Wer für alles offen ist…

… der ist nicht ganz dicht. So lautet ein Spruch, den man aus einer ganz bestimmten Richtung immer wieder hört. Das Problem ist nur, dass man in dem Moment schon nicht mehr ganz dicht ist, wenn man überhaupt für irgendetwas offen ist.

Die Erfinder dieses Spruches und ihre mehr oder weniger naiven Nachahmer sagen damit also eigentlich nur eines: Dass sie selbst total dicht sind.

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Laufend gesünder werden

Die letzten Wochen waren etwas bewegungsarm: die Kälte und die frühe Dämmerung machen es einem nicht leicht. Neue Motivation, wieder öfter Laufen zu gehen, fand ich eben im Spiegel:

So wurden in den USA 3234 übergewichtige Menschen mit beginnendem Diabetes (gestörte Glukosetoleranz) nach dem Zufallsprinzip in drei Gruppen unterteilt: Die einen bekamen jeden Tag zwei Pillen eines Standardmedikaments (jeweils 850 Milligramm Metformin); es verringert die Glukose-Herstellung in der Leber und senkt auf diese Weise den Blutzuckerspiegel. Anderen Testpersonen wurde ein Scheinmedikament verabreicht. Die Mitglieder der dritten Gruppe schließlich sollten sich fettärmer ernähren und an fünf Tagen der Woche 30 Minuten zu Fuß gehen mit dem Ziel, sieben Prozent ihres Körpergewichts zu verlieren.

Nach knapp drei Jahren war in der Medikamenten-Gruppe das Auftreten von Diabetes mellitus um 31 Prozent verringert. Die Menschen in der Bewegungs-Gruppe waren jedoch gesünder: Hier war die Inzidenz um 58 Prozent gesunken.

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Glaubensspiralen (4): Gelb

Ein für unsere Zwecke entscheidender Sprung geschieht beim Übergang zum gelben Mem. Hier erreicht menschliches Denken die „zweite Ordnung“ und vermag durch einen systemischen Denkansatz die Meme der ersten Ordnung zu überblicken:

„Wir können zum ersten Mal die Legitimität aller bislang erwachten menschlichen Systeme erkennen. Es sind Formen unserer Existenz, die das Recht haben, da zu sein. Die Systeme werden als dynamische Kräfte gesehen, die, wenn sie gesund sind, zur Lebensfähigkeit der gesamten Spirale und folglich zur Fortsetzung des Lebens selbst beitragen.” (Beck/Cowan S. 424)

Es gelingt, die Stärken einzelner und ganzer Kulturen zu nutzen, und ihre Schwächen konstruktiv zu überwinden, indem man mit Menschen in ihrer Vorstellungswelt kommuniziert, ohne sich von dieser begrenzen zu lassen.

„Menschen, die andernorts auf der Spirale ihren Schwerpunkt haben, sind von gelb Denkenden ganz verdattert. Sind sie purpurn geprägt, können sie sie praktisch nicht wahrnehmen. Rot geprägten erscheinen sie seltsam, aber manchmal macht es Spaß, mit ihnen zusammen zu sein. Wer blau denkt, dem erscheinen sie unbeständig, respektlos und unscharf. Wer seinen Schwerpunkt in Orange hat, der hat den Eindruck, die wären unwillig, sich der Erreichung eines Ziels vollständig zu verschreiben. Vom grünen Standpunkt aus gesehen, wirken sie cool und reserviert“ (Beck/Cowan 433f.)

Diese knappe und lückenhafte Skizze der letzten Posts lässt schon erkennen, vor welcher Aufgabe man mit den unterschiedlichen, aber gleichzeitig aktiven wMemen steht: Den Blauen ein Blauer zu werden, den Orangen ein Oranger und so weiter. Gelöst werden kann die Aufgabe angesichts des rapiden Wandels, der auf ebenso rapiden Veränderungen der Lebensbedingungen beruht, eigentlich nur, wenn die Kommunkation vielfarbig wird. In der Logik der Spiral Dynamics bedeutet das aber, sich zum Denken des gelben wMems in emergenten Systemen zu bewegen. Nur dann können die spezifischen Engführungen bestimmter Systeme vermieden und allergische Reaktionen auf andere Systeme gemildert werden.

