Die Versuchung und das Potenzial von Gemeinschaft

Parker Palmer schreibt über die Versuchungen und das Potenzial von Gemeinschaft, und seine Worte gehen mir seit einigen Tagen nach, vielleicht geht es dem einen oder der anderen ja auch so:

Wir sind umgeben von Gemeinschaften, in denen es darum geht, einander „in den Schuh zu helfen“ – letztlich ein totalitäres Unterfangen, das die scheue Seele in Deckung gegen lässt. Zum Glück gibt es andere Modelle…

Der Schlüssel zu dieser Form von Gemeinschaft liegt darin, ein Paradox auszuhalten – das Paradox, Beziehungen zu unterhalten, in denen wir die Einsamkeit des anderen schützen. Wir müssen so zusammenkommen, dass wir die Einsamkeit der Seele achten, dass wir die unbewusste Gewalt vermeiden, die wir verüben, wenn wir versuchen, einander zu retten, dass wir die Fähigkeit wecken, das Leben des anderen zu halten ohne sein Geheimnis zu verletzen, und den anderen nie dazu zwingen, unserem Bedürfnissen zu entsprechen.

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Klöster am Rande der Welt (3)

Die größte Sehenswürdigkeit auf Inishmore ist die Festung von Dun Aengus, die halbkreisförmig am Rand der Klippen über dem Atlantik steht. Kleinbusse karren die Touristen vom Fährkai in Killronan über die kleine Landstraße zu den Highlights der Insel, wer dem Herdentrieb entgehen will, kann sich ein Fahrrad mieten, und wer es ganz entspannt möchte, der übernachtet auf der Insel und schaut sich die schönsten Flecken an, wenn die Fähre um 17.00 Uhr abgelegt hat.

Nicht weit entfernt liegen bei Onaght im Nordwesten die Ruinen der Seven Churches. Man muss schon genau hinsehen, um auch wirklich sieben Gebäude zu entdecken. Als Kirchen zweifelsfrei identifizierbar sind auf jeden Fall zwei davon.

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Eine davon heißt Teampall Bhreacáin, sie stammt aus dem 8. Jahrhundert und ist nach St. Brecan benannt, der zumindest kurzzeitig mit Enda um die kirchliche Vorherrschaft auf den Inseln konkurrierte. Tröstlich, dass anscheinend (oder angeblich) auch diese Heiligen nicht ganz frei von Platzhirschgehabe und Rivalität waren. Brecan und Enda wollten der Legende nach die Insel unter sich aufteilen. Nach der Messe, die jeder in seiner Kirche feierte, sollten sie sich zeitgleich auf den Weg machen und an den Punkt, wo beide sich trafen, sollte dann die Grenze verlaufen. Brecan schummelte und lief früher los als verabredet. Enda kam ihm auf die Schliche und auf sein Gebet hin blieb Brecan im Sand von Kilmurvey stecken, so dass Enda den deutlich größeren Teil der Insel behielt. Immerhin hat ihr Gerangel sie nicht davon abgehalten, blühende Klöster aufzubauen und von dort viele Gelehrte und Pioniermissionare auszusenden.

In einem Laden auf Inishmore erzählte ein Einheimischer vom früheren katholischen Priester der Insel, Dara Molloy. Der hat inzwischen geheiratet und vier Kinder, bietet auf eigene Rechnung Trauungen und andere Dienste nach keltischem Ritus an, was in diesem Fall anscheinend heißt, dass er eine etwas eigenwillige Mischung aus christlichen und neuheidnischen Gedanken und Traditionen vertritt. Theologisch dominieren grob gestrickte Muster: Den jüdisch-christlichen (oder auch abrahamitischen) Monotheismus sieht er in erster Linie als eine Kraft, die wahre Vielfalt unterdrückt, die römische Kirche ist für ihn der Prototyp des globalen Konzerns, der alles uniformiert.

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Klöster am Rande der Welt (2)

Die wahrscheinlich kleinste Kirche Irlands (und vielleicht darüber hinaus, obwohl ein paar Dorfkapellchen in der fränkischen Schweiz kaum größer wirken) ist der Teampall Bheanáin auf Inishmore. Das winzige Kirchlein steht seit einem guten Jahrtausend auf dem Karstrücken südöstlich von Kilronan und ist in der Steinöde schon von Weitem zu sehen. Innen ist es nicht einmal anderthalb Meter breit – es misst elf auf fünfzehn Fuß. Es ist dem Benignus geweiht, einem Gefährten des Heiligen Patrick.

