Weisheit der Woche: Anders sehen

Brian McLaren in seinem wunderbaren Naked Spirituality über das meditative, nichtdualistische Denken, das uns hier schon ab und zu beschäftigt hat:

Nicht, dass alles gut wäre. Weit gefehlt. Niemand […] würde das sagen. Es gib aber in allem etwas Gutes, oder das Potenzial, aus allem etwas Gutes zu machen.

Nicht, dass alles gleich wäre. Weit gefehlt. Aber alles unterscheidet sich und gehört zugleich auch auch zusammen, alles kann erlöst, alles kann vergeben werden.

Nicht, dass alles relativ wäre, ohne feste und festgelegte Identität, aber alles ist verwandt, also ist seine Identität irgendwie verwoben mit der Identität von allem anderen.

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Insurrection (5): Neuer Erfahrungsfundamentalismus?

Zu Beginn des Zweiten Teils von Insurrection fasst Peter Rollins sein Verständnis der Kreuzeserfahrung (und damit des Beginns des eigentlichen Glaubens) noch einmal zusammen:

Am Kreuz stirbt Gott als psychologische Krücke und eine tief empfundene dunkle Nacht der Seele bricht über uns herein. (S. 82)

Rollins beschreibt hier beim Umschalten von Dekonstruktion auf Rekonstruktion (s)eine menschliche – und damit psychische (!) – Erfahrung, vor allem macht er dabei aber auch zwei Annahmen:

  1. Alle Menschen beginnen mit einer falschen Gottesvorstellung und missbrauchen Gott als „Krücke“, wodurch er zum Deus-ex-Machina wird, der garantiert, dass alles bleibt, wie es ist.
  2. Wer die existenzielle Verlusterfahrung der dunklen Nacht nicht gemacht hat, hat das Kreuz und damit Gott und den Glauben nicht verstanden

Bei aller berechtigten Kritik am Fundamentalismus, die Rollins immer wieder übt, erinnert das auch nicht unerheblich an das Motiv des „Bußkampfes“ im Hallischen Pietismus (der war ein existenzielles Verzweifeln an der eigenen Sündhaftigkeit), nur dass statt Bußkampf hier eben nun eine andere Erfahrung zum Schlüsselerlebnis des Glaubens erklärt wird, nämlich ein existenziell empfundener Verlust der Nähe Gottes.

Zinzendorf hatte sich an diesem Punkt (des Bußkampfes) von Francke abgewandt, damit hat er den Pietismus aus der Fixierung auf ein bestimmtes Erleben befreit. Ich bin mir daher nicht sicher, ob ich Rollins bei seiner Auffassung folgen möchte. Es könnte der Weg in einen Erfahrungsfundamentalismus werden, nur eben in einer etwas anderen Färbung. Aber vielleicht relativiert Rollins das noch im weiteren Verlauf und umschifft die tückischen Klippen.

Und so schrecklich weit weg von Descartes typisch modernen Rekurs auf den radikalen Zweifel als den Ursprung neuer Gewissheiten liegt er damit auch nicht entfernt – es bleibt also spannend.

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Formuliert wie geschmiert

Die NN berichten in der Druckausgabe von heute über einem Fettfilm auf den U-Bahn-Schienen, der den Nehverkehr behindert hat – verlängerte Bremswege und höhere Fahrzeiten waren die Folge. Bis zum Betriebsschluss am Vortag, so der Artikel weiter, sei der Verkehr noch „reibungslos“ gelaufen.

Der Bericht in der Online-Ausgabe verzichtet auf die rutschige Metapher 🙂

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Spätrömische Dekadenz

Den ausschweifenden Lebensstil der Römer für den Untergang ihres Imperiums verantwortlich zu machen war lange Zeit in Mode bei Historikern und Moralisten, zuletzt noch bei einzelnen Politikern, die wohl fürchteten, dass ein Mindestlohn in Deutschland ähnlich hedonistische Verfallserscheinungen auslösen könnte und dafür mit solchen Thesen satt unter die Mindestlohngrenze der politischen Zustimmung von 5% gerieten.

Aber die Erklärung war in dieser Form schon immer falsch, schreibt Rodney Stark in The Rise of Christianity. Man habe viel zu lange eine eigentlich bekannte Tatsache unterschätzt. Mehrere Epidemien hätten die Population so stark dezimiert, dass immer mehr „Barbaren“ ins Reich geholt wurden, um die brachliegenden Fläche zu bewirtschaften oder das Militär zu verstärken. Viren, nicht Dekadenz schwächten das Reich bis irgendwann die hereindrängenden Germanenstämme leichtes Spiel hatten.

