Wertvolle Fehleranalyse

Srdja Popovic ist ein Weltreisender in Sachen gewaltfreier Revolution. Die Quintessenz seiner Einsichten hat er in Protest! festgehalten. Wer schon einmal Walter Wink und Gene Sharp gelesen hat, wird dort viel Vertrautes wiederfinden.

Am meisten sind mir noch die im Buch verstreuten Kommentare über fehlgeschlagene Revolutionen nachgegangen. Popovic hält sich nicht übermäßig lange mit der Analyse des Scheiterns auf, aber er gibt Hinweise, aus denen sich eine komplette Fuckup-Night bestreiten ließe. Vermutlich lassen die sich kritisch kommentieren und hinterfragen (das kann ich hier nicht leisten), doch interessant sind sie allemal, weil das Scheitern der Opposition in vielen Ländern ja die Frage aufgeworfen hat, ob es denn überhaupt möglich ist, eine Gesellschaft von unten zu verändern.

  • Die Occupy-Bewegung hat es zum Beispiel versäumt, ihre Kultur und Gruppenidentität zu öffnen für den Rest der 99%, der nicht „Hiphop hört, politisch eher links der Mitte steht und Nischenfernsehen liebt“, aber dennoch vom neoliberalen Wirtschaftssystem im Stich gelassen wurde,
  • und sie konzentrierte sich auf eine Taktik (Besetzung, Proteste, Basisdemokratie), ohne weiter reichende Strategien zu entwickeln.
  • Mehrere Bewegungen des arabischen Frühlings haben das Ziel zu kurzsichtig bestimmt, indem sie auf den Sturz des jeweiligen Diktators hinarbeiteten, aber es versäumten, eine funktionierende Demokratie aufzubauen.
  • Widerstand, der gewaltfrei bleibt, hat eine Erfolgsaussicht von 53% gegenüber 26% bei Anwendung von Gewalt, dieser Punkt hat sich vor allem in Syrien ausgewirkt. Fünf Jahre nach einer gewaltfreien Revolution sind noch 40% dieser Länder demokratisch, nach einem gewaltsamen Umbruch nur 5%, das haben Erica Chenoweth und Maria J. Stephan in Why Civil Resistance Works ermittelt. Gewalt macht den Diktator stark, sie treibt ihm verängstigte Menschen in die Arme, sie schließt fast alle vom Widerstand aus, die im Umgang mit Waffen unerfahren sind.
  • Die Demonstranten auf dem Platz des himmlischen Friedens, schreibt Popovic, hat es versäumt, die angebotenen Zugeständnisse der chinesischen Regierung zu akzeptieren (gewiss nur als Teilerfolg, als erster Schritt, als eine Möglichkeit, sich als verändernde gesellschaftliche Kraft zu profilieren), und überspannten in ihrem jugendlichen Idealismus den Bogen.
  • Die orangene Revolution in der Ukraine schließlich zeigt, was passiert, wenn man zu früh zu siegesgewiss ist und es nicht gelingt, die innere Einheit einer Bewegung für Demokratie, Transparenz und Menschenrechte zu wahren. Popovic trocken: „Eine gewaltlose Revolution ist wie ein Schlag beim Golf: Sie müssen voll durchziehen.“

Der Gedanke, der sich mir angesichts dieser Fehlschläge am nachdrücklichsten eingeprägt hat, war jedoch der: Es gibt keinerlei Garantie auf Erfolg, der Kampf kann uns viel kosten und (selbst wenn wir alles richtig machen!) am Ende doch wenig bringen, aber der Preis des Nichtstuns ist noch viel höher.

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Verhörhammer

Ich wollte eigentlich nur den Verkehrsfunk hören, als der Radiosender seinen neuesten „Verhörhammer“ präsentierte. Ein Schnipselchen aus einem englischen Popsong enthielt scheinbar eine Nachricht auf Deutsch. Der Moderator erklärte zur Sicherheit auch genau, was ich gleich hören würde. Und es funktionierte so halbwegs, das Genuschel konnte man so verstehen.

Später versuchte ich, das Soundbyte in meinem Kopf auf seine ursprüngliche Bedeutung hin zu analysieren, aber es gelang mir nicht. Die Deutung, die mir vorab aufgedrängt worden war, ließ sich nicht von der Erinnerung trennen. Und es fehlte der Kontext des gesamten Songs.

Das Erlebnis ging mir noch eine Weile nach. Passiert das auch in anderen Zusammenhängen, dass ich mir Deutungen aufdrängen lasse, noch bevor ich eine Erfahrung mache?

Funktioniert das mit Vorurteilen und Ressentiments in Politik und Gesellschaft ähnlich, dass solche Stimmen ein freies Erleben verhindern und dass von da ab jede Erfahrung das Vorurteil nur noch festigt? Kann man öffentlich punkten, indem man eine möglichst plakative (Fehl-)Deutung einer Sache (nehmen wir nur mal die Gendertheorie…) früh genug hinausposaunt, dass die meisten gar nicht erst unbefangen hinhören können?

