„Es steht geschrieben…“

Iain McGilchrist berichtet in The Master and His Emissary von einem interessanten Experiment. Probanden wurden mit einem falschen Syllogismus konfrontiert, zum Beispiel:

  • Grundprämisse: Alle Affen klettern auf Bäume.
  • Nebenprämisse: Das Stachelschwein ist ein Affe.
  • Folgerung: Stachelschweine klettern auf Bäume.

Normale Probanden erkennen den Fehler in der zweiten Annahme. Wurde aber während des Versuchs die rechte Hemisphäre des Gehirns deaktiviert, hielt dieselbe Versuchsperson den Schluss für korrekt. Auf die Frage des Versuchsleiters, ob das Stachelschwein denn tatsächlich ein Affe sei, antworteten die Probanden mit nein – das Stachelschwein sei kein Affe. Dennoch stimmten sie der Schlussfolgerung beim nächsten Mal, als sie mit ihr konfrontiert wurden, wieder zu. Als Begründung gaben sie an: „Das steht da so“. Hatte man umgekehrt bei derselben Testperson die linke Hemisphäre deaktiviert, erkannte die rechte den Fehler sofort.

Für McGilchrist zeigt das Experiment anschaulich, dass das formallogische Denken die Tendenz hat, sich zu verselbständigen und den Bezug zur konkreten Wirklichkeitserfahrung zu verlieren. Es bildet ein geschlossenes System von Zeichen, das nur im Blick auf sich selbst stimmig ist, aber nicht mehr mit Außenwelt und deren Erfahrung richtig eingehen kann.

Man kann mit jedem Text auf der Welt so verfahren. Ab und zu freilich begegnet mir das – sicher berufsbedingt – auch mit Bibellesern. Es gibt eine Art, die Bibel zu lesen, die im Wesentlichen selbstreferenziell funktioniert. Wahr ist, was dort geschrieben steht und zwar einzig und allein, weil es dort geschrieben steht, vermeintlich so und nur so. Wer so tickt, entdeckt meist auch in der Bibel selbst nichts Neues mehr, sondern erkennt, was er schon weiß, und was er (aufgrund seiner Vorprägung) dort zu finden erwartet.

Wenn die Realität sich nun diesen Prämissen nicht fügt, was früher oder später fast immer wieder einmal der Fall ist, wird weder das eigene Vorverständnis noch die generelle Gültigkeit einer bestimmten biblischen Aussage für diesen Fall in Frage gestellt, sondern die Erfahrung als Irrtum zurückgewiesen beziehungsweise schlicht ignoriert. Denn „absolut“ sind unsere Wahrheiten häufig nur so lange, wie sie auf keine irritierende, vieldeutige Erfahrung treffen. Weil aber dieses „Wissen“ immer weniger durch Erfahrung geerdet ist, kann man es anderen auch nur in einer Art „Friß-oder-Stirb“-Manier aufs Auge drücken. Gott zu erkennen funktioniert dann nur, indem man die Augen vor der Welt und ihren Widersprüchen verschließt. Freilich ist das selten im positiven Sinne naives „Gottvertrauen“, als das diese Haltung immer wieder gern hingestellt wird, oft geht es dabei da mehr ums Recht haben oder die Bestätigung der eigenen Prämissen – die nämlich auch nach einem Dreisatz funktionieren: Die Bibel ist Gottes Wort – Gott ist allwissend und wahrhaftig – alles, was in der Bibel steht, ist absolut wahr. Dazu gesellt sich dann oft noch die etwas zwanghafte, angsterzeugende Schlussfolgerung: Wer die Bibel kritisch liest (und zwar ganz egal welche Aussage er im einzelnen hinterfragt!), misstraut Gott und macht sich zum Richter über ihn – der Urimpuls des Sündenfalls quasi. Und mit dem Einsetzen der Angst erstarrt die Fähigkeit, in der Bibel ein lebendiges Buch zu sehen und mit ihr in all ihren Schärfen und Unschärfen lebendig auseinanderzusetzen.

Freilich hat man denselben Fehler auch umgekehrt gemacht und viele biblische Inhalte zu bloßen „Fabeln“ erklärt, weil sie sich einem reduktionistischen Rationalismus widersetzten und dessen materialistische und szientistische Grundannahmen erschüttern, wie ein Blick auf die plumpe „Wunderkritik“ im 18. und 19. Jahrhundert zeigt, deren Vertreter meinten, das mechanische Uhrwerk des Newton’schen Universums sei die einzig gültige Realität. Richard Rohr würde das eine wie das andere als „dualistisches Denken“ bezeichnen.

Wer also die Bibel (und alles andere) mit eingeschalteter rechter Hirnhälfte und mit wachem Geist liest – potenziell sind das wir alle – der findet in ihr immer wieder Sätze und Erfahrungen, die ihn einen neuen Blick auf die Welt und das Leben, also auch neue, unerwartete Erfahrungen ermöglichen. Er findet Horizonterweiterungen statt Scheuklappen, sieht genauer hin statt die Augen zu verschließen, und erliegt nicht dem Irrtum, dass man nur durch den Rückzug auf den Buchstaben der Schrift schon gegen Irrtümer abgesichert wäre. Und plötzlich erkennt man Gottes Handschrift in den alltäglichen und natürlichen Dingen, in den Worten und Gedanken anderer Menschen und sogar in eigenen Erlebnissen und Einsichten. Das stelle ich mir unter Weisheit und einem gesunden, nichtdualen kritischen Bewusstsein vor.

