Überraschendes Votum

Für mich die Überraschung des Tages: Sir Cliff Richard hat sich, wie die Times berichtet, für eine kirchliche Anerkennung homosexueller Partnerschaften ausgesprochen und erklärt, dass er seit sieben Jahren mit einem ehemaligen katholischen Priester zusammen lebt. Es sei an der Zeit, die veränderten gesellschaftlichen Verhältnisse zu akzeptieren.

Das Thema sorgt für andauernde Kontroversen in der anglikanischen Kirche. Idea hat die Story auch, aber noch ohne Kommentar…

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Inkarnation und Humanismus

Fernando Pessoa erklärt zu Beginn seines „Buches der Unruhe“, warum man als Atheist vernünftigerweise eigentlich kein Humanist sein kann:

Ich wurde zu einer Zeit geboren, in der die Mehrheit der jungen Leute den Glauben an Gott aus dem gleichen Grund verloren hatte, aus welchem ihre Vorfahren ihn hatten – ohne zu wissen warum. Und weil der menschliche Geist von Natur aus dazu neigt, Kritik zu üben, weil er fühlt, und nicht, weil er denkt, wählten die meisten dieser jungen Leute die Menschheit als Ersatz für Gott. Ich gehöre jedoch zu jener Art Menschen, die immer am Rande dessen stehen, wozu sie gehören, und nicht nur die Menschenmenge sehen, deren Teil sie sind, sondern auch die großen Räume daneben. Deshalb habe ich Gott nie so weitgehend aufgegeben wie sie und niemals die Menschheit als Ersatz akzeptiert. Ich war der Ansicht, daß Gott, obgleich unbeweisbar, dennoch vorhanden sein und also auch angebetet werden könne, daß aber die Menschheit, da sie eine rein biologische Vorstellung ist und nichts anderes bedeutet als eine Gattung von Lebewesen, der Anbetung nicht würdiger sei als irgendeine andere Gattung von Lebewesen. Dieser Menschheitskult mit seinen Riten von Freiheit und Gleichheit erschien mir stets wie ein Wiederaufleben jener alten Kulte, in denen Tiere Götter waren oder die Götter Tierköpfe trugen.

Ich finde das spannend: Er deutet als Agnostiker an, dass die Besonderheit (und damit die Würde) des Menschen in seinem Gegenüber zu Gott liegt und mit diesem steht und fällt. Und bestätigt damit, was andere auch schon gesagt haben: Der Glaube an die Menschwerdung Gottes ist die einzig tragfähige Grundlage des Humanismus.

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Mission ja – nur welche?

Die SZ hat sich aus gegebenem Anlass mit Sarah Palin beschäftigt und skizziert, wie sich bei ihr Glaube und Politik verbinden. Die Mischung aus Patriotismus, Kreationismus und anderen Zutaten ist sicher nicht jedermanns Fall, aber die Videoclips von einem Auftritt vor Theologiestudenten in ihrer Pfingstgemeinde in Wasilla sind in jedem Fall interessant.

Zum Hintergrund von Palins Nominierung stellt die Welt Vermutungen an, in denen James Dobson eine wichtige Rolle spielt. Spiegel Online findet dagegen nach Palins Parteitagsrede auch sympathische Züge

… für einen neokonservativen Falken ist sie nicht kriegslüstern und nicht verschlagen genug. Ihr Konservatismus mag antiquiert wirken, aber nicht aggressiv und arrogant.

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Finding Our Way Again

Brian McLaren wendet sich nach „Everything Must Change“ (demnächst auf Deutsch!) und der Beschäftigung mit globalen Krisen dem Thema „geistliche Übungen“ zu. Es geht hier um die vielen kleinen, nachhaltigen Schritte zur persönlichen und gesellschaftlichen Veränderung. Wie immer bei Brian findet das alles allgemein verständlich (fast im Plauderton), immer angenehm zu lesen und frei von allem Druck statt. Er gibt Anregungen, aber er stellt keine Forderungen auf und verzichtet in dieser Einführung auch auf detaillierte Anleitungen. Ab und zu sorgen ein paar lyrische Beschreibungen und Aufzählungen dafür, dass die Materie nicht trocken daherkommt. Dem europäischen Leser macht er es diesmal leicht, weil er sich nicht groß (wie sonst so oft) kritisch mit den Schwächen des nordamerikanischen Evangelikalismus auseinandersetzt.

Der erste Teil dieses Buches ist dem Gedanken des „Weges“ gewidmet. Glaube und Religion wird nicht als System von Regeln und Glaubenssätzen aufgefasst, sondern als ein Weg. Man könnte auch sagen, Brian denkt prozesshaft statt statisch, und er schreibt werbend statt abgrenzend. Manch einer wird überrascht sein, dass in diesem Teil des Buches die drei abrahamitischen Religionen immer wieder in einem Atemzug genannt werden. Aber die Vorstellung, mit Juden und Muslimen einmal aus dieser Perspektive ins Gespräch zu kommen (statt über Terror, Kreuzzüge und Holocaust oder die jeweiligen theologischen Grenzziehungen zu debattieren), ist spannend.