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Gut beraten ins neue Jahr

Martina hat ihre eigene Website. Streng genommen existiert diese schon seit einem Vierteljahr, aber nun stimmt der “Content” und ist von ihr autorisiert worden, so dass alle Welt nun hineinklicken kann.

Seit rund 18 Monaten lässt sie sich in Hannover bei Progressio zum Coach ausbilden und berät fleißig Menschen. Im Mai ist sie dann fertig. Andere zu ermutigend zu begleiten war schon immer eine große Stärke, die Martina in verschiedenen Lebenssituationen entwickelt und inzwischen systematisch ausgebaut hat. Nun kann man sich über ihr Angebot online informieren und sie bei Gelegenheit weiter empfehlen!

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Kein Tag wie jeder andere

Heute vor genau 20 Jahren war ich auf einer folgenreichen Silvesterparty: Nach dem 12-Uhr-Läuten prosteten sich alle zu und fielen einander um den Hals. Um meinen Hals fiel eine junge Frau, an die ich die Wochen zuvor fast unablässig denken musste, obwohl ich sie kaum kannte: dunkle Locken, grüne Augen, offener Blick und fröhliches Wesen und eine Stimme, der ich ewig zuhören konnte. Vor Mitternacht hatten wir uns an ein paar Tänzen versucht. Nun dauerte die Umarmung einen Augenblick, sie dauerte zwei Augenblicke, sie dauerte eine Minute – keiner von uns beiden ließ als erster los in dem fröhlichen Getümmel. Als wir einander schließlich in die Augen sahen, bestand Klärungsbedarf.

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Damals schien der Gedanke, dass sich aus diesem inneren Ausnahmezustand etwas Dauerhaftes entwickeln könnte, einfach zu gewagt. Also rechnete ich damit, gleich zu hören, dass es ihr leid tue, sie sich nicht erklären könne, wie es zu dieser Situation kam und wir bestimmt gute Freunde sein könnten, aber eben nicht mehr. Doch so kam es nicht. Am Neujahrsnachmittag unternahmen wir einen langen, langen Spaziergang, ich bekam einen schwindelerregenden Kuss (um es mit Shania Twain zu sagen: “it’s criminal”) und wir erzählten einander unsere Lebensgeschichten. Alles war unglaublich neu und aufregend.

Die ersten Monate waren trotz aller Anziehungskraft überhaupt nicht leicht. Aber zwanzig Jahre später schaue ich immer noch in die grünen Augen, sehe die hübsche Nase und das dunkle, sanft gewellte Haar (die Locken haben sich an zwei unserer Kinder vererbt, die nun versuchen, sie zu bändigen) und denke gern zurück an diese Silvesterfete. Das neue Jahr fängt gut an.

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Glaubensspiralen (3): Grün

Ich setze die Reihe spiralaufwärts fort – immer mit der Frage, auf welche Wertesysteme und Denkweisen die christliche Botschaft trifft. Der Übergang von “Orange” nach “Grün” ist in etwa mit dem Beginn der Postmoderne gleichzusetzen:

Mit dem Übergang zum grünen wMem verschiebt sich der Schwerpunkt des Interesses zurück vom Individuum zur Gemeinschaft. Harmonie und Empathie beginnen, den Selbstausdruck zu beschränken. Allerdings fördert das grüne wMem (anders als konformistisches Blau) die Vielfalt und Toleranz der Überzeugungen und Lebensstile. Im Unterschied zu Orange wird nun Konkurrenz kritisch gesehen und die sozialen Kosten beklagt. Das blaue, moralisierende Evangelium erklärte “strukturelle” Sünde nicht (viele konservative Christen gingen den scheinbar „anständigen“ Nazis auf dem Leim) und begünstigt Spaltungen durch seinen Hang zum ausgrenzenden Sündenbock-Mechanismus. Es hat sich damit disqualifiziert und muss mit heftiger Ablehnung rechnen, vor allem, wenn es rot/Blau in aggressiver Rhetorik und mit Andeutungen totalitärer Ansprüche erscheint.

