Offener Brief an die Bundesregierung

Liebe Frau Merkel, lieber Herr Steinbrück,

an dieser Stelle möchte ich mich bei Ihnen einmal ausdrücklich bedanken für die geniale Idee, die Mehrwertsteuer um drei Punkte zu erhöhen. Seither schlagen sich die Möbelhäuser und Elektro-Großmärkte ja förmlich darum, mir nicht nur die drei Prozent, sondern die gesamte Steuer zu schenken. Das Leben wird also spürbar günstiger!

Und die Wirtschaft brummt, der Konsum springt an. Denn endlich kann ich all den Kram, den ich eigentlich nicht brauche, saubillig kaufen. Viele politische Kommentatoren, deren Kritik sie in den letzten Monaten ertragen mussten, haben diese clevere, paradoxe Logik gar nicht kapiert. Dabei müssten sie nur auf die Werbung hören, die uns täglich ins Haus flattert oder über den Äther geht.

Sorgen macht mir in diesem Zusammenhang allerdings das Familiengeld. Ich finde, Kinder zu haben, müsste deutlich teurer werden, um interessant zu sein; ein Premium-Artikel, ein Statussymbol, keine Discounter-Massenware. Was meinen Sie, was das für einen Boom auslösen könnte…! Als Folge der Verteuerung würden die Kindergärten auf Gebühren verzichten, Schulen könnten Kopfprämien für Neuzugänge ausloben, der Handel würde sich mit Gratisaktionen um jeden neuen Konsumenten mühen.

Denken Sie also nochmal drüber nach,

Ihr

Peter Aschoff

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Weisheit: Ein Lernender bleiben

Ich sitze über den Sprüchen des Alten Testaments und mache mir Gedanken über den Sinn der Weisheitsliteratur. Gottes Offenbarung in der Geschichte – für mich immer noch das Wesentliche in der Bibel – spielt kaum eine Rolle, sondern die menschliche Erfahrung und die erkennbare Struktur und Ordnung der Wirklichkeit unseres Lebens. Streckenweise sind darin sogar ägyptische Weisheiten (mit leichter Bearbeitung) einfach übernommen worden.

Vielleicht liegt das wirklich Interessante und Relevante für uns heute weniger in den einzelnen Sprüchen selbst sondern in der Einsicht, dass empirisches Vorgehen und vernünftiges Handeln legitim ist und dass man von den Erfahrungen anderer Völker und Kulturen durchaus etwas lernen kann. Und dass Gott mit den gewöhnlichen, alltäglichen Dingen des Lebens etwas zu tun hat und nicht nur im Außergewöhnlichen (oder, aber der Begriff ist dem hebräischen Denken eh fremd: Übernatürlichen) anzutreffen ist.

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Vor dem Showdown?

Patrik Schwarz schreibt in der Zeit über die Antipoden Stoiber und Pauli. Vielleicht der intelligenteste Beitrag zu einer Debatte mit einer gewaltigen Eigendynamik. Hier sein Fazit am Ende:

Vielleicht ist da auch das Missverständnis zu Hause zwischen dem Ministerpräsidenten, der immer reden, und der Landrätin, die nicht hören will. Gabriele Pauli möchte einfach ihre Wahrheit sagen. Das ist viel weniger, als Edmund Stoiber glauben, und viel mehr, als er sich vorstellen kann.

Und wenn Paulo Coelho Humor hätte, wie alle wahren Weisen, würde er zum Schluss vielleicht einen Witz erzählen:
Als Edmund Stoiber Bundespräsident werden konnte, ist er davongelaufen.
Als Edmund Stoiber EU-Kommissionspräsident werden konnte, ist er davongelaufen.
Als Edmund Stoiber Superminister werden konnte, ist er davongelaufen.
Nur jetzt, wo er einfach bloß gehen müsste, da kann Edmund Stoiber plötzlich nicht mehr laufen.

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Simply Christian

Tom Wright hat mit “Simply Christian” den Versuch unternommen, die Plausibilität des christlichen Glaubens zu erklären. Nach den ersten beiden Kapiteln kann ich sagen, dass er sich wohltuend von herkömmlicher “Apologetik” abhebt, obwohl er sich auch hin und wieder ein paar ironische Kommentare nicht verkneift. Aber er will hier nichts “beweisen”, sondern er erzählt und erklärt.

Der Einstieg verläuft – wer hätte etwas anderes erwartet – nicht über die individuelle Suche nach Sinn, die Frage nach einem Leben im Jenseits (“Himmel”) oder das gequälte Gewissen, sondern über die Frage nach der Hoffnung auf (beziehungsweise unser aller Traum von) Gerechtigkeit und einer besseren Welt.

Im zweiten Kapitel stellt er dann dar, wie Spiritualität in der Moderne auf ganz bestimmte Kanäle eingegrenzt und aus dem quasi zubetonierten oder imprägnierten öffentlichen Leben verdrängt wurde. Kein Wunder also, dass die Quelle beim erneuten Aufbrechen auch allerlei Unrat zu Tage fördert; sie hätte eben nicht gedeckelt werden dürfen.

