Emergent-Nachlese (3): Brian McLaren

Knapp fünf Tage mit Brian McLaren liegen hinter mir. Heute morgen flog er recht fröhlich vom Emergent Forum wieder nach Hause. Er ist ein freundlicher, ruhiger und unkomplizierter Mensch und ein aufmerksamer Zuhörer – bei Vielrednern ja nicht so häufig, die pflegen doch eher einen dominanten Gesprächsstil.

Wenn Brian spricht, hat er aber wirklich etwas zu sagen. Die bescheidene Art verdeckt das manchmal, und er versucht auch gar nicht, Leute intellektuell zu beeindrucken. Nur ab und zu blitzt auf, was er alles gelesen hat und mit wem er im Gespräch ist. Er hat ein sehr weites Herz für die Ungeduldigen und die Querdenker – auch das gefällt mir an ihm. Selbst über die bösartigsten Kritiker spricht er mit augenzwinkerndem Respekt.

Auf den Studientagen drückte er sich manchmal sehr vorsichtig aus (im kleinen Kreis ist das deutlich pointierter, was er sagt), aber immer wieder ist es Brian trotzdem gelungen, aussagekräftige Bilder zu finden: Die Brücke neben dem Fluss, die emergenten Jahresringe am Baum (als Rinde habe ich mich noch nie betrachtet), der Gorilla beim Basketballspiel, der Zirkel der emerging conversation und vieles mehr.

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Nachtrag: In den USA fragt man inzwischen schon, welchen Einfluss die emerging church auf die Wahlen im kommenden Jahr hat. Bei den jungen Evangelikalen haben die Republikaner nur noch einen Anteil von 40%, rechnet dieser Bericht auf NBC aus.

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Emergent-Nachlese (2): Facebook

Daniel Ehniss hat am schnellsten gehandelt und eine Emergent Deutschland Gruppe bei Facebook eingerichtet. Toby Faix würde jetzt bestimmt sagen: “Find‘ ich gut!” 😉

Nachdem es ja keinen Verein mit formaler Zugehörigkeit gibt und fast alle Teilnehmer des Forums wie auch terminlich und gesundheitlich verhinderte Sympathisanten online sind, kommt das am Nächsten hin an eine Mitgliedschaft.

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Emergent-Nachlese (1): Der angebissene Apfel

Der hohe Mac-Anteil bei ermergenten Happenings ist verschiedentlich schon aufgefallen. Apples “Think different” ist sicher ein gutes Motto: Hier tummeln sich Early Adopters, der creative fringe, und was einem sonst noch an soziologischen Klassifizierungen einfallen mag.

Mich hat der angebissene Apfel aber auch daran erinnert, dass die Postmoderne ein starkes Gefühl für verlorene Unschuld entwickelt hat. Was die Politik angeht, ist das in Europa vielleicht stärker als in den USA: das Misstrauen gegen unsere Lösungen für die Probleme anderer – vor allem, wenn man das mit Gewalt durchsetzen muss.

Beim Betrachten des NS-Dokuzentrums mit unseren Gästen fiel aber auch auf, wie unsere Sprache und Medien im Zuge der NS-Propaganda ihre Unschuld verloren. Die Slogans der Werbung heute haben es auch nicht leichter gemacht, die wieder zurück zu bekommen, also leben wir seither mit einer Hermeneutik des Verdachts. Das Vietnam-Trauma hat nicht ausgereicht, um die amerikanische Zuversicht, in der Welt gehe es um “Gut gegen Böse und am Ende gewinnen wir” (so sagte das einst Bruce Willis) zu zertrümmern. Und die christliche Variante dieser Weltsicht gibt es leider auch nicht nur in den Staaten.

In der Kommunikationsgesellschaft ist alles schon irgendwo einmal gesagt worden. Wir reden also ständig in Zitaten. Umberto Eco hat darauf hingewiesen, dass der Verlust der Unschuld nur durch Ironie wett gemacht werden kann. Ein Mann möchte einer Frau sagen, dass er sie wahnsinnig liebt. Damit das nicht als abgedroschene Phrase erscheint, sagt er aber: Barbara Cartland würde sagen “Ich liebe dich wahnsinnig”. Wenn die Frau diesen Satz versteht, ist die Liebeserklärung angekommen, aber ohne plump vordergründig zu sein.

