Wie banal ist das Böse?

Margarete von Trotta hat sehr eindrücklich einen Abschnitt aus dem Leben von Hannah Arendt verfilmt, der auch heute noch Stoff für Kontroversen hergibt. Einerseits bricht sie mit Martin Heidegger, der sich vor den Karren der Nazis spannen lässt, andererseits brechen enge Freunde mit ihr, nachdem sie den Prozess gegen Adolf Eichmann kommentiert und von der Banalität des Bösen spricht und die Rolle der jüdischen Räte kritisiert.

Und so wird seither über Hannah Arendt gestritten. Aktuell erinnern manche der im Film gezeigten Reflexe an den Antisemitismus-Vorwurf gegen Jakob Augstein, etwa in der unbelehrbaren Naivität, die beiden, Augstein wie Arendt, verschiedentlich attestiert wurde und wird (Augstein scheint etwa kaum noch Unterschiede zwischen ultraorthodoxen Juden und Islamisten zu erkennen – ähnlich verglich jüngst Christ und Welt Salafisten und Evangelikale und erntete dafür energischen Protest).

Mit ihren Aussagen zur Banalität des Bösen hat sie (selbst wenn heute einiges dafür spricht, dass sie tatsächlich Eichmanns Täuschungsstrategie auf dem Leim ging) noch eine andere Saite anklingen lassen. In der Diskussion um schärfere Waffengesetze in den USA war immer wieder zu lesen, dass die Befürworter eines allgemeinen Grundrechts auf Schusswaffenbesitz damit argumentieren, man müsse einen eventuellen Hitler (gelegentlich auch Stalin) verhindern können, der die staatliche Gewalt an sich reißt (Salafisten bzw. Al Qaida könnten dabei allmählich zum neuen Hitler werden).

Hitler erscheint hier nicht mehr als historische Gestalt, sondern als Chiffre für das absolute Böse, das eben so absolut Böse ist, dass jede Form des Gewalteinsatzes gegen diesen Feind per Definitionen schon gut ist. Das Alarmierende an der ganzen Hitlerrhetorik ist dabei jedoch die Tatsache, dass ganze politische Gruppierungen in den USA noch viel mehr als hier bereit sind, alle möglichen Gegner (allen voran den eigenen Präsidenten) als „Hitler“ zu bezeichnen und damit buchstäblich zum Abschuss freizugeben. Jede Kritik an dieser Haltung wird umgehend als fahrlässige Verharmlosung und unwillkürliche Komplizenschaft mit diesem absoluten Bösen abgeblockt. Dabei war der Zweite Weltkrieg so ziemlich der letzte Konflikt, wo die Rollen von Gut und Böse so eindeutig auf die Kriegsparteien verteilt waren.

Im pädagogischen Begleitmaterial zum Film findet sich ein Zitat von Karl Jaspers, der sogar um Arendts Leben fürchtete, weil er erkannte: „Wie unendlich naiv, nicht zu merken, dass der Akt, ein solches Buch in die Welt zu setzen, eine Aggression ist gegen ‚Lebenslügen‘.“ Wenn die Annahme eines absoluten Bösen dazu dient, eigene Lebenslügen zu stabilisieren, das eigene Gewaltpotenzial zu legitimieren, vermeintliche Gegner zu dämonisieren oder Minderheiten zu drangsalieren, dann könnte sich der (unter)kühl(t)e Blick Hannah Arendts und ihre Vorstellung, dass das Böse zwar oft extrem, aber nie radikal in dem Sinne ist, wie das Gute gut ist, vielleicht ja doch als heilsam erweisen. Dann kann man vielleicht manche banale Bosheit im eigenen Denken entdecken, bevor sie extrem geworden ist.

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Der andere Blick

Immer wieder mal überlege ich, inwiefern sich meine Lebensperspektive in den vergangenen Jahren verändert hat. Ich fand das bisher gar nicht leicht zu beschreiben, aber nun habe ich vielleicht doch eine Metapher gefunden, die es einigermaßen trifft:

Man kann das Leben durch ein Telezoom betrachten. Der Blick geht dabei in die Ferne und aufs Detail, einzelne Elemente eines Bildes treten scharf hervor und anderes rückt oft unscharf in den Hintergrund. Vieles wirkt näher, als es ist, und andere Dinge erscheinen nicht im Bild, obwohl sie zur direkten Umgebung gehören. Und man selbst kann dabei der Illusion erliegen, das Ziel sei eigentlich schon zum Greifen nahe.

