Ich kapier’s nicht…

In den letzten Tagen wurde mehr als genug über den Amoklauf im Carolinum in Ansbach berichtet. Bei mehreren Online-Berichten war auch gleich eine Galerie der Amok-Historie seit Columbine angefügt – der ganze Rattenschwanz.

Und das, bitteschön, verstehe ich nicht: Wenn wir doch inzwischen alle wissen, dass Medienberichte Nachahmer inspirieren, warum machen wir die Täter durch eine solche Litanei quasi unsterblich?

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Jetzt isses raus…

ZeitGeist 2 ist seit gestern auf dem Markt – nur Amazon muss den Status offenbar noch in „lieferbar“ ändern. Im zweiten Band wird sichtbar, was bei Emergent Deutschland und unseren Freunden in den letzten beiden Jahren weiter gegangen ist. Die Beiträge sind insgesamt noch reifer und durchdachter, und es ist alles Deutsch, nicht nur von der Sprache her…

Zum Thema „Emergenz“ habe ich ja gestern schon ein paar Gedanken gepostet. Warum wir auch dem Thema „Postmoderne“ dran bleiben müssen, dazu habe ich heute im Epilog der Dissertation von Matthias Schnell-Heisch aus dem Jahr das folgende Fazit gelesen. Er beschreibt unser Anliegen ganz treffend, finde ich:

Eine bleibende Herausforderung der Postmoderne-Diskussion besteht darin, daß in der Theologie und in den Kirchen intensiver als bisher darüber nachgedacht werden müßte, mit welchen strukturellen Veränderungen Theologie und Kirche auf die veränderten Rahmenbedingung der »Postmoderne« reagieren können. Dies erscheint besonders vor dem Hintergrund der zu beobachtenden Informatisierungs- und Globalisierungstendenzen (den Migrationsbewegungen, der zunehmenden Mediatisierung etc.) dringlich, die auch für Theologie und Kirche Herausforderungen mit sich bringen, mit denen sie bisher nicht konfrontiert waren.

In diesem Sinne: Viel Spaß beim Lesen, Diskutieren, Kritisieren, Ausprobieren und was Euch sonst noch dazu einfällt. Den Inhalt gibt es hier zu sehen.

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Entlastet!

Heute ging eine kleine Ära meines Lebens ihrem Ende entgegen. Nach 13 Jahren als Vorsitzender – immerhin fast ein Drittel meines Lebens – habe ich die Leitung des Alpha Deutschland e.V. heute abgegeben.

Eigentlich hatte ich schon viel eher vor, diesen Schritt zu gehen. Vor zwei Jahren jedoch kamen wir ins Gespräch über die Frage, ob es eine kontextualisierte Fassung des Kursmaterials für deutsche Verhältnisse (kirchlich wie kulturell) geben könnte. Da ich eher ein Entwicklertyp als ein Vertriebsmensch bin, stieg ich mit 20% meiner Zeit ein und wir arbeiteten mit einem kleinen, aber feinen Team an einer Neufassung. Zugleich hatten wir mit unserer Büromannschaft unter Anleitung von Paul Donders (xpand) eine sehr motivierende Neuausrichtung begonnen.

Im Winter dann kam unerwartet das „Aus“ für unser Projekt aus London. Die Vorstellungen ließen sich wider Erwarten doch nicht unter einen Hut bringen, zumal auch die Schweiz nolens volens noch mit im Boot saß. In gewisser Weise ist das eine typische Konfliktlage in einer Organisation mit klarer Zentrale und internationalen Zweigstellen, und das ist Alpha eben doch mehr als ein dezentrales Open-Source-Netzwerk. Dazu kam, dass unsere finanzielle Situation im Verein nicht rosig aussah und unsere ehrenamtlichen „Fundraiser“ nur schleppend voran kamen. Es ist aber eben doppelt belastend, wenn man einerseits als Vorstand in der Haftung ist für mögliche Defizite und zugleich als Angestellter Einschnitte unausweichlich kommen sieht.

Alpha International hat Neuwahlen des Vorstands angeregt und ich bin dankbar für die Gelegenheit, aus diesem Zwiespalt von Vorsitz und Anstellung ausscheiden zu können. Nun werde ich als (geringfügig) Angestellter in den nächsten Monaten dem neuen Vorstand noch helfen, die Weichen für eine Zukunft zu stellen, von der noch niemand genau sagen kann, wie sie aussehen wird. Aber ich kann das fröhlichen Herzens und versöhnt tun – auch deswegen, weil ich den Kopf dann wieder frei bekomme für meine Familie, Freunde und Gemeinde, für die ich im letzten Jahr nicht so viel Zeit und Aufmerksamkeit aufbringen konnte, wie ich mir das gewünscht hatte, und die mich geduldig getragen haben in dieser Zeit.

