Zu viele Katzen

Heute morgen im Gottesdienst hatten wir eine Lesung aus der Volxbibel. Statt des verlorenen Schafes hat sich dort in Lukas 15 eines von 20 (!) Haustieren eines Katzenfans verlaufen. Es taucht zum Glück wieder auf, und Frauchen/Herrchen feiert eine Party.

So spontan war ich etwas ratlos: Ich war wohl nicht der einzige, der (weil allergisch gegen die lieben Tierchen) eine Wohnung mit 20 Katzen nie betreten würde. Die Feier würde also ohne mich stattfinden müssen. Meine Nachbarin (die eher an den Geruch in der Bude dachte) fand auch, dass jemand, der 20 Katzen hat, etwas merkwürdig ist.

Das ist der Bauer mit seinen 100 Schafen nicht. Hier geht es ja nicht um Tierliebe im spätmodernen Sinn – die Hirten damals und die Bauern heute sind da eher pragmatisch-unsentimental. Es ist eher so wie bei dem Abschnitt mit der verlorenen Drachme: ein wertvolles Besitzstück.

Eine Aktualisierung von biblischen Gleichnissen ist sicher wichtig, kann aber auch leicht schief gehen: Ich war über eine Katze weniger nicht so unglücklich. Katzen schlagen sich in der Regel ganz gut durch…

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Was ist natürlich?

Nachdem das Thema Homosexualität immer wieder mal hochkocht, hier ein guter Rat des Verhaltensforschers Paul Vasey auf Zeit Online zu Analogien aus dem Tierreich. Dort wird in bestimmten Fällen homosexuelles Verhalten beobachtet. Aber welche Schlüsse darf man daraus ziehen für die politische Diskussion (ganz zu schweigen vom Thema Monogamie, wo oft ähnlich verfahren wird)?

Vasey jedenfalls will nicht, dass seine Forschungsergebnisse missbraucht werden. Von niemandem:

Die Schwulenbewegung verwendet diese Ergebnisse als politisches Instrument. Allerdings greifen Anti-Homosexuellen-Verbände, wie konservativen Christen, genauso auf Forschungsergebnisse zurück, um gegen Homosexuelle zu argumentieren. Jeder nutzt also die Forschung für seine politischen Zwecke. Als Wissenschaftler kann ich nur sagen: Wenn ein Politiker Tiere benutzt, um zu behaupten, was natürlich ist und was nicht, dann hat der Politiker unrecht.

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Alpha EMEA Week (2): Die Richtung stimmt – immer noch

Der Berufsverkehr braust über die Brompton Road und das Caffé Nero hat zum Glück schon auf. Etwas Katerstimmung herrscht noch im Royal Borough of Kensington and Chelsea nach der Finalniederlage gestern. Dafür haben letzte Nacht keine feiernden Fans unseren Schlaf getrübt. Heute ist mein letzter Tag auf der EMEA Week. Viele gute Begegnungen liegen schon hinter mir und manches, was sich schon angedeutet hatte, ist noch klarer geworden.

Ein wesentlicher Beitrag dazu kam wieder von Graham Tomlin. Er hat gestern noch einmal zwei sehr hilfreiche theologische Grundlagenreferate gehalten, in denen ich mich sehr gut wiederfinden konnte. Zuvor hatte schon Nicky Gumbel deutlich gemacht, dass die Motivation für Evangelisation die Transformation der Gesellschaft ist. Statt „Hintern für den Himmel“ (meine Worte…) also: Mitarbeiter für Gottes neue Welt. Und weil die Aufgaben in dieser Welt so riesig sind (man muss nur die Teams aus Kenia, Zimbabwe oder Ruanda fragen, da ist es vielleicht am deutlichsten zu spüren.

