Die Ohnmacht der Mächtigen

201211261137.jpg Das Emergent Forum am kommenden Wochenende steht unter dem Motto „Die Macht der Ohnmächtigen“ und unser Basistext wird das Magnificat sein. Aber die Perspektive lässt sich auch umdrehen. Zwar haben viele Mächtige nicht nur alle möglichen Annehmlichkeiten, sie können ihre Position auch benutzen, um Kritikern und Konkurrenten das Leben schwer zu machen.

Ob das allerdings bedeutet, dass sie frei sind, steht auf einem ganz anderen Blatt. Denn das System, dem sie ihre Macht verdanken, lässt ihnen keineswegs unbeschränkte Freiheit. Sie können im Grunde nur systemkonform handeln: materielle und finanzielle Vorteile mitnehmen, sich gegen Kritik immunisieren, Lob und Schmeicheleien entgegennehmen, Sanktionen verhängen.

Dagegen wird es immer schwerer, sich den gedanklichen Zwängen des Systems zu entziehen, die Wirklichkeit ohne die alten Filter und Schablonen wahrzunehmen, die eigene Identität zu unterscheiden von der gesellschaftlichen Funktion und die Verantwortung für sein geborgtes Reich wieder loszulassen. Das gelingt nur wenigen. Viele verschmelzen mit ihrer Rolle. Ihre Entscheidungen haben nichts Individuelles mehr an sich, sondern sie werden von „Sachzwängen“ diktiert. Jede(r) andere hätte an ihrer Stelle mehr oder weniger dasselbe getan. Nicht systemkonform zu agieren würde dagegen in den meisten Fällen nicht zu einer Veränderung des Systems, sondern zum Verlust der Machtposition des Einzelnen führen. Extremstes Beispiel: Der Mafiaboss, der Abtrünnige nicht drakonisch bestrafen lässt, verspielt seine Autorität, die nämlich auf dem Schrecken beruht, den er verbreitet. Die Macht zu verzeihen hat er im Grunde gar nicht. Etwas banaler: In einem ausbeuterischen Wirtschaftssystem mit gnadenloser Konkurrenz hat auch ein wohlwollender Chef nur begrenzte Spielräume für höhere Löhne. Angela Merkel gilt als die mächtigste Frau der Welt, aber zum Regieren braucht sie Horst Seehofer und die FDP…

Auf einer etwas simpleren Ebene finden wir diesen Unterschied schon zwischen Kindern und Eltern. Vermutlich träumt jedes Kind, dem die Eltern gerade etwas verbieten, davon, dass es irgendwann groß ist und endlich tun kann, was es will. Ist es dann so weit, stellt der Mensch fest, dass diese Freiheit nur eine theoretische ist: Erstens will man manche Dinge nicht mehr, die man als Kind noch toll fand, zweitens hat man mehr zu verlieren und mehr Verpflichtungen einzuhalten, und man weiß zudem, dass manche Wünsche beträchtliche unerwünschte Nebenwirkungen hätten – für einen selbst oder für andere.

Oder zwischen Bürgern und Politikern: „Die da oben“ haben aus ihrer Sicht oft nur die Wahl zwischen größeren und kleineren Übeln. Große Würfe und rapide Veränderungen sind in den Gremien und der Öffentlichkeit selten durchsetzbar, der Handlungsspielraum nicht nur vom Geld begrenzt. Echte Querdenker schaffen es selten bis ganz nach oben und manche Ex-Idealisten werden nach dem erfolgreichem Marsch durch die Institutionen plötzlich zu konservativen Exponenten des Systems, das sie nun repräsentieren.

Um nicht missverstanden zu werden: Freilich sind die Mächtigen nicht keine „Opfer“, und sie bleiben stets verantwortlich für Ihr Tun und Lassen. Aber damit jemand bereit ist, sich gegen das System zu wenden und zum Märtyrer zu werden, muss er von der Alternative wirklich überzeugt sein. Man braucht etwas Größeres, wofür zu „sterben“ (sprich: seinen guten Ruf, seine Karriere, seine Bequemlichkeit etc. zu opfern) sich lohnt. Und man braucht Menschen um sich her, die das mittragen.