Das macht Lust auf Weiterlesen. Und falls jemand mit Verlagskontakten das liest: Der Titel könnte eine Übersetzung wert sein. C.S. Lewis‘ Bücher und “Nicht wie bei Räubers” allein sind auf Dauer etwas wenig 🙂

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Blanke Nerven

 Wikipedia Commons 4 4E Kafka Aprox1917 Small

Das Jahrhundert seit Franz Kafkas Geburt ist geprägt von der Idee des »Modernismus« – ein für die letzten Jahrhunderte neues Selbstbewusstsein, ein Bewusstsein, neu und anders zu sein. Kafka verkörpert, sechzig Jahre nach seinem Tode, einen Aspekt der modernen Denk- und Empfindungsweise: ein Gefühl von Angst und Scham, dessen Zentrum unbestimmbar bleibt und das sich deshalb auch nicht beschwichtigen lässt; das Empfinden unendlicher Schwierigkeiten, die in den Dingen liegen und jeden Schritt behindern; eine Sensibilität, die über das Maß des Nützlichen hinausgeht, als müsse das Nervensystem, des schützenden Mantels sozialen Brauchtums und religiösen Glaubens beraubt, jede Berührung als Schmerz registrieren.

John Updike

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Psalm 23 für Workaholics

The Lord is my Supervisor, I shall not rest.
He makes me cut down the green pastures;
He leads me to jog alongside rapid waters;
He wears out my soul.
He leads me to conferences for my schedule’s sake.
Even though I walk through the valley of relaxation,
I fear no chance of rest;
for my feelings of guilt, they haunt me;
they whip and they drive me.
You, Lord, prepare a worktable before me
in the presence of my colleagues.
You have filled my mind with worry;
my work load overflows.
Surely busyness and pressure shall follow me
all the days of my life;
and I will run to and fro
in the house of the Lord forever.

gefunden bei Simply Simon

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Wie im Western

Eben komme ich nach Hause. Ein Sturm fegt über die Stadt hinweg. Die Straßen sind menschenleer. Ein Windstoß lässt ein Büschel Tumbleweed über den Weg tanzen. Ich halte meinen Hut fest, taste nach meinem Colt und sehe mich nach dem nächsten Saloon um, bis ich merke: Es war doch kein Tumbleweed, nur einer von den vielen Christbäumen, die morgen abgeholt werden wollen…

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Attraktive Erfindung

Nach der Vorstellung von Apples iPhone (mal sehen, ob es den Namen behält…) bin ich nun gespannt, wann der erste Blogger die Neuerfindung des Telefons zum Modell für die Neuerfindung von Kirche/Gemeinde/Christsein macht und was er daraus ableitet (beziehungsweise es lediglich dazu nutzt, einmal mehr zu wiederholen, was er schon immer gesagt hat). Schon verlockend, wenn Gemeinde so attraktiv würde wie Steves neues Spielzeug. 🙂

Immerhin: “reimagine” ist ja ein Lieblingswort der emerging church community. Wir könnten also in Analogie zu Smartphone (NB: Steve Jobs fand, bisher sei “smart” ja doch ziemlich doof gewesen) von SmartChurch reden. Ok, lieber doch nicht, da denken viele hier eher an die Smarts, mit denen vor gut einem Jahr für ProChrist geworben wurde, und da passen immer nur zwei Leute hinein…

Zuletzt: Schon mal was von iRaq und iDiot gehört?

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Langsamkeit zelebrieren

Eine Übung in bewusstem Innehalten und Genießen ist der Kaffee. Vor ein paar Jahren habe ich meinen Jura-Vollautomaten wegen teurer Störfälle genervt ausgemustert und eine konventionelle Siebträger-Espressomaschine gekauft, die erstens schöner aussieht und kleiner ist, zweitens seltener streikt und drittens ohne alle Elektronik leicht und günstig zu reparieren ist. Eile kostet eben.

Seither nun dauert der Kaffee “von Hand” deutlich länger. Dafür trinke ich ihn auch bewusster. Ok, immer noch zügiger als die beste aller Ehefrauen 🙂 Aber es ist ein kleines, wohltuendes Ritual in meinem Alltag, mir meinen Cappuccino selbst zu machen statt nur ein Knöpfchen zu drücken und ungeduldig die Tasse hinzuhalten, um gleich darauf wieder loszusprinten.

Eine ähnliche Wirkung hat Jason Clark jüngst bei seinem Hund Charlie festgestellt. Wenn wir das Tempo variieren, dann entstehen Rhythmen in unserem Leben. Und wie bei jeder guten Musik sind die Pausen an der richtigen Stelle das eigentliche Kunststück.

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Gewissensbisse

Acht Minuten reden Ehepartner im Schnitt pro Tag mit einander – stand in der Zeit, dem offiziellen Organ deutschen Bildungsbürgertums. Wenn ich also mit Martina 16 Minuten rede, bedeutet das, dass ein anderes Paar gar nicht mit einander spricht. Wenn wir 24 Minuten sprechen, dann sind es schon zwei Paare, die sich anschweigen oder aus dem Weg gehen oder den Fernseher anschalten. Und so weiter.