Und dann gibt es die Weitwinkel-Perspektive. Da erscheint auf einmal ein größeres Panorama und es ist weniger vorsortiert. Neben dem, was in der direkten Blickrichtung liegt, treten auch die Dinge rechts und links davon ins Bild. Alles wirkt etwas kleiner, das Auge schweift von einem zum anderen Teil des weit geöffneten Feldes.

Manchmal stürzen in der Weitwinkelperspektive die Linien, und wer im Weitwinkel lebt, fühlt sich manchmal auch selbst klein und auf schwankendem Boden. Er sieht nicht nur die Gipfel, Türme und anderen Höhepunkte sondern hat auch ein Gespür für die schwindelerregenden Abgründe dazwischen und dahinter.

Zugleich wird im Weitwinkel klarer, wo man selbst steht, während man das bei den langen Brennweiten oft nur vermuten kann. Im Telemodus dominiert das Objekt ein Bild (freilich sorgsam in Szene gesetzt von einem unsichtbaren Subjekt), im Weitwinkel kann schon mal Hand und Fuß des Betrachters am Bildrand erscheinen.

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Leben und Lästern mit Luther (1): Hebräische Nachtigallen

Alle laufen sich allmählich fürs Reformationsjubiläum warm, hier mein persönlicher Beitrag: Luthersprüche, die nicht immer die Meinung der Redaktion widerspiegeln und vermutlich auch nicht die aller LeserInnen. Über diesen Spruch dürfte sich Rolf Krüger freuen:

Wir mühen uns jetzt ab, die Propheten ins Deutsche zu übersetzen. Lieber Gott, ein wie großes und beschwerliches Werk ist es, die hebräischen Schriftsteller zu zwingen, deutsch zu reden. Sie sträuben sich, wollen ihre hebräische Art nicht aufgeben und sich der deutschen Barbarei nicht fügen. Das ist so, als ob eine Nachtigall gezwungen würde, ihre überaus wohllautende Weise aufzugeben und den Kuckuck nachzuahmen, dessen eintönige Stimme sie verabscheut.

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Ausgeschwiegen

Ich hatte das Thema der Märtyrer im Zusammenhang von Offenbarung 12-13 kürzlich erwähnt. Insofern (und aufgrund anderer Berichte) war ich schon sensibilisiert, als Jörg Lau bei Zeit Online über „Die letzten Jünger“ bloggte. Seinen Beitrag über die Not der traditionellen Kirchen des Nahen Ostens fand ich schon großartig, weil er eine selten gute Mischung von innerem Engagement und unaufgeregter Sprache enthält, wenn er die Geschichten aus Ägypten, dem Irak oder Palästina erzählt – bei dem Thema werden die Töne ja oft schrill.

Sie wurden es dann auch, und hier antwortet Lau wütenden Kritikern, die ihm beispielsweise „ideologischen Hass und Kriegstreiberei“ vorwarfen. Auch das ist wieder lesenswert. Nicht jeder, der Christenverfolgung thematisiert, ist auf der Suche nach Vorwänden für Kriege und Interventionen.

Heute dann entdeckte ich diesen Bericht auf Spiegel Online, wo der Christenverfolgungsindex von Open Doors ganz sachlich aufgegriffen wurde, auch das ja keine Selbstverständlichkeit. Ganz oben auf der Liste steht Nordkorea. Da ist derzeit ja von einer Öffnung des Landes die Rede. Das scheint bislang aber nur für die Wirtschaft zu gelten. Dass eines das andere nicht notwendig einschließt, zeigt die Nummer zwei auf der Liste: Saudi Arabien.

Aber gut, dass es eine neue Offenheit für diese Themen in unseren Medien gibt. Und wenn Verschweigen und Vergessen keine Option mehr sind, vielleicht rücken eines Tages auch Lösungen näher.

