Füttern für den Frieden

Als ich vorgestern nach Hause kam, lag ein totes Rotkehlchen vor dem Fahrradschuppen. Einer der zahlreichen Stubentiger aus unserer Straße dürfte der Übeltäter gewesen sein. Wenn er wenigstens eine der vielen Elstern erwischt hätte, aber an die trauen sich Hauskatzen nicht heran.

Ich war wütend.

Anders als Hunde, deren Jagdtrieb von ihren Haltern weitgehend kontrolliert wird und die auch gar kein Interesse an Singvögeln zeigen, nehmen die Besitzer der lieben Kätzchen es achselzuckend hin, dass die Vogelpopulation um uns her mächtig leidet. Sinnlos, sich bei ihnen zu beklagen, sie müssten ihre Lieblinge schon einsperren (oder ihnen Glocken umhängen).

Gestern hatte ich dann eine Idee, wie sich das Problem eleganter lösen lässt: Katzen lassen sich ja nach meiner Beobachtung von so ziemlich jedem füttern. Wenn ich die Verdächtigen möglichst reichlich mit Nahrung versorge, dann sind sie irgendwann nicht mehr ohne weiteres in der Lage, Meisen und Rotkehlchen zu morden. Nicht, weil sie nicht mehr hungrig wären – Hunger ist nicht ihr Antrieb zum Töten, die Beute wird ja nicht verspeist – sondern weil sie zu langsam und zu schwer sind.

Die Devise heißt also: Füttern für den Frieden.

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Vorbehaltlos lieben

Was hat Navid Kermani am Sonntag für eine bewegende Rede gehalten! Sie war ihres Anlasses – Kernanis Auszeichnung mit dem Friedenspreis der deutschen Buchhandels – in jeder Hinsicht würdig. Kermani befasste sich mit dem Frieden zwischen den Religionen und der Lage in Syrien. Und mittendrin sagte er diese bemerkenswerten Sätze:

Die Liebe zum Eigenen – zur eigenen Kultur wie zum eigenen Land und genauso zur eigenen Person – erweist sich in der Selbstkritik. Die Liebe zum anderen – zu einer anderen Person, einer anderen Kultur und selbst zu einer anderen Religion – kann viel schwärmerischer, sie kann vorbehaltlos sein. Richtig, die Liebe zum anderen setzt die Liebe zu sich selbst voraus. Aber verliebt, wie es Pater Paolo und Pater Jacques in den Islam sind, verliebt kann man nur in den anderen sein. Die Selbstliebe hingegen muss, damit sie nicht der Gefahr des Narzissmus, des Selbstlobs, der Selbstgefälligkeit unterliegt, eine hadernde, zweifelnde, stets fragende sein. Wie sehr gilt das für den Islam heute! Wer als Muslim nicht mit ihm hadert, nicht an ihm zweifelt, nicht ihn kritisch befragt, der liebt den Islam nicht.

Als Landesbischof Heinrich Bedford-Stohm vor ein paar Wochen ins Kuratorium eines islamischen Zentrums eintrat, da witterten einige christliche Hardliner schon Verrat an der eigenen Sache. In den letzten Wochen ist mir eine solche Haltung leider ganz oft begegnet, die am Eigenen nicht zweifelt und sich rhetorisch ständig im Angriffsmodus gegen das Andere befindet, dem alles Böse dieser Welt zugetraut wird. Ein fundamentalistischer Prediger aus meiner Region schrieb diese Woche auf Facebook: „Ein wirklich gläubiger Moslem kann und will sich nicht integrieren.“

Wer ständig die Extremisten auf der anderen Seite kritisiert und so tut, als wären diese das wahre Gesicht ihrer Religion, der gesellt sich zu den Scharfmachern im eigenen Lager, und weil das umgekehrt ebenso engagiert betrieben wird, fließt früher oder später Blut. Umgekehrt würde ein Schuh draus, aber das würde auch eine Art Bekehrung erfordern: Weg von einem Glauben, der in anderen Religionen nur das Böse am Werk sieht und den Irrtum pflegt, dass jede positive Aussage über sie ein Verrat am eigenen wäre.

Davon hat die Welt jetzt schon mehr als genug.

Um so mehr hat mich Kernanis Geschichte von Pater Jaques berührt. Der hatte sich strikt dagegen ausgesprochen, dass westliche Politiker nur orientalische Christen, nicht aber vor Krieg und Tod flüchtende Muslime bei sich aufnehmen wollen. Wie wäre es, wir würden uns an den Besten auf allen Seiten messen? An Navid Kermani und Heinrich Bedford-Strohm, den Mönchen von Mar Elian, den verfolgten Sufis und all denen, die den „Dialog der Barmherzigkeit“ pflegen, zu dem Kermani uns aufruft. Jesus und die Bibel geben uns mehr als genug Gründe, ihnen nachzueifern.

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Missverständliches Mitgefühl

In einem Gespräch neulich berichtete jemand von einer Auseinandersetzung und machte seiner Empörung Luft über die Ungerechtigkeit, die ihm dabei widerfahren war. Eine andere Person aus der Gruppe antwortete zustimmend auf seine Äußerung. Ich kannte die andere Seite dieses offenkundig schmerzhaften Konfliktes nicht, daher war ich erst einmal recht zurückhaltend.

Als ich die zweite Person später wieder traf, sagte ich, dass ich über ihre emphatische Zustimmung verwundert war. Und ich entdeckte, dass die Zustimmung nicht dem Urteil des Betroffenen über die Sachlage und die Kontrahenten gegolten hatte, sondern als Ausdruck von Mitempfinden und als Ermutigung gemeint waren, sich nicht von den Sorgen überwältigen zu lassen. Das Problem war nur, dass man den Wortlaut dieses Zuspruchs auch so hätte verstehen können, dass die eine Konfliktpartei recht hat und die andere im Unrecht ist.

Mag sein, dass das sogar zutrifft – ich weiß das nur nicht und kann es auch nicht so leicht herausfinden.

