Das menschliche Element

Spannend: Die New York Times berichtet von einem Gelehrtenstreit unter Muslimen über den göttlichen Ursprung des Korans: Der Korankenner und iranische Dissident Abdulkarim Soroush stellt die im Islam gängige These einer ganz strikten Verbalinspiration in Frage. Mohammed ist für ihn nicht nur passiver Empfänger („kein Papagei“), sondern aktiver Mitgestalter des Textes. Diese menschliche Dimension sei beim Lesen spürbar. Das bedeutet für Soroush auch, dass manche Vorstellungen und Vorschriften zeitgebunden sind und man heute einem Dieb nicht mehr die Hand abhacken muss.

Interessant ist auch die Reaktion der Ayatollahs im Iran: Die Auseinandersetzung mit „Philosophie und Pseudophilosophie“, die „das Denken des Volkes verderben“, sollte nicht mit Todesdrohungen geschehen, sondern Soroush solle durch die „religiösen Wahrheiten“ widerlegt werden. Irgendwie kommt mir diese Begrifflichkeit bekannt vor…

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Christen, die der Welt gut tun

Andrea Riccardi von der katholischen Gemeinschaft Sant’Egidio bekommt den renommierten Karlspreis. Das wird die Initiative Miteinander für Europa freuen, die gerade in Stuttgart den Ökumenepreis 2008 verliehen bekommen hat. Neben Sant’Egidio gehören da auch der CVJM, die Fokolarbewegung und gut 200 andere Bewegungen dazu – Alpha International ist auch dabei. Vorbildlich ist das soziale Engagement von Riccardis Gemeinschaft, die 50.000 Mitglieder in 70 Ländern zählt:

Weltweite Aufmerksamkeit erregten Riccardi und seine Mitstreiter spätestens zu Beginn der 90er Jahre. Über die Lieferung von Hilfsgütern und einfache Aufbauprojekte mit den Kriegswirren in Mosambik in Berührung gekommen, wurden sie zu Vermittlern bei den Verhandlungen, die nach mehr als anderthalb Jahrzehnten Bürgerkrieg zum Friedensschluss führten. (SZ vom 6.12.08)

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Vom Post- zum Postpost-?

In so ziemlich jeder Gruppe, die sich neu mit dem Stichwort “Postmoderne” befasst, fällt irgendwann mal der Satz: “Die Postmoderne ist ja schon vorbei, wir haben längst die Post-Postmoderne”.

Hin und wieder, befürchte ich, ist das der Versuch, eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen Postmoderne zu umgehen, indem man es zur Eintagsfliege erklärt und hofft, die Sache aussitzen zu können, um dann weiterzumachen wie bisher. Was aber, wenn zwei “post” einander nicht aufheben? Wird das Zähneknirschen in dem Moment, wo man den Kopf aus dem Sand zieht, dann nicht um so größer?

Logisch ist das Problem ja dieses: Postmoderne sagt nur aus, was nicht mehr ist. Der Mythos der Moderne wurde gerade nicht durch ein neues System ersetzt. Insofern wäre auch “postpost” nur “post”. Und wo es das nicht ist, wäre es einfach nur die bruchlose Fortführung der Moderne. Die gibt es natürlich in vielen Bereichen unserer Gesellschaft, und das wird auf absehbare Zeit auch noch so bleiben. Die Frage ist nur, ob von da noch Antworten zu erwarten sind auf die globalen wie auch die spirituellen und kirchlichen Krisen unserer Zeit.

