Weisheit der Woche: Echte Freude

Ich habe neulich ein zweifelhaftes Zitat von Ralph Waldo Emerson hier gepostet, hier folgt ein unzweifelhaftes Zitat von George Bernard Shaw aus dem Vorwort zu Man und Superman:

Die echte Freude im Leben ist es, wenn man für eine mächtige Sache gebraucht wird; dass man gründlich strapaziert wird, bevor man auf den Kompost wandert; eine Naturgewalt zu sein und kein fiebriger, selbstsüchtiger kleiner Trauerkloß mit seinen Wehwehchen, der darüber jammert, dass die Welt sich nicht darum dreht, dich glücklich zu machen. Und auch die einzige echte Tragödie im Leben ist die, wenn man von Menschen, die auf sich selbst bedacht sind, für niedere Zwecke benutzt wird. Alles andere ist schlimmstenfalls Missgeschick oder Sterblichkeit.

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Pogrom und Provokation

Eigentlich hat Erzbischof Gerhard Ludwig Müller gar nichts Neues gesagt im Gespräch mit der Welt. Ich fand es dennoch interessant, weil es Parallelen aufweist zu der innerevangelikalen Diskussion um die Position, die man im Blick auf eine pluralistische Gesellschaft einnimmt oder einnehmen sollte.

Müller als Wortführer des konservativen Establishments schlägt da alarmistische Töne an und zieht einen Vergleich zur Zeit des Nationalsozialismus und Kommunismus. Damals wurde die Kirche von der gleichgeschalteten Presse gezielt ins denkbar schlechteste Licht gerückt (wie andere Staatsfeinde auch…), um den Weg für Repressalien zu ebnen. Müller nennt das eine künstlich erzeugte Wut und spricht von einer drohenden „Pogromstimmung“. Diese äußerst provozierende Formulierung hat ihm verständlicherweise viel Kritik eingebracht.

Die Ursache für die beklagten Feindseligkeiten liegen für ihn offenbar nicht so sehr in den Fehlern seiner Kirche, sondern in dem, was sie richtig macht. Daher kritisiert er als nächstes jene innerkirchlichen Forderungen nach Reform, die für ihn am „Wesentlichen“ vorbeigehen. Da schließt er eine Veränderung an drei Stellen kategorisch aus und erklärt damit auch jeden Dialog zu diesen Themen von vornherein für überflüssig: Die Ordination von Frauen, den Pflichtzölibat für Priester und die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Und immer verweist er dabei auf die Bibel und die katholische Auslegungstradition. Dass diese Dinge und mit ihnen der abgrundtiefe Frust vieler Katholiken das „Wesentliche“ – nämlich die Weitergabe des Glaubens durch Katechese und Sakrament – gravierend erschweren oder verhindern können, darauf nimmt Müller keinen Bezug. Der Ruf nach den oben genannten Reformen und die damit einhergehende Uneinigkeit lenkt aus seiner Sicht anscheinend nur von den eigentlichen Aufgaben ab.

Nun lässt sich nicht leugnen, dass Christen und Kirchen in der Öffentlichkeit hier und da angefeindet werden. Das ist die neue Normalität eines nachchristlichen Pluralismus, dass man nicht mit Samthandschuhen angefasst wird. Die spannende Frage ist ja: Wie reagieren die Kirchen? Schon der Versuch, die Vielstimmigkeit nun zu Totalitarismus umzudeuten und die Kritiker – und sei es so verklausuliert wie hier – in die Nähe von Rassisten und Nazis zu rücken, erinnert trotz aller Unterschiede im Ton an die frustrierten weißen Konservativen in den USA, die freilich in ihren haarsträubenden Gleichsetzungen von Obama und Hitler alle Hemmungen fallen gelassen haben. Ist das nicht ein weiterer Schritt zu einem Schwarz- (oder Braun?)/Weiß-Kontrast und einer unterschwelligen Dämonisierung, die man doch eigentlich – wenigstens da, wo sie einen selbst betrifft – verhindern will?

Mit dieser Wagenburgmentalität (hier drinnen die aufrechten Verteidiger des wahren Glaubens, draußen die Feinde Gottes) kann man nun nach innen auf Einheit und Geschlossenheit drängen. Im Kulturkampf des 19. Jahrhunderts hat das funktioniert: Bismarcks Angriff auf die katholische Kirche hat den Modernismusstreit (dessen Neuauflage wir gerade erleben) in Deutschland entschieden und die Katholiken hinter dem Papst versammelt. Ich glaube dennoch nicht, dass die Rechnung ein zweites Mal aufgeht. Aber wer weiß, vielleicht kommt ja irgendwann eine Art Syllabus Errorum 2.0?

Die gleiche Dynamik ist punktuell (auch Müller spricht ja nicht für die Gesamtheit der Katholiken oder auch nur der Bischöfe!) im evangelikalen Spektrum anzutreffen: Kritik und Widerstand reflexartig in Christenverfolgung umzudeuten und Abweichler in den eigenen Reihen – mal subtil, mal drastisch in der Wortwahl – als Komplizen und Kollaborateure der Verfolger erscheinen zu lassen. Vielleicht hilft ja der distanzierte Blick auf die katholischen Mitchristen beim Nachdenken darüber, wie sinnvoll so ein Kurs tatsächlich ist.

