Höllenretter

Rob Bells schönes kleines Buch Love Wins hat ein neues Genre hervorgebracht: Etliche Autoren fühlen sich bemüßigt, die Existenz der Hölle nachzuweisen und erheben sie damit zum normativen Glaubensgegenstand. Auch das verkauft sich gut in einem bestimmten Segment der Christenheit. Jüngst hat etwa Gerth Medien „Hölle Light“ von Francis Chan und Preston Sprinkle veröffentlicht.

Der Untertitel verrät schon den Anspruch von Chan und Sprinkle auf unwiderlegbare Aussagen: „Was Gott über die Hölle sagt, und was wir daraus gemacht haben“. Das Vorwort verrät dann, dass es um Gottes Charakter geht. Genauer: Seine Souveränität. Er darf machen, was er will. Menschen steht kein Urteil darüber zu. Man ahnt schon, wie es vermutlich weitergeht: Nur wer sich in einer Art geistlichen Stockholm-Syndrom dem undurchschaubaren und unbestechlichen Urteil dieses übermächtigen Gegenübers bedingungslos unterwirft, hat Aussichten auf gute Behandlung.

So ganz wird man den Verdacht nicht los, dass mit dem „wir“ im Untertitel die Autoren gar nicht von sich reden, sondern von denjenigen, deren Meinung ihnen missfällt – was Bell aus der Hölle gemacht hat zum Beispiel. Daher wird auch gleich klargestellt, dass es nicht etwa einen Konflikt um eine sinnvolle und sachgemäße Interpretation der Bibel geht, der am Ende vielleicht unterschiedliche Standpunkte denkbar erscheinen ließe, sondern darum, dass hier jemand ganz genau und definitiv sagen kann, was Gott sagt und was nicht.

Kaum eine Frage, dass bei diesen Prämissen die Höllenrettung gelingen wird und sich mancher Leser beruhigt zurücklehnen kann, weil seine vom Hauch des Zweifels leicht zerzauste Welt nun wieder in streng symmetrischer Ordnung ist. Wer kein Geld ausgeben und etwas Interessantes zu dem Thema lesen möchte, kann diesen anregenden Blogpost von Andrew Perriman lesen, in dem er sich mit Tim Kellers Thesen zu eben jenem heißen Thema beschäftigt.

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Entschlossen Auftreten

In Lukas 10,19 steht ein steiler, kämpferischer Satz Jesu an seine Jünger, an dem ich neulich hängen geblieben bin:

Seht, ich habe euch die Vollmacht gegeben, auf Schlangen und Skorpione zu treten und die ganze Macht des Feindes zu überwinden. Nichts wird euch schaden können.

Angesichts der Tatsache, dass die Jünger barfuß unterwegs waren, hat die Aussage erst einmal auch eine ganz wörtliche Komponente. Sie stimmt aber auch darauf ein, dass neben dem Interesse und Desinteresse, von dem bis dahin die Rede war, auch heftiger Widerstand zu erwarten ist.

Selbst wenn das Evangelium barfuß und unbewaffnet daherkommt, ist es eine Botschaft, die an bestehenden Machtverhältnissen rüttelt und deren Legitimität in Frage stellt. Und wenn plötzlich ganz einfache Landmenschen davon reden, dass Gottes Reich unter ihnen Fuß gefasst hat, dann kann es auch mit der Untertanenmentalität schnell zu Ende gehen. Aber es geht noch weiter, es geht insgesamt um Ohnmachtserfahrungen, die zerstörerisch wirken, sagt Michael Welker in seiner Interpretation des Begriffs „dämonisch“:

Dämonisches Wirken führt Situationen herbei, in denen wir uns zu völliger Hilflosigkeit verdammt sehen, wo Geduld nichts nützt und die Zeit nichts heilt. Beschwichtigungs- und Ermutigungsfloskeln bleiben uns im Halse stecken. Ohnmachtsempfinden, Apathie und Ausbrüche von Angst und Verzweiflung wechseln einander ab. Durch dämonische Mächte werden Situationen herbeigeführt, die wir im Rückblick “hoffnungslos” oder “tragisch” nennen, die wir erleichtert durch den Tod abgelöst sehen oder die wir verdrängen, weil es unerträglich ist, in der Gegenwart des Grauens und der Grausamkeit zu leben. (M. Welker, Gottes Geist, S.204)