Fremdenfeindlichkeit scheint oft nach diesem Muster zu funktionieren: Gerade da, wo es kaum Erfahrungen mit Fremden gibt, lassen sich besonders viele Menschen erzählen, wie bedrohlich diese doch seien. Und wenn sie Fremden dann mit dem Filter dieser Erwartung je einmal begegnen sollten, sehen sie nur noch das Vertraute, das sie sehen sollen und wollen, egal wie viele Indizien gegen ihre Anschauung sprechen.

Aber auch in anderen Zusammenhängen gibt es Leute, deren Deutung schon vor aller Wahrnehmung feststeht. Ich habe mir dann übrigens keine Mühe mehr gegeben, die eigentliche Bedeutung des Verhörstücks zu ermitteln. Wann immer es aber von Bedeutung ist, etwas richtig zu verstehen, würde ich gern

  • ungestört hinhören dürfen,
  • den Kontext einbeziehen können und
  • mir bewusst machen, dass ich einen Text nicht in meiner, sondern in seiner Sprache verstehen muss
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Falsches Entgegenkommen

Heute morgen war in allen Zeitungen von einem Eklat bei „Hart aber Fair“ zu lesen. Die Sendung hält sich hartnäckig in den Schlagzeilen, der Quote dürfte das freilich nicht schaden.

Diesmal bestand der Skandal darin, dass unser bayerischer Innenminister das Wort „Neger“ verwendet hat. Er tat dies, wie er später durchaus glaubwürdig versicherte, obwohl der Begriff nicht zu seinem normalen Vokabular gehört; vielmehr hatte ein Anrufer (mutmaßlich aus Bayern) ihn verwendet und Herrmann wollte dem eine andere Wendung geben, indem er auf Roberto Blanco und den FC Bayern verwies.

Vielleicht ist das aber eben auch symptomatisch dafür, wie rechte Ressentiments von konservativen Politikern (und leider auch einzelnen Kirchenmenschen) aufgegriffen werden. Man versucht, die Sprache der Stammtischbrüder (so wird das ja immer eingeordnet: rustikal, aber nicht zwingend bösartig) aufzunehmen, ohne sich ihrer Stoßrichtung in vollem Umfang anzuschließen.

Das Problem ist, dass es sich hier durch die Bank um Negativstereotype handelt (Wirtschaftsflüchtlinge, Asylanten, Asylflut, Pleitegriechen, Sozialschmarotzer und was da noch alles herumschwirrt – bei der christlichen Rechten etwa die verhassten „Gutmenschen“). Und diese Negativstereotype macht man, indem am sie um Wählergunst werbend aufnimmt, statt sie energisch zurückweist, immer ein bisschen salonfähiger. Entsprechend dreist treten die Rechten inzwischen überall da auf, wo sie auf ein solches „Verständnis“ hoffen dürfen.

Vielleicht setzt sich diese Erkenntnis nach den Ereignissen der letzten Wochen nun auch bei den Konservativen durch. Das Verständnis für schäbige Angstmacher als Grundhaltung ist das eigentliche Problem. Ob es nur taktischer Natur ist, etwa um die Bildung rechter Parteien zu verhindern bzw. deren Wählerpotenzial demokratisch und rechtsstaatlich „einzubinden“, spielt nämlich irgendwann keine Rolle mehr.

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Deutsch zum Abgewöhnen (10): „Abgreifen“

Ich greife ja hin und wieder Dinge auf und freue mich, wenn andere Ähnliches tun. Aber im Gegensatz zum Aufgreifen – eines Gedankens, eines Vorschlags, eines Trends oder einer Idee – hat die Vokabel „Abgreifen“ in letzter Zeit eine ausgesprochen widerliche Bedeutung angenommen.

Sie hat sich im Vokabular der Schnäppchenjäger, Vorteilsnehmer und Geiz-ist-geil-Schreihälse etabliert und kennt dabei keinerlei geistige Dimension, sondern nur die monetär-materielle Ebene; sie kennt auch kein Verantwortungsgefühl (etwa die Frage nach den Folgen des eigenen Handelns für andere), das Abgreifen ist ein dumpfer Reflex des kalkulierenden Ego (so gesehen sagt das hässliche Wort leider immens viel über die Zeit aus, in der wir leben), so wie ein Huhn nach einem Korn pickt, das auf seinem Weg liegt oder eine Zecke sich an ihrem Wirt festsaugt. Es ist ein parasitäres Verhalten.

Insofern freue ich mich über alle, die diesen Trend nicht aufgreifen – weder sprachlich noch im eigenen Handeln – und hoffe, dass der Begriff bald so abgegriffen ist, dass er wieder aus dem allgemeinen Spachgebrauch verschwindet. Noch schöner wäre ja, er verschwände, weil man ihn gar nicht mehr braucht, um menschliches Verhalten damit zu bezeichnen.

