Schon sehenswert, wenn der Altmeister des guten Stils mahnend den Finger hebt: Wolf Schneiders Videoblog zu besorgten Terroristen und dämlichen Begriffen im Duden.
Spruch der Woche: Zeugenschaft
Wir sind nicht hier, um die Leute zu konvertieren. Ich erwarte von Christen, Juden, Atheisten, Agnostikern, Buddhisten und von den Muslimen, dass sie Zeugenschaft ablegen von ihrem Glauben. That’s it .
Blick in den Abgrund
Die Tage saß ich in einer Runde von Verantwortlichen, die über die verschiedenen Sektenbildungen im charismatischen Milieu diskutierten. Es gibt das auch in anderen Bereichen, aber die sehen dann inhaltlich wie von der Sozialgestalt auch anders aus. Ist es nun so, dass manche einfach etwas Gutes nehmen und leichtsinnig beziehungsweise übermütig über das Ziel hinaus schießen – oder sollen bösartige Karikaturen gar die „echten“ Charismen in Verruf bringen?
Ich würde die Ursachen ja eher an anderen Stellen suchen. Ein paar Zutaten, das ergaben meine Gespräche seither, erleichtern diese Entgleisungen – freilich sind sie nicht überall und nicht immer alle auf einmal anzutreffen:
- Ein gebrochenes Verhältnis zur Kritik – das Wort steht in charismatischen Kreisen nicht gerade hoch im Kurs
- Eine Neigung, sich an visionären, charismatischen Anführern zu orientieren (der Mythos vom „großen Menschen“?)
- Eine auf Intimität gepolte Spiritualität, die Mühe hat mit jeder Form von Distanz – zu sich selbst, zu Gott, in der Gemeinschaft
- Eine auf subjektiver Erfahrung beruhende Argumentation – ich habe das so erlebt, also ist es wahr
- Schwierigkeiten, mit Ambivalenzen umzugehen – oft wird Störendes (negative Gefühle, Zweifel, Fortbestehen von Krankheitssymptomen) ausgeblendet und das Ganze als „Glaube“ missverstanden
- Schwierigkeiten, sich auf längere Prozesse einzulassen, und das Hoffen auf augenblickliche Veränderung
- Schwierigkeiten, Langeweile auszuhalten, und die Suche nach dem jeweils „Neuen“
Wo das alles zusammenkommt, wird es richtig brenzlig. Gleichzeitig würde ich nicht leugnen, dass es echte Charismen existieren, umgekehrt glaube ich aber auch nicht, dass unbedingt alles „echt“ ist, was man sehnsüchtig dafür hält.
Wobei die Sehnsucht auch ein großes „Plus“ der Charismatiker ist: Da gibt es eben eine Bereitschaft, sich auf etwas einzulassen, sich auf den Weg zu machen, einen Wunsch nach konkreter Veränderung, eine große zwischenmenschliche Wärme und nicht zuletzt einen Hunger nach Gott.
(nette Parallele aus der Politik: hier lesen)
Goldene Missionsregel
Die Sache mit den Minaretten und der Religionsfreiheit überhaupt wird kontrovers diskutiert. Es mag naiv klingen, aber wie wäre es mit der goldenen Regel als Orientierung? Also: Behandelt Angehörige religiöser Minderheiten so, wie Ihr gerne behandelt werden würdet, wenn ihr als Minderheit in deren Land leben würdet, oder wie ihr es euch für die Christen dort (aktuell zum Beispiel in China) wünscht.
„Ja, aber die werden das ausnützen…“
„Das wird als Schwäche ausgelegt…“
„Und überhaupt, die sollten erst mal selbst…“
Denken wir ernsthaft, Jesus würde solche Einwände gelten lassen?
Dip Church
Messianische Bürde
In diesen Tagen wird viel geschrieben über Barack Obama und was er nach einem Jahr alles noch nicht erreicht hat. Christoph Bertram fragt nach realistischen Erwartungen an Politiker und rückt die Perspektive der Kritik auf Zeit Online sehr besonnen zurecht:
Der entscheidende Maßstab für die Bewertung Barak Obamas kann deshalb nicht sein, dass er noch keine Wunder vollbracht hat. Sondern ob er über den langen Zeitraum, den die Verwirklichung seiner ambitionierten Ziele erfordert, den nötigen Willen und Atem behält. Daran sollte er einst gemessen werden. Wer ihn stattdessen schon jetzt unter Erfolgsdruck setzen möchte, ist entweder ein Ignorant – oder aber einer, der diese Ziele nicht will.
