Von Menschen und Göttern

erzählt die wahre Geschichte des kleinen Trappistenkonvents von Tibhirine im algerischen Atlasgebirge, dessen Brüder sich angesichts der Bedrohung durch die islamistische GIA dazu durchringen, sich weder von der korrupten Armee beschützen zu lassen noch dem Dorf, in dem sie leben, den Rücken zu kehren und wieder nach Frankreich zu gehen. In der Schlüsselszene redet ein Bruder davon, dass sie wie Vögel seien, die auf einem Baum säßen und nicht wüssten, ob die weiterfliegen. Darauf antwortet eine Dorfbewohnerin: „Wir sind die Vögel – ihr seid der Baum.“ Und die Mönche bleiben schließlich, im vollen Bewusstsein der möglichen Folgen.

Wer eine fesselnde Auslegung der Jahreslosung 2011 sucht, der wird hier fündig: Die Reaktion auf das Böse, das sich im Krieg zwischen Diktatur und Islamisten regt und alles zu vergiften  droht, ist nicht der Rückzug, sondern die Bereitschaft zum Leiden um der Liebe willen.

Es ist ein leiser Film, trotz einer mit Gewalt aufgeladenen Atmosphäre. Und es ist beeindruckend, wie diese Christen unter den Muslimen friedlich leben – sogar im Abschiedsbrief des Priors findet sich kein Wort des Hasses oder der Verachtung gegenüber dem Islam. Wie ein roter Faden ziehen sich die Gesänge der Liturgie und die Schriftlesungen durch die Handlung.

Wer es einrichten kann, sollte Von Menschen und Göttern unbedingt anschauen. Trotz des Todes von sechs der acht Brüder im Mai 1996 nach der Entführung durch die GIA, aber unter bis heute nicht völlig geklärten Umständen, ist es ein Film, der am Ende doch Mut und Hoffnung verbreitet.

Wer lieber vorher noch ein paar Kritiken liest: Hier oder hier klicken. Übrigens: Gut drei Millionen Franzosen haben den Streifen von Regisseur Xavier Beauvoir schon gesehen.

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Rooney in Narnia

Gestern habe ich den dritten Narnia-Film, „Die Reise auf der Morgenröte“, in 3D ansehen können, nun sortiere ich meine Eindrücke. Es ist zwar schon länger her, dass ich das Buch dazu das letzte Mal gelesen habe, aber die Geschichte wirkt ziemlich maßstabsgetreu umgesetzt. Die Animationen sind im Vergleich zum ersten Film, der heute abend im Fernsehen läuft, deutlich verbessert. Die Akteure sind im Wesentlichen dieselben wie bei Prinz Kaspian, nur dass diesmal der käsegesichtige Cousin Eustachius dazu kommt, den man auf Anhieb unsympathisch findet – wenn schon nicht wegen seines exaltierten Namens, dann weil einen die platte Nase unwillkürlich an Wayne Rooney erinnert.

Die Transformation vom Kotzbrocken zum Edelmann ist dann auch das Thema der Handlung, aber da fehlt mir etwas die Tiefe hinter der gelungenen 3D-Oberfläche. Eustachius entdeckt auf einer Wüsteninsel, die die Crew auf der Suche nach sechs der sieben verschollenen Lords erreicht, eine Müllkippe voll Gold und erliegt dem Glitzerzauber. Die Folge ist die Metamorphose des Äußeren entsprechend dem Inneren: Er wird zu dem Monster, das er schon immer war: ein Drache, der – keine Angst – auch bei kleineren Kindern keine Albträume verursachen dürfte. Entsprechend läuft ab da die Handlung in die umgekehrte Richtung: Eustachius erkennt seine Fehler, stellt sich erstmals in den Dienst der Gemeinschaft und wird dafür am Ende von Elmar Gun… äh, Aslan natürlich, erlöst. Das heißt, er bekommt seine ursprüngliche Gestalt zurück und freut sich erstmals „ein Junge“ zu sein (statt den besserwisserischen Erwachsenen zu geben).