Im zweiten Teil spielt Brian dann seine Stärken aus. Er beschreibt drei Formen spiritueller Disziplinen: Kontemplativ, gemeinschaftlich und missional. Das Gemeinschaftliche verbindet die via contemplativa mit der via activa, (auch wenn das lateinische Wort „communitiva“ mir dafür nicht so recht über die Lippen gehen will – warum nicht einfach „communis“?). Wegen der beiden Kapitel zur gemeinschaftlichen und missionalen Praxis alleine lohnt sich das Buch schon, sie sind eine Fundgrube voll guter Anregungen. Hier kommt auch eine wichtige Entscheidung ins Spiel, die ist ein Zitat wert:

Ich gehe davon aus, dass es bei der ganzen Sache nicht nur um mich geht. Ich gehe davon aus, dass die Gemeinschaft des Glaubens nicht für mich existiert. Ich gehe davon aus, dass es in meinen kontemplativen Übungen letztlich nicht um mich geht. Ich gehe davon aus, dass Reife als ein spirituelles menschliches Wesen nicht vollendet ist, wenn sie mich nicht hinaus sendet in die Gemeinschaft des Glaubens. Aber es geht auch nicht einfach um „uns“ – im Sinne unserer Gemeinde, Konfession oder Religion. Nein, ich gehe davon aus, dass die Gemeinschaft des Glaubens nicht vollendet ist, bis sie wiederum über sich selbst hinaus in die Welt hinein gesandt wird mit rettender Liebe. (S. 114f)

Der dritte Teil („Ancient“) widmet sich den Grundbegriffen der Mystik: Purgatio, Illuminatio und Unio. Sie werden in einem fiktiven Lehrgespräch mit einer Äbtissin entfaltet, aber in vielfältige aktuelle Bezüge gestellt. Und ganz am Schluss nimmt Brian den Lesern den Druck, eine lange Liste von zusätzlichen Aktivitäten im ohnehin schon vollgestopften Alltag unterzubringen, indem er nach keltischem Vorbild von „faithing our practises“ spricht, wo man alltägliche Verrichtungen mit einem konkreten geistlichen Impuls verbindet. Auf die sieben Folgebände dieser Reihe darf man gespannt sein.


„Finding Our Way Again: The Return of the Ancient Practices“ (Brian McLaren)

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Kommunikationstypen

Die Zeit bietet einen Test von Miriam Meckel über den Umgang mit Kommunikationsmitteln. Ich war nicht immer zufrieden mit den angebotenen Optionen. Bei Frage 3 etwa hätte ich lieber angeben wollen: Mein Handy klingelt nicht. Es steckt tatsächlich fast immer stumm in meiner Tasche – und auf Feiern ist es aus, es sei denn, die Kinder sind allein zuhause (und dann ist es ja ok, so lange es nicht klingelt).

 

Abschalten können (oder wenigstens stumm!) ist eine moderne Tugend: Neulich erlebte ich, wie auf einer Beerdigung am offenen Grab das Handy eines nahen Verwandten des Verstorbenen klingelte. Irgendwie schaffte er es nicht, den Anruf wegzudrücken, so dass es kurz darauf noch einmal klingelte, dann ging er tatsächlich dran und verschwand kurzzeitig um die Ecke. Superpeinlich, aber den Menschen schien es gar nicht so gestört zu haben.

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Theologisch Poker

Es gibt eine witzige Kurzgeschichte mit dem Titel „Jüdisch Poker“ von Ephraim Kishon. Jüdisch Poker, sagt sein Freund Jossele, funktioniert so: Beide Spieler denken sich eine beliebige Zahl, und wer die höhere hat, gewinnt. Die ersten paar Runden lässt Jossele sich immer mal besiegen, aber als es dann um richtig viel Geld geht, kommt er plötzlich mit „Ultimo“ heraus und sackt das Geld ein. Allerdings hat Jossele nicht damit gerechnet, von seinem schlagfertigen Widersacher in der nächsten, entscheidenden Runde mit dem Ruf „Ben Gurion!“ übertölpelt zu werden.

jeweiligen Namen hat Kishon in den verschiedenen Auflagen immer wieder geändert – zuletzt war es „Pavarotti!“. Das Muster gibt es aber auch in theologischen Diskussionen: Es gewinnt der, der als erster dreist die höchste denkbare Autorität für sich reklamiert. „Wer zuerst Luther sagt, hat gewonnen“, meint ein befreundeter Pfarrer schon vor Jahren. Das gilt natürlich nur da, wo Luther die höchste Autorität ist (und wird dadurch erschwert, dass Luther so viel geschrieben hat!).

