Frietes und Fietsen

Ich war eine Woche in den Niederlanden. Meine Frieten-Ration für die nächsten vier Jahre habe ich in dieser Zeit verdrückt und dabei ein paar neue Worte der sympathischen Sprache gelernt: Bromfietsen etwa, die im anarchischen Straßenverkehr von Amsterdam ähnlich wie in Rom hunderte von atemberaubenden Beinahe-Unfällen produzieren – jedenfalls sieht es für den unbedarften Beobachter so aus. Inzwischen habe ich auch den Unterschied zum Snorfiets gelernt: Das eine ist ein Moped, das andere ein Mofa (bis 25 km/h).

Der Erlanger fühlt sich im Fietsengewimmel der Grachtenstadt schnell zuhause und freut sich, dass man nun jedem Nürnberger, der sich über das Fahrradaufkommen und die laxe Interpretation der StVO in der Hugenottenstadt mokiert, nun sagen kann, er solle mal ein Wochenende am Ij verbringen, dann würde ihn hier nichts mehr aufregen. Verschrottet werden Räder dort erst, wenn die Klingel kaputt ist. Die braucht man nämlich ständig.

Sehr entspannt ist dagegen der Autoverkehr in Holland. Dicke Premium-Karossen finden sich dort deutlich seltener als bei uns, was beweist, dass Audi, BMW und Mercedes allen Grund haben, sich vor einem Tempolimit auf heimischen Autobahnen zu fürchten. Gleichwohl fährt es sich so viel stressfreier und spritsparender, dass man der Regierungskoalition den Mut wünscht, sich von der Autolobby möglichst flott zu emanzipieren und etwa für Dienstwagen Steuervorteile zu streichen und scharfe Grenzwerte in Leistung und Verbrauch durchzusetzen.

Von einer Mediamarkt-Tüte habe ich gelernt, dass deren Slogan auf Niederländisch „ik ben toch niet gek“ heißt. Und bin in der Folge auf Buurtal von Alexandra Kleijn gestoßen – ein Blog, der sich um die Verständigung zwischen Deutschen und Niederländern kümmert. Dabei spielt auch das Essen eine wichtige Rolle. Wer demnächst im Nordwesten Urlaub machen will, kann sich da schon mal schlau machen in Sachen Sprache, Küche und Kultur.

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„Wir können auch anders“

Ich kam gestern an einer Ampel zu stehen, neben der ein Plakat zur „FSK 49“ Party einlud (vielleicht fiel es mir auch deshalb auf, weil die 49 nicht mehr soo weit ist). „Die Party für Menschen im besten Alter „, stand da. Und drunter ganz keck: „Wir können auch anders!“

Mag sein, dachte ich, aber nicht mehr lange

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Die „Kirche ohne Kopf“

Beim wegen herannahenden Regens dann doch indoor abgehaltenen „OpenER Gottesdienst“ gestern habe ich von einem Jungen gehört, der das Gemeindehaus am Bohlenplatz sehr treffend als die „Kirche ohne Kopf“ bezeichnet hat.

Bin ich froh, dass wir nur ein Nutzer unter anderen sind – weder der Eigentümer (das ist die Kirchengemeinde Erlangen-Neustadt), noch der mit dem größten Raumbedarf (das ist die Erlanger Universitätsmusik). Insofern treffen wir uns zwar in der Kirche ohne Kopf, ohne uns im „verkopften“ Erlangen den Vorwurf der Kopflosigkeit einzuhandeln.

„Kopflos“ ist die ehemals deutsch-reformierte Kirche immer geblieben, weil das Geld für einen Weiterbau des Turmes 1779 ausging. Immerhin hat das Haus unter seinem Pfarrer Christian Krafft (1784-1845) eine wichtige Rolle in der bayerischen Erweckungsbewegung gespielt. Ohne Köpfchen wäre das schwer möglich gewesen. 🙂

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Spammer geht’s nicht

Ein Spammer hat meine Phantasie beflügelt. Er hatte ein „klassisches Zeitmesser“ im Angebot. Manchmal ergeben die Google-Translate Fehler ja einen unerwartet neuen Sinn, wie in diesem Fall.

Mit einem Zeitmesser könnte man schöne Tage längs zerschneiden und aneinander hängen, damit sie doppelt so lange dauern. Oder aus trüben Tagen die besonders düsteren Momente herausschnippeln. Und was für ein Effekt würde wohl bei diagonalen Schnittmustern eintreten?