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Mut und Mythos

Meine Ferienlektüre hat mich von dem orthodoxen Theologen David Bentley Hart zum serbischen Polit-Aktivisten Srdja Popovic geführt. Vielleicht erklärt das, warum ich über einen Absatz bei Popovic noch mehr gestolpert als sonst vielleicht (gut, man kann nur stolpern oder nicht – aber es hat mich eben um so länger beschäftigt).

Popovic steht wie alle Aktivisten immer wieder vor dem Problem, dass man gegen die erdrückende Übermacht eines Systems steht und darüber zu resignieren droht. Da er kein religiöser Mensch ist, behilft er sich mit Tolkiens „Herr der Ringe“, der wie eine Art „heilige Schrift“ für ihn ist:

Ich hatte immer einen kleinen Tolkien-Schrein in meinem Zimmer, und selbst in den dunkelsten Stunden unserer Proteste, in denen Milosevic und der Irrsinn der „ethnischen Säuberungen“ alles zu beherrschen schien, griff ich zu meinem zerlesenen Exemplar von Tolkiens Buch und fand Zuversicht in dessen Seiten. In meiner Lieblingsszene sagt die Elbenfürstin Galadriel zum Hobbit Frodo: „Selbst der Kleinste vermag den Lauf des Schicksals zu verändern.“ (Protest! S. 26f.)

Popovic macht sich Mut, indem er einen populären Mythos bemüht. Später im Buch verweist er darauf und nennt Tolkiens Fiktion ganz naiv den „größten gewaltlosen Kampf der Geschichte“. Vielleicht ist das ja ein Übersetzungsfehler. Wenn nicht, dann ist es eine erstaunliche Aussage: Popovic tut buchstäblich so, als wäre Tolkiens Epos historische Wirklichkeit – und zwar eine maßgebliche, an der man sich orientieren und ausrichten kann und soll, weil sie eine moralische Wahrheit über diese Welt enthält: Den Sieg des Guten über das Böse, die erstaunliche Macht der Schwachen, die Bedeutung des Glaubens gegen allen Augenschein, und gerade in den düstersten Momenten diese Aura des Übernatürlichen, dem dieser Glaube gilt (wenn mal wieder die Adler heranfliegen – die Symbolik spricht ja Bände).

 

Denn die „natürliche“ Welt – und jetzt bin ich wieder bei Hart –, insofern sie aus materiellen  Prozessen und kontingenten Entitäten besteht, die ohne Bezug auf irgendeine Transzendenz existieren, gibt eine solche Hoffnung einfach nicht her. Sie erlaubt keine Vorstellung von Geschichte als einem irgendwie zielgerichteten Geschehen – bei Tolkien deutet sich das Moment einer Vorsehung an vielen Stellen an. Ein materialistisches Weltbild gibt schließlich auch keine Begründung von Wahrheit, Schönheit und Güte her, die über soziale Konstruktion oder subjektive Intuition hinausreicht.

Freilich ist es völlig legitim, sich mit Tolkien zu motivieren. Popovic ist Aktivist, kein Philosoph (er erläutert seine Vorstellungen von Welt und Wirklichkeit auch nicht näher), und so lange er für seinen Einsatz irgendeinen Grund findet, ist das zu begrüßen. Ich kann auch verstehen, dass die Geschichte der europäischen Christenheit nicht immer den  Eindruck erweckt hat, dass hier jemand an gewaltlosen Veränderungen zum Nutzen aller interessiert ist.

Ich glaube nur, mir wäre es wichtig, dass die Sache, für die ich mein Leben einsetze (und das tut Popovic, vorbildlicher, engagierter und gläubiger als viele religiöse Menschen) einen tieferen Grund hat. Im Übrigen wäre Jesus – rein historisch betrachtet, Gandhi fand das ja auch – gar kein schlechtes Vorbild für gewaltfreien, kreativen und mutigen Protest. Und wenn man dann noch fragt, was Jesus angetrieben und zu diesem verblüffenden Paradigmenwechsel zur Feindesliebe hin motiviert hat, dann käme am Ende beides doch noch zusammen.

Wenn man schon an Gandalf und Galadriel glauben kann (in dem Sinne, dass ihre Geschichte die Wahrheit über mein Leben und diese Welt aussagt), dann kann man genauso gut, wenn nicht besser, an das Evangelium glauben. Die erstgenannte Geschichte ist nachweislich und unzweifelhaft erfunden. Und sie ist bekanntlich inspiriert von letzterer, die nicht irgendwo in Mittelerde, sondern im realen Krisenherd Nahen Osten stattgefunden hat. Tolkien selbst hat im Gespräch mit C.S. Lewis die Position vertreten, das Evangelium sei Mythos und historische Wahrheit zugleich.