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Sinnlich Geben

Gestern morgen las ich bei Brian McLaren etwas über Geben (bzw. Spenden) als geistliche Übung. Ich erinnerte mich daran, wie mir vor ein paar Jahren ein junger Mann nach dem Gottesdienst ein ganzes Bündel Banknoten in die Hand drückte. Ich war etwas überrumpelt, bedankte mich und fragte, warum er das Geld nicht einfach auf das Gemeindekonto überwiesen hatte. Er sagte, ihm war es wichtig, das Geld tatsächlich in die Hand zu nehmen und es wegzugeben.

Vielleicht haben wir uns viel zu sehr daran gewöhnt, dass unser „Geben“ automatisiert ist. Wer trägt heute noch größere Beträge in bar herum? Also richten wir Daueraufträge ein oder erteilen (momentan etwas verunsichert) Einzugsgsermächtigungen. Und dann bekommen wir im nächsten Jahr einen Serienbrief mit der Spendenbescheinigung fürs Finanzamt.

Geben als ein fröhliches und sinnliches Erlebnis verschwindet damit aus den Gemeinden. Wir erleben es vielleicht noch bei persönlichen Geschenken, aber eben nicht im Kontext von Gemeinde oder Reich Gottes. Ob das noch ausreicht, um eine Kultur der Großzügigkeit zu schaffen und im Sinne des Paulus zu jenen fröhlichen Gebern zu werden, die Gott liebt?

Hier also meine Frage: Lässt sich eine liturgische Inszenierung finden, die nicht peinlich ist, nicht missbraucht werden kann zur Selbstdarstellung, wo Kinder beispielsweise ihren Eltern zusehen können und nicht jeder mit sich allein bleibt?

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Interaktive Ahnengalerie

In den nächsten Wochen möchte ich eine Ahnengalerie der Emerging Church schreiben. Wer sind die Vorläufer, wessen Saat geht hier auf, wessen Bücher und Gedankengut wurde wie rezipiert? Bisher umfasst meine Liste:

Dietrich Bonhoeffer

N.T. Wright

Dallas Willard

Jürgen Moltmann

Ron Sider

Tony Campolo

Lesslie Newbigin

David Bosch

Ob man Derrida & Co auch dazu zählen sollte, da bin ich mir noch unschlüssig. Aber vermutlich gehören noch mehr Namen auf diese Liste. Für Vorschläge Eurerseits bin ich dankbar, am besten gleich unten als Kommentar. Und wenn zu dem Namen noch eine kurze Umschreibung des wesentlichen Impulses dazu kommt, um so schöner

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Cola-Kult

Die Coke-Werbung bei Dr. House (endlich, die 4. Staffel) gestern abend gerht mir noch im Kopf herum. Sie endete mit diesem Spruch

Coca-Cola – gestern, heute und für immer

Das ist natürlich dreist geklaut aus dem Hebräerbrief. Ich habe mich gefragt, ob man das als Christ einfach so hinnehmen soll, wie hier biblische Aussagen besetzt werden und ihr Sinn entleert und entstellt. Wieder ein Beispiel dafür, dass die Konsumgesellschaft ihre eigene Religion ist, bzw. jeder Hersteller sein Produkt zum Kultgegenstand aufbläst.

Hat sich eigentlich schon die deutsche Bischofskonferenz oder der Rat der EKD da mal kritisch geäußert? Hat jemand mal beim Werberat Einspruch erhoben? Wird die Evangelische Jugend in ihre Räume zu Coke-freien Zone erklären und deren Automaten abschalten? Wollen wenigstens wir eine Blogkampagne gegen Coca-Cola starten (und auf Youtube ein paar Gegenclips platzieren)? Oder (unwahrscheinlich, bei diesem Markenwert) kriegen sie damit nur, was sie wollen, nämlich Publicity?

Andererseits – wollen wir einfach zusehen? Wenn dann demnächst in einem Gottesdienst Hebräer 13,8 zitiert wird, wie viele werden dann denken: Das haben sie aus der Cola-Werbung geklaut? Warten wir erst noch, bis irgendein Werbetexter Johannes 3,16 umbiegt? Zur Erinnerung: Der Hersteller brauner Brause hat mit der Erfindung des Weihnachtsmanns schon ein zentrales christliches Fest maßgeblich sinnfrei gestellt.

Andererseits: Haben Christen durch naive (aber irgendwie eben auch synkretistischen) Adaptionen des Coca-Cola-Logos („Enjoy Christ„) schon alle moralische Integrität in diesem Bereich verspielt?