Nachdenklich hat mich das Erlebnis deshalb gemacht, weil ich fürchte, mir und anderen ist es auch schon so ergangen. Wir regen uns über etwas auf, unsere Freunde bekommen das mit und wollen uns aufmuntern. Wir fühlen und dann in unserem gerechten Zorn bestätigt und denken, dass wir einen Verbündeten gefunden haben, der unsere Position teilt und unterstützt. Denn wenn wir unter Druck stehen, dann wollen wir solche Dinge ja auch hören. Vielleicht werden wir dadurch mutiger (oder rücksichtsloser) und versuchen mit aller Macht, uns durchzusetzen.

Das kann ins Auge gehen.

Vielleicht steckt ein ähnliches Muster auch in den Verweisen auf angeblich schweigende Mehrheiten in manchen Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten. Es könnte ja sein, dass auch da jemand das Mitgefühl anderer irrtümlich als inhaltliche Zustimmung zu seiner Position interpretiert. All das macht Konfliktlösungen nicht einfacher.

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Hut ab

Diese Woche habe ich zum letzten Mal an einer Sitzung des Leitungskreises der „Koalition für Evangelisation/Lausanner Bewegung“ teilgenommen. Ich bin, wenn ich mich richtig erinnere, noch im letzten Jahrtausend zu der Runde dazugestoßen, auf Einladung von Ulrich Eggers, der damals den Vorsitz innehatte. Die evangelikale Gremienwelt war für mich damals terra Incognita.

Über die Jahre habe ich viele interessante und engagierte Menschen kennengelernt, vor allem durch die jährlichen „runden Tische“, die ich ein paar Jahre lang mit geplant und vorbereitet habe. Für mich war es immer dann am spannendsten, wenn es den Charakter eines ThinkTanks hatte. So oder so – es war nie genug Zeit, um alle spannenden Themen auszudiskutieren, die angerissen wurden. Sicher eines der beeindruckendsten Erlebnisse war der internationale Kongress 2010 in Kapstadt mit Delegierten aus der ganzen Welt, über den ich einige Blogposts geschrieben habe. Die Stärken (und auch die Grenzen) der Bewegung waren dort mit Händen zu greifen.

Victoria & Albert Waterfront by D-Stanley, on Flickr
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Meine inneren und äußeren Prioritäten haben sich über die letzten Jahre so verschoben, dass ich im Sommer beschloss, diesen „Hut“ wieder abzugeben und Platz zu schaffen für neue Gesichter, die ihre Werke und Verbände dort repräsentieren. Das ist auch deshalb nötig, weil die Truppe für 2017 einen großen Kongress plant (dynamissio soll er heißen), da muss jetzt viel geackert werden. Vielleicht gelingt es ja, etwas von der Weite und Themenvielfalt von Kapstadt in die fromme Szene hierzulande hineinzutragen.

An ein Treffen erinnere ich mich noch besonders. Ich fuhr nach Kassel (dort trifft sich der Kreis fast immer) und stieg am Bahnhof Wilhelmshöhe aus. Als ich die Rampe zum Bahnhof hinauflief, kam mir der Vorsitzende entgegen. Ich fragte, ob er denn heute nicht dabei sei. Er sah mich verdutzt an und erklärte, die Sitzung sei doch erst morgen. Die Terminfindung war etwas kompliziert verlaufen und ich hatte die letzte von mehreren Änderungen nicht in meinen Kalender übertragen. Ich trank einen Cappuccino und fuhr wieder zurück. Als ich am nächsten Tag erneut nach Kassel kam und ein paar Minuten später zur Sitzung erschien, grinste mich der ganze Haufen schon breit an, als ich zur Tür hereinkam. Meine Terminpanne am Vortag war offenbar Punkt 1 auf der Tagesordnung gewesen.

Vielleicht fahre ich jetzt mal nach Lausanne. Da war ich nämlich noch nie. 🙂

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Weisheit der Woche: Korruption

Man hört unablässig das Argument, in all den Diskussionen über Zeitungen, Firmen, Aristokratien oder Parteipolitik, dass man einen Reichen nicht bestechen kann. Tatsache ist freilich, dass der Reiche geschmiert ist; man hat ihn schon bestochen. Deswegen ist er ein Reicher. Die Begründung für das Christentum liegt darin, dass jemand, der an den Annehmlichkeiten dieses Lebens hängt, ein korrupter Mensch ist, geistlich korrupt, politisch korrupt, finanziell korrupt.

 (Gilbert K. Chesterton, Orthodoxy, 111)

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Unvergessliche Tage

Den Gottesdienst am Sonntag, den 21. Mai 2006 werde ich so schnell nicht vergessen. Ich war gerade mitten in meiner Predigt, da sah ich, wie sich hinten im Saal ein paar Quadratmeter Stuck von der Decke lösten und aus etwa sieben Meter Höhe herabfielen. In meiner Erinnerung läuft die Szene immer noch wie in Zeitlupe ab, in Wirklichkeit waren das nur Sekundenbruchteile. Es gab einen dumpfen Schlag und einen überrumpelten vielstimmigen Aufschrei in der Nähe der Staubwolke, die sich zeitgleich vor dem Krabbelteppich mit den Kleinkindern in die Luft erhob. Wie durch ein Wunder wurde niemand ernsthaft verletzt. In einer leeren Babytrage lagen drei bis vier Kilo Gipsbrocken. Die Eltern hatten das Kind Minuten vorher auf den Arm genommen. Wir räumten das Haus umgehend, alles lief besonnen und diszipliniert ab.

Keine Ahnung mehr, was ich damals hatte sagen wollen. Die Predigt war Makulatur, um sprachlich noch etwas im Bild zu bleiben.

Vielleicht ging es den Menschen ähnlich, die in einem überfüllten Haus in Kafarnaum glücklich einen Platz ergattert hatten, um Jesus zu hören, während weitere Neugierige vor der Tür standen und hofften, einen Blick zu erhaschen oder etwas mitzubekommen von der Botschaft. Der Deckendurchbruch dürfte sich durch Geräusche und herabfallenden Dreck ein paar Minuten lang angekündigt haben und vermutlich waren viele schon ziemlich sauer, als schließlich eine Bahre von oben herabgelassen wurde, auf der ein Gelähmter lag. Vier seiner Freunde hatten nichts unversucht gelassen, um ihn in Jesu Nähe zu bringen (vgl. Markus 2,1-12).