Auf der Frequenz von Grün kann Sünde als destruktives Sozialverhalten ausgemacht werden, insbesondere Diskriminierung und Ausgrenzung, aber auch Gleichgültigkeit und Kälte. Zusätzlich erscheint strukturelles Unrecht erstmals im Bewusstsein, während die Ethik zu situativen Entscheidungen neigt und blaues Schwarz/Weiß Denken verpönt ist. Bestimmte „blaue” Werte wie etwa Ehrlichkeit bestehen oft weiter.

Das Kreuz wird zum Anstoß, wo der Straf- und Opfercharakter dominiert und Gott (dem das Opfer gilt) als gewalttätig erscheint. Umgekehrt kann das unschuldige Leiden des gewaltlosen Messias unter der römischen Militärmaschinerie eine enorme Anziehungskraft entwickeln und die Vorstellung eines leidenden Gottes löst weder blaue Angst und Empörung noch oranges Schulterzucken aus. Allerdings besteht die Gefahr, dass die Passion lediglich exemplarisch verstanden wird, also keine neue, befreiende Wirklichkeit konstituiert. in der Regel wird in Grün des Aspekt des universalen Heilswillens Gottes stark zur Geltung kommen, der sich gerade den ausgegrenzten Sündern, den „Verlierern“ dieser Welt gilt, und der Versöhnung stiftet über ethnische, nationale und soziale Schranken hinweg.

Bekehrung (der – historisch betrachtet – typisch blaue Begriff wird in der Regel gemieden) wird auf der grünen Frequenz tendenziell so verstanden, dass man Teil einer Gemeinschaft wird, in der man in universaler Offenheit für andere die Praxis der Nächstenliebe und des Friedens einübt. Sie wird weniger als punktuelle Krise, sondern stärker als prozesshafte Transformation verstanden. Folglich wird auch die Unabgeschlossenheit dieses Prozesses betont – sich durch geistliche Übungen dem Einfluss der Gemeinschaft und des Geistes Gottes beständig auszusetzen, um lebenslang zu wachsen.

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Seltene Einmütigkeit

Wann sind sich Welt und Spiegel schon mal einig? Heute war es so weit. Anlässlich der Ermordung von Benazir Bhutto warnen beide den Westen davor, den militanten Islam zu unterschätzen und tatenlos gewähren zu lassen. Nüchtern, ohne Panikmache, aber um so aufrüttelnder schreibt Henryk M. Broder im Spiegel:

Der islamische Fundamentalismus verwirklicht sich in der Verbindung von Barbarei und Hightech. Sein Ziel ist nicht die Befreiung Palästinas von der zionistischen Besatzung, die Rückeroberung Afghanistans durch die Taliban oder die Wiederherstellung des Kalifats, sondern die Apokalypse. Dabei ist es müßig, darüber zu streiten, ob es sich um eine religiöse oder eine politische Bewegung handelt, ob die Religion “instrumentalisiert” oder die Politik von Gotteskriegern als Mittel zum Zweck benutzt wird.

… Wenn sie dagegen Geiseln enthaupten, Ehebrecherinnen steinigen und Homosexuelle aufhängen, dann setzen sie nur ihren Glauben in die Tat um und verbitten sich jede Kritik, die sie natürlich auch als “islamophob” empfinden. Aller Rückständigkeit zum Trotz haben die Fundamentalisten eine Lektion gelernt: Schurkereien machen sich bezahlt, der Westen ist im Begriff, aus Angst vor dem Tode Selbstmord zu begehen.

