Öfen und Ohrwaschl

Über die Eisenstraße hin und das „Ohrwaschl“ zurück bin ich heute mittag seit langem mal wieder eine große Runde gelaufen. Meine Polaruhr fand, ich hätte 1.500 Kalorien dabei verfeuert, und mir war tatsächlich recht warm. Die Herbstsonne hat Licht und Schatten auf den Waldboden gezaubert. Im Bauch einige Dinge, die ich noch nicht richtig verdaut und somit auch noch nicht gründlich durchdacht hatte. Da hat Laufen immer etwas Meditatives, Klärendes. Für manche Dinge braucht man allerdings ein paar Kilometer.

Mein Innenleben ist wie ein Backofen: Manche Dinge gehen darin erst richtig auf, anderes brodelt und brutzelt vor sich hin, Flüssiges wird allmählich fest, manches wird darin erst genießbar und anderes verkohlt oder brennt an. Das alles geht an dem Ofen nicht spurlos vorüber. Wäre nett, wenn er selbstreinigend wäre…

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Die endlose Jagd nach Leben

Die Zeit bestätigt die Analysen von Cavanaugh mit einem Bericht über Superreiche, also trage ich es noch kurz nach:

»Die Fiktion ist ja: Durch den Reichtum kann ich mir jeden Wunsch erfüllen«, sagt der Kölner Psychologe und Gesellschaftsforscher Stephan Grünewald, »aber die Erfüllung ist der Tod des Wunsches.« So werde die Sucht nach immer neuen Konsumerlebnissen für nicht wenige zur Ersatzhandlung, zur Jagd nach Leben, zur Mission, »das zu finden, was einen mal gepackt hatte«.

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Göttlicher Virenschutz

Neulich hat eine Frau in einem Gottesdienst berichtet, wie sie ihren Rechner durch Weihwasser gegen Spam immunisiert hat. Etwas ungewöhnlich die Methode, aber offenbar hat Gott ein Herz für Leute, die mit Virenschutz und Spamfiltern technisch überfordert sind. Wenigstens in diesem Fall. Wenn der Glaube kranke Körper heilt, dann vielleicht auch infizierte Computer?

Heute entdecke ich nun, dass auch im IT-Sektor der interreligiöse Wettbewerb ausgebrochen ist. Die Online-Redaktion des ZDF berichtet, dass japanische Shinto-Priester entsprechende Dienstleistungen anbieten. Über die „Erfolgsquote“ werden leider keine Angaben gemacht. Dass sogar Computerfirmen den Beistand höherer Mächte erflehen, lässt aber vielleicht doch auf ein gewisses Maß von Verzweiflung schließen…

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Kurz und knackig

Dieses kleine, aber sehr feine Buch hat mich wirklich begeistert. Cavanaugh, katholischer Theologe aus St. Paul, beleuchtet die innere Logik der Konsumgesellschaft in drei Schritten: Erstens stellt er dem Wirtschaftsliberalismus von Milton Friedman den christlichen Freiheitsbegriff des Augustinus entgegen und zeigt die Konsequenzen auf, wenn man wie Friedman Freiheit rein negativ als Abwesenheit äußerer Zwänge (d.h. vor allem staatlicher Intervention) definiert.

Im zweiten Teil („Detachment and Attachment“) zeigt er, wie die Konsumgesellschaft zu einer Veroberflächlichung von Beziehungen aller Art führt, in der Menschen und Gegenstände austauschbar werden und rastlos immer das Neue ersehnt wird. In dem Moment, wo man etwas hat, ist es schon uninteressant. Das ist zwar auch eine Form von Überwindung des Materialismus, aber doch eine für den einzelnen auf Dauer unbefriedigende und für die Gesellschaft hat es fatale Folgen.

Im dritten Teil geht er der Logik der Globalisierung nach, die die Spannung zwischen dem Einzelnen und dem Universalen nur scheinbar hält. Mit Hans Urs von Balthasar stellt er dar, dass das Problem des einen und der vielen in Christus (und sinnlich erfahrbar in der Eucharistie) ganz anders gelöst ist. Hier wird der „Konsument“ von seiner Speise verzehrt und aus seinem Kreisen um die eigenen Bedürfnisse befreit, hier werden Arme und Reiche nicht nur theoretisch, sondern ganz konkret zu einem Leib verbunden und vor die Aufgabe gestellt, das auch in den ökonomischen Beziehungen umzusetzen.