Die Rooney-Nase hat er immer noch. Aber man findet sie nicht mehr ganz so unsympathisch.

Es mag an meiner Tagesform gelegen haben – irgendwie hat mich dieser Film nicht so recht berührt. Vielleicht deshalb, weil er sehr an seiner literarischen Vorlage klebt, allerdings selbst mit guter Computergrafik das innere Ringen des Eustachius nicht annähernd so umsetzen kann, wie es der allwissende Erzähler im Buch darstellt. Aber auch die anderen Charaktere bleiben recht schablonenhaft. Nur ein Akteur spielt alle anderen an die Wand: Reepiecheep. Das sagt eigentlich alles…

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Ein gemachter Mann

Ich wusste erst gar nicht, wie mir geschieht: „Melissa, machst du mal den Herrn da?“, rief die Verkäuferin in der Bäckerei ihrer Kollegin zu. Melissa bequemte sich mi mir herüber, und machte – das heißt, sie reichte mir die Apfeltasche aus der Theke und kassierte.

Tja und dann verließ ich den Laden wieder als gemachter Mann! So schnell kann es gehen 🙂

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Unerhört…

Vor einer Weile war ich auf dem Land in einer großen evangelischen Kirche. Es war nachmittags unter der Woche und ich war allein. Vor dreißig Jahren muss ich schon mal da gewesen sein, aber ich konnte mich an gar nichts mehr erinnern. Also schaute ich mich neugierig um. Hinten im Kirchenschiff hing ein schwarzes Brett mit etlichen Anschlägen. Darunter auch ein weißes Blatt mit Stichworten zum Thema „Warum Gott Gebete nicht erhört“.

Es war eine grausige Liste, ein wahrer Lasterkatalog: Selbstsüchtige Bitten, heimliche Sünden, Stolz und was sonst noch alles mein Anliegen in Gottes Spamfilter landen lässt – bestimmt acht oder zehn deprimierende Punkte. Je nachdem wie selbstkritisch man ist, wagt man sich gar nicht mehr vor mit seinem Anliegen, dachte ich. In dieser Einseitigkeit ist die Aufzählung mit ihren vielen Bibelstellen trotzdem falsch. Denn manchmal schweigt Gott eben, und niemand kann sagen, warum.

Dann sah ich aber: Jemand hatte etwas mit Bleistift druntergekritzelt. Da stand dann (den genauen Wortlaut weiß ich nicht mehr): „Ich finde das eine menschliche Anmaßung“. Recht hat er, der unbekannte Protestler. Ich hoffe, die Liste mit dem Kommentar bleibt da noch lange hängen.

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Der Schrei

Ich stehe im Baumarkt etwas ratlos vor den Regalen, um einige Dinge im Haus zu ersetzen oder zu reparieren, da geht ein Kunde auf die Verkäufer zu, die etwa 5 Meter entfernt an ihrem Service-Punkt stehen. Seinen Fahrradhelm samt gelbem Regenüberzug hat der große Mann gar nicht abgesetzt. Er fragt nach einem Ersatzteil für eine wandmontierte Toilettenschüssel und bekommt – ich kann es nicht genau hören und eigentlich interessierte es mich auch gar nicht – erklärt, dass es das betreffende Teil wohl nicht mehr gibt.

Das ist offenbar nicht die Antwort, die der Mann hören wollte, und plötzlich brüllt er aus Leibeskräften (die angesichts seiner Statur erheblich schienen) „Scheiße“ in den von säuselnder Hintergrundmusik beschallten, ruhigen Markt. Und ein paar Sekunden später noch einmal. Sachlich zwar einerseits korrekt, es ging ja um eine undichte Toilette, irgendwie war der Wutanfall aber doch unangemessen. Der Kopf leuchtete rot unter dem gelben Helm, als er sich allmählich entfernte. Er verschwand hinter den hohen Regalen, aber man konnte ihn in den folgenden zwei Minuten noch drei bis viermal sein Stichwort rufen hören.