Und in der Welt mahnt Zafer Senocak die Europäer, die nur zu gern die USA kritisieren:

Europäische Politik gegenüber dem muslimischen Terror erschöpft sich in der Demontage jeglichen effektiven Handelns. Verhandeln wollen einige, mit Hamas, mit Taliban. Atomreaktoren an Gaddafi, dem saudischen König wird der rote Teppich ausgerollt. Schließlich geht es um Petrodollars. Der Westen merkt gar nicht, wie sehr er sich selbst auflöst. Die Islamterroristen erringen einen Sieg nach der anderen. Benazir Bhutto war nicht das letzte Opfer einer verfehlten Appeasement -Politik gegenüber dem radikalen Islam.

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Glaubensspiralen (2): Orange

Sünde ist im hedonistischen orangen Mem viel schwerer zu fassen, denn es hat sich von blauer Moral weitgehend verabschiedet. Richtig ist, was mir nützt und mich voranbringt. Postmoralisch muss man hier also fragen: Wo liegt das Problem in dieser Welt? Und würde von Vertretern des orangen Mems zu hören bekommen: Wir machen zu wenig aus unseren Möglichkeiten. Wir trauen uns zu wenig zu, gehen zu wenig Risiken ein und sind zu träge darin, unser Potenzial wirklich kreativ auszureizen. Wir verstecken uns hinter Traditionen und Ordnungen, die unser Versagen kaschieren und meiden die Verantwortung für uns selbst. Wir sind unfähig, unser Glück richtig zu genießen und den psychologischen (oder auch institutionellen) Ballast abzuwerfen, der uns daran hindert, voran zu kommen. Von den sieben Todsünden bleibt hier im Grunde nur die Trägheit übrig. Spiritualität ist ein Weg, das eigene Leistungsvermögen und Wohlbefinden zu steigern. Dafür lässt man sich zumindest oberflächlich auf Religion ein, bevorzugt aber unverbindlich-individualistische Richtungen.

Orange Versionen von “Kreuzestheologie” werden folglich das “pro nobis” der Erlösungstat betonen, den Erfolg Christi gegen alle Kräfte, die Freiheit beschränken und erfülltes Leben mindern, hervorheben, seine übermenschliche Leistung hervorheben, von der wir nun profitieren – und umgekehrt das Leid wie auch den Gedanken des Scheiterns in den Augen der Welt herunterspielen. Das wird am einfachsten dadurch erreicht, dass man den unmittelbaren Nutzen des Kreuzestodes herausstellt: In Christus sind wir körperlich geheilt, der Weg zum guten Leben (Wohlstand) ist uns geebnet, als Kinder Gottes haben wir einen begründeten Anspruch (!) auf Glück, gute Energien werden freigesetzt.

Bekehrung bedeutet den Aufbruch zu neuen, größeren Abenteuern, die Verwirklichung der individuellen Berufung und geistlichen Begabung, oft auch die Gründung neuer Gemeinschaften und Projekte. Die Aufgabe des Christen ist nun, ein entsprechendes Bewusstsein zu entwickeln, das das gute Leben antizipiert (Glaube) und ihm so den Weg ebnet. Prinzipiell sind dem, der mit Gott im Bunde ist, keine Grenzen des Erfolgs gesetzt.

Stark (aber nicht immer ausschließlich) orange gefärbtes Christentum findet man im undogmatischen Individualismus der charismatischen Bewegung, bei den pragmatischen Evangelikalen wie Hybels und Warren, im evangelischen Münchenprogramm (das überholte Hierarchien verflüssigt), deutlich problematischer und unangenehmer in den verschiedenen (in ihrem Grundimpuls asozialen) Versionen des Wohlstandsevangeliums.

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Kurz vor Schluss

… muss ich mit meinen Jungs heute Feuerwerk einkaufen, das an Neujahr dann in Rauch aufgeht.

Apropos Qualm, mich erfreut die Perspektive auf rauchfreie Cafes und Kneipen im neuen Jahr ungemein: Bayern bekommt das schärfste Rauchverbot der Republik. Nur noch drei Tage, und ich kann Cappuccino trinken ohne nach Zigaretten zu riechen.