Share

Zwischen Hoffnung und Resignation

Die Bemühungen, den Klimawandel in halbwegs vernünftigen Grenzen zu halten, müssten sehr schnell einsetzen. Das hat inzwischen sogar die Weltbank erkannt, die normal nicht an vorderster Ökofront kämpft. Hier bei uns wird derzeit über die vermeintlich so teure Energiewende diskutiert – vermeintlich deshalb, weil die versteckten Subventionen für Kohle und Atomstrom in den Berechnungen nirgends auftauchen.

Wenn diese Woche in Doha der UN-Klimagipfel tagt, dann kann man nur hoffen, dass die zaghaften Ansätze eines Umdenkens in den USA, die bislang zu den großen Bremsern einer koordinierten Klimapolitik gehörten, schon erste Früchte tragen. Nicht auszudenken, was ein Sieg der Republikaner bedeutet hätte, von denen die meisten den Klimawandel für eine kommunistische Verschwörung halten.

Es ist eine neue Situation: Alle Nationen sitzen in einem Boot. Derzeit glauben allerdings noch zu viele, sie könnten das Rudern einigen wenigen überlassen und man käme immer noch schnell genug vom Fleck, um dem Sturm zu entgehen.

Share

„Nur die Fakten, bitte…“

… las ich auf einer Website, die sich mit christlicher Mission in Osteuropa beschäftigte. Was dann folgte, waren aber keineswegs Fakten, sondern Meinungen, und zwar recht fragwürdige noch dazu. Angeblich gebe es unter 300 Millionen Osteuropäern nur eine Million Jesusnachfolger. Ich habe keine Ahnung und konnte dem Text auch nicht entnehmen, wie diese Zahl denn ermittelt wurde, außer dass sie aus der „World Christian Encyclopedia“ stammen soll. Immerhin sind 87% der Polen nominell katholisch und 60-80% der Russen bezeichnen sich selbst als Orthodoxe Christen. Selbst wenn da auch Halbherzige, Mitläufer und Opportunisten mitgezählt werden – sollten nicht deutlich mehr ernsthafte „Jesusnachfolger“ darunter sein?

Mein Verdacht ist daher, dass Katholiken und Orthodoxe bei solchen Erhebungen kategorisch ausgeblendet werden. Was die Frage aufwirft, ob das Wort Encyclopedia in diesem Falle von „Zyklop“ abgeleitet ist, den sagenhaften einäugigen Riesen, die deshalb eine recht eindimensionale Weltsicht hatten. So oder so – das Ganze ist wieder ein Beleg dafür, dass man ganz besonders kritisch hinschauen muss, wenn jemand behauptet, „Fakten“ zu nennen. Allzu oft sind die vermeintlichen „Fakten“ nur verabsolutierte Meinungen und Vorurteile.

Share

Liebe braucht Distanz

„Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab“, gleichzeitig gilt aber „Liebt nicht die Welt und was in der Welt ist“. Nur Gott kann wahrlich die Welt lieben, weil er nicht ihr Bestandteil ist. Unsere Liebe zur Welt ist stets in Gefahr, zur bloßen Selbstliebe zu werden, wenn wir nicht der kritischen Distanz von „dieser Welt“ mächtig sind. Erst unser Glaube, der zwischen Welt und Gott unterscheidet, macht es uns möglich die Welt zu lieben, ohne die Welt zu vergöttlichen.

aus einer Predigt von Tomas Halik

Share

Die Trübsalblase

Eine Ursache der Wahlniederlage von Mitt Romney – oder besser: der Tatsache, dass sie seine Anhänger kalt erwischte – war die Eigendynamik des Medienkonsums im republikanischen Lager, zu dem unglücklicherweise auch viele konservative Christen gehören. Auf Politico beschreibt Jonathan Martin deren selbstgestrickten Medienkokon mit seinen Filtermechanismen so :

Facebook and Twitter feeds along with email in-boxes have taken the place of the old newspaper front page, except that the consumer is now entirely in charge of what he or she sees each day and can largely shut out dissenting voices. It’s the great irony of the Internet era: People have more access than ever to an array of viewpoints, but also the technological ability to screen out anything that doesn’t reinforce their views.