Etwas unterhalb stehen Reste eines alten Rundturms in einer Kuhweide, davor Reste eines Hochkreuzes mit Ornamenten, vermutlich gehörte das auch zu der Klosteranlage von St. Enda.

Von der Straße in Killeaney ist man in ein paar Minuten auf die Anhöhe gestiegen. Wahrscheinlich war die Kirche der Gebetsraum eines Eremiten, in der Nähe befindet sich ein Mauerring und eine Mönchszelle. Der Einsiedler hat sich zum Beten einen windigen Ort ausgesucht, aber auch einen mit Weitblick, wie das Foto zeigt.

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Klöster am Rande der Welt

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Auf Inishmore, der größten der drei Aran-Inseln vor Irlands Westküste, liegt St. Enda’s church. Die Klosteranlage, zu der es gehörte, geht zurück auf Enda, Sohn des keltischen Königs Conall, der zunächst in Ulster den Vater beerbte und in zahlreiche Kämpfe verwickelt war, bis er durch seine Schwester Fanchea zum Glauben fand. Er legte die Waffen nieder und legte, vermutlich zunächst im von St. Ninian gegründeten Kloster Casa Candida in Whithorn im Süden Schottlands, das Mönchsgelübde ab.

Im Jahr 484 schenkte ihm sein Schwager, der König von Cashel, Land auf Inishmore. Enda gründete ein Kloster mit einer später sehr berühmten Klosterschule, weitere Klostergründungen folgten in den Jahren danach. Unter Endas Führung lebten dort schon bald 150 Brüder in schlichten Steinzellen um eine Kirche und ein Refektorium herum. Die Inseln wurden zur Attraktion für Pilger und bekamen den Beinamen „Aran of the Saints“. Auf der kargen Insel lebten die Mönche ein sehr einfaches Leben, und doch gingen von hier Impulse nach ganz Westeuropa aus. Unter anderem sollen sich Ciaran von Clonmacnoise, Brendan der Seefahrer und Columba, der spätere Abt von Iona, dort zeitweise aufgehalten haben.

Dass auf dem (Mini-)Athos des Westens heute nur noch Ruinen zu finden sind, liegt – wie eigentlich überall in Irland – an den Verwüstungen der Wikinger und der Soldaten Cromwells, die aus den Steinen des Klosters eine Festung bauten und die verbliebenen Mönche dort ins Verlies sperrten. Rund um die kleine Kirche sollen neben Enda selbst 120 Heilige beerdigt sein.

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Sterbliche Seelen und ewiges Leben

DSC00122Als Dallas Willard letzte Woche starb, habe ich mich erinnert an das Gespräch mit einigen Freunden während der Wochen über Tod und ewiges Leben. Unter anderem kamen wir auf den traditionellen Leib-Seele-Dualismus, nach dem die Seele das ist, was von einem Menschen übrig bleibt, wenn der Körper stirbt und verwest. Die immaterielle „Seele“ ist zugleich das Ewige, der Leib das offenkundig Vergängliche.

Platon, von dem dieses Modell stammt, hatte sich die Seele feinstofflich vorgestellt, für ihn handelte es sich um eine Substanz. Heute wissen wir, dass es so nicht funktioniert. Es wird überhaupt zunehmend schwerer, diese dualistische Sicht des Menschen aufrecht zu erhalten. Unsere ganze Person ist leiblich. Alle unsere Empfindungen, Wahrnehmungen, Erinnerungen, Gedanken, Bewusstsein und unbewusstes, unser Selbst oder wie man das auch nennen mag, existiert in einer verleiblichten Form und kann davon höchstens gedanklich abstrahiert werden, aber nicht gelöst. Dallas Willard hingegen hatte „Seele“ als die Gesamtheit der geistleiblichen Existenz des Menschen samt aller Beziehungen bestimmt – das Lebewesen samt Bewusstsein und aller Verhältnisse in die Welt hinein. So ganzheitlich verstanden ist „die Seele“ – der Mensch – also keineswegs ewig, sondern eminent sterblich. Ohne Leib gibt es kein Weltverhältnis mehr.

Eine verbreitete Gegenposition zu Platon wäre nun, mit vielen anderen zu sagen, das Ganze ließe sich auf rein materielle neurobiologische Prozesse reduzieren und wäre dann mit dem Abbruch der Körperfunktionen auch erledigt. Dann wäre der Tod das unwiderrufliche Ende der Person, alle Nahtoderfahrungen Illusion und der Horizont aller Hoffnung radikal begrenzt.

