Nicht nur die Leute von Luthermergent dürfte das interessieren: Mein Doktorvater Berndt Hamm referiert am Reformationsfest zum Thema „Die Emergenz der Reformation“. Ich kann leider nicht hingehen, aber vielleicht gibt es ja ein Skript dazu.
Erzähl‘ mir eine Geschichte
Wer die postmoderne These vom Tod der Metaerzählungen als überholt betrachtet, wird von der FAZ eines besseren belehrt. Es gibt dieses Sterben noch immer, und zugleich kommen wir nicht ohne Geschichten aus:
Jeder, der mit Kindern lebt, weiß, dass Geschichten nicht erzählt werden, um Informationen zu transportieren. Das behaupten wir nur unter Erwachsenen: dass ein Text oder eine Rede dazu da ist, etwas Neues über die Welt zu sagen. Aufklärung ist aber nur eine Funktion von Geschichten. Eine andere ist der Trost, das Bändigen der unbekannt nahenden Zukunft, damit man sich einen Reim macht auf die Dinge des Lebens. (…) Gesellschaften sind manchmal wie Kinder, liegen zusammengekauert in der Embryonalstellung, den Blick auf das orangene Glühlämpchen in der Steckdose gerichtet – und wollen eine Stimme hören.
Diesmal ist es die neoliberale Story, die zusammengebrochen ist, und zugleich stellt sich die Frage, aus welchen Geschichten die neue Welt ihre Gestalt gewinnt. Es ist schon erstaunlich, wie viele religiöse Untertöne sich in die Kommentare zur globalen Finanzmarktapokalypse mischen. Und es ist wirklich eine Apokalypse: Ein krankes System wird enthüllt, demaskiert, Irrtümer und Fehler bloßgelegt. Hier für alle die Kurzversion dessen, was keiner mehr glauben kann:
Die Gier, von der so viel die Rede ist, war eine Gier danach, die Geschichte vom wahnsinnigen Wachstum des Geldes immer weiter erzählt zu bekommen, wie bei Harry Potter sollte immer noch ein beruhigend schwerer Band kommen von der großen neoliberalen Erzählung über Geld und Magie. In dieser Geschichte ist das Geld wie Red Bull, es verleiht Flügel: Vergiss deine bescheidene Herkunft, die engen Leute da, als Investmentbanker blickst du aus hellen Höhen auf die ganze Welt hinunter. Was dich belastet, was dich da unten hält, wo es nach Weichspüler riecht – das nennen wir Kosten.
Die Vergangenheit, die Gepflogenheiten, die örtlichen Gegebenheiten, das kannst du in Kosten verwandeln – und loswerden. Geld ist der Rohstoff der ultimativen Verwandlung, macht alles, und vor allem dich, zu glänzender Flüssigkeit, wie in „Terminator II“, du erstehst neu, unbesiegbar. Der Staat will das eindämmen, er hindert die Tüchtigen. Er hat keine Chance: Geld ist unser Zaubertrank. Alle Menschen werden fit.
Und ganz am Schluss fragt der Autor dann:
Neue Sachen passieren: Geld fließt von unten nach oben, Banken werden verstaatlicht, als habe man hierzulande die Weisheit von Hugo Chavez erkannt. Nur die passende Geschichte ist noch nicht gefunden. Besser wäre es, wir hätten einen ganzen Reigen davon zur Verfügung. Der neue Tag ist fern, wir brauchen etwas, das tausendundeine Nacht dauern kann. Was soll denn vorkommen in unserer Geschichte, fragt man manchmal die Kinder, und dann muss man etwas dichten, aus einer Katze, einem Feuerwehrauto und einem Baby. Was macht uns glücklich?
Dies ist die Stunde der Literatur: Unsere wichtigsten Papiere sind heute die Bücher.
Brave Männer kommen in die Kirche, böse…?
Ich arbeite an einem Artikel über die Frage, warum in vielen Gemeinden so wenig Männer sind. Meine ersten, spontanen Einfälle zum Thema fasse ich hier kurz zusammen, ich hatte es ja schon verschiedentlich gestreift. Ihr könnt gern munter drauflos kommentieren.
Manchmal scheint das Klischee zu sein: Brave Männer kommen in die Kirche, böse überall sonst hin. Die Bibel gibt m.E. zu dieser Fragestellung keine direkten Aussagen im Sinne von Anweisungen her, was zu tun ist, um mehr Männer zu „erreichen“. Außer vielleicht der Beobachtung, dass wir das Evangelium so weit privatisiert haben, dass viele Männer finden, für ihre Lebenswirklichkeit spielt es keine Rolle – es sei denn, sie sind (und das ist jetzt nicht ironisch gemeint) gerade im Erziehungsurlaub. Also doch: ?