An dieser Stelle setzt auch Pete Rollins‘ How (Not) to Speak of God an: Nicht nur ist alles schon gesagt über Gott im Guten wie im Schlechten, sondern unsere Begriffe werden ihm gar nicht gerecht. In dem Augenblick, wo wir Definitionen versuchen, berauben wir Gott seiner Freiheit und schaffen einen Götzen (hier liegt der tiefere Sinn des Bilderverbotes). Weil wir aber nicht aufhören können, von Gott zu reden, muss auch das mit einer gewissen Ironie gegenüber uns selbst geschehen, einem Bewusstsein unserer unzureichenden Möglichkeiten und einem Misstrauen angesichts unserer gemischten Motive und theologischen Machtspielchen.

An all das erinnert der angebissene Apfel mich jeden Tag…

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Zurück aus dem Norden

Die beiden Studientage liegen hinter mir mit vielen Eindrücken, die ich noch gar nicht sortieren konnte. Es gab zwei Pole in den Reaktionen: Die einen wünschten sich möglichst griffige, detaillierte und strukturierte Information, um das Phänomen emerging church einzuordnen. Ein legitimes Bedürfnis, das aber schwer zu erfüllen ist, weil es eine ganz erhebliche Bandbreite gibt, die auch so gewollt ist.

Auf den anderen Seite dann meist jüngere, die ab und zu auch ein bisschen ungeduldig drängen, und sich mit vielem, was schon besteht, schwer tun, weil es ihnen die Freiheit zu experimentieren und Risiken einzugehen nimmt.

Und dazwischen tummeln sich alle möglichen Leute, viele davon froh, einen Ort und Menschen gefunden zu haben, mit denen sie über die Fragen sprechen können, die ihnen auf den Nägeln brennen.

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Kulturvölker

Gehören wir noch dazu? Beim ZDF lagen am Freitag abend Udo Jürgens vor Mozart und Peter Maffay vor Beethoven auf Platz 2 bzw. 4 der “Besten”. Bach lag abgeschlagen auf 34 während die Böhsen Onkelz sich auf 25 tummelten. Dass wenigstens Grönemeyer gewonnen hat und nicht Howard Carpendale oder Modern Talking ist da nur ein ganz, ganz schwacher Trost.

Ich habe eine Weile zugeschaut, dann die Liste im Internet gefunden und mich mit Grausen über den weiteren Verlauf der Sendung abgewandt. Aber vielleicht sagt diese Liste ja mehr über das Publikum des ZDF aus als über Deutschland. Ein Funken Hoffnung bleibt…

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Totensonntag

Gestern beim Alpha-Tag in Eschenbach hatten wir noch strahlendes Wetter, aber passend zum Kirchenjahr hat sich alles eingetrübt: Der Schnee, der heute morgen noch fiel, ging in Regen über und wurde am Boden zu Matsch.

Ein düsterer und müder Ausklang, aber er weckt die Sehnsucht nach neuem Leben und Veränderung. Noch vier Wochen, und die Tage werden wieder länger. Das ist doch eine Perspektive.

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Ein bisschen wie Beten

Gestern kam das Bluetooth Headset, das ich bestellt hatte. Es ist niedlich klein und federleicht. Nun gehöre ich auch zu den Leuten, die lauthals redend durch die Gegend laufen können.

 P E 10762668Früher hätte man die Jungs im weißen Kittel geholt, aber inzwischen haben die meisten sich daran gewöhnt, dass immer und überall einer telefoniert und dass man dazu kein Kästchen mehr ans Ohr drücken muss. Eine Lehrerin hat mir erzählt von einem Schüler mit entsprechend langem Haar, der im laufenden Unterricht telefonierte. Aber das war nur der eine Fall, der aufflog…

Für mich ist es auch nicht so neu, weil ich gerne zum Beten spazierengehe. Oder (klingt doch geistlicher…) beim Spazierengehen bete. Und auch da rede ich lieber laut, wenn niemand in der Nähe ist. Peinlich wurde es nur, wenn ich Leute übersah und laut redend, aber ganz allein um eine Ecke kam.