Alle Hedonisten dürfen also aufatmen – falls sie sich je den Kopf über solche Fragen zerbrochen haben, was doch eher unwahrscheinlich ist. Und die Schluss-mit-Lustig-Fraktion muss sich neue Argumente suchen. Sie könnte die Individualethik zurückstellen und sich auf den Klimawandel verlegen. Da droht ein sehr konkreter Untergang, der sich auch sehr konkret als Folge eines bestimmten Verhaltens darstellen lässt und der Verletzung bestimmter Grenzen.

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Glaube und Globalisierung

Tony Blair und Miroslav Volf haben in Yale ein Seminar über Faith & Globalisation gegeben, inzwischen läuft schon die dritte Runde. Man kann sie auf iTunesU hören, wer sich dafür interessiert, kann hier klicken.

Von da aus kann man auch die Aufnahmen der bisherigen Kurse finden und hineinhören. Neben Blair und Volf sind weitere interessante Leute dabei und manche Clips sind auch angenehm kurz. Hier eine kleine Einstimmung:

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Insurrection (4): Erkennen, was ich weiß

Freitag und Samstag habe ich mich auf dem Netzwerktreffen „Ecclesia Attractiva“ der AMD im Wuppertal aufgehalten und eine ganze Reihe sehr interessanter Menschen und Initiativen kennengelernt. Frost und Hirsch würden sich, wenn sie nicht noch am Leben wären, bei dem Titel zwar im Grab umdrehen, aber es war keineswegs alles „attractional“, was dort zur Sprache kam.

Schauen wir nun aber dem talentierten Mr. Rollins weiter über die Schulter bei seiner Apotheose des Zweifels. Mir ist übrigens wieder eingefallen, wo mir der Gedanke schon begegnet ist, dass unser wahres Begehren das Begehren des Anderen ist – er stammt von Jacques Lacan.

Im vierten Kapitel nun ist endlich etwas klarer, worauf er hinaus will. Die letzte Form, die existenzielle Begegnung mit dem Abgrund des Zweifels zu umschiffen, ist der stellvertretende Glaube eines geistlichen Leiters, besonders der des Pfarrers. So lange der hält, kann sich jedes Gemeindeglied Zweifel leisten, ohne in Angst zu geraten, Es ist ja immer jemand da, der die Verbindung offen hält. Strauchelt er aber, dann bricht Panik aus, weil der psychologische Schutz fehlt. Diese Erwartung führt auf Seiten der Leiter dazu, dass sie die eigenen Zweifel verheimlichen, sagt Rollins. Man erfährt davon bestenfalls im persönlichen Gespräch.

Wir weichen der existenziellen Begegnung mit unseren Zweifel auch deshalb so gern aus, weil wir im Grunde schon wissen, was uns da erwartet. Aus demselben Grund also, aus dem wir aufrüttelnde Filmdokus wie An Inconvenient Truth meiden, sagt Rollins. Dann nämlich können wir nicht mehr so tun, als wüssten wir nichts. Wir müssten überlegen, was wir konkret ändern, oder uns dämliche Ausreden suchen und alles beim Alten lassen, oder zugeben, dass uns die Sache (der Klimawandel, die Ungerechtigkeit, Gott, der Nächste) schlicht egal ist.

So weit, so zutreffend. Bissige Fußnote: Es gibt ja durchaus auch Prediger, bei denen man sich wünscht, sie würden mal über irgendetwas anderes reden als nur über ihre nicht so schrecklich interessanten und verdienstvollen Zweifel und Halbherzigkeiten, die ihnen zu allen Knopflöchern herauskommen. Gemeinden, in denen die religiöse Grundstimmung nicht allzu menschlicher Triumphalismus, sondern ebenso menschliche milde Depression und bequeme Verliebtheit ins Scheitern ist. Hat Rollins von denen noch keinen getroffen?

Als ich mich schon langsam fragte, ob wir bei Rollins statt von „wiedergeborenen Christen“ von „wiedergestorbenen“ reden sollten, da bekam er gegen Ende des Kapitels doch noch die Kurve. Erst mit einem Zitat von Kierkegaard, der zwischen Dichtern und Kritikern unterscheidet: Während der eine etwas existenzielle erleidet und daraus seine Kunst gebiert, sieht der andere das unter formalen und ästhetischen Gesichtspunkten, bleibt aber teilnahmslos. A/Theismus – den Begriff benutzte Rollins schon in How Not To Speak of God – heißt dann nicht, den Glauben inhaltlich zu entleeren oder zu bestreiten, sondern ihm die Funktion als Schutzmechanismus gegen das Leiden an und mit Gott in dieser Welt zu nehmen.