Ich halte die Unterschiede zwischen Männern und Frauen an sich für vernachlässigbar. Die sozial konstruierten und historisch geformten Rollen und im Zusammenhang damit die verschiedenen Lebenswelten sind der Knackpunkt. Wir haben ja auch herzlich wenig „Karrierefrauen“ in den Gemeinden, die keinen sozialen Beruf haben. Predigtinhalte bewegen sich in der Regel im Bereich apolitischer Individualethik (Ehrlichkeit, Treue etc.) und wenn es dann wirklich mal „politisch“ wird, geht es um Familie oder Abtreibung – schon wieder ein „Frauenthema“. Über Arbeit und Beruf wird selten gesprochen und wenn, dann geht es wieder oft um Moral, und für „typisch männliche“ Sünden (die haben in der Regel des Klischees mit Sex zu tun) gibt es dabei deutlich weniger Verständnis. Wirtschaftsethik fehlt dagegen.
Unsere dominierende Metapher für Gemeinde ist die Familie. Nur bedeutet Familie im 21. Jahrhundert „Kernfamilie“ (wenn nicht gar „Rumpf-Familie“), also emotionaler Nahbereich, das war im ersten Jahrhundert und bis vor wenigen Generationen noch ganz anders. Viele Männer fühlen sich, gerade wenn sie einen Job mit Verantwortung haben, in der eigenen Familie aber schon fremd, folglich erst Recht in der Gemeinde. Da kommt dann noch die ausgesprochen intime Lobpreiskultur dazu, mit viel Herz und weniger Anforderung an den Intellekt. Im NT ist ekklesia ein Begriff aus der Politik, und wir sind nicht nur Gottes Familie, sondern sein Volk. Diese weitere Dimension fehlt heute an vielen Stellen, wo das Evangelium auf Lebenshilfe im Beziehungsbereich reduziert wird. Dabei war es mal eine Botschaft, deren Träger wegen Hochverrats als Staatsfeinde hingerichtet wurden. Heute meiden viele Christen alles, was Joseph Myers zum öffentlichen Bereich zählt, und wegen manch missglückter Politisierung zur Rechten und Linken legt man in vielen Gemeinden Wert darauf, überhaupt nicht politisch zu sein.
Christliches Machotum oder fromme Cowboy-Erlebnispädagogik ist für mich keine ausreichende Lösung. Damit richtet man nur Biotope in einer immer noch widrigen Umgebung ein. Vermutlich auch nicht die autoritätslastigen, patriarchalischen Männerideale vom Haupt oder „Priester“ der Familie, die bei vielen (wenn sie mal Familie haben, das steht mit 20 ja in der Regel noch aus) die „normale“ Überforderung noch potenzieren. Das Problem sind nicht die Männer (zu weich, zu hart, was auch immer) und auch nicht die Frauen (zu viele, zu stark, …). Das Problem ist, dass wir Glauben privatisiert, moralisiert und in einer ganz bestimmten intimen Tonlage emotionalisiert haben. Also: Keine Biotope, sondern ein grundlegender Kulturwandel in der Gemeinde, der auch vielen Frauen gut tun wird.
Leute, wo bleibt die Freiheit?
Heute nachmittag blätterte ich bei meinen Eltern in einem christlichen Magazin und fand einen Artikel, der sich mit dem deterministischen Menschenbild mancher Neurobiologen befasste. Wir sind nichts als das Produkt unserer ererbten Hirnstruktur. Schlagzeile und entsetzte Schlussfolgerung waren: Dann gibt es keine Sünde mehr!
Ich verstehe diese Art zu denken einfach nicht. Viele unserer Zeitgenossen kämen super klar in einer Welt, in der es keine Sünde mehr gibt (und folglich, das ist der tiefere Grund der nachvollziehbaren Freude, keine Moralapostel, die einem ein schlechtes Gewissen machen). Aber natürlich liegt das Problem an einer anderen Stelle: Es gibt keine Freiheit mehr, wenn wir total programmiert sind. Es gibt keine Persönlichkeit und Individualität mehr, nur zufällige, unveränderliche Verkabelungen. Es gibt keine Hoffnung mehr auf Veränderung (oder nur durch erzwungene Reprogrammierung), es gibt keine Liebe mehr (die ist nur eine nützliche romantische Illusion zur Brutpflege und Arterhaltung) und es gibt keine Verantwortung mehr, keine Gerechtigkeit, keine Wahrheit – weil jeder nur noch die Wahrheit erkennen kann, auf die er programmiert ist.