Ich habe keine Helm dabei und bin mir nicht ganz sicher, ob der jähzornige Zeitgenosse nicht noch anfangen würde zu randalieren, aber die Verkäufer sehen alle noch sehr gelassen aus. Einer von ihnen kommt herüber, um mich zu beraten. Ob sie so etwas öfter erleben? Solche Ausbrüche von Aggression finde ich unheimlich „ansteckend“, sie lösen entweder Angst aus oder Empörung (weil sich da jemand gehen lässt) und Gegenwehr (weil er die Grenzen anderer verletzt, wenn er sie an- bzw. einfach herumschreit).

Keine Ahnung, welche Laus dem Mann über die Leber gelaufen ist, ob er vielleicht einen Sprung in der Schüssel hat, oder ob er in einem alten Psychoratgeber gelesen hat, man müsse seinen Ärger möglichst umgehend herausschreien, um gesund zu bleiben. Er sieht nicht sehr erleichtert aus nach der Aktion. Und ich bin erst dann erleichtert, als er außer Sicht- und Hörweite ist. Selbstbeherrschung ist etwas Schönes. Zum Glück schaffen die meisten von uns das an den meisten Tagen ganz gut.

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Geistreiches Gespräch

Ich habe ein Wochenende mit den MitarbeiterInnen der GGE Westfalen verbracht. Trotz familiärer Verbindungen hatte ich den Kontakt in den letzten Jahren etwas verloren. Aber ich war angenehm überrascht von der bunten Gruppe aus allen Altersschichten, den aufgeschlossenen Leuten und deren große Bereitschaft, sich auf neue und herausfordernde Themen und Gedanken einzulassen.

Einer der schönsten Momente kam ganz am Ende. Einer der älteren Teilnehmer kam auch mich zu. Er hatte in der Feedbackrunde erzählt, dass er erwartet hatte, das offizielle Tagungsthema „Zeitgeist und Heiliger Geist“ verständlich aufgeschlüsselt zu bekommen, aber das hatte so nicht funktioniert. Nun fügte er erklärend hinzu: „Ich hatte erwartet, dass du mir das meinen Denkstrukturen erklären würdest. Aber es ist etwas anderes geschehen: meine Denkstrukturen sind aufgebrochen worden.“

Ich war erst einmal sprachlos. So etwas ist ja menschlich eigentlich gar nicht zu machen. Ich weiß, dass ich Leuten oft anstrengende Denkprozesse zumute. Dann reagieren manche, selbst deutlich jüngere, mit einem ratlosen Achselzucken oder auch schroff abwehrend. Aber wo die Verständigung gelingt und jemand sich auf neue Wege mitnehmen lässt, da ist Gottes Geist am Werk. Von allen Erfahrungen ist das eine der ermutigendsten, wenn statt des babylonischen Alltagsrauschens so ein Verstehen stattfindet, an dem nicht nur der Verstand, sondern auch das Herz so intensiv beteiligt ist. Ich hoffe, dass ich diese innere Freiheit und Größe, die mir hier begegnet ist, auch habe, wenn ich eines Tages mal die 70 überschritten habe.

Und so fahre ich im überfüllten ICE sehr beschenkt wieder aus dem nebligen Ruhrgebiet in den sonnigen Süden.