Am Ende nimmt Rollins Bezug auf Mutter Theresa und ihren jahrzehntelangen Kampf mit der Abwesenheit Gottes. Er zitiert aus einem ihrer Briefe und erwähnt dann, dass sie diese Zweifel zwar existenziell erlitten hat, aber nie öffentlich thematisierte. Einerseits war ich erleichtert, dass Mutter Theresa Rollins Test auf wahren Glauben (Rechtgläubigkeit wäre ein zu böses Wort) bestanden hatte, andererseits fragte ich mich unwillkürlich, ob sie nicht genau das gemacht hatte, was Rollins zu Beginn des Kapitels so kritisiert hatte, nämlich nach außen hin an den orthodoxen Formulierungen festhielt, während in ihr für niemand außer ihren Beichtvater erkennbar der Sturm des Chaos tobte. Oder habe ich jetzt schon wieder etwas nicht kapiert?

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Bewegende Worte

hat Mona Simpson, Steve Jobs leibliche Schwester, für ihren Bruder gefunden. Wer sie noch nicht gelesen hat, findet ihr Ansprache hier. Es ist eine sehr intime und sehr menschliche Perspektive und man spürt, wie sehr sie ihrem Bruder zugetan war.

Unter den schwierigen Bedingungen ist das ja gar nicht selbstverständlich, um so schöner, dass es so war.

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Insurrection (3): Postmoderner Ikonoklamus?

Das dritte Kapitel von Insurrection hat mich etwas ratlos gemacht. Peter Rollins stellt verschiedene Arten vor, wie Glaube (an den religiösen deus-ex-machina) und Zweifel koexistieren können, ohne dass es ersterem an den Kragen geht:

  • Man kann theologische Lippenbekenntnisse zum Wert des Zweifels und Erfahrungen von Verlust abgeben und parallel an einem Gemeindeleben teilnehmen, das diese Gedanken und Erfahrungen (etwa im Liedgut und der Liturgie) verschweigt und konterkariert,
  • man kann sich von organisierter Religiosität zeitweilig verabschieden, nur um in de nächsten Krise wieder auf sie zurückzugreifen (um den drohenden Sturz in die Angst abzuwenden), subkutan hat man sie jedoch immer behalten,
  • man kann eine indirekte Teilhabe an der heilen Welt des religiösen Glaubens über Ehepartner und Kinder pflegen, während man sich selbst als „nicht religiös“ bezeichnet und gebärdet. Rollins spricht süffisant davon, dass man letzten Endes eine „dunkle Nacht der Seele erleben und dabei alle Lichter an lassen kann.“
  • Einen anderen Umgang mit Zweifeln pflegt man im Fundamentalismus: Hier herrscht das unausgesprochene Gesetz, dass der Zweifel überhaupt nicht thematisiert werden darf. Vorhanden ist er selbstverständlich und führt zu skurrilen Vermeidungsstrategien.

So oder so, meint Rollins, wird die eigentlich nötige existenzielle Verlusterfahrung umgangen, man flirtet (wenn überhaupt) lediglich mit der Vorstellung, ohne ernst zu machen. Quer durch alle kirchlichen Traditionen. Für Rollins bedeutet das: Man drückt sich um das Kreuz, man hat noch gar nicht begonnen, im christlichen Sinn zu glauben.

Die eine Frage wäre, ob dieses sehr allgemeine und gewagte Urteil über eine große Vielfalt von Individuen, Gemeinschaften und Konfessionen gerechtfertigt ist. Noch spannender finde ich die Frage, ob man sich um eine solch existenzielle Erfahrung überhaupt drücken kann. Wenn ich mich mit Menschen unterhalte, die ähnlich Dinge erlabt haben, dann scheint mir, dass sie sich das nicht aussuchen und dass auch alle Versuche, es zu verhindern, aussichtslos waren.

Ist Rollins‘ selbsternannte Pyro-Theologie also eine postmoderne Form von Ikonoklasmus, mit dem er jede Vorstellung anfällt, von der er befürchtet, sie könne irgendeine Form von Gewissheit und Trost vermitteln? Und ist sie darin nicht, wie die Verachtung des Volksglaubens durch die radikalen Reformatoren (die Bilder und Kunstwerke in den Kirchen pauschal als „Götzenkult“ diffamierten) am Ende vielleicht auch eine Form von elitärer Bevormundung anderer, für die man sich mancher Dinge ganz erstaunlich gewiss sein muss? (Jason Clarks engagierter Widerspruch wäre dann das postmoderne Pendant zu Luthers Invokavitpredigten)

Warten wir mal ab, was das vierte Kapitel bringt.

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Insurrection (2): Gott verlieren?

Wir hatten zum ersten Kapitel schon eine muntere Diskussion und inzwischen ist Jason Clarks Kritik zu Insurrection erschienen. Ich habe sie nur kurz überflogen, wer sie lesen möchte, findet sie hier.