Tatsächlich gibt es unterschiedliche Postmodernismen, die durchaus miteinander konkurrieren können. Die erste Welle, Dekonstruktion etwa, ist vielleicht schon am Auslaufen. Bei Tim Keel Intuitive Leadership: Embracing a Paradigm of Narrative, Metaphor, and Chaos habe ich heute ein Zitat gelesen von Walter Truett Anderson, Präsident der US-Zweigs der World Academy of Art an Science, der in The Truth about the Truth: De-confusing and Re-constructing the Postmodern World darauf anspielt:

Viele Menschen hoffen inbrünstig, dass der Postmodernismus – was immer sie darunter verstehen – vorbei geht. Und viele werden diesen Wunsch erfüllt bekommen: Stilformen ändern sich natürlich. (…) Postmodernismen werden kommen und gehen, aber die Postmoderne – der postmoderne Zustand – wird immer noch da sein. (…) Und obwohl er verschiedene Leute völlig unterschiedlich berührt, betrifft er doch uns alle. Wir alle entwickeln uns weg von der Sicherheit unserer Stämme, Traditionen, Religionen und Weltbildern hin zu einer globalen Zivilisation, deren Pluralismus uns blendet und überwältigt.

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(Post-)Charismatische Woche

Hasos Workshop „Postcharismatik“ auf dem Emergent Forum war (obwohl ich den letzten Teil verpasst habe) eine sehr anregende Sache. Die meisten Gesprächsteilnehmer hatten in der Vergangenheit überwiegend positive Erfahrungen mit der charismatischen Bewegung gemacht. Und doch war im Laufe der Zeit immer deutlicher geworden, dass an manchen Stellen eine gewisse Ernüchterung eingetreten war: Einiges „funktionierte“ nicht mehr wie früher, anderes schien zu fehlen – besonders im Hinblick auf eine ganzheitliche und erfüllte Spiritualität, die uns dauerhaft weiterbringt, und auf gesellschaftliche Relevanz der Sprache und Gottesdienstformen. Viele waren der ständig neuen Wellen und der chronisch vollmundigen Verheißungen überdrüssig geworden. Fast alle hatten Freunde und Bekannte, die an den Parolen und Vorbildern verzweifelt waren. Den Hunger nach Gott und die Sehnsucht nach einem Leben mit mehr Kraft und Tiefgang dagegen hatten die wenigsten aufgegeben.

Wie bewahrt man nun auf dem weiteren Weg in der Nachfolge Christi das Gute der charismatisch-pfingstlichen Bewegung, die ja immerhin der wohl dynamischste Teil der Weltchristenheit ist? Natürlich ist sie nicht frei von Fehlern und problematischen Seiten – aber das kann man von den anderen Flügeln der Weltkirche auch nicht behaupten. Im Unterschied zu den verbürgerlichten reformatorischen Kirchen erreichen Pfingstler gerade die armen und einfachen Leute. Johannes Reimer erzählte in einem persönlichen Gespräch am Rande vom explosiven Wachstum der Pentecostales in Lateinamerika. Und Haso wies auf die Mitwirkung großer Pfingstgemeinden bei der Überwindung der Rassentrennung in Südafrika hin. Und in der Ursprungszeit der Pfingstbewegung waren Frauen und Männer, Arme und Reiche, Schwarze und Weiße tatsächlich eins. Für mich das deutlichste Zeichen, dass hier der Geist Gottes am Werk gewesen sein muss und es noch ist.

Die charismatische Bewegung in den westlichen Ländern hat diese Radikalität nicht so oft erreicht. Und während es durchaus in Ordnung ist, einem Armen irgendwo auf der Welt zu sagen, dass Armut nicht der Wille Gottes ist, so hat das umstrittene Wohlstandsevangelium im Kontext mancher (aber bei Weitem nicht aller!) charismatischen Vorstadtgemeinden das Evangelium problematische Züge angenommen. Mit der (hin und wieder auch kommerzialisierten) Betonung auf Heilung und Wohlbefinden wurden manche Richtungen fast zum christlichen Pendant der Esoterik und Wellness-Bewegung. Aber vielleicht lässt sich das ja ergänzen durch einen ebenso intensiven Einsatz für Diakonie und soziale Gerechtigkeit.

