausgebern…?

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Aufgeklärter Opfer-Kult

Richard Sennett macht sich in seinem Buch Autorität Gedanken über allerlei merkwürdige Machtverhältnisse unter Menschen und die Vorstellungen, die ihnen zugrunde liegen. Dabei wirft er eine Reihe interessanter Fragen auf, zum Beispiel die nach der moralischen Bedeutung der Opfer:

Nie war der Status des Opfers höher als heute, und nie barg er größere Gefahren in sich. In der christlichen Theologie war Christus das Opfer der Menschen, aber er wurde durch sein Leiden nicht erhöht. […] Auch die Armen dieser Welt sind für die christliche Theologie keine Helden; sie leiden, und sie werden erlöst werden. Ihre Unterdrücker sind keine Ungeheuer, sondern Menschen. Diese christliche Vorstellung vom nichtheroischen Opfer verblasst im Zeitalter der Aufklärung, und es tritt eine neues Bild vom Leidenden an ihre Stelle. Leidensfähigkeit wird zu einem Zeichen von Mut; die Massen werden heroisch; ihr Leiden wird zum Maßstab sozialer Ungerechtigkeit. Ihre Unterdrücker haben kein Mitleid verdient, jenes Mitleid, dass nach christlicher Auffassung die ganze aus dem Zustand der Gnade gefallene Menschheit verdient hat; die irdischen Unterdrücker sind nur noch Feinde, die es zu vernichten gilt.

[…] Noch weitere Verbreitung fand die in der romantischen Ära entstandene und bis heute fortwirkende Vorstellung, dass der Mensch moralisch nur dann legitimiert sei, wenn er leide. Letztlich rührt die Legitimität, die das Leiden gewährt, aus einer Verletzung, die dem Menschen von einem anderen oder von »der Umwelt« zugefügt wurde.

 

[…] Die Erhöhung des Opfers entwertet das gewöhnliche bürgerliche Leben. »Wenn man bedenkt, wie sie in Harlem leben…« – aber wir leben nicht in Harlem. Die bürgerliche Moral wird zur Stellvertretermoral; das Bürgertum tritt für die Sache der Unterdrückten ein, macht sich zum Sprecher derer, die nicht selbst sprechen können. Die Unterdrückten in dieser Weise zu missbrauchen, um den eigenen moralischen Bestrebungen einen Sinn zu geben, ist unaufrichtig. Selbst wer das Handeln eines Saint-Just ablehnt, der sich das Leiden der unglücklichen Massen als Vorwand für sein Machtstreben zunutze machte, begeht im Grunde die gleiche Sünde, wenn er die Unterdrückten als »Vorbilder« hinstellt, als Menschen, die es »wirklich« mit dem Leben zu tun haben, deren Dasein »substanzieller« ist als das eigene. Das ist psychologischer Kannibalismus.

Das ganze führt schließlich dazu, dass sich Menschen immer intensiver mit den eigenen Verletzungen befassen und dem, was ihnen vorenthalten wurde, um der eigenen Stimme dadurch Gewicht zu verleihen, also von anderen ernst genommen zu werden.

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Die Wende vor dem Ende

Die christliche Kirche hat ihren tiefsten Sinn, der sie von der jüdischen Gemeinde  u n d  dem kommenden Reiche abhebt, eben darin, dass in ihr die Gaben des Reiches schon da sind, ohne dass das Reich selbst, die verwandelte Erde und die Herrschaft Gottes auf ihr, schon da wären. Die Geistbegabung ist also die Vorwegnahme eines endzeitlichen Ereignisses … und weist so immerzu auf das Reich hin!

[…] Es ist an Ostern und Pfingsten eine Wende vollzogen, die schon vor der letzten Ankunft Christi Entscheidendes erkennbar werden lässt. Die Gemeinde Jesu ist nicht in dem Sinne die Fortsetzung der jüdischen Gemeinde, dass auch sie nur in der Enderwartung stünde, nur gestärkt durch einen neuen Zeugen, nur erneuert im alten Glauben. Sie ist „neue“, das heißt aber schon mit einem Fuß auf Reichsboden stehende Gemeinde dadurch, dass sie die Gabe des neuen Aeons, den Geist, besitzt.