Zur Wahrheit gehört leider auch, dass es noch viel einfacher wäre, das zu glauben, wenn nicht viele Christen aus dem Evangelium eine Geschichte über private Erlösung und/oder eskapistische Jenseitsphantasien gemacht hätten und sie zur persönlichen Bereicherung oder zur Legitimierung von Macht, Gewalt und Unterdrückung missbraucht hätten.

Popovic schließt sein Buch übrigens mit dem berühmten Satz von Martin Luther King, dass der Bogen der Geschichte sich zur Gerechtigkeit hin neigt, und hofft, King möge Recht behalten. Da ist er wieder, der Glaube.

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Die Ökonomie der Werte

Der spätmodernen Gesellschaft geht es im Prinzip darum, Dinge zu kaufen, in immer größerer Vielfalt und Überfluss, und so muss sie danach streben, immer mehr Bedürfnisse zu fabrizieren, die sie befriedigen kann, und möglichst viele Beschränkungen und Verbote des Begehrens abzuschaffen. Eine solche Gesellschaft ist implizit atheistisch und muss langsam, aber sicher, die Auflösung transzendenter Werte betreiben. Sie kann nicht zulassen, dass uns letztgültige Güter von den nächstliegenden Gütern ablenken. Unsere heilige Schrift ist die Werbung, unser höchstes Ideal die persönliche Wahl. Gott und die Seele behindern zu oft das Verlangen, etwas zu erwerben, auf dem der Markt beruht, und konfrontieren uns mit Werten, die in schroffer Rivalität zu dem einen wahrhaft substanziellen Wert im Zentrum unseres sozialen Universums stehen: dem Preisschild.

David Bentley Hart, The Experience of God, S. 313.

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Stiefkinder müssen zusammenhalten

Liebe Leidensgenossen, die öfter emissionsfrei auf zwei als abgasend auf vier Rädern unterwegs sind,

die Verkehrspolitik (vor allem da, wo sie Politik ist und von der schwerreichen KFZ-Lobby „mitgestaltet“ wird) betrachtet uns immer noch als Stiefkinder. Die KFZ-Nutzer sehen uns als lästige Konkurrenz, die ihren ungebremsten Vorwärtsdrang hemmt. Also werden wir, wenn wir die Straße nutzen, mit 30 cm (statt 1,50 m) Abstand überholt und, wenn auf dem Radweg fahren, beim Rechtsabbiegen gefährlich geschnitten. Verkehrsminister wollen uns gern mal pauschal als Rüpel darstellen – Autofahrer halten sich ja, wie wir alle wissen, sämtlich tadellos an die StVO. Schließlich gibt es noch meine besonderen Freunde: Hundehalter und ihre Vierbeiner, die uns mit Teleskopleinen (ein klares Indiz für (a) schlecht erzogene Tiere und (b) faule, unaufmerksame Halter) auflauern, die sich blitzschnell quer über jeden Radweg spannen lassen. Dass uns oft der Wind ins Gesicht bläst — gut, das gehört eben dazu.

Wir haben also einen schweren Stand. Und daher brauchen wir einander.

Ich rede jetzt nicht davon, einen neuen Verband zu gründen oder Online-Petitionen anzuklicken. Einiges könnte durch ein paar Kleinigkeiten verbessert werden, die wir selbst in der Hand haben. Zwei davon fallen mir täglich auf – man kann keine Viertelstunde durch die Stadt radeln, ohne dass man sie antrifft:

  • LICHT: Die Zeit quietschender und bei Nässe streikender Reifendynamos nebst gelblich funzelnder Birnchen, die ständig kaputt gehen, ist längst vorbei. LED-Lampen, ob mit Batterie oder Nabendynamo gespeist, sind erschwinglich und hell, es gibt heute keine Ausrede mehr dafür, unbeleuchtet herumzufahren. Es doch zu tun, ist verdammt gefährlich, und zwar nicht nur für Euch selbst, sondern auch für alle anderen.
  • GEISTERRADLER: Auch der deppertste Autofahrer schafft es noch, rechts zu fahren oder die Fahrtrichtung einzuhalten. Warum können das so wenige von uns? Egal ob auf dem Radweg oder auf einem dieser markierten Fahrradstreifen am Fahrbahnrand, oder in Einbahnstraßen, die nicht ausdrücklich für Räder in beiden Richtungen freigegeben sind, gegen die Fahrtrichtung ist man verdammt gefährlich unterwegs. Neulich habe ich gelesen, dass es das Unfallrisiko verfünffacht. Frontalzusammenstöße unter Radfahrern sind enorm verletzungsträchtig.
Lie Down in memory of Road Traffic Accid by onlinejones, on Flickr
Creative Commons Creative Commons Attribution-Noncommercial 2.0 Generic License   by  onlinejones 

Neulich kam ich auf dem Radweg um eine Rechtskurve und da schoss mir – gegen die Fahrtrichtung – eines dieser schnellen e-Bikes eines örtlichen Pizzalieferdienstes entgegen. Die Dinger sind fast 40 km/h schnell und schwer, die Reaktionszeit war also minimal. Wir haben einander nur deshalb knapp verfehlt, weil ich eine Vollbremsung hingelegt habe. Ich habe ihm dann freundlich, aber unmissverständlich die Meinung gesagt. Es wäre allen geholfen, wenn wir das öfter täten.

