Störende Propheten

In The Shaping Of Things to Come haben Alan Hirsch und Michael Frost sich Epheser 4,11f vorgenommen und erfrischend neue Begriffe für die Funktionen erfunden, die sonst allzu schnell als Titel mit steilem Anspruch daherkämen. Der Prophet wird bei ihnen zum “questioner” und “disturber” (der Lehrer dagegen zum “systematizer” und “philosopher”).

Wenn man das im Kontext von Walter Brueggemanns These sieht, dass die Aufgabe des Propheten – nicht nur im alten Testament – darin besteht, einen befreienden Bewusstseinswandel zu schaffen, im Namen der Freiheit Gottes Systeme und Gedankengebäude zu untergraben, die sich selbst dienen (es also mit Betriebsblindheit und festgefahrenem Denken in “Sachzwängen” aufzunehmen), dann wird noch deutlicher, dass die beiden tatsächlich dem Nagel auf den Kopf getroffen haben.
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Leben mit der Bombe?

Johann Christoph Arnold vom Bruderhof hat in the ooze einen lesenswerten Artikel über die wachsende Angst nach den Bombenanschlägen in London (und inzwischen auch Sharm el Sheik) geschrieben.

Ein Kernsatz lautet