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Abschiedsschmunzeln

Meine Internetverbindung war einige Tage gekapt – ich habe mit zwei Mitreisenden nach dem Kongress noch zwei Tage in Hout Bay drangehängt, während der ich die folgenden Posts geschrieben habe. Hier nun der erste:

Der Kongress endete mit einer kleinen Überraschung für mich. Am Vortag hatte ich auf dem Blog einer anderen Kongressteilnehmerin gelesen, dass Erzbischof Orombi eine eher unglückliche Rolle spielt bei dem Vorhaben, praktizierte Homosexualität in Uganda unter drakonische staatliche Strafen zu stellen. Ich konnte das mit dem begrenzen Internetzugang nicht mehr umfassend recherchieren, fand aber zumindest auf die Schnelle keinen klaren Beleg dafür, dass Orombi sich wie Rick Warren engagiert dagegen ausgesprochen hätte, lediglich die Todesstrafe ging ihm offenbar doch zu weit.

Hier liegen, das hört man auch in manchen Gesprächen durch, immer noch Welten zwischen den meisten Christen im Westen und denen aus Asien und Afrika. Aber auch einige junge Afrikaner sind nachdenklich. Einer sagte mir, er glaube, die Christen seien mit Homosexuellen bisher nicht gut umgegangen. Anders als die Reden im Plenum vermuten lassen, gibt es hier eine erstaunliche Meinungsvielfalt.

Ob zu Recht oder zu Unrecht, ich ging, nachdem ich meine abendliche „Lausagne“ verdrückt hatte, mit einem mulmigen Gefühl in den Abschlussgottesdienst, der optisch, musikalisch und liturgisch opulent ausfiel – very britischer Pomp and Circumstance. Und dann geschah das ganz Unerwartete: Dem großen Erzbischof versagte, als er die Abendmahlsliturgie anstimmen wollte, die Stimme und sie kam auch nicht wieder. So musste Doug Birdsall einspringen, das tat er auch mit Bravour, assistiert von Grace Matthews. Und ich ging mit einem Mal sehr entspannt am Tisch auf der großen Bühne vorbei, um Brot und Wein zu empfangen.

Jede(r) wird das bestimmt anders bewerten, und eine Koinzidenz ist natürlich keine Kausalität. Für mich war es trotzdem ein kleines Augenzwinkern Gottes – und eine Erinnerung daran, dass er hin und wieder durch Schweigen lauter reden kann als durch viele Worte.

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Ausgebüchst…

Der letzte Tag verlief ganz ungeplant. Ich konnte spontan (und daher deutlich underdressed) mit zu einem Gottesdienst in Khayelitsha, einem Township mit geschätzten 2 Millionen Einwohnern. Bei der Grace Assembly wurden wir freundlich aufgenommen und konnten einen Gottesdienst unterm Wellblechdach erleben – ausgesprochen fröhlich und positiv, völlig frei vom Prosperity Gospel. Pastor Cyprian Nqanda predigte lebendig und mutmachend über das Hohelied der Liebe und im Anschluss besuchten wir noch die Suppenküche der Gemeinde, wo am Vortag noch rund 100 Kinder zu essen bekommen hatten.

Auf den Fluren des Kongresszentrums herrscht Abschiedsstimmung. Das Abendprogramm der letzten Tage fand ich seltsam uninspiriert – aber vielleicht ist das auch nur Müdigkeit. Gestern wurde das offizielle Kongressdokument verteilt, es enthält wenig Aufregendes. Gibt es noch einen Höhepunkt am Ende oder plätschert es halt so dahin? Ich werde es gleich herausfinden. Aber dass ich neben der Disney-Version von der Bühne nochmal ein Stück südafrikanische Realität erlebt habe, ist gut.

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Pflasterfarben

Beim Abendessen kam ein Kellner vorbei, der ein Pflaster über der Augenbraue trug. Es war hautfarben, deswegen fiel es so auf – denn die Hautfarbe war europäisch, nicht afrikanisch. War nur kein passendes da, oder gibt es die gar nicht?