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„Religionen finde ich gut…“

sagte unterhalb der Nürnberger Burg heute ein junger Mann hinter mir zu seiner Begleiterin, „aber mich stört, dass alle meinen, sie seien die richtige“. Worauf sie mit einem dumpfen, abgrundtiefen Stöhnen antwortete: „Ja!“

Ich habe mich nicht in das Gespräch eingemischt, das ich unfreiwillig mitgehört hatte. Aber was hatte der Gute erwartet? Natürlich gibt es da eine gewisse – in der Regel zivilisiert ausgetragene – Konkurrenz. Er hätte auch sagen können: Mich stört an den Bundesliga-Vereinen, dass sie alle Meister werden wollen. Oder dass Politiker Wahlen gewinnen und Läden etwas verkaufen wollen.

Bei Religionen geht es um Überzeugungen – wen interessiert da eine Weltanschauung, deren Grundprinzip der Selbstzweifel wäre und die sich der Stimme enthielte, wenn es über die Grundfragen unserer Existenz diskutiert wird. Wer sich für eine Position entschieden hat, wird ja vermutlich noch wissen, welche Gründe dafür sprachen. Das kann man in aller Bescheidenheit dann auch sagen. Nichts zu sagen, um sich nur nicht angreifbar zu machen, ist keine Lösung.

Der ärgerliche Punkt ist an dieser Art von Konkurrenz ist, dass man sich (wie in allen anderen Lebensfragen) nicht sämtliche Türen offen halten kann, sondern sich festlegen muss. Wir tun das im Beruf, bei der Wahl des Ehepartners, wenn wir zwischen Keks oder Schokolade wählen – es sei denn, ein cleverer Süßwarenkonzern erlöst uns aus dieser Verlegenheit. Ich finde das schwierig: Einerseits scheinen viele zu erwarten, dass ganz andere Gesetze gelten, wenn es um Glauben geht (z.B. dass völlig widersprüchliche Aussagen gleichmaßen als wahr gelten – rot ist gleich blau ist gleich grün – und es einem so erspart bleibt, sich mit den Fragen selbst auseinanderzusetzen) und man gleichzeitig steif und fest behauptet, Religion sei irgendwie weltfremd.

Wirklich weltfremd ist doch diese Denke. So lange man noch vor dem Regal steht und sich ob des reichen Angebots die Haare rauft, ist dieser „Wahlzwang“ ein ärgerliches Luxusproblem. Bis man sich daran erinnert, dass die wirkliche Alternative zu diesem Pluralismus das totalitäre System ist. Der Weg von der Burg zum Reichsparteitagsgelände ist so weit nicht…

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Brandstifter

Fulbert Steffensky spricht in „Schwarzbrot-Spiritualität“ (S. 31f) ein Thema an, das in jeder Generation wieder kontrovers diskutiert wird: Brauchen wir so etwas wie sakrale Räume, besondere Zeiten und Rituale? Unter „Emergenten“ und „Missionalen“ (klingt in dieser Begrifflichkeit irgendwie ungesund, oder?) gibt es ja durchaus beide Akzentuierungen. Von zwei Lagern würde ich trotzdem nicht sprechen.

Jeder Anfang und jede Bekehrung erzeigt einen antiritualistischen Impuls. Alle Anfänge stürmen die alten Bilder, Einrichtungen und Inszenierungen. Alle Anfänge sind bilderstürmerisch, und in ihnen sagt man jenen Satz des jungen Mannes aus Nazareth: Nichts was zum Munde hineingeht, verunreinigt den Menschen, sondern was aus dem Munde herauskommt, macht dem Menschen unrein. (…) Die Welt ist sein, sagt dieser junge Glaube. Eine besondere Stätte, eine besondere Zeit oder ein besonderes Haus ihm zuzusprechen bedeutet die Leugnung seiner Universalität und der Heiligkeit aller Zeiten und Orte.

(…) Es gibt auch die Wahrheit jenes älteren Glaubens, der die Orte, Räume und Zeiten sich als Zeugen sucht. Auf jeden Fall soll man nicht die eine Wahrheit mit der anderen erschlagen. Das sollen die Propheten wissen und ihr Widerpart, die müde und alt gewordenen Priester in den Kirchen, die in Räumen leben und die die Räume brauchen. Die Priester bauen Kirchen, die Propheten setzen sie in Brand.

Hat er Recht – brauchen beide die Wahrheit des anderen? Man kann überall beten, aber ein Boiler Room macht es doch irgendwie leichter. Wie gehen wir dann (als Evangelische allzumal, von Evangelikalen ganz zu schweigen) damit um, dass das frühe Christentum sich vom jüdischen Kultgesetz gelöst hat? Welche Konsequenzen daraus sind berechtigt, welche überzogen? Ist die Heiligung des Alltags ohne solche „äußerlichen“ Dinge überhaupt zu erreichen?

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