Eines jedenfalls fällt auf: Über einen oder sogar zwei der drei Punkte, bei denen Erzbischof Müller absolut keinen Interpretationsspielraum sieht, sind viele ja schon weg…

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Hin- und hergerissen

Rowan Williams hat es empfohlen, Brian McLaren fand es stark, und Tony Campolo hat es zur Pflichtlektüre erklärt: Torn. Rescuing the Gospel from the Gays-vs.-Christians Debate von Justin Lee. Ich werde in den nächsten Wochen den einen oder anderen Erkenntnisgewinn aus der Lektüre hier posten.

Bisher war es ein großer Gewinn. Lee schreibt sehr persönlich, wie er in einem sehr liebevollen christlichen Elternhaus groß wurde und als Jugendlicher entdeckte, dass er homosexuell ist. Damit begann die Suche nach Erklärungen, nach Verständigung, nach einer überzeugenden Perspektive für sein Leben als bewusster Christ. Der Mann ist hochintelligent und hat eine gute Art zu schreiben. Nicht die schlechteste Ausgangslage!

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Den Apfel madig machen: Lektionen in Unzufriedenheit

Was ist nicht wieder alles geschrieben worden über Apple in den letzten Tagen. Der Börsenkurs bricht ein, die Innovationskraft sei erlahmt, ja ganz Amerika drohe womöglich nun der technologische Abstieg. Jeder schien plötzlich seinen Senf dazugeben zu müssen, dass wir nicht wie inzwischen scheinbar gewohnt schon „the next big thing“ geliefert bekommen haben.

Ein Artikel jedoch schien gegen den Strom geschrieben: Schneller, flacher, Stopp vom Sophie Crocoll in der SZ. Sie erinnert daran, dass vor der Veröffentlichung des iPhone sage und schreibe fünf Jahre lang das Motorola Razr stilprägend war. Heute liegen die Produktzyklen bei sechs bis neun Monaten, nur Apple kann sich längere Pausen leisten als die Konkurrenz aus Korea und Taiwan.

Oder sollte ich sagen: konnte?

Immherin haben sie unter Steve Jobs gleich mehrmals das Rad mit Erfolg neu erfunden. Aber das geht eben nicht unbegrenzt oder auf Knopfdruck. Neulich postete ein Fanboy auf Facebook, Apple habe seine Zuneigung bald verspielt, wenn nicht der nächste große Wurf käme. Nur: Wie sollte der aussehen? Crocoll stellt nüchtern fest:

Aus der Revolution ist aber eine Evolution geworden. Und selbst die ist oft kaum zu erkennen. … Den Wettbewerb um die Kunden gewinnt, wer die beste Marketingmaschine bewegt. Längst zelebriert nicht mehr nur Apple seine Produktvorstellungen als Event. Bei jedem Branchentreffen präsentieren die Hersteller das flachste, das schnellste Handy der Welt – bis auch das, oft nur wenige Wochen später, seinen Status wieder verliert.

Bei William Cavanaugh bin ich auf den Begriff der „fabrizierten Unzufriedenheit“ (manufactured dissatisfation) gestoßen. Sie ist ein Schlüsselfaktor der Konsumgesellschaft: Kaum hat man ein Produkt erworben, kommt eine noch attraktivere und leistungsfähigere Version auf den Markt, die Begehrlichkeit weckt. Ebay lebt zum großen Teil davon, dass man die alten Geräte dort vertickt, weil man sich gerade wieder das Neueste geleistet hat. Crocoll dazu:

Früher haben die meisten Menschen ein neues Handy gekauft, wenn das alte kaputt ging. Nun wechseln sie das Gerät spätestens, wenn nach zwei Jahren der Vertrag mit dem Mobilfunkanbieter ausläuft. … Die Kunden sind auf das Karussell aufgestiegen und sie treiben es an: Wer stets das neueste Smartphone kauft, so scheint es vielen, bleibt selbst modern. Auch, wenn er den zusätzlichen Speicherplatz oder das bessere Mikrofon weder braucht noch nutzt.

Erfinder dieses Prinzips der „fabrizierten Unzufriedenheit“ war Charles Kettering von General Motors. Im Jahr 1929 (!) schrieb er einen Artikel mit der Überschrift: Keep the consumer dissatisfied. Aber die ganze Entwicklung führt in die Sackgasse: Finanziell, ökologisch, sozial und psychisch – wer sich ständig die Karotte vor die Nase hängen lässt, zieht den Karren der Konzerne bis zur völligen Erschöpfung. Wer sich einmal hat vorgaukeln lassen, dass sein Lebensglück an einem Gerät aus der Massenproduktion hängt, der liefert brav sein Geld ab, wenn das nächste überflüssige Detail verbessert wurde. Vielleicht sieht man das heute, über 80 Jahre nach Kettering und vier Jahre nach der „Abwrackprämie“, besser denn je. Wir hängen nicht mehr an unseren Sachen, schreibt Cavanaugh. Kaum haben wir sie, wollen wir sie schon wieder loswerden.