Und dann machen wir alle zusammen dasselbe (Meinung sagen) mit den Autofahrern, auch wenn die sich gern hinter getöntem Glas und lauter Musik verschanzen.

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Muss man sich Liebe leisten können?

Die Redaktion des Duden postete – aus aktuellem Anlass – am Freitag auf Facebook die Definition einer christlichen Kardinaltugend:

In Anbetracht der aktuellen Nachrichtenlage möchten wir heute ein Wort erklären, das wir für sehr wichtig halten:
Nächstenliebe, die: innere Einstellung, aus der heraus jmd. bereit ist, seinen Mitmenschen zu helfen, Opfer für sie zu bringen.
Synonyme: Anteilnahme, Erbarmen, Mitgefühl, Teilnahme.

Die Frage, über die in endlosen Variationen gestritten wird, ist derzeit freilich die, ob Nächstenliebe eine romantische und/oder religiöse, in jedem Fall aber sentimentale Illusion ist, der nachzugeben unklug und teuer wäre. In diesem Fall würde Nächstenliebe als Kriterium für „Realpolitik“ (wie es dann so gern heißt) ausscheiden. Die plakativen und zum Teil bewusst anstößigen Aktionen des Zentrum für Politische Schönheit etwa klagen die bedingungslose Pflicht zur Hilfe gegenüber Flüchtlingen ein, und das in einer Weise, die an die Kompromisslosigkeit der biblischen Propheten erinnert: Wo es um Menschenleben geht, ist alles Rechnen, was wir uns denn leisten können, fehl am Platz.

Just diese Diskussion behandelt David Bentley Hart in Experience of God. Er beschreibt, wie Nächstenliebe in einem materialistisch-mechanistischen Weltbild als verwirrender „Altruismus“ erscheint. Denn eigentlich lässt diese Vorstellung von der Welt kaum eine Vorstellung von Moral zu, außer in der Form von Verhaltensweisen, die sich im Zuge der natürlichen Selektion als vorteilhaft erwiesen haben. Man kann vom Nützlichen reden, aber das ist nicht dasselbe wie das Gute.

Simone Martini [Public domain], via Wikimedia Commons
Die Frage ist für Hart nicht, ob Altruismus sich hin und wieder auch als nützlich erweisen könnte (das tut er zweifellos), sondern wie er mit rein materialistischen Prämissen zu erklären und zu beschreiben ist. Für Richard Dawkins gehört nur der Egoismus zur Grundstruktur der Evolution, und auch für den Wissenschaftsjournalisten Robert Wright liegt aller Nächstenliebe die Erwartung zugrunde, selbst von den Folgen des eigenen Tuns zu profitieren. Hart nimmt sich ein paar Seiten Zeit, Wrights Argumentation zu zerpflücken und ihre logischen Brüche darzulegen. Freilich könne man immer postulieren, dass jedes Verhalten sich entweder als Eigeninteresse erklären lässt oder als eine zufällige Begleiterscheinung desselben. Wie aber lässt sich dann das menschliche Bedürfnis erklären, nicht selbstsüchtig zu wirken?

Das hieße auf aktuelle Diskussionen wie etwa Flüchtlinge und Schuldenerlass angewandt: Tyrannisieren idealistische „Gutmenschen“ sich und andere mit einem illusionären moralischen Anspruch , der weder nützlich noch einlösbar ist? Ist ihre scheinbare Selbstlosigkeit, wie oft unterstellt wird, nicht nur eine besonders raffiniert verbrämte Selbstsucht (und wäre diese Selbstsucht daher verwerflich)? Hart geht dem Gedanken nach, Altruismus beruhe auf eines Selbsttäuschung:

… wenn wir überzeugt sein müssen, dass wir aus uneigennützigem Antrieb handeln, dann muss es in uns eine echte Veranlagung zum Altruismus geben, der wir um unseres inneren Gleichgewichts willen nachkommen müssen. Wir können uns nur dann vortäuschen müssen, dass unser Handeln selbstlos ist, wenn wir in unseren moralischen Intentionen tatsächlich selbstlos sind; die Illusion der Selbstlosigkeit würde daher die Wirklichkeit der Selbstlosigkeit beweisen, zumindest als ein Ideal, das uns leitet. (S. 269)

Wenn es um Nächstenliebe und Menschenrechte geht, geht es nicht mehr nur um das Nützliche und Pragmatische, sondern es geht um Ideale und etwas Absolutes. Nun muss man gewiss kein religiöser Mensch sein, um sich dafür einzusetzen. Aber Hart erinnert daran, dass man über die Ökonomie der Nützlichkeit hinausgeht und und -denkt, wenn man die Wirklichkeit des Guten und Unbedingten voraussetzt:

Jede wahrhaft ethische Handlung ist ein Akt hin zum Transzendenten, ein Willensentschluss, zu dem man sub specie aeternitatis gelangt, und eine Aufgabe, die man um einer Sache willen übernimmt, die jenseits dessen liegt, was wir als Natur kennen. Ethik hat, wie das Wissen auch, notwendigerweise eine transzendentale Logik. Jede Tat, die um ihrer moralischen Güte willen getan wird, ist ein Glaubensakt.

