Wohlfühl-Evangelium

In Zeiten von Wellness-Oasen und selbst frommen Feelgood-Wochenenden sollten wir den alten Asketen Paulus vielleicht auch leicht auffrisieren. Ein Versprecher brachte mich gestern auf den Trichter:

Gott war in Christus und verwöhnte die Welt…

(vgl. 2.Korinther 5,19f)

Von Aroma redet Paulus in diesem Brief ja auch (2.Kor 2,14ff. Gut, das liest sich etwas zwiespältig…) – nur die Kristalle suche ich noch. Irgendwelche Tipps?

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Werdende Väter

Diesen Tag über hat mich beschäftigt, mit welcher tiefen und weiten Parallelität wir es im Advent zu tun haben. Da ist einerseits die Geschichte auf die wir zurückschauen: Die schwangere Maria, deren Bauch sich allmählich schmerzlich spannt und die – für seine Umwelt noch unsichtbar – Jesus in sich trägt, mit dem ein neues Zeitalter auf der Erde beginnt. Buchstäblich. Die Erfüllung der Verheißungen, die die großen Propheten des Exils von Gottes neuem Bund mit den Menschen und der neuen, vom Zerfall erlösten Schöpfung in so vielen packenden Bildern besungen haben.

Und da sind wir, die wir nicht mehr auf das “Christkind” warten. Wir schauen zurück auf seine Geburt, auf sein Leben, seinen Tod und seine Auferstehung, und erkennen in ihm den Prototypen dieser neuen Schöpfung. Doch während er schon “durch” ist, steckt diese neue Schöpfung noch im Geburtskanal. Überall um uns herum erkennen wir die Geburtswehen, die sich manchmal nur wie schmerzhaftes Sterben und Klagen anhören. Für jemanden, der nicht weiß, was da passiert, kann das beängstigend sein. Im Licht des Evangeliums ist es aber ein Zeichen der Hoffnung, dass Gott seine Verheißung mit dem Kommen Christi, auf das wir noch warten, dann in vollem Umfang erfüllt. Für uns Menschen wie für die nichtmenschliche Schöpfung sind dann die Wehen vorbei, und was wir nun ahnen und glauben, werden wir dann sehen und fassen können.

Unsere Rolle könnten wir vielleicht mit Joseph vergleichen. Wir haben dieses neue Leben nicht verursacht, aber Gott hat uns trotzdem in die Geschichte einbezogen, uns eine fürsorgliche Nebenrolle gegeben. So wie Joseph für die schwangere Maria sorgte, so können und sollen wir für unsere Mitgeschöpfe sorgen. Nicht in dem Sinne, dass wir alles richten könnten; aber wenigstens das uns Mögliche tun, im Vertrauen darauf, dass Gott das Unmögliche tut. Vor allem leiden wir ein bisschen mit, dezent im Hintergrund. Wir sind nicht die Hauptpersonen dieses Dramas. Und das, bis der Tag kommt, an dem Friede – Schalom – auf Erden einkehrt: In den Familien und Beziehungen, in der Politik, und in der Natur und ihren Elementen. Darauf warten wir – ganz gespannt und konzentriert, wie ein werdender Vater.

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Ein Thema, das die “Welt” bewegt

Die Welt fragt ihre Leser, ob Kreationismus in den Biologieunterricht gehört. Ich denke, nicht unbedingt. Aber dann wäre es nötig, dass die Art, wie über Evolution geredet wird, wieder redlicher und wahrhaftiger wird. Dazu gehört für mein Empfinden etwa, dass man die immer wieder auftretende Überheblichkeit gegenüber anderen Kosmologien (z.B. anderer Zeiten und Kulturen) ablegt, die auch ihren (unterschiedlich zu bewertenden) Sinn und Wahrheitsgehalt haben.