Falls irgendwer mal wieder einen echten Quantensprung hinlegt, sagt mir Bescheid. Es muss nicht Apple sein, vielleicht wird ja was aus dem fair produzierten Smartphone. Ich habe zum Glück keine Aktien aus Cupertino und die Computer habe ich gekauft, weil man nicht so oft einen neuen brauchte wie bei der Konkurrenz. Denn das ist der Punkt: Wenn Kunden und Konzerne nicht auf die Bremse treten (und sich Zeit nehmen zum Nachdenken, was sinnvoll wäre), dann gibt es keine richtigen Neuentwicklungen mehr, schreibt Crocoll.

Könnte jemand vielleicht die Werbung und das Konsumverhalten neu erfinden? Oder, besser noch, die Zufriedenheit?

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Weisheit der Woche: Erfolg haben

Oft und viel zu lachen; sich die Achtung intelligenter Menschen und die Zuneigung von Kindern zu verdienen; von ehrlichen Kritikern geschätzt zu werden und den Verrat falscher Freunde auszuhalten; Schönheit zu schätzen zu wissen; das Beste in anderen zu entdecken; die Welt ein bisschen besser zurückzulassen, sei es durch ein gesundes Kind, ein Stück Garten, ein gelöstes soziales Problem; zu wissen, ein Mensch atmete auf, weil man gelebt hat. Das bedeutet es, erfolgreich zu sein.

Ralph Waldo Emerson via minemergent

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Edith Stein und die Suche nach der Wahrheit

Passend zum historischen Datum habe ich gestern Die Jüdin Edith Stein gesehen. Erzählerisch bleibt es hinter Hannah Arendt weit zurück, wenn man sich mit der Person befassen will, ist es trotzdem kein schlechter Einstieg.

Die Geschichten beider Frauen ähneln sich ja an manchen Stellen: Sie waren beide Jüdinnen und Philosophinnen, die eine Schülerin von Husserl, die andere von Heidegger, beide erleben einen schmerzlichen Bruch mit Familie oder Freundeskreis. Aber Hannah Arendt wanderte aus, Edith Stein trat in den Karmelitinnenorden ein und starb schließlich in Auschwitz.

Von der Kontroverse um das Verhältnis zwischen katholischer Kirche und Edith Stein berichtet dieser Spiegel-Artikel von 1987.

Ein kurzes Portrait zum 120. Geburtstag von Edith Stein erschien im Dezember 2011 im Schlesien Journal:

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Schaudern und Staunen, oder: Showdown und „Showup“

Unsere Zeit scheint, wenn man dem Hollywood-Kino glauben darf, auf Untergangsszenarien aller Art abzufahren. Blockbuster wie Godzilla, Deep Impact, I am Legend oder 2012 – Das Ende der Welt haben die sorgfältig verdrängten kollektiven Ängste zum Beispiel thematisiert. Dort wird die Beschäftigung mit der Katastrophe zu Katharsis, zur läuternden Erfahrung: Angesichts einer Gefahr, die allen gilt, und von Leid, das jeden trifft, finden die Völker der Erde und einzelnen Menschen über alle trennenden Grenzen zurück zur ersehnten Einheit. Und nachdem die monströse Gefahr oft selbstverschuldet ist, weil wir Menschen viele der dort gezeigten Szenarien zu verantworten haben, ist damit oft auch die Einsicht verbunden, dass wir uns nicht beklagen können, wenn es knallt. Man darf auf seinem Plüschsessel im verdunkelten Kinosaal ein paar Sekunden über diese latente Ahnung nachdenken, dass es möglicherweise nicht gut enden könnte, wenn wir alle so weiter machen. Am Ende geht man erleichtert nach Hause und hofft, dass der künstliche Schrecken uns irgendwie besser gemacht hat.

Jede Zeit, jeder Kulturkreis hat eine eigene Untergangssymbolik. Seit der Antike sind Städte Sinnbild solcher Abrechnungen: Ninive und Babylon im Alten Orient, Rom in der Spätantike und wieder im Spätmittelalter – und heute lässt jeder Regisseur, der etwas auf sich hält, New York City untergehen, die Stadt ist das Symbol der modernen Zivilisation schlechthin. Der Unterschied heute ist, dass die Krise zum Dauerzustand geworden ist: Ökologisch, wirtschaftlich, sozial und kulturell. Dabei tritt die Frage nach Einzelschicksalen zurück, das gefährdete Überleben Menschheit als Ganzes dagegen rückt in den Vordergrund. Ganz ähnlich ist es auch in Offenbarung 18,1-3 der Fall. Ich zitiere nach der NGÜ:

Danach sah ich einen Engel, der vom Himmel herabkam. Er war mit großer Vollmacht ausgestattet, und die Erde wurde vom Glanz seiner Herrlichkeit erleuchtet. Mit gewaltiger Stimme rief er: »Sie ist gefallen! Gefallen ist die mächtige Stadt Babylon! Sie ist zu einer Behausung der Dämonen geworden, zum Tummelplatz von bösen Geistern aller Art, zum Nistplatz aller unreinen Vögel und zum Schlupfwinkel für alles unreine und Abscheu erregende Getier. Denn alle Völker haben vom Wein ihrer Unmoral getrunken und damit den furchtbaren Zorn Gottes über sich gebracht. Die Mächtigen der ganzen Erde waren ihre Liebhaber, und die maßlose Verschwendungssucht dieser Hure brachte dem Handel einen solchen Aufschwung, dass die Geschäftsleute in aller Welt dadurch reich wurden.«