Man könnte vielleicht auch den einen oder anderen Moment von früher ausschneiden und irgendwo wieder einsetzen, wo er besser hinpasst.

Tja, so ein Zeitmesser könnte wirklich nützlich sein.

Aber leider vertickt der Spammer bloß Ramschuhren.

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Wer was so sieht…

Neulich – es ist schon eine Weile her – kam das Gespräch auf Person x, die ich kannte. Person y sagte, man sehe x seine Schwierigkeiten ja schon von weitem an und sie frage sich, was dahinterstecke und warum sich da eigentlich nichts spürbar verändere. Das mit dem deutlich sichtbaren Problem war ein zutreffende Beobachtung. Allerdings galt sie auch für y, das hatte ein paar Wochen zuvor Person z einmal besorgt angemerkt.

Ich musste mir deshalb kurz auf die Zunge beißen. Dann fiel mir ein: Bestimmt sind sich sowohl x als auch y der Tatsache bewusst, dass sie keine problemlosen Persönlichkeiten sind. Andererseits haben beide ihre guten Seiten und ausgesprochene Stärken. Wie wir alle.

Manchmal wüsste ich zwar auch gern, wie es ihnen im Einzelnen so geht mit diesen Baustellen, die man von außen sehen kann. Und dann denke ich: Vermutlich auch nicht sehr viel anders als mir mit den Baustellen, die ich bei mir mit einigem Unbehagen sehe – wenn ich sie sehe Vielleicht gibt es bei ihnen aber auch noch ganz andere Themen, von denen ich nichts weiß, die jedoch mehr Kraft kosten und Vorrang haben.

Gut also, wenn man sich in einer Umgebung befindet, in der Probleme weder ignoriert oder totgeschwiegen werden, noch großes Gerede (oder gar Geschrei) entsteht, wenn sie hier und da zum Vorschein kommen, wo aber vielleicht mal ein freundlicher Hinweis kommt, ob man sich dieser oder jener Sache auch selbst bewusst ist.

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Unanständige Werbung

Heute flatterte mir mal wieder ein Flyer für ein christliches Trainingsprogramm ins Haus, der rhetorisch nicht gerade bescheiden daherkam. Dinge, an denen manche Leute, die ich lange kenne und deren geistliche Reife ich wirklich schätze, Jahre arbeiten (und auch dann mit recht unterschiedlichem „Erfolg“) erschienen da als Resultate eines recht überschaubaren (aber nicht ganz billigen) Prozesses.

Und ich fragte mich beim Durchlesen: Darf man so etwas eigentlich versprechen, wenn dass zum Teil doch eher Dinge sind, die nur Gott tun kann? Gibt es eine Art freiwiliige Selbstkontrolle christlicher Einrichtungen, die solche Dokumente prüft und gegebenenfalls beanstandet, oder kann jeder schreiben und versprechen (beziehungsweise mehr oder weniger unverblümt in Aussicht stellen), was er will?

Um nicht falsch verstanden zu werden: Manche Dinge können wir tatsächlich „machen“ und das darf man auch gern versprechen. Gute pädagogische Konzepte zum Beispiel oder professionelle Musik. Andere Dinge können wir nicht machen: Ob jemand die professionelle Musik schön findet oder davon emotional tief berührt wird, ob Gemeinschaft tatsächlich als authentisch empfunden wird, das liegt nicht in unserer Hand. Noch viel schwieriger ist es, wenn wir mit göttlichen Offenbarungen und Einblicken winken.

Wir dürfen uns gern vor Gottes Karren spannen lassen. Aber umgekehrt geht das eben nicht. Wie bei dem unsäglichen „die Bibel garantiert es“ zum inzwischen sang- und klanglos verstrichenen Weltuntergangstermin am letzten Wochenende. Die Leute, die darauf hereingefallen sind, haben vielleicht schon lang zu viel fromme Propaganda konsumiert, die mit nicht gerade bescheidenen sprachlichen Mitteln ihre von keinem Zweifel angenagten Gewissheiten von sich gab.

Auch deswegen wäre eine Selbstkontrolle gut. Sie hilft, unnötigen Frust zu verhindern.