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Zurück zu Graham: Er erklärte, dass Evangelisation eine Form der Katechese ist. In einer Zeit, in der man keinen „objektiven“, neutralen Standpunkt mehr findet (wenn es ihn je gab…), von dem aus man die unterschiedlichen Überzeugungen betrachten und bewerten könnte, kann man über Wahrheiten nicht mehr intellektuell entscheiden, sondern muss ihnen existenziell nachgehen. Es geht nicht um Ideen, sondern um einen Lebensstil. Und den kann man nur verstehen, wenn man sich zumindest versuchsweise darauf einlässt und in einer Gemeinschaft die Grammatik des Glaubens lernt. Zweitens ist Evangelisation ein Akt der Gastfreundschaft. Die Gemeinschaft, die von Gott als dem dreieinigen ausgeht, ist offen für andere: Auf Rublevs berühmter Ikone ist ein Platz leer. In dieser Gemeinschaft dann ist der Raum für Gespräch, so wie in den Tischgemeinschaften mit Jesus, wo sich so viele wesentliche Dinge abgespielt haben. Und nicht zuletzt in diesem Sinne vermittelt Evangelisation (das war der dritte Punkt) einen Vorgeschmack von Gottes Zukunft versöhnter Beziehungen und einer geheilten Schöpfung.

Der Gedanke der Transformation liegt in der Herrschaft Gottes begründet, um die sich bei Jesus alles dreht. Hier denkt Graham stark von der Missio Dei her: Gott bezieht uns ein in die Erneuerung und Wiederherstellung seiner Welt. David Bosch sagte, Evangelisation bedeutet, Menschen in diese Mission zu rufen. Und auch wenn wir keinen vollkommenen Himmel auf Erden erreichen werden, so ist es doch ein Beitrag mit ewiger Bedeutung. Kirche muss von dieser Missio Dei her gedacht und zentrifugal – nach außen gewandt – gedacht und gelebt werden, nicht nach innen gekehrt. Und das ist zuerst eine Frage der Herzen, nicht der Gebäude. Wir geben das, was wir bekommen haben, gleich weiter – und merken dabei, wie es mehr statt weniger wird, je länger wir das tun.

Alpha wird ein immer bunterer und größerer Ökumenischer Mikrokosmos. Gestern war ein koptischer Bischof unter uns der von einer Arbeit unter Aidskranken berichtete und Heilungen, die sie dort auch erleben; in Chile arbeiten Katholiken, Pfingstler und Evangelikale fröhlich zusammen; 35 verschiedene Gemeinden haben in Soweto eine Alpha Celebration veranstaltet, in Irland gibt es erste Alpha-Kurse für Gehörlose und unter Obdachlosen, in Seattle hat man für Einwanderer einen sprachlich stark vereinfachten Kurs entwickelt. Andere Dinge habe ich ja schon erwähnt.

Je länger ich über das alles nachdenke, desto begeisterter bin ich, ein Teil dieses Beziehungsgeflechts zu sein, das diese gute Nachricht verbreitet und immer mehr und konkreter auch daran geht, in vielen kleinen Schritten die Welt zu verändern. Denn auch wenn vor Ort mal eine Weile lang nichts vorwärts zu gehen scheint, alle zusammen kommen wir eben doch voran. Und wenn Alpha auch bei uns immer noch mehr dazu hilft, nicht nur Kirchenbänke zu füllen, sondern Menschen für die Missio Dei freizusetzen, dann ist es jeden Aufwand wert.

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Verbohrt

Vorgestern sah ich auf BBC ein Interview mit dem Schriftsteller Gore Vidal. Irgendwann kam das Gespräch auf das Christentum, weil Vidal unter anderem dem römischen Kaiser Julian (der kein Freund der Christen war) ein literarisches Denkmal setzte. Vidal sagte, die Geschichte des Christentums sei mit Blut beschmiert. Und als der Interviewer zu bedenken gab, dass Christen neben Grausamkeiten auch vieles Gute gebracht hätten, sagte er knapp: „Ich habe nie etwas davon gesehen“. Auch durch einiges Zureden ließ er sich nicht davon überzeugen, dass dieses Statement vielleicht überzogen war.