Ein heißer Kandidat für die Edition Emergent Deutschland, finde ich.


„Being Consumed: Economics and Christian Desire“ (William T. Cavanaugh)

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Selbsterkenntnis

Aus dem Buch der Unruhe (Eintrag 39), das irgendwie an Augustinus‘ Bekenntnisse erinnert, nur eben aus der Sicht eines Agnostikers, der mit sich selbst allein bleibt:

Sich nicht kennen, heißt leben. Sich kaum kennen, heißt denken. Sich erkennen, plötzlich wie in diesem läuternden Augenblick, heißt eine flüchtige Vorstellung von dieser inneren Monade zu gewinnen, vom magische Wort der Seele. Doch dieses plötzliche Licht verbrennt, verzehrt alles. Entblößt uns sogar von uns selbst.

Ich habe mich gesehen, wenn auch nur einen Augenblick lang. Und nun vermag ich nicht einmal mehr zu sagen, was ich war.

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Überraschendes Votum

Für mich die Überraschung des Tages: Sir Cliff Richard hat sich, wie die Times berichtet, für eine kirchliche Anerkennung homosexueller Partnerschaften ausgesprochen und erklärt, dass er seit sieben Jahren mit einem ehemaligen katholischen Priester zusammen lebt. Es sei an der Zeit, die veränderten gesellschaftlichen Verhältnisse zu akzeptieren.

Das Thema sorgt für andauernde Kontroversen in der anglikanischen Kirche. Idea hat die Story auch, aber noch ohne Kommentar…

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Inkarnation und Humanismus

Fernando Pessoa erklärt zu Beginn seines „Buches der Unruhe“, warum man als Atheist vernünftigerweise eigentlich kein Humanist sein kann:

Ich wurde zu einer Zeit geboren, in der die Mehrheit der jungen Leute den Glauben an Gott aus dem gleichen Grund verloren hatte, aus welchem ihre Vorfahren ihn hatten – ohne zu wissen warum. Und weil der menschliche Geist von Natur aus dazu neigt, Kritik zu üben, weil er fühlt, und nicht, weil er denkt, wählten die meisten dieser jungen Leute die Menschheit als Ersatz für Gott. Ich gehöre jedoch zu jener Art Menschen, die immer am Rande dessen stehen, wozu sie gehören, und nicht nur die Menschenmenge sehen, deren Teil sie sind, sondern auch die großen Räume daneben. Deshalb habe ich Gott nie so weitgehend aufgegeben wie sie und niemals die Menschheit als Ersatz akzeptiert. Ich war der Ansicht, daß Gott, obgleich unbeweisbar, dennoch vorhanden sein und also auch angebetet werden könne, daß aber die Menschheit, da sie eine rein biologische Vorstellung ist und nichts anderes bedeutet als eine Gattung von Lebewesen, der Anbetung nicht würdiger sei als irgendeine andere Gattung von Lebewesen. Dieser Menschheitskult mit seinen Riten von Freiheit und Gleichheit erschien mir stets wie ein Wiederaufleben jener alten Kulte, in denen Tiere Götter waren oder die Götter Tierköpfe trugen.

Ich finde das spannend: Er deutet als Agnostiker an, dass die Besonderheit (und damit die Würde) des Menschen in seinem Gegenüber zu Gott liegt und mit diesem steht und fällt. Und bestätigt damit, was andere auch schon gesagt haben: Der Glaube an die Menschwerdung Gottes ist die einzig tragfähige Grundlage des Humanismus.

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Mission ja – nur welche?

Die SZ hat sich aus gegebenem Anlass mit Sarah Palin beschäftigt und skizziert, wie sich bei ihr Glaube und Politik verbinden. Die Mischung aus Patriotismus, Kreationismus und anderen Zutaten ist sicher nicht jedermanns Fall, aber die Videoclips von einem Auftritt vor Theologiestudenten in ihrer Pfingstgemeinde in Wasilla sind in jedem Fall interessant.

Zum Hintergrund von Palins Nominierung stellt die Welt Vermutungen an, in denen James Dobson eine wichtige Rolle spielt. Spiegel Online findet dagegen nach Palins Parteitagsrede auch sympathische Züge

… für einen neokonservativen Falken ist sie nicht kriegslüstern und nicht verschlagen genug. Ihr Konservatismus mag antiquiert wirken, aber nicht aggressiv und arrogant.

