Wertediskussionen

Immer wieder mal bekomme ich Post von Christen, die mit großem Eifer „Werte“ proklamieren. Häufig entsteht dabei der Eindruck, dass andere Menschen gar keine Werte mehr hätten – die traditionalistische These vom „Werteverfall“. Im Blick auf den Europawahlkampf spricht die SZ von der „Sehnsucht nach einem besseren Früher, das es in Wirklichkeit nie gab.“

Werte haben die anderen nämlich durchaus, nur eben andere. Es hat vielmehr ein Wertewandel stattgefunden: Homosexuelle kommen nicht mehr in den Knast, Frauen brauchen die Zustimmung ihres Ehemanns nicht mehr, wenn sie einen Arbeitsvertrag unterschreiben, umgekehrt dürfen Träger eines politischen Amtes ihren Angehörigen und Amigos längst nicht mehr so viele Gefälligkeiten erweisen wie früher, und immer mehr Lebensbereiche (von der Bildung bis zur Liebe) unterliegen den „Gesetzen“ des Marktes – um nur einmal ein paar Beispiele zu nennen und an die Ambivalenz dieses Wandels zu erinnern.

Es entbehrt vielleicht nicht einer gewissen Ironie, dass der Begriff „Werte“ ausgerechnet durch Friedrich Nietzsches Moralkritik in die Philosophie eingeführt wurde. Bis dahin beschäftigten sich vor allem die Ökonomen mit Werten. Nietzsche forderte damals ganz unbescheiden die „Umwertung aller Werte“. Nietzsche war also auch überzeugt davon, dass ein Werteverfall stattgefunden hatte, der unbedingt rückgängig gemacht werden muss.

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