Babel reloaded

Schon im Jesajabuch ist Babylon das Urbild der rabiaten Supermacht. Jahrhundert später noch gilt es als Inbegriff von Prunk, Größenwahn und monströsem Götzenkult. Seine Selbstherrlichkeit und maßlose Gier fordern das Gericht Gottes heraus, dessen Boten das Schlimmste zu befürchten haben, wie das Danielbuch schildert. In Markus 13 beschreibt Jesus die Stadt Jerusalem als eine Art „Babel reloaded“ und kündigt ihr die Zerstörung an, die im Jahr 70 auch tatsächlich eintritt. Und nachdem dies nun schon geschehen ist, rückt Rom, die „ewige Stadt“, ins Visier des Sehers Johannes. Diesmal wird es noch bis zum August 410 dauern, aber dann gehen auch in Rom die Lichter aus. Die Initiative dafür, daran lässt Johannes keinen Zweifel, liegt bei Gott:

Nun hob ein mächtiger Engel einen Stein hoch, der so schwer war wie ein riesiger Mühlstein, schleuderte ihn ins Meer und rief: »Genauso wird es Babylon ergehen, der großen Stadt! Mit aller Wucht wird sie in die Tiefe geschleudert werden, und nichts wird von ihr übrig bleiben. Weder Harfenklänge noch Gesang, weder Flötenspiel noch Trompetenschall werden je wieder in deinen Mauern zu hören sein, Babylon. Kein einziger Handwerker wird je wieder sein Handwerk in dir ausüben. Nie wird man deine Mühlen wieder mahlen hören. Das Licht deiner Lampen ist für immer erloschen und der Jubel von Bräutigam und Braut für immer verstummt.

So wird es dir ergehen, Babylon, weil deine Geschäftsleute auf der ganzen Erde als die großen Herren auftraten und weil du mit deinem verführerischen Zauber alle Völker irregeleitet hast. Ja, so wird es der Hure Babylon ergehen, weil an ihren Händen Blut klebt – das Blut der Propheten, das Blut derer, die zu Gottes heiligem Volk gehören, und überhaupt das Blut aller, die je irgendwo auf der Erde umgebracht wurden.« (18,21-24)

Drei Gruppen treten aus dem Chor der Entsetzten hervor: Die Könige, die Kaufleute und die Kapitäne. Heute würden wir vermutlich sagen: Promis und Politiker, Banker und Börsianer, Vielflieger und Logistikexperten. Die Profiteure des weltumspannenden Ausbeutungssystems betrachten fassungslos, wie ihre Weltordnung untergeht. Eine Ordnung, die anderen Menschen den Preis für den eigenen Luxus abverlangt, wo die Unfreiheit vieler die grenzenlose Freiheit Weniger ermöglicht, wo dem Ruhm und Glanz einer Elite die Menschenwürde der Mehrheit geopfert wird. Und das alles im Namen des Gott-Kaisers. Die weinenden Kaufleute beschreiben auch noch genau, um welche Luxusgüter es sich im einzelnen handelt.

Untergang und Aufgang

Jürgen Roloff schrieb zu diesem globalen Showdown: „Der Zusammenbruch einer Wohlstandsgesellschaft ist hier geschildert, deren unersättliche Gier nach kostbaren Gütern Folge und Symptom ihrer Vergötzung menschlicher Macht und Möglichkeiten ist.“ Das klingt erschreckend modern! Und wie bei unseren modernen „Apokalypsen“, ob nun durch Krieg oder Klimawandel, nuklearen oder ökonomischen SuperGAU herbeigeführt, hinter denen wiederum nur der alte Expansions- und Eroberungsdrang, die gnadenlose Ausbeutung von Mitmensch und Natur stehen, ist hier völlig klar, dass der Schrecken, den Rom jahrhundertelang exportiert hat, nun mit Zinsen an seinen Ursprungsort zurückkehrt: „Handelt an ihr, wie sie selbst gehandelt hat! 
Zahlt ihr doppelt zurück, was sie anderen angetan hat“, heißt es im Text.

Da, wo unsere Filme normalerweise enden, ist für Johannes noch lange nicht Schluss. Die eine Stadt wird untergehen, aber eine andere geht auf. Im Kapitel 21 lesen wir:

Danach sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde. Der frühere Himmel und die frühere Erde waren vergangen; auch das Meer gab es nicht mehr. Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, schön wie eine Braut, die sich für ihren Bräutigam geschmückt hat. Und vom Thron her hörte ich eine mächtige Stimme rufen:

»Seht, die Wohnung Gottes ist jetzt bei den Menschen! Gott wird in ihrer Mitte wohnen; sie werden sein Volk sein – ein Volk aus vielen Völkern, und er selbst, ihr Gott, wird immer bei ihnen sein. Er wird alle ihre Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben, kein Leid und keine Schmerzen, und es werden keine Angstschreie mehr zu hören sein. Denn was früher war, ist vergangen.«

Daraufhin sagte der, der auf dem Thron saß: »Seht, ich mache alles neu.«

Es folgt eine Beschreibung vollkommener Maße und Materialien, die alles in den Schatten stellen: Die neue Stadt, die vom Himmel auf die Erde herabkommt, ist ein Würfel (der galt damals als ideale geometrische Form) von rund 2000 km Kantenlänge. Die ganze Szene erinnert an Ezechiels Vision des neuen Tempels, aber die Schilderung ist dramatisch gesteigert, Stadt und Tempel sind zu einer Gesamtheit verschmolzen:

Die Mauer war aus Diamanten gebaut, und die Stadt selbst bestand aus reinem Gold, das wie geschliffenes Kristall schimmerte und glänzte. … Die zwölf Stadttore bestanden aus zwölf Perlen; jedes Tor war aus einer einzigen Perle geformt. Und die breite Straße, die mitten durch die Stadt führte, war aus reinem Gold und durchscheinend wie Kristall.