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Warum Genugtuung nicht mehr genügt

In den letzten Jahren gab es immer wieder erbitterte Auseinandersetzungen über die Interpretation des Kreuzestodes Jesu. Einzelne soteriologische Konstrukte standen dabei in der Kritik, besonders der Gedanke des Sühnopfers und der Satisfaktion. Für die einen steht und fällt der Glaube mit diesen Vorstellungen, für die anderen sind sie unerträglich.

Theodore W. Jennings hat mit Transforming Atonement. A Political Theology of the Cross ein paar interessante Gedanken ins Spiel gebracht: Die gängigen Metaphern, die das Kreuz erklärten, sind aus seiner Sicht ungemein erfolgreich gewesen. So erfolgreich, dass sie den Zusammenhang, aus dem sie ursprünglich stammen, fast völlig gesprengt und aufgelöst haben.

Der Opfergedanke, für Juden und Griechen im ersten Jahrhundert noch ein alltägliches Erlebnis, wird etwa im Hebräerbrief herangezogen. Obwohl Jesus nach einem politischen Prozess exekutiert wurde, wird sein Tod als „Opfer“ verstanden. Zugleich wird deutlich, dass dieses eine Opfer das Verhältnis von Gott und Menschheit ein für allemal verändert. In der Folgezeit hat die Ausbreitung des Christentums, indem es keine blutigen Opfer mehr zuließ, dafür gesorgt, dass uns dieser Gedanke inzwischen völlig fremd geworden ist. Unglücklicherweise strotzen unsere alten (und leider auch viele der neuen) Kirchenlieder von eben dieser Begrifflichkeit.

Der Gedanke vom Triumph Gottes über die dämonischen Mächte, der in der alten Kirche eine große Rolle spielte und auf den Dualismus persisch-parthischer Herkunft anspielt, wo gute und böse Gottheiten sich einen Krieg lieferten, ist inzwischen weithin aus unserem alltäglichen Weltbild verschwunden, und von Teufel und Dämonen ist (außerhalb gewisser frommer Subkulturen) heute nur noch in dem Sinne die Rede, dass sie entmachtet sind. Den alten Dualismus (den es bei Marcion und den Manichäern noch gab) kennt heute kaum noch jemand.

Und von Satisfaktion (Anselm von Canterburys genialem Entwurf fürs feudale Hochmittelalter reden wir heute kaum mehr, weil nicht zuletzt das Christentum den Ehrbegriff und das Fehdewesen von damals effektiv überwunden hat. Heutige Versuche, Sünde als todeswürdige Majestätsbeleidigung darzustellen, lösen bei unseren Zeitgenossen verständlicherweise nur Kopfschütteln und Empörung aus.

Diese Modelle hatten ihre Zeit und ihren Sinn. Aber sie ist vorbei und kommt nicht mehr zurück. Sie haben ihren geschichtlichen Wert, aber kaum noch einen aktuellen. Und sie sind nicht „die Wahrheit“, sondern Modelle. Bei einem Modell kommt es darauf an, dass es wirkungsvoll erhellt, was es erklären soll. Wenn das nicht mehr gelingt, muss man (wie Anselm) neue Modelle finden. Der Streit um ihre Wahrheit (oder ob das „biblisch“ ist) ist also irrelevant, es geht vielmehr um die Zweckmäßigkeit solcher Bilder und Vergleiche.

Jennings weist auch noch darauf hin, dass diese Modelle eine gemeinsame Schwäche hatten, weil sie der Tendenz der altkirchlichen Theologie folgten, das Ereignis des Kreuzes vom Leben und der Verkündigung Jesu wie auch von den konkreten Umständen seines Todes durch das Urteil des römischen Statthalters und die Hand seiner Schergen immer mehr abzukoppeln. Das Kreuz wurde – ob bewusst oder nicht – damit auch entpolitisiert.

Wenn wir also heute fragen, warum Jesus so starb, wie er starb, und wozu das gut sein könnte, dann müssen wir das Kreuz wieder in den weiteren Zusammenhang der Evangelien stellen – und darüber hinaus danach fragen, welche Folgen dieser Weg Jesu für seine Nachfolger haben sollte (bei Jennings habe ich leider keinen Hinweis auf Tom Wright gefunden, der ja viel in dieser Richtung gearbeitet hat).

Eine schöne theologische Aufgabenstellung für die Passionszeit, finde ich.

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Lässt Gott sich studieren?

Das IGW wirbt seit einer Weile mit dem Slogan „Ich studiere Gott“. Dass man über diesen Satz stolpert, ist natürlich gewollt, so funktioniert gute Werbung. Vermutlich soll er sagen, dass das Studium beim IGW vergleichsweise unkonventionell ist und weniger „theoretisch“ als anderswo. Man kann ihn freilich auch so verstehen, als würde dahinter der Anspruch stehen, hier etwas in Reinform vermittelt zu bekommen, was andere nur als x-ten Aufguss servieren: Die einen studieren „Gott“, andere bloß Theologie. Hier das Original, das der müde Abklatsch.