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Reformation und Emergenz

Ausgerechnet auf der IAA – im Testosteronnebel, der PS-Protze und Designstudien dort umgibt – kam ich gestern dazu, den Aufsatz meines Doktovaters Berndt Hamm über „Die Emergenz der Reformation“ zu lesen. Phyllis Tickle hatte – freilich weniger wissenschaftlich – diese Linie ja auch verfolgt. Ich kann das kleine Büchlein Die Reformation: Potentiale der Freiheit nur wärmstens empfehlen.

Hamm geht als Experte für Spätmittelalter und Reformation an das Thema Emergenz heran. In der Darstellung der Reformation gab und gibt es zwei gleichmaßen reduktionistische Grundansätze: Einerseits die Betonung des organisch-evolutionären Charakters und der Kontinuität zwischen den Luthers Erkenntnissen bzw. den Ereignissen des frühen 16. Jahrhunderts auf der einen Seite und den spannungsreichen Polaritäten spätmittelalterlicher Kultur, Frömmigkeit, Kirchenpolitik und Reformansätzen auf der anderen Seite – den prozesshaften Aspekt dieser „Transformation“. Andere betonen umso steiler den Bruch, die Diskontinuität, das Neue und (vor allem dann, wenn sie sich selbst mit dem reformatorischen Erbe identifizieren) das unbestreitbare Wirken Gottes durch Geistesgrößen und Ausnahmegestalten wie eben Luther im klaren Gegensatz zu allen menschlich-immanenten Anteilen. Zugleich wendet er sich gegen Foucaults Gedanken der seriellen Geschichtsschreibung, die einseitig Kontingenz und Diskontinuität betont.

Die Refomation als ein emergentes Geschehen zu betrachten, erlaubt es, diese Gegensätze zusammenzubringen: Einerseits war alles schon irgendwie vorhanden und vorbereitet und keiner der Reformatoren fügte der Gemengelage seiner Zeit etwas entscheidend Neues, nie Dagewesenes (oder schreibt man man „Niedagewesenes“ bzw. „nie da Gewesenes“?) hinzu. Andererseits ergab sich eben doch eine ganz neue Situation durch systemsprengende Innovation, die eben nicht im Voraus schon ableitbar oder vorauszusehen gewesen wäre:

Die Geschichte der Reformation ist eine Vernetzung und Wechselwirkung zwischen sich überlagernden Kontinuitäten von unterschiedlicher Dauer und interagierenden Sprüngen und Ereignisketten von unterschiedlicher Reichweite. Der Blick auf die modernen Emergenztheorien zeigt, dass diese Verlaufsstruktur völlig selbstverständlich und bei allen Neukonfigurationen komplexer Systeme regelhaft ist. Insofern ist die Reformation in ihrer Entstehung und ihrem Ablauf erklärbar, auch wenn sich die kontingenten Innovationssprünge selbst der Erklärbarkeit entziehen. (S. 24)

Ich fände es schade, den Begriff „emerging church“ aufzugeben (die Diskussion lief ja vor einigen Monaten ziemlich heiß), weil er entweder durch ein paar Radikale (bei Hamm wäre das Foucaults atomisierende Theorie) oder aber das Sperrfeuer der konservativen Reaktion, die in jeder Relativierung ihrer Grundsätze schon die Auflösung in die totale Gleichgültigkeit zu erkennen glaubt, angeblich verbrannt ist.