Einen Tempel sah ich nicht in der Stadt. Der Herr selbst, der allmächtige Gott, ist ihr Tempel, er und das Lamm. Auch sind weder Sonne noch Mond nötig, um der Stadt Licht zu geben. Sie wird von der Herrlichkeit Gottes erhellt; das Licht, das ihr leuchtet, ist das Lamm. Die Völker werden in dem Licht leben, das von der Stadt ausgeht, und von überall auf der Erde werden die Könige kommen und ihren Reichtum in die Stadt bringen. Die Tore der Stadt werden den ganzen Tag geöffnet sein; mehr noch: Weil es dort keine Nacht gibt, werden sie überhaupt nie geschlossen. Die herrlichsten Schätze und Kostbarkeiten der Völker werden in die Stadt gebracht. Aber etwas Unreines wird dort niemals Einlass finden.

Der Engel zeigte mir auch einen Strom, der wie Kristall glänzte; es war der Strom mit dem Wasser des Lebens. Er entspringt bei dem Thron Gottes und des Lammes und fließt die breite Straße entlang, die mitten durch die Stadt führt. An beiden Ufern des Stroms wächst der Baum des Lebens. Zwölfmal im Jahr trägt er Früchte, sodass er jeden Monat abgeerntet werden kann, und seine Blätter bringen den Völkern Heilung.

Alles wird neu

Nicht nur die Architektur, nicht nur die materielle, äußere Seite, sondern auch die unsichtbare, innere, spirituelle Seite des Lebens (der neue „Himmel“). Das unheimliche Meer, dem in Kapitel 12 und 13 die Monster entstiegen waren, ist verschwunden. Nun entfaltet sich Gottes Stil der Globalisierung: Tore und Mauern der Stadt grenzen hier nicht mehr aus, sie haben nur noch dekorativen Charakter und stehen ständig offen, für alle Völker und Kulturen. Der vorhandene Reichtum wird geteilt statt gehortet und verteidigt. Und um die Stadt herum, ja schon mitten in ihr, entsteht ein Paradiesgarten: Natur und Kultur sind versöhnt, kein Mensch herrscht über den anderen mehr.

Unsere Untergangsszenarien handeln vom albtraumhaften Ende ohne neuen Anfang, hier überstrahlt der Anfang das Ende. Zwar fällt auf: Auch unsere großen Städte haben schon Bewohner aus aller Welt und brauchen kaum noch natürliches Licht, man kann rund um die Uhr arbeiten und einkaufen, studieren und sich die Zeit vertreiben. Mit immer höheren Wolkenkratzern imitieren wir sogar die kubische Form des neuen Jerusalem. Aber es ist eben nicht Gottes Herrlichkeit, die sie beleuchtet, nicht die Liebe des Schöpfers zu seiner Welt und den Menschen, die alles regiert. Und das Kunstlicht kann nicht verdecken, dass viele unter den Schattenseiten des Lebens leiden. Noch lange nicht alle Ängste sind beseitigt, nicht alle Tränen getrocknet. Mehr als eine müde Parodie will uns noch nicht so recht gelingen.

Was bedeutet das für uns hier und jetzt?

In manchem erinnert die Szene an die Jahreslosung 2013: „Wir haben keine bleibende Stadt, sondern suchen die Kommende.“ Es gibt eine richtige und eine falsche Identifikation mit unserer Zivilisation. Die falsche wäre: Wer in Rom/Babel/NewYork/Shanghai aufgeht, seine Selbstgefälligkeit übernimmt und die Augen vor der Not und dem Unrecht verschließt, geht mit unter. Denn Babel und seine Abziehbilder aller Art „bleiben“ nicht. Jedes Unrechtsimperium trägt dem Keim der Selbstzerstörung schon in sich. Das ist erst einmal eine befreiende Botschaft!

Denn der eine Gott steht vor allem auf der Seite derer, die die Kosten für Fortschritt, Wachstum und billige Produktion tragen. Derer, die außen vor bleiben im Wettlauf um Konsumgüter und sozialen Aufstieg. Hier kommt die richtige Identifikation ins Spiel: Mit unserer begrenzten Kraft können wir nicht gleichgültig, aber doch gelassen ausharren in einer Welt, auf die der Schatten des Gerichts schon fällt, aber auch der Schatten der himmlischen Stadt. Weder müssen wir enttäuscht vor dem Status Quo kapitulieren, noch mit einem Messiaskomplex herumlaufen und meinen, wir könnten die Welt und unsere Mitmenschen im Hau-Ruck-Verfahren reparieren. Wir müssen uns nicht zum Himmel aufschwingen, er kommt zu uns herab.