Zugleich scheint er im Hinblick auf sein Heimatland ähnlich zu denken. Er lebt in Italien, weil für ihn alle Amerikaner Lügner sind, die sich die Wahrheit über sich selbst nicht eingestehen. Vidal natürlich ausgenommen, sonst wüsste er ja nicht, dass die anderen Lügner sind. Vielleicht ist er aber doch nicht so anders als seine Landsleute – immerhin hält er unbeirrt an seinen pauschalen Vorurteilen fest…

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London am Horizont

Heute abend geht es via Zürich nach London zur EMEA Week. Alpha-Leute aus Europa, Afrika und dem nahen Osten kommen zum Austausch zusammen. Das sind immer anstrengende und interessante Tage zugleich und wenn alles klappt in Sachen WiFi, werde ich hier den einen oder anderen Bericht absetzen, bevor es Donnerstag wieder zurück geht.

Auf London im Frühling freue ich mich, sonst war ich oft im Herbst oder Winter dort. Das noch bezahlbare Hotel hat sehr unterschiedliche Ratings im Internet bekommen, zumindest aber liegt es nahe am Hyde Park und erlaubt so die eine oder andere morgendliche Joggingrunde. Mal sehen, wer da sonst noch so läuft…

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„Evangelikal sein“ (5): Und jetzt?

Auch wenn die Theologie sehr betont wurde, scheint mir das Manifesto ein ausgesprochen kirchenpolitisches Dokument zu sein. Theologisch tief gebohrt wird nirgends, die Konsensformeln sind etwas hausbacken und dehnbar. Immer wieder ist der Versuch mit Händen zu greifen, im Wahljahr einen Mittelweg zwischen den Extremen zur Rechten und Linken offen zu halten.

Die Abgrenzungen gegenüber dem Liberalismus fallen deutlicher aus als nach „Rechts“, und auch das wirkt auf mich so, als wolle man die innerevangelikale Einheit durch diesen Akzent bestärken. Immerhin hat es aus den Reihen der Hardliner auch schon Kommentare gegeben, die zeigen, dass die Botschaft angekommen ist.

Ob die Botschaft in der Öffentlichkeit ankommt, dass Evangelikale und religiöse Rechte nicht identisch sind, scheint mir indes zweifelhaft. Dazu ist der Text zu lang und manche Distanzierungen sind zu verklausuliert. Ich vermute, es wird über kurz oder lang eine Spaltung des „alten“ Evangelikalismus stattfinden in eine fundamentalistischen und einen weltoffenen Flügel. Einige der Sollbruchstellen sind hier schon vorgezeichnet.

Hier noch ein paar Links zum Thema:

An Evangelical Manifesto?

Take 2: An Evangelical Manifesto

Take 3: An Evangelical Manifesto and a Covert Colonialism

Come On, You Call This a Manifesto?

‚An Evangelical Manifesto‘ criticizes politics of faith – CNN.com

Evangelicals Lament a Politicized Faith

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Einfach wegbeten?

In den USA hat sich eine Gebetsbewegung an den Zapfsäulen gebildet. Aber statt den verrückten Energieverbrauch und die Symbole automobilen Götzendienstes dort ins Visier zu nehmen, sollen die Benzinpreise in den Keller gebetet werden, nach dem Motto: „Diese Preise werden fallen, so wie die Mauern von Jericho in der Bibel gefallen sind.“

Zugegeben: Arme Amerikaner trifft es derzeit hart und öffentlicher Nahverkehr ist für sie nicht immer eine Alternative. „Das Gebet ist die Antwort für jedes Problem im Leben“, sagen die Initiatoren schlicht. Der Glaube dient nur noch dem ungehinderten Konsum, würde dagegen Žižek jetzt wohl wieder anmerken.

Gut, man kann ja sagen, Gott kennt die Zusammenhänge, auch wenn die Amerikaner (Beter eingeschlossen) sie nicht kennen … wollen. DIe Frage bleibt aber, ob Gott die Preise oder die Ignoranz für das dringendere Problem hält.

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Feiertag

Mein Vater wird heute 70. Wir haben uns eine Menge Mühe gemacht, ihn heute abend durch den Kakao zu ziehen, ein familienspezifischer Ausdruck der Wertschätzung. Aber natürlich hat das auch ernstere Seiten.