Die Frage nach der Wahrheit dieses Satzes bleibt so oder so: Lässt Gott sich studieren? Und wenn ja, wie würde so etwas aussehen?

Studieren bedeutet im Lateinischen, nach etwas zu streben oder sich um etwas zu bemühen. Im Deutschen – und das ist hier ausschlaggebend – bedeutet Studieren das wissenschaftliche Lernen und Forschen in einem bestimmten Wissensbereich. Es geht um einen diskursiven und methodisch reflektierten Weg zu einem tieferen Verständnis eines Gegenstands, den man durch möglichst genaue Beobachtung und Untersuchung besser verstehen will. Wissenschaftliches Arbeiten, das weiß auch das IGW, orientiert sich an bestimmten Standards von Rationalität, dafür gibt es dann auch akademische Abschlüsse.

Nun ist – und hier droht der Slogan eben Missverständnisse zu erzeugen – Gott gerade kein Gegenstand, der sich beliebig beobachten und erfassen lässt, sondern ein personales Wesen (und selbst bei diesen Begriffen spürt man schon, wie unsere sprachlichen Kategorien zu versagen drohen), das sich offenbaren muss, damit es erkannt werden kann. So, wie wir einen anderen Menschen auch erst dann kennenlernen, wenn er sich uns mitteilt (und uns dabei nichts vormacht). Man muss ihm irgendwie begegnen. Wann, wo und in welcher Form Gott uns begegnet, lässt sich leider gar nicht planen und systematisieren. Gott bleibt frei, Offenbarung ein wunderbares Geschenk (und ja, manchmal auch eine Last oder ein Erschrecken).

Aber oft – meistens sogar – passieren diese Begegnungen gänzlich unerwartet. Was ein „Studium“ dazu beiträgt, lässt sich also kaum vermessen: Statt in einem IGW-Kurs zu sitzen, könnte man auch verschiedenste geistliche Übungen machen, am Bett eines Kranken oder Sterbenden sitzen, oder auf die Oberfläche eines Gletschersees schauen. Augustinus hört Gott in einem Kindervers sprechen, Franziskus begegnet Christus in einem Aussätzigen, Abraham beim Blick an den Sternenhimmel und Jakob beim Ringkampf.

Was ein Studiengang leisten kann, ist, dass man eigene Erfahrungen der Offenbarung Gottes (die werden also notgedrungen vorausgesetzt) beschreibt und reflektiert, sie mit den Erfahrungen und Gedanken anderer Menschen (der VerfasserInnen des Alten und Neuen Testaments, heutiger und früherer TheologInnen) vergleicht und daraus eine zusammenhängende Perspektive auf unsere Welt und unser Leben im indirekten Lichte der Offenbarung Gottes entwickelt. Und sich dabei zugleich bewusst macht, dass unser Nichtwissen (sprich: unsere offenen Fragen) proportional mit dem Wissen zunimmt.

Ein gutes Studium wird auch immer die Sehnsucht nach Gott und die Offenheit für Gottesbegegnungen fördern, aber sie nicht verwechseln mit den Zeugnissen von solchen Begegnungen, die uns notwendigerweise nur in versprachlichter – und damit immer auch schon im Rahmen einer bestimmten Kultur und Tradition interpretierter – Form zugänglich sind. Als solche lassen sie sich allerdings tatsächlich studieren, und ein solches Studium kann gewinnbringend und sinnvoll sein.

Ließe Gott sich „studieren“, dann stellte sich sofort die Frage, ob Intellektuelle (oder wer sich das Studium finanziell leisten kann) nicht gegenüber den „Normalos“ im Vorteil sind. Um ihn jedoch im gängigen Sinn des Wortes studieren zu können, müsste man ihn irgendwie „Schauen“ oder unmittelbar bzw. direkt erkennen können, und genau das verneint das Christentum immer: Wir erkennen in Bruchstücken, wir sehen Gott in einem trüben Spiegel, schreibt Paulus in 1.Korinther 13 – kein Mikroskop, kein Radioteleskop, kein Sonar oder Röntgengerät fängt ihn ein, keine intellektuelle Methode und keine spirituelle „Technik“. Nicht unmittelbar, sondern immer vermittelt: Durch bestimmte Personen, Ereignisse, Worte, die das Ganze nicht weniger real machen, aber eben weniger objektivierbar: Keine „Fakten“, sondern Zeugnisse.

Damit hinkt die Theologie anderen Wissenschaften nicht einmal hinterher, sondern sie ist manchen in ihrer Bescheidenheit und dem Bemühen, nicht zu viel „wissen“ zu wollen und zu versprechen, auch ebenbürtig – und gelegentlich sogar einen Schritt voraus, denn auch in anderen Disziplinen ist Erkennen merkwürdig indirekt und alles vermeintlich gesicherte Wissen immer von Zweifel und Fragen umgeben. Wenn ein Studium das vermittelt und zur existenziellen Suche nach Gott ermuntert, dann kann man es doch eigentlich nur empfehlen.