Hätten die Freunde den Andrang vorhergesehen, wären sie vielleicht eher da gewesen. Dass auf normalem Weg kein Durchkommen war, hielt sie jedoch nicht davon ab, ihren Vorsatz in die Tat umzusetzen. Irgendwer war der Meinung „wir schaffen das“, und irgendwer hatte einen unorthodoxen Einfall, wie das anzustellen wäre. Den Freund draußen zu lassen oder wieder umzukehren, kam für sie nicht in Frage. Er war einer von ihnen. Nicht nur ein Teil der Gruppe, sondern ein Teil jedes einzelnen.

Kranke und Versehrte waren im Tempel – Gottes primärem Aufenthaltsort in dieser Welt, an dem er Bitten und Beschwerden entgegennahm und über Lebensschicksale entschied – nicht zugelassen. Aber ein Hausgottesdienst mit einem Wanderpropheten war prinzipiell zugänglich, da mussten nur praktische Probleme gelöst werden.

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Und Jesus schien von der Lösung, die sie schließlich fanden und die seine Predigt jäh unterbrach, ganz und gar nicht negativ berührt. Er wendet sich dem Kranken ohne Umschweife zu, mit einem Wort der Vergebung und der Aufforderung, aufzustehen und mit seiner Bahre loszumarschieren. So geschieht es – zum Erstaunen der Normalos, zum Ärger der Religiösen, zur hellen Freude der Freunde. Dass Jesus von Vergebung spricht, bedeutet nicht, dass er die Krankheit für eine Strafe Gottes hielt, sondern er sagt damit, dass auch dieser Kranke nicht außen vor bleibt, wenn Gott seine Verheißungen wahr macht und den Bund mit seinem Volk erneuert. Die Heilung ist daher kein zweiter Schritt, sondern nur die sichtbare, spürbare Konkretion dieser Heilszusage.

Mich hat diese Geschichte ins Nachdenken gebracht über viele unterschiedliche Anlässe, Gottesdienste wie persönliche Gebetszeiten, wo ich gesagt bekam oder mir selbst sagte, ich solle meine leidenden Freunde gedanklich besser draußen lassen, weil sie die Begegnung mit Jesus stören: Kranke und gebrechliche Angehörige, Trauernde und Depressive, Verschuldete und Entmutigte, Nahe und Ferne.

Das Problem ist nur, dass es nicht geht. Denn sie sind in vieler Hinsicht ein Teil von mir selbst. Sie draußen zu lassen, sie irgendwie auszublenden, hieße, einen Teil von mir selbst außen vor zu lassen. Das geht durchaus, ich habe es erfolgreich ausprobiert. Aber wenn ich das tue, bin auch ich selbst nicht richtig präsent. Wenn ich aber nicht richtig präsent bin, kann ich auch die Gegenwart Gottes nicht erfahren. Und genau da liegt für viele von uns das Problem.

Der vergebliche Versuch, die Freunde draußen zu lassen, geht oft einher mit dem Bemühen, auch unsere Feinde draußen zu lassen. Nicht nur die äußeren Feinde, sondern auch unsere inneren Bedrohungen – Dinge, die wir an uns selber nicht leiden können, die uns erschrecken und zusetzen, deren wir uns schämen. Wir singen was lauter, kneifen die Augen etwas fester zu, verscheuchen die unschönen, lästigen Gedanken und Bilder. Notfalls mit passenden Bibelversen. Am Ende bleibt so viel von uns draußen, dass nicht mehr viel da ist, was die Botschaft der Heilung und Vergebung hören könnte, die diese Welt (und ich selbst) so dringend braucht. Und was noch trauriger ist: Immer wieder mal bekomme ich mit, dass jemand nicht mehr oder kaum noch betet oder an Gottesdiensten teilnimmt, weil es ihr/ihm nicht gelingt, das vermeintlich Störende draußen zu halten.

Um Gott zu begegnen, muss ich ganz da sein. Und das bedeutet, dass Freunde, Feinde und meine dunklen, unansehnlichen der peinlichen Seiten auch da sein dürfen müssen. Für Gott ist das gar kein Problem, und wir können getrost aufhören, eins draus zu machen. Ich habe einmal einem geistlichen Begleiter erzählt, dass ich mich beim Beten fühle wie im 23. Psalm, wo von dem „Tisch im Angesicht meiner Feinde“ die Rede ist. Er antwortete: „Dann lade sie doch ein!“

Immer wieder erinnere mich seither an diesen Rat. Ich muss mich auch tatsächlich immer wieder daran erinnern, dass ich nichts zu verscheuchen oder zu verdrängen brauche. Nolens volens bringe ich alles mit, was zu mir gehört. Ich erkenne an und gestehe ein, dass es ist, wie es ist. Und dann stelle ich jedesmal wieder erstaunt fest, dass Gottes Gastfreundschaft die ungebetenen Tischgenossen alle einschließt. Und so hören sie allmählich auf, mich zu nerven und mein Denken zu beherrschen. Ich stelle fest, dass ich Angst habe oder wütend bin, aber dass ich mehr bin als meine Angst, meine Traurigkeit oder mein Frust. Und auch mehr als meine Freude und mein Erfolg. Und dass Gott mehr ist als beides zusammen.

Unendlich viel mehr.

Und das ist der Moment, in dem etwas heil zu werden beginnt und sich verändert.

Ich habe mir vorgenommen, ganz genau darauf zu achten, wie ich mit anderen über diese Dinge rede. Wie ich Menschen einlade, in einem Gottesdienst achtsam anwesend zu sein und sich auf Gott einzulassen. Ich halte die Augen auf nach Liedern und Texten, die das ausdrücken und transportieren: einen Gott und einen Glauben, der mit der ungeschminkten Wirklichkeit klar kommt und sich nicht in abgeschirmte Heiligtümer flüchtet.

Also – lieber ein Loch in die Decke hauen und einen unvergesslichen Tag erleben.

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Herz über Kopf

Neulich beim Autofahren lief im Radio „Herz über Kopf“. Es geht um eine Beziehung, in der anscheinend nichts mehr funktioniert, aber in der beide Partner sich nicht von einander losreißen können: „Der Zug ist abgefahr’n, die Zeit verschenkt. Fühlt sich so richtig an, doch ist so falsch“.