Der Glaube an die Auferstehung von den Toten liegt zwischen diesen Extremen und mutet uns einiges an Denkarbeit zu: Wenn nämlich die Seele keine Substanz ist, die ihre Hülle verlustfrei abstreift und in den Äther verschwindet, wie muss lässt sich dann das Weiterleben eines Menschen nach dem physischen Tod denken? Der Auferstandene wird in den Evangelien ja nicht als immaterieller „Geist“ geschildert. Zugleich sah er offenbar anders aus als vorher – erst das, was er sagte, machte ihn identifizierbar.

Dallas Willard hat sinngemäß gesagt, der Mensch sei eine Abfolge bewusster Erfahrungen. Ich würde das ganz ähnlich sagen – das Wesentliche an mir ist meine Geschichte: meine Erinnerungen, was mich durch die die Beziehungen zu anderen erreicht hat und was umgekehrt bei anderen angekommen ist (also die geteilte Erinnerung). Ich könnte mir vorstellen, dass bis zur Auferstehung der Toten, die ja noch aussteht, diese Erinnerungen bei Gott (dem einzigen anderen Wesen, das sie lückenlos kennt) aufgehoben sind, bis sie in einer anderen Dimension, aber keineswegs außerhalb dieser (dann geheilten und vollendeten) Welt, leiblich auf den Plan treten. Auch wenn ein technischer Vergleich zwangsläufig hinkt: Gott hätte so gesehen ein „Backup“ meines Lebens und Bewusstseins in seiner Erinnerung, das irgendwann auf neuer, kompatibler „Hardware“ wieder „lauffähig“ ist. Freilich haben wir (zumindest wenn wir vergessen, dass es nur eine Metapher ist) statt eines Leib-Seele-Dualismus den von Soft- und Hardware.

Eine offene Frage ist dabei noch, wie es sich mit der Zeit verhält. Vielleicht gibt es auch gar kein subjektiv erlebbares Intervall zwischen „jetzt“ und „dann“ – so wie man ja auch nicht weiß, wie lange man geschlafen hat, bevor man wachgeküsst wurde; oder weil die Lücke nur aus unserer Perspektive linear ablaufender Zeit im dreidimensionalen Raum entsteht und unter den Bedingungen der neuen Welt (oder wie Tom Wright gern sagt: im „Leben nach dem Leben nach dem Tod“) andere Gesetze gelten. Vielleicht besteht also zwischen dem „entkleidet werden“ und dem „überkleidet werden“, von dem Paulus in 2.Kor 5 schreibt, gar kein so großer Unterschied?

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Rufer in der Wüste

DSC01024Die SZ interviewt den Klimaforscher Lutz Wicke. Der zeichnet ein düsteres Bild der Zukunft und beklagt das Versagen seiner Zunft – nicht bei den Prognosen, die werden immer verlässlicher, sondern dabei, sich ganz nachdrücklich für konkrete und verbindliche Maßnahmen zum Klimaschutz einzusetzen und dabei persönliche Eitelkeiten zurückzustellen oder auch Gegenwind in Kauf zu nehmen. Ähnlich enttäuscht ist er von den Politikern, die bestens informiert sind und bestenfalls halbherzige Entschlüsse fällen, die keine wirkliche Lösung des Problems bringen.

Die Wüste, in diesem Fall die aus Sand und Steinen, wird sich diesem Rufer zufolge in den kommenden Jahrzehnten drastisch vergrößern. Eine globale Erwärmung von vier Grad würde für den Mittelmeerraum eine Steigerung von acht Grad bedeuten und hätte katastrophale Folgen. Freilich werden das nun viele als Alarmismus und Hysterie abtun oder hoffen, dass Gott den jüngsten Tag gegebenenfalls vorzieht – man kann unter vielen cleveren Vorwänden den Kopf in den Sand stecken (kaum jemand tut das freilich dreister als Mark Driscoll, der findet, richtige Männer hätten Spritschleudern zu fahren und Gott würde am Ende sowieso alles verbrennen).

Wicke dagegen bleibt bei seinem apokalyptischen Ausblick, er will, dass wir die Entwicklung zu Ende denken und rechtzeitig reagieren:

… inzwischen sind die größten Schwierigkeiten vom Anfang der Klimaforschung überwunden. Auch im nächsten Sieben-Jahres-Bericht des Weltklimarats IPCC wird es sicher wieder leichte Korrekturen früherer Prognose geben. Aber die Gewissheit, wie es weitergehen wird, wird dann noch größer. Und wir können damit rechnen, dass er die schlimmen Befürchtungen, die auch Weltbank und IEA hegen, bestätigen wird. Bei business as usual wird es demnach mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Steigung der Temperatur um sechs Grad bis 2100 geben. Dadurch werden die Lebensräume für Milliarden von Menschen zerstört. Und was danach kommt, daran wagt schon kein Mensch mehr zu denken.