Dazu gehört auch, dass man über die Grenzen naturwissenschaftlicher Aussagen ehrlich Rechenschaft gibt. Sie können das “wie” beschreiben, aber nach ihren eigenen Grundsätzen keine Aussagen über das “warum” und “wozu” machen. Wo das geschieht (etwa wenn man so tut, als wäre “die Evolution” eine Quasi-Person), ist es nur Spekulation und sollte als solche kenntlich gemacht werden.

Schließlich tut jeder Wissenschaftszweig gut daran, die Vorläufigkeit seiner Ergebnisse einzuräumen. Es gab Theorien vor Darwin und es wird vermutlich auch irgendwann neue Theorien geben. Wenn wir heute schon wüssten, wie die einmal aussehen, wäre das den Nobelpreis wert. Wenn sie aber einmal da sind, wird sich jeder wundern, warum das vorher niemand gesehen hat.

All das vermisse ich bei vielen Lehrern und – noch häufiger – bei populärwissenschaftlichen Beiträgen im Fernsehen und in anderen Medien. Obwohl ich kein Kreationist bin.

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Na also!

Unser großer Nachbar Nürnberg hat seine Emissionen von Treibhausgasen seit 1990 um 22% gesenkt und die bis 2010 angepeilten 27% sind erreichbar. Zumindest ein Schritt in die richtige Richtung.

Und unser Verkehrsminister Tiefensee will die EU Ratspräsidentschaft dazu nutzen, Flugzeuge über Zertifikate in den Klimaschutz einzubeziehen. Kaum zu glauben, dass die bisher nicht in der Rechnung enthalten waren.

Die Grünen haben eine Verringerung um 80% bis 2050 ins Programm aufgenommen. Vielleicht sind sie in der nächsten Regierung wieder dabei

Alle, die für den Klimaschutz gebetet haben, können sich freuen. Und alle anderen können mitmachen (natürlich nicht nur beten, aber das ist ja klar). Da geht noch was. Muss auch, wenn man sieht, was passiert, wenn nichts passiert.

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Hoffnungslose Optimisten

Am Samstag haben Daniel und ich auf der Straße Leute interviewt zum heutigen Gottesdienstthema Hoffnung. Beim Bearbeiten wurde immer deutlicher (manche Sätze muss man ein paar mal hören…), dass zwar alle versuchen, optimistisch zu sein, aber dass eine echte Hoffnung fehlt. Was bleibt, ist ein schulterklopfendes “wird-schon-wieder” – eben die rosa Brille von der lieben Tante Evolution, von der in Geo zu lesen war, mit der wir unsere (triste?) Welt schönen.

Nun lebe ich auch lieber unter Optimisten als unter Schwarzsehern. Optimismus ist besser als Verzweiflung, aber ist er genug? So lange es uns halbwegs gut geht, kommen wir damit vielleicht durch. Was aber, wenn die Umstände schlimm werden? Die Tragik ist doch, dass wir bei scheinbar – oder tatsächlich – übermächtigen Problemen ohne Hoffnung einfach den Kopf in den Sand stecken, um unseren Optimismus nicht zu verlieren. Und dass wir jetzt schon so leben, dass wir etwa beim Klima reale Risiken herunterspielen oder ignorieren – beziehungsweise und für unzuständig erklären. Brutal gesagt: Auf der Titanic waren auch lauter Optimisten unterwegs…

Charakteristisch ist dagegen die weitgehende Fehlanzeige beim Thema Hoffnung.

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Stolz und Dankbarkeit

Ich habe als geistliche Übung mir Gedanken darüber gemacht, worauf ich stolz und wofür ich dankbar bin. Für alle, die jetzt die Stirn runzeln, vorab nur dies: stolz sein ist biblisch, sofern er sich auf Gott und Gottes Güte bezieht. Insofern bin ich beides, stolz und dankbar. Und ich muss das hiermit einfach auch mal “laut sagen”.