Nun bekommt diese Parallelwelt erste Risse. freilich werden ihre Bewohner nicht gleich ausziehen. Manche wehren sich mit Händen und Füßen dagegen.

Bange Frage: Muss ich ab jetzt auch immer Welt Online (oder alternativ Jan Fleischhauers rabenschwarze Spiegel-Kolumne) lesen, um nicht derselben Problematik zu erliegen? Erhellendes dazu liefert glücklicherweise der Postillon.

Share

Weisheit der Woche: Ätzende Treue

Es geht schon schwer auf das Emergent Forum 2012 zu und ich habe zur Einstimmung Walter Winks „Powers“-Trilogie wieder aus dem Regal geholt. Der Friedensaktivist findet durchaus markige, ja militante Worte, wenn es um die Konfrontation mit überpersönlichen Mächten geht, die sich im Blick auf das Wohl des Ganzen (einer Gruppe, der Schöpfung, der Menschheit) parasitär verhalten, indem sie Menschen zu Objekten machen und zerstören. Dass Jesus und die ersten Christen so heftigem Widerstand ausgesetzt waren, hat für ihn damit zu tun, wie sie das Evangelium verstanden:

Die Treue zum Evangelium besteht nicht darin, dass wir seine Slogans wiederholen, sondern darin, dass wir den vorherrschenden Götzenkult in seine [des Evangeliums] zersetzenden Säuren werfen.

Walter Wink, in: Naming The Powers, S. 111

Share

Heftiger Heiliger

Ich lese ab und zu etwas über die lokalen Heiligen dieser Gegend. Für Nürnberg ist das der Heilige Sebaldus, dem auch ein paar hundert Meter von hier eine katholische Kirche geweiht ist. Im Sebalder Reichswald (bzw. dessen immer noch ansehnlichen Resten) gehe ich gern laufen oder radeln, daher fühle ich mich dem Guten schon etwas verbunden und war neugierig, was man über ihn weiß. In Stadlers Heiligenlexikon las ich unter anderem dies:

Als sich einmal in Mitten des Volkes ein Ketzer empört und freventlich geredet, daß seine Lehre falsch wäre, hat der heil. Sebalds zu Gott dem Allmächtigen gerupft und demüthiglich gebeten, daß er ein Zeichen vor allem Volke wirken wolle, durch welches der christliche Glaube desto mehr bestätigt werden möge. Zur Stund hat sich das Erdreich aufgetan, und im Angesichts alles Volkes denselben Ketzer bis zum Hals verschlungen. Und als er immer tiefer unter sich gesunken, ist er in sich selbst gegangen, hat seinen falschen Irrtum bekannt und mit lauter Stimme zum heil. Sebalds gerupft, Gott für ihn zu bitten, mit dem Zusagen, daß er hinfüro dem christlichen Glauben anhängen wollt. Also ist er wiederum durch die Fürbitte des Heiligen auf das Erdreich erhebt und von solcher göttlichen Straf gnädiglich erledigt, und sind von diesem Zeichen gar viel Menschen zu dem Glauben bekehrt worden.

Solche Elemente in de Heiligenviten sagen vermutlich ja mehr über die Vorstellungen, Ängste und Sehnsüchte der Zeitgenossen und Nachgeborenen aus als über den Heiligen selbst. Ein paar biblische Analogien gibt es freilich, wenn Paulus einen Gegner mit Blindheit schlägt und Elisa… nun gut. In der Regel lief es aber anders, und das ist auch ganz gut so.