So weit, so melodramatisch. Steht Verstand gegen Gefühl, verliert eben der Verstand. Oder?

Dasselbe Motiv spielt gerade eine große Rolle in der Politik. Da melden sich selbsterklärte „Stimmen der Vernunft“ zu Wort und halten den anderen, allen voran der Bundeskanzlerin, ihre Gefühlsduselei in der Flüchtlingsfrage vor, mit der sie schweren Schaden anrichtet, und der Hinweis auf das Gewissen wird dann, je nach Bedarf und Couleur, als moralischer Imperialismus, Gutmenschentum, verkappter Egoismus, und Verrat am Volk gewertet. Kopf über Herz, so möchten sich diese Kritiker verstanden wissen.

Beidesmal stimmt die Entgegensetzung aber nicht.

Jemand, der aus Angst, Gewohnheit oder Phantasielosigkeit an einer intimen Beziehung festhält, die ihm nicht gut tut, handelt durchaus rational, wenn auch in einem reduzierten und für Außenstehende befremdlichen Sinn. Und zugleich hört er meist auch nicht genug auf das Herz, das durchaus in der Lage ist, zu erkennen, wann eine Beziehung toxisch geworden ist. Er denkt und fühlt aber nicht weiter als bis zur nächsten kurzfristigen Wiederkehr des Vertrauten – Kater eingeschlossen. Bei einer endgültigen Trennung wäre man ja selbst verantwortlich für das eigene Unglück. Es stimmt also weder im Herzen noch im Kopf.

 

Wer sich für Solidarität mit Flüchtlingen einsetzt, wer das Asylrecht und die Menschenrechte für nicht verhandelbar hält, wer sich hier kategorisch in der Pflicht und unbedingt gefordert sieht, zu helfen und sich einzusetzen (praktisch wie politisch), handelt keineswegs unvernünftig. Er folgt nur nicht der berechnenden, kühl kalkulierenden und konkurrierenden Vernunft derer, die sich das Elend dieser Welt (das sie aktiv und passiv mit verschuldet haben) so weit wie möglich vom Leib halten wollen, etwa mit so realitätsverzerrenden Parolen wie: „Wir können schließlich nicht die ganze Welt retten.“

Vielmehr folgt er oder sie der empathischen Vernunft, die sich mit dem Leid anderer identifiziert, die die eigene Verantwortung und Zuständigkeit nicht nach Gusto, und mit dieser emphatischen Vernunft verbindet sich ein Rechtsverständnis, für das Grund- und Menschenrechte nicht unter Finanzierungsvorbehalt stehen. Eine Vernunft, die weit genug blickt, um zu erkennen, dass jeder Verzicht auf Mitmenschlichkeit auch bei uns selbst langfristig irreparablen Schaden anrichtet.

Die berechnende Vernunft derer, die nach Zäunen, Truppen und Kontrollen rufen, die die Risiken (freilich geht es nicht ohne Risiko) grell und die Hoffnung blass zeichnet, ist aber auch in einer anderen Hinsicht der Haltung ähnlich, die in „Herz über Kopf“ anklingt: Sie hält an dem ungesunden Verhältnis fest, in dem wir Deutschen und Europäer uns gegenüber dem Rest der Welt befinden – unsere seit Generationen bestehende, dauerhafte Mitverantwortung für Armut und politisch-religiösen Extremismus in Afrika, Syrien, dem Irak oder Afghanistan – als wäre es etwas unverrückbar Schicksalhaftes, und die hätschelt die eigenen Verlustängste, indem sie die Weigerung zu Teilen, zu Verzicht und zur Anpassung des eigenen Lebensstils an veränderte globale und lokale Verhältnisse als eine besonders erhabene Form von Verantwortung verkleidet.

Der eine hat Angst, sich aus einer ungesunden Symbiose zu lösen, weil er dann irgendwie nicht mehr er selbst wäre. Auch sein Kopf versagt vor der Aufgabe, einen neuen Lebensentwurf zu erschaffen. Die anderen schüren die Panik, dass wir nicht mehr wir selbst sein könnten, wenn wir „alles Elend dieser Welt“ über unsere Grenzen „schwappen“ lassen und erwecken den irrigen Eindruck, es gäbe einen Weg zurück zum Business as Usual. Auch hier ist ein neuer Lebensentwurf unausweichlich. In der Charta der Menschenrechte steht nichts von einem Anspruch darauf, von Veränderungen verschont zu bleiben. Und in der Bibel schon gleich gar nicht.

Der Zug zurück in heile (weil vergangene) Welten „ist abgefahrn“. Je eher wir das begreifen und uns der Herausforderung an unsere denkendes Herz (um es mit Etty Hillesum zu sagen) stellen, desto eher schwindet die Angst und mit ihr die Macht derer, die sie für eigene Zwecke ausbeuten.

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Endlich erhältlich: Öffentlich Glauben von Miroslav Volf

Im vergangenen Jahr habe ich Miroslav Volfs A Public Faith für den Francke-Verlag übersetzt und nun ist es endlich so weit, das Buch ist auf dem deutschen Markt. Ganz besonders freut mich, dass Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm das Vorwort für seinen Kollegen aus Yale geschrieben hat.

Die Frage, wie und in welcher Form Christen am gesellschaftliche Leben teilnehmen und teilnehmen sollten, hat schon immer die Gemüter erhitzt. Aktuell etwa positionieren sich die große Kirchen in der Flüchtlingskrise sehr eindeutig, was bei konservativen Parteien und deren kirchlichen Sympathisanten mit Missfallen zur Kenntnis genommen wird (da will man die Bibel auf einmal nicht mehr ganz so wörtlich nehmen). Aber es gab und gibt ja auch die säkularistische Forderung, Kirchen und Religion aus dem öffentlichen Raum möglichst vollständig herauszuhalten.

Miroslav Volf geht davon aus, dass praktisch gelebter Glaube auf „menschliches Gedeihen“ hin angelegt ist, also ein erfülltes Leben und ein friedliches Miteinander in der Gesellschaft. Die Frage nach dem ewigen Heil Er behandelt zwei Fehlfunktionen, nämlich den weltflüchtigen (und damit untätigen) Glauben und den übergriffigen Glauben.