Und wenn man das alles gesagt hat, kann man meinetwegen auch sagen, dass es keine Sünde mehr gibt. Wer es andersherum versucht, gerät schnell in den Verdacht, dass er diese negative Folie braucht, um andere damit zu tyrannisieren oder die eigenen Ängste und Komplexe daraus zu speisen. Um die Unfreiheit der Sünde in die Bevormundung durch fromme Moral und soziale Kontrolle zu überführen. Und jenseits aller (nur zu berechtigten, wie ich fürchte) Verdachtshermeneutik stellt sich hier die theologische Frage, ob hier eine ganze Glaubensrichtung den Sündenfall der Menschheit zum theologischen Urdatum erklärt hat und nicht die Güte der göttlichen Schöpfung.
Ehrlich – das kann doch niemand ernsthaft wollen?
Beten und Surfen
Erstaunlich: Die 2.000 orthodoxen Mönche auf dem Athos werden zum Modellprojekt für Wimax. Wie sich das wohl langfristig auswirkt auf die Klosterkultur?
In neuem Gewand: RelevantBlogs
Peter Unruh hat den RelevantBlogs ein frisches und sehr gelungenes Design verpasst.
Die aktuellsten Posts verschiedener Blogs (darunter viele meiner persönlichen Favoriten) findet man dort nun übersichtlich auf einer Seite und kann sich fröhlich vom einen zum anderen klicken.

Falsche Schadenfreude
Das SZ-Magazin geht mit dem peinlichen Jubel der Bayern-SPD über den CSUnami ins Gericht:
Es war wie in der Schule: Der Klassenprimus hat es verhauen und am lautesten jubeln gerade die, die ständig sitzen bleiben.
Entrümpelung
Es geht weiter in The Great Emergence: Phyllis Tickle greift über Karen Armstrong auf den Gedanken der Achsenzeit von Karl Jaspers zurück. In der Kirchengeschichte und der Geschichte Europas markiert sie vier Abschnitte, die jeweils damit enden, dass eine neue Kirchen- und Glaubensgestalt sich als Antwort auf veränderte gesellschaftliche Verhältnisse bildet. Die alte Kirche bis zum Konzil Chalcedon (und der Trennung von den orientalischen Christen) bzw. dem Untergang Roms, die Mönchskirche des frühen Mittelalters seit Leo d. Gr.und Benedikt von Nursia bis zum großen Schisma 1054, die westliche Kirche bis zur Reformation (die sich seit dem Ende des 14. Jahrhunderts abzeichnet) und schließlich die Ära des Protestantismus.
Jedes Mal findet eine große Entrümpelung statt, in der die Frage nach Wahrheit und Autorität neu gestellt und nicht sofort beantwortet wird. In unseren Tagen geht die Vorherrschaft des Protestantismus zu Ende, der zusammen mit dem Kapitalismus, der Mittelschicht und den Nationalstaaten groß geworden war.
… es gibt einen guten Grund, warum so viele Kommentare über the great emergence (Anm.: ich lasse das unübersetzt) heute zuerst anmerken, dass sie charakterisiert und geprägt wurde von einem Bemühen um die Begrenzung oder gar der ausgesprochenen Ablehnung eines reinen Kapitalismus; vom Verlust der demographischen Basis des konservativen oder großkirchlichen Protestantismus; von der Erosion oder populärer Ablehnung der Werte der Mittelschicht und der Kernfamilie als konstituierenden Element der Gesellschaft; von der Verschiebung der ökonomischen Machtbasis weg vom Geld hin zur Information; und vom Abstieg des Nationalstaates und dem Aufkommen der Globalisierung. Natürlich ist das der Fall! Meine Güte, wir entrümpeln. Den Müll rauszubringen ist der erste Schritt zur Renovierung. (S. 52)
Echt kriminell
Die Zeit veröffentlicht eine Karte zur Häufigkeit von Fahrraddiebstählen in Deutschland. Erlangen fehlt unbegreiflicherweise auf der Liste. Dagegen erscheint Nürnberg, wo es da doch so gut wie keine Fahrräder gibt, aber die für die Auswahl festgelegten mehr als 200.000 Einwohner…
Das muss nachgebessert werden!