Anscheinend sind genau die Punkte, die Heilige damals populär machen konnten (und die ihnen wohl auch entsprechend gern angedichtet wurden), heute die anstößigsten: Drastische Gesten der Einschüchterung, massive Machtdemonstrationen für eine Gesellschaft, in der sich der Stärkste in der Regel durchsetzt, also auch der stärkste Gott. Heute stehen bei uns andere Werte höher im Kurs. Oder die meisten von uns finden schlicht diese Art von Mirakeln und Machterweisen nicht mehr besonders überzeugend.

Share

Zum Heulen…

Nach der verlorenen Wahl herrscht trübe Stimmung bei den US-Republikanern. Romney – jetzt darf er ja – klagt schon wieder über die ominösen 47% seiner Landsleute und der Rest der Garde findet, das ist nicht mehr ihr gutes, altes Amerika, wenn eine Wahl so ausgehen darf. So viel Selbstmitleid ist ein gefundenes Fressen für Comedians wie Jon Stewart, der gleich eine kleine, aber sehr feine Geschichtsstunde draus macht:

In der Zwischenzeit macht sich Jim Wallis hier Gedanken darüber, dass „evangelikal“ nicht mehr automatisch synonym ist mit der Religiösen Rechten. Bis die Erkenntnis sich durchsetzt, wird es aber vermutlich noch dauern.

Share

Wohin mit ihm?

Der Evening Standard beleuchtet den Hintergrund des neuen Erzbischofs von Canterbury, Justin Welby. Er wird als neues „Alphatier“ der Anglikanischen Kirche betitelt, nicht zuletzt auch deshalb, weil der Umbruch vom Ölmanager zum Theologen erfolgte, während er dort Gemeindeglied und ehrenamtlicher Mitarbeiter von Holy Trinity Brompton (bekannt für „happy clappy services“ und „squeaky clean living“, wie der Autor süffisant anmerkt) war – und dort an einem Alpha-Kurs teilgenommen hatte.

Aber es scheint nicht so leicht zu sein, den Neuen in eine bestimmte Schublade zu stecken. Für die einen ist er ein „posh Evangelical“ (nicht postevangelikal!), für ganz Konservative ist er womöglich aber schon wieder zu liberal, weil er Frauen ordiniert, demnächst wohl auch die erste Bischöfín der C of E.

(Nachtrag: vom Duktus her ganz ähnlich ist dieser Beitrag im Guardian)

Share

Die „Häresie der Glaubensgewissheit“

Ich bin beim Vorbereitung für eine Unterrichtseinheit mit Konfirmanden letzte Woche auf ein wunderbares kleines Buch von Hans Urs von Balthasar († 1988) gestoßen, der im katholischen Milieu vor drei Jahrzehnten so eine Art Rob Bell war, auf den die Hardliner und Traditionalisten sich mit allen Kräften einschossen. Es heißt Kleiner Diskurs über die Hölle, und wer Love Wins/Das letzte Wort hat die Liebe sympathisch fand, aber gerne noch mehr gelesen hätte, könnte hier auf seine Kosten kommen.

Das Buch ist leicht lesbar geschrieben – und es ist sogar kürzer (wahrscheinlich hat es einfach nur weniger Absätze und Leerzeilen) als das von Bell. Erfreulicherweise hat von Balthasar neben der Bibel auch die ganze Palette der Kirchenväter und der Mystiker parat, aus deren Werken und Worten er souverän zitiert.

Dass Ignatius von Loyola in seine „Geistlichen Übungen“ eine Betrachtung zur Hölle integriert hat, deren Ziel das Staunen über Gottes Barmherzigkeit ist, gerade weil mir die eigene Gerechtigkeit fehlt, hält er beispielsweise für richtig und wichtig. Allerdings hat das gerade ohne Seitenblick auf andere zu geschehen, und damit auch im „letzten Ernst“.