Bei solchen Aktionen kann ich mir ja nun einfach das Headset ins Ohr stecken. Diese Gespräche sparen Strom und bleiben gebührenfrei. Kein Wunder: Gott ist so nah wie die Luft, die mich umgibt. Dafür kann man nichts verlangen 🙂

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Die Revolution der Hoffnung

Am Freitag, den 30. November, wird Brian McLaren Teile aus seinem neuesten Buch Everything Must Change: Jesus, Global Crises, and a Revolution of Hope vorstellen (Gemeindehaus am Bohlenplatz 19.00 Uhr, kein Eintritt!). Wer sich schon vorab für den Inhalt interessiert, findet hier eine Übersicht.

Ich möchte an dieser Stelle nur ein paar Rezensenten zitieren. Der Blogger Bob Carlton schreibt:

Dieses einfache Buch birgt Hoffnung, es enthält 256 Seiten Quecksilber – wie Quecksilber ist es konzentriert und kann gefährlich sein – aber Mann, wie es glänzt! Dieses Buch ist für mich ein Lichtstrahl, und er existiert, weil Brian D. McLaren das geschrieben hat, was der Geist in ihm angestoßen und was die Welt ihm zugeflüstert hat. Die Revolution der Hoffnung, von der Brian schreibt, ist keine falsche Hoffnung – sie hat Gültigkeit in einer Welt, die ihr Vertrauen auf Gewissheit und Wohlstand setzt.

Und der Theologe Scot McKnight resümiert:

Dieses Buch definiert Brians Weg. Dieses Buch muss man als eines ansehen, das emergent definiert und von nun an kann niemand, der dieses Buch nicht kennt, sich mehr verantwortlich zu emergent äußern. (…)Brian packt große, große Fragen an. Dieses Buch ist ein Aufruf an Christen, Jesu Herausforderung anzunehmen und sich diesen Themen zuzuwenden. Es gibt kein wirklich vergleichbares Buch und daher verdient es, von uns allen gelesen zu werden.


Brian hat übrigens auch eine schöne CD mit Songs for a Revolution of Hope herausgebracht, die man hier anhören und bestellen/herunterladen kann. Sie ist einfach produziert, mit akustischen Instrumenten. Nicht alles Ohrwürmer und vom Charakter her recht unterschiedlich, aber angenehm zu hören und durch die Bank mit nachdenklichen Texten – weniger im Liedermacher-Stil, sondern eher zum Mitsingen oder gemeinsam Singen, also eine Art Liturgie der Hoffnung.

Wer sich noch an Brians kritische Anfragen zum Thema Lobpreis (1, 2, 3, 4) erinnert, bekommt hier eine Vorstellung davon, wie Brians Antwort auf seine eigene Frage sich anhört.

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Brian-Storming

Nächste Woche kommt Brian McLaren. Ich freue mich darauf, weil er ein unglaublich netter Typ ist und zugleich eine Menge zu sagen hat. Es sagt das mutig und steckt eine Menge an Prügel aus dem fundamentalistischen Lager auf beiden Seiten des Atlantiks ein (obwohl das hier nicht richtig weh tut, weil diese Richtung hier zum Glück gesellschaftlich und kirchlich relativ isoliert ist – wozu also viel Zeit verplempern mit Antworten auf Kritik, die auf einem Niveau daherkommt, das sich selbst dekonstruiert und eigentlich keine Antwort verdient hat?).

Aber mir hängt (gerade was Brian angeht) dieses stereotype “ich-finde-nicht alles-gut-was-er-schreibt” langsam zum Hals heraus. Ich weiß nicht auf wie vielen Blogs ich das nun gelesen habe. Mal ehrlich: Das ist doch nie so, dass man alles gut findet, was ein anderer sagt. Wozu also dieses ständige Herumeiern, diese Angst, mit ihm in einen Topf geworfen zu werden?

Ich finde den Mann gut. Punkt. Werft mich in den Topf, steckt mich in die Schublade. Ich mag mich auch nicht vorab distanzieren, falls er hier oder da etwas sagen sollte, was ich nicht gut finde. Das sage ich ihm dann selber. Er ist ja kein Guru (das unterstellen vor allem die Kritiker, die ihre eigenen Autoritäten noch viel unterwürfiger hofieren), aber eben auch kein geeigneter Watschenmann.