Und wofür nun? Ich bin dankbar, dass ich eine Frau habe, die mich wirklich liebt – und dass unsere Liebe in den Jahren nicht irgendwo auf der Strecke geblieben ist vor Arbeit und Kindern und Missverständnissen oder gelegentlichen Enttäuschungen -, die frei ist von Zynismus und in allen Menschen das Positive sehen kann (und damit auch in mir, selbst wenn ich es nicht mehr sehe…) und die immer offen für Neues ist und Träume hat.

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Das gibts ja wirklich

Neulich habe ich überlegt, ob man statt des politisch korrekten und schwer gestelzten “mit Migrationshintergrund” nicht einfacher “migrantisch” sagen sollte. Nun stelle ich dank kurzer Internetsuche aus einer Laune heraus fest, dass andere schon längst so reden und die (humorlosen?) Sprachpuristen auch schon die Unwort-Geschütze in Stellung gebracht haben.
Ok, schön ist es nicht, aber wenigstens kurz mit seinen zwei Silben. Und nicht so furchtbar ernst!

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Fade Hoffnung

Ich befasse mich “dienstlich” mit dem Advents-Thema Hoffnung. Auf der Suche nach Material kam ich heute bei Alanis Morisette vorbei. Sie singt in Utopia von einer harmonischen Gesellschaft, aber das ganze Lied wirkt (gegenüber ihren zornigen und leidenschaftlichen Songs) schrecklich blutleer. Beim Refrain wird dann auch klar warum das so ist:

This is utopia this is my utopia
This is my ideal my end in sight
Utopia this is my utopia
This is my nirvana
My ultimate

 Images Flyer 2006-12

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Optimismus: Rosa Brille

Immer noch beim Thema Hoffnung, nun am Geo-Heft vom Oktober: “Die Kraft der Zuversicht”. Da wird Hoffnung mit einer rosa Brille “aus der Trickkiste der Evolution” verglichen. So funktioniert sie in der merkwürdig doppelbödigen Beschreibung der Wissenschaft:

… eigentlich wiegt das Negative in unserem Leben viel schwerer. (…) Was also tun? Die Antwort: die positiven Kräfte “künstlich” stärken. Täuschen! Belügen! Beschummeln! Und zwar uns selbst. “Positive Illusionen”, “optimistische Fehlschlüsse” oder “unrealistischen Optimismus” nennen Psychologen dieses Phänomen.

Münchhausen hätte seine helle Freude an dieser Sache. Liebe Evolution, danke für diese großartige Möglichkeit, mich über die – bei nüchterner Betrachtung: trostlose – Realität hinwegzulügen. Und weil mit dem Tod für mich als Individuum aufgrund deiner fürsorglichen Fügung auch wirklich alles aus ist (auch wenn meine Moleküle recycelt werden), taugt die Strategie für die verbleibende Zeit auch bestimmt. Falls mich die Zuversicht aufgrund einer Stoffwechselstörung unerwarteterweise doch noch verlässt, kann ich ja den Zeitraum bis zum gnädigen Vergessen irgendwie selbsttätig verkürzen, was meinst du…?

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Mensch sein können

Im Zusammenhang mit dem Überfall auf die Schule in Emsdetten wird über die Motive des Täters diskutiert, die das Abschiedsvideo erkennen lässt. Die Ambivalenz zwischen Opferdenken (“ihr habt mein Leben kaputt gemacht”) und Größenwahn (“ich bin göttlich”) – beziehungsweise wie das eine in das andere umschlägt -, ist zutiefst beunruhigend. Schon deshalb, weil sie in milderen Formen gar nicht so selten sind.