So gesehen kann man im Treten auf „Schlangen und Skorpione“ keine Anleitung für hemdsärmlig-fromme Ghostbusters, sondern eher so etwas wie Zivilcourage erkennen: Klar gehört dazu auch, klug wie Schlangen und ohne Falsch wie Tauben zu sein, aber auch unerschrocken gegenüber den ausgesprochenen (und unausgesprochenen) Drohungen, und unbefangen, wenn mal wieder der Eindruck vorherrscht, gegen irgendein Übel sei halt kein Kraut gewachsen. Ob das nun die Suche nach Frieden und Versöhnung zwischen zerstrittenen Konfliktparteien ist, ob es um kollektive Betriebsblindheiten geht, überbordende Gier oder zynische Machtspielchen – wer an das nahe Reich Gottes glaubt, muss sich mit dem Status Quo nicht schweigend arrangieren. Er darf – sollte! – entschlossen auftreten, egal welches Gift ihm unter die Füße kommt.

(PS: Am Ende heißt es: „Nichts wird euch schaden können“. Wie auch immer das zu verstehen ist, leider bedeutet es offenbar nicht, dass Christen garantiert nichts zustößt, wie aktuell der Blick nach Afrika wieder deutlich macht)

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Verliebt in Theorien

Iain McGilchrist berichtet in seinem Buch The Master and His Emissary von einem Experiment, bei dem die Probanden vorhersagen mussten, ob ihnen als nächstes Rot oder Grün gezeigt wird. Sie absolvierten den Test mit mehr oder weniger Erfolg, dann aber wurde ihnen (ohne dass sie es wussten) immer die Farbe gezeigt, die sie genannt hatten – sensationelle hundert Prozent Trefferquote stellten sich ein.

Als man die Teilnehmer danach interviewte, konnte ein großer Teil auch ganz genau erklären, wie es dazu gekommen war. Sie hatten komplizierte Theorien zur Abfolge der Farben und Methodik ihrer makellosen Vorhersage entwickelt. Das Problem war nur: sie waren alle falsch. Es gibt in uns einen starken Drang, zu gewinnen und Recht zu haben. So nützlich dieser hin und wieder ist, so fatal kann er in anderen Situationen sein. Er „rettet“ uns aus Ambivalenz und Unsicherheit, indem er illusionäre und riskante „Gewissheiten“ und eine über-optimistische Selbsteinschätzung produziert und alle Absurditäten, Widersprüche und Gefahren dieses Standpunktes abblendet, also zu Realitätsverlust führt.

So lange sich das auf banale Dinge bezieht, kann es ja ganz lustig sein. Wenn es aber dazu führt, dass wir fatale politische Entscheidungen treffen (oder versäumen, wie bei den internationalen Klimakonferenzen), dass zwanghaft ideologische Systeme entstehen oder krankmachende Dogmen (passende Beispiele darf hier jeder selbst einfügen), dann wird es schon unheimlicher. Man muss also auch bei Theorien und Weltbildern (selbst wenn sie „biblisch“ sind…) dem Rat das Paulus aus 1.Kor 7,29f. folgen, sie zu „haben, als hätte man nicht.“

 

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Transatlantischer Austausch

Gestern habe ich das Vergnügen, ein paar Takte mit Alan Roxburgh zu sprechen. Sein Buch Missional Leadership ist übrigens inzwischen auf Deutsch erschienen, ein weiteres folgt im März.

Wer in der Zwischenzeit Lust auf ein paar anregende Vorträge von Alan hat, kann die Referate von der IGW-Konferenz 2011 in Rotkreuz/CH als Podcasts hören – sie stehen hier im Netz und die gelungenen (fast hätte ich gesagt: roxfrechen) Visualisierungen von Cla Geiser gleich mit.

