Insurrection (2): Gott verlieren?

Wir hatten zum ersten Kapitel schon eine muntere Diskussion und inzwischen ist Jason Clarks Kritik zu Insurrection erschienen. Ich habe sie nur kurz überflogen, wer sie lesen möchte, findet sie hier.

Nach dem Einstieg mit einer etwas eigenwilligen Bonhoeffer-Interpretation wendet sich das zweite Kapitel der Frage zu, welche Rolle das Kreuz für den christlichen Glauben spielt. Rollins bietet hier einen Remix aus dem bekannten Diktum von Chesterton, am Kreuz sei Gott für einen Augenblick Atheist geworden, und gewissen Reminiszenzen an Luthers Theologia Crucis, auch wenn dessen Name nirgends erscheint.

Rollins wehrt sich gegen ein „mythologisches“ Verständnis des Kreuzes. Mythen definiert er als sinnstiftende Erzählungen und eine (Re-)mythisierung des Kreuzes heißt für ihn, den Tod Jesu zur bloßen Durchgangsstation zu machen in einer Geschichte, die durch und durch und ohne jeden Bruch sinnvoll ist. Jesu aramäisch geäußerte Klage der Gottverlassenheit ist , weil nicht Hebräisch formuliert (das ist ein recht wackliges Argument) auch nicht als Zitat aus Psalm 22 zu verstehen, so als würde Jesus noch in der Klage über sein Leid an Gott festhalten. Sie geht auch über die in Gethsemane geäußerte Leidensbereitschaft bis zum Märtyrertod hinaus: Für Rollins (und es ist sicher kein Zufall, dass er sich zwischendurch auf Nietzsche bezieht) ist es der Verlust Gottes und des Glaubens selbst, der hier stattfindet.

Rollins bedient sich hier eines berühmten Zitats von Elie Wiesel, der davon sprach, dass Gott im KZ am Galgen gehangen hatte. Es ist allerdings nur der Verlust des Deus Ex Machina, der hier stattfindet, so dass der Platz für den wahren Gott frei wird. Das erinnert an Meister Eckarts „Ich bitte Gott, dass er mich Gottes quitt mache“. Aber ist es so gemeint, im Sinne der mystischen Purgatio? Was mir an dieser Stelle fehlt, ist eine trinitätstheologische Reflexion über diesen Aspekt des Kreuzesgeschehens. Ich habe mich beim Lesen gefragt:

  • Hatte Jesus bis dahin etwa auch eine allgemein-religiöse Vorstellung von Gott, die sterben musste?
  • Wenn ja: Was bedeutet das für das Verständnis seiner vorösterlichen Verkündigung?
  • Hätten wir mit diesem Gedanken dem Kreuz nicht schon wieder einen – wenn auch anderen – „Sinn“ untergejubelt?

Das Kreuz muss für Christen mehr sein als ein Glaubensinhalt. Es geht darum, diesen Verlust Gottes existenziell zu erfahren. Rollins wird an dieser Stelle ausnahmsweise biografisch, wenn auch nicht zur konkreten Erfahrung des Gott-Verlierens. Er spricht von der Notwendigkeit, sich von seinen familiären und damit auch religiösen Prägungen zu befreien. Am Kreuz, sagt er mit Zizek, kann man erkennen, was „Vater [und Mutter] hassen“ in Jesu Sinne bedeutet: Den Verlust der eigenen, ererbten Identität zugunsten einer radikalen Offenheit und Unbestimmtheit. Letztlich sind auch nicht die anderen Menschen, sondern wir selbst unser Kerkermeister: „Wir sind gespaltene Subjekte, die im sich Krieg mit dem befinden, was wir erschaffen haben und was uns erschafft“ (S. 35). Der Deus Ex Machina ist für Rollins ein Teil dieser alten Identität der Entfremdung.

Weitere Fragen bleiben für mich am Ende dieses Kapitels:

  1. Fehlt dem Aufruf zum radikalen Bruch bei Rollins das konkrete Ziel – steht bei Jesus das Verlassen des Alten nicht im Schatten der Ankunft des Neuen? Und ist es nicht der Ruf Christi statt der eigene Entschluss, der diesen Aufbruch erst möglich macht?
  2. Ist die radikale Offenheit nicht eine idealistische Fiktion und ähnelt sie nicht mehr dem Weg des verlorenen Sohnes, der alle Bindungen kappt und seine Identität negativ (Rollins spricht von „Subtraktion“, Miroslav Volf spräche in diesem Zusammenhang vielleicht auch von „Exklusion“) definiert?
  3. Ist der Verlust Gottes für Rollins keine Erfahrung eines schon Glaubenden auf seinem Lebensweg, wie bei Mutter Theresa, Johannes vom Kreuz und anderen (Tomas Halik hat etwas Ähnliches im Leben der Therese von Lisieux beschrieben), sondern der Anfang des eigentlichen Glaubens und die Abkehr vom religiösen Aberglauben und frommen „Heidentum“ eines geordneten, sinnvollen Universums, von dem Rollins sich abgrenzt?

Schauen wir einmal, was die folgenden Kapitel dazu austragen.

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