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Frieden säen

Rolf Zwick hat mich heute zu einer Dialogue Session des Reconciliation Network mitgenommen – sehr spannend, was da läuft. Ich habe die ersten Einheiten an den Vortagen verpasst, aber eine Geschichte hat mich berührt. Neben mit saß ein junger Pastor aus Nigeria. Er hat mit 27 jungen Muslimen Versöhnung und Gewaltprävention eingeübt. Als kürzlich Unruhen ausbrachen und wütende Muslime seine Kirche zerstören wollten, kamen diese Männer, stellten sich um das Gebäude herum auf und ließen keinen durch.

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Kapstadt, Tag 5: unerreichte Haltungen

Der vorletzte Tag begann mit einer Bibelarbeit über Integrität. Calisto Odede aus Kenia rief sehr eindringlich zu einem glaubwürdigen und transparenten Lebenswandel auf. Ich fragte mich zwischendurch: Wenn ich meine nichtchristlichen Nachbarn ansehe, dann finde ich, dass die Kontraste im Lebensstil weniger scharf ausfallen, als sie in diesem steilen Bibeltext erscheinen. Die Bereitschaft zur Selbstkritik hier ist sehr groß, und das ist gut. Manchmal frage ich mich dennoch, ob wir nicht mehr brauchen als Appelle. Das Erschütternde ist ja oft auch, dass gerade dort, wo moralische Appelle laut und häufig sind, schlimme Dinge passieren. Was bedeutet es also praktisch, Christus anzuziehen?

Nun spricht zur Abwechslung – ein Brite: Chris Wright. Das größte Hindernis für die Erfüllung von Gottes Verheißung sind, sagt Wright, nicht die „Heiden“ oder die „Welt“, sondern dass Gottes eigenes Volk falschen Göttern auf dem Leim geht. Wright nennt Macht und Stolz, Erfolg und Beliebtheit, Reichtum und Gier, und zitiert die Kritik der großen Propheten Jesaja und Jeremia. Auf der Leinwand an der Rückseite der Halle steht, während Wright redet, groß „speak slower“. und jetzt nimmt er tatsächlich das Tempo etwas heraus…

Jesus hat sich, als er in der Wüste versucht wurde, eben diesen Versuchungen gestellt und sie überwunden. Die Reformation war nötig geworden, weil die spätmittelalterliche Kirche ihnen weitgehend erlag. Heute haben wir an vielen Orten wieder autokratische Superapostel, übertriebene Statistiken und geschönte Erfolgsstorys und ein Wohlstandsevangelium, das irre Blüten treibt. Heute also brauchen die Evangelikalen eine Reformation. Demut, Integrität und einfaches Leben – Richard Rohr hätte das heute auch gefallen.

Femi Adeleye erklärt die Logik des Wohlstandsevangeliums. Sein Cousin hat einen VW Käfer seiner Kirche gespendet, in der trügerischen Erwartung, dass Gott ihm einen Mercedes schenkt. Wie hatte neulich jemand hier gesagt: Nicht Armut ist das Problem unserer Welt, sondern Reichtum. Geben, Spenden ist etwas anderes als die Investition in Fonds mit unanständig hohen Renditen. Es bedeutet, mit andern zu teilen – besonders mit denen, die in unserer Gesellschaft nicht angesehen sind (auf der Leinwand hinten steht „stop“). Geld, sagt Adeleye, ist Macht und eine spirituelle Macht dazu. Christen müssen sich ihrem Zwang widersetzen.

Es geht weiter zur Frage der Frauenrechte, die an vielen Orten mit Füßen getreten werden. In der Kirchengeschichte haben Frauen immer wieder einen ganz besondere Rolle gespielt. Elke Werner spricht von der Möglichkeit, dass Christen ein konstruktives Verhältnis der Geschlechter im Sinne von Galater 3,28 vorleben können. Aber selbst in christlichen Gemeinden und Familien werden Frauen benachteiligt oder klein gehalten. Gott hat Männer und Frauen begabt, nun müssen sie lernen, in ihrer Unterschiedlichkeit zusammenzuarbeiten. Gott, so meint sie, sei vielleicht an den Diskussionen über complementarianism und „egalitarianism“ gar nicht so interessiert. Nun, auf ihre Art hat sie diese Frage ja auch beantwortet. Die Frauen im „Women’s Cafe“ zeigen sich in der Mittagspause hochzufrieden.