Auf Wiederlesen
Heute fand ich mit etwas gemischten Gefühlen die erste Weihnachtskarte in der Post. Aber das Fest ist nicht mehr fern, und mit ihm Geschenke, die ich aussuche und andere die ich bekomme, darunter – in beiden Richtungen – natürlich wieder etliche Bücher.
Trotzdem habe ich mir in diesen Tagen die Frage gestellt, welche Bücher ich in den nächsten Monaten noch einmal lesen will. Manchmal entdeckt man beim zweiten Mal wichtige Dinge, über die man beim ersten Lesen noch hinweggegangen ist. Manchmal tut es einfach gut, sich an Bekanntes erinnern zu lassen.
Die Liste ist noch am Entstehen, mein Blick schweift immer wieder über die Regale. Da steht zwar auch noch das eine oder andere ungelesene Buch. Das erste aber, das in die Auswahl zum Wiederlesen gekommen ist, ist Vincent Donovans Christianity Rediscovered, das ich auf diesem Blog schon ab und zu erwähnt habe. Als nächstes steht John D. Caputos What would Jesus deconstruct? an. Und Terry Eagletons The Meaning of Life, das gibt es auch auf Deutsch.
Alex wird mit der KD ausgelastet sein, aber alle anderen sind herzlich eingeladen, ihre Kandidaten in den Kommentaren zu nennen. Bibel übrigens ausgenommen, die lest Ihr sowieso, da muss man (an dieser Stelle jedenfalls) nicht drüber reden.
Liebe und Absichtslosigkeit
Neulich blieb ich an diesem Satz von Franz Jaliczs hängen:
Es ist der selbstverständliche Wunsch eines Christen, dass Jesus Christus von allen Menschen anerkannt werde. Dieser Wunsch kann aber ein Hindernis sein, die persönliche Bedeutung der Äußerungen zu erfassen, falls sie von diesem Wunsch abweichen oder dazu im Widerspruch stehen.
und etwas später schreibt er (Miteinander im Glauben wachsen, S. 47/49):
Wer seinen Glauben mit der Überzeugung mitteilen möchte, dass er über einen Schatz verfügt, den der andere nicht oder noch nicht in demselben Maß besitzt, kann auf einen inneren Widerstand stoßen, wenn er mit seinem Gesprächspartner auf gleicher Stufe sprechen möchte.
Ich habe mich dann gefragt, ob man den Begriff der Absichtslosigkeit aus der Tradition des kontemplativen Gebets übertragen kann auf die Haltung, die man auch in einem Glaubenskurs (das war der Grund, warum ich das nachlas) anderen Menschen gegenüber pflegen sollte. Aber es gibt ja auch immer die, für die „offen für alles“ automatisch „nicht ganz dicht“ bedeutet.
Also: Kann ich meine Überzeugung schon dadurch verraten, dass ich sie einem anderen nicht aufschwatze?
Absichtslosigkeit beim Beten bedeutet ja nicht, dass ich nicht beten will, sondern dass ich nicht auf ein ganz bestimmtes Resultat festgelegt bin. Wie es kommt, so ist es in Ordnung. Ähnlich im Alpha-Kurs: Ich bringe mich in das Gespräch und den Kurs ein, ich interessiere mich für mein Gegenüber um seiner selbst willen. So wie mir beim Beten Gott konkurrenzlos wichtig ist, und ich ihm keine Vorgaben mache, wie er diese Zeit zu füllen hat, damit es sich für mich lohnt, so kann ich auch in ein Gespräch mit anderen hineingehen. Es hat seinen Wert in sich.
Pah, höre ich jetzt schon den Einwand, Reden um des Redens willen ist verschwendete Zeit, dafür sind wir nicht auf der Welt.
Ist das so?
Wenn ich absichtslos zuhöre und mich mitteile, ist schon etwas herausgekommen. Wenn ich aber unausgesprochen ein bestimmtes Resultat zur Bedingung mache, dann steigt automatisch die Wahrscheinlichkeit, enttäuscht zu werden – und die Gefahr, dass ich mich beim nächsten Mal erst gar nicht mehr auf das Beten oder auf ein weiteres Gespräch einlasse. Und dann kann gar nichts mehr passieren.
Absichtslosigkeit ist auch nicht bloße Pflichterfüllung. Wo ich etwas nur abhaken will, bin ich schon nicht mehr bei der Sache. Absichtslosigkeit ist nicht mit Gleichgültigkeit und Wurstigkeit zu verwechseln. Sie hat aber alles mit Liebe zu tun. Und darum lohnt es sich, ein bißchen Übung zu investieren.
Nicht hart genug?