Ich jedenfalls möchte 2012 an dem Thema „Missionale Gemeinde“ dran bleiben. Neben guten Büchern brauchen wir Gesprächsforen (besser noch: Lern- und Reflexionsgruppen) und gut strukturierte, sinnvoll begleitete Veränderungsprozesse für Gemeinden und Verantwortliche. Das Interesse wächst, aber die eher punktuellen Angebote halten noch nicht mit.

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Denken ist Glaubenssache

Ich arbeite mich derzeit durch das ungemein interessante Buch The Master and His Emissary von Iain McGilchrist. Er geht den Grundlagen menschlichen Denkens, Erkennens und Verhaltens nach und verbindet Neurowissenschaften mit Kulturtheorie.

Denken beruht im Wesentlichen auf dem Sprachvermögen, und hier geht es neben Wortschatz und Grammatik auch um die Frage von metaphorischem Reden und Denken. Aller Erfahrung, sagt McGilchrist, ist Erfahrung von Differenz, und alles Wissen (da verweist er auf Gregory Bateson) beruht auf Unterscheidung. Bei Wissen und Wahrnehmung geht es also immer um Beziehungen zwischen Dingen, und vielleicht gilt dies für jegliche Form von Existenz, wie manche Aspekte der Quantenphysik nahelegen.

Jedes Ding ändert sich daher, wenn sich sein Kontext ändert. Wenn wir etwas betrachten, dann geschieht dies im Blick auf Ähnlichkeiten und Unterschiede zu anderen Dingen. Je nachdem, womit man etwas nun vergleicht, treten bestimmte Aspekte hervor und andere zurück. Das Modell, das unserer Auffassung zugrunde liegt, bestimmt, was uns auffällt. McGilchrist schreibt:

Wenn es der Fall ist, dass unser Verstehen eine Wirkung der Metaphern ist, die wir verwenden, dann gilt ebenso, dass es ihre Ursache ist: unser Verstehen bestimmt die Auswahl einer Metapher, anhand derer wir es verstehen. Die gewählte Metapher ist sowohl Ursache als auch Wirkung der Beziehung. Daher offenbart sich, wie wir über uns selbst und unser Verhältnis zur Welt denken, schon in den Metaphern, die wir unbewusst wählen, um darüber zu sprechen. Diese Entscheidung verfestigt unsere Teilansicht des Themas weiter. Paradoxerweise scheinen wir genötigt, etwas – einschließlich unserer Selbst – gut genug zu verstehen, um das angemessene Modell zu wählen, bevor wir es verstehen können. Unser erster Sprung bestimmt, wo wir landen.

Jedem Erkennen geht also ein mehr oder weniger geglückter intuitiver Sprung voraus, der sich nicht umgehen lässt. Als besonders fatal erweist sich dies im (Wissenschafts-)Positivismus, der in seinem Beharren auf „Tatsachen“ stets mechanistische Metaphern verwendet und auch gar keine anderen versteht. Freilich gibt es auch analoge Engführungen in der Theologie und anderen Wissenschaften. McGilchrist hält diese Verarmung für schwerwiegend.

Dieser Mangel macht übrigens einen guten Teil der Frustration aus, die man erlebt, wenn man zum Beispiel die spannende und unterhaltsame Diskussion in Gott – wo steckst Du? zwischen Harald Lesch, Manfred Spitzer und Gunkl verfolgt, wo letzterer immer wieder deutlich hinter dem Einfallsreichtum seiner Gesprächspartner zurückbleibt und sich auf Karikaturen und Polemik beschränken muss.

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Ein menschlicher Präsident, mit Fehlern und Schwächen, der nicht an Rücktritt denkt…

… der unbequem sein kann, Klartext redet und sich wann immer nötig auch unerschrocken mit der Medienmeute anlegt, der seiner Aufgabe mit Leidenschaft nachkommt, sich auch seiner Tränen nicht schämt, der im Stillen großzügig sein kann und ohne den hier definitiv etwas fehlen würde

… feiert heute seinen 60. Geburtstag.

Herzlichen Glückwunsch, Uli Hoeneß!