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Tod, Leid und Werbung

Es war gut gemeint und aufrichtig empfunden, und dennoch war ich gestern seltsam unangenehm berührt vom Bild einer Umarmung, in der ein totes Paar aus den Trümmern der eingestürzten Textilfabrik an Bangladesh geborgen wurde. Ein Freund hatte den Link auf Facebook „geteilt“. Irgendwer vor Ort hatte rechtzeitig auf den Auslöser gedrückt und das Bild veröffentlicht – mit riesiger Resonanz.

Klar kann man mit einem solch unter die Haut gehenden Bild nun für ehrenwerte politische Ziele werben. Aber es ist eben trotzdem Werbung. Worte für meinen Widerwillen fand ich kurz darauf bei Carolin Ströbele auf Zeit Online. Sie kritisiert den Ansatz, mit sehr persönlichen Bildern Einfluss nehmen zu wollen:

All diese Arbeiten rechtfertigten sich dadurch, dass sie über ein persönliches Schicksal auf einen sozialen Missstand, ein gesellschaftliches Problem hinwiesen. Doch je mehr Künstler die Elendskarte zogen, desto schwieriger wurde es irgendwann zu unterscheiden, was Kunst war, und was Exhibitionismus. Das Private war nicht mehr politisch, es war einfach nur öffentlich. Die Fotografie als soziales Gewissen funktionierte spätestens zu dem Zeitpunkt nicht mehr, als die Werbung den Begriff der Authentizität für sich entdeckte.

Das Bild hatte nicht mein ästhetisches Empfinden, sondern mein Empfinden von menschlicher Würde verletzt, selbst wenn das vermutlich niemand beabsichtigte. Wäre es nur hässlich oder schockierend gewesen, hätte es keine Zärtlichkeit gezeigt, läge die Sache wohl anders.

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Danke, Dallas!

Dallas Willard ist gestern im Alter von 77 Jahren gestorben. John Ortberg hat einen bewegenden Nachruf auf ihn verfasst. Für mich ist der Autor von The Divine Conspiracy (leider nicht ins Deutsche übersetzt!) einer der originellsten und tiefsinnigsten christlichen Denker unserer Zeit gewesen.

Für mich persönlich gehört er in die Top Ten zum Thema Spiritualität und Glaube. Für die vielen Anregungen, die ich durch ihn bekommen habe, bin ich unendlich dankbar. Vielleicht ist das ein guter Anlass, sein Verschwörungsbuch wieder aus dem Regal zu ziehen und noch einmal zu lesen.

Willard zitiert in seinem großen Werk über das Reich Gottes Dwight L Moody. Der hatte gesagt: Eines Tages werdet ihr hören, dass ich tot bin. Glaubt es nicht. Ich werde lebendiger sein als je zuvor.

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Weisheit der Woche: Für sich selbst sorgen

Für sich selbst zu sorgen ist nie ein Akt der Selbstsucht – es ist schlicht ein gutes Haushalten mit dem einzigen Geschenk, das ich habe, das Geschenk, mit dem ich auf diese Erde geschickt wurde, um es anderen anzubieten. Jedesmal, wenn wir auf das wahre Selbst hören können und ihm die Fürsorge angedeihen lassen, die es braucht, tun wir das nicht nur für uns selbst, sondern auch für die vielen anderen, deren Leben wir berühren.

Parker Palmer

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Herzensglaube

DSC07085Ich bin immer noch oder immer wieder mal an Iain McGilchrists Thesen zur Funktionsweise menschlichen Denkens und unserer Kultur dran. Er unterscheidet den Zugang, den die rechte und linke Hemisphäre zur Wirklichkeit pflegen. Die linke Hemisphäre hat die Aufgabe, Details zu isolieren und zu fokussieren, und dabei wird der Gegenstand objektiviert, verdinglicht, instrumentalisiert. Hier geht es darum, die Umwelt für die eigenen Zwecke zu nutzen, den Nutzen quantitativ zu bewerten, Zugriff zu bekommen, die wahrgenommenen Gegenstände zu manipulieren. Dazu wird eine mechanistische und reduktionistische Sicht der Dinge angewandt, die in bestimmten Situationen sehr effizient sein kann. Buber würde das den Ich/Es-Modus nennen. Das Subjekt-Objekt-Gefälle führt zur Präferenz von linearen Ursache-Wirkungs-Relationen, von zeitlosen, allgemeinen, statischen und abstrakten Satzwahrheiten. Es erkennt lieber Bekanntes als sich mit Neuem zu befassen. Er lebt in seinen „Definitionen“, „Prinzipien“ und ist verliebt in Mechanismen aller Art. Er schafft ein Klima, in dem die Seele verarmt und häufig auch erkrankt. Fulbert Steffensky sagte jüngst in der taz: „Man wird nur stark und reich am Fremden. Am Anderen.“