Die letzten Tage habe ich dann mit einigen Leitern aus dem bunten charismatischen Spektrum zugebracht und mich an der Vielfalt, Lebendigkeit und Offenheit gefreut, die mir dort entgegen kam. Natürlich gibt es auch mehr oder weniger große theologische und kulturelle Differenzen, aber überall war der Wille erkennbar, unterschiedliche Positionen nicht als Trennungsgrund zu betrachten, sondern die Unterschiede stehen zu lassen und einander so gut es geht zuzuhören. Viele machen an ihrem Ort und auf ihre Weise Schritte in ihr gesellschaftliches Umfeld hinein und erleben dabei gute und ermutigende Dinge.

Für mich waren die Gespräche sehr wertvoll, weil ich dort ein aufrichtiges und leidenschaftliches Suchen nach Gott und seinen Wegen gefunden habe und die Bereitschaft, sich dafür ganz einzusetzen. Und es gibt viele Parallelen zur Emerging Church, vielleicht weniger in den Formen als vielmehr in den Haltungen: Viele sind anfangs auch als Bilderstürmer und lästige Rebellen behandelt worden, jede(r) kann von Fehlern und Irrwegen berichten, die sie oder er im Lauf der Jahre gemacht und – oft mit Hilfe von Mentoren oder treuen Betern – auch wieder hinter sich gelassen hat. Und wir sprachen auch von Erfolgen und Rückschlägen und der immer noch vorhandenen Sehnsucht nach einem erfüllten geistlichen Leben, wachsenden Gemeinden und einer echten Transformation der Gesellschaft, die sich nicht allein auf guten Willen und menschliche Anstrengung, sondern auf den Geist Gottes gründet.

Jetzt im ICE nach Erlangen bereite ich den vorletzten Abend des Alpha-Kurses vor: Heilt Gott heute noch? Ich lese in Nicky Gumbels Skript eine ganze Reihe kleiner und größerer Heilungsgeschichten und bin neu motiviert, für Kranke zu beten, auch wenn meine eigenen Erfahrungen noch deutlich bescheidener ausfallen. Andererseits fragen immer mal wieder Leute, ob es Alpha auch „weniger charismatisch“ gibt. Ich würde sagen: In der Form vielleicht schon, in der Sache aber wäre das ein schwerer Verlust.

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Spruch der Woche

Aber im Allgemeinen könne man sagen, dass die Schönheit der Welt in der christlichen Tradition fast keinen Platz habe. Das ist befremdend. Die Ursache schwer verständlich Es ist eine furchtbare Lücke.

Simone Weil (Danke an Reiner für den Tipp)

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Minze und Dill

Nicht unbedingt meine Lieblingszutaten im Essen, aber es geht auch nicht um Kochrezepte, sondern um einen Ausspruch Jesu, mit dem er gegen eine Art Glauben protestiert, der bei Kleinigkeiten im Nahbereich pingelig ist und dabei fundamentale Schieflagen und Absurditäten im weiteren Zusammenhang unseres Lebens toleriert. Alibi-Aktionen, mittels derer wir uns um das Eigentliche drücken:

Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr gebt den Zehnten von Minze, Dill und Kümmel und lasst das Wichtigste im Gesetz außer Acht: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue. Man muss das eine tun, ohne das andere zu lassen. (Matthäus 23,23)

Ich habe mich gefragt, wie das heute klingen würde. Ein paar Dinge sind mir dazu eingefallen:

  • Ihr spendet an eure christlichen Einrichtungen – und wählt Politiker, die armen Ländern die Entwicklungshilfe kürzen
  • Ihr protestiert gegen Abtreibungskliniken – und feiert Soldaten als „Helden“, die den Ölnachschub gewaltsam sichern und massive „Kollateralschäden“ in Kauf nehmen
  • Ihr werft kein Stück altes Brot weg – und fahrt jeden noch so kurzen Weg mit eurem spritfressenden Autos, die nicht nur die Atmosphäre aufheizen, sondern auch die Nachfrage nach Biosprit steigern und riesige Flächen von Regenwald vernichten