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Kapstadt: Briten, Pyramiden und mehr

Ich habe auf diesem Kongress eine neue Anbetungshaltung kennengelernt: man sieht überall erhobene Hände beim Singen, und wenn es dunkel ist im Auditorium leuchten aus diesen Händen kleine Lichter – keine Feuerzeuge, sondern Digicams. Manche Leute drehen sich dazu langsam im Kreis, um das Panorama einzufangen. Neben Kameras sieht man auch schon relativ viele iPads an den Tischen und auf den Fluren. Die kleinen Dinger sind eben einfach verdammt praktisch. Das WLAN hier schwächelt leider einmal mehr.

Am Vormittag ging es darum, dass noch über 600 Volksgruppen weltweit mit über 50.000 Menschen nicht erreicht werden. Ein paar können wir von der Liste wieder streichen: Dass es in Deutschland Gehörlosenseelsorge gibt und tamilische oder mandarin-chinesische Gemeinden war hier offenbar nicht bekannt (was die Frage nach den Gewährsleuten aufwirft, und ob die restlichen Daten ebenso „gut“ recherchiert sind). Trotzdem bleibt natürlich noch viel zu tun, und wir wurden von Paul Eshleman (der m.E. Horst Köhler recht ähnlich sieht) gleich zu einer Selbstverpflichtung eingeladen. Ich war nicht der einzige, für den das alles etwas plötzlich kam.

Die Bibelarbeit heute kam wieder von einem Briten, inhaltlich nicht schlecht (und endlich mal wieder ein Witz!!), aber der Raum, den die angelsächsischen Redner hier in den Plenumseinheiten einnehmen, ist jenseits aller sinnvollen Proportionen. Und die Männer. Frauen und Teilnehmer aus dem globalen Süden (der offenbar auch Indien einschließt) kommen in kurzen persönlichen Geschichten zu Wort. Aber weiße Männer erklären uns die Bibel und die Welt?

Zumindest haben wir in der Multiplexeinheit zu Mission im urbanen Kontext neben Tim Keller auch einen Portugiesen und einen einen Filipino, Raineer Chu, der über die Marginalisierung der Armen spricht. Er sagt, inzwischen hat China, was soziale Gegensätze angeht, Kapstadt von der Weltspitze verdrängt. Und erklärt den Unterschied zwischen Menschen (auch Christen), die Pyramiden bauen, und andere, die Beziehungen bauen.

Meine „Dialogue Session“ über Global Religious Trends 2010-2020 war überfüllt, also gehe ich noch eine Runde an die Sonne, die heute wieder scheint – der freie Tag ist ja vorbei. Mein Magen fühlt sich etwas flau an, das wird aber eher am Kaffee liegen als an Krokodil und Springbok, die ich gestern Abend bei „Mama Africa“ auf dem Teller hatte. Es gibt hier schon sehr interessante Kontraste: gestern sah ich eine Dudelsackkapelle der südafrikanischen Armee in der Nähe der Festung paradieren. Ungefähr so bizarr, wie wenn Massai „Ein feste Burg“ singen würden. Gab’s ja auch alles 🙂

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Kapstadt: noch mehr Lichtblicke

Der gestrige Tag fand ein versöhnliches Ende. Am Abend sprach Tim Keller kurz über die Rolle von Großstädten bei der Entwicklung der Zukunft und was Gemeinden dort beherzigen müssen: interkulturelle Sensibilität entwickeln, den Künsten einen breiten Raum geben, sich den Herausforderungen der Berufswelt geistlich und praktisch stellen, sich für Gerechtigkeit ebenso leidenschaftlich einsetzen wie für das Evangelium, mit anderen Christen und Institutionen kooperieren und offen bleiben für kontinuierliche Veränderungen wie auch zwischenzeitliches Chaos.