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Nachrichtenkater

Die letzten dreieinhalb Wochen hatten Nachrichten Hochkonjunktur. Eigentlich ging es schon etwas länger, die Revolutionen in Tunesien und Ägypten markierten den Anfang. Ich konnte morgens aufstehen und nach den Nachrichten sehen und es war immer aufregend, wichtig und neu; zuletzt noch die spannende Wahl in Baden-Württemberg.

Am ersten April brach dann die große Verlegenheit aus. Welchen Bären konnte man den Lesern/Zuschauern denn nun noch aufbinden? So viel war eingetreten, das niemand für möglich gehalten hätte. Und seither zieht sich alles gefühlt in endlose Länge: Fukushima leckt Wasser und sucht die undichte Stelle, die FDP leckt ihren Wunden und diskutiert, wer im Präsidium nicht ganz dicht sein könnte. In Libyen geht es zäh hin und her, aber nicht mehr vorwärts in eine klare Richtung. Nicht einmal ein Trainerwechsel in der Bundesliga bahnt sich noch an – gibt es womöglich ein Moratorium in der DFL?

Als hätte jemand den Gang herausgenommen. Aber das mörderische Tempo von Hiobsbotschaften kann ja kein Mensch durchhalten. Manches von dem, was sich in den letzten Tagen ereignet hat, wird uns noch viele Monate und Jahre beschäftigen. Der Faktor Nervenkitzel wird schwinden. In Nordafrika wird es ein langer und anstrengender Aufbau stabiler Demokratien, in Japan wird es ein langes Aufräumen der Erdbebenschäden und ein noch viel längeres Leiden an den bereits eingetretenen nuklearen Folgen geben. Und das sind ja nicht die einzigen komplizierten Krisen, die es auf der Welt gibt.

Für etwas Zerstreuung sorgen inzwischen Prinz William und die FDP. Gönnen wir es ihnen. Vielleicht sollten wir die abflauende Katastrophenfrequenz auch dazu nutzen, über grundlegende Dinge nachzudenken: Was zählt langfristig und macht – ohne schädliche Nebenwirkungen für andere – nachhaltig glücklich? Was bedeutet das für unsere Energieversorgung, für unsere Menschenrechtspolitik und Geschäftspartnerschaften? Was hält mich, wenn meine Welt erschüttert wird, meine Überzeugungen, meine Identität? Wie kann ich meine Wurzeln festigen?

Zeit, den Rechner zuzuklappen und mal wieder ein paar Klassiker aus dem Regal zu holen.

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Weisheit: Kann weniger mehr sein?

Im Laufe der letzten Jahre habe ich zwei Dinge beobachtet. Manche Details oder einzelne „Fakten“, die ich mal wusste, habe ich vergessen. Die Mathe-Hausaufgaben meiner Jungs erinnern mich schmerzlich daran, dass ich das in grauer Vorzeit mal richtig gut konnte. Gut, es ist auch neues Wissen dazugekommen (mein Englisch ist heute viel besser). Quantitativ gesehen könnte es aber trotzdem sein, dass ich tatsächlich „weniger“ weiß. Zum Glück kann man die Informationsdichte des internen Arbeitsspeichers nicht in Bytes messen.

Auf der anderen Seite gelingt es mit der Zeit aber besser, das vorhandene Wissen miteinander zu verknüpfen. Aus Fäden werden Netze, die etwas halten können und in denen Neues einen Platz finden kann. Dadurch wird es leichter, Dinge zu beurteilen und dabei zugleich differenziert zu bleiben. Qualitativ nützt mir mein Wissen mehr, oder ich weiß mehr damit anzufangen.

Weisheit, so gesehen, liegt nicht in der absoluten Anzahl der gespeicherten „Informationen“, sondern in der Fähigkeit, möglichst viele und möglichst vielfältige Beziehungen zwischen ihnen herzustellen. Oder wie Bernhard von Mutius in Die andere Intelligenz schreibt: „Nachzugehen wäre den dynamischen Relationen der Dinge, aufzuspüren wäre das »Dazwischen«, neu zu lernen wäre das In-Beziehungen-Denken.“

Manchmal merke ich, wie ich mit einem Kopf voller Fragmente durch die Gegend laufe und darauf warte, dass ich in dem scheinbaren Wirrwarr, von dem ich ahne, dass eine Ordnung existiert, ein Muster erkennen kann. Ab und zu gelingt das inzwischen auch.