Nach dem Einstieg mit einer etwas eigenwilligen Bonhoeffer-Interpretation wendet sich das zweite Kapitel der Frage zu, welche Rolle das Kreuz für den christlichen Glauben spielt. Rollins bietet hier einen Remix aus dem bekannten Diktum von Chesterton, am Kreuz sei Gott für einen Augenblick Atheist geworden, und gewissen Reminiszenzen an Luthers Theologia Crucis, auch wenn dessen Name nirgends erscheint.

Rollins wehrt sich gegen ein „mythologisches“ Verständnis des Kreuzes. Mythen definiert er als sinnstiftende Erzählungen und eine (Re-)mythisierung des Kreuzes heißt für ihn, den Tod Jesu zur bloßen Durchgangsstation zu machen in einer Geschichte, die durch und durch und ohne jeden Bruch sinnvoll ist. Jesu aramäisch geäußerte Klage der Gottverlassenheit ist , weil nicht Hebräisch formuliert (das ist ein recht wackliges Argument) auch nicht als Zitat aus Psalm 22 zu verstehen, so als würde Jesus noch in der Klage über sein Leid an Gott festhalten. Sie geht auch über die in Gethsemane geäußerte Leidensbereitschaft bis zum Märtyrertod hinaus: Für Rollins (und es ist sicher kein Zufall, dass er sich zwischendurch auf Nietzsche bezieht) ist es der Verlust Gottes und des Glaubens selbst, der hier stattfindet.

Rollins bedient sich hier eines berühmten Zitats von Elie Wiesel, der davon sprach, dass Gott im KZ am Galgen gehangen hatte. Es ist allerdings nur der Verlust des Deus Ex Machina, der hier stattfindet, so dass der Platz für den wahren Gott frei wird. Das erinnert an Meister Eckarts „Ich bitte Gott, dass er mich Gottes quitt mache“. Aber ist es so gemeint, im Sinne der mystischen Purgatio? Was mir an dieser Stelle fehlt, ist eine trinitätstheologische Reflexion über diesen Aspekt des Kreuzesgeschehens. Ich habe mich beim Lesen gefragt:

  • Hatte Jesus bis dahin etwa auch eine allgemein-religiöse Vorstellung von Gott, die sterben musste?
  • Wenn ja: Was bedeutet das für das Verständnis seiner vorösterlichen Verkündigung?
  • Hätten wir mit diesem Gedanken dem Kreuz nicht schon wieder einen – wenn auch anderen – „Sinn“ untergejubelt?

Das Kreuz muss für Christen mehr sein als ein Glaubensinhalt. Es geht darum, diesen Verlust Gottes existenziell zu erfahren. Rollins wird an dieser Stelle ausnahmsweise biografisch, wenn auch nicht zur konkreten Erfahrung des Gott-Verlierens. Er spricht von der Notwendigkeit, sich von seinen familiären und damit auch religiösen Prägungen zu befreien. Am Kreuz, sagt er mit Zizek, kann man erkennen, was „Vater [und Mutter] hassen“ in Jesu Sinne bedeutet: Den Verlust der eigenen, ererbten Identität zugunsten einer radikalen Offenheit und Unbestimmtheit. Letztlich sind auch nicht die anderen Menschen, sondern wir selbst unser Kerkermeister: „Wir sind gespaltene Subjekte, die im sich Krieg mit dem befinden, was wir erschaffen haben und was uns erschafft“ (S. 35). Der Deus Ex Machina ist für Rollins ein Teil dieser alten Identität der Entfremdung.

Weitere Fragen bleiben für mich am Ende dieses Kapitels:

  1. Fehlt dem Aufruf zum radikalen Bruch bei Rollins das konkrete Ziel – steht bei Jesus das Verlassen des Alten nicht im Schatten der Ankunft des Neuen? Und ist es nicht der Ruf Christi statt der eigene Entschluss, der diesen Aufbruch erst möglich macht?
  2. Ist die radikale Offenheit nicht eine idealistische Fiktion und ähnelt sie nicht mehr dem Weg des verlorenen Sohnes, der alle Bindungen kappt und seine Identität negativ (Rollins spricht von „Subtraktion“, Miroslav Volf spräche in diesem Zusammenhang vielleicht auch von „Exklusion“) definiert?
  3. Ist der Verlust Gottes für Rollins keine Erfahrung eines schon Glaubenden auf seinem Lebensweg, wie bei Mutter Theresa, Johannes vom Kreuz und anderen (Tomas Halik hat etwas Ähnliches im Leben der Therese von Lisieux beschrieben), sondern der Anfang des eigentlichen Glaubens und die Abkehr vom religiösen Aberglauben und frommen „Heidentum“ eines geordneten, sinnvollen Universums, von dem Rollins sich abgrenzt?

Schauen wir einmal, was die folgenden Kapitel dazu austragen.