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Auf Abrahams Spuren

William Ury ist Anthropologe und Experte in Sachen Frieden und Versöhnung. In diesem TED-Video beschreibt er neben ein paar wichtigen Grundsätzen zur Konfliktbewältigung vor allem ein konkretes Projekt: The Abraham Path, eine Art Pilgerreise auf Abrahams Spuren, bei der sich Menschen verschiedener Ethnien und Religionen begegnen, Gastfreundschaft erfahren und Seite an Seite gehen.

Der syrische Teil der Route dürfte momentan nicht zugänglich sein, aber es bleiben ja noch viele andere Abschnitte auf der Route von Ur nach Be’er Sheva.

William Ury on TED from Ting Wu on Vimeo.

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Vorerst gescheiter

Passend zu den Themen dieses Tages las ich heute bei Miroslav Volf in Exclusion and Embrace:

„»Das habe ich getan«, sagt mein Gedächtnis. »Das kann ich nicht getan haben« – sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich – gibt das Gedächtnis nach.“ (Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, 4. Hauptstück, 68).

In der Frage nach der Wahrheit steht jedoch nicht nur unser Stolz auf dem Spiel, sondern unsere Macht. Indem wir uns die Vergangenheit in Erinnerung rufen, rangeln wir um eine Position. Je verbissener der Kampf, desto weniger werden wir bereit sein, irgendeine Aussage zu akzeptieren, die unsere Macht in Frage stellt.

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Saulus/Paulus

Zugegeben, das ist eben so eine Redeweise im Deutschen. Heute las ich sie in den Vorgaben zum Auftakt der Allianz-Gebetswoche, da lautete das so:

Ein Saulus wurde durch die Begegnung mit dem Auferstandenen zu einem Paulus, zu einer radikal veränderten und verwandelten Person.

Tatsächlich (und das weiß natürlich auch der Herausgeberkreis dieser Arbeitshilfe) ist Paulus zum neuen Anfangsbuchstaben nicht durch seine dramatische Bekehrung gekommen, sondern dadurch, dass seine Mission ihn weg aus dem hebräisch-aramäischen Sprachraum in die Welt der griechischen Oikumene führte.

Also muss man entweder sagen, dass der „neue Name“ nichts mit der Veränderung der Person zu tun hat (oder nur mittelbar). Nicht das Damaskuserlebnis, sondern die Aussendung aus Antiochia zur Mission (Apg 13,9) unter den „Heiden“ markiert die Wende. Pointiert gesagt: Nicht Gott macht den Saulus zum Paulus, sondern Lukas.

Man könnte aber auch darüber nachdenken, ob nicht eine „Bekehrung“ im Sinne eines (so wird der Begriff heute oft verwendet) Wechsels bestimmter religiöser Überzeugungen der entscheidende Wandel war, sondern ob das konkrete sich-in-Bewegung-setzen und die folgenreiche Begegnung mit der damaligen Weltkultur das eigentlich Interessante darstellt.

Anders gefragt: Wäre Paulus ein (gewiss christlich-frommer, aber unbeweglicher) Saulus geblieben, wo wären wir heute?

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Bildung neu denken

Sir Ken Robinson analysiert die (geschichtlich bedingten) Schwächen unserer Bildungssysteme und wirft einige sehr grundsätzliche und gute Fragen zum Thema Bildung auf. Antworten deutet er hier leider nur an, aber dennoch ist es sehr anregend, was er zu sagen hat.

Warum das Thema sich wichtig ist, zeigt aktuell auch dieses Interview aus Zeit Online über jugendliche „Bildungsverlierer“…

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Ein schwarzes Jahr für die Bildung

In den letzten Wochen hat mich das Thema Bildung schwer beschäftigt. Einerseits stand ich als Dozent vor der Aufgabe, eine Gruppe Studenten in Zürich in drei Tagen an die alte Kirche und das frühe Mittelalter heranzuführen: Was kann man da voraussetzen und erwarten, was nicht? Andererseits bekomme ich als Vater einer Studentin (an einer Uni, an der auf Jahre hinaus Chaos herrschen wird durch Doppelabitur und das gleichzeitige, ebenfalls von einem CSU-Mann eingeleitete, Ende der Wehrpflicht) und zweier Schüler der G8-Oberstufe (demnächst dann vielleicht an einer Uni, an der weiter der Doppelwahnsinn tobt) auch genug von der anderen Seite mit. Und über die Verhältnisse an den Grundschulen informiert mich meine Frau.