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Natürlich sorglos

schlossgarten

Jesus spricht in der Bergpredigt über die Sorge und das Vertrauen, und wie ein Blick auf die Blumen und Vögel letzterem auf die Sprünge hilft. Ich habe mir letzte Woche ein paar Gedanken dazu gemacht, was das für uns heute bedeuten kann. Vielleicht ist jetzt die ideale jahrezeit, um dieser Spur einmal gründlich nachzugehen.

Leider lässt sich die tolle Kulisse des Erlanger Schlossgartens hier nicht simulieren, die wir vorgestern beim OpenER-Gottesdienst genießen konnten. Aber wer möchte, kann hier meine Gedanken vom Sonntag nachhören  (nebenbei: es ist die vermutlich kürzeste Predigt, die ich in diesem Kalenderjahr gehalten habe).

Wer mag, kann sich den Podcast ja irgendwo an einem schattigen Plätzchen in der Natur anhören und gleich praktisch werden.

 

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Etwas zu sagen finden

Für alle, die sich auf die Ferien freuen, ein Zitat von Gilles Deleuze, das ich bei Byung-Chul Han am Ende von Psychopolitik gefunden habe. Es geht um Ruhe, Freiheit und das Schweigen:

Die Schwierigkeit ist heute nicht mehr, dass wir unsere Meinung nicht frei äußern können, sondern Freiräume der Einsamkeit und des Schweigens zu schaffen, in denen wir etwas zu sagen finden. Repressive Kräfte hindern uns nicht mehr an der Meinungsäußerung. Im Gegenteil, sie zwingen uns sogar dazu. Welche Befreiung ist es, einmal nichts sagen zu müssen und schweigen zu können, denn nur dann haben wir die Möglichkeit, etwas zunehmend Seltenes zu schaffen: Etwas, das es tatsächlich wert ist, gesagt zu werden.

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Wende und Wandlung

Vor einer ganzen Weile schrieb ich hier über Joanna Macys ökologischem Narrativ der großen Wende, das sie in Active Hope: How to Face the Mess We’re in Without Going Crazy von zwei anderen populären Erzählungen unterscheidet, nämlich dem Business as Usual und der apokalyptischen Geschichte vom großen Crash, zwischen denen unsere Politik in der Regel oszilliert, im Merkelland mit starker Tendenz zum ersten.

Die Sache beschäftigte mich noch einmal beschäftigt, als ich diese Woche Frederick Buechners Telling The Truth. The Gospel as Tragedy, Comedy and Fairy Tale las. Für Buechner hat die Tragik, mit der es die Wahrheit über die Menschen und die Welt immer zu tun hat, mit dem Unvermeidlichen zu tun, während er die Komik mit dem Unerwarteten assoziiert. Das Märchen schließlich ist die wundersame Wandlung. Eine tiefere Dimension der Wirklichkeit kommt zum Vorschein, das wahre Wesen der Dinge enthüllt sich: Die Königin ist in Wirklichkeit eine Hexe, der Frosch in Wirklichkeit ein Prinz. Es wird keineswegs immer alles gut, schon gar nicht alles auf einmal, aber immer bricht die Hoffnung durch Finsternis und Resignation.

Die Parallele zwischen  Märchen und dem Narrativ der Wende liegt auf der Hand. Man kann das Evangelium freilich kaum als „alles gut – weiter so“-Geschichte lesen. Man muss nur bis zum Magnificat blättern, um zu sehen, das der Status Quo (obwohl beliebt bei der kirchlichen Bürokratie) keine Option ist. Die apokalyptischen Elemente mit ihren Bildern von Krise, Untergang und schmerzhaften Geburtswehen hingegen  sind, wie im Grunde die Tragik bei Buechner auch, nicht das letzte Wort, sondern das vorletzte. Allerdings eines, das ernst genommen werden will.

Der Dreiklang bei Buechner könnte Macys Narrativ noch mehr Tiefe geben: Unser aller Tragik ist ja nicht zu leugnen. Ebensowenig lässt sich das Lachen unterdrücken, wenn jemand beim Versuch, besonders würdevoll zu erscheinen, richtig albern aussieht, oder wenn der Underdog die Nase am Ende vorn hat.