Ernst Gaugler, Der Brief an die Römer, Band I, Zürich 1958, 255ff.

 

 

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Moltmann zur Barmer Erklärung

Jürgen Moltmann hat bei einem Studientag von Landessynode und Landeskirchenrat der ELKB 80 Jahre nach der Barmer Theologischen Erklärung einen bemerkenswerten Vortrag gehalten. Er rekapituliert die Entstehung der bekennenden Kirche und fragt von da aus kritisch, inwiefern die evangelischen Kirchen im Westen nach dem Zweiten Weltkrieg mehr auf die Restauration des Alten setzten und dabei das Erbe der bekennenden Kirche vernachlässigten, und inwiefern sich dieses Muster nach 1989 noch einmal wiederholte.

Deutlich und unverblümt spricht er sich am Ende seiner Rede für eine basisorientierte Gemeindekirche aus, die ihre Gemeinden nicht als „Ortsverein der Landeskirche“ betrachtet, und die statt auf Versorgung und immer professionellere religiöse Dienstleistung lieber auf aktive Beteiligung und Mündigkeit der einzelnen Christen setzt. Was vor 80 Jahren die Bedrohung durch den totalitären Staat war, das ist für ihn heute die totale Ökonomisierung.

Wer wenig Zeit hat und mit der Geschichte vertraut ist, kann die letzten zehn Minuten anhören. Für alle anderen ist das gesamte Video wirklich gut investierte Zeit!

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Sexuelle Vielfalt verstehen

Die FAU Erlangen-Nürnberg befasst sich in der Ringvorlesung dieses Sommersemesters mit dem Thema Sexuelle Selbstbestimmung und geschlechtliche Vielfalt. Ein Thema, das im universitären Alltag selten erscheint, wird hier interdisziplinär bearbeitet: Sozialwissenschaftliche, medizinische, juristische, religiöse, künstlerische und pädagogische Perspektiven befruchten einander dabei.

Ich habe an ein paar Vorlesungen teilnehmen können und fand das jedes Mal sehr bereichernd und anregend. Für alle, die nicht kommen konnten, gibt es gute Nachrichten: Einige Veranstaltungen sind inzwischen auch im Videoportal der FAU abrufbar, darunter auch das theologische Gespräch zwischen den Professoren Bubmann und Dabrock, in dem die beiden das Spannungsfeld von Ethik und Kirchenpolitik etwas ausleuchten.

Demnächst dürfte die gestrige Veranstaltung über Aufklärung und Diskriminierung an Schulen, Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften und staatliche Vorgaben dazu kommen.

Ein Highlight steht noch aus: Kommenden Mittwoch spricht Prof. Heiner Bielefeldt vom Lehrstuhl für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik der FAU über „Sexuelle Selbstbestimmung als Menschenrecht“.

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Wer ist gemeint?

Spitzenpolitiker treten gern als fürsorgliche „Kümmerer“ auf, stellt Richard Sennett fest. Das Muster kommt mir irgendwie bekannt vor:

… wir [lernen] zur zeit eine höchst eigenartige Spielart des Paternalismus kennen: den politischen Führer, der gleichsam über die Köpfe der Bürokratie hinweg, seine Hand ausstreckt, um einen persönlichen Kontakt zum Volk herzustellen. Das Regierungssystem, an dessen Spitze er steht, wird zum gemeinsamen Gegner des Volkes und des Präsidenten. Der politische Führer wird sich ganz persönlich um das Volk kümmern, wie es der anonyme Apparat nicht kann.

[…] Der politische Führer regiert, doch der Verantwortung für die Staatsmaschine, die Regierungsbürokratie, ist er enthoben. Das mag schlau sein, aber es ist auch gefährlich.