Das sind freilich subjektive Empfindungen, und mancher treue Kritiker dieses Blogs wird jetzt mit der Versuchung ringen, mich vom Gegenteil zu überzeugen… 🙂

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Arme, reiche Stadt

In meiner Nachbarschaft soll demnächst das Max-Planck-Insitut für die Physik des Lichts entstehen. Stadt und Uni (letztere jüngst gescheitert im Wettbewerb um Elite-Status) sind begeistert über das Vorzeigeprojekt. Der Pferdefuß: Eine der schönsten Freiflächen, die nahtlos in ein Naturschutzgebiet übergeht, wird dafür zerstört. Erst 1,5 Hektar, aber die Planer lassen keinen Zweifel daran, dass sie die ausgewiesenen 13 ha komplett nutzen werden. Der Standort sei alternativlos, wird immer wieder gesagt, wobei in den Diskussionen, die ich mitbekommen habe, nie so ganz klar war, welche Alternativen man überhaupt je ernsthaft in Betracht gezogen hat. Nun wird darauf verwiesen, dass Einwände, die zu einer Verzögerung des Baubeginns führen, die Max-Plack-Gesellschaft vergraulen könnten. Die sei schließlich überall heiß begehrt, nur hier würden ökologische Bedenkenträger und verwöhnte Anwohner Stimmung machen.

Am letzten Sonntag haben wir uns dort zu einem Open-Air-Gottesdienst getroffen, über ein paar Texte aus der Bibel nachgedacht. Mich hat dabei das Seufzen der Schöpfung in Römer 8,22ff beschäftigt. War das eigentlich Zufall, dass Paulus diesen Gedanken ausgerechnet nach Rom schrieb, in eine Stadt, die ihre Steinwüste aus Straßen und Häusern stetig weiter ins Umland hinaus schob? Es ist ja nicht einfach nur die Vergänglichkeit zu beklagen, die darin liegt, dass die die Natur ständig erneuert, sondern ihre Verletzlichkeit, die auch irreparable Schäden hinnehmen muss. Die gab es bereits in der Antike (etwa die Abholzung der Wälder zum Flottenbau), und sie wirkten sich auf den Menschen schon damals aus.

Die Argumente für die Zerstörung wertvoller Natur sind immer dieselben: Wir dürfen im Wettbewerb nicht zurückfallen, Wirtschaft und Arbeitsplätze haben im Zweifel Vorrang, selbst in einer Stadt, die eine so exorbitant hohe Arbeitsplatzdichte hat wie Erlangen. Wenn wir nicht bauen, verbauen wir uns die Zukunft.

Im Sinne von Römer 8 ist wenigstens die Klage angebracht über die Wunden, die der Natur hier geschlagen werden, und vor allem auch die versteckte, aber gravierende Armut, die damit einhergeht: Die Armut an kreativen Einfällen und Lösungen in diesem Interessenkonflikt und wie man mit den vermeintlichen Wachstumszwängen umzugehen hat. Und die Armut an ehrlicher Sprache, wenn man nun den amputierten „Exerzierplatz“ ökologisch „aufwerten“ möchte, als handele es sich um eines der vielen innerstädtischen Wohngebiete, das gerade „verdichtet“ wird – schöner ist dadurch noch keines geworden.

In Römer 8,24 heißt es, dass man nicht hoffen kann auf das, was man sieht. Das muss natürlich zuerst eschatologisch verstanden werden im Blick auf das „ewige Leben“ und die verheißene, aber eben noch ausstehende Neuschöpfung der Welt. Aber vielleicht gilt das dennoch nicht exklusiv in dem Sinne, dass wir bis zur Wiederkehr Christi halt mitmachen müssen und uns den genannten Sachzwängen zu beugen hätten, sondern dass wir schon jetzt widersprechen dürfen, wo die immer weiter fortschreitende Ökonomisierung von Natur, Mensch und Gesellschaft als alternativlos hingestellt wird. Wissen und Forschung sind ein hohes Gut, aber der technische Fortschritt hat – das sehen wir in diesen Tagen – ähnlich viele Probleme geschaffen, wie er gelöst hat. Auf ihn zu hoffen bedeutet trotz allem, einfach nur mehr vom Selben zu wollen. Auch das ist eine Form von Armut.