Gelassenheit statt Getriebensein

Pater Benigno Beltran stammt von den Philippinen und hat in Europa studiert. Nach einer tiefen Krise ging er zurück und zog zu den Schwestern von Mutter Theresa am Smokey Mountain, dem Müllberg von Manila – vor den Toren der Metropole lebten die Armen und versuchten, mit den verwertbaren Resten des Abfalls ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Er wird zum Freund der Armen und bleibt doch auch ein Fremder. Aber im Angesicht des Elends begegnet er Gott neu in den Menschen vom Müllberg. Er schreibt in diesem Buch:

Die Armen haben mich davor bewahrt, von einer dringenden Angelegenheit zur nächsten gehetzt zu werden und ein Fremder meines eigenen Herzens zu werden. Sie haben mich in meinen Wunsch bestärkt, in der Gegenwart des Dreieinen zu verweilen, seinen Ruf zu hören, seine Schönheit zu bestaunen und seine Güte zu schmecken, statt mich auf Workshops und Machbarkeitsstudien zu verlassen. Der prophetische Dialog mit den Armen hat etwas mit der Ehrfurcht zu tun, die zulässt, dass Gott die Fähigkeiten in uns weckt, vor deren Wahrnehmung wir uns fürchten. Es geht um das Sein, nicht um das Tun.

Er ist nun gelassener geworden, kein Getriebener mehr, der anderen seine Vorstellungen von Fortschritt, Verbesserung Reform und sozialem Aufstieg aufdrängt. Mit der Zeit hat sich Vieles zum Guten verändert auf Smokey Mountain. Rückblickend formuliert Beltran:

„Ich kann immer noch nicht sagen, ob ich bei diesen Bemühungen ein Mystiker, ein Prophet oder ein Technokrat oder alles zusammen bin. Ich weiß nur, dass die Geschichte meines Lebens nicht länger eine Geschichte der Eroberung, sondern der Entdeckung sein sollte.“

Der Mystiker und Prophet entdeckt mitten im Dunkel der Armut Gott, mitten in Babel ein Stück neues Jerusalem. Wie würde das bei uns aussehen, wo die Gegensätze vielleicht weniger schroff sind? Und dann kann er – als „Technokrat“ – auch wieder pragmatisch handeln, um die Gegenwart ein Stück gerechter und erträglicher zu machen. Ein Träumer ist er also nicht. Aber er ist auch kein „Fremder seines eigenen Herzens“ geworden und das Staunen hat nicht aufgehört.

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Endlich Wochenende!

Ist das in den letzten Jahren schlimmer geworden? Vor allem Radiomoderatoren blasen mächtig ins Wochenendhorn: dick aufgetragene Eulogien verstopfen den Freitagabendäther. Das klingt so, als ob man aus fünf Tagen Frondienst nun in die vorübergehende Freiheit entlassen würde, und weniger nach legitimer Freude über das, was man geschafft hat und was gelungen ist.

Mal ganz abgesehen davon, dass es auch Leute wie mich und viele andere nicht zutrifft, weil wir da arbeiten müssen, was sagt das über das Verhältnis des Durchschnittsdeutschen zu seinem Beruf aus? Nicht viel Positives, scheint mir. Offenbar sind wir damit nicht allein. William Cavanaugh schreibt in seinem kleinen, aber sehr feinen Buch Being Consumed. Economics and Christian Desire:

Viele Menschen betrachten ihre Arbeit nicht als sinnvoll, nur als Mittel zum Gehaltsscheck. Die eigene Arbeit ist zur Ware geworden, die man einem Arbeitgeber verkauft, um im Gegenzug Geld zu bekommen, mit dem man Sachen kauft. Für viele Menschen ist die Arbeit zu etwas geworden, was den Geist tötet.

Ist das die bittere Kehrseite des Wochenendkultes? Ich vermute, Cavanaugh hat Recht. Und die wenigsten populären Wochenendaktivitäten sind in der Lage, den angeschlagenen Geist wieder ins Lot zu bringen. Vor allem nicht jene, die primär mit Geldausgeben zu tun haben.

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Soziale Netze: Wie man schlank und glücklich wird

Facebook verursacht bei vielen schlechte Laune, war jüngst zu lesen. Andere posten dort bevorzugt Nachrichten über ihre Erfolge und Fotos von exotischen oder exklusiven Urlaubsorten, und bei genug Freunden ist immer jemand irgendwo, wo es schön ist und irgendwem gelingt immer etwas Außergewöhnliches.

Wer sich dann vergleicht, hat schon verloren: Er wird unzufrieden mit sich selbst und neigt in der Folge dazu, die schönen Seiten des eigenen Lebens in ein besonders vorteilhaftes Licht zu rücken, um mithalten zu können mit dem zur Schau gestellten Glück der anderen. Und weil viele dieser Tendenz erliegen, dreht sich die Spirale der Differenz zwischen real erlebter Existenz und Facebookfassade immer weiter. So berichten es Wissenschaftler der Humboldt-Uni Berlin und der TU Darmstadt.

Aber es gibt nicht nur Schlechtes zu vermelden über soziale Netzwerke: Wer zu seiner Diät nebenher twittert, der nimmt zuverlässiger ab, das hat Gabrielle Turner-McGrievy ermittelt. Twittern macht also schlank! Facebook dagegen hat keine positiven Folgen für Abnehmwillige. Vermutlich ist schürt es, nach allem was wir inzwischen wissen, den Hang zum Frustessen.