Volf entwickelt diese doppelte Abgrenzung sehr sorgfältig und buchstabiert dann durch, wie Christen (aber auch Juden und Muslime) in einem säkularen Staat und einer pluralistischen Gesellschaft so leben, dass es dem Gemeinwohl nützt und sich jeder Tendenz zu religiösem Totalitarismus widersetzt. Ein wichtiges Thema, denn

die religiöse Vielfalt westlicher Länder spiegelt die zunehmende religiöse Vielfalt der Welt als ganzer wider. Was die einzelnen Länder angeht ist religiöse Vielfalt freilich kein westliches Phänomen. In mancher Hinsicht ist der Westen sogar spät dran. Einige nichtwestliche Länder wie Indien zum Beispiel leben seit Jahrhunderten mit religiösem Pluralismus.12 Andere werden wahrscheinlich zunehmend pluralistisch, wobei verschiedene Religionen – allen voran Christentum und Islam – um Mitglieder wie um gesellschaftliche Macht und politischen Einfluss wetteifern. Global und national wird religiöse Vielfalt in den nächsten Jahren in wichtiges Thema bleiben. Die modernistische Sehnsucht nach einer säkularen Welt muss zwangsläufig zu Enttäuschungen führen, genauso wie die Nostalgie eines „christlichen Europa“ oder eines „christlichen Amerika“ genau das bleiben muss: unerfüllte Nostalgie.

Nicht die schlechteste Wahl, wenn Ihr demnächst Eure Weihnachts-Wunschzettel zusammenstellt…

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Vorsprung durch Bescheidenheit

Was für eine Woche: Papst Franziskus hat die Amerikaner und die Staatschefs der UN-Generalversammlung eindringlich an Ihre Verantwortung für den Klimawandel erinnert. Und an dessen soziale Dimension: Die globalen Folgen treffen gerade die Armen besonders hart. Für den Papst ist das ein drängendes Thema, zu dem man als Christ nicht schweigen kan. Die religiöse und republikanische Rechte in den USA schäumt deshalb, er solle sich lieber darum kümmern, „Seelen in den Himmel“ zu bekommen (in Deutschland liest sich das, in etwas moderaterer Diktion und anderer tagespolitischer Stoßrichtung, dann so).

Deutschland hat in Sachen Klimaschutz ja ein paar positive Dinge zu vermelden. Gegenläufig waren allerdings die Emissionen im Straßenverkehr. Die Ursache dafür sind die immer schwereren Fahrzeuge und die immer leistungsstärkeren Motoren, die unsere Autoindustrie verkauft. Und die Tatsache, dass über den tatsächlichen Spritverbrauch und Schadstoffausstoß gelogen wird, dass sich die Balken biegen. Die Bundesregierung hat das Greenwashing bekanntlich nicht etwa bekämpft, sondern aktiv gefördert und allen einen Bärendienst erweisen. Daran hat uns der VW-Skandal eindringlich erinnert.

Die Industrie hat sich an Mogeleien gewöhnt und, wie es derzeit aussieht, noch ein paar neue erfunden, anstatt sich ernsthaft darum zu bemühen, sparsame Autos zu bauen. Ein Kommentator schrieb diese Woche treffend, VW habe den Autos das Lügen beigebracht. Wertvolle Zeit und Energie, um sich für den überfälligen technologischen Wandel zu rüsten, wurde vertan. Aus einem Vorsprung durch Technik wurde ein Rückstand durch Täuschung.

Deutschland ist in Sachen Autos ungefähr so rational wie die Amerikaner bei Schusswaffen. Der Autokauf ist eine emotionale Sache und, abgesehen von der Finanzierung, keine Frage der Vernunft: Unsere Hersteller verkaufen Gefühle statt Transportmittel, sie werben mit grenzenloser Freiheit und ungetrübtem Fahrspaß und setzen das gekonnt ins Bild, die Autotester der großen Verlage begeistern sich in ihren Kolumnen für die schnellen und schnittigen Modelle mit besonders üppiger Ausstattung. Sparsamkeit und Effizienz taugen allenfalls für Fußnoten. Die (emotionale) Wirkung auf den Fahrer steht im Zentrum, die Wirkung auf Umwelt und Mitmenschen ist seltener von Interesse.

Der Papst hingegen fährt im Kleinwagen durch die Staaten. Auch er weiß, dass sein Weckruf an die Welt Bilder braucht. Es ist Zeit, seinem Beispiel zu folgen. Vielleicht fährt er dann eines Tages auch mal einen VW.

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Das Ende der Ungleichmacherei

Beim Thema Schöpfungsspiritualität bin ich (nicht zum ersten Mal) auf einen Zusammenhang gestoßen, der mich noch weiter beschäftigt hat. Ob bei den keltischen Christen oder in der mittelalterlichen Tradition des Franziskus oder der Hildegard von Bingen, überall da, wo ein positives Verhältnis zu Natur und Schöpfung vorherrschte (so häufig war das in der westlichen Christenheit nicht), hatten Frauen einen besseren Stand in der Kirche.

Und dort wo Frauen unterdrückt wurden, stellte sich oft auch kein ungetrübtes Verhältnis zur Natur ein. Heute wieder wunderbar zu besichtigen im neoreformierten Christentum, während der „grüne“ Papst Franziskus bei seinen Kritikern, die das Feindbild des Ökofeminismus pflegen, auch schon im Verdacht steht, Frauen zu viele Zugeständnisse zu machen.

Sind das lediglich Koinzidenzen oder besteht ein innerer, theologischer und spiritueller Zusammenhang? Wächst beides aus einer gemeinsamen Grundhaltung? Ich habe bei Ina Praetorius, die sich in Wirtschaft ist Care unter anderem mit der „Dichotomisierung der Menschheit“ befasst, Auszüge aus dem dritten Buch von Aristoteles’ Politik gefunden, die offenbar eine lange Wirkungsgeschichte hatten.