Die Reihe lässt sich in den Kommentaren fortsetzen, hoffentlich ohne dabei aus „Minze und Dill“ plötzlich das Spiel „Splitter und Balken“ werden zu lassen. Es geht ja nicht darum, selbstgerecht eine gute Sache gegen eine andere auszuspielen – das eine tun, ohne das andere zu lassen, sagt Jesus. Wie wäre zum Beispiel dieser Satzanfang: Ihr trinkt fair gehandelten Kaffee – und …

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Wir sind die wahren Piraten…

Seit Monaten machen somalische Piraten Schlagzeilen. Dabei ernten die reichen Länder auch hier nur das, was sie selbst gesät haben, wie die Zeit berichtet. Und ich frage mich an diesem Freitag wieder, wo wohl der Fisch gefangen wurde, den ich im Supermarkt kaufen kann. Westliche und asiatische Fangflotten nutzen seit Jahren schon das politische Chaos im Land aus und fischen die Hoheitsgewässer vor Somalia leer. Nun fangen einige Somalis eben Schiffe statt Fische – Menschenfischer der etwas anderen Art, könnte man auch sagen:

Nach Schätzungen von Clive Schofield, Forscher am Australian National Centre for Ocean Resources and Security und Autor einer Studie über die Plünderung der somalischen Fischbestände, haben die fremden Fangflotten erheblich mehr Protein aus Somalias Gewässern entnommen, als die Welt dem Land in Gestalt von humanitärer Hilfe zur Verfügung gestellt hat. »Piratenfischer« nennt deshalb die Umweltorganisation Greenpeace die asiatischen und europäischen Hochseetrawler mit ihren riesigen Schlepp- und Treibnetzen. Es sei schon »ausgesprochen ironisch«, sagt Clive Schofield, »dass viele der Nationen, deren Kriegsschiffe derzeit am Horn von Afrika patrouillieren oder auf dem Weg dorthin sind, unmittelbar mit den Fischereiflotten verbunden sind, die geschäftig Somalias Meeresschätze plündern«.

Wobei so manche ausländischen Schiffe gar nicht am Thunfisch interessiert sind. Als der Tsunami im Dezember 2004 die somalische Küste erreichte, spülte er radioaktiv verseuchten Unrat, Chemikalien und Schwermetalle an die Strände im Norden des Landes – Giftmüll aus den Industrieländern, der nach Angaben der UN-Umweltorganisation Unep jahrelang vor der somalischen Küste illegal verklappt worden war.

Piraterie erzeugt Piraterie: Die somalischen Fischer bewaffneten sich, griffen die großen Fischtrawler an, verlangten »Zölle« und »Steuern« und kaperten die ersten Boote, die gegen Lösegeld wieder freigegeben wurden. Eine Geschäftsidee war geboren. Aus Fischern wurden Seeräuber.

Vielleicht sollten die Kriegsschiffe erst mal die fremden Fischereiflotten verjagen, bevor sie den Piraten nachstellen. Wer indessen verantwortlich Fisch einkaufen möchte, kann auf der Liste des MSC (Marine Stewardship Council) nachlesen.

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„Wer von euch ist denn gläubig?“

Der Spiegel berichtet über die Toten Hosen als Religionslehrer in einer achten Klasse. Campino sagt da unter anderem:

Immer wieder in meinem Leben habe ich mich mit Glauben beschäftigt. Die Auseinandersetzung damit sollte meiner Meinung nach niemals enden. Man kann zum Beispiel nicht einfach sagen „Ich bin Katholik“ und das dann zeitlebens nie wieder ernsthaft hinterfragen. Außerdem ist es nie zu spät, ein- oder auszusteigen in die Religionsdiskussion. Die Option, Glaube als Kraftquelle zu nutzen – da würde ich jedem raten, nicht so schnell die Tür davor zuzumachen.