Und nicht zuletzt werden solche in Bescheidenheit gebildeten Theologen dann Gotteserfahrungen anderer auch nicht herablassend kommentieren oder korrigieren, sondern zu einem fruchtbaren Gespräch über den Glauben beitragen. Gott zu lieben und ihm zu vertrauen ist die Sache aller Christen, egal ob und was sie studiert haben. Übernächste Woche bin ich selbst (daher beschäftigt mich das Ganze) beim IGW in Zürich. „Gott“ werde ich da leider kaum unterrichten können, aber dafür ein paar Jahrhunderte Kirchengeschichte.

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Zwischen Apathie und Alarm

In der Passionszeit erinnern wir uns an das Leiden des Messias. Und damit auch an das Leiden derer, die sich mit den Opfern von Gewalt, Ausbeutung und Unterdrückung solidarisieren und so selbst zur Zielscheibe von Gewalt werden, weil sie an eine bessere Welt und an eine höhere Gerechtigkeit glauben. Solche Menschen nennt man – auch wenn verschiedentlich Selbstmordattentäter den Begriff pervertieren wollen – Märtyrer: Menschen, die ihre Überzeugungen gewaltfrei, zugleich aber so aktiv und beharrlich vertreten, dass sie dafür angegriffen werden.

Nun werden auch Christen in etlichen Ländern verfolgt oder gewaltsam unterdrückt. Über Hintergründe und Ausmaße gibt es unterschiedliche Einschätzungen. So hat vor kurzem das Publik Forum die Organisation Open Doors als „alarmistisch“ kritisiert, weil die Zahl von 100 Millionen verfolgten Christen übertrieben sei. US-amerikanische Organisationen aus dem evangelikalen Spektrum, so die Kritik weiter, reden schon einmal von 200 Millionen. In der Tat nannten nicht nur Evangelikale solche Hausnummern, sondern auch Katholiken – und die beriefen sich dabei auf den britischen Geheimdienst MI6.

Interessanter ist vielleicht, was der Artikel über den Konflikt in Nigeria berichtet, der auch bei uns für Aufsehen gesorgt hat. Es geht dabei nicht um einen Religionskrieg. Vielmehr ist es so,

dass der Erzbischof von Jos und zweite Vorsitzende der Bischofskonferenz, Ignatius Kaigama, sein junger Nachbarbischof von Maiduguri, Oliver Dache Dome, und viele andere Oberhirten mit beeindruckender analytischer Klarheit deutlich machen, dass das Wesen der Konflikte nicht eine Feindschaft zwischen den Religionen sei. Erfreulicherweise agierten führende Muslime ähnlich aufklärerisch, besonders Nigerias oberster Muslim, der Sultan von Sokoto.

Neben der Dramatisierung solcher Ereignisse kritisieren die kirchlichen Hilfswerke auch die mangelnde Umsicht mancher Missionare oder Organisationen in islamischen Ländern, deren – so die Kritik – kleine Erfolge anderen große Probleme machen können. Ganz am Ende dann stellt der Bericht fest:

Am härtesten verfolgt werden derzeit weltweit Nichtchristen: Schiiten, Aleviten und die Bahai’s. Verfolgt werden sie zumeist von sunnitischen Muslimen.

Es ist gut und nötig, dass unser Staat sich für verfolgte Christen einsetzt. Und hoffentlich ebenso für alle anderen, die um ihres Glaubens willen verfolgt werden.

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Niedergang und Neuanfang

Ich habe die Klage von Os Guinness aus Kapstadt (und mein spontanes Befremden darüber) noch gut in Erinnerung: Der Niedergang der Kirchen in Europa sei dem „Liberalismus“ anzukreiden. Theologisch konservative Kirchen dagegen, so hörte man lange Zeit und oft, wiesen überlegenes Wachstum auf.

Nicht mehr, wenn man Diana Butler-Bass‘ Beitrag im Huffpost glauben kann. Dort stellt sie fest, dass die Kirchen in Nordamerika dramatisch schrumpfen und dass der Trend bei konservativen Denominationen wie den Southern Baptists zwar später (so sind Konservative nur einmal…) kam, aber eben doch. Innerhalb einer Generation hat sich der Gottesdienstbesuch in den USA halbiert.

Aber vielleicht hilft die gemeinsame Misere ja, abseits alter Lagerkämpfe neue Wege zu beschreiten. Einzelne Gemeinden, die gegen den Trend wachsen, gibt es eben auch überall. In den Umfragen dreht sich viele um die Begriffe religiös und spirituell. Zwischen 1999 und 2009 fiel die Zahl derer, die sich als „religiös, aber nicht spirituell“ bezeichneten, von 54 auf 9% der Bevölkerung. 30 Prozent bezeichnen sich heute als „spirituell, aber nicht religiös, 48% dagegen als spirituell und religiös“. Darunter lässt sich die Suche nach einer authentischen Glaubensgemeinschaft ohne das Korsett herkömmlicher Institution verstehen.