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Sühnetheorien: Geht’s auch ohne?

Ob rituelles Opfer, mythischer Kampf oder Lösegeld – traditionelle Sühnetheorien stehen nicht erst seit gestern schwer in der Kritik. Das entscheidende Problem dabei ist, dass sie ihre Plausibilität deshalb verloren haben, weil der Deutungsrahmen, dem sie entstammen, heute so nicht mehr existiert: Niemand (außer ein paar Voodoo-Freaks) tötet noch Tiere und verspritzt Blut, kaum jemand fühlt sich in unseren Breiten von böswilligen Geistern und Himmelswesen bedrängt, und metaphysische Transaktionen zur Lösung des Schuldproblems führen nur allzu leicht zu reichlich schrägen Gottesbildern.

Vor ein paar Monaten haben ich mit einer Gruppe einen ganzen Tag lag über diese Themen nachgedacht, wir haben einiges dekonstruiert oder – so muss man das vermutlich sagen – festgestellt, dass sich die klassischen Sühnetheorien eben selbst dekonstruiert haben. Sie waren zu erfolgreich! Und dann standen wir vor der Verlegenheit, wie man denn jetzt vom Kreuz reden soll, ohne auf die ausgelutschten Klischees zurückzugreifen.

Ich spürte in der Gruppe die Hoffnung, dass nun jemand eine neue Master-Metapher aus dem Hut zaubern könnte, an die wir uns ab jetzt halten und die wir in unseren Predigten und Gesprächen fortan benutzen können. Ich hatte nur leider keine auf Lager. Dass Jesus „für uns gestorben“ ist, zweifelt dabei ja kaum jemand an. Nur wie man sich die Wirkung dieses Todes erklären soll, das ist offener denn je.

Ich will nicht ausschließen, dass irgendein „Anselm reloaded“ demnächst einen Geniestreich landet und uns für die nächsten Jahrzehnte einen stabilen, stimmigen und universal gültigen Deutungsrahmen liefert. Momentan erscheint es mir aber unwahrscheinlich – unsere Welt ist viel zu uneinheitlich geworden, und was für den einen ganz selbstverständlich ist, findet der nächste schon völlig absurd.

Anstrengender, aber vielleicht unvermeidlich ist der Weg, den Andrew Perriman einschlägt: Solche Theorien und Master-Metaphern hinter sich zu lassen und die neutestamentlichen Texte Schritt für Schritt so nachzubuchstabieren, dass sie in unsere Situation wieder hineinsprechen:

We still come to God as sinners, trapped in a corrupted order of things from which we are powerless to escape. We may still need to say, quite simply, that Jesus died for our sins so that we may be part of a people reconciled to the God who brought it into existence to be “new creation”. Jesus’ death has opened up to me personally the possibility of being a player in God’s new world. But the continuing dependence of the people of God on the death of Jesus needs to be construed and explained not in abstract theoretical terms but narratively, historically—and of course, biblically.

Wir kommen immer noch als Sünder zu Gott: gefangen in einer verkommenen Ordnung der Dinge, ohnmächtig, ihr zu entkommen. Wir müssen vielleicht immer noch ganz einfach sagen, dass Jesus für unsere Sünden starb, damit wir Teil eines mit Gott versöhnten Volkes sein können, das er zu einer „neuen Schöpfung“ gemacht hat. Jesu Tod hat mir persönlich die Möglichkeit eröffnet, ein Akteur in Gottes neuer Welt zu werden. Aber die anhaltende Abhängigkeit des Volkes Gottes vom Tod Jesu darf nicht mit abstrakten theologischen Begriffen konstruiert und erklärt werden, sondern narrativ, historisch – und natürlich biblisch.

In der Bibel finden sich neben den erwähnten Metaphern viele Erzählzusammenhänge, die sich auf unsere Lebenswirklichkeit beziehen lassen, wenn man sich die Zeit nimmt, genau hinzuschauen. Sie lassen sich von den Evangelien über die Briefe bis ins Leben der alten Kirche weiterverfolgen, was den Vorteil bietet, dass sie nicht nur ein zurückliegendes Ereignis erklären, sondern auch zu einer bestimmten Lebensweise einladen. Recht gut gelungen ist das beispielsweise in Ted Jennings‘ Buch  Transforming Atonement: A Political Theology of the Cross, das ich hier verschiedentlich schon erwähnt habe.