Entsprechend denkt die rechte Hemisphäre in Ich/Du-Relationen. Sie erkennt ihre Umwelt als etwas Lebendiges (und damit sich dynamisch entwickelndes, stets in Veränderung Begriffenes), sie kommuniziert in Bildern, Metaphern und Geschichten, sie zieht das Individuelle und Konkrete dem Allgemein-Abstrakten vor (unsere Fähigkeit zur Gesichtserkennung sitzt rechts), statt der Details steht das Ganze mit seiner Gestalt, den unverwechselbaren Mustern und der individuellen Anordnung im Mittelpunkt. Die rechte Hemisphäre hat besseren Zugang zu den körperlichen Empfindungen, sie denkt leiblich, sie zieht die erfahrbare Realität den gedachten, konstruierten und virtualisierten Modellen vor, die von links kommen. Daher entdeckt sie Inkongruenzen und Täuschungen, während die linke Hemisphäre lieber den Buchstaben und Idealen vertraut als den Sinnen. Weil sie, auf sich allein gestellt in einem geschlossenen, selbstreferenziellen Zirkel funktioniert, ist jede Infragestellung von außen schon eine Bedrohung des Ganzen.

So viel zur Rekapitulation. Wenn unser Denken gut funktioniert, beginnt es rechts, bewegt sich dann nach links, um eine bestimmte Frage eingehender zu betrachten, und kehrt dann wieder nach rechts zurück. Es beginnt mit dem Du, der Begegnung und der Erfahrung, mit der Ahnung und dem Gespür, mit der Öffnung für den Anderen, Fremden. Erst dann kommt der Schritt, dass zögernd Glaubensaussagen und -Sätze aufgestellt werden.

Da wo dogmatische Formeln und Regeln aber die Begegnung zu er-sätzen drohen, wo Glaube mit Zustimmung zu (freilich nur vermeintlich) zeitlos gültigen und vom konkreten geschichtlichen Kontext weitestgehend bereinigten Lehraussagen oder quasi-naturwissenschaftlichen „Tatsachen“behauptungen verwechselt wird, wo ein geschlossenes System von Wahrheiten entsteht, die von jeglicher Erfahrung abgekoppelt werden können, wo man also links beginnt und endet, da entsteht ein Kopfglaube, der sich in seinen eigenen frommen Hirngespinsten verliert und meist in eine lebensfeindliche Enge mündet, denn aus den Lehr-Sätzen des Propositionalismus werden leicht Ge-Sätze, die (auch wenn das anders deklariert wird) nicht mehr viel „Geistliches“ und damit Lebensspendendes an sich haben. Man erkennt die „Irrlehre“ immer nur im Fremden und anderen. Auch deshalb, weil einem durch das dualistische Denken, das alles in Schwarz und Weiß einteilt, der Zugang zu den eigenen Ambivalenzen nicht mehr möglich ist. Dafür werden alle Widersprüche ins Gottesbild verschoben: Je souveräner und abgehobener Gott dargestellt wird, desto janusköpfiger erscheint er auch, wenn er etwa mit der gleichen Inbrunst den einen in den Himmel und den anderen in die Hölle schickt.