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Für müde Krieger

In den letzten Tagen hat mich Van Morrisons „I’m Tired, Joey Boy“ begleitet. Die trüben Herbsttage stehen ja erst noch bevor. Man könnte also eine wunderbare Burnout-Prävention damit bestreiten. Das beginnt schon mit der Ursachenforschung, wenn es dort treffend heißt:

Ambition will take you

And ride you too far and

Conservatism bring you to boredom once more

Zwischen Stillstand und Überforderung liegt der Weg zurück zum Ursprünglichen. Das beschreibt der Belfast Cowboy mit diesen Worten:

Sit down by the river

And watch the stream flow

Recall all the dreams

That you once used to know

Der Gang in die Einsamkeit und zurück zum Einfachen führt dazu, dass die Wogen sich glätten und die Stürme legen:

Love of the simple is all that I need

I’ve no time for schism or lovers of greed

Go up to the mountain, go up to the glen

When silence will touch you and heartbreak will mend

Ich werde mir das Lied noch ein paarmal anhören… 🙂

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Post- oder Hypermoderne?

Das ist hier nur ein Querverweis auf interessanten Lesestoff – vielleicht komme ich später noch dazu, den Artikel zu kommentieren. Christian Piatt (mir bis dahin unbekannt) kommentiert auf Huffington Post den Kontrast von Emerging Church und christlichen Fundamentalismus á la Piper und Driscoll und die Frage, was sich auf längere Sicht durchsetzen wird.

Interessant ist dabei Platts „Definition“ der emergenten Bewegung, kurz umrissen lautet sie etwa so:

  • gelebte Gemeinschaft ist wichtiger als institutionelle Struktur
  • man nimmt sich der Menschen an statt sie „bekehren“ zu wollen
  • man integriert sich – freilich als Christen – in die Kultur der Umgebung, anstatt darauf zu warten, dass Menschen aus dieser Kultur in die Kirche kommen
  • die Imitatio Christi ist wichtiger als Bekenntnistreue
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Gott ist die Liebe

Neulich habe ich geschrieben, dass ich nicht so der Typ für „Lieschen Müller“ bin. Der folgende Text ist als Taufansprache zu 1. Joh 4,16b entstanden. Ich habe es mal so einfach wie möglich versucht. Vielleicht kann ich bei manchen Müllers mein ramponiertes Image ja etwas verbessern. 🙂

Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm.

Johannes, der diesen Satz schreibt, ist ein alter Mann irgendwo in Griechenland. Jahrhunderte lang haben sich die Griechen kluge Gedanken gemacht über Gott: Wie man ihn erkennt und wie man mit ihm verbunden sein kann. Sie haben die schönsten Tempel der Welt gebaut und die besten Akademien gegründet. Wenn jemand das wissen konnte, dann dieses Volk der Dichter und Denker.

Sie haben die Natur studiert, die Lebewesen und Himmelskörper. Sie haben versucht, hinter die Oberfläche der Dinge zu blicken: Die Elemente der Welt, ihre Ordnung, und die Vernunft darin. Sie kamen auf viele verschiedene Beschreibungen, aber so einfach wie Johannes hat es niemand gesagt. Wie kommt jemand auf solche Gedanken?

Johannes war kein Grieche. Er wuchs unter Juden auf. Die hatten viel zu erzählen von den großen Dingen, die Gott getan hatte. Aber das war alles lange her. Ihr Gott liebte sein kleines Volk und strafte seine großen Feinde. Er war eifersüchtig und manchmal auch ein bisschen rabiat, würden manche heute vielleicht sagen. Am Ende hatte er die Geduld mit dem bockigen Israel verloren. Es war still um ihn geworden seither. Manche warteten noch auf seine Rückkehr, andere wollten sich lieber selbst helfen.

Dann begegnete Johannes einem Mann, für den Gott weder unberechenbar noch fern war, sondern sehr nahe und vertraut. Meistens war er bei den Armen und Kranken zu finden oder bei den Sündern – den schlechten Juden, die sich nicht richtig an die vielen Gebote hielten. Die Gerechten fanden das empörend und einen Verrat an der Sache Gottes, daher machten sie einen großen Bogen um sie. Denn nicht nur Krankheit war ansteckend, sondern auch Unreinheit und Sünde. So hatte Johannes es gelernt.

Der Mann hieß Jesus. Vom Gesetz, sagte er, muss man eigentlich nur so viel wissen und befolgen: Wir sollen Gott von ganzem Herzen lieben und unseren Nächsten wie uns selbst. Wer das tut, der kann nichts falsch machen. Er muss es nur tun. Denn Liebe ist die Kraft, die die Welt verändert.