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Auch mal pelzig werden

Als bildungsbeflissener Mensch ist man schon irritiert, wenn man plötzlich als „fortbildungsresistent“ bezeichnet wird. So geschehen diese Woche. Nun kam der Vorwurf oder das Urteil nicht etwa von einem guten Freund oder einem Mitarbeiter, nicht von einem Gemeindeglied, sondern einem fernen Bekannten, der sich irgendwann an einer Äußerung von mir gestoßen hatte und darauf hin ein paar ungebetene und reichlich unbeholfene Beratungsversuche unternahm.

Ich habe erst eine Weile gebraucht, um zu verstehen, was da ablief, und dann klare Grenzen gezogen. Denn für manche Dinge braucht man eine persönliche Einladung, und wer ohne die mit seinen „Ratschlägen“ mit der Tür ins Haus fällt, darf sich nicht wundern, wenn die Tür beim nächsten Mal fest verschlossen ist. Zur Kritikfähigkeit gehört also auch dazu, dass man unterscheiden kann, welche Kritik man sich zu Herzen nimmt und welche nicht. Jedem kann man es einfach nicht recht machen, ich finde, man darf dann auch mal pelzig werden.

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Subjektivität: Das Kamel und das Nadelöhr

Auf dem schmalen Bürgersteig, der von einem vorschriftswidrig geparkten PKW noch weiter verengt wird, steht an dessen engster Stelle ein Mädchen und unterhält sich mit einem Freund. Eine Passantin schafft es, an ihr vorbeizukommen. Das Mädchen bewegt sich aus der Weite des unmittelbar angzenzenden Bohlenplatzes wieder zurück in das Nadelöhr, den Rücken in meine Richtung gewandt. Ich zwänge mich durch den schmalen Spalt zwischen ihrer Rückseite und dem Heck des Autos. Sie spürt das, dreht sich um und sagt zu echauffiert ihrem Gegenüber: Warum müssen hier alle vorbei?

Hier stehe ich, ich kann nicht anders…

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Noch etwas schwindelig…

Ich bin zurück aus Marburg vom Studientag Gesellschaftstransformation mit N.T. Wright. Gestern habe ich noch beim Einschlafen versucht, englische Bandwurmsätze, deren Ende ich vergessen hatte, ins Deutsche zu übersetzen. Aber der wesentliche Eindruck dieser zwei Tage war ein anderer. Ich habe ja schon ein paar Professoren und Bischöfe getroffen, aber noch keinen (und vor allem keinen Deutschen…), der so zugänglich, bescheiden und freundlich war wie Tom Wright.

Der Mann hätte mit über 50 Bücher, die er veröffentlich hat (und einer bemerkenswerten kirchlichen Karriere) mehr Grund als viele andere, akademischen Dünkel an den Tag zu legen. Tut er aber nicht und lehnt damit Aristoteles‘ Sicht von Stolz als einer positiven Haltung nicht nur theoretisch ab, er vermeidet ihn auch praktisch.

Alle, die von Wright noch nichts gelesen haben, können aus einer ständig wachsenden Zahl deutscher Übersetzungen seiner Werke wählen. Brandneu sind zwei dazu gekommen. Für die theologisch Interessierten ist Das Neue Testament und das Volk Gottes ein heißer Tipp, trotz anspruchsvollen Inhalts gut lesbar und zu einem mehr als fairen Preis.

Und wer es gerne praktischer und noch verständlicher haben möchte, kann sich die deutsche Fassung von Virtue Reborn aus der Edition Emergent zu Gemüte führen: Glaube – und dann?: von der Transformation des Charakters. Für die Redaktion von Christianiy Today das beste Buch in der Kategorie Theologie/Ethik im Jahr 2011! Hier gibt’s übrigens eine Rezension der amerikanischen Ausgabe von Scot McKnight.

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(danke an Timm Ziegenthaler für das Foto!)

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Außer Thesen nichts gewesen?

Von wegen! Vor zwei Wochen war ich beim Think Tank „Missionale Christologie“ des IGW auf dem Herzberg bei Aarau/CH. Nun ist eine kurzer Bericht über die anregenden und intensiven Diskussion erschienen. Wir haben missionale Theologie von Jesus aus zu denken versucht und Jesus aus einer missionalen Perspektive betrachtet. Und gemerkt, dass wir dabei erst am Anfang stehen.

Wer sich für Einzelheiten interessiert, kann hier weiterlesen. In einigen Wochen werden unsere Thesen dann veröffentlicht.