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Auf die Schrippe nehmen

Nach ein paar Tagen medialem Schrippenkrieg stellt sich mir die Frage: Muss ich mich jetzt auch aufregen, weil beim Bäcker jemand Brötchen statt Semmeln kauft? Und wäre „Semmeln“ nicht zu bayerisch, müsste man also doch bitteschön auf „Weggla“ bestehen und den Brötchenkunden oder Schrippenkäufer im Laden so lange zappeln lassen, bis er die richtigen Worte findet?

Liebe Berliner, von denen nicht gerade wenige in den letzten Jahrzehnten nach Erlangen oder München gezogen sind: Willkommen in unserer Welt! Unsere Städte bestehen schon seit Jahrzehnten hauptsächlich aus Zugereisten, die ihre Sprachgewohnheiten ungefragt mitbringen und verbreiten. Wir leben eigentlich ganz gut damit, als Eingeborene in der Minderheit zu sein. In München etwa spricht noch ein Prozent der jungen Leute Dialekt, hieß es vor zwei Jahren. In Erlangen dürfte sich die Mundartkompetenz entsprechend im Promillebereich bewegen.

Aber vielleicht braucht es ja ein paar Schwaben, um aus der Berliner Seele den Spießer hervorzulocken, den dort niemand vermutet hätte – schon gar nicht die Berliner selbst. Nehmt Euch doch mal wieder selbst auf die Schrippe! Oder tut Euch mit den Schweizern zusammen, die sind Euch in Sachen Schwabenpolemik ein Stück voraus und freuen sich über unerwartete Schützenhilfe.

Freilich hat die östliche Schweiz im Mittelalter lange zum Herzogtum Schwaben gehört und die preußischen Könige und Erbauer des modernen Berlin sind Hohenzollern. Deren Stammsitz steht …im tiefsten Schwaben.

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HauptSache die Ordnung stimmt?

Das Gender-Thema bzw. dessen eigentümliche Behandlung in bestimmten Teilen des bunten christlichen Kosmos bewegt die Gemüter in meinem Bekanntenkreis. Krish Kandiah setzt sich hier mit Tim Keller auseinander, ein anderer Repräsentant der „Gospel Coalition“ hat Michael Frost beschäftigt, der auf einen Blogpost von Michael Bird verweist, es ist kein Geringerer als John Piper.

Geht es vielfach (etwa in der katholischen Kirche) nur um die Frage, ob Frauen Pfarrerinnen werden dürfen oder Bischöfinnen, so steht hier bei Piper die Stellung der verheirateten Frau ihrem Ehemann gegenüber im Zentrum. Piper musste eine Aussage aus diesem Video klarstellen, in der er auf die Frage, was eine Frau denn tun solle, wenn ihr Ehemann sie misshandelt, geantwortet hatte, sie müsse das hinnehmen (sofern der Mann sie nicht zu verbotenen Dingen zwingen wolle) und könne sich ja gegebenenfalls an „die Gemeinde“ wenden, deren Aufgabe es dann sei, den Ehemann zur Ordnung zu rufen.

In seiner Klarstellung schreibt Piper nun, dass sich freilich auch Männer an die staatlichen Gesetze halten müssten und Frauen daher zu ihrem Schutz auch die Behörden hinzuziehen könnten, ohne sich der Insubordination schuldig zu machen. Das ist, so vermerkt Bird, schon mal erfreulich.

Aber ist es auch genug? Doch eher nicht! Piper schreibt unter anderem (zitiert bei Bird): „Dass sich eine Frau um Christi willen dem bürgerlichen Recht unterordnet, kann ihre Unterwerfung unter die Forderung eines Ehemanns aufheben, sich von ihm verletzen zu lassen.“

Ich finde dieses Denken in vertikalen Autoritätsstufen verstörend. Piper sagt doch im Grunde, dass eine Frau unter dem Mann steht und diesem selbst dann, wenn sie in der Beziehung Schaden nimmt, noch zu folgen hat – es sei denn, eine höhere Instanz greift zu ihren Gunsten ein. Aber er sagt eben kein Wort davon, dass Frauen von sich aus ihren Männern Grenzen setzen dürfen und dass Männer diese Grenzen zu respektieren haben.