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Warum ich nicht ans Aufhören denke

Wolfgang Michal schreibt bei Der Freitag über die Krise der Blogger. Durch Facebook & Co ist es stiller geworden in der Blogosphäre, man kann sich schützen und muss keine ganz öffentliche Debatte führen oder sich mit grenzwertigen Kommentaren abmühen. Man exponiert sich weniger:

Auf Facebook oder Google+ ist es auch nicht nötig, eine eigene Form oder einen eigenen Stil zu finden, denn alles ist vorgegeben. Die Einstiegs-Hürden und Anforderungen sind niedrig. Das kommt den Couch-Potatoes des Internets in ihrem Neobiedermeier entgegen. Ein Blog gleicht eher einer zugigen Haltestelle als einer Wohlfühlnische.

Blogs zeichnen sich aus durch „persönliche Färbung, Offenheit, Mut und die Bereitschaft zum Konflikt“. Ich finde es extrem schade, dass viele heute so still geworden sind, die vor ein paar Jahren noch mutig und munter Stellung bezogen haben. Manche Freunde hätte ich anders nie kennengelernt. Die herzliche Abneigung mancher wäre mir auch verborgen geblieben. Unterm Strich aber zählen die Freunde mehr.

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Inklusion und Integrität

Ich sitze gerade am Thema der Allianz-Gebetswoche für Donnerstag. Epheser 2,13ff spricht von der Wand der Feindschaft, die durch den Tod Christi eingerissen wurde. Am Kreuz offenbart sich, dass Juden und Heiden gemeinsam den Tod Gottes herbeiführen und daher in gleichem Maße vergebungsbedürftig sind. Es zeigt sich auch, dass das Wissen um Gottes Gesetz Israel nicht besser gemacht hatte als andere Völker und Kulturen. Und dass eine neue Menschheit, die sich nicht mehr durch Ausgrenzung der jeweils anderen definiert, und die Gewalt nicht durch die Vernichtung des Feindes, sondern im eigenen Inneren besiegen will, nur durch den Geist Gottes entstehen kann, der allen geschenkt wird, die Gottes Friedensangebot annehmen.

Passend dazu las ich heute in einem Bericht über einen Vortrag des Schriftstellers Wendell Berry bei einer Pastorenkonferenz von Baptisten in den USA dies:

Die Verurteilung nach Kategorisierungen ist die niedrigste Form von Hass, denn sie ist kaltherzig und abstrakt, ihr fehlt sogar der Mut, persönlich zu hassen (…) Kategorische Verurteilung ist der Hass des Mobs. Er macht Feiglinge tapfer. Und es gibt nichts Furchterregenderes als einen religiösen Mob, einen Mob, der vor Gerechtigkeit strotzt – wie bei der Kreuzigung, wie davor und seither. Das kann erst dann geschehen, wenn wir Freundlichkeit kategorisch verweigern: gegenüber Ketzern, Ausländern, Feinden oder jeder anderen Gruppe, die anders ist als wir selbst.

Wendell Berry bezog sich dabei konkret auf die Diskussion über gleichgeschlechtliche Ehen und Partnerschaften in den USA und die Positionen konservativer Christen. Während Berry kirchliche Einflussversuche auf staatliche Gesetzgebung kritisiert, hat Steve Chalke, einer der prominentesten Evangelikalen Großbritanniens, die Inklusion Homosexueller als eine Frage der Integrität bezeichnet. Die Furcht vor Ablehnung hätte für viele homosexuelle Christen schlimme Folgen gehabt. Er sei sich bewusst, dass es unterschiedliche Interpretationen und Positionen in dieser Frage gebe, schreibt Chalke in dieser ausführlichen Stellungnahme, und kommt zu dem Schluss:

I believe that […] I am called to offer support, protection, and blessing in the name of Christ, the definition of justice, reconciliation, and inclusion, who beckons each one of us out of isolation into the joy of faithful relationship.

Rather than condemn and exclude, can we dare to create an environment for homosexual people where issues of self-esteem and wellbeing can be talked about; where the virtues of loyalty, respect, interdependence and faithfulness can be nurtured, and where exclusive and permanent same-sex relationships can be supported?

Das Irritierende an der Inklusionsdebatte ist freilich die Erfahrung, dass Vertreter eines exklusiven Kurses in dem Moment, wo sie kritisiert werden, nun ihrerseits vehement über Ausgrenzung klagen (so wie manche Männer sich von Frauenquoten schlimm diskriminiert fühlen, umgekehrt aber nie ein Problembewusstsein an den Tag gelegt hatten). Dabei, so schreibt Michael Kimpan aus aktuellem Anlass für redletter christians, ernten sie am Ende nur das, was sie über Jahre und Jahrzehnte selbst gesät haben. Statt Armeen aufzustellen sollte man lieber Brücken bauen.

Ist die Haltung gegenüber Homosexualität (oder die geschlechtliche Orientierung) heute das, was damals zur Zeit des Epheserbriefes das jüdische Gesetz war? Für wie viel Unterschiedlichkeit ist Platz unter Christen, wie kann man damit konstruktiv umgehen und wo sind tatsächlich Grenzen erreicht, etwa im Tolerieren von Intoleranz? Lässt sich das überhaupt abstrakt definieren, oder muss man sich in die konkrete Auseinandersetzung begeben, das Risiko von Blessuren eingehen und mitten in dem ganzen inneren und äußeren Aufruhr immer wieder neu fragen, was dem Frieden Christi in der jeweiligen Situation dient?