Ob daraus dann umgehend wieder ein neues geistliches Erwachen resultiert, wie Butler-Bass hofft, das bleibt abzuwarten. Freilich nicht untätig, sondern es ist Zeit zum engagierten Experiment in Sachen postinstitutionelle Gemeindeformen. Meinetwegen gern so postevangelikal wie postliberal.

Nachtrag: Eben lese ich in diesem Bericht aus der Zeit zur Situation der katholischen Kirche aktuelle Zahlen für Deutschland:

Besuchten 1990 noch 21,9 Prozent regelmäßig den Gottesdienst, waren es im Jahr 2010 nur noch 12,6 Prozent.

 

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Der „Mehrwert“ von Kirche für die Gesellschaft

Großbritannien ist die Heimat des aggressiven Säkularismus, der bei uns zwar Bewunderer, aber keine gleichwertigen Vertreter hervorgebracht hat. Ganz anders als der von keine Zweifeln angenagte und alle Zwischentöne scheuende Richard Dawkins kommt die Church of England daher, wie Mary Ann Sieghart im Independent schreibt. Wenn nun ein ehemaliger Pfarrer Bundespräsident wird, lohnt sich der Blick auf die Argumente, warum mehr Kirche auch für ihre gesellschaftlichen Kritiker keine Bedrohung ist.

Man muss nämlich gar kein Christ sein, um deren positiven Beitrag zum öffentlichen Leben zu schätzen, sagt Sieghart: Die verfasste Kirche ist alles andere als eng und rechthaberisch, sie zwingt ihre Glaubensansichten und Lebensweisen niemandem auf und sie hilft Menschen egal welcher Weltanschauung in zahllosen kleinen und großen Projekten.

The Church is the largest voluntary organization in the country, the epitome of the Big Society. And in many rural villages and deprived parts of the inner cities, it is the only institution left. The pubs, the post offices, the shops, the schools, the banks have closed. But most of the churches and their priests remain. Social workers, teachers and doctors may commute into impoverished areas, but the vicar is often the only professional still living in the parish he or she serves. You don’t get more in touch than that.

Dawkins plumpe Polemik, so Peter Popham letzte Woche an gleicher Stelle in einer Abrechnung mit dessen Position, wurde durch den militanten Islamismus nicht nur zum öffentlichen Gesprächsthema, aber sie hat dieselben totalitären Untertöne wie dieser – oder wie andere materialistische Denksysteme des 20. Jahrhunderts, die zum Glück weitgehend überwunden sind:

the fanaticism of the Islamists has provoked an equally intolerant and intemperate reaction from secular and other quarters, with the ban on headscarves in France and on mosque-building in Switzerland and the rabid anti-Islam rhetoric in the Netherlands; while in Britain it has produced a sudden lurch of opinion among our noisiest public intellectuals against any and all religion.

Und dann folgert er, und das trifft sich mit Siegharts Standpunkt oben:

But, stripped of fanaticism and self-righteousness, religious faith can do what secularism cannot: open doors on to areas of human experience – compassion, altruism, serenity, even enlightenment – which have no meaning for the secularists.

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Schweigen und Schauen

Es ist einer unter vielen Berichten dieser Art: Der Zeit-Journalist Wolf Alexander Hanisch zieht sich in ein Kloster zurück, diesmal nicht La Grande Chartreuse, wo Die große Stille aufgenommen wurde, sondern Santa Maria de Poblet in Spanien. Und dort macht er Erfahrungen wie viele andere, die vor ihm die Stille gesucht und einen neuen Kontakt zur Wirklichkeit darin gefunden haben.

Wie er das erlebt, ist trotzdem schön zu lesen. Hier zwei kurze Auszüge:

Das Schweigen, erklärt Prior Lluc, diene jedoch allein dazu, Gott schauen und hören zu können. […]

Spätestens nach vier Tagen merke ich, wie das Routinekorsett meine Gedanken weiter ausschwingen lässt. Wie es mich von den taktischen Wahrheiten des Alltags weglenkt und zum Wesen der Dinge führt. Es sind Momente von distanzloser Klarheit.

In der Abwesenheit von Streulicht beginnt man anders und besser zu sehen. Und so schließt Hanisch mit einer bildhaften Aussage, die unsere Alltagswelt eher pessimistisch darstellt:

Ich starre ins Sternengefunkel und denke an einen bekannten Witz. Ein Mann sucht einen Schlüssel im Laternenschein. Ein zweiter hilft ihm eine Zeit lang und fragt dann, ob er den Schlüssel auch wirklich hier verloren habe. Nein, entgegnet der erste, verloren habe er ihn woanders. Aber hier sei besseres Licht. So kommt mir nun der Mensch dort draußen vor, wo in der Ferne die Windräder blinken. Er sucht sein Glück im Hellen. Doch zu finden gibt es da nichts. Der Schlüssel liegt im Dunkeln.

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Schlüsselfragen

Wir hatten es kürzlich schon von den richtigen oder nicht so richtigen Fragen, auf die das Evangelium eine Antwort gibt (oder eben auch nicht). Im Laufe der Geschichte haben sich diese Fragen immer wieder verändert. Luthers Frage nach dem „gnädigen Gott“ ist heute – sagen wir es vorsichtig – nicht mehr ganz so verbreitet wie im Spätmittelalter. Gottes Ferne und Abwesenheit ist vielleicht eher das Thema als sein Zorn.