Ich habe den Eindruck, dass viele Christen hier sehr aufgeschlossen sind für die Fragen, die Brian und andere aufwerfen. Nebenbei: Das halte ich für sein größtes Verdienst, dass er gute Fragen stellt. Aber vielleicht sollten wir eines gleich lernen: So zerfurcht, wie die fromme Landschaft aussieht, muss man ein dickes Fell haben und darf sich nicht jede Kritik zu Herzen nehmen.

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Das dicke Aber

Gestern bekam ich einen Verriss zum Thema Emerging Church geschickt. Ich finde diese Texte spannend, zumal sie in der Regel über die Autoren mindestens so viel aussagen wie über das jeweilige Objekt der Kritik. Dieser etwa begann mit dem Satz: “Es macht uns keine Freude, andere Christen zu kritisieren.” Und dann folgte prompt das dicke “Aber” und die Kritik setzte ein: McManus, McLaren und die finsteren McHintergründe 😉

Jungs, macht Euch das wirklich keine Freude, empfindet Ihr kein bisschen klammheimlichen Stolz, die letzten aufrechten Christen im Lande zu sein, Wahrheit und Lüge noch klar unterscheiden zu können? Ich nehme Euch das nicht ab. Es wäre auch gar nicht so schlimm, nur abstreiten solltet Ihr es nicht. Und die Tatsache, dass Ihr es tut, spricht allein schon Bände.

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Kapstadt 2010

Gestern habe ich Doug Birdsall kennen gelernt. Er stellte beim deutschen Leitungskreis der Lausanner Bewegung die Planungen für Lausanne III (nach Lausanne 1974 und Manila 1989) in Kapstadt 2010 vor. Mit der Fußball-WM hat das nichts zu tun, aber es ist der Versuch, den historischen Impuls der Weltmissionskonferenz von Edinburgh 1910 aufzunehmen und für das 21. Jahrhundert weiter zu führen. dazu werden 4.000 Delegierte aus der ganzen Welt erwartet, die die Weltchristenheit soziologisch und theologisch repräsentieren sollen und zehn Tage lang beten, diskutieren und feiern und die Weichen für die Zukunft der Weltchristenheit stellen, für das Jahr 2030 und danach.

Doug hat es bei seinem kurzen Besuch geschafft, mit seinem Enthusiasmus alle anzustecken. Die sieben Themenkreise des Kongresses wurden in einem komplexen Verfahren bestimmt. Wir haben uns gefreut, dass unter dem Stichwort “eine robuste Theologie des Leidens” nicht nur die verfolgte Kirche in den Blick kommt, sondern auch eine Auseinandersetzung mit dem Wohlstandsevangelium stattfindet. Aber auch der Einsatz verschiedenster Formen von Kunst und die Kooperation zwischen den verschiedenen Nationen und Kulturen soll neue Maßstäbe setzen. Und wer nicht live dabei sein kann, wird den Kongress von hier aus verfolgen können.

Und wenn sich auch doch Dougs Traum erfüllt, dass jeder Delegierte am Flughafen ein iPhone (oder einen PDA, aber wer will das schon?) bekommt, dass ihm hilft, sein Hotel zu finden, das seine Arbeitsmaterialien enthält und mit dem er e-mails lesen und schreiben kann (ach ja, und telefonieren…), dann wollen meine Kinder sicher auch alle hin. 😉

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Viel-zu-Vielfalt?

Kürzlich hatte ich mit einem Freund beim Kaffee ein interessantes Gespräch über die Beobachtung von D.G. Dunn im Anschluss an Ernst Käsemann, dass es eine Vielfalt neutestamentlicher Theologien gibt, die sich nicht auf einen Nenner bringen lassen. Jede Auslegungstradition hat ihren eigenen Kanon im Kanon: Die Katholiken die Pastoralbriefe, die Orthodoxen die johanneischen Schriften, Evangelische die frühen Briefe des Paulus, Pfingstler und Charismatiker die Apostelgeschichte, postmodern-sensible Denker und Praktiker (und da schließe ich mich ein) favorisieren das Lukasevangelium und (mit Bonhoeffer, Dallas Willard und Franz von Assisi) die Bergpredigt.

Es ist auch gar nichts falsch daran. Die (Lehr-) Einheit der ersten Christen ist eine historische Fiktion. So gesehen lässt sich auch die Frage nach der wahren Kirche über die reine Lehre nur so lösen, dass man sich ständig weiter spaltet, weil schon die Ausgangspunkte nicht ganz kompatibel sind. Ab einem gewissen Punkt wird das dann reichlich absurd.