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Glaubensspiralen (1): Blau

Um eine Antwort auf die Fragen von neulich zu finden, greife ich auf die schon mehrfach erwähnten Spiral Dynamics zurück. Es handelt sich um ein spiralförmig (also nicht einfach linear) vom Einfachen zum Komplexen ansteigende Folge von “Werte-Mems”. Darunter versteht man ein System kollektiver menschlicher Anpassungsintelligenzen, die sich als Reaktion auf bestimmte Lebensbedingungen entwickeln. Die späteren Schichten umlagern wie in einer Baumrinde die früheren, so dass in einer Gesellschaft wie bei einem Individuum gleichzeitig an unterschiedlichen Stellen unterschiedliche Muster aktiv sein können. Daher eignet sich diese Theorie (die eher deskriptiv als hegelmäßig-teleologisch funktioniert), um komplexe Veränderungsprozesse zu beschreiben. Es ist natürlich eine Schablone, aber für unseren Zweck eine hilfreiche, wie ich meine.

Ich überspringe die Darstellung der ersten drei w-Meme (instinktives beige, magisches purpur und egozentrisches rot), da sie für die aktuelle Fragestellung nur eine untergeordnete Rolle spielen (einen Überblick findet Ihr hier), und steige gleich mit der vierten Ebene ein.

Sünde wird im ordnungsliebenden blauen Mem verstanden als ein Verstoß gegen absolute, heilige oder kategorische Ordnungen, als Verletzung von Pflichten, das Leugnen objektiver Wahrheiten. Sie muss daher emotionslos und konsequent verfolgt werden, weil sonst das große Ganze in seinem Zusammenhalt bedroht ist und “rote”, rücksichtslose Anarchie ausbricht.

Folglich erscheint in blauer Verkündigung das Kreuz als Tilgung objektiver Schuld durch einen Ausgleich, eine Transaktion höherer Ordnung, als vollkommene Erfüllung des Gesetzes, das durch diese bestätigt und nicht etwa aufgehoben wird. Im blauen Mem hat unschuldiges Leiden seinen Platz innerhalb der Ökonomie eines großen, ewigen Sinnzusammenhangs.

Bekehrung bedeutet schließlich in diesem Mem, vom Feind der traditionellen Ordnung und absoluten Wahrheit zu ihrem Anhänger und Unterstützer werden, indem man sich ihrem Anspruch und ihrer Autorität bedingungslos unterwirft. Das schließt eine gewisse Neigung zur Gesetzlichkeit und ein binäres Schwarz-Weiß-Denken ein. Zweifler und Abtrünnige werden als noch schlimmere Bedrohung verstanden als die “Sünder” und “Heiden”, die sich noch nie dafür interessiert haben. Die Gerechten erwartet himmlischer Lohn, allerdings erfordert dieser geduldiges, treues und diszipliniertes Warten. Die Ungerechten dagegen ernten die Früchte ihrer Rebellion.

Weitgehend blaue Versionen des Christentums sind klassische Evangelikale (Billy Graham wird bei Don Beck explizit genannt), konfessionelle Traditionalisten, und in der eher unangenehmen Form jeglicher christliche Fundamentalismus, Puritanismus und Dogmatismus. Es werden institutionelle Formen bevorzugt mit einem hohen Grad an Homogenität.

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Abbremsen oder ganz aussteigen?

Die Zeit befasst sich ausführlich mit Kontrastprogrammen zum üblichen Konsum und interviewt den Soziologen Hartmut Rosa zum Thema Entschleunigung. Der findet, dass man nicht immer Gas geben kann:

… der flexible Mensch funktioniert nicht. Aus zwei Gründen. Wenn alle flexibel werden, haben wir keine Gesellschaft mehr. Heute haben wir flexible Eliten, die auf stabile Hintergrundbedingungen treffen. Das geht. Aber wenn alle flexibel sind, wenn alle jetten, geht nichts mehr. Dann haben wir rasenden Stillstand.