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Finding Our Way Again

Brian McLaren wendet sich nach „Everything Must Change“ (demnächst auf Deutsch!) und der Beschäftigung mit globalen Krisen dem Thema „geistliche Übungen“ zu. Es geht hier um die vielen kleinen, nachhaltigen Schritte zur persönlichen und gesellschaftlichen Veränderung. Wie immer bei Brian findet das alles allgemein verständlich (fast im Plauderton), immer angenehm zu lesen und frei von allem Druck statt. Er gibt Anregungen, aber er stellt keine Forderungen auf und verzichtet in dieser Einführung auch auf detaillierte Anleitungen. Ab und zu sorgen ein paar lyrische Beschreibungen und Aufzählungen dafür, dass die Materie nicht trocken daherkommt. Dem europäischen Leser macht er es diesmal leicht, weil er sich nicht groß (wie sonst so oft) kritisch mit den Schwächen des nordamerikanischen Evangelikalismus auseinandersetzt.

Der erste Teil dieses Buches ist dem Gedanken des „Weges“ gewidmet. Glaube und Religion wird nicht als System von Regeln und Glaubenssätzen aufgefasst, sondern als ein Weg. Man könnte auch sagen, Brian denkt prozesshaft statt statisch, und er schreibt werbend statt abgrenzend. Manch einer wird überrascht sein, dass in diesem Teil des Buches die drei abrahamitischen Religionen immer wieder in einem Atemzug genannt werden. Aber die Vorstellung, mit Juden und Muslimen einmal aus dieser Perspektive ins Gespräch zu kommen (statt über Terror, Kreuzzüge und Holocaust oder die jeweiligen theologischen Grenzziehungen zu debattieren), ist spannend.

Im zweiten Teil spielt Brian dann seine Stärken aus. Er beschreibt drei Formen spiritueller Disziplinen: Kontemplativ, gemeinschaftlich und missional. Das Gemeinschaftliche verbindet die via contemplativa mit der via activa, (auch wenn das lateinische Wort „communitiva“ mir dafür nicht so recht über die Lippen gehen will – warum nicht einfach „communis“?). Wegen der beiden Kapitel zur gemeinschaftlichen und missionalen Praxis alleine lohnt sich das Buch schon, sie sind eine Fundgrube voll guter Anregungen. Hier kommt auch eine wichtige Entscheidung ins Spiel, die ist ein Zitat wert:

Ich gehe davon aus, dass es bei der ganzen Sache nicht nur um mich geht. Ich gehe davon aus, dass die Gemeinschaft des Glaubens nicht für mich existiert. Ich gehe davon aus, dass es in meinen kontemplativen Übungen letztlich nicht um mich geht. Ich gehe davon aus, dass Reife als ein spirituelles menschliches Wesen nicht vollendet ist, wenn sie mich nicht hinaus sendet in die Gemeinschaft des Glaubens. Aber es geht auch nicht einfach um „uns“ – im Sinne unserer Gemeinde, Konfession oder Religion. Nein, ich gehe davon aus, dass die Gemeinschaft des Glaubens nicht vollendet ist, bis sie wiederum über sich selbst hinaus in die Welt hinein gesandt wird mit rettender Liebe. (S. 114f)

Der dritte Teil („Ancient“) widmet sich den Grundbegriffen der Mystik: Purgatio, Illuminatio und Unio. Sie werden in einem fiktiven Lehrgespräch mit einer Äbtissin entfaltet, aber in vielfältige aktuelle Bezüge gestellt. Und ganz am Schluss nimmt Brian den Lesern den Druck, eine lange Liste von zusätzlichen Aktivitäten im ohnehin schon vollgestopften Alltag unterzubringen, indem er nach keltischem Vorbild von „faithing our practises“ spricht, wo man alltägliche Verrichtungen mit einem konkreten geistlichen Impuls verbindet. Auf die sieben Folgebände dieser Reihe darf man gespannt sein.


„Finding Our Way Again: The Return of the Ancient Practices“ (Brian McLaren)

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Kommunikationstypen

Die Zeit bietet einen Test von Miriam Meckel über den Umgang mit Kommunikationsmitteln. Ich war nicht immer zufrieden mit den angebotenen Optionen. Bei Frage 3 etwa hätte ich lieber angeben wollen: Mein Handy klingelt nicht. Es steckt tatsächlich fast immer stumm in meiner Tasche – und auf Feiern ist es aus, es sei denn, die Kinder sind allein zuhause (und dann ist es ja ok, so lange es nicht klingelt).