Ich schreibe jetzt keine Liste, was ich ihm – angefangen bei meiner Existenz – so alles verdanke, das würde zu lange und sieht dann doch nach Lobhudelei aus. Aber drei Dinge stechen für mich heraus:

  1. Er hat mich auch in kritischen Momenten immer ermutigt, meinen Weg zu gehen, und dabei nie versucht, mir dreinzureden und mich zu bevormunden. Im Gegenteil, manchmal schien er überzeugter als ich selbst, dass es so gut ist.
  2. Er hat mich und andere in seiner Nähe groß werden lassen und nie den Eindruck erweckt, als würde er das als Bedrohung oder Konkurrenz verstehen, sondern sich mit uns gefreut.
  3. Er war und ist sich nicht zu schade, bei scheinbaren Kleinigkeiten mit anzupacken (privat wie in der Gemeinde) und kümmert sich bis heute treu um Leute, die nicht alle ganz unkompliziert sind.

Wenn das kein Grund ist, ihn heute zu feiern!

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Die Macht der Netze

Wie spannend Sozialforschung sein kann, zeigt ein Artikel des Spiegel: Übergewicht, Depressionen oder Alkoholismus verbreiten sich über Beziehungsnetze, irgendwie ja auch passend zum 15. Geburtstag des Internets:

„Soziale Netze haben die Fähigkeit zu verstärken, was in ihnen ausgesät wird“, sagt der Soziologe. Oft ist für einen Übersprung von Mensch zu Mensch ein direkter Kontakt gar nicht vonnöten. „Es genügt, dass der Freund meines Freundes dick wird“, erklärt Christakis. „Auch wenn ich gar keinen Umgang mit ihm habe – ich registriere, dass meine Freunde ihn seiner Fettsucht wegen nicht missachten. Und dieser Umstand verändert mein soziales Netz.“

Die Forscher stießen immer wieder auf Überträger, die selbst nicht dick wurden, nicht tranken oder dem Trübsinn verfielen – und doch verbreiteten sie die jeweiligen Verhaltensmuster. Ein Netz ist eben mehr als die Summe seiner Einzelbeziehungen.

Die Autoren vermuten, dass sich Religionen ähnlich verbreiteten. Einerseits mag das für viele nichts Neues sein. Wichtig aber ist die Bedeutung, die hier den etwas oberflächlicheren Bekanntschaften (statt den ganz engen Freundschaften oder der Intimität der Kernfamilie) zugemessen wird. Wenn man die wenigen ganz tiefen Beziehungen weg nimmt, leidet das Netz kaum. Fazit der Forscher:

Es sind vor allem die mittelguten Bekanntschaften, die eine Gesellschaft zusammenhalten. Sie sorgen für den Austausch zwischen Kleingruppen aller Art, die sonst isoliert wären.

Und Nicholas Christakis formuliert es so:

Ob jemand trinkt oder nicht, hängt weniger von seiner Zugehörigkeit zu einem sozialen Typ oder zu einer Schicht ab als vielmehr von seinen Freunden und deren Freunden. Also: nicht arme Menschen trinken, sondern vernetzte Gruppen von Menschen trinken.

Bevor jetzt vielleicht mal wieder allzu eilig missionarische Anwendungen daraus gestrickt werden: Vielleicht sollten wir aufhören, andere Nationen als oberflächlich zu bezeichnen, weil sie weniger tiefe, aber mehr oberflächliche Kontakte pflegen, und lieber von ihnen lernen: Wie Briten mit jedem Small Talk hinbekommen, wie Italiener feiern, wie Amerikaner einen nach einer Begegnung als Freund bezeichnen.

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Kein gutes Haar

In der Bibel, besonders im Alten Testament bei Hiob und Sacharja, erscheint der Satan in der Rolle des Anklägers am göttlichen Hofstaat. Bisher hatte ich mir das wie eine Art gnadenlosen Staatsanwalt vorgestellt (vorzugsweise gespielt von Tommy Lee Jones, auch Erinnerungen an Ronald Schill werden wach), der immer nur zufrieden ist, wenn er Höchststrafen fordert.