Die Gefahr betrifft einerseits den Politiker selbst, der für das Scheitern seiner Politik nun in den Augen des Volkes persönlich haftet. Sie betrifft aber auch die Demokratie an sich, denn durch diese elterliche Pose wird der Bürger scheinbar wohlmeinend und für ihn auch bequem entmündigt. Lässt er sich darauf ein, dann wird er irgendwann feststellen, dass es die Motivation des Amtsträgers keineswegs so selbstlos war, wie es den Anschein hatte. Und die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen einem seriösen Kandidaten vertrauen, der keine falschen Assoziationen benutzt und keine überzogenen Erwartungen weckt, nimmt nach solchen Enttäuschungen auch kontinuierlich ab.

Sennett hat das übrigens schon 1980 geschrieben. Da war Horst Seehofer gerade 31 (und Angela Merkel erst 26) Jahre alt. Den kann er also wirklich nicht gemeint haben. Nur falls das jemand vermutet hätte…

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Viel Lärm um fast nichts

Die Nachricht stand ganz oben in den Portalen: Die USA wollen die Emissionen aus Kohlekraftwerken bis 2030 um 30% senken. Aber wie immer muss man das Kleingedruckte lesen, bevor man sich freut. Dass die Amerikaner sich Ziele setzen, ist ja nicht selbstverständlich, und vielleicht liegt der Wert dieser Nachricht eher darin, dass sie es nun doch tun. Vielleicht jedenfalls.

Das Ziel an sich gibt nämlich keinen Anlass zum Jubel: Die Kohlekraftwerke verursachen 30% des Kohlendioxidausstoßes der USA, davon sollen 30% reduziert werden, aber diese 30% sind nicht vom heutigen Stand aus gerechnet, sondern am Ausstoß des Jahres 2005 bemessen, wie zu hören war. Seither sind schon rund 15% geschafft, es folgen also in 16 Jahren noch einmal 15%.

Die ganze Aktion macht unter dem Strich gerade mal 4,5% aus. Und dagegen laufen jetzt Republikaner und Kohlelobby Sturm. Wenn die SZ diese Senkung als „drastisch“ bezeichnet, dann hatte der Redakteur wohl gerade seinen Taschenrechner verlegt.

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Früher war alles besser…

Mit der Industrialisierung, schreibt Richard Sennett in Autorität, wurde die alte Sozialordnung zerstört zugunsten einer neuen. Aber das Alte lebte als Ideal weiter, das zunehmend verklärt wurde, und es war damit nicht weniger wirksam:

Überall sammelte man im 19. Jahrhundert die Bruchstücke des alten Lebens, das der Kapitalismus zerstörte, und hortete sie – Dinge, die höchst verletzlich und darum um so wertvoller waren, zu zart und empfindlich, um den Ansturm des materiellen Fortschritts zu überstehen. So wie man das Dorf als Muster der Lebensgemeinschaft idealisierte, so idealisierte man auch die stabile Familie, in der die Angehörigen der jüngeren Generationen ihre Plätze in der von Sitte und Brauch vorgeschriebenen Reihenfolge einnahmen, und sah in ihr einen Hort der Tugend. Dass diese Familie, sofern es sie gegeben hatte, für ihre jüngeren Mitglieder oft von einer erstickenden Enge gewesen war, wie es Rousseau und Goethe – jeder auf seine Weise – im Jahrhundert davor dargestellt haben, wollte man nicht wahrhaben.

Ganz ähnlich funktioniert das heute immer noch – nun ist es die Verklärung des Familienbildes der 50er Jahre, der intakten Kirchenstrukturen der Nachkriegszeit oder ganz aktuell der Ära der Nationalstaaten, die im Zuge der Globalisierung ihre Bedeutung allmählich verlieren. Der AfD attestierte ein Kommentator letzte Woche denn auch die „Sehnsucht nach einem besseren Früher, das es nie gab“.