Über die fatalen Folgen für die Beziehung dieser armen Menschen mag man gar nicht nachdenken. Um die Schuldgefühle zu mindern haben wir heute darüber nachgedacht, ab sofort weniger zu reden, damit andere es wieder mehr tun.

Also dann – fröhliches Fernsehen!

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Fiese Fabel

Bei Ambrose Bierce habe ich eine seiner berüchtigt schrägen Fabeln gefunden, die entfernt (wirklich nur entfernt!) an das Thema Erlebnisgottesdienste erinnert. Neu ist es offenbar nicht:

Eine Aufforderung zu gehen

Weil er sah, dass seine Zuhörerschaft jeden Sonntag kleiner wurde, unterbrach ein Geistlicher seine Predigt, stieg die Stufen der Kanzel hinab und lief auf Händen den Mittelgang der Kirche entlang. Dann kam er wieder auf die Füße, erklomm die Kanzel und nahm ohne Anspielung auf das Geschehene die Predigt wieder auf.
»So«, sprach er zu sich selbst, als er nach Hause ging. »Von nun an werde ich eine große Zuhörerschaft und kein Geschnarche mehr haben.«
Aber am folgenden Freitag wurde ihm von den Säulen der Kirche die Aufwartung gemacht. Sie setzten ihn davon in Kenntnis, dass sie, im Einklang mit der Neuen Theologie und um in den Genuss aller Vorteile der modernen Auslegung des Evangeliums zu kommen, es für ratsam erachteten, eine Veränderung vorzunehmen. Sie hätten deshalb den als menschliche Windmühle weltberühmten Hindubruder Jowjeetum Fallal berufen, der zu der Zeit in Hoopitups Zirkus predigte. Zufrieden berichteten sie, dass der hochwürdige Herr vom Heiligen Geist bewegt worden sei, die Berufung anzunehmen, und am folgenden Sabbat für die Gemeinde das Brot des Lebens oder sich beim Versuch den Hals brechen werde.

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Sich überholen lassen

Bei meiner Beschäftigung mit dem Thema Zeit ist mir aufgefallen, wie schwer es vielen von uns fällt, sich überholen zu lassen. Im Straßenverkehr nimmt das gelegentlich absurde bis gefährliche Züge an. Aber das ist in sich nur ein Symptom unserer Tempoverliebtheit. Schwerer wiegt das schon, wenn es um Karriere geht und man andere an sich vorbeiziehen sieht. Das Manager Magazin fragt, ob die Ehe die Karriere bremst (hoffentlich, müsste man manchen wohl wünschen) und Guido Westerwelle beschwor dieses Wochenende wieder globalökonomische Überholängste um zu erklären, warum um alles in der Welt jemand eigentlich seine FDP wählen sollte.

Wir können nicht alle ins (konventionelle) Kloster gehen, einen Ökobauernhof kaufen oder was sonst noch an Ausstiegsszenarien en vogue ist. Trotzdem: Wer Zeit haben will, muss es lernen sich überholen zu lassen: Wer in einen Langstreckenlauf zu schnell startet, bezahlt dafür spätestens in der zweiten Hälfte mit Schmerzen und erreicht nicht mehr ganz so lächelnd sein Ziel. Wer an der Ampel zu sehr auf die Tube drückt, muss (bei vernünftiger Schaltung für guten Verkehrsfluss) an der nächsten wieder warten und verheizt unnötig viel Sprit. Ich denke, das alles werde ich in den nächsten Wochen üben. Und es wird mir schwer fallen…

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Zitat der Woche: Die Erfindung der Langeweile

Das folgende Zitat ist ein Nachtrag zum Thema “Erlebnisgottesdienste” und den dahinter liegenden Fragen unseres überhasteten Lebensstils (Baumbart lässt grüßen):

In der Natur gibt es keine Langeweile. Langeweile ist eine Erfindung der Beschleunigungsgesellschaft, deren Mitglieder fürchten, zu sich selbst kommen zu müssen und Leere zu finden.

Christian Schüle in der Zeit

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Herz auf Halbmast

Martina und ich sind eben aus München zurückgekommen. Vor ein paar Stunden verschwand unsere Tochter durch die Sicherheitskontrolle im Terminal 2. Die Rückfahrt war viel stiller als die Hinfahrt, und das lag nicht am größeren Verkehrsaufkommen auf der A9…

Ab heute ist (wenn auch nur für drei Monate) ein – aufgeräumtes! – Zimmer in diesem Haus leer, es stehen nur noch fünf Teller auf dem Tisch, das Telefon und unser betagter iMac kann sich etwas erholen, es wird seltener spontan nach Waffeln oder Muffins riechen, kein Skispringen wird in unser Wohnzimmer flimmern, unser kleines Bad wird seltener unter Dampf stehen, keine Tänzerin wird abends erhitzt heimkommen und vieles mehr.

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