Wie sich dann immer deutlicher herausstellte, konnte „Nächster“ dabei auch Feind bedeuten. Gewalt und Vergeltung lehnte Jesus strikt ab und machte sich damit nicht nur Freunde. Er hatte zudem jenen Juden, die sich für Gerechte hielten, immer wieder gezeigt, dass sie kein in ihrem Stolz genauso vom Weg abgekommen und in die Irre gegangen waren wie die anderen. Über seine Kritik und seine Vorliebe für die Sünder waren sie so erbost, dass sie Jesus als falschen Propheten anklagten. Die Römer machten dann kurzen Prozess. Daran erinnert uns das Zeichen des Kreuzes.

Dass Jesus die Sache mit der Liebe ernst meinte, konnte man in den letzten Minuten seines Lebens sehen, als er noch am Kreuz Gott, den er immer „Vater“ nannte, um Vergebung bat für die Menschen, die ihn verlassen hatten, die ihn verspotteten und töteten. Als er so starb, begriff sogar der hartgesottene Hauptmann des Exekutionskommandos, dass ihm hier gerade Gott selbst begegnet war.

Die Liebesgeschichte hat noch ein weiteres Kapitel. „Liebe ist stark wie der Tod“, hatte König Salomo einmal gedichtet. Tatsächlich ist sie viel stärker, aber das wusste noch niemand. Die Liebe zwischen Jesus und seinem himmlischen Vater war nicht totzukriegen. Zwei Tage später tauchte Jesus wieder auf. Ganz derselbe und gleichzeitig ganz anders. Es dauerte eine Weile, bis seine Jünger, darunter auch Johannes, verstanden hatten: Gott hatte Jesus so verwandelt wie er am Ende der Zeit die ganze kaputte Welt und uns – mal mehr und mal weniger kaputte – Menschen verwandeln will. Wie eine Raupe, aus der ein Schmetterling geworden ist: schöner und mit ganz neuen Möglichkeiten.

Und Jesus brachte noch etwas ins Spiel: Den Heiligen Geist, der allen Menschen geschenkt wird, die zu Jesus gehören. Er lässt den Funken der Liebe Gottes überspringen in menschliche Herzen und er hält das Feuer dort am Brennen, so lange wir noch unterwegs sind zu dieser neuen Welt, in der aller Hass gestorben, alle Krankheit geheilt und jede Träne getrocknet ist. Gott hat ein menschliches Gesicht – Jesus. Auf diesem Gesicht können wir wie nirgendwo sonst in der Welt ablesen, dass Gott Liebe ist.

Weil die Liebe stärker ist als der Tod, diese scheinbar unüberwindliche Naturgewalt, deswegen ist sie jetzt schon die Kraft, aus der wir leben und nach der wir uns richten können, wenn wir – und hier kommt die Taufe ins Spiel – „in Christus“ sind. Mag sein, dass uns das einiges kostet: Macht, Anerkennung, manche Vorteile. Ein bisschen Mut ist schon gefragt. Aber wir müssen auch nicht befürchten, immer nur die Dummen zu sein. Was wir aus Liebe tun, wird auch dann noch bestehen, wenn das Chaos und die Dunkelheit endgültig überwunden sind. Jedes Wort, jede Geste, jeder Umweg, alles Teilen und Vergeben ist nicht vergeblich.

Wir lernen das „Bleiben in Gott“ und das „in der Liebe bleiben“ im Laufe unseres Lebens. Wir lernen es nicht allein, sondern von anderen und mit ihnen zusammen. Ab und zu scheitern wir und fangen dann wieder neu an. Denn Gottes Verlangen, in uns zu bleiben, ist zum Glück noch größer als unser Verlangen, in ihm zu bleiben.

Dass Gott die Liebe ist, ist nicht einfach nur eine Idee oder eine abstrakte Theorie. Es ist eine wahre Geschichte mit echten Menschen in einer Welt, die alles andere als ideal ist. Und genau deshalb können wir uns darauf verlassen.

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Gott – dein größter Fan?

Ich bin auf diesen Gedanken vor einiger Zeit auch schon gestoßen, leider kann ich nicht nicht mehr genau erinnern, wo – bei William Cavanaugh? Nun habe ich es im ersten Kapitel von Pete Rollins‘ Insurrection wiedergefunden. Rollins geht der Frage Bonhoeffers nach einem religionslosen Christentum nach und setzt ein mit der Natur menschlichen Sehnens und Begehrens:

Unsere Beziehungen zu geliebten Menschen sind deswegen so fundamental anders als die zu Gegenständen, weil wir uns nicht nur nach ihnen sehnen, sondern vor allem, weil wir von ihnen (wenn man das mal nicht primär mit sexuellen Konnotationen versieht) begehrt werden wollen. Daher leiden viele auch so schwer unter dem Verlust eines geliebten Menschen, daher leiden aber auch viele unter dem Verlust der Sehnsucht und Anziehung in bestehenden Beziehungen. Damit leben zu lernen, ist wesentlicher Bestandteil des Erwachsenwerdens – schon Kinder merken an ihren Eltern, dass sie nicht (oder nicht immer) der Nabel der Welt sind.