Beim anschließenden Bier feierten wie die beiden Oldies Padilla und Escobar, die nach einer etwas lang geratenen Retrospektive den Spirit der Lausanner Bewegung auf den griffigen Nenner brachten: Jüngerschaft, Gerechtigkeit und Einsatz für das globale Ökosystem. Gracias, hermanos!

Heute nahm ich an einer Exkursion nach Fish Hoek teil, wo wir die Sozialarbeit „Living Hope“ besichtigt haben. Eine Baptistengemeinde, die „King of Kings Church“ mit 300 Mitgliedern, hat dort mehrere Zentren mit rund 170 Angestellten und ein paar hundert freiwilligen Helfern. Pastor John Thomas hat das Projekt vor zehn Jahren angestoßen, als er dramatische Zahlen zur AIDS-Problematik hörte. Ein Drittel der HIV-Infizierten leben in Südafrika, wenn ich das heute richtig verstanden habe. Inzwischen hat sich die Arbeit ausgeweitet und man arbeitet mit Schulen und Kliniken der Region zusammen. Näheres kann man unter www.livinghope.co.za in Erfahrung bringen.

Der freie Tag ist etwas grau geraten, ich bin froh, dass wir am Sonntag auf dem Tafelberg waren. Also bin ich etwas durch die nicht so schrecklich pittoreske Innenstadt flaniert, habe endlich bei einem Geldautomaten Erfolg gehabt, in Mariam’s Kitchen ein Curry verspeist und bei einem Cappuccino Terry Eagletons vor Ironie und Wortwitz strotzendes „Saints and Scholars“ gelesen.

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Kapstadt, dritter Tag

Ich sitze in den Company Gardens unter einem alten Baum mit Blick auf den allgegenwärtigen, heute k verhangenen Tafelberg und lasse Tag 3 bisher Revue passieren. Die Vormittagseinheit übe christliches Zeugnis gegenüber der islamischen Welt (besser noch: in der islamischen Welt) war insgesamt ermutigend. Sehr gut Fan ich den letzten Redner, Ziya Meral, der kurz und präzise westliche und leider oft auch christliche Fehler im Blick auf den Islam ansprach. Ich hoffe, er ist auch bald online zu hören. Das war im Ton und Inhalt freundlich, klar und differenziert in der Sache.

ähnlich gut verlief auch die Multiplexeinheit am Nachmittag zum Thema Islam. Vieles drehte sich um die Situation von Menschen, die aus einem islamischen Kontext zu Jesus finden. Sie wird nämlich nicht nur von Muslimen, sondern auch den Mitchristen erheblich kompliziert. Neben den MBB („Muslim background believers“) ging es auch um verschiedene Ansätze christlicher Mission im Laufe der Geschichte. Gut zu hören, dass der konfrontative Weg weitgehend aufgegeben wurde, wegen Erfolglosigkeit. Es kam aber auch klar heraus, wie westliche Interventionen in der arabischen Welt auf die Muslime wirken und welche Folgen die – so wird es erlebt – erzwungene Modernisierung für die Christen vor Ort hat. Hier denke ich, dass Christen auch gegenüber modernistischer Islamkritik um Verständnis für Muslime werben müssen und pauschalen Urteilen entgegentreten.