Bedenklich wird es dagegen, wenn man den Seitenblick riskiert und aus der drohenden existenziellen Möglichkeit der Hölle einen objektivierten theologisch-wissenschaftlichen Gegenstand macht, wie es seit Augustinus immer wieder der Fall war, nämlich die Hölle der anderen:

Denn in diesem Augenblick verwandelt sich alles: die Hölle ist nicht mehr die je-meinige, sondern sie ist das, was „den andern“ blüht, während ich ihr gottlob entronnen bin. Und ich kann mich fleißig und fromm auf die Heilige Schrift berufen [er zitiert Offb. 21,8; 1.Kor 6,9f.]

… Aber, sagt sich der theologisierende Monsignore, mir scheint, ich falle unter keine dieser Kategorien. Und schon ist ihm das Gebet auf den Lippen: „O Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie die übrigen Menschen, wie Räuber, Betrüger, Ehebrecher – oder wie dieser Zöllner da“ (Lk 18,11). Man bevölkre dann die Hölle mit allerhand Ungeheuern: Ivan dem Schrecklichen, Stalin den Entsetzlichen, Hitler dem Wahnwitzigen und all seinen Spießgesellen, was gewiss auch eine ansehnliche Gesellschaft ergibt, der man im Himmel lieber nicht begegnen möchte.

Es kann als ein die Theologiegeschichte durchziehendes Motiv gelten, dass dort, wo man die Hölle mit einer „massa damnata“ von Sündern füllt, man durch irgendeinen bewussten oder unbewussten Trick sich (vielleicht vorsichtig, aber doch getrost) auf die andere Seite stellt.

Von Balthasar zeichnet dann knapp nach, wie sich von Bonventura über Luther zu Calvin und seinen Nachfolgern eine immer absolutere Gewissheit (im Gegensatz zum Akt des Vertrauens „hat“ man die dann eben auch) entwickelt, die es möglich macht, den anderen, un- oder „schwachgläubigen“ Teil der Menschheit als der Hölle verfallen zu denken. Das passt im Übrigen erstaunlich gut zu Iain McGilchrists Analyse, die ich vor einer Weile hier skizziert habe.

Share

Lumpen und Heilige

Wir verändern die Welt – das ist viel leichter gesagt als getan, oft scheitern wir schon am eigenen Verhalten. Ob es nun die Krisen in der EU ist oder die Herausforderungen für Obamas zweite Amtszeit in den USA sind, ob es sich um eine Institution handelt oder eine Weltanschauung, oft sind Zwischenschritte nötig – und dann sind die Puristen und Perfektionisten unter den Reformern enttäuscht, dass man nicht mit einem großen Wurf alles komplett neu macht.

Warum das mit dem großen Wurf oft keine gute Lösung ist, das liegt wieder an den beteiligten Menschen. Mary Catherine Bateson kommentiert mit klarem Blick, was Umkehr und Umlernen in diesen Fällen bedeutet:

Es braucht viel Zeit und eingehende Erfahrung, um das rückgängig zu machen, was wir eingepflanzt haben. Wenn wir die Menschen gelehrt haben, Lumpen zu sein, können wir nicht sofort ein System errichten, das für Heilige passt, weil die Lumpen die Veränderung ausnutzen würden. …

In allen menschlichen Angelegenheiten gibt es eine Verzögerung, eine Klebrigkeit oder Zähigkeit. Und es braucht, glaube ich, mehr Zeit, unsere Irrtümer zu korrigieren, als sie zu begehen.

Wo Engel zögern. Unterwegs zu einer Epistemologie des Heiligen, S. 100f.