Auf der anderen Seite ist das Evangelium eben kaum noch als „gute Botschaft“ zu verstehen, wenn es nicht auf die entscheidenden Fragen antwortet. Dabei geht es für die meisten Menschen um mehr als das persönliche Glück, um einen weiteren Horizont der Hoffnung also. Im Zeitalter der globalen Risikogesellschaft würde ich das – stark verkürzt – so zusammenfassen:

Wie kann diese gefährdete und gefährliche Welt heil werden – und wir in ihr?

Ein Evangelium, das nur individuelles Glück für wenige verspricht und dessen Eskapismus das Heil der gesamten Welt ausblendet, ist keine gute Botschaft, sondern nur eine in frommes Vokabular verpackte und leicht vergeistigte Version desselben handfesten Egoismus, der unsere Konsumkultur an den Rand des Abgrunds und gebracht hat und der den Anderen und alles Fremde als Bedrohung empfindet, die ausgelöscht werden muss.

Andererseits: Ein Evangelium der totalen Selbstaufopferung und des Verlusts jeglicher Individualität im Überlebenskampf der Menschheit oder Natur mit ungewissem Ausgang ist auch noch keine gute Botschaft. Und der falsche Trost von einer ohne Gott immer schon heilen Welt klingt auch schal.

Das biblische Evangelium spricht von Gott, der sich einmischt und selbst zum Verlierer wird, um alle zu gewinnen. Das ist die gute Botschaft – die alte Ordnung von Siegern und Verlieren, das System des gnadenlosen Wettlaufs und Konkurrenzkampfs wird auf den Kopf gestellt. Und wer gewonnen wurde, kann im Chaos der Geschichte alles riskieren, um andere zu gewinnen und – egal wie vorläufig und unvollkommen – Heilung weiterzutragen. Heilung für die Kranken und Leidenden. Heilung für die Wunden der ausgebeuteten Schöpfung. Heilung für die Systeme und Ordnungen unseres Zusammenlebens.

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Denkpause

Dunkle Wolken treiben über das Land und werfen eilig noch ihren Schnee ab, bevor sie die Grenze nach Tschechien überqueren. Der Wind hat aufgefrischt, die Straßen sind leer, die Deutschen bleiben zu Hause. In einer kopflosen Republik ohne schützendes Oberhaupt kann man ja nie wissen, wie lange Frieden und Wohlstand noch halten. Wer unbedingt vor die Tür muss, verkleidet sich derzeit sicherheitshalber.

Denkpausen können ja ein Segen sein. Schauen wir doch zur Abwechslung nach Kopenhagen, wo eine veritable Königin regiert und statt einer ratlosen Kanzlerin und einer Bundesversammlung mit schwankenden Mehrheiten die schlichte alte Erbfolge für Kontinuität sorgt.

Und da lesen wir spannende Dinge. Zum Beispiel über den zukunftsweisenden Stadtverkehr in Kopenhagen:

Mehr als die Hälfte der Einwohner fährt mit dem Rad zur Arbeit oder Schule. Bei den Pendlern, die aus dem Umland in die Stadt fahren, liegt die Quote bei 37 Prozent. Bis 2015 soll sie auf 50 Prozent steigen.

55% der Kopenhagener radeln, und zwar nicht aus Idealismus, sondern aus ganz praktischen Gründen: es ist einfach schneller. Aus dem Verkehrsamt heißt es dazu, dass man den Autos Flächen wegnehmen muss. Etwa, indem man Parkplätze in Radwege umwandelt oder Ampelschaltungen so taktet, dass man als Radfahrer mit Tempo 20 grüne Welle hat.

Wenn wir uns eines Tages wieder, gnädig behütet vom präsidialen Wemauchimmer, wieder ins Freie hinauswagen können, dann würde ich solche Dinge auch gern in Erlangen sehen und nicht nach Kopenhagen müssen.

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Zurück treten

Es hilft dann und wann zurückzutreten und die Dinge aus der Entfernung zu betrachten.

Das Reich Gottes ist nicht nur jenseits unserer Bemühungen. Es ist auch jenseits unseres Sehvermögens.

Wir vollbringen in unserer Lebenszeit lediglich einen winzigen Bruchteil jenes großartigen Unternehmens, das Gottes Werk ist.

Nichts, was wir tun, ist vollkommen.

Dies ist eine andere Weise zu sagen, dass das Reich Gottes über uns hinausgeht.

Kein Vortrag sagt alles, was gesagt werden könnte. Kein Gebet drückt vollständig unseren Glauben aus. Kein Programm führt die Sendung der Kirche zu Ende. Keine Zielsetzung beinhaltet alles und jedes.

Dies ist unsere Situation.

Wir bringen das Saatgut in die Erde, das eines Tages aufbrechen und wachsen wird.

Wir begießen die Keime, die schon gepflanzt sind in der Gewissheit, dass sie eine weitere Verheißung in sich bergen.

Wir bauen Fundamente, die auf weiteren Ausbau angelegt sind.

Wir können nicht alles tun. Es ist ein befreiendes Gefühl, wenn uns dies zu Bewusstsein kommt.