Rollins folgert dann weiter: Aufgrund der Brüchigkeit menschlicher Liebe und der Schwankungen im menschlichen Sehnen und Begehren liegt es nahe, sich Gott als den einen ständig präsenten Zuschauer und himmlischen Fan unseres Lebens vorzustellen, der uns immer im Blick hat und auf dessen Gesicht sich das Schauspiel unseres Lebens ununterbrochen spiegelt. Damit aber läuft man Gefahr, Gott zum Maskottchen zu machen oder zum Lückenbüßer, zur psychologischen Krücke bzw. dem Deus-ex-Machina, der immer dann ins Spiel gebracht wird, wenn wir etwas nicht erklären oder ertragen können. Bei Bonhoeffer hieß es, er taucht immer nur an den Grenzen menschlicher Existenz auf, aber nicht in der Mitte.

Glauben an diesen Gott zu wecken, sagt Rollins, ist gar nicht so schwer, weil die meisten Menschen an so einen Gott glauben wollen. Dennoch bleibt dieser Glaube eben die berühmte psychologische Krücke, die sich nicht von einer nützlichen Illusion unterscheiden lässt, mit der man sich gegen das Verzweifeln an der Sinnlosigkeit des Lebens schützen will. Rollins setzt diesen hohlen Gott mit Pascals „Gott der Philosophen“ gleich, aber der hatte das m.E. anders verstanden und gerade nicht das persönliche Gegenüber, sondern den apathischen Deistengott gemeint.

Richard Rohr würde hier vielleicht sagen, dass wahrer Glaube durchaus mit dem fragwürdigen Gottesbild und einer Portion Egozentrik und Narzissmus beginnen kann, wie das Rollins hier beschreibt, so lange er dabei nicht stehen bleibt. Aber so sind Menschen eben, und da fängt Gott notgedrungen an. Man muss diese Bilder vielleicht ja auch gar nicht widerlegen, sie zerbrechen irgendwann von selbst. Mal sehen, wie Rollins das mit dem wirklichen Gott und dem (echten?) Glauben weiter denkt. Der Untertitel (To Believe is Human, To Doubt Divine) lässt jedenfalls vermuten, dass Rollins mit „believe“ etwas anderes meint als das Neue Testament mit “Glauben“…

Wer gleich weiterlesen möchte, findet bei Daniel Ehniss schon mehr zu Insurrection.

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Kreuzzug-Lektüre: kurzes Fazit

Es ist unmöglich, Rodney Starks Buch über die Kreuzzüge hier inhaltlich zusammenzufassen. Die Darstellung stützt sich durchgehend auf neuere historische Untersuchungen, um viele der gängigen Klischees über dieses Kapitel mittelalterlicher Geschichte in Frage zu stellen. Die Originalquellen führt er selten an, aber das tun eben auch jene nicht (oder nur sehr selektiv), die in den letzten Jahrzehnten ein vermutlich einseitig negatives Bild gezeichnet hatten.

Ein paar dieser Korrekturen sind bei mir hängengeblieben:

Der Kontrast zwischen der blutigen Eroberung Jerusalems beim ersten Kreuzzug und dem scheinbar so viel zivilisierteren Abzug gegen Lösegeld, den Saladin den Kreuzfahrern ein paar Generationen später anbot, führt Stark überzeugend auf die damals geltenden Kriegsregel zurück, dass man die Einwohner einer belagerten Stadt mit dem Leben davonkommen lässt, wenn sie den Angreifern einen verlustreichen Sturmangriff auf die Befestigungen ersparen. Saladin konnte, wie andere Beispiele zeigen (und islamische Quellen belegen), durchaus sehr grausam verfahren, wenn er eine Festung einnahm. Die gleiche Regel galt auch bei Konflikten zwischen zwei christlichen Kriegsparteien.

Die oft herausgestellte Überlegenheit der arabischen Kultur (Philosophie, Medizin, Mathematik, Architektur, Schiffbau und Navigation) beruhte in weiten Teilen auf den geistigen Leistungen der Dhimmis, also unterworfener Juden und Christen. Oft täuscht ein arabischer Name darüber hinweg, dass der betreffende Gelehrte byzantinischer oder nestorianischer Christ, beziehungsweise Zoroastrier oder Jude war. Zugleich erklärt dies auch den Niedergang der Gelehrsamkeit in dem Maße, wie die Dhimmis allmählich zum Islam konvertierten. Während nämlich die Griechen aristotelische Philosophie als eine Möglichkeit unter vielen und als Ansporn zur Suche nach besseren Argumenten verstanden, wurde er im arabischen Sprachraum später kanonisiert und alle Diskussion abgewürgt. Die „arabischen“ Zahlen wiederum wurden eigentlich bei den Hindus erfunden und von dort „importiert“, sie stammen also ursprünglich aus Indien.