Aber als wir heute über dem LebensArt Thema „Die Macht der Worte“ brüteten, fiel mir eine bessere Analogie für die Anklage im jüngsten Gericht ein: Es wird wohl eher so sein, als kommentierte Dieter Bohlen unsere Performance im Leben, den Auftritt in dieser Welt. Mit all der Arroganz und den verbalen Entgleisungen, für die er so berühmt ist.

Zum Glück ist das Leben keine Casting-Show für die Ewigkeit, bei der nur die zähesten überleben. Und Gott, der alle Tränen abwischen wird, bewahrt uns im letzten Gericht und hoffentlich schon jetzt vor Dieter B. und allen anderen, die mit ihren Urteilen Gott spielen wollen. Wo andere kein gutes Haar an uns lassen, hat Gott jedes einzelne Haar liebevoll gezählt.

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Joh 14,6 und die Symmetriefalle

Am Ende eines langen Gottesdienstes kam eine Frage, auf die ich zu meinem Kummer keine ausreichend gute Antwort mehr geben konnte: Wie ist es zu verstehen, wenn Jesus von sich sagt, dass er der Weg ist und niemand zum Vater kommt außer durch ihn?

Mit etwas mehr Zeit zum Überlegen und Antworten, zwei positive Aussagen und eine Warnung:

Wir können erstens Gott nur in Jesus richtig erkennen. Wenn wir an ihm vorbei über Erfahrungen spekulieren und Theorien entwickeln, werden immer nur Zerrbilder entstehen. Erst wenn wir Gott in dem Gekreuzigten erkennen, wissen wir, dass er Liebe ist, wie Johannes später schreibt. Deswegen geht es ja auch so weiter im Text:

Wenn ihr mich erkannt habt, so werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Und von nun an kennt ihr ihn und habt ihn gesehen.   

Zweitens ist durch Jesus der Weg zu Gott (vgl. Eph. 2,18) im Sinne von Vergebung und Wiederherstellung der Beziehung offen, weil Jesus diesen Weg für uns geht und den Tod erleidet, damit wir vor ihm gerettet werden und die Welt mit Gott versöhnt wird (auch wenn das noch nicht jeder einzelne begriffen hat oder gut findet).

Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. (2.Kor 5,19)   

Und – Achtung! – jetzt kommt die Symmetriefalle. Unser Kopf spiegelt die Aussage ins Negative, obwohl das so gar nicht zwingend ist (aber wir haben es eben gehört und gelernt, diese Stelle so zu lesen). Und plötzlich steht da: Wer nicht so glaubt (… wie wir?), der ist in Ewigkeit verloren. Das steht da aber gerade nicht. Jesus zieht hier keinen Umkehrschluss.

Das Verhältnis von Sünde und Gnade, von Liebe und Zorn, von Verlorenheit und Gerechtigkeit ist eben nicht symmetrisch, so dass Umkehrschlüsse legitim wären. Das Gute ist ursprünglich und ewig. Das Böse ist parasitär und hat nur eine begrenzte Zeit.

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Der kleine Ackermann

Ich hatte am Wochenende das Vergnügen, rein dienstlich Playmobil spielen zu dürfen. Hier das Resultat in Wort und Ton/Bild 🙂 und die weiteren Gedanken zum Thema sind hier.

  

Es war einmal ein kleiner Junge, der hieß Ackermann. Oft lag der kleine Ackermann nachts in seinem Rollenbett und konnte nicht einschlafen; die Mutter aber schlief schon lange neben ihm in ihrem großen Himmelbett. „Mutter“, rief der kleine Ackermann, „ich will fahren!“ Und die Mutter langte im Schlaf mit dem Arm aus dem Bett und rollte die kleine Bettstelle hin und her, und wenn ihr der Arm müde werden wollte, so rief der kleine Ackermann: „Mehr, mehr!“ und dann ging das Rollen wieder von vorne an.