Problematisch sind solche Ideale, sagt Sennett, weil sie oft von Personen und Bewegungen aufgegriffen werden, die ganz andere Ziele verfolgen. Im 19. Jahrhundert entstand ein fürsorglicher, paternalistischer Kapitalismus, dessen Vertreter (z.B. George Pullman) nicht nur die Arbeit, sondern auch das Privatleben ihrer Beschäftigten dann nach ihren – keineswegs uneigennützigen – Vorstellungen beeinflussten.

Vielleicht lässt sich ja doch aus der Vergangenheit lernen…?

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Das Dilemma der Autorität

Wenn man den Erfolg populistischer Parteien im Europawahlkampf betrachtet, oder über die Macht autoritärer Politiker wie Erdogan und Putin rätselt, dann ist Richard Sennett eine gute Adresse. Sein Buch „Autorität“ erschien schon 1980, aber es scheint mir aktueller denn je, wie der folgende Ausschnitt zeigt:

Heutzutage besteht das Dilemma der Autorität, die eigentümliche Furcht, die sie uns einflößt, nämlich darin, dass wir uns zu starken Gestalten hingezogen fühlen, die wir nicht für legitim halten. Diese Anziehungskraft ist kein spezifisches Merkmal unserer Zeit. Die mittleren Kreise von Dantes Inferno sind von jenen bevölkert, die Gott liebten und doch dem Satan folgten; aber sie waren Sünder, die zu ihren Lebzeiten gegen die Regeln der Gesellschaft verstießen. Eigentümlich für unsere Zeit ist, dass die formell legitimen Mächte in den dominierenden Institutionen bei denen, die ihnen unterworfen sind, einen nachhaltigen Eindruck von Illegitimität hervorrufen. Und dennoch verwandeln sich diese Mächte in Bilder menschlicher Stärke: in Bilder von Autoritäten, die über Selbstsicherheit und ein überlegenes Urteilsvermögen verfügen, die andere einer moralischen Disziplin unterwerfen und ihnen Furcht einflößen. Diese Autoritäten ziehen andere in ihren Bann, sie wie die Flamme den widerstrebenden Nachtfalter. Eine Autorität ohne Legitimität, die gerade durch das Misstrauen und die Unzufriedenheit zwischen den Menschen zusammengehalten wird – diese merkwürdige Situation können wir nur begreifen, wenn wir verstehen, wie wir verstehen.

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Papst Franziskus und der „naive“ Gott

Als Papst Franziskus letzte Woche die Gedenkstätte Yad Vashem besuchte, sagte er unter anderem den folgenden bemerkenswerten Satz:

The Father knew the risk of freedom; he knew that his children could be lost… yet perhaps not even the Father could imagine so great a fall, so profound an abyss!

Ist sogar Gott selbst erschüttert über das exzessive Ausmaß menschlicher Grausamkeit und Zerstörung, das im Holocaust so unübersehbar wird?

Dieses Gottesbild steht nicht nur in einem bemerkenswerten Kontrast zu den Vorstellungen von absoluter Macht und Wissen, die ultrakonservative katholische Kritiker des Papstes kennzeichnen, sondern auch zu manchen protestantischen Vorstellungen von einem abgebrühten, achselzuckenden Gott, der den Menschen schon immer alles erdenklich Böse zugetraut hat und deswegen eigentlich von gar keiner Brutalität mehr überrascht und erschüttert wird.

Doch in seiner Meditation über „Adam, wo bist du?“ nimmt der Papst die Spannung in der Erzählung von Sündenfall ernst (Gottes Erstaunen wäre andernfalls ja nur gespielt). Mit der Frage nach dem Erstaunen und Entsetzen Gottes steht er auch dem Gottesbild der Propheten bis hin zu Jesus näher als metaphysischen Abstraktionen.