Entzauberter Aberglaube
Die Zeit beschreibt die religiösen Aspekte der Bankenkrise unter dem Stichwort »Kapitalismus als Religion«:
Der Philosoph Walter Benjamin war überzeugt davon, der Kapitalismus weise eine vergleichbare Struktur auf wie die Religion und diene der Befriedigung derselben Sorgen, Qualen, Unruhen und Hoffnungen. Doch die kapitalistische Religion, schrieb Benjamin 1921, habe eine fundamentale Schwäche: Sie erlöst nicht, sie dient auch nicht der »Reform des Seins«, sondern verschuldet die Menschen untereinander. Benjamins Gedanken beschreiben die marktradikale Glaubenslehre immer noch treffend. Für diese Lehre ist der Markt der Allmächtige; er sieht alles und bestraft die Sünder. Nur wer Opfer bringt, Steuern senkt und dem Staat Ketten anlegt, stimmt das Kapital gnädig. Die Wall Street selbst, ihre »Jahrhundertkrise« (Alan Greenspan), hat die kapitalistische Religion entzaubert. Die unsichtbare Hand des Marktes ist unsichtbar, weil sie gar nicht existiert.
Religionen auf einen Blick :-)
gefunden bei Heike:
Stuff happens. What do the world’s religions have to say about this vexing existential problem?
Taoism: Stuff happens. Who gives a stuff?
Hinduism: This stuff has happened before and will happen again.
Buddhism: The stuff that happens doesn’t really.
Zen: What is the sound of stuff happening?
Islam: The stuff that will happen will happen.
Judaism: Lord, why is this stuff happening to me?
Evangelicalism: Jesus, we praise you and just wanna ask why this stuff isn’t happening to someone else?
Catholicism: Stuff happens because you deserve it.
Open Theism: Stuff happens to God too.
Pentecostalism: Tuffs appensh.
Anglo-Catholicism: Verily, verily, stuff happeneth.
Atheism: Stuff happens. Then you die. No more stuff.
Rastafarianism: Let’s smoke the stuff.
Hare Krishna: „Stuff“ happens! „Stuff“ happens! „Stuff“ happens! „Stuff“ happens! . .
Jehovah’s Witnesses: Let us in and we’ll tell you why stuff happens.
Quakers: Quietly praise God for the blessings that stuff brings.
Calvinists: Stuff won’t happen to you if you work hard enough.
Christian Scientists: Agree that there is no stuff.
Televangelists: Stuff won’t happen to you if you send in your love offering.
for us Mennonites:
No matter what stuff happens, we will not resist, even if it kills us. Peace onto stuff.
Demontiert
Die längst erwartete Zeitenwende in Bayern: Die CSU hat die absolute Mehrheit mit großem Abstand verfehlt. Vielleicht ist ihr ausgerechnet der beispiellose Erfolg der letzten Landtagswahl mit zwei Dritteln der Mandate dabei zum Verhängnis geworden. Selbst ein treuer Anhänger der Christsozialen sagte heute morgen zu mir, die absolute Mehrheit tue Bayern nicht gut. Jetzt wird analysiert und diskutiert werden. Ich empfehle fürs erste diesen Kommentar der SZ.
Im kleineren Nachbarland haben heute die Rechten gut 30% der Wähler für sich gewonnen. Gar keine gute Nachricht…
Sich selbst demontiert inzwischen auch Sarah Palin in einem CBS-Interview, hoffentlich noch rechtzeitig vor der Wahl in den USA.
Ein Großer ist gegangen
Paul Newman ist tot. Ich hoffe, dass der Clou und vor allem die Farbe des Geldes aus diesem Anlass wieder mal im Fernsehen laufen.
Aber er war nicht nur ein großartiger Schauspieler, sondern hat über seine Firma Newman’s Own über 250 Millionen Dollar erwirtschaftet – für soziale Zwecke, vor allem für Kinder mit lebensbedrohlichen Krankheiten.
Neues aus dem Schilderwald
The Great Emergence: Irgendwann erfrischt es jeden…
Seit vorgestern habe ich Phyllis Tickles The Great Emergence: How Christianity Is Changing and Why vor mir liegen und lese mich allmählich hinein. Besonders spannend in einer Zeit der vielfältigsten Abgesänge auf den als zu kontrovers und missverständlich erachteten Begriff Emerging Church. Tickles These ist, dass sich ein grundlegender ekklesiologischer Gestaltwechsel vollzieht, der wie in früheren Zeiten drei Aspekte hat:
- Eine neue Gestalt von Kirche bildet sich und nabelt sich ab
- Als Reaktion darauf erneuert sich auch die bisherige Institution
- Beides führt zu einer dynamischen Ausbreitung des Glaubens in neuen geo- und demographischen Feldern
Das macht doch neugierig!