Zugleich ist es wichtig, dass man selbst für den Fall, dass heute wie damals eine (so sieht Hamm das frühe 16. Jahrhundert) „emergente Gesamtlage“ besteht, nicht einmal ansatzweise den Anspruch zu erheben, schon sagen zu können, was nun kommt. In allem Reden von einer neuen (je nach Zählung: zweiten oder dritten) Reformation liegt diese tiefe Zwiespalt, dass man die Grundsituation möglicherweise richtig erspürt, aber dann der Versuchung erliegt, ihren Ausgang nicht abzuwarten und sich aus den aktuellen Tendenzen willkürlich eine als den „Schlüssel“ herauszupicken, und sie per Projektion in die Zukunft zu verlängern. Ich wurde neulich genau das gefragt: Ob es meiner Meinung nach eine „Big Idea“ gäbe, an der die Zukunft der Kirche hängt. Mir fiel keine ein, und der Fragesteller hat sich auf diese Antwort hin auch nicht mehr gemeldet. Ich halte es da lieber mit dem provokativen Statement (während ich dies tippe, ahne ich schon die Kommentare) von Tom Peters: „In diesen stürmische Zeiten hat niemand eine Chance, der nicht gründlich verwirrt ist.“

Vielleicht war die IAA ja doch der perfekte Ort: Eine Industrie – und mit ihr eine ganze Gesellschaft – im Wandel. Verheißungsvolle Neuansätze und die geballte Macht alter Vorstellungen, Konzepte und Gewohnheiten. Ernst gemeinte Vorsätze und bloße Lippenbekenntnisse zu nachhaltiger Mobilität und das dumpfe Gefühl: was auch immer kommt, es wird ganz anders sein müssen und doch aus dem entstanden sein, was heute existiert.

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Nochmal: Lust und Versuchung :-)

Ich habe zum ersten Mal bei Daniel Goleman vom Marshmallow-Test gelesen – heute fand ich bei Ehrensenf den Link zu einem Video, das das Experiment nachstellt. Der Hintergrund ist die Frage, wie es Kindern gelingt, die Erfüllung von Wünschen zugunsten einer größeren Belohnung aufzuschieben. Der Erfinder des Tests ist Walter Mischel, und er hat Jahre später nachgehakt, um zu sehen, wie seine kleinen Probanden sich entwickelt haben. Das Ergebnis wird hier beschrieben:

Der im Alter zwischen vier und sechs Jahren absolvierte Marshmallow-Test sagte viele Eigenschaften der Kinder zehn Jahre später mit unerwarteter Genauigkeit voraus. Aus einem einzigen Messwert – Anzahl Sekunden, die ein Kind warten konnte – liess sich lesen, ob ein Kind später ausgeglichen und kooperativ war, ob es Initiative zeigte und welche Schulnoten es nach Hause brachte. Selbst als die Kinder längst erwachsen waren, liessen sich aus ihren frühen Testresultaten Selbstbewusstsein und Stressresistenz lesen.

Aber nun zum Film (und den werden alle, die von Franz Jalics verunsichert waren, ganz bestimmt theologisch korrekt finden):

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Abendmahlsliturgie

Nadia Bolz-Weber hat mir die Liturgie dagelassen, die Sie vorletzten Sonntag benutzt hatte, hier ist die Übersetzung, für alle, die es interessiert:


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Ewiger Gott,

in deiner überfließenden Liebe hast du alles geschaffen

aus Staub und Geist unsere Menschheit gewoben

auf all unseren Abwegen nie aufgehört, uns zur Fülle des Lebens zu rufen

Du gabst uns Jesus, den Sohn der Maria,

das Brot des Lebens, gebrochen für die Welt

Er speiste uns und feierte mit uns

er heilte uns und litt für uns

sein Sterben und Auferstehen haben uns von der Armut der Sünde befreit

und der Hungersnot des Todes

Deshalb stimmen wir mit allen, die du gemacht, bewahrt und berufen hast,

mit allen, die nach deiner Herrschaft hungern

und nicht ruhen, bis alle Kinder gespeist sind

mit den zerbrochenen Heiligen und erlösten Sündern aller Zeiten

dieses Loblied auf dich an:

Heilig, heilig, heilig…


Wir bitten, dass dein Heiliger Geist

auf uns und diese Gaben fällt

damit diese zerbrechlichen, irdischen Dinge

für uns zum Leib und Blut unseres Herrn und Bruders Jesus Christus werden

der in der Nacht, als er verraten wurde,

sich mit seinen strauchelnden Freunden versammelte

zu einem Mahl, das nach Freiheit schmeckte.