That Way by Wil C. Fry, on Flickr
Creative Commons Creative Commons Attribution-Noncommercial-No Derivative Works 2.0 Generic License   by  Wil C. Fry 

Bisher hätte ich ja eher auf manichäische Tendenzen aus der augustinischen Theologie getippt. Aber aus den folgenden Zeilen lässt sich unschwer erkennen, wie soziale, geschlechtliche und geistig/materielle Dualismen schon seit der hellenistischen Zeit eng verknüpft sind und wie tief die Polemik gegen eine angebliche „Gleichmacherei“ in einer symbolischen Ordnung wurzelt, die zum Glück längst tiefe Risse bekommen hat, dafür aber um so verbissener verteidigt wird:

Das Lebewesen besteht primär aus Seele und Leib, wovon das eine seiner Natur nach ein Herrschendes, das andere ein Beherrschtes ist. […] Denn die Seele regiert über den Körper in der Weise eines Staatsmannes oder Fürsten. Daraus wird klar, dass es für den Körper naturgemäß und zuträglich ist, von der Seele beherrscht zu werden. […]

Gleichheit oder ein umgekehrtes Verhältnis wäre für alle Teile schädlich. […] Desgleichen ist das Verhältnis des Männlichen zum Weiblichen von Natur so, dass das eine besser, das andere geringer ist, und das eine regiert und das andere regiert wird. […] Auf dieselbe Weise muss es sich nun auch bei den Menschen im Allgemeinen verhalten.

Diejenigen, die so weit voneinander verschieden sind wie die Seele vom Körper und der Mensch vom Tier […] , diese sind Sklaven von Natur, und für sie ist es, wie bei den vorhin genannten Beispielen, besser, auf die entsprechende Art regiert zu werden. […] Es ist also klar, dass es von Natur Freie und Sklaven gibt und dass das Dienen für diese zuträglich und gerecht ist.

So gesehen könnte man sagen, dass sich von der Abschaffung der Sklaverei und autoritärer Staatsformen über die Gleichstellung der Geschlechter und die Anerkennung geschlechtlicher Vielfalt bis hin zum Ringen um ein gewaltfreies Verhältnis zur Natur ein einziger langer Kampf darum abspielt, diese fatalen Machtverhältnisse aufzulösen, die Aristoteles mit all seinen Zeitgenossen und Nachfolgern für die Grundordnung der Welt hielt. Die Spur der Dichotomisierung lässt sich über Bacon und Kant bis zu Hegel und Marx verfolgen, wie Praetorius zeigt. „Männliche“ Naturaneignung (der Eroberer, der Wissenschaftler, der Technokrat) und passive „Weiblichkeit“ stehen einander gegenüber.

Männer, die sich selbst gern als intellektuelle und spirituelle Wesen betrachten, die ihre Körperlichkeit verachten und, so gut es geht, verdrängen, projizieren diesen Aspekt des Menschseins auf Frauen und sehen in diesen vor allem das körperliche Wesen, das sie nicht sein wollen. Jede Form von Gleichheit zwischen Männern und Frauen erschüttert dieses illusionäre Selbstbild – und den damit verbundenen hierarchischen Machtanspruch.

Luther hielt ja bekanntlich gar nichts von Aristoteles. Er hatte wohl andere Gründe dafür als wir, aber vielleicht war seine Intuition ja trotzdem gar nicht so falsch. Bringen wir also zu Ende, was er begonnen hat, indem wir eine postdualistische Sicht auf die Welt entwickeln, die mit Unterschieden anders umzugehen lernt. Zum Beispiel auch dem zwischen Autochthonen und Zuwanderern.

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Die Sehnsucht, die nicht warten kann

Beim Impulstag Schöpfungsspiritualität am Samstag in Köln habe ich auch als Mitwirkender Neues entdeckt. Martin Horstmann war ein wunderbarer Gastgeber und Moderator.

Und Jan Frerichs aus Bingen hat die franziskanische Tradition beleuchtet. In diesem Zusammenhang zeigte er auch diesen Clip des WWF, der das Verhältnis von Mensch und Schöpfung schön darstellt.

Ich finde das auch aus theologischer Sicht gelungen, weil auf der einen Seite die Identifikation mit der Schöpfung steht – Laub, Gras, Erde –, auf der anderen Seite der Begriff der Sehnsucht auch das menschliche Bewusstsein, das die reine Materie transzendiert. In der Sehnsucht nach einer heilen Schöpfung verbindet sich beides. Erst dann sind auch wir wirklich heil.

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Das Gebot der Stunde, oder: Was Angela Merkel und Keith Green verbindet

Man weiß ja nie, was noch alles kommt, aber so, wie es momentan aussieht, ist die Flüchtlingsfrage die größte politische Herausforderung dieses Jahrzehnts, für Deutschland wie für Europa – und die größte geistliche Herausforderung für uns Christen.

Die letzen Wochen waren eine Sternstunde der Zivilgesellschaft, die eine zögernde, planlose und widerwillig agierende Bundesregierung (verkörpert durch den Innenminister) vor sich hergetrieben hat. Dessen „Lösungen“, angefangen vom Beharren auf den Dublin-Verträgen, die die Probleme auf Italien und Griechenland abwälzten, bis hin zum kopflosen Hin und Her, was die Seenotrettung im Mittelmeer angeht, haben samt und sonders versagt und dazu beigetragen, dass sich auch in den anderen europäischen Ländern die Illusion verbreitet hat, man könne sich abschotten. Der Bund deutscher Kriminalbeamter fasste das Versagen jüngst so zusammen:

Hätten sich unsere verantwortlichen Politiker auf EU- und Bundesebene nicht diesen Erkenntnissen nach dem Prinzip der drei Affen (nichts hören, nichts sehen, nichts sagen) verschlossen, hätten wir uns auf die Situation ganz anders einstellen können. Wir hätten heute keine überquellenden Züge und Bahnhöfe und überforderte Länder, Städte und Kommunen gehabt, die nicht wissen, wie sie der Lage noch Herr bleiben können. Wir hätten fast 5 Jahre Zeit gehabt, uns auf die kommenden Herausforderungen einzustellen. Wir hätten Aufnahmeeinrichtungen in ausreichender Anzahl aufbauen und die notwendige Logistik bereitstellen können. Wir hätten die Flüchtlinge menschenwürdig in ihre Unterkünfte transportieren und unterbringen können. Haben wir aber nicht.