Aber man könnte die Vielfalt eben auch als Stärke sehen, das eigene Repertoire erweitern statt auf Reinheitsgrade zu pochen, andere Standpunkte kennen und schätzen lernen und schließlich die Dinge aus der eigenen Tradition in die Mottenkiste packen, die im heutigen kulturellen Umfeld nicht mehr vermittelbar sind. Dazu freilich wäre eine Portion Sekundärschicht-Bewusstsein nötig, um es mal mit Ken Wilber zu sagen. Aber unmöglich ist es nicht.


“Unity and Diversity in the New Testament: An Inquiry Into the Character of Earliest Christianity” (James D. G. Dunn)

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Schotten dicht?

Spiegel Online berichtet – mal wieder – von einem Gerichtsurteil zum Thema Schulpflicht. Ohne hier auf irgendwelche Details einzugehen, die vielleicht auch überzeichnet sind, eines fällt doch auf: Es scheinen immer religiöse Motive zu sein, die Eltern zweifeln lassen, ob ihre Kinder an staatlichen Schulen gut aufgehoben sind. Umgekehrt kann man auch begründete Zweifel daran haben, ob Kinder bei streng religiösen Eltern gut aufgehoben sind, die sie von der Umgebung abschotten, um sie vor allen möglichen Dingen zu beschützen.

Einmal ganz abgesehen von konkreten Missständen an dieser oder jener Schule (es gibt ja auch ganz reguläre Bekenntnisschulen) ist die Flucht aus der Vielfalt der Meinungen (oder vor dominierenden Ansichten, die man nicht teilt) der wesentliche Grund dieser rechtlich wie sachlich aussichtslosen Manöver: Wahrheit vermittelt nur die eigene, vertraute Tradition, alles andere ist zwangsläufig Verführung. Für viele Kinder wird diese Wahrheit dann aber doch irgendwann einmal brüchig, und dann ist der Zusammenbruch um so heftiger. Oder anders gesagt: Irgendwann kommt das Gewächs aus dem Glashaus ins Freiland, aber den Temperaturschock verträgt nicht jede Pflanze.

Aber es ist eben nicht alles richtig hier drinnen und draußen nicht alles falsch. Bei John Caputo habe ich zum Thema der Vielfalt, Vorläufigkeit und Kontingenz unserer Standpunkte heute gelesen:

… ich behaupte, dass niemand die Wahrheit weiß, nicht in einer epistemologisch unerschütterlichen Weise, obwohl wir alle unsere verschiedenerlei Glauben haben (und haben müssen).

… die darauf beharren, den Weg zu wissen, haben ihr Leben programmiert, auf Autopilot geschaltet. Sie sind Wissende (Gnostiker), die sich aus dem Spiel ausgeklinkt haben. Sie sind wie abenteuerlustige Urlauber auf dem Weg ins Unbekannte – aber nicht ohne einen klimatisierten, allradgetriebenen Hummer, einen erfahrenen Führer und Reservierungen im 5-Sterne-Hotel. Selbst wenn wir uns an ein Satellitensystem anschließen könnten, das unsere Reisen um den physischen Globus lenkt, wäre der Erdball für radikale spirituelle Wanderer wie uns immer noch ein Staubkorn in einem unendlichen Universum, und wir fragen uns, wohin all das geht.

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Heilige Menschlichkeit

Das Schöne am Judentum ist, dass es sich gegen die vielfältigen Vergeistigungen und Vergeistlichungen sperrt, egal aus welcher Richtung und Tradition diese kommen. Hier noch ein Zitat von (Minderwertigkeitskomplexe hat er ja nicht) “America’s Rabbi”:

Der Himmel ist nicht heiliger als die Erde. Es ist die Verpflichtung des Menschen, Gott auf Erden zu finden, das Transzendente im Immanenten zu entdecken und das Spirituelle im Körperlichen. Das menschliche Fleisch ist heilig, und auch die menschliche Natur ist in gleicher Weise heilig. Wir alle müssen lernen, uns nicht nur zu vergeben, dass wir menschlich sind, sondern uns über unsere Menschlichkeit ausgelassen zu freuen und sie zu feiern.

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