Spiegel Online berichtet – mal wieder – von einem Gerichtsurteil zum Thema Schulpflicht. Ohne hier auf irgendwelche Details einzugehen, die vielleicht auch überzeichnet sind, eines fällt doch auf: Es scheinen immer religiöse Motive zu sein, die Eltern zweifeln lassen, ob ihre Kinder an staatlichen Schulen gut aufgehoben sind. Umgekehrt kann man auch begründete Zweifel daran haben, ob Kinder bei streng religiösen Eltern gut aufgehoben sind, die sie von der Umgebung abschotten, um sie vor allen möglichen Dingen zu beschützen.
Einmal ganz abgesehen von konkreten Missständen an dieser oder jener Schule (es gibt ja auch ganz reguläre Bekenntnisschulen) ist die Flucht aus der Vielfalt der Meinungen (oder vor dominierenden Ansichten, die man nicht teilt) der wesentliche Grund dieser rechtlich wie sachlich aussichtslosen Manöver: Wahrheit vermittelt nur die eigene, vertraute Tradition, alles andere ist zwangsläufig Verführung. Für viele Kinder wird diese Wahrheit dann aber doch irgendwann einmal brüchig, und dann ist der Zusammenbruch um so heftiger. Oder anders gesagt: Irgendwann kommt das Gewächs aus dem Glashaus ins Freiland, aber den Temperaturschock verträgt nicht jede Pflanze.
Aber es ist eben nicht alles richtig hier drinnen und draußen nicht alles falsch. Bei John Caputo habe ich zum Thema der Vielfalt, Vorläufigkeit und Kontingenz unserer Standpunkte heute gelesen:
… ich behaupte, dass niemand die Wahrheit weiß, nicht in einer epistemologisch unerschütterlichen Weise, obwohl wir alle unsere verschiedenerlei Glauben haben (und haben müssen).
… die darauf beharren, den Weg zu wissen, haben ihr Leben programmiert, auf Autopilot geschaltet. Sie sind Wissende (Gnostiker), die sich aus dem Spiel ausgeklinkt haben. Sie sind wie abenteuerlustige Urlauber auf dem Weg ins Unbekannte – aber nicht ohne einen klimatisierten, allradgetriebenen Hummer, einen erfahrenen Führer und Reservierungen im 5-Sterne-Hotel. Selbst wenn wir uns an ein Satellitensystem anschließen könnten, das unsere Reisen um den physischen Globus lenkt, wäre der Erdball für radikale spirituelle Wanderer wie uns immer noch ein Staubkorn in einem unendlichen Universum, und wir fragen uns, wohin all das geht.
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