Tobias hat geschrieben, wir sollten uns fragen, was in unserer Gesellschaft nicht stimmt. In der Zeit sagt der Pädagoge Wolfgang Bergmann gestern dazu:

Moderne Kinder sind sehr viel narzisstischer als frühere Kindergenerationen. Sie wachsen in einem Klima auf, in dem alles zur Verfügung stehen sollte, in dem sie selber der Mittelpunkt sind. Dieses Verwöhnklima hat durchaus seine positiven Seiten, die negative Seite ist, dass solche Kinder, wenn sie in der Realität scheitern, sich überhaupt nicht mehr zu helfen wissen. Sie haben nicht gelernt, Niederlagen einzustecken oder dass das Leben auch mal tragische Züge haben kann, aber dann trotzdem weitergeht. Diese Kinder denken gleich: Jetzt geht gar nichts mehr weiter, alles ist aus. Der Narzissmus ist immer eine Wut, einer fast besinnungslosen Wut seelisch benachbart, und diese Wut richtet sich nach innen und außen.

Ich habe mich gefragt: Verlernen wir gerade das Menschsein? Und gehört Gott als Gegenüber nicht dazu, wenn wir von Humanität reden wollen? Wenn wir nämlich akzeptieren, dass wir nicht Gott sind und die Welt sich nicht um uns dreht, aber dass wir in dieser Welt trotz aller Widrigkeiten nicht allein sind, dann haben wir auch gute Aussichten zu entdecken, dass wir längst nicht so ohnmächtig sind, wie wir tun. Und dass wir dafür verantwortlich sind, uns und diese Welt zum Guten zu verändern.

Ein Post von Kim Fabricius bei Faith and Theology mit zehn Thesen über das Menschsein bringt es gut auf den Punkt, worum es dabei geht: Um Kontingenz (es ist nicht notwendig, dass es uns gibt), Widersprüchlichkeit, um Leiblichkeit und Spiritualität, Beziehungen und Verantwortung, um Spiel und Anbetung, um Christusähnlichkeit und Herrlichkeit.

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Superzynisch

Gestern war überall davon zu lesen, dass Israels Luftwaffe einen Angriff auf ein Versteck mutmaßlicher Terroristen abgeblasen hat, weil hunderte Zivilisten als lebende Schutzschilde um das Haus standen. Punkt für Israel – und, ja, mit Gewalt ist dieser Konflikt nicht zu lösen.

Trotzdem ist das hier nicht der mutige noble David gegen den groben bösen Goliath. Hier wird Gewaltlosigkeit perfide instrumentalisiert von Leuten, denen ein Menschenleben, zumal das eines Zivilisten, nichts bedeutet – sofern dieser ein Israeli ist. Das Erschreckende ist: Für Selbstmordbomber in Israels Bussen und Einkaufszentren gibt es Beifall von denselben Leuten, die die Drahtzieher hier schützen. Je mehr Tote und Verstümmelte, desto besser. Aber sie wissen, dass bei den Israelis in der Regel nicht genauso mit zweierlei Maß gemessen wird.

Und wer jetzt wieder nur den Israelis die Schuld für die Radikalisierung der Palästinenser gibt, muss sich fragen, für wie mündig und verantwortungsfähig er letztere eigentlich hält. Und ob er den Extremisten damit womöglich in die Hände spielt.

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Das Wahre ist immer das Persönliche (?!?!)

Richard Sennetts Kritik an der allgegenwärtigen Forderung nach Authentizität (siehe Tobias‘ feine Posts auf pickaboo) und sein Verweis auf die Folgen dieser Mentalität hat mich ans Predigen erinnert. Da ist ja auch – je nach Gemeindekultur, und alles was jetzt kommt ist überspitzt formuliert! – die Erwartung gestiegen, dass ein Prediger sich, wenn schon nicht zum Thema, dann wenigstens zum Dauerexempel seiner Botschaft macht. Wenn es gut läuft, dann zum Erzheiligen, alternativ auch gern zum Erzsünder:

„Das übermäßige Interesse an Personen auf Kosten der gesellschaftlichen Beziehungen wirkt wie ein Filter, der unser rationales Gesellschaftsverständnis verfärbt.“ So entsteht der Glaube, Gemeinschaft sei das Produkt gegenseitiger Selbstentblößung.