Sich Gott zum Vorbild zu nehmen hieße dann, anderen nicht immer schon das Schlimmste zu unterstellen, auch auf die Gefahr hin, böse Überraschungen zu erleben. Wenn man Frieden stiften und versöhnen möchte in dieser Welt, geht das vermutlich nur so.

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Wertediskussionen

Immer wieder mal bekomme ich Post von Christen, die mit großem Eifer „Werte“ proklamieren. Häufig entsteht dabei der Eindruck, dass andere Menschen gar keine Werte mehr hätten – die traditionalistische These vom „Werteverfall“. Im Blick auf den Europawahlkampf spricht die SZ von der „Sehnsucht nach einem besseren Früher, das es in Wirklichkeit nie gab.“

Werte haben die anderen nämlich durchaus, nur eben andere. Es hat vielmehr ein Wertewandel stattgefunden: Homosexuelle kommen nicht mehr in den Knast, Frauen brauchen die Zustimmung ihres Ehemanns nicht mehr, wenn sie einen Arbeitsvertrag unterschreiben, umgekehrt dürfen Träger eines politischen Amtes ihren Angehörigen und Amigos längst nicht mehr so viele Gefälligkeiten erweisen wie früher, und immer mehr Lebensbereiche (von der Bildung bis zur Liebe) unterliegen den „Gesetzen“ des Marktes – um nur einmal ein paar Beispiele zu nennen und an die Ambivalenz dieses Wandels zu erinnern.

Es entbehrt vielleicht nicht einer gewissen Ironie, dass der Begriff „Werte“ ausgerechnet durch Friedrich Nietzsches Moralkritik in die Philosophie eingeführt wurde. Bis dahin beschäftigten sich vor allem die Ökonomen mit Werten. Nietzsche forderte damals ganz unbescheiden die „Umwertung aller Werte“. Nietzsche war also auch überzeugt davon, dass ein Werteverfall stattgefunden hatte, der unbedingt rückgängig gemacht werden muss.

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20 Jahre nach „Toronto“

In einem Gespräch mit Studierenden an der Augustana-Hochschule, die an der Vorlesung Charismatische Bewegung, Fundamentalismus und Esoterik von Prof. Dieter Becker teilnehmen, kamen wir letzte Woche auf den „Torontosegen“. Das ist ja nun genau 20 Jahre her und die Nachfrage hat ein paar Erinnerungen zurückgebracht.

Manche Phänomene, die in den Berichten oft im Vordergrund standen, haben die einen verschreckt und die anderen fasziniert. Das lenkt aber auch vom Wesentlichen ab. Viel interessanter als die Frage, wie jemand auf dem Boden landete, ist die, was dort mit ihm geschah. Wenn also irgendein ausgepowerter Pastor endlich mal eine Stunde ruhen kann, ohne dass jemand etwas von ihm will, dann ist das gut. Wenn dann unterdrückte Gefühle – Trauer, Verzweiflung, Freude, Dankbarkeit – sich melden, auch.

War da manches überdreht und albern? Natürlich, aber eben auch nicht alles. Der eigentlich problematische Aspekt liegt für mich auf einer anderen Ebene:„Toronto“ war von Beginn an auch ein globales Medienereignis, das Pilgerströme auslöste. Wie schon anno 1906 schwang die Erwartung einer großen Welle mit, eines weltweiten Aufbruchs, sprunghaften Gemeindewachstums, eines triumphalen Dominoeffekts. Erst dieser eschatologisch aufgeladene Erwartungshorizont löste die Welle aus, nicht die mystischen Erfahrungen an sich. Und damit wurde den Pilgern die schwere Last einer Erwartung aufgebürdet, die sie, wie sich zeigte, nicht einlösen konnten. Als die Euphorie verflogen war – viele bemühten sich lange und intensiv, die Welle am Laufen zu halten –, war die Ernüchterung mancherorts um so größer. Das Grundproblem war die Verzweckung geistlicher Erfahrungen.