Meine Tischgruppe – heute waren es am Ende nur mein Gegenüber aus Ruanda und ich – ist weiterhin eine Freude. Man kommt aber auch sonst ganz unkompliziert ins Gespräch. Die Inder geben mit immer ihre Businesscards (ich hab nicht mal eine), und heute blieb ich in der Pause bei einem Pfingstpastor aus Zimbabwe hängen, der mehrfach bedroht wurde und als Unruhestifter von den Behörden öffentlich beschuldigt wurde. Ich wünschte, alle Christen aus dem Westen – mich eingeschlossen – hätten auch nur annähernd die Reife und den Mut dieses Mannes. Am Tag, nachdem die Zeitungen ihn auf der Titelseite denunziert hatten, ließ er sein Auto stehen und ging überallhin zu Fuß, um zu zeigen, dass er keine Angst hatte. In Zimbabwe arbeiten Evangelikale, Pfingstler, Lutheraner und Katholiken zusammen an einem friedlichen Wandel. Es geht frustrierend langsam, hörte ich heute, aber es bewegt sich etwas.

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Hölle statt Liebe?

Die emotionalen und theologischen Wechselbäder dauern an. John Pipers Bibelarbeit heute markierte den zeitweiligen Tiefpunkt des Kongresses. Es war wohl kein Zufall, dass nach seinem Vortrag die übliche Diskussionsrunde fehlte.

Die Liebe Christi war das Motto, aber Piper verwandelte es in einen buchstäblichen Höllenritt, und das ist bei der Textgrundlage von Epheser 3 ein echtes Kunststück. Es fing schon an mit seinem Auftreten. jedes dritte Wort wurde, manchmal schon unerträglich laut, betont, als müsse man den Leuten die Wahrheit einhämmern. Dazu eine ausladende, ruckartige Gestik und gelegentlich schloss der Meister für mehrere Sätze verzückt die Augen.

Der Vortrag fehlte jeder konkrete Bodenkontakt, er spielte sich komplett in höheren Sphären ab. Piper unternahm den Versuch erst gar nicht, es Ruth Padilla DeBorst nachzutun (mehr Frauen, bitte, bitte!). Aber weil im Text „Mächte und Gewalten“ auftauchen, stürzte sich unser Ausleger sofort auf den kosmischen Kampf gegen das Böse und ordnete alles diesem Thema unter. Das erlaubte ihm, sich auf Themen zu verlagern, die im Text gar nicht vorkamen. Plötzlich war vom Teufel die Rede und die Hölle, die bei Paulus nur im Sinn von Totenreich, nicht aber als ewig-jenseitige Folterkammer erscheint, war auch gleich im Spiel, Sünde, Schuld und der Zorn Gottes folgten auf dem Fuß.

Es war einfach dreist, wie Piper das gestrige Referat dann auch explizit konterkarierte und sich dabei auf eine göttliche Eingebung am Vortag berief. Er ging zurück auf Eph 2,3 und sagte, man verstehe das Evangelium erst dann richtig und Evangelisation erst dann richtig, wenn man verstehe, dass „Gott wütend sei auf die Welt“. Da war er wieder, der janusköpfige Gott der Calvinisten, der seinen Sohn als Puffer braucht, um die Gewalt abzufedern, die sonst seine „sündigen, korrupten und rebellischen“ Geschöpfe träfe.

Ich hatte in meiner Naivität gehofft, solche Töne hier nicht mehr zu hören. Aber Pipers manipulative Attacke auf die Hörer war noch nicht zu Ende. Er verwies auf den gestrigen Tag, in dem es um das Leid in der Welt gegangen war, und bat darum, diesem Anliegen das der Abwendung ewigen Leids (also der Hölle, die er anfangs eingeschmuggelt hatte) an die Seite zu stellen. In dem Satz, der dann aber die Zustimmung der Delegierten einforderte, hatte Piper sein eigentliches Anliegen dem sozialen aber rhetorisch vorgeordnet. Viele haben da wohl nicht bemerkt, es war einfach ein schlaues Schurkenstück, was er da abgezogen hat.

Die Organisatoren hatten am ersten Tag großspurig angekündigt, beim Überschreiten des Zeitlimits das Mikro abzudrehen. Heute haben sie eine große Gelegenheit verpasst, ihre Glaubwürdigkeit unter Beweis zu stellen.

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