Wenn Frauen dieses Unterwerfungsdenken einmal verinnerlicht haben, kann man dann (nach allem, was wir über Missbrauch wissen) noch ernsthaft davon ausgehen, dass sie sich im Fall von psychischer oder physischer Misshandlung durch das Familienoberhaupt tatsächlich an die Polizei wenden oder anderweitig Hilfe suchen? Mir scheint das alles andere als sicher.

Aber in einer postmodernen, pluralen Gesellschaft sind eben viele Lebensentwürfe erlaubt. Und die Bestsellerlisten des Buchhandels verraten ja auch, dass Unterwerfung und bewusst zugefügter Schmerz schwer im Trend liegen. Das jetzt psychologisch auszudeuten überlasse ich lieber den Expertinnen. Die Ironie an der ganzen Sache könnte aber eben die sein, dass diese Art von Theologie gerade von dem lebt, was sie vordergründig bekämpft, nämlich dem modernen Relativismus, der diese patriarchalischen Welten aufs Private begrenzt und die Tür zu einem Ausstieg auch ständig offen hält. So bekommt das alles etwas Spielerisches, und vielleicht sollte man es auch so betrachten, dann erspart man sich die Empörung.

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Monster und Märtyrer

Das neue Jahr beginnt hier mit einem Nachtrag aus dem alten: In unserer Reihe zur Offenbarung des Johannes haben wir den Advent aber so interpretiert, dass er mehr im Horizont der zweiten als der ersten Ankunft Christi steht; daher ist es auch ganz und gar nicht unweihnachtlich, wenn da von Monstern und Märtyrern die Rede ist, sondern eher als ein leicht verfrühter Beitrag zum Stephanustag zu verstehen.

In einem an Actionszenen nicht gerade armen Buch sind die Kapitel 12 und 13 zwar noch nicht der furiose Showdown, aber die für das Genre typische dramatische Verfolgungsjagd findet hier statt. Was das mit uns zu tun hat? Viel mehr, als die meisten denken. Hier geht’s zum Podcast.

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Der wache Blick

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„Religiöses Denken, Glauben, Fühlen gehört zu den trügerischsten Aktivitäten des menschlichen Geistes. Wir gehen oft davon aus, dass es Gott ist, an den wir glauben, aber in Wirklichkeit könnte es ein Symbol unserer persönlichen Interessen sein, mit dem wir uns beschäftigen. Wir gehen vielleicht davon aus, dass wir uns zu Gott hingezogen fühlen, aber in Wirklichkeit könnte es eine Kraft innerhalb dieser Welt sein, die Gegenstand unserer Anbetung ist. Wir gehen vielleicht davon aus, dass es uns um Gott geht, aber wir könnten mit unserem Ego beschäftigt sein. Unsere religiöse Existenz zu prüfen ist daher eine Aufgabe, der wir beständig nachkommen müssen.“

Abraham J. Heschel, God in Search of Man, S. 9

In diesem Sinne: Ein ganz großes Danke für Euer Interesse, die vielen Kommentare und auf ein Wiedersehen/-lesen im neuen Jahr!

(PS: Das Bild oben zeigt zwar eine Klippe, aber die wird dank Leuchtturm erfolgreich umschifft)

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Ausgefragt

Christian Döring hat schon vor ein paar Tagen auf seinem Blog ein kleines Interview mit mir über „Von der Ausgrenzung zur Umarmung“ veröffentlicht. Wer sich dafür interessiert – hier klicken.

Bei der Gelegenheit fällt mir ein: Wer hat das Fragezeichen erfunden?

Hier steht die Antwort.

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Die Angst vor dem Dammbruch (3)

„Wo die Angst vor dem Dammbruch herrscht, ist der Damm gegen die Angst schon gebrochen“ twitterte @trans4mission auf meinen zweiten Blogeintrag unter dieser Überschrift zurück.