Die Dimension des Märchens ist aber noch nicht im glücklichen Zufall erfüllt, sondern sie birgt in sich die Ahnung, dass solche Wendungen (so flüchtig und episodisch sie auch sein mögen) Zeichen sein könnten , in denen sich Größeres ankündigt: eine tiefere Magie. Die Tatsache, dass Märchen bis heute in praktisch allen Kulturen ungemein lebendig sind, könnte ihrerseits ein Zeichen dafür sein, dass sich darin mehr als bloß weltfremdes Wunschdenken oder Zweckoptimismus ausspricht.

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Zufall oder Zukunft?

Ein befreundeter Pfarrer sagte mir gestern, er sei von einem Kollegen gefragt worden, warum es in der Landeskirche (bzw. den Landeskirchen) eigentlich nicht mehr Initiativen wie ELIA gibt. Im Hintergrund steht natürlich die Frage, ob wir ein merkwürdiger Zufall sind oder ob etwas Zukunftsweisendes dran sein könnte.

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Creative Commons Creative Commons Attribution-No Derivative Works 2.0 Generic License   by  Max Fridman 

Nach über 20 Jahren Gemeindeaufbau und vielen Gesprächen mit den unterschiedlichen Leitungsebenen und -gremien kann ich das ziemlich klar beantworten. Ich denke, es gibt immer wieder Leute, die bereit sind aufzubrechen und Neues zu wagen. Dieses Neue hat keineswegs immer selbstbezogenen oder sektiererischen Charakter (obwohl es das freilich auch gibt).

Abgesehen von wenigen Glücksfällen, die mit ganz bestimmten persönlichen Konstellationen zusammenhängen, ist die Mehrheit dieser Initiativen in den Landeskirchen entweder eingegangen oder irgendwann ausgewandert.

Der Grund dafür ist, dass einem das System auf tausend unterschiedliche Arten kommuniziert, dass solche Dinge nicht vorgesehen sind und daher den Betrieb gefühlt eher stören als bereichern:

  • Das Kirchenrecht hat keine passende Kategorie für nichtparochiale Gemeindeformen anzubieten, es gibt nur wackelige Hilfskonstruktionen.
  • Dazu gesellt sich eine unterentwickelte Kultur des Experimentierens, die Kräfte und Mittel werden fast ausschließlich zur Erhaltung und Reproduktion des Vorhandenen eingesetzt.
  • Querdenker und Pioniertypen werden strukturell eher eingebremst als ermutigt, ihre „Pfunde“ einzusetzen.
  • Es fehlen geeignete und von allen Seiten akzeptierte Kriterien für Scheitern und Gelingen neuer Unternehmungen und ein Katalog geeigneter und angemessener Fördermaßnahmen.

Es ist schon absurd: Jeder weiß, dass sich unsere Gesellschaft immer weiter differenziert. Dass diese Differenzierung auch das Verhältnis evangelischer Christen zu ihrer Kirche betrifft, ist ebenfalls eine Binsenweisheit. An differenzierten Formaten im kirchlichen Angebot wird gearbeitet. Aber wenn es um Amt und noch mehr wenn es um Gemeinde geht, dann ist Differenzierung plötzlich ein Unwort. Wieso eigentlich?

Auch im Blick auf die Form und Gestalt von Gemeinde gilt gemeinhin: Wenn man tut, was man immer schon getan hat, wird man auch die Ergebnisse bekommen, die man immer schon bekommen hat – qualitativ. Quantitativ freilich mit meist rückläufiger Tendenz. Der Verdacht liegt nahe, dass viele auch genau das wollen, was sie schon immer hatten, einfach weil es so schön vertraut ist.

PS: Mein Gesprächspartner gestern nannte das „morphologischen Fundamentalismus“. Solche bissigen Termini liegen mir natürlich völlig fern, daher zitiere ich das hier auch nur anonym.

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Unsichtbare Unfreiheit

Unter der treffenden Überschrift „Selbstzufriedene Unmündigkeit“ betrachtet Felix Stephan für Zeit Online zwei Autorinnen aus China und fragt, warum dort eigentlich kaum jemand gegen die autoritäre Regierung aufbegehrt. Wirklich bemerkenswert daran sind nicht die Unterschiede, sondern die Gemeinsamkeiten mit dem Westen:

Von Chinesen höre man oft, dass ein Einzelner nichts ändern könne und dass das hier eben das Leben sei, mit dem man irgendwie zurechtkommen müsse. Dem Einzelnen bleibe nur, das Beste aus der eigenen Hilflosigkeit zu machen, also zu reisen und in der Galerie Lafayette Haussmann einkaufen zu gehen. Die persönlichen Freiheiten überwiegen die politischen.