 

Abschalten können (oder wenigstens stumm!) ist eine moderne Tugend: Neulich erlebte ich, wie auf einer Beerdigung am offenen Grab das Handy eines nahen Verwandten des Verstorbenen klingelte. Irgendwie schaffte er es nicht, den Anruf wegzudrücken, so dass es kurz darauf noch einmal klingelte, dann ging er tatsächlich dran und verschwand kurzzeitig um die Ecke. Superpeinlich, aber den Menschen schien es gar nicht so gestört zu haben.

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Theologisch Poker

Es gibt eine witzige Kurzgeschichte mit dem Titel „Jüdisch Poker“ von Ephraim Kishon. Jüdisch Poker, sagt sein Freund Jossele, funktioniert so: Beide Spieler denken sich eine beliebige Zahl, und wer die höhere hat, gewinnt. Die ersten paar Runden lässt Jossele sich immer mal besiegen, aber als es dann um richtig viel Geld geht, kommt er plötzlich mit „Ultimo“ heraus und sackt das Geld ein. Allerdings hat Jossele nicht damit gerechnet, von seinem schlagfertigen Widersacher in der nächsten, entscheidenden Runde mit dem Ruf „Ben Gurion!“ übertölpelt zu werden.

jeweiligen Namen hat Kishon in den verschiedenen Auflagen immer wieder geändert – zuletzt war es „Pavarotti!“. Das Muster gibt es aber auch in theologischen Diskussionen: Es gewinnt der, der als erster dreist die höchste denkbare Autorität für sich reklamiert. „Wer zuerst Luther sagt, hat gewonnen“, meint ein befreundeter Pfarrer schon vor Jahren. Das gilt natürlich nur da, wo Luther die höchste Autorität ist (und wird dadurch erschwert, dass Luther so viel geschrieben hat!).

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Sinnlich Geben

Gestern morgen las ich bei Brian McLaren etwas über Geben (bzw. Spenden) als geistliche Übung. Ich erinnerte mich daran, wie mir vor ein paar Jahren ein junger Mann nach dem Gottesdienst ein ganzes Bündel Banknoten in die Hand drückte. Ich war etwas überrumpelt, bedankte mich und fragte, warum er das Geld nicht einfach auf das Gemeindekonto überwiesen hatte. Er sagte, ihm war es wichtig, das Geld tatsächlich in die Hand zu nehmen und es wegzugeben.

Vielleicht haben wir uns viel zu sehr daran gewöhnt, dass unser „Geben“ automatisiert ist. Wer trägt heute noch größere Beträge in bar herum? Also richten wir Daueraufträge ein oder erteilen (momentan etwas verunsichert) Einzugsgsermächtigungen. Und dann bekommen wir im nächsten Jahr einen Serienbrief mit der Spendenbescheinigung fürs Finanzamt.

Geben als ein fröhliches und sinnliches Erlebnis verschwindet damit aus den Gemeinden. Wir erleben es vielleicht noch bei persönlichen Geschenken, aber eben nicht im Kontext von Gemeinde oder Reich Gottes. Ob das noch ausreicht, um eine Kultur der Großzügigkeit zu schaffen und im Sinne des Paulus zu jenen fröhlichen Gebern zu werden, die Gott liebt?

Hier also meine Frage: Lässt sich eine liturgische Inszenierung finden, die nicht peinlich ist, nicht missbraucht werden kann zur Selbstdarstellung, wo Kinder beispielsweise ihren Eltern zusehen können und nicht jeder mit sich allein bleibt?

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Interaktive Ahnengalerie

In den nächsten Wochen möchte ich eine Ahnengalerie der Emerging Church schreiben. Wer sind die Vorläufer, wessen Saat geht hier auf, wessen Bücher und Gedankengut wurde wie rezipiert? Bisher umfasst meine Liste:

Dietrich Bonhoeffer

N.T. Wright

Dallas Willard

Jürgen Moltmann

Ron Sider

Tony Campolo

Lesslie Newbigin

David Bosch

Ob man Derrida & Co auch dazu zählen sollte, da bin ich mir noch unschlüssig. Aber vermutlich gehören noch mehr Namen auf diese Liste. Für Vorschläge Eurerseits bin ich dankbar, am besten gleich unten als Kommentar. Und wenn zu dem Namen noch eine kurze Umschreibung des wesentlichen Impulses dazu kommt, um so schöner

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