(…) Das Versprechen des Reichtums und des technischen Fortschritts war, uns frei zu machen, so zu leben, wie wir wollen. Wenn wir uns aber ständig ändern müssen, um uns den selbst geschaffenen Zwängen anzupassen, ist dieses Versprechen pervertiert. Dann leben wir nicht mehr, wie wir wollen, sondern wie eine von uns selbst in Gang gesetzte Maschine es erzwingt.

Und im Gespräch mit der Trendforscherin Faith Popcorn erscheint dieses Postulat schon als ein Trend, der sich abzeichnet:

Einige schaffen es. Wir haben eine Menge Leute kennengelernt, die aufs Land ziehen, in den Mittleren Westen, in ein einfacheres Leben. Die sagen, sie seien viel glücklicher. Die machen ihr eigenes Unternehmen auf, weil sie sagen, sie waren unglücklicher bei ihrem früheren Arbeitgeber, großen Unternehmen. Vor allem Frauen sagen das.

Und weiter sagt sie:

Aktivismus ist der neue Narzismus. Er ersetzt unsere heutige Obsession mit uns selbst. Unsere nächste Obsession wird es also sein, mit einem guten Zweck assoziiert zu sein. (…) Ich sage Ihnen, was diese ganze Arbeit mit Marken erzeugt: Die Anti-Marke. Den Wunsch, in einer Welt zu leben, die einfacher ist. Nicht überall Marken, Marken, Marken. Ich will meine eigene Marke sein! Meine eigene Persönlichkeit!

Da bieten sich doch eine Menge Anknüpfungspunkte für einen bewussten christlichen Lebensstil. Aber es ist alles nicht so leicht: Spiegel online hält dagegen mit einer kritischen Betrachtung des Typs “Aussteiger”. Nicht ganz frei von Polemik, aber es sind gute Beobachtungen darunter:

Der Aussteiger ist mitteilungsbedürftig. Er muss über sich reden, wieder und wieder, da seine neue Identität durch Kommunikation begründet wird. Da sein Profil erst in Abgrenzung sichtbar wird, neigt er zu Arroganz gegenüber jenen, denen er ein tristes, angepasstes Leben unterstellt.

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Weihnachtliche Kontraste

Die Feiertage sind vorüber und boten eine bunte Mischung von Erlebnissen. Am Heiligabend ein schöner und abwechslungsreicher Gottesdienst, nachdem wir in letzter Minute unseren fast verschollen geglaubten Beamer noch im Büro fanden. Danach ein Fondue mit unseren mächtig aufgekratzten Kindern.

Am ersten Feiertag auf dem Weg zu meinen Schwiegereltern dann der harte Kontrast: Bei Schwabach auf der A6 bremsten vor uns einige Autos, wir auch, und auf der rechten Spur lag regungslos ein Mensch, der offenbar von der Brücke gestürzt war. Wir hielten an, aber nachdem schon etliche andere Leute an der Unglücksstelle waren und die Polizei eintraf, schien es sinnvoller, weiter zu fahren. Heute steht in der Zeitung, dass eine 34jährige Frau wegen familiärer Probleme 7 Meter in die Tiefe gesprungen war. Sie ist aber – Gott sei Dank! – außer Lebensgefahr.

Eine halbe Stunde später wieder Familie, Feiern, Gespräche. Unbeholfene, aber unterhaltsame Flugübungen mit unserem Mini-Helikopter. Ab und zu wandern meine Gedanken zurück zu dem regungslosen Körper auf dem Asphalt. Zweimal in zehn Wochen Beinahe-Augenzeuge bei einem Suizid, das macht nachdenklich, selbst wenn das zweite Mal nur ein “Versuch” war.

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Weihnachten und die letzten Dinge

Jesus war für die meisten seiner Zeitgenossen ein extrem gewöhnungsbedürftiger Messias, weil er viel zu friedlich und gewaltlos daherkam. Programmatisch wird das in seiner ersten Predigt in Kapernaum, wo er Jesaja 61 zitiert und das Gnadenjahr ausruft, aber genau da abbricht, wo (das wissen seine Hörer ganz genau) von Gottes Vergeltung die Rede ist.