Der Tod von Robert Enke könnte einen Sinn bekommen, wenn eine öffentliche Debatte über den Umgang mit psychischen Leiden und Erkrankungen in Gang käme. Bis jetzt ist es so, dass man seine Erkrankung nach Möglichkeit geheim halten muss, weil man sonst nur allzu oft von anderen Menschen als „verrückt“ angesehen und gemieden wird – vor allem aber, weil man um seinen Arbeitsplatz bangen muss, denn jede Tätigkeit mit nur etwas Verantwortung ist den Starken und Selbstsicheren vorbehalten.
Dass darunter eine ganze Reihe Workaholics und Soziopathen sind, das wiederum ist weithin akzeptiert. Die gelten dennoch als „stark“. Aber „Schwache“ müssen fürchten, dass man ihnen unterstellt, sie seien auf Dauer unfähig, die in sie gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Vor einigen Tagen erschien das Buch von Sebastian Deisler, der sich seiner Krankheit auch öffentlich stellte und seine Karriere beendete.
Robert Enke hat wohl gehofft, dass es auch anders geht – ohne Ausstieg, ohne zermürbende und entwürdigende öffentliche Diskussion darüber, ob er diesen Kampf gewinnt, ohne Loser-Image. Und möglicherweise hat er eben deshalb den Ausweg nicht mehr gefunden, den Sebastian Deisler gewählt hat.
Natürlich müssen sich nun die Fußballfunktionäre zu allererst die Frage stellen, wo das System und seine Vertreter hier versagt haben – aber bitte nicht als einzige! Das Thema geht alle an. Hoffentlich rüttelt dieser Tod uns nachhaltig auf.
Bekehrungen: was ist echt?
Ich sitze in einer Gesprächsrunde, wo das Thema „Konversion“ sozialwissenschaftlich und praktisch-theologisch erörtert wird. Eine Studie des IEEG Greifswald wird vorgestellt.
Mein Blick fällt auf einen prominenten Teilnehmer, der seit unserem letzten Treffen von seinem PC auf ein schickes Macbook umgestiegen ist. Nur den Apfel hat er verschämt zugepappt mit einem Aufkleber. Und ich frage mich: Ist das eine „echte“ Bekehrung, wenn man sich hinterher nicht dazu bekennt?
Pointiert: Besserwisser
Sagen wir es, wie es ist: Newton war ein Klugscheißer, einer, der neu denkt und das auch laut sagt. Ein Besserwisser eben. Einer, der den Seelenfrieden und die Ruhe anderer stört. Die Idylle all jener, die nicht wissen, wie es besser geht.
Im Großen und Ganzen kann man die sich geistig anstrengende Menschheit, also ohnehin wohl nur einen Bruchteil der Gesamtpopulation, in zwei Denkschulen einteilen: in die Denkbürokraten und die Denkunternehmer. Newton war ohne Zweifel Denkunternehmer, denn was er an Wissen produzierte und damit an Problemen löste, gab es vor ihm nicht. Damit stellte er sich aber zwangsläufig gegen die große Mehrzahl jener, die mit dem vorhandenen Wissen gut ausgekommen waren, es verwaltet und sich gemütlich darin eingerichtet hatten: die Denkbeamten. Leute, von denen Di Trocchio schreibt: „Sie waren nicht nur nicht in der Lage, anders zu denken, sondern weisen diejenigen, die es versuchen, auch noch zurück und grenzen sie aus.“
Wer Bürokraten bei der Routine stört, der kann schon mal die Koffer packen.
Wolf Lotter in brand eins
Ehelos um unseretwillen
Das unterhaltsame Ermittlerduo aus Münster musste im Tatort Tempelräuber gestern den Mord am Regens des Priesterseminars aufklären. Die Suche nach dem Täter war nicht halb so spannend wie das Gekappel der Akteure untereinander. Und weder die Kirchenkritik noch das als Tabuthema gehandelte Problem der Priesterkinder waren nicht schon an anderen Stellen ausgiebig gewürdigt worden. Zwischendurch sagte die sehr blonde Kommissarin während der Vernehmung zum Priesteramtskandidaten, dass Sex wichtig sei für die Seele. Spätestens als er das anhören musste, tat der junge Mann einem leid.
Was der Film aber auch andeutete ist dies: Der Zölibat hat sich als de facto Lebensform doch längst von den Kirchenleuten zu dem Kriminalern hin verschoben. Der lädierte Börne empört sich über die Invasion in seine Eremitage und findet dann so etwas wie Familie doch ganz gut, aber ach – leider war es die (heimliche) Familie des Priesters. Thiel ist und bleibt Single, so wie seine Staatsanwältin, so wie die meisten Kommissare die meiste Zeit – Donna Leons glücklich verheirateter Brunetti scheint die einzige Ausnahme zu sein. Praktisch fürs Plot, dann können die Ermittler sich immer mal wieder in Verdächtige verlieben und die ansonsten lahme Handlung verkomplizieren. Aber es scheint eben auch ins Klischee zu gehören.