Am Ende des Jahres 2011 bin ich zu dem Schluss gekommen, dass konservative Bildungspolitik knallharte Klientelpolitik ist – für ein bürgerliches Milieu, das den sozialen Abstieg fürchten muss und sich nach unten abschotten möchte. Da die Unterschicht ohnehin nicht wählen geht, kann man sich das in Bayern leisten. Wollte man wirklich etwas anderes, dann hätte man längst mehr Lehrer eingestellt, die Klassen verkleinert, die Stellen für Sozialarbeiter und Schulpsychologen aufgestockt und deutlich mehr Hilfen und Förderprogramme installiert, damit auch Kinder, die von den Eltern nicht gefördert werden (können?), eine Chance haben.

Aber die sollen sie nicht bekommen, sondern irgendwie von Billigjobs und Hartz IV leben und „Unterschichtenfernsehen“ gucken. Es ist wie im 19. Jahrhundert: das aufstiegsorientierte Bürgertum passt sich nach oben an (diesmal an den Geldadel) und macht nach unten dicht, statt sich zu solidarisieren und den egozentrischen Eliten einzuheizen. Daher fallen die Proteste so zaghaft aus, obwohl längst die OECD Deutschland nicht nur für die soziale Spaltung, sondern auch für die dürftigen Investitionen in die Zukunft unserer Kinder rügt. Wie schnell man, wenn man nur will, ein paar Milliarden locker macht, haben wir bei der Bayern-LB gesehen. Da nämlich hatten die schwarzen Eminenzen ein sehr lebhaftes Interesse an schneller Abhilfe…

Dieter Timmermann, der neue Präsident des Deutschen Studentenwerks, kommentierte die Lage jüngst so:

Wollte Deutschland in etwa den gleichen Anteil des Bruttoinlandsprodukts für die Finanzierung seines Hochschulsystems bereitstellen wie die skandinavischen Länder, müsste das Ausgabenniveau dauerhaft um mindestens 50 % steigen. Hinzu kommen die anstehenden Mehrausgaben für den Ausbau der Vorschulerziehung für die unter Dreijährigen und für den notwendigen flächendeckenden Ausbau der Halbtags- zu Ganztagsschulen. Außerdem hinkt Deutschland bei den Ausgaben für das lebenslange Lernen hinterher.

Wir brauchen ganz dringend einen echten Politikwechsel. Und am Thema Bildung werde ich 2012 dran bleiben.

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Festtagslaune

Gestern im Restaurant las ich den folgenden bemerkenswerten Aushang:

An den Feiertagen haben wir wie folgt geöffnet:

24./25./26.12. und 31.12./1.1. geschlossen

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Verwirrter Engel

Da war er, wie alle Jahre, wieder: dieser unsägliche Spruch des Angelus Silesius, diesmal in einer Facebook-Statuszeile, „und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du wärst doch ewiglich verloren“. Gewiss gut gemeint, vielleicht ein etwas missglücktes Echo auf Johannes 1,12 im Jargon der Mystik, da redet man eben von der Geburt des Erlösers auf dem Grund der eigenen „Seele“. Was mich trotzdem daran stört?

Erstens die implizite Drohung der ewigen Verlorenheit – die fehlt in der Weihnachtsgeschichte komplett (und selbst die Liedzeile „Welt ging verloren“ meint noch etwas anderes als das). Der Engel spricht vom „ganzen Volk“, dem die Freude gilt, nicht nur denen, die sich das Ereignis in einem noch ausstehenden zweiten Schritt irgendwie aneignen oder eine mystische Erleuchtung erfahren.