Ich mag persönliche Beispiele, aber man kann es auch übertreiben. Und manchmal beunruhigt mich das Missverhältnis zwischen der Resonanz auf persönliche Anekdoten und der auf inhaltliche Aussagen. Fast so, als ob nur das erste hängen bleibt. Die Folgen könnten nämlich in doppelter Hinsicht zum Problem werden:

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Verspielte Zukunft?

Kofi Annan himself schreibt in der SZ darüber, welche dringliche Aufgabe der Klimawandel darstellt. Angesichts der erdrückenden Beweislast immer noch den Skeptiker zu spielen, ist längst unverantwortlich. Umgekehrt scheint auch mancher gut gemeinte Weckruf verpufft zu sein (Analogien zu “evangelistischen” Schocker-Strategien sind vermutlich zulässig):

Weltuntergangs-Szenarien, die die Menschen mit Schockmethoden zum Handeln bewegen wollen, haben letztlich oft den gegenteiligen Effekt. So war es zeitweise auch mit dem Klimawandel. Wir dürfen uns nicht nur auf die Gefahren konzentrieren, sondern müssen unser Augenmerk auch auf die Möglichkeiten richten, die mit dem Klimawandel einhergehen.

Die Emissionen steigen, so ist aus Nairobi zu hören, in letzter Zeit noch rasanter an. Wir verspielen zukünftige Lebensqualität in gigantischem Ausmaß. Aber die Nachrichten treffen mehrheitlich auf Apathie, Resignation oder gar Zynismus. Christen legt Paulus eine ganz andere Reaktion nahe:

Gott aber sei Dank, der uns den Sieg geschenkt hat durch Jesus Christus, unseren Herrn. Daher, geliebte Brüder, seid standhaft und unerschütterlich, nehmt immer eifriger am Werk des Herrn teil und denkt daran, dass im Herrn eure Mühe nicht vergeblich ist. (1. Korinther 15,58-59, “Einheiz-Übersetzung” 🙂 )

Wer wirklich glaubt, dass Gott alle lebensfeindlichen Mächte überwunden hat, der kann auch in scheinbar aussichtslosen Situationen selbstlos und in vielen kleinen Schritten das Gute tun. In diesem Fall: Rücksicht auf Gottes zerbrechliche Schöpfung nehmen und einen Beitrag dazu leisten, dass Menschen jetzt und in künftigen Generationen ihre Heimat und Lebensgrundlagen behalten. Und dabei zählt jede Kleinigkeit.

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Fraktionszwang

Im Grunde geht es bei der mit vielen Kommentaren bedachten Tragödie um Ted Haggard gar nicht um Sex, sondern um Heuchelei. Der “Fall” ist deswegen so peinlich, weil da jemand heimlich Dinge tat, die er öffentlich immer wieder mit starken Worten verurteilte. Irgendwie gibt es ja in jeder Gemeinschaft bestimmte Sachen, die besonders schlimm sind. Bei konservativen Evangelikalen und Katholiken hat das viel mit Sex zu tun. Andere Traditionen haben andere Tabus, und andere Pappkameraden.

Daraus entwickeln sich leicht bestimmte Sprachrituale. Wenn man als Prediger Zustimmung haben möchte, dann gelingt das am einfachsten damit, dass man die dunklen Folien aktiviert und die moralische Überlegenheit der eigenen Gruppe dadurch beschwört, dass bestimmte Dinge angeprangert werden: vorehelicher Sex, Kapitalismus (inzwischen: Neoliberalismus), Alkohol, Nazis, Atomkraft, Abtreibung, Geiz – aber bitte immer nur eines davon. Das stabilisiert nach innen: Alle Insider nicken schon aus Gewohnheit (und wer doch ein Problem damit hat, beißt sich auf die Zunge und zieht kurz den Kopf ein). Und alle anderen wissen, wo es lang geht. Was wiederum von den Insidern befriedigt bemerkt wird, die – in ihrem moralischen Urteil bekräftigt – feststellen, dass das eine richtig gute Predigt war.

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