Share

Gott, die Gewalt und das Leben

Viel Staub aufgewirbelt hat vor ein paar Wochen der Republikaner Richard Mourdock, der für den US-Senat kandidierte und im Zuge dessen erläuterte, warum er Abtreibungen nach einer Vergewaltigung für rechtlich nicht zulässig hält. Hier sein Statement:

„I struggled with it myself for a long time, but I came to realize life is that gift from God. I think that even when life begins in that horrible situation of rape, that it is something that God intended to happen.“

Ich habe lange mit mir gerungen, aber mir wurde klar, Leben ist ein Geschenk Gottes. Ich denke, selbst dann, wenn es in der schrecklichen Situation einer Vergewaltigung entsteht, wollte Gott, dass es geschieht.“

Für eine Frau, die vergewaltigt und als Folge davon schwanger geworden ist, ist so ein Satz eine Zumutung. Ihr kann man nur sagen, dass Gott es auf keinen Fall wollte, dass sie vergewaltigt wurde. Alles andere wäre verantwortungslos. Daher völlig zu Recht die heftigen Reaktionen der Öffentlichkeit auf Mourdocks Worte.

Nun sind wir hier aber auch wieder bei der Frage, inwiefern Gott – und sei es auch nur mittelbar – zum Komplizen von Gewaltverbrechen gemacht werden darf. Es gibt eben eine unselige Tradition im Christentum, die Gott durch unbedachte Rhetorik in zum Mitwisser oder gar Auftraggeber von Gewalt macht. Das ist das große Manko der Opfer-Analogie, dass sie in diese Richtung neigt, insofern sie suggeriert, Gott mache ein solches blutiges Opfer zur Bedingung für seine Vergebung.

Es ist zum Beispiel eine Sache, zu sagen, dass der Tod Christi am Kreuz das fast zwangsläufige Resultat der Zuspitzung seines Verhältnisses zu den einflussreichen Gruppen im Judentum und den römischen Besatzern war – und insofern geschehen „musste“. Ähnlich wie es in anderen Martyrien alles andere als überraschend kam, dass Blut eines Unschuldigen vergossen wurde. Aber wir können kaum mehr sagen, als dass Gott das Leiden und den Tod Jesu weder angeordnet noch verübt, sondern bestenfalls in Kauf genommen hat, um damit ein Zeichen des Protests gegen Folter und Gewalt zu setzen und den ersten Schritt zu deren Überwindung zu tun – sofern wir Gewalt an sich nicht irgendwie heiligsprechen wollen. Zugleich verbietet sich aber auch der (oft auch zur Verteidigung der eben skizzierten Ansicht angeführte) falsche Umkehrschluss, Jesu Tod sei sonst ja lediglich ein dummer Zufall und damit sinnlos.

Nun hat Mourdock natürlich auch insofern Recht, als er das Leben als Geschenk Gottes bezeichnet. Wenn er – statt mit einem traumatisierten Opfer sexueller Gewalt – nun mit einem Menschen reden würde, der gerade erfahren hat, dass er alles andere als ein Wunschkind war, der also mittelbar selbst Opfer dieser Gewalt und ihrer Folgen ist, dann wäre es ebenso falsch, diesem Menschen den Eindruck zu vermitteln, er sei aufgrund dieser Vorgeschichte von Gott „nicht gewollt“.

Aber vielleicht liegt die Antwort auf die Frage nach dem Sinn unserer Existenz ohnehin weniger in der Vergangenheit (die sich in dem Fall einfach nicht schön reden lässt), sondern in der Gegenwart, indem die betroffene Person hier und jetzt Menschen hat (oder findet), in deren Leben sie eine wichtige Rolle spielt, und indem sie Gottes bestätigendes „Ja“ hier und jetzt erreicht und die Hoffnung auf eine Zukunft öffnet, in der schließlich alle Tränen abgewischt werden?

Der theologische Punkt, um den es mir hier geht: Wenn wir lernen, wie wir Gottes Handeln in der Weltgeschichte angemessen beschreiben können, dann finden wir vielleicht auch bessere Worte, wenn es um konkrete Lebensgeschichten geht. Und vielleicht schweigen wir dann auch an der richtigen Stelle.