Zur Ruhe kommen, Gefühle zulassen, das sind wichtige Erfahrungen. Statt sich hinzustellen, um dann vielleicht umzufallen, kann man sich freilich auch gleich hinlegen oder -setzen. Wenn man dabei allerdings auf ein bestimmtes Resultat fixiert ist – ein bestimmtes Gefühl, einen „geistlichen Durchbruch“ oder weltweite Erweckung – dann kann das zum mühsamen Krampf werden.

Der Geist Gottes ist an keinen bestimmten Ort gebunden. Und doch hilft manchen Menschen zu manchen Zeiten ein Ortswechsel, innerlich frei zu werden. Man braucht im Grunde auch keine anderen Menschen, keinen Gesang und andere Stimuli um sich herum. Aber manchen hilft auch das. So wie viele von uns Geld für ein Fitnesstudio bezahlen, weil sie wissen, dass sie selbst nicht (oder nicht oft genug) die Disziplin aufbringen, laufen, radfahren oder schwimmen zu gehen.

Henri Nouwen hat einmal geschrieben: „Im geistlichen Leben bedeutet Disziplin, einen Raum zu schaffen, wo etwas passieren kann, das du nicht schon geplant und mit dem du nicht gerechnet hast.“ Neben der Disziplin (ich nehme mir bewusst Zeit) steckt darin auch eine positive Absichtslosigkeit: Ich bin offen und bereit, mich auf das einzulassen, was jetzt tatsächlich passiert. Matthias Drobinski schrieb passend dazu diese Woche in der SZ:

Wer meditiert und sich ins Gebet versenkt, entkommt dem Zweck und findet den Sinn. Der Gläubige kann sich in seinen Nöten und Ausweglosigkeiten vor seinen Gott werfen und den Fall an die höchste Instanz abgeben: Mach du was draus. Das ist zwecklos, aber nicht sinnlos.

Zeit vor und mit Gott hat, wie jede Liebe und jede Freundschaft, ihren Wert aus sich selbst. In diesem Sinne: „Komm, heiliger Geist!“.

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Unbequeme Erinnerung

Es gibt Tage, da kann man in aller Demut stolz sein auf unsere Demokratie. Seit vorgestern gehört dazu: Navid Kermanis Rede zum 65. Jahrestages des Grundgesetzes, die mit folgender Passage für Aufsehen gesorgt hat (vor allem natürlich bei den Kräften, die damals für die „Verstümmelung“ des Textes verantwortlich waren):

Wir können das Grundgesetz nicht feiern, ohne an die Verstümmelungen zu erinnern, die ihm hier und dort zugefügt worden sind. Auch im Vergleich mit den Verfassungen anderer Länder wurde der Wortlaut ungewöhnlich häufig verändert, und es gibt nur wenige Eingriffe, die dem Text gutgetan haben. Was der Parlamentarische Rat bewußt im Allgemeinen und Übergeordneten beließ, hat der Bundestag bisweilen mit detaillierten Regelungen befrachtet. Nicht nur sprachlich am schwersten wiegt die Entstellung des Artikels 16. Ausgerechnet das Grundgesetz, in dem Deutschland seine Offenheit auf ewig festgeschrieben zu haben schien, sperrt heute diejenigen aus, die auf unsere Offenheit am dringlichsten angewiesen sind: die politisch Verfolgten. Ein wundervoll bündiger Satz – „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht“ – geriet 1993 zu einer monströsen Verordnung aus 275 Wörtern, die wüst aufeinander gestapelt und fest ineinander verschachtelt wurden, nur um eines zu verbergen: daß Deutschland das Asyl als ein Grundrecht praktisch abgeschafft hat. Muß man tatsächlich daran erinnern, daß auch Willy Brandt, nach dem heute die Straße vor dem Bundeskanzleramt benannt ist, ein Flüchtling war, ein Asylant?

Heute war Europawahl. Ob Kermanis Appell gegen die Abschottung Früchte getragen hat?

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Morgengebet

Thanks to Thee, God,

Who brought’st me from yesterday

To the beginning of to-day,

Everlasting joy

To earn for my soul

With good intent.