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Lehrreiche Gartenarbeit

Ich habe mich in letzter Zeit mit dem Schneiden von Obstbäumen beschäftigt und dabei gelernt, wie wichtig es ist, den Konkurrenztrieb zu entfernen. Bei näheren Hinsehen stellte ich dann fest, dass ich das bei meinem Baum vor einigen Jahren schon mal versäumt habe.

Über die menschlichen Parallelen lässt sich dabei ganz prima meditieren. Das muss ich mir auf jeden Fall merken, wenn mal wieder eine Predigt über Johannes 15 ansteht und den Winzer, der die Reben schneidet. Bei denen scheint es auch reichlich Konkurrenztriebe zu geben…

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Fränkisches Wintermärchen

Wo der Tennenloher Forst am finstersten ist, da steht gut versteckt eine kleine Hütte. Kein Lichtstrahl dringt in diesen Winkel, kein Vogel singt dort und kein Harvester kam je in seine Nähe. Dort wohnen die Brüder Bodo und Waldo. Die beiden hatten eine schwere Kindheit, dort im Wald. Der Vater starb früh und der Stiefvater versoff das wenige Geld, das ihre Mutter vom Markt nach Hause brachte, wo sie Waldhonig verkaufte. Wenn er betrunken war, schlug er seine Frau und die Stiefsöhne. So schlimm waren die Verletzungen, dass Bodo lebenlang hinkte und Waldo schielte.

Drei Tage nach Waldos sechzehntem Geburtstag schlug der Alte die Mutter bewusstlos und ließ sie im Wald liegen, während er wegging, um sich zu betrinken. Als Bodo und Waldo sie am nächsten Tag fanden, war sie tot – erfroren in der Nacht. Der Stiefvater kehrte nie zurück. Bodo und Waldo verkauften Waldhonig und lebten von Beeren und kleineren Wildereien. Aber jeden Winter, wenn sich der Tod der Mutter jährte, erwachte ihr Zorn.

Sie wussten nicht viel über die Vorlieben des Stiefvaters, nur dass er ein passionierter Langläufer gewesen war. Wenn im Winter genug Schnee lag, schwang er sich auf die Bretter und verschwand für Stunden im Wald. Seine Spuren im Schnee waren vor dem Haus zu sehen und die Jungen hofften jedesmal vergeblich, er würde nie zurückkehren.

Eines Winters lag an diesem ominösen Tag viel Schnee. Er war drei Tage zuvor gefallen, und als Bodo und Waldo den Ort aufsuchten, wo sie die Mutter tot gefunden hatten, stießen sie auf Spuren von Langlaufski. Sie blieben wie angewurzelt stehen, und dann stieß Waldo einen tiefen, herzzerreißenden Schrei aus. Bodo begann, sich die Haare zu raufen und auszureißen und dann trampelten die beiden so lange auf dem Weg herum, bis die Spur nicht mehr zu erkennen war.

Seit jenem Tag streifen Bodo und Waldo durch den winterlichen Reichswald, wenn Schnee liegt. Jeden Morgen beim ersten Licht der Dämmerung verlassen sie die Hütte. Bodo fährt einen halbtoten Traktor mit riesigen Profilreifen und Waldo reitet eine alte Mähre. Sie suchen hin und her im Wald nach Spuren von Langläufern. Und wenn sie irgendwo eine entdecken, dann fahren und reiten sie so lange auf dem Weg herum, bis sie nicht mehr zu gebrauchen ist. Das Pferd tritt mit klammheimlicher Freude tiefe Löcher in den Schnee, die sich mit Schlamm und Wasser füllen und Langläufern das Fortkommen unmöglich machen. Die Reifen des Traktors ziehen mit größter Genugtuung diagonal gerillte Furchen, in denen sich Langläufer nur mit Mühe aufrecht halten.

So hoffen Bodo und Waldo, dass der böse Stiefvater nie zurückkommt. So ist vor allem Waldo und seinem Gaul auch nicht eine Spur entgangen, wenn er mittags in die abgelegene, finstere Hütte zurückkehrt. Dort leben sie bis heute, humpelnd und schielend und fern von anderen Menschen. Ihre einzigen freunde sind ein paar Spaziergänger und Hundebesitzer. Die sieht man ab und zu im Wald, wenn sie die eine oder andere Ski-Spur, die Bodo und Waldo übersehen haben, genüsslich zertreten…

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