Zweitens das Ausspielen äußerer (sozialer und geschichtlicher) Wirklichkeit, auf das die Texte der Weihnachtsgeschichten ja so großen Wert legen, gegen eine innere, die in einem Verhältnis von mehr als 1000:1 im Sinne der inneren Realität steht. Ist es denn wirklich völlig egal, was außen passiert ist, so lange das innen keine Entsprechung findet? Mag sein, dass so ein Satz den Zeitgenossen der schlesischen Engels noch etwas zu sagen hatte, heute in einem zunehmend narzisstischen und geschichtsvergessenen Umfeld, von dem Richard Sennett schon vor Jahren sagte, alles Äußere und Soziale werde ausgehöhlt und nur das zähle, was man als „relevant“ empfinde, ist es schwerlich noch sinnvoll, so zu reden. Warum soll ein Ereignis vor 2000 Jahren für mich heute irgendetwas bedeuten? In der Logik des Angelus Silesius lässt sich das jedenfalls kaum darstellen.

Drittens fehlt die Vorstellung von der „Herzensgeburt“ des Retters aus gutem Grund in den biblischen Schriften. Das Äußere, Geschichtliche und damit eben auch das Soziale – in dem Sinn, dass ich mir diese Botschaft nicht selbst sagen kann, sondern sie von einem, meist ja sogar mehreren Mitmenschen hören muss, und dass sie mich wiederum meinen Mitmenschen gegenüber verpflichtet – ist das Primäre, und eben nicht das Nachgeordnete: Wäre Christus tausendmal in meiner Seele geboren und nicht in Bethlehem, dann hätte das keinerlei Bedeutung für irgendwen auf diesem Planeten. Ich wäre allenfalls ein Freund gnostisch-eskapistischer Spekulationen. Und ich bräuchte niemand anderen außer mich selbst dafür!

Lesslie Newbigin hat all das an Silesius‘ in The Gospel in a Pluralist Society schon vor gut zwei Jahrzehnten kritisiert. Der „Pietist“ würde wie jeder Hindu „die lebendige Beziehung zu Gott“ (im Sinne einer gegenwärtigen, inneren Angelegenheit) als das Eigentliche betrachten und sie vom Geschichtlichen (bzw. dessen mühsamer Erörterung und Interpretation) abkoppeln. Man zieht die mystische Unmittelbarkeit Gott gegenüber der geschichtlichen Vermittlung vor – und gibt dabei den Bezug des Glaubens zur Welt der Geschichte, der Kulturen, der Politik und damit auch unseres konkreten Alltags insgeheim preis.

Ich finde, wer nächstes Weihnachten wieder Silesius zitiert, sollte 1.001 Euro ins Phrasenschwein zahlen oder – besser noch – Newbigins Buch auswendig lernen müssen.

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Wie sich „christliche“ Politik unglaubwürdig macht

Alexander Jungkunz hat heute in einem Kommentar der Nürnberger Nachrichten anlässlich des Anschlags in Nigeria auf das Problem der verfolgten Christen hingewiesen. In über 50 Staaten weltweit müssen Christen mit Unterdrückung und Gewalt rechnen. Aus ökonomischen Erwägungen fällt der politische Protest an dieser Stelle oft aus, schreibt Jungkunz und kritisiert dann vor allem die rigide Asylpolitik ausgerechnet der C-Parteien, die Glaubensflüchtlingen bei uns das Leben schwer bis unmöglich macht. Wenn man an den Zuständen anderswo schon nicht direkt etwas ändern kann, dann muss man wenigstens hier sein Möglichstes tun.

In die gleich Kerbe schlägt heute Diakoniepräsident Bammessel, der ebenfalls die Flüchtlingspolitik der schwarz(gelb)en Staatsregierung kritisiert, die zu unhaltbaren Zuständen führt. Die Stadt Erlangen passt so gesehen leider bestens ins düstere Bild, weil hier seit Jahren die ohnehin schon die harten Vorgaben des Landespolitik konsequent zu Ungunsten Betroffener ausgelegt werden. Das Thema wird im neuen Jahr den Stadtrat weiter beschäftigen. Für eine Kommune, die sich als „offen aus Tradition“ bezeichnet, ist das kein Glanzstück, zumal die Stadtverwaltung auf die Kritik der Verbände bislang sehr defensiv reagiert.

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