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(Einsetzungsworte)

Deswegen werden wir, wenn wir essen und trinken

mit der lebensspendenden Gegenwart Christi erfüllt

wir verkünden ihn als den Gastgeber der Schöpfung

der Armut in Überfluss verwandelt

durch die unbekümmerte Großzügigkeit seiner Gnade

Inspiriere uns zu der Hoffnung

dass es eines Tages weder Tod noch Gier mehr geben wird

und Menschen ohne Zahl kommen

von Osten und Westen, Norden und Süden

um das Mahl des Gottesreiches zu feiern.

das bitten wir durch Jesus Christus unseren Herrn,

durch ihn und mit ihm und in ihm sei dir, o Gott

in der Einheit des Heiligen Geistes

alle Ehre und Herrlichkeit

in Ewigkeit

Amen

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Falsch gerechnet

Zum Beginn der IAA und zum Ende der Abwrackprämie heute der passende Kommentar aus einem Interview, das Zeit Online mit Wolfgang Lohrbeck von Greenpeace geführt hat. Status hin oder her – ich fahre nun guten Gewissens den alten (aber sauberen) Peugeot weiter, bis alle Kinder den Führerschein und genug Praxis haben. Und wirklich saubere Autos auf dem Markt sind.

Die Abwrackprämie war eine Katastrophe. Unter dem Strich hat sie keine CO2-Entlastung gebracht. Bei der Produktion eines Autos fällt so viel CO2 an, dass der Neuwagen nur zwei bis drei Liter verbrauchen dürfte, um im Schnitt sauberer als ein Gebrauchter zu sein. Das ist nicht der Fall. Und es geht ja auch nicht nur um CO2. Für die Produktion eines neuen Autos werden zum Beispiel mehrere 100.000 Liter Wasser verbraucht.

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history repeats itself

Steve Turner hat mal lakonisch gedichtet „History repeats itself. Has to. No one listens„. Ich habe mich daran erinnert, als ich kürzlich von jemandem hörte, in dessen Gemeinde ein Ehepaar wechselte, das nicht so ganz im Frieden aus der alten Gemeinde gegangen war. Er kümmerte sich nicht darum, bis eines Tages der ganz offenbar unverarbeitete Konflikt, den sie quasi im Gepäck hatten, ihn selbst betraf.

Als ich das hörte, fiel mir sofort ein ganz ähnliches Erlebnis ein, wo ich mir im Rückblick gewünscht habe, auch die andere Seite des Konflikts gehört zu haben, der zwei Leute in unsere Gemeinde führte, und sich hier binnen einiger Monate dann maßstabsgetreu reproduzierte.

Wenn sich die Geschichte nicht wiederholen soll, dann müssen wir uns in solchen Situationen eben doch die nicht unerhebliche Mühe machen, wirklich beide Seiten zu hören und darauf zu achten, dass Dinge nicht ungeklärt und Menschen nicht unversöhnt bleiben. Das ist zwar keine Garantie für Frieden, aber wenigstens bleiben die Selbstvorwürfe aus, wenn doch etwas schief geht.

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Licht in der Finsternis

Ich bereite mich gerade vor auf meinen Kurs über Soteriologie bim IGW in Burgdorf/CH nächste Woche und lese über die verschiedenen Deutungen des Todes Jesu, da fällt mein Blick auf diese Zeilen aus der FAZ zum Münchener S-Bahn-Mord, die voller religiöser Analogien sind:

Dominik F. Brunner hat sein Leben hingegeben, um vier Kinder in der Münchner S-Bahn vor jungen Gewalttätern zu schützen. Er steht dafür, wozu der Mensch mit seinen hellsten Eigenschaften in der Lage ist – zu selbstloser Fürsorge und zu großem Mut. Dass er mit den zwei Verbrechern, die ihn auf dem S-Bahnhof im Stadtteil Solln zu Tode prügelten, auf die dunkelsten Seiten traf, zu denen Menschen auch fähig sind, ist eine Tragödie, nach der ein Gemeinwesen, das sich nicht selbst aufgeben will, nicht in die gewohnten Rituale von politischen Beschuldigungen verfallen darf.

North Foreland LighthouseVielleicht ist es nach dem Tod Jesu ja ähnlich: Die alten Rituale der Beschuldigung haben keinen Sinn mehr. Und zugleich kommt alles darauf an, dass dieser Tod nicht nur zur Kenntnis genommen wird – dankbar und mit Hochachtung – sondern dass er andere inspiriert, nun erst Recht in die Fußstapfen dessen zu treten, der hier so brutal erschlagen wurde, und dafür zu sorgen, dass Gewalt und Hass in dieser Welt überwunden werden und keine Chance mehr bekommen, sich ungehindert zu verbreiten. Wir alle ahnen ja, dass das nicht der letzte Fall dieser Art gewesen sein wird…

Was uns Christen angeht: Wir sind quasi in der Position diese vier geretteten Kinder. Diesen Tod konnten sie nicht verhindern. Aber vielleicht den nächsten. Und die Analogie geht noch weiter, denn in gewisser Weise ist Dominik F. Brunner tatsächlich auch für uns alle gestorben. Nicht als Wendepunkt der Menschheitsgeschichte, klar. Aber er hat Folgen – hoffentlich!