Der vierte Kreuzzug, der mit der Eroberung und Plünderung Konstantinopels endete, wird immer wieder als venezianische Verschwörung gegen den Konkurrenten als Handels- und Seemacht im Mittelmeer bezeichnet. Abgesehen davon, dass die Plünderung deutlich weniger Opfer gefordert haben dürfte, als oft behauptet, legt Starks Darstellung auch eine andere Perspektive nahe: Die Byzantiner hatten nicht nur ständige Intrigen im Inneren angezettelt, die das Reich schwächten, sie hatten auch die Kreuzfahrer während der ersten drei Kreuzzüge immer wieder verraten und ihnen damit schwerste Verluste beigebracht. Mit den Venezianern war zwar die Begleichung der immensen Transportkosten durch die Rückeroberung von Zara durch die Kreuzfahrer vereinbart. Die Wendung gegen Byzanz trat ein, nachdem sie die Stadt für den Prinzen Alexios Angelos eingenommen hatten, dieser aber seine Zusagen (die astronomische Summe von 200.000 Silbermark und 10.000 Soldaten zur Eroberung Ägyptens, das die Kreuzfahrerstaaten ständig bedrohte) nicht einhielt. Stark ist mit dem französischen Historiker Jean Richard der Ansicht, dass neben dem Zorn über den Wortbruch vor allem auch die sehr schwierige Versorgungslage der Kreuzfahrer einen Angriff nahelegte und dass bei der Eroberung nur ein relativ kleiner Teil der Einwohner umkamen – da hatten die Byzantiner in internen Rivalitäten auch schon deutlich härter hingelangt. Umstritten, auch das erwähnt Stark, war die Aktion trotzdem auch damals schon: Der Papst kritisierte den Krieg gegen das christliche Byzanz aufs Schärfste.

Insgesamt zeichnet Stark das Bild einer sehr kriegerischen Epoche, in der die pauschale Einteilung in Schurken auf der einen Seite und Edlen auf der anderen nie aufgeht. Die selektive Entrüstung über die Gewalt verstellt den Blick auf die tatsächlichen Motive der meisten Kreuzfahrer, vielleicht auch deshalb, weil diese uns, die wir alles in primär ökonomischen Kategorien zu deuten gewohnt sind, heute so fremd geworden sind.

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Traumjob, Traumhaus und was man sonst so braucht

Der Arbeitspsychologe Tim Hagemann hat vor einer Weile im Interview mit Zeit Online erklärt, dass in unserer Gesellschaft der Beruf für das Selbstwertgefühl zum maßgeblichen Faktor geworden ist:

Unsere Leistungsgesellschaft definiert ein glückliches Leben als eines, in dem ein erfüllender Job Wohlstand und Ansehen einbringt, zugleich braucht es noch einen Traumpartner, eine Traumwohnung, Traumkinder und einen Traumfreundeskreis. Menschen, die sich diesem gängigen Idealbild verweigern, müssen ein großes Selbstwertgefühl haben.

Wer die anerkannten Karrierepfade verlässt, gilt als „gescheitert“ und muss mit einem gehörigen Ansehensverlust rechnen. Anerkennung für alternative Lebensentwürfe gibt es (in Deutschland wenigstens) kaum. Man fragt hier eben: Was sind sie von Beruf?

Auf die Frage, ob der Verlust von Religion und Spiritualität da eine Rolle spielt, sagt Hagemann nur, die Kirche habe ihre Deutungshoheit im Blick auf den Sinn des Lebens verloren. Die andere Seite dieser Entwicklung ist ja die, dass (katholische Priester mal ausgenommen) in den großen kirchlichen Institutionen sich ziemlich analoge Karrierepfade herausgebildet haben wie in Verwaltung und Industrie, und dass im konservativen bürgerlichen Milieu, wo die Kirchen noch den stärksten Rückhalt haben, dieselben Maximen gepredigt werden: Sieh zu, dass Du einen guten Beruf lernst und einen sicheren Arbeitsplatz bekommst. Zu viel Idealismus ist da nur gefährlich.

Die Frage, der man weiter nachgehen müsste, wäre also: welche Spiritualität ist verloren gegangen – nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in der Kirche? Was hält Menschen davon ab, ihr Selbstwertgefühl nicht mehr an die Arbeit zu binden? Wie können Gemeinden ein Umfeld schaffen, in dem jeder in aller Freiheit erkunden und austesten kann, wie er sich freischwimmt von dem Zwang, die eigene Identität im Rennen um die besten Plätze auf der Karriereleiter und nach den gefragten Konsumartikeln sichern zu müssen?

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