Es macht uns fähig, etwas zu tun und es sehr gut zu tun.

Es mag unvollkommen sein, aber es ist ein Beginn, ein Schritt auf dem Weg, eine Gelegenheit für Gottes Gnade, ins Spiel zu kommen und den Rest zu tun.

Wir mögen nie das Endergebnis zu sehen bekommen, doch das ist der Unterschied zwischen Baumeister und Arbeiter.

Wir sind Arbeiter, keine Baumeister. Wir sind Diener, keine Erlöser.

Wir sind Propheten einer Zukunft, die uns nicht allein gehört.

Oscar A. Romero, † 1980 (via MinEmergent, deutsch hier gefunden)

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Heilsamer Perspektivwechsel

Der Wiener Theologe Paul Zulehner spricht (unter anderem hier) von einem Perspektivwechsel, der im katholischen Bereich mit den zweiten vatikanischen Konzil eingesetzt hat. Und wir können sagen, dass er auch in Teilen der evangelischen Theologie ähnlich anzutreffen ist und einen dritten Weg zwischen starrem Dogmatismus und der gelegentlich auch kritisierten Selbstsäkularisierung darstellt. Er findet derzeit (freilich: ein paar Jahrzehnte nach dem II. Vaticanum) beispielsweise auch unter Evangelikalen in den USA statt durch Leute wie Rob Bell, hier bei uns lief und läuft das in mehreren Schüben, denke ich.

Es ist die Abkehr von einem Heilspessimismus, von einem moralisierenden Sündenverständnis, von einem Kirchenbegriff, der Gottes Heil auf Insider und Linientreue begrenzt und von einem Missionsverständnis, das primär von Angst vor Strafe und den dazugehörigen Höllenvisionen getrieben wird. Ich habe das hier ja schon gelegentlich angerissen.

Der Ansatzpunkt der Theologie, das Urdatum des Evangeliums, ist nun nicht mehr die Katastrophe des Gefallenseins und die (unbestrittene) Realität von Tod und Zerstörung in der Welt, sondern die Realität der neuen, geheilten Schöpfung in Christus, die alte Kausalitäten aufhebt und Zwangsläufigkeiten durchbricht. Es geht um das „Erbheil“, wie Zulehner es in Anknüpfung an den Begriff „Erbschuld“ nennt, das durch Christi Tod und Auferstehung allen Menschen gilt und das jetzt schon menschliches Leben bestimmen soll. Und so kann Zulehner dann auch fragen:

Was ist die Aufgabe der Kirche? Mit Gott solidarisch zu sein und ihn zu unterstützen bei der Vollendung der Welt.

Ich denke, dieser befreiende Umbruch zu einem zwanglosen und angstfreien und daher weltzugewandtem und weitherzigen Glauben läuft immer noch weiter. Unten habe ich im Kasten Zulehners Übersicht, das Original ist hier zu finden, falls jemand weiterlesen möchte. Aus dieser neuen Perspektive liest sich die Bibel plötzlich erfrischend anders. Ich denke, das beschreibt nebenbei auch schön, was mit dem Begriff „missional“ gemeint ist.

Ausgang der einen Weltgeschichte

Erbheil-Erbschuld

Kirchenbild

Mission der Kirche

heilspessimistisch: massa damnata und die kleine Zahl der Geretteten (Augustinus; vgl. Mt 22,14)

universelle Erbschuldgeschichte und begrenzte Erbheilgeschichte

exklusives Kirchenbild: „extra ecclesiam nulla salus (veritas)“. („Vereinnahmung durch die Kirche“)

Erfassen der Geretteten (mit allen Mitteln). Sicherung des Heils durch strenge Moral.

heilsoptimistisch: Vollendung der Welt im Auferstandenen als „kosmischen Christus“ (Kol 1,15-20; Hildegard von Bingen und viele andere: Zweites Vat. Konzil)

universelle Erbheil- und Erbschuldgeschichte

inklusives Kirchenbild:

„ubi salus (veritas, caritas), ibi ecclesia“

Was rettet ist die geschenkte wahrhafte Liebe, die uns gottförmig macht (Mt 25) („Verausgabung Gottes“)

Licht (enthüllen: leben, erzählen, feiern) und Salz (heilen).

Wer durch Gott von der Angst geheilt ist, kann wahrhaft lieben.

Kirche ist in der Nachfolge des Heilands Heil-Land.

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Mutig führen…?

Wolfgang Kessler vom ökumenischen Publik Forum und Autor von Geld regiert die Welt. Wer regiert das Geld? spricht in einem Interview mit Telepolis über das Verhältnis von Arm und Reich in Deutschland, das nun mit wachsendem Einfluss deutscher Politik auch noch mehr zum europäischen Normalfall zu werden droht:

In Deutschland ist in den vergangenen Jahren immer mehr Geld aus hohen Gewinnen, hohen Vermögen und Erbschaften auf die Finanzmärkte geflossen. Deutschland besteuert die Reichen im europäischen Vergleich, sogar im Vergleich mit den USA, eher gering. Wir haben keine Vermögenssteuer, die Erbschaftssteuer ist gering und die Spitzensteuern wurden von 53 Prozent unter Kohl auf knapp über 40 Prozent gesenkt.