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Reformatorische Wochen :)

Sonntag vor einer Woche war Nadja Bolz-Weber bei uns. Wir haben einen eindrücklichen Gottesdienst mit deutsch-amerikanisch lutherischer Liturgie gefeiert und auch Nadjas Predigt (einige hatten schon danach gefragt) hat das typisch lutherische Verständnis von der Gnade Gottes, die wir so allesamt nötig haben, aber uns nicht selbst zusprechen können, ins Zentrum der Gedanken gestellt.

Gestern ging es im Rückblick darauf und aus Anlass einer Kindersegnung um die Frage der Rechtfertigung aus Glauben (missional verstanden, um mal dieses Schlagwort zu verwenden), kräftig inspiriert durch Tom Wright und seine neue Paulusperspektive – zumindest so weit, wie ich diese begriffen habe 🙂

Beides gibts im ELIA Podcast

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Einfach der Lust folgen

Franz Jaliczs über geistliche Begleitung und die wichtige (aber in Zeiten von „Schluss mit lustig“ unpopuläre) Frage, wozu jemand – zumal der pflichtbewusste Mensch – denn nun eigentlich Lust hat:

Diese innere Neigung, die wir Lust oder Freude nennen, fasst die lebenswichtigen Faktoren zusammen und zeigt die Summe der inneren Bestrebungen; deshalb können wir sie als den Ausdruck des Willens Gottes erkennen, falls sie auch die erhabeneren Wünsche einschließt und nicht nur niedrigere Empfindungen, wie die Bequemlichkeit und die Faulheit. Letzten Endes ist diese Veranlagung, die wir Lust nennen, der Ausdruck aller unserer Neigungen und Überlegungen. Ihr gehört das letzte Wort vor einem verantwortlichen Entschluss. Es ist sehr vorteilhaft, nach ihr zu fragen und ihr Bedeutsamkeit beizumessen, damit sie offenbar wird. Wozu wir Lust haben, gibt unserem Entschluss Sicherheit und verstärkt das Gefühl der Freiheit.

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Weisheit der Woche: Soteriologie und Soziologie

Immer wieder wird ja zwischen Gottes Wirken (vertikal) und menschlichen Auswirkungen (horizontal) unterschieden, aber so richtig trennen lässt sich die Soziologie von der Soteriologie (d.h. der Lehre von der Erlösung) nicht, schreibt Tom Wright im Blick auf Paulus:

… die Soteriologie selbst ist für Paulus in dieser Hinsicht „horizontal“, dass sie mit Gottes Absichten innerhalb der Geschichte zu tun hat, während die Soziologie für Paulus vertikal ist, weil die eine multi-ethnische Familie, die durch den Messias konstituiert wird und in der der Geist wohnt, der Welt als ein mächtiges Zeichen dienen soll, dass Israels Gott, der Gott Abrahams, ihr Schöpfer, Herr und Richter ist.

Tom Wright, Justification, S. 106

Gerechtfertigt zu sein bedeutet also nicht nur, die Qualifikation für „den Himmel“ in der Tasche zu haben, sondern zu diesem bunten Haufen von Menschen quer durch alle (Sub-) Kulturen, sozialen Schichten, Rassen und Geschlechter zu gehören, der dem Messias in seiner Mission nachfolgt, und dem die Botschaft der Versöhnung und Hoffnung für alle Menschen aufgetragen ist und der sich daher von alten Grenzziehungen nicht mehr aufhalten lassen darf.