Syrian Refugees by FreedomHouse, on Flickr
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Das muss nun mühsam korrigiert werden, ebenso wie die Versäumnisse dabei, sich rechtzeitig auf den Andrang derer einzustellen, die vor Krieg und Gewalt aus ihrer Heimat fliehen mussten. Erstaunlicher- und erfreulicherweise hat sich die Kanzlerin hier nun klar positioniert, zuletzt gestern, als sie klarstellte:  „Ich muss ganz ehrlich sagen: Wenn wir jetzt anfangen müssen, uns zu entschuldigen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.“

Ein paar wundersame Schwarze hingegen preisen sich stolz als die Stimme der Vernunft an, weil vermeintlich naive Idealisten vor ihrer eigenen kopflosen Hilfsbereitschaft gerettet werden, indem an der Grenze zu Österreich wieder kontrolliert wird. Das alles sind offensichtlich Scheingefechte. Konkret anzubieten haben die Advokaten der Abschottung nur Parolen und bürokratische Konzepte, die schon versagt haben. In dieser Situation reißt sogar bayerischen Katholiken der Geduldsfaden: Der Fürther Dekan Hermany hat die Einladung von Viktor Orban zur CSU nach Kloster Banz nächste Woche scharf kritisiert. Orban schürt in Ungarn seit Jahren Fremdenfeindlichkeit und schränkt die Bürgerrechte massiv ein.

Bleiben wir kurz in der katholischen Welt: Paul M. Zulehner hat in einem äußerst lesenswerten Vortrag zum Umbau der Kirchen in dieser Krisenzeit jüngst auf Jesus und das Evangelium vom Reich Gottes, die Rede vom kosmischen Christus und das Pfingstereignis hingewiesen, und folgert dann:

Die Sorgen der Kirche um das Heil ihrer Mitglieder sowie um die ihr ständig abgeforderte Reform an Haupt und Gliedern, werden nicht belanglos, rücken aber in den Hintergrund. Im Mittelpunkt steht nunmehr die Sorge Gottes um seine eine Welt. […] Das relativiert die Kirche hin auf die mit der Weltgeschichte idente Heilsgeschichte, weitet also ihren Horizont soteriologisch enorm. Wesentlich ist für diese Überlegungen, dass die Menschheit bei allen Unterschieden der Kulturen und Personen als eine gesehen wird. Weil nur ein Gott ist, ist jede eine, ist jeder einer von uns. Also ist auch Aylan, das tote Kind am Strand von Kos, einer von uns.

Die leitenden Geistlichen der Evangelischen Landeskirchen haben diese Woche erfreulich eindeutig festgestellt:

Gott liebt alle seine Geschöpfe und will ihnen Nahrung, Auskommen und Wohnung auf dieser Erde geben. Wir sehen mit Sorge, dass diese guten Gaben Gottes Millionen von Menschen verwehrt sind. Hunger, Verfolgung und Gewalt bedrücken sie. Viele von ihnen befinden sich auf der Flucht. So stehen sie auch vor den Toren Europas und Deutschlands. Sie willkommen zu heißen, aufzunehmen und ihnen das zukommen zu lassen, was Gott allen Menschen zugedacht hat, ist ein Gebot der Humanität und für uns ein Gebot christlicher Verantwortung.

Auch wenn nur ein Teil der Helfer, die in Wien, München und an vielen anderen Orten sich spontan organisiert haben, um die Versäumnisse der Politik zu beheben und Flüchtlingen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen, sich explizit als Christen versteht, scheint es mir angemessen, diese Welle der Nächstenliebe als ein Werk Gottes zu verstehen – so wie vor allem das rechtskonservative Christentum, das mit muslimischen Neuankömmlingen noch heftig fremdelt, demnächst wieder die deutsche Einheit als ein solches Werk feiert.

Mir kam heute ein uralter Song von Keith Green in den Sinn, der in diesem Zusammenhang ganz aktuell klingt. Vieles, was Green in seiner Konzentration auf Seelenrettung eher metaphorisch formulierte, ist inzwischen ganz konkret:

Do you see, do you see all the people sinking down?
Don’t you care, don’t you care are you gonna let them drown?
How can you be so numb not to care if they come?
You close your eyes and pretend the job’s done

Ein Volltreffer auch der Verweis auf Matthäus 25, ich nenn’ das einfach mal prophetisch:

… He brings people to you door
And you turn them away as you smile and say
God bless you, be at peace and all heaven just weeps
‚Cause Jesus came to you door you’ve left Him out in the street

Die Frage ist also, ob wir Gott bei diesem Werk tatenlos oder mürrisch zusehen, oder uns dieser Bewegung anschließen. Der Kampf um ein offenes, barmherziges und fremdenfreundliches Europa, die Auseinandersetzung mit unseren Anteilen an den Kriegen, vor denen die Menschen fliehen (Spätfolgen des Kolonialismus, deutsche/europäische Waffenexporte, der Kuschelkurs mit den reichen Ölstaaten auf der arabischen Halbinsel, die den IS und andere Terrorgruppen fördern), die dringen nötige psychologische Unterstützung für traumatisierte Menschen und das Ringen um gute Integration und dauerhaften sozialen Frieden wird noch viel Zeit und Kraft kosten. Und die globalen Flüchtlingsströme werden mit fortschreitendem Klimawandel und dessen soziopolitischen Folgen dauerhaft eher noch ansteigen als nachlassen.

Bei Richard Beck habe ich neulich das folgende Zitat von Thomas Merton gefunden. Es motiviert und entlastet zugleich, und beides ist nötig:

Du bist nicht groß genug, um das gesamte Zeitalter wirksam anzuklagen, aber sagen wir einfach: Du befindest dich im Widerspruch. Du hast keine Position, aus der heraus man Befehle erteilen kann, aber du kannst Worte der Hoffnung sprechen. Soll das die Substanz deiner Botschaft sein? Sei menschlich in dieser unmenschlichsten Zeit von allen; bewahre das Bild des Menschen, denn es ist das Bild Gottes.

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Köpfe in Ketten

Unsere Arme sind Zweige, mit Früchten überladen,
Der Feind schüttelt sie
Er schüttelt uns, Tag und Nacht;
Und um uns leichter und unbekümmerter
plündern zu können,
Legt er nicht mehr unsere Füße in Ketten,
Sondern unsere Köpfe,
Meine Geliebte.