Und der kleine religionskritische Exkurs am Ende zum Thema FC Bayern wird Haso sicher freuen 🙂

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The Great Emergence: Aufbruch in eine multipolare Welt

(Dies ist der vorletzte Post zu The Great Emergence, hier die vorherigen Teile: 1, 2, 3, 4, 5)

Das bunte Treiben geht weiter und wie in jeder Neukonfiguration stellt sich die Frage, wo die Autorität nun liegt. Es gab dabei schon früher Unterschiede zwischen den vier Feldern, die nun wieder eine Rolle spielen. In der linken Hälfte des Diagramms galt das sola scriptura immer schon mit gewissen Einschränkungen. Die Renewalists waren immer der Auffassung, dass der Geist als Quelle von Autorität und leitende Instanz nicht einfach auf das Schriftwort reduziert werden darf. Die Liturgicals hatten zwar Vorbehalte gegen allzu spontane Eingebungen, die sich noch nicht ausreichend bewährt hatten, aber auf der anderen Seite hatten sie auch Vorbehalte gegen ähnlich „unmittelbare“ Schriftauslegung, die sich dem Dialog mit der reichen Tradition der Christenheit verweigert oder sich darüber hinwegsetzt.

Das Bild wird komplizierter. Über und unter dem kreisenden Zentrum bilden sich neue Felder mit den bekannten Bezeichnungen. Die obere Hälfte betont dabei das rechte Handeln (Orthopraxie – ob liturgisch oder sozial), während die untere Hälfte die rechte Lehre in den Vordergrund stellt (Orthodoxie). In der wachsenden Mitte aber ist diese Unterscheidung aufgehoben.

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Doch die Frage nach der Autorität stellt sich immer noch und führt nun zu einer Polarisierung der Mitte. Tickle sieht hier eine Alternative zwischen Theonomie und Orthonomie. Das muss kurz erklärt werden: Unter Orthonomie (orthos: aufrecht, gerade und nomos: Gesetz, Norm) versteht sie ein ästhetisches Prinzip: Die Wahrheit kann an ihrer Schönheit (d.h. auch der bewegenden Erfahrung) erkannt werden, und sie bewirkt eine gewisse Harmonie in Lehre und Praxis. Viele „emergents“, schreibt Tickle, schütteln den Kopf über die Debatten der Konservativen zu (modernistischen) Fragen wie der Historizität der Jungfrauengeburt. Für sie ist diese Geschichte zu schön, um nicht wahr zu sein – egal, ob das nun „tatsächlich“ so geschehen ist oder nicht.

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Auf der rechten Seite wird dagegen das alte sola scriptura zur Theonomie umfunktioniert: Nur Gott ist die Quelle der Wahrheit, Schönheit liegt im Auge des Betrachters und kann trügerisch sein. Aber auch hier ist unklar, wie menschliche Erkenntnis diesen Gedanken praktisch einholt. Die beiden Ansätze stehen in einer (gelegentlich heftig ausgetragenen) Spannung zu einander. Aber es ist noch nicht gesagt, dass sie einander tatsächlich ausschließen.

In welcher Richtung wäre eine Lösung zu suchen? Die Antworten der früheren Entwicklungsstadien spiegeln immer auch die politischen Verhältnisse ihrer Entstehungszeit wider, argumentiert Tickle. Die Mönchskirche Gregors des Großen entspricht den frühmittelalterlichen Stammesverbänden, das Papsttum nach dem Schisma ist das Pendant zum Kaisertum (die Kardinäle bilde den Hofstaat), und die Reformation mit dem Priestertum aller Gläubigen, Synoden und gewählten, auf Schrift und Bekenntnis verpflichteten Amtsträgern, spiegelt die wachsende Bedeutung des Bürgertums wider, die dann auch die westlichen demokratischen (im Sinne einer repräsentativen Demokratie) Rechtsstaaten hervorbringt.