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Konservative sind auch nicht mehr das, was sie mal waren

Ich hatte schon immer das Problem, links und rechts zu unterscheiden. Wenn ich es spontan sagen muss, habe ich eine Fehlerquote von 50% – das sagt schon alles. Inzwischen gilt das auch für die Politik, und seit heute weiß ich auch warum. Hier ein kleiner Ausschnitt aus Matthias Matusseks Abrechnung mit dem heutigen politischen Konservativismus im Spiegel – unbedingt ganz lesen und bis zur Bundestagswahl den Zorn bitte nicht herunterschlucken:

Dem Konservativismus, mit dem ich groß geworden bin, wäre über diese Blasiertheit der Kragen geplatzt. Er hatte mit der Bergpredigt zu tun. Er fand, dass uns das Elend der anderen angeht, dass Eigentum verpflichtet. Er hätte die gigantische Umverteilung der vergangenen zehn Jahre – den Rückgang der Reallöhne um 4 Prozent, die Steigerung der Unternehmensgewinne um 60 Prozent – als Skandal gesehen. Eigentlich muss Gregor Gysi nur diese Zahlen nennen und ansonsten den offiziellen Armutsbericht der Bundesregierung hoch- und runterbeten, und der Konservativismus, den ich kennengelernt habe, hätte ihm grimmig zugestimmt.

Nicht nur er. Die letzte Enzyklika des Papstes, „Caritas in veritate“, drehte sich um nichts anderes als um Gerechtigkeit und Gemeinwohl. Sie beschwört im Übrigen die Gefahr, dass eine Wirtschaft ohne Verantwortungsethik sich selbst zerstören wird. Wir indes erleben, wie der konservative Klassenkampf von oben total geworden ist, ökonomisch genauso wie mental. Er hat Werte zertrümmert, radikaler, als es die Linke je vermocht hätte. Er hat ein kaltschnäuziges System geschaffen, das dem abgehängten Rest der Gesellschaft nach unten zuruft: Strengt euch gefälligst an.

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beschleunigter Puls

pulstitelNur noch knapp drei Wochen, dann geht unser neuer Gottesdienst „puls“ an den Start. Ab dem 4. Oktober sind wir alle zwei Wochen am Sonntag abend im Museumswinkel. Die erste Staffel trägt den Titel „Rhythmus des Lebens“.

Im Unterschied zu LebensArt, das wir vor über einem Jahr abgesetzt hatten, wird puls ruhiger verlaufen. Es wird meditative Elemente geben, eine rudimentäre Liturgie, keine Band und kein Theater, aber Stationen und Möglichkeiten, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Weitere Infos und unseren Flyer zum Download gibt es hier.

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Eine Frage der Rhetorik?

Deutschland im September 2009: Der Rat der EKD hat sich gegen eine pauschale Verurteilung evangelikaler Christen und gegen Vergleiche mit islamischen Fundamentalisten ausgesprochen. Anlass war ein Beitrag des ZDF-Magazins Frontal 21 mit dem Titel „Sterben für Jesus – Missionieren als Abenteuer“ vom 4. August. Evangelikale fühlen sich diffamiert, und diesmal – das findet auch die EKD – ist es vielleicht doch mehr als der übliche fromme Verfolgungskomplex, der eher der Immunisierung gegen Kritik von außen dient.

Gleichzeitig habe ich im Urlaub mitbekommen, wie anders Evangelikale in Großbritannien gesellschaftlich verankert sind. Der theologische Referent der Evangelical Alliance und ihr Generaldirektor waren beide innerhalb einer Woche in verschiedenen Live-Sendungen der BBC zu sehen. Wenn Evangelikale hierzulande nun in manchen Fällen tatsächlich Opfer unfairer Berichterstattung sind, dann ist das vielleicht auch dadurch begünstigt worden, dass man sich in der Öffentlichkeit ungeschickt positioniert bzw. dass an vielen Stellen an der Basis tatsächlich problematische Positionen in einer noch problematischeren Sprache vertreten werden.

Eine spannende Frage ist dabei ja auch, warum der Dalai Lama Homosexualität als unnatürlich beschreiben darf, ohne eine Proteststurm hervorzurufen. Mein Verdacht ist, dass der Einsatz des Dalai Lama für den Frieden ebenso eine Rolle dabei spielt (die wenigsten Evangelikalen sind grundsätzliche Verfechter der Gewaltfreiheit) wie vor allem auch die Tatsache, dass er grundsätzlich mit dem Pluralismus unserer Gesellschaft deutlich weniger auf Kriegsfuß zu stehen scheint als konservative Christen, die in Deutschland leider allzu oft noch eine Rhetorik pflegen, die den eigenen Standpunkt absolut zu setzen scheint. Die Herzenshaltung dahinter mag – zum Teil jedenfalls – ganz anders sein, aber sie bleibt verborgen.

Was mich an all dem beunruhigt: Kann es sein, dass sich die Mahnung Jesu „richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ hier auf eine unerwartet konkrete Weise erfüllt… ?

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