And for every gift of peace

Thou bestowest on me,

My thoughts, my words,

My deeds, my desires

I dedicate to Thee.

I supplicate Thee,

I beseech Thee,

To keep me from offence,

And to shield me to-night,

For the sake of Thy wounds

With Thine offering of grace.

aus den Carmina Gadelica

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Nervige Gottesdienste (4): Gottes großer Garten

(hier geht es zu Teil 1, Teil 2 und Teil 3)

Von Immunisierung war die Rede: Wir leben in einer abgestumpften Welt. Täglich werden wir mit Katastrophenmeldungen aus aller Welt bombardiert. Diese ständige Begleitmusik kann sensible und verantwortungsbewusste Menschen in die Erschöpfungsdepression stürzen. Bei vielen bewirkt sie aber auch genau das Gegenteil, nämlich eine resignative Teilnahmslosigkeit und ein Desinteresse an der Frage nach den Hintergründen und Ursachen gewaltsamer Konflikte, sozialer Ungleichheit oder des ökologischen Raubbaus, in die wir verstrickt sind, und die uns auch dann etwas angehen, wenn wir nicht überall anpacken können, wo gerade Hilfe gebraucht wird.

Welch ein Glücksfall also, wenn uns prophetische Stimmen stören und aufrütteln: „Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den Ihr um Euer Herz gelegt“, hieß es in einem Flugblatt der Weißen Rose. Eine solche Kritik lässt sich freilich kaum ritualisieren und zum festen Bestandteil unserer mehr oder weniger formellen Liturgie umfunktionieren, sie muss je nach Situation stören und unterbrechen. Wir können allerdings darum bitten, dass solche Störungen geschehen.

Und dann es gibt es ja auch noch das: Ab und zu mutet die Perikopenordnung des Kirchenjahres uns einen sperrigen Text zu, an dem wir uns reiben können. Manchmal greift eine mutige Predigt den Anstoß auf. Das riskante Wagnis der Stille trägt dazu bei, dass wir unsere Selbsttäuschungen erkennen. Und gelegentlich findet man auch Lieder, die uns den Blick auf eine leidende Welt offen halten, zum Beispiel dieser Text der schottischen Pfarrerin Kathy Galloway aus dem Liederbuch der Iona Community:

Zieh dich nicht zurück in deine private Welt

jenen Ort der Sicherheit, geborgen vor dem Sturm

wo du deinen Garten pflegst und deine Seele suchst

und mit deinen Lieben am warmen Feuer ruhst.

Einen Garten zu pflegen ist etwa Kostbares

aber noch wertvoller ist der, den alle betreten dürfen

das Unkraut von Gift, Armut und Krieg

verlangt nach Deiner Aufmerksamkeit, wenn die Erde dein Zuhause ist.

Wir brauchen es also nicht ausschließlich den Propheten zu überlassen, uns immer wieder daran zu erinnern, dass wir in der Begegnung mit Gott nicht nur die Freude, sondern auch seinen Schmerz teilen, und dass wir dieser Begegnung mit seinem Schmerz nicht ausweichen können, wenn es uns um eine echte und tiefe Beziehung zu ihm geht.

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Die Lobpreis-Traditionen sind ja vergleichsweise jung. Vielleicht steckt ja noch Entwicklungspotenzial darin. Ich frage mich seit einigen Monaten, ob wir nicht über eine Erweiterung des Repertoires an Metaphern, Begriffen, theologischen Konzepten nachdenken müssten, die uns dabei helfen, Gottes und unseren Bezug zur Welt stärker in den Blick nehmen. Die Dank und Klage, Freude und Trauer, reines Herz und Hunger nach Gerechtigkeit verbinden. So dass am Ende alle den Gottesdienst verlassen, um draußen in der Stadt wie Mutter Theresas Schwestern zu schauen, wie Jesus sich heute wohl wieder verkleidet hat.

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