Worum ging es? Ich hatte in den beiden bisherigen Posts grob skizziert, wie sich evangelikale Identität häufig konstituiert: Als Kontrastverhältnis zur „Welt“ und verweltlichten Christenheit, das sich an bestimmten Punkten festmacht. Ich habe auch skizziert, dass es seit den Tagen Speners keineswegs immer gelungen ist, dem eigenen Reinheitsideal gerecht zu werden.

Bis heute wird im konservativen Flügel des Evangelikalismus das Gebiet der Familie und Sexualethik zur Profilierung genutzt. Aber auch hier hat es starke „Erosionen“ des Dammes gegeben, besser sollten wir vielleicht von pragmatischen Anpassungen an eine veränderte gesellschaftliche Wirklichkeit reden:

Scheidung und Wiederheirat haben sich zunehmend durchgesetzt, längst nicht alle jungen Paare warten mit „dem ersten Mal“ bis zur Hochzeitsnacht (im Unterschied zu früher sind dabei kaum noch Heimlichkeiten nötig). Auch diese Dämme sind also gebrochen, das wird mal erleichtert, mal frustriert durchaus anerkannt. Die einen rechtfertigen das theologisch, die anderen lassen den Widerspruch einfach stehen. Inzwischen ordinieren auch viele Freikirchen Frauen und die Geschlechterrollen aus dem 19. Jahrhundert (von manchen irrtümlich für „biblisch“ gehalten) sind auch aufgeweicht, nur eben eine Generation später als in „liberaleren“ Milieus.

Jetzt bleibt nur noch ein Thema, das die ganze Last des Unterschieds (und damit auch des Nachweises der „Bibeltreue“!) tragen muss. Ist es am Ende gar nicht deshalb noch „übrig“, weil die biblischen Aussagen hier so klar und unmissverständlich sind wie an anderen Punkten nicht, sondern weil Homosexuelle eben recht konstant zwischen ein und drei Prozent der Gesamtbevölkerung darstellen? Parallel nahm die Zahl Geschiedener und Alleinerziehender in den letzten Jahrzehnten deutlich zu und mit ihr der Handlungsdruck an diesen Punkten – bis die pluralistische Gesellschaft anfing, konservative Protestanten und Katholiken massiv als „homophob“ und intolerant ins Kreuzfeuer zu nehmen.

Es gibt durchaus Grund, auf eine Veränderung zu hoffen. Ein Umdenken ist gerade unter jüngeren Evangelikalen in vollem Gang. Zwar halten etliche an einer konservativen Position fest (d.h.: wer homosexuelle Neigungen hat, soll enthaltsam leben) und wollen nur die rhetorische Stigmatisierung Homosexueller verhindern. Eine ganze Reihe wissen noch nicht (oder nicht mehr), wo genau sie theologisch stehen, wollen aber unter keinen Umständen den harten Abgrenzungskurs früherer Jahrzehnte fortführen. Wieder andere sind längst bereit, hier neue Wege zu gehen; einige tun es stillschweigend und leiden zugleich unter der Sprachlosigkeit ihrer Gemeinden und Verbände.

Allerdings wird diese Veränderung noch eine Weile dauern. Denn egal, wohin man sieht, es dominieren momentan die Ängste: Angst vor Profilverlust bei den konservativeren Evangelikalen, Angst vor Ausschluss, Karriereknick oder Entlassung bei den Progressiveren, Angst vor Spaltungen in Gemeinden, Gremien und Organisationen bei den Moderaten, vor Spendeneinbruch und gekündigten Abonnements bei Verlagen und Werken.

Zusätzlich schwer macht es die nicht immer nur feinfühlige Kritik von ganz außen, die es den Unbeweglichen ermöglicht, mit einem Schuss Christenverfolgungsrhetorik die Solidarität der Unentschlossenen einzufordern: Eine Position, die man unter großen Opfern verteidigt hat, kann man schon allein deshalb nicht aufgeben, weil damit das Erbe der Väter mit Füßen getreten wird und der heldenhafte Kampf früherer (und zum Teil noch lebender) Generationen als sinnlos dastehen würde. Wer es doch tut, begeht damit Verrat an der gemeinsamen Sache und knickt vor den Drohungen der Feinde ein.