Manche Christen sagen nun: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, beim ersten Kommen war Jesus lieb und sanft, aber beim zweiten Kommen wird er all das nachholen, das Zuckerbrot gegen die Peitsche tauschen – und dann folgten unterschiedliche Visionen göttlichen Zorns, von Strafe und Vergeltung (und ja, es lassen sich manche Bibelstellen so auslegen – nur, ist das sachgemäß?).

Das Problem dabei ist nämlich, dass das gesamte NT davon spricht, dass Gott sich in Christus (genauer: in dem irdischen Jesus) umfassend offenbart hat. Wer also denkt dass Jesus bei seiner Wiederkunft Gerechtigkeit (das hoffen alle Christen) aufrichtet, indem er primär bestraft, vergilt und vernichtet, der nimmt diese Aussagen nicht ernst. So gesehen hätte sich Gott in Christus nämlich gar nicht offenbart, sondern als nett und freundlich verstellt, um später doch noch gewalttätig zu werden. Zudem begeht man denselben Fehler wie die Pharisäer und Schriftgelehrten zur Zeit Jesu (die konnten sich auch auf Bibelstellen berufen, aber das hat Gott anscheinend nicht davon abgehalten, genau diesen Weg zu wählen).

Also dürfen wir alle gespannt sein, wie Jesus bei seinem zweiten Kommen sich wieder als die Liebe zeigt, die sich selbst verschenkt und bis ins größte Extrem geht, um das Verirrte zu finden und zu versöhnen. Das finde ich eine wahrhaft weihnachtliche Perspektive auf die letzten Dinge. Dann hätten wir aus dem ersten Kommen vielleicht wirklich etwas gelernt.

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Wir sahen seine Herrlichkeit…

Gottes Herrlichkeit … ist weder ätherisch noch abgehoben, sondern sie ist Schönheit, Menge, Überfluss, Kabod: sie hat Gewicht, Dichte und Präsenz. Zudem ist sie gesehen worden – in Form eines Sklaven (…).
Am Ende ist das, was Menschen am Christentum anzieht, eine konkrete und besondere Schönheit, weil eine konkrete und besondere Schönheit seine tiefste Wahrheit ist.

David Bentley Hart

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Frommes Geschäft

Passend zum konsumbesetzten Fest bringt der Spiegel einen Bericht über geschäftstüchtige Christen in den USA: Kritisch bis polemisch, sicher nicht in allen Details über Zweifel erhaben, aber in der Grundrichtung wohl zutreffend und ernüchternd, vor allem wenn es auch noch ums Wohlstandsevangelium geht. Brennpunkt ist offenbar Florida:

In der diesjährigen Weihnachtsshow der First Baptist Church von Fort Lauderdale etwa reiten die Heiligen Drei Könige auf echten Kamelen ein. Das Spektakel mit 600 Schauspielern und Feuerwerk wird von Broadway-Choreografen inszeniert und kostet 1,3 Millionen Dollar.

Die Verschwendung greift immer weiter um sich, wie der Fall der Without Walls International Church zeigt. Die Kommerz-Kirche in Tampa macht Schlagzeilen, weil Bischof Randy White und Pastorin Paula White angeblich Kirchenmittel missbrauchen. Firmenjet, Strandvilla und ein Multi-Millionen-Dollar-Apartment in Manhattan gehören zum Lebensstil des stets braungebrannten, blonden Seelsorgerteams, das inzwischen in Scheidung lebt. Um die Finanzierung der Schönheitsoperationen der beiden gibt es öffentlich ebenso Streit wie um das Bentley-Cabrio, das sie einem befreundeten Pastor geschenkt haben. “Der Feind greift uns wegen unseres Glaubens an, aber der Teufel lügt”, sagte Randy White dazu jüngst in einer Predigt

Und noch eine Nachricht passt in dieses Bild – in einem argentinischen Themenpark findet indes Weihnachten in Disneyland-Manier jede halbe Stunde statt…

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