Nazim Hikmet, „Die Feinde“ (zitiert bei Jean Ziegler, in: Ändere die Welt)

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Wertvolle Fehleranalyse

Srdja Popovic ist ein Weltreisender in Sachen gewaltfreier Revolution. Die Quintessenz seiner Einsichten hat er in Protest! festgehalten. Wer schon einmal Walter Wink und Gene Sharp gelesen hat, wird dort viel Vertrautes wiederfinden.

Am meisten sind mir noch die im Buch verstreuten Kommentare über fehlgeschlagene Revolutionen nachgegangen. Popovic hält sich nicht übermäßig lange mit der Analyse des Scheiterns auf, aber er gibt Hinweise, aus denen sich eine komplette Fuckup-Night bestreiten ließe. Vermutlich lassen die sich kritisch kommentieren und hinterfragen (das kann ich hier nicht leisten), doch interessant sind sie allemal, weil das Scheitern der Opposition in vielen Ländern ja die Frage aufgeworfen hat, ob es denn überhaupt möglich ist, eine Gesellschaft von unten zu verändern.

  • Die Occupy-Bewegung hat es zum Beispiel versäumt, ihre Kultur und Gruppenidentität zu öffnen für den Rest der 99%, der nicht „Hiphop hört, politisch eher links der Mitte steht und Nischenfernsehen liebt“, aber dennoch vom neoliberalen Wirtschaftssystem im Stich gelassen wurde,
  • und sie konzentrierte sich auf eine Taktik (Besetzung, Proteste, Basisdemokratie), ohne weiter reichende Strategien zu entwickeln.
  • Mehrere Bewegungen des arabischen Frühlings haben das Ziel zu kurzsichtig bestimmt, indem sie auf den Sturz des jeweiligen Diktators hinarbeiteten, aber es versäumten, eine funktionierende Demokratie aufzubauen.
  • Widerstand, der gewaltfrei bleibt, hat eine Erfolgsaussicht von 53% gegenüber 26% bei Anwendung von Gewalt, dieser Punkt hat sich vor allem in Syrien ausgewirkt. Fünf Jahre nach einer gewaltfreien Revolution sind noch 40% dieser Länder demokratisch, nach einem gewaltsamen Umbruch nur 5%, das haben Erica Chenoweth und Maria J. Stephan in Why Civil Resistance Works ermittelt. Gewalt macht den Diktator stark, sie treibt ihm verängstigte Menschen in die Arme, sie schließt fast alle vom Widerstand aus, die im Umgang mit Waffen unerfahren sind.
  • Die Demonstranten auf dem Platz des himmlischen Friedens, schreibt Popovic, hat es versäumt, die angebotenen Zugeständnisse der chinesischen Regierung zu akzeptieren (gewiss nur als Teilerfolg, als erster Schritt, als eine Möglichkeit, sich als verändernde gesellschaftliche Kraft zu profilieren), und überspannten in ihrem jugendlichen Idealismus den Bogen.
  • Die orangene Revolution in der Ukraine schließlich zeigt, was passiert, wenn man zu früh zu siegesgewiss ist und es nicht gelingt, die innere Einheit einer Bewegung für Demokratie, Transparenz und Menschenrechte zu wahren. Popovic trocken: „Eine gewaltlose Revolution ist wie ein Schlag beim Golf: Sie müssen voll durchziehen.“

Der Gedanke, der sich mir angesichts dieser Fehlschläge am nachdrücklichsten eingeprägt hat, war jedoch der: Es gibt keinerlei Garantie auf Erfolg, der Kampf kann uns viel kosten und (selbst wenn wir alles richtig machen!) am Ende doch wenig bringen, aber der Preis des Nichtstuns ist noch viel höher.

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Verhörhammer

Ich wollte eigentlich nur den Verkehrsfunk hören, als der Radiosender seinen neuesten „Verhörhammer“ präsentierte. Ein Schnipselchen aus einem englischen Popsong enthielt scheinbar eine Nachricht auf Deutsch. Der Moderator erklärte zur Sicherheit auch genau, was ich gleich hören würde. Und es funktionierte so halbwegs, das Genuschel konnte man so verstehen.

Später versuchte ich, das Soundbyte in meinem Kopf auf seine ursprüngliche Bedeutung hin zu analysieren, aber es gelang mir nicht. Die Deutung, die mir vorab aufgedrängt worden war, ließ sich nicht von der Erinnerung trennen. Und es fehlte der Kontext des gesamten Songs.

Das Erlebnis ging mir noch eine Weile nach. Passiert das auch in anderen Zusammenhängen, dass ich mir Deutungen aufdrängen lasse, noch bevor ich eine Erfahrung mache?

Funktioniert das mit Vorurteilen und Ressentiments in Politik und Gesellschaft ähnlich, dass solche Stimmen ein freies Erleben verhindern und dass von da ab jede Erfahrung das Vorurteil nur noch festigt? Kann man öffentlich punkten, indem man eine möglichst plakative (Fehl-)Deutung einer Sache (nehmen wir nur mal die Gendertheorie…) früh genug hinausposaunt, dass die meisten gar nicht erst unbefangen hinhören können?

Fremdenfeindlichkeit scheint oft nach diesem Muster zu funktionieren: Gerade da, wo es kaum Erfahrungen mit Fremden gibt, lassen sich besonders viele Menschen erzählen, wie bedrohlich diese doch seien. Und wenn sie Fremden dann mit dem Filter dieser Erwartung je einmal begegnen sollten, sehen sie nur noch das Vertraute, das sie sehen sollen und wollen, egal wie viele Indizien gegen ihre Anschauung sprechen.

Aber auch in anderen Zusammenhängen gibt es Leute, deren Deutung schon vor aller Wahrnehmung feststeht. Ich habe mir dann übrigens keine Mühe mehr gegeben, die eigentliche Bedeutung des Verhörstücks zu ermitteln. Wann immer es aber von Bedeutung ist, etwas richtig zu verstehen, würde ich gern

  • ungestört hinhören dürfen,
  • den Kontext einbeziehen können und
  • mir bewusst machen, dass ich einen Text nicht in meiner, sondern in seiner Sprache verstehen muss
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