Share

Glaube und Magie

Es ist eine weit verbreitete Anschauung, dass sich Religion aus magischem Denken heraus entwickelt haben soll. Ich persönlich fand da Peter L. Bergers Begriff der „mythischen Matrix“ besser. Gregory Bateson argumentiert in Wo Engel zögern genau umgekehrt: Magie ist degenerierter Glaube, weil sie aufhört, Einheit und Verbundenheit (ob nun zwischen Gott und Mensch, Mensch und Mensch, oder Mensch und Natur) rituell zu bekunden und Wege sucht, das Selbst zu ändern. Bateson schreibt:

Das Kriterium, das Magie und Religion unterscheidet,, ist in der Tat der Zweck, und ganz besonders irgendein extravertierter Zweck […] Die Magie gilt als primitiver und die Religion als ihr Aufblühen. Im Gegensatz dazu halte ich die Magie etwa in Form des Sympathie- oder Analogiezaubers für ein Produkt der Dekadenz der Religion; ich halte die Religion in Große und Ganzen für den früheren Zustand. Ich kann für einen derartige Dekadenz weder im Gemeinschaftsleben noch in der Kindererziehung irgendeine Sympathie aufbringen.

Wenn also die Verzweckung von Religion (und „Spiritualität“) sie in Magie verwandelt, indem sie zum Instrument von Manipulation und Machtgewinn wird, zum Mittel der Selbststeigerung ohne die Mühe der Veränderung des Selbst, dann treffen wir diese fatale Neigung zur „Dekadenz“ nicht nur in der Esoterik an, die alte Rituale (je „archaischer“, desto attraktiver) als hippe Wellnessartikel kommerzialisiert und durch diese Kontextverschiebung entleert und zerstört. Bestimmte Verbindungen von Glaube und Wohlstand und Erfolg fallen dann in dieselbe Kategorie von „Zauberei“.

Oder anders gesagt: Liebe ist immer „zweckfrei“. Da, wo sie Mittel zum Zweck wird, ist sie keine Liebe mehr. Vielleicht grenzt Jesus sich deshalb so scharf von Menschen ab, die zwar ständig „Herr, Herr“ sagen, aber von dem selbstlosen Gott nichts begriffen haben, den sie vor ihren Karren spannen wollen?

Share

„Mein rechter, rechter Platz wird leer…“ – neue(r) Kollege/Kollegin gesucht

Im kommenden Jahr wird sich wieder einmal einiges ändern bei ELIA. Mein Kollege Daniel Hufeisen wird im Sommer nach fünf Jahren (ist es wirklich schon so lange?) aufhören. Eigentlich steht sein Schreibtisch gegenüber, es ist also streng genommen keine Frage von rechts oder links.

In der zweiten Jahreshälfte möchten wir die Stelle neu besetzen und haben uns dazu in verschiedenen Gremien viele Gedanken gemacht. Das Ergebnis kann man hier einsehen und gern auch an geeignete InteressentInnen weiterleiten, es sollte sich weitgehend selbst erklären, aber natürlich helfe ich auch gern, wenn es Fragen gibt:

Stellenausschreibung2013.pdf

Share

„Herr, du siehst…“

Neulich in einer Gebetsgemeinschaft, in der – bevor mich jemand tadelt dafür, dass ich mein analytisches Ohr nicht diskret abgeschaltet hatte – sich die Gebete eher im Großen und Allgemeinen bewegten: Jemand beginnt mit „Herr, du siehst“ und dann beschreibt er, was er selbst sieht; vielleicht ja auch was die übrigen Anwesenden seiner Meinung nach sehen müssten.

Freilich – wenn Gott alles sieht, sieht er auch das, was wir sehen. Aber vielleicht sieht er die Dinge gar nicht so, wie wir sie sehen und beschreiben, sondern ganz anders? Es ist völlig in Ordnung, im Gebet auch explizit davon zu reden, was ich sehe. Ob Gott es dann tatsächlich so sieht wie ich, das wäre ja erst noch die Frage, und die macht das Beten vielleicht ja auch so wichtig und interessant.

Share