Die Auseinandersetzung mit der Finanzmarktlobby scheut die Bundesregierung bis heute, und zwar keineswegs mit überzeugenden Argumenten. Dem Staat entgehen so geschätzte 66 Milliarden pro Jahr. Stattdessen profilieren sich unsere Regierenden auf andere Weise:

Die Regierung hält sich immer dann für mutig, wenn sie unpopuläre Maßnahmen gegen schwächere Gruppen durchsetzt. Sie scheut sich aber seit Jahren, steuerliche Maßnahmen für mehr Gerechtigkeit zu ergreifen, obwohl das Argument der Abwanderung nicht gilt, weil andere Länder viel höhere Steuern in diesen Bereichen verlangen.

Wer also die Gelegenheit hat, seinem Abgeordneten mal ins Gewissen zu reden – das wäre doch ein gutes Thema.

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Entfesselte Worte

Fulbert Steffensky kommentiert kritisch die gelegentlich vorgetragene These, das apostolische Glaubensbekenntnis sei doch eigentlich überholt und klinge befremdlich für heutige Menschen. Dabei vermeidet er es aber, in den starren Traditionalismus zu verfallen, der sich an Formeln klammert und den Protest möglicherweise überhaupt erst ausgelöst hat. Diese Bekenntnisse sind nicht die einzig wahre Art, den eigenen Glauben zu bekennen, aber sie bewahren uns auch davor, die eigene Formulierung der Wahrheit für die einzige wahre zu halten:

Die Glaubensaussagen verlieren immer da ihre Kraft, wo sie als objektive verstanden werden, zu allen Zeiten und von jedem zu machen, unüberhörbar und unberührt von den Zeitläufen und den Schicksalen ihrer Bekenner. Religiöse Sprache ist, wo sie den Namen verdient, eine poetische Sprache, das heißt, dass sie nicht zu hören ist abgelöst von den Sprechenden, von ihren Tränen und von ihrem Jubel. Sie ist gerade keine Einheitssprache, die zu allen Zeiten zwischen Tokio und Lima gilt. Sie ist Auslegung, nicht nur Rezitation eines immer schon Gesagten. Das heißt nicht, dass sie die willkürliche Expression der Gemütslagen von unverbundenen Individuen ist. Wir haben Texte und Traditionen, die unsere Auslegung richten, sie aber nicht beherrschen. […]

Wir sind nicht in die Korrektheit des Glaubensbekenntnisses gefesselt, das ist wahr. Aber wir sind auch nicht in die Kärglichkeit unserer eigenen Sprache gefesselt, wenn wir in die Sprache der Toten fliehen. Wir sind Gast in fremden Zelten, Gäste von großen Lebensbildern. Wir sind humorvolle Gäste, die wissen, dass sie in dieser Sprache nicht ganz zu Hause sind.

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Warten auf Volf (2): Die „Politik der Reinheit“

Passend zum Post von gestern hier ein Abschnitt aus dem 2. Kapitel von Miroslav Volfs Exclusion and Embrace, das demnächst auf Deutsch erscheint. Volf bezeichnet das Streben nach falscher Reinheit als einen zentralen Aspekt von Sünde, den Jesus aufdeckt und bekämpft. Dann wendet er diesen Gedanken auf die Politik an, und es ist immer noch hochaktuell, was er schreibt:

Denken Sie an die tödliche Logik der „Politik der Reinheit“. Das Blut muss rein sein: Nur deutsches Blut soll durch deutsche Adern fließen, frei von aller nichtarischen Kontamination. Das Territorium muss rein sein: Serbischer Boden darf nur Selben gehören, rein sein von allen nichtserbischen Eindringlingen. Die Herkunft muss rein sein: wir müssen zurück in die ursprüngliche Reinheit unserer sprachlichen, religiösen oder kulturellen Vergangenheit, den Schmutz des Andersartigen abschütteln, der sich auf dem Marsch durch die Geschichte angesammelt hat […]. Das Ziel muss rein sein: wir müssen das Licht der Vernunft in jeden dunklen Winkel leuchten lassen oder eine Welt völliger Tugend erschaffen, in der keine moralische Anstrengung mehr nötig ist. Der Ursprung und das Ziel, das Innere und das Äußere, alles muss rein sein: Pluralität und Heterogenität müssen der Homogenität und Einheit weichen.

Ein Volk, eine Kultur, eine Sprache, ein Buch, ein Ziel; was nicht unter dieses allumfassende „Eine“ fällt, ist ambivalent, verunreinigend und gefährlich […]. Es muss entfernt werden. Wir wollen eine reine Welt und drängen die „Anderen“ aus unserer Welt hinaus; wir wollen selbst rein sein und tilgen die Andersartigkeit aus unserem Selbst. Der „Wille zur Reinheit“ enthält ein ganzes Programm zur Ordnung unserer sozialen Welten – von den inneren Welten des Selbst zu den äußeren unserer Familien, Nachbarschaften und Nationen […]. Es ist ein gefährliches Programm, regiert von einer Logik, die reduziert, ausscheidet und abtrennt.

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