Niemand verbietet ihnen zu heiraten (viele waren es ja auch irgendwann einmal), aber vor lauter Arbeit wird nie was draus. Im Zweifelsfall geht die Jagd nach den Schurken eben immer vor. (Fernseh-)Kommissare leben ehelos um unseretwillen. Sie bringen dieses Opfer, um die Gesellschaft vor finsteren Elementen (oder vor sich selbst?) zu beschützen. Das erfordert ständige Wachsamkeit und Einsatzbereitschaft. Private Interessen stehen zurück. Sie haben eine Mission, die keinen Aufschub duldet. Es geht um Leben und Tod.
Fragt sich also, warum die katholische Kirche es nicht einfach der Kripo nachmacht.
Gemischtes zum Wochenende
Das Wochenende mit HaSo hält mich in Atem, aber die folgenden Nachrichten sind auch ohne Kommentar meinerseits lesenswert, vielleicht komme ich ja später nochmal drauf zurück:
Der Spiegel über die Hexenkinder von Nigeria und ein Kommentar von Diana Buttler-Bass
Gute Wahl: Hermann Gröhe wird CDU Generalsekretär
Ein Hassprediger bekehrt sich zum Frieden
Weise Worte von Pater Richard Rohr über die Emerging Church
Der Gerechte failt sieben mal…
Was so alles untergeht…
James Hamilton-Paterson macht sich bei Spiegel Online lesenwerte Gedanken über Sonnenuntergänge bzw. deren Abbildungen. Warum sind sie so populär, dass kaum ein Kitschmotiv ohne sie auskommt? Kunsthistorisch gesehen lässt sich dabei feststellen (und jetzt wird die Grafikabteilung von Aufatmen und erst recht der Kawohl-Verlag ins Schwitzen geraten):
Von 1780 an schätzte man Sonnenuntergänge zusammen mit Ehrfurcht gebietenden Sujets wie Bergen, Gletschern, Wüsten und wilden Küsten zunehmend dafür, dass sie ein Gefühl der Erhabenheit evozierten. Es ist kein Zufall, dass zur selben Zeit der Pantheismus Mode wurde. Infolge der Aufklärung und des Aufkommens der Naturwissenschaften waren die in heiligen Schriften festgehaltenen religiösen Gewissheiten ins Hintertreffen geraten. Dank dem Pantheismus konnte man nicht nur die Menschheit, sondern die Natur überhaupt als Gottes Werk betrachten. Damit wurde die unschuldige Natur erstmals in der abendländischen Kultur Objekt aller möglichen menschlichen Sehnsüchte. Schlagartig wurden Sonnenuntergänge zum Malerischen schlechthin, und die großen romantischen Landschaftsmaler ließen ihrem Gefühlsüberschwang freien Lauf.
Glücklicherweise bietet er dann auch noch eine andere Deutung an, die dürfte all jenen Wächtern der reinen Lehre, für die Aufatmen bisher eher den Untergang der evangelikalen Tugenden und des christlichen Abendlandes symbolisierte, besser gefallen. Weshalb sie hoffentlich der Redaktion aus den bisherigen Titelbildern – Anselm Grün natürlich ausgenommen – keinen (weiteren) Strick drehen dürften. Denn da ist der Sonnenuntergang als Symbol für – nein, nicht das Höllenfeuer, sondern die Endlichkeit menschlichen Daseins. Eine Urlaubspostkarte könnte auch diese Botschaft transportieren, in der Regel freilich eher unbeabsichtigt:
Ich dachte, es schadet dir nichts, daran erinnert zu werden, dass das menschliche Dasein etwas mit Sonnenuntergängen zu tun hat und dass wir uns mit jedem Tag ein Stückchen weiter westwärts bewegen. Drum rate ich dir: Bewahre jeden Sonnenuntergang in deinem Herzen, denn du hast immer weniger Gelegenheiten, noch einen zu erleben.
Mein Vorschlag an Kawohl & Co zur Beseitigung von Missverständnissen und zur Kundenbindung am recht(gläubig)en Rand: Druckt ab jetzt nur noch Sonnenaufgänge – als Hinweis auf die Sonne der Gerechtigkeit und die Gewissheit (oder war es Hoffnung?) der Auferstehung von den Toten 🙂