Echter Herzensglaube (den es durchaus auch auf einem beachtlich hohen theologischen Reflexionsniveau gibt) kann dagegen gut damit umgehen, dass sich das Leben nicht den Formeln und Gesetzen fügt, dass Zweifel und Widersprüche zum Menschsein dazu gehören und nicht verdrängt oder gar beseitigt werden können. Er lebt nicht in einem „bibeltreuen“ Kartenhaus von Propositionen, das einstürzt, wenn man irgendwo ein Element entfernt. Er lebt mit Poesie, Bildern und Geschichten, die keine VorSchriften sind, sondern zu einem neuen Blick und einer anderen Lebenshaltung führen; die Spielräume eröffnen, in denen Veränderung möglich wird. Der Herzensglaube kann, wie Luther einmal pointiert sagte, durchaus auch „Christus gegen die Schrift“ treiben und den Geist über den Buchstaben stellen, sich also mit dem Menschensohn über religiöse Grenzen und Vorschriften hinwegsetzen, um der Liebe und der Barmherzigkeit zu ihrem recht zu verhelfen, und er wird dafür auch Leid und Anfeindung in Kauf nehmen. Vielleicht wird er situativ auch die eine oder andere Fehlentscheidung treffen, aber selbst das Scheitern hat bei Gott seinen Platz und seinen Sinn: auch die dunklen Töne gehören zur Symphonie des Lebens.

Herzensglaube braucht keine Lehrgebäude, die für die Ewigkeit unverrückbar stehen. Er lebt fröhlich mit allerlei Provisorien, die es ihm erlauben, in Bewegung zu sein. Er ist keineswegs beliebig, aber er hat auch keine Berührungsängste gegenüber anderen Konfessionen, Religionen und Positionen; er lässt sich allerdings auch nicht mehr ins Gefängnis begrifflich fixierter Gewissheiten locken und wird sich gegen Vereinnahmungsversuche aus dieser Richtung durchaus auch leidenschaftlich zur Wehr setzen. Daher irritiert jede Form von Mystik die Wächter der durchgezogenen Linien so gewaltig, weil sie Menschen von der Bevormundung durch Regelwerke und Hierarchien befreit.

Wenn Herzensglaube zur Theologie wird, dann funktioniert das, indem man mit Gottvertrauen den Weg in die Weite beschreitet, wie David Bentley Hart in The Beauty of the Infinite so treffend sagt:

Theologie ist keine Kunst, die von der Geschichte auf die Ewigkeit abstrahiert, von Fakten auf Prinzipien, sondern eine, die – unter dem Druck der Geschichte, die zu interpretieren sie aufgerufen ist – entdeckt, wie die Sphäre ihrer Erzählung sich in immer größere Dimensionen des Offenbarten hinein ausdehnt, die Linie zwischen dem Geschöpflichen und dem Göttlichen überschreitet (…), weil diese Linie schon überschritten ist, nicht symbolisch, sondern tatsächlich, in der konkreten Person und Geschichte Jesu.

Herzensglaube ist also nicht Gefühlsduselei, aber er ist eben auch nicht gefühlsvergessen. Er weiß, dass uns die Wahrheit nicht in Worten begegnet, sondern personal, und wie jede Person wahrt die Wahrheit auch ein Geheimnis, das nicht vollständig aussagbar ist, sondern implizit bleiben muss. Und er weiß, dass diese Begegnung uns verändert und auf einen Weg schickt, der für jeden ein bisschen anders aussieht, dass dieser Weg schließlich auch oft mehr mit offenen Fragen als eindeutigen Antworten zu tun hat und daher mehr mit Vertrauen als mit kodifizierbarem Wissen.

Daher ist der Herzensglaube auch nichts Rückwärtsgewandtes, krampfhaft Konservatives, das einmal gewonnene Erkenntnisse für die Ewigkeit festschreiben will. Er kann loslassen und neu finden. Auch deshalb brauchen wir mehr davon: Es ist der Glaube der Pilger und Pioniere.

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Weisheit der Woche: Echte und falsche Tugenden

Nichts gegen Einsatz, Spielfreude, Biss, Entschlossenheit oder gar ein bisschen Ehrgeiz, aber das ewige Gier-Gelaber im Fußball ist mir schon seit Monaten auf die Nerven gegangen.

Nun scheint sich vielleicht doch eine andere Tugend oben auf der Hitliste zu etablieren, und diesmal wäre es eine echte, wie Christian Eichler in der FAZ online spekuliert – jetzt muss man damit nur noch nachhaltig Ernst machen:

Als die Dortmunder in den vergangenen beiden Jahren Meister wurden, prägten sie mit ihrem bissigen Spiel das neue Modewort der Liga: Gier. Jeder wollte seitdem „gierig“ spielen, auch die Bayern. Im Zusammenhang mit dem Fall Hoeneß hat das Wort seine wahre Bedeutung zurück erlangt. Prompt haben die Bayern ihrer angeblichen Einstellung, mit der man auch als Favorit in ein Spiel gehen will, ein neues Schlagwort verpasst – diesmal ein ethisch einwandfreies. Bayern-Vorstandschef Rummenigge sprach es kürzlich aus: Demut.