Konflikte zu übergehen und totzuschweigen jedenfalls gehört vermutlich nicht dazu. Vielleicht aber ist Wendell Berrys Hinweis auf die Kategorisierungen (oder Pauschalisierungen) der beste Ansatzpunkt zum Weiterdenken.

PS: Wen’s interessiert – ein paar Gedanken zum schwierigen Hintergrund der (Nicht-)Debatte habe ich im Laufe des Dezembers hier, hier und hier gepostet

PPS: Habe ich diesen Klassiker von Miroslav Volf zum Thema schon erwähnt? 😉

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Fieser Vergleich?

Die Empörung kam bei mir zuerst an: Prominente Evangelikale reagierten verärgert über ein Interview in Christ und Welt, in dem der Wiener Religionswissenschaftler Rüdiger Lohlker Salafisten als „Evangelikale des Islam“ bezeichnete. Ob es so geschickt war, dies auch gleich zur Überschrift zu machen, ist die eine Frage. Die andere ist, ob hier schlicht unverantwortlich geschrieben und verglichen wird. Ein Leserkommentar beim Pro Medienmagazin fordert auch prompt die Bastonade für den Provokateur. Sarkasmus?

Evangelikale hatten ja keine ganz schlechte Presse in letzter Zeit. Das Thema Christenverfolgung traf dieses Jahr auf deutlich positiveres Echo als früher, Aktionen zum Thema Menschenhandel wurden in den letzten Tagen sehr positiv kommentiert. Erfolgt nun ein Gegenschlag, ist das gar der Versuch einer erneuten Ausgrenzung? Ich war neugierig und habe nachgelesen.

Zunächst einmal wird der Salafismus beschrieben und erklärt, dass es eine quietistische, eine politische und eine militante Richtung gibt und vor allem letztere der Anlass war, diese Strömung zum Feindbild umzufunktionieren. Dabei sei der Salafismus erst einmal eine weltweite Frömmigkeitsbewegung. Und genau an diesem Punkt – weltweite Frömmigkeitsbewegung – zieht Lohlker nun den Vergleich, von dem er schon ahnt, dass er Empörung auslösen wird, und den er selbst gleich vorab als „überspitzt“ bezeichnet und damit auch schon ein Stück relativiert.

Er führt die Parallelen dann weiter aus: Bekehrungserlebnisse und Erweckungserfahrungen, bewusste Glaubensentscheidung, konservative Kritik an der Moderne, die sich der neuen Medien bedient, eine Art Gleichheitsideal wie das „Priestertum aller Gläubigen“ – und das war es auch schon. So weit ich das beurteilen kann, ist das als Beschreibung des Evangelikalismus (so uneinheitlich dieser auch ist) weder falsch noch gehässig.

Richtig auf die Barrikaden gehen müssten auch die Kirchen der Reformation, wenn Lohlker später Parallelen zu Luther und Calvin zieht und den Reformatoren das Anliegen zuschreibt, die Religion durchaus mit einem gewissen Eifer von Verweltlichung reinigen zu wollen. Endgültig entfallen schließlich alle Vergleiche zu irgendwelchen christlichen Richtungen der Gegenwart, wenn es um das Bild eines strafenden und verbietenden Gottes geht (dazu wären nicht nur mir durchaus noch einzelne Stimmen eingefallen…) und um gewaltbereite Anhänger.

Mein persönlicher Eindruck ist, dass Lohlker hier nicht Evangelikale mit Salafisten vergleicht, sondern Salafisten mit Evangelikalen und Reformatoren. Das ist insofern ein Unterschied, als er damit voraussetzt, dass Evangelikale erstens bekannt und zweitens in Kirche und Gesellschaft integriert sind, und mit dem Vergleich für mein Empfinden zeigen möchte, dass Salafismus (wie Evangelikalismus auch) nicht zum Schreckgespenst taugt, dass es sogar denkbar ist, dieser ambivalenten Bewegung vielleicht konstruktiver zu begegnen, als es bisher gelungen ist.

In einem Atemzug mit Salafisten genannt zu werden, ist natürlich schon deshalb für niemanden schmeichelhaft, weil das stereotype Feindbild des bombenwerfen Bartträgers sich bei uns schon so festgesetzt hat. Wenn die Aufregung nun dazu führt, dass Evangelikale sich gegenüber Muslimen im Allgemeinen und Salafisten im Besonderen um größtmögliche Differenzierung und Fairness bemühen (und etliche, wenn auch nicht alle, tun das ja längst!), dann hätte das auch etwas Gutes für unsere Gesellschaft und auf längere Sicht auch für die ersehnte und nachhaltige Wahrnehmung evangelikaler Christen als einer Gruppe, die den gesellschaftlichen Frieden fördert.

Nachtrag: Michael Diener antwortet auf Christ und Welt mit diesem Artikel. Die innerevangelikalen Spannungen und Akzentverschiebungen aus jüngerer Zeit diskutieren Andreas Malessa und Michael Diener in diesem Beitrag auf hr2, der auch Stimmen aus den Landeskirchen sammelt. Unter anderem kommt auch EKD-Präses Nikolaus Schneider zu Wort.

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