Aber die Zeit der nationalen Demokratien geht dem Ende entgegen. Sie verlieren in einer global vernetzten Welt rasch an Bedeutung. Recht und Macht werden neu definiert. Wenn „emergents“ heute nicht mehr eindeutig sagen können, ob die Schrift oder die Gemeinschaft die bestimmende Autorität ist, ist das nicht nur eine Kapitulation vor widerstreitenden Prinzipien, sondern ein Schritt in Richtung System- oder Netzwerktheorie. Das Schlagwort heißt crowdsourcing, das Vorbild ist die Wikipedia. Kein einzelner, keine Kartell der Fachleute und keine Hierarchie kann das ganze Bild mehr überschauen. Erst das Zusammenwirken des ganzen Netzwerks mit allen Knoten und Komponenten führt zu einer angemessenen Reaktion:

Weder institutionelle menschliche Autorität noch gelehrte oder priesterliche Unterscheidung alleine kann den Ton angeben, denn weil beides menschlich ist, ist es den Bedningungen von Raum und Zeit unterworfen und kann zu keiner Perspektive umfassenden Verstehens gelangen. Vielmehr ist es die Art und Weise, wie die Botschaft über die Knoten des Netzwerks auf und ab, hin und her läuft, durch die sie erprobt, ausgebessert, von Weisheit zu rechtem Handeln gemäßigt wird, um den Willen des Vaters auszurichten.

Kein Wunder also, dass sich diese Bewegung nur als Gespräch (conversation) fassen lässt, und eben nicht als theologische Position oder Institution. Und doch stammen die neuen Strukturen des Gesprächs, des Wartens auf den Geist, das Glaubens und des Hörens auf die Schrift aus den vier Quadranten der globalen Kirche, und nicht aus dem kulturellen und gesellschaftlichen Umfeld, in das sie so gut passen.

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Clever Meditieren

Regelmäßiges Meditieren vergrößert die Dichte der grauen Zellen, schreibt diese Woche der Spiegel. Außerdem altert das Gehirn langsamer, sagt die Neurowissenschaftlerin Sara Lazar aus Boston. Schon nach zwei Monaten sind bei gestressten Menschen positive Veränderungen sichtbar, und auch „seelische Aufhellungen“ gehören dazu.

Wenn das kein Anreiz ist, in die Fußstapfen von St. Ignatius & Co zu treten!

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Zu kurz gedacht?

Ob man als Landwirtschaftsminister auch Milchmädchenrechnungen lernt? Unser SuperSeehofer setzt sich, wie heute zu lesen war, in einem Brief an die Kanzlerin dafür ein, den Klimaschutz zurückzustellen, um nur ja keine Arbeitsplätze in der Autoindustrie zu gefährden. Klimaschutz ja, aber bitte zum Nulltarif.

Die leidet jedoch nicht unter den Klimaschutzvorgaben, sondern unter der Kreditkrise. Aber die Folgekosten der Klimaveränderung übersteigen die Kosten der Wirtschaftskrise bei weitem. Nur sind sie noch nicht spürbar. In Zukunft werden auch wir Europäer weniger und kleinere Autos fahren. Und klar werden Arbeitsplätze dabei verloren gehen. Die Frage ist nur: wie viele – und wer kümmert sich heute darum, dass an anderer Stelle neue geschaffen werden?

Wenn jetzt die Regierung den Druck von den Autoherstellern nimmt, die zwar noch auf die bankrotten US-Autobauer herabsehen, selbst aber sträflich versäumt haben, den Spritverbrauch ihrer Flotte zu senken, dann werden am Ende Audi und BMW (um mal nur die Bayern zu nennen) wie die Monsterbauer aus Detroit auch nicht mehr zu retten sein. Denn wenn die mal weg sind, baut Deutschland die dicksten Schlitten…

Blog-Tipp zum Thema: Klima der Gerechtigkeit

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