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Aus den Augen, aus dem Sinn?

Unter der schönen Rubrik her•meneutics von Christianity Today setzt Rachel Pietka sich mit den jüngsten Aussagen von John Piper, Galionsfigur der Gospel Coalition und notorischer Vertreter des sogenannten Komplementarismus, auseinander. Piper hatte argumentiert, er könne zwar nicht dulden, dass Frauen Männer in persona unterrichten, aber man könne ruhig Bibelkommentare von Frauen lesen.

Was zunächst nach einem vorsichtigen Zurückrudern aussieht, offenbart in Wirklichkeit das zentrale Dilemma dieses fromm verkleisterten Sexismus: Denn es ist der weibliche Körper, der durch das „neutrale“ Medium Buch entfernt wird, an dem für Piper alles hängt:

Piper’s affirmation, consequently, of women who teach indirectly and impersonally shows his overt rejection of and implicit obsession with women’s bodies. He makes it seem impossible that a man could listen to a woman’s biblical insights in her presence without being distracted by her femininity. Although Piper would likely condemn the pervasive plastering of sexualized images of women on television, magazine covers, and billboards, his resolve to hide their bodies perpetuates, rather than challenges, their objectification. It teaches men to fixate on women’s bodies.

Ich spare mir hier die ausführliche Übersetzung, aber Pietka trifft meiner Meinung nach voll ins Schwarze, wenn sie feststellt, dass Piper auf den weiblichen Körper fixiert zu sein scheint und damit Frauen im Grunde doch weitgehend auf ihr Äußeres und auf ihre Sexualität reduziert. In dieser Hinsicht entspricht er der männlichen Objektivierung von Frauen eher, als dass er sie überwindet.

Ob Piper ihren Text lesen wird, ist fraglich. Er hatte in dem Podcast, auf den Pietka sich bezog, offenbar auch erwähnt, dass er Kommentare von Frauen dann weglegen würde, wenn er das Gefühl hätte, dass er deren Autorität erliegen könnte. Sonst hätte ich vorgeschlagen, Pipers Antwort in der Rubrik hormoneutics unterzubringen…

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„Sünde“ ist überbewertet

Neulich unterhielt ich mich mit einem Freund, der Theologie unterrichtet. Er hatte sich gerade mit dem Begriff „Vergebung“ beschäftigt und dabei festgestellt, das Thema kommt in den Evangelien (und im Neuen Testament überhaupt) zwar immer wieder einmal vor, aber längst nicht so oft, wie man das meinen könnte, wenn man manchen theologischen Traditionen unteren Verkündigen zuhört. Jesus ist keineswegs ständig dabei gewesen, Menschen ihre Sünden zu vergeben. Stattdessen hatte fast alles, was er tat und sagte, mit dem Kommen des Reiches Gottes zu tun und mit dem Stichwort der Gerechtigkeit.

Das traf sich gut, denn mir war es mit dem Begriff „Sünde“ ähnlich gegangen vor einiger Zeit. Im Neuen Testament kommt, wenn meine Software das richtig anzeigt, der griechische Begriff „hamartia“ 173 mal vor, in 150 Bibelversen. Allerdings nur ganze 41 mal in den vier Evangelien, 24 mal in den synoptischen Evangelien. Davon macht die dreifach erzählte Heilung des Gelähmten knapp die Hälfte aus, dazu kommt dann das Vaterunser und das Kelchwort beim Abendmahl und darüber hinaus bleibt nicht mehr viel übrig, wenn man die Länge der Texte bedenkt.

Im Römerbrief dagegen fällt das Wort Sünde 48 mal – ein gutes Viertel also und damit einsame Spitze im Neuen Testament. Der Hebräerbrief schlägt mit 25 Erwähnungen zu Buche, zusammen macht das 42% aus. Und es sind nun eben der Römer- und der Hebräerbrief, auf die sich zum Beispiel unsere Theologien des Sühnopfers stützen, genauso wie die Anschauung, dass die Erlösung von der Sünde (und dies nun verstanden als individuell zu verantwortendes, schuldhaftes und strafbedrohtes moralisches Versagen) das zentrale Problem sei, für das Bibel und Christentum eine (exklusive) Lösung anzubieten hätten (und manche konservative Stimmen würden hinzufügen: Für nichts anderes als dafür!).