Wie könnte der Weg aus der Angst aussehen? Ich komme zurück zum Buch von Miroslav Volf und dem Verständnis von Identität und Anderssein, das er dort entfaltet. Es hat drei Komponenten:

1. Eine „katholische“ kulturelle Identität – Mir ist bewusst, der/die/das Andere gehört auch zu mir, jedes Ich oder Wir bleibt immer „hybrid“ und ist nie völlig statisch und stabil. „Katholisch“ ist hier nicht konfessionell gemeint und bedeutet, ich setze nicht einseitig auf Trennung.

2. Eine „evangelische“ Persönlichkeit – Das Evangelium ermöglicht Menschen aus allen Kulturen eine heilsame Umkehr, indem es ihnen eine Distanz zum vorgeprägten Selbst ermöglicht und damit auch eine Unterscheidung der Geister ermöglicht, die mehr ist als nur die Ablehnung des Fremden und Neuen mit anderen Mitteln.

3. Schließlich führt das in eine ökumenische Gemeinschaft – Volf schreibt in Von der Ausgrenzung zur Umarmung: „Während wir den Blick auf die Zukunft Gottes gerichtet halten, müssen wir über die Gefechtslinien unseren Brüdern und Schwestern auf der anderen Seite die Hand reichen. Wir müssen es zulassen, dass sie uns aus der Verschlossenheit von der eigenen Kultur und ihren jeweiligen Vorurteilen herausziehen, damit wir wieder neu das „eine Wort Gottes“ lesen können. So könnten wir wieder Salz werden für eine Welt, die vom Streit geplagt wird.“

Im Grunde treffen hier zwei Gruppen zusammen, die sich als Minderheiten verstehen und damit manche schmerzlichen Erfahrungen verbinden: Evangelikale und Homosexuelle. Das wäre doch schon ein Ansatzpunkt, an dem man sich die Hand reichen kann, um dann Ängste zu überwinden, Verletzungen zu thematisieren und ergebnisoffen (es ist „Gottes Zukunft“!) ins Gespräch zu kommen. Es gibt längst Menschen, die in beiden Welten zuhause sind – lebendige Brücken.

Vielleicht ist die Zeit dafür ja doch näher, als manche glauben: Wenn man diese Presseerklärung der Evangelischen Allianz vom 11. Dezember genau liest, wird man feststellen, dass deren Vorsitzender Michael Diener sich dort zwar dagegen wehrt, konservative Positionen zu „kriminalisieren“ und deren Vertreter auf eine Stufe mit Rechtsradikalen zu stellen, andererseits diese Stimmen als „Meinungsäußerung“ betrachtet und nirgends impliziert, dass alle Evangelikalen unisono derselben Auffassung sind.

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Wenn Gott zur Welt kommt…

… erfährt der Aufrichtige
von seiner Zukünftigen
dass sich das Wunschkind
ohne ihn auf den Weg machte
– adieu, Durchschnittsfamilie.

 

Träumt der Verlässliche
von erfüllten Versprechen
von himmlischen Namen
und handelt verwegen
– adieu, Alltäglichkeit.

 

Verlassen die Himmelsdeuter
die erhabene Warte
und suchen die Antwort
im irdischen Gewimmel
– adieu, Berechenbarkeit.

 

Rutscht der Tyrann
rastlos auf seinem
Thron hin und her
bangt um die Macht
– adieu, Selbstherrlichkeit.

 

Schwärmen die Schergen
aus ins Städtchen
sinnloser Blutdurst
Macht ohne Menschlichkeit
– adieu, Kleinstadtidylle.

 

Flieht die Hoffnung
ins Land alter Feinde
bis in der Heimat
ein Tod Türen öffnet
– adieu, alte Ordnung.

 

Aber glücklich seid
ihr Düpierten und Träumer
ihr Suchenden und Gejagten
ihr Weinenden und Armseligen
Gott ist ganz
unten angekommen:
Immanuel.

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