Nach vielen Jahren wurde der kleine Ackermann Chef einer großen Bank und hatte einen Fahrer, der ihn Tag und Nacht fahren konnte, wohin er wollte. Eines Tages jedoch hatten beide Urlaub und der – gar nicht mehr so kleine – Ackermann konnte mal wieder nicht schlafen. Es waren aber leider weder sein Fahrer noch seine Mutter da.

Da dauerte es nicht lange, so sah der Mond in die Fensterscheiben, der gute alte Mond, und was er da sah, war so verrückt, dass er sich erst mit seinem Pelzärmel über das Gesicht fuhr, um sich die Augen auszuwischen; so etwas hatte der alte Mond all sein Lebtag nicht gesehen. Da saß der kleine Ackermann an seinem Schreibtisch und fing mit beiden Backen an eine Spekulationsblase aufzublasen. Und allmählich, leise, leise, fing sein Chefsessel an zu schweben, über den Fußboden, dann die Wand hinauf, dann kopfüber die Decke entlang und dann die andere Wand wieder hinunter. „Mehr, mehr!“ schrie Ackermann, als er wieder auf dem Boden war; und dann blies er wieder seine Backen auf, und dann ging es wieder kopfüber und kopfunter. Es war ein großes Glück für den kleinen Ackermann, dass es gerade Nacht war und die Erde auf dem Kopf stand; sonst hätte er doch gar zu leicht den Hals brechen können. 

Als er drei Mal die Reise gemacht hatte, guckte der Mond ihm plötzlich ins Gesicht. „Junge“, sagte er, „hast du noch nicht genug?

„Nein“, schrie Ackermann, „mehr, mehr! Mach mir die Tür auf! Ich will durch die Stadt fahren; alle Menschen sollen mich fahren sehen.“ 

“Das kann ich nicht“, sagte der gute Mond; aber er fand ein Steuerschlupfloch, und durch dieses ließ er einen langen Strahl; und darauf fuhr der kleine Ackermann zum Haus hinaus. 

Auf der Straße war es ganz still und einsam. Wie in jeder Nacht wurden die Reichen ein wenig reicher und die Armen ein wenig ärmer, ohne dass sie etwas tun mussten. Dafür sorgte die Bank des kleinen Ackermann mit ihren Computern. Aber der gute Mond blieb immer neben ihm und leuchtete. So fuhren sie Straßen aus, Straßen ein; aber die Menschen waren nirgends zu sehen. Als sie am Dom vorbei kamen, da krähte auf einmal der große goldene Hahn auf dem Glockenturm. Sie hielten still.

„Was machst du da?“ rief der kleine Ackermann hinauf. 

“Ich krähe zum ersten Mal!“ rief der goldene Hahn herunter. Er hatte etwas Greenspan am Schnabel.

“Wo sind denn die Menschen?“ rief der kleine Ackermann hinauf. 

“Die schlafen“, rief der goldene Hahn herunter, „wenn ich zum dritten Mal krähe, dann wacht der erste Mensch auf.“ 

“Das dauert mir zu lange“, sagte Ackermann, „ich will in den Wald fahren, alle Tiere sollen mich fahren sehen!“ 



„Junge“, sagte der gute alte Mond, „hast du noch nicht genug?“ 

“Nein“, schrie Ackermann, „mehr, mehr! Leuchte, alter Mond, leuchte!“ Und damit pustete er die Blase auf, und der gute alte Mond leuchtete, und so fuhren sie zum Stadttor hinaus, über die Steinbrück und übers Feld und in den dunkeln Wald hinein. Der gute Mond hatte große Mühe, zwischen den vielen Bäumen und Bergen durchzukommen; mitunter war er ein ganzes Stück zurück, aber er holte den kleinen Ackermann doch immer wieder ein. 