Stephan zitiert Guo Xiaolu, die in Zürich lebt, mit den Worten

Früher hatten Kunst und Literatur einen sehr viel größeren Einfluss auf die Politik, aber heute leben wir in einer globalen Konsumkultur, in der kommerzielle Werte die Richtung der Politik vorgeben.“

Die Fragestellung des Artikels ähnelt der von Walter Wink in seiner Powers-Trilogie:

Wie ist es möglich, dass buchstäblich Milliarden von Menschen es zulassen, hereingelegt und abgezockt zu werden von kleinen elitären Zirkeln, die sich auf Armeen stützen, die bei weitem nicht ausreichen um die Weltbevölkerung zu unterdrücken? Das ist wohl das größte politische Mysterium aller Zeiten: das regelmäßige Versagen der Massen, ihre zahlenmäßige Überlegenheit auszunutzen, um ihre Unterdrücker abzuschütteln.

Wink hat in seiner theologischen Deutung der paulinischen Rede von „Mächten und Gewalten“ herausgearbeitet, wie wirtschaftliche Strukturen und gesellschaftliche Institutionen Menschen dazu bewegen, sich aus freien Stücken in den Dienst derselben zu stellen, und warum den Betroffenen Widerstand oder ein Bemühen um Veränderung aussichts- und sinnlos erscheint.

Diese Beobachtungen decken sich an entscheidenden Stellen mit dem, was Byung-Chul Han in Psychopolitik: Neoliberalismus und die neuen Machttechniken schreibt. Es ist immer weniger äußerer Zwang nötig, um Menschen zur Konformität zu bewegen. Im Unterschied zu Deleuze und Foucault, die nach den Funktionsweisen der Disziplinargesellschaft fragten, sieht er in der Leistungs- und Konsumgesellschaft neoliberaler Prägung viel subtilere Formen der Macht und Ausbeutung am Werk.

Die Machttechnik des neoliberalen Regimes nimmt eine subtile Form an. Es bemächtigt sich nicht direkt des Individuums. Vielmehr sorgt es dafür, dass das Individuum von sich aus auf sich selbst so einwirkt, dass es den Herrschaftszusammenhang in sich abbildet, wobei es ihn als Freiheit interpretiert. Selbstoptimierung und Unterwerfung, Freiheit und Ausbeutung fallen hier in eins.

Das neue globale Machtgefüge beeinflusst auch die Einstellung zu politischen Fragen. Wahlbeteiligungen sinken stetig. Die Mentalität wandelt sich in eben jene Richtung auf die selbstgefällige Unmündigkeit:

Die Freiheit des Bürgers weicht der Passivität des Konsumenten. Der Wähler als Konsument hat heute kein wirkliches Interesse an der Politik, an der aktiven Gestaltung der Gemeinschaft.  Er ist weder gewillt noch fähig zum gemeinsamen, politischen Handeln. Er reagiert nur passiv auf die Politik, indem er nörgelt, sich beschwert, genauso wie der Konsument gegenüber den Waren oder Dienstleistungen, die ihm nicht gefallen.

Es ist in dieser Situation schon gar nicht mehr klar, gegen wen man in dieser Situation eigentlich aufbegehren sollte. Big Data weiß vermutlich mehr über uns als staatliche Geheimdienste, und diese informationen haben die Unternehmen von uns allen freiwillig ausgehändigt (bzw. ausgehandygt) bekommen. Damit ist auch die theologische Aufgabe für eine Art „Befreiungstheologie des Konsumzeitalters“ formuliert: Die klassischen Strategien der großen Bürgerrechtsbegewegungen des 20. Jahrhunderts setzen voraus, dass Unterdrücker klar benannt werden können und man mit dem Finger auf die Zwänge zeigen kann. Das wird immer schwieriger.

Wink hat ganz zu Recht stets betont, dass diese Mächte eine sichtbare und eine unsichtbare Seite haben. Er hat herausgearbeitet, dass uns Paulus keine metaphysische Theorie an die Hand gibt, sondern eine Sprache schenkt, in der bestimmte Erfahrungen überhaupt thematisiert und gedeutet werden können. In der fluiden Moderne aber tritt das Sichtbare und Materielle zunehmend zurück (wir konsumieren Emotionen, die nur noch locker an bestimmte Produkte geknüpft sind, von denen viele digital und damit weitgehend immateriell sind). Wenn uns für diese neuen unsichtbaren Unfreiheiten der Blick und die Worte fehlen, droht eben jene Unmündigkeit, von der Stephan schreibt.

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Die Sprache der Wahrheit

Der großartige Frederick Buechner schreibt in Telling the Truth über die Poesie der hebräischen Propheten:

Sie fassten die Dinge in Worte, bis ihnen die Zähne klapperten, aber unter ihren Worten, oder tief in ihren Worten klingt etwas hindurch, das neu ist, weil es zeitlos ist, die Stille klingt durch, die Wahrheit, die nicht in Worte zu fassen ist, die Mysterium ist, die ist, wie die Dinge nun einmal sind, und der Grund, warum man sie heraushört, scheint der zu sein, dass die Sprache die die Propheten verwenden, im Wesentlichen die Sprache der Poesie ist, die, mehr als Polemik oder Philosophie, Logik oder Theologie, die Sprache der Wahrheit ist.

?Speak the truth, even if your voice sha by dullhunk, on Flickr
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