Tom Wright hat immer wieder einmal darauf hingewiesen, dass wir, wenn wir Paulus und das Neue Testament nicht vom Römer- sondern zum Beispiel vom Kolosser- und Epheserbrief her lesen würden, vielleicht zu ganz anderen Verhältnisbestimmungen kämen. Zudem bietet Wright auch eine großartige Rückbesinnung darauf, was die Rede von „Sünde“ (und „Sündern“) im Judentum zur Zeit Jesu bedeutete und inwiefern Sünde damals als Problem betrachtet wurde.

Jesus und außerhalb des Römerbriefes auch Paulus haben also nicht annähernd so oft über Sünde gepredigt, wie das in der Tradition des Spätmittelalters und der Reformation, weiten Teilen des Pietismus und vor allem der Heiligungsbewegung des 18. und 19. Jahrhunderts geschah. Dass das Wort fehlt, muss nicht unbedingt bedeuten, dass auch die Sache nie in den Blick kommt. Menschliches Scheitern, Zerbrochenheit, Verlorenheit und sogar Bosheit werden immer wieder thematisiert, vor allem aber Gottes Antwort auf diese Misere.

Dallas Willard hat in The Divine Conspiracy gefrotzelt, das Evangelium des „Sündenmanagements“ (von dem es eine konservative und eine liberale Variante gibt) führe zu einem „Vampirchristentum“, das nur an Jesu Blut interessiert sei, nicht jedoch an der Nachfolge Christi und der Umgestaltung des Selbst durch Gottes Geist mitten in einer instabilen Welt.

Im apostolischen Glaubensbekenntnis, das ja durchaus einige theologische Leerstellen enthält, erscheinen die Begriffe Sünde und Vergebung ganz am Schluss. Ursprünglich war das ja ein Leitfaden für die Bibellektüre. In dieser Hinsicht vielleicht kein ganz schlechter. Wenn wir das Thema Sünde und Vergebung einen Augenblick zurückstellen und es nicht zwanghaft überall hineinlesen, wo es weder der Begrifflichkeit noch der Sache nach erscheint, dann entdecken wir möglicherweise viele spannende Aspekte von Gottes Handeln, die uns bisher gar nicht so richtig aufgefallen sind.

Den Versuch wäre es allemal wert!

PS: Bevor jetzt die Kommentare all derer losgehen, die falsche Umkehrschlüsse lieben – ich habe nicht gesagt und auch nicht impliziert, dass (1.) Sünde kein Thema im NT ist, (2.) Vergebung überflüssig, (3.) das Kreuz sinnlos. Ich stelle nur in Frage, ob (1.) Sünde und Vergebung die bestimmenden oder gar (2.) einzig legitimen Kategorien sind, in denen Gottes Handeln in Christus beschrieben werden sollte.

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Geglückte Verbindung

Am gestrigen Sonntag haben wir Konfirmation und Taufe gefeiert. Beides in einem Gottesdienst unterzubringen war eine interessante Herausforderung, aber wir haben uns in den Gesprächen mit den noch nicht getauften Jugendlichen und ihren Familien dagegen entschieden, um der einheitlichen Erscheinung willen schnell noch eine Taufe kurz vor der Konfirmation anzubieten.

Alles andere, da waren wir uns einig, wäre ein problematisches Signal, denn es würde die Taufe de facto auf eine Zugangsvoraussetzung zur Konfirmation reduzieren. Aber die Taufe ist das Eigentliche, die Konfirmation deren Aktualisierung. Und es wäre doch ziemlich merkwürdig, bewusst getaufte Jugendliche ein paar Tage später zu fragen, ob das denn wirklich ihr Ernst war. Nicht nur ich fand gestern, es hat dem Konfirmationsversprechen der KonfirmandInnen einen wunderbaren Bezugspunkt gegeben, dass ihm zwei Taufen (mit richtig viel Wasser…) vorausgingen.

Wir sind damit sicher nicht die einzigen, aber anscheinend eine Minderheit: Die Website der EKD stellt den theologischen Zusammenhang zwar zutreffend dar, erwähnt dann jedoch die verbreitete Inkonsequenz in der Praxis (nebenbei: etwas unpassend fand ich, dass in dem Textabschnitt durchgängig von „Kind“ die Rede ist). Das Thema hat also noch Entwicklungspotenzial:

Die Konfirmation ist die Bestätigung der Taufe. Wenn das Kind nicht getauft ist, so wird das Kind in der Regel am Ende des Konfirmandenunterrichts getauft; eine Bestätigung der Taufe, also die Konfirmation, ist dann nicht mehr notwendig, da das Kind ja schon selber Ja zu der Taufe gesagt hat. In der Praxis wird das Kind dennoch oft vor der Konfirmation getauft.

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