Im Wald war es still und einsam; die Tiere waren nicht zu sehen; weder die Bullen noch die Bären, auch nicht der BerNanke oder Bear Stearns. So fuhren sie immer weiter, durch Tannen und Buchenwälder, bergauf und bergab. Der DOW glänzte unten auf den Wiesen. Der gute Mond ging nebenher und leuchtete in alle Büsche und der kleine Ackermann pflückte im Vorbeifliegen eine dicke goldene Bo-Nuss; aber die Tiere waren nicht zu sehen; nur ein DAX saß auf einer Lichtung und funkelte mit den Augen. Immer höher flog der kleine Ackermann, und der DAX, der das seltsame Flugobjekt gesehen hatte, folgte ihm und kletterte von Gipfel zu Gipfel, um gut fünfzehn Prozent.

„Junge“, sagte der gute alte Mond, „hast du noch nicht genug?“ 

“Nein“, schrie Ackermann, „mehr, mehr! Leuchte, alter Mond, leuchte!“ und dann pustete er die Spekulationsblase weiter auf, und der gute alte Mond leuchtete; und so fuhren sie auf einem steigenden Kurs durch die Schweiz nach Liechtenstein, über die Hügel, die die Maulwürfe des Bundesnachrichtendienstes hinterlassen hatten, auf den Berg, über den Weltwirtschaftsgipfel hinweg – und gerade in den Markthimmel hinein. 



Hier war es lustig; alle Börsenstars funkelten, dass es auf dem Parkett nur so blitzte. „Gewonnen! Voll FED!“ schrie Ackermann und fuhr mit einem Siegeszeichen in den hellen Haufen hinein, so dass die Sterne links und rechts vom Himmel fielen, weil der kleine Ackermann ihre Jobs gestrichen hatte. Sie waren ja nur kleine, unbedeutende Lichter am Markt.



“Junge“, sagte der gute alte Mond, „hast du noch nicht genug?“ 

“Nein!“ schrie der kleine Ackermann, „mehr, mehr!“ und – hast du nicht gesehen! fuhr er dem alten guten Mond quer über die NASA, dass er ganz dunkelbraun im Gesicht wurde. „Pfui!“ sagte der Mond und nieste drei Mal, „alles mit Maßen!“ und setzte alle Transaktionen aus. Da wurde es im ganzen Himmel auf einmal so schwarz, wie es sonst nur das Geld auf Schweizer und Luxemburger Konten ist. „Leuchte, alter Mond, leuchte“ schrie Ackermann, aber der Mond war nirgends zu sehen und auch die Sterne nicht; die hatten sich Vo dafone gemacht standen alle bei der Arbeitsagentur in der Hartz-IV-Schlange.

Da fürchtete der kleine Ackermann sich sehr, weil er nach diesem plötzlichen Löscher so allein im Himmel war. Er rief nach dem Staat, aber es kam keine Antwort. Er musste vor Schreck Luft holen und die erhitzte Blase fing unbemerkt an, Luft zu verlieren.

Da guckte endlich unten, ganz unten am Himmelsrande ein rotes rundes Gesicht zu ihm herauf, und der kleine Ackermann meinte, der Mond sei wieder aufgegangen. Es war aber nur der JP Morgan angebrochen. „Leuchte, alter Mond, leuchte!“ rief er, und fuhr quer durch den ganzen Himmel und gerade darauf los.

Es war aber die Sonne, die gerade aus dem Meere heraufkam. „Junge“, rief sie und sah ihm mit ihren glühenden Augen ins Gesicht, „was machst du hier in meinem Himmel?“ Und – eins, zwei, drei! schmolzen vor Hitze die Kursgewinne des kleinen Ackermann. Zum Glück führte der Crash nicht in eine Steueroase mit heißem Sand und stachligen Palmen, sondern er fiel steil wie die T-Aktie in das große, weiche Wasser. Da konnte er schwimmen lernen, denn die Caymans und die Kanalinseln waren noch weit.



Und dann? 

Ja und dann? Weißt du nicht mehr? Wenn ich und du nicht gekommen wären und den kleinen Ackermann in unser Boot genommen hätten, so hätte er doch leicht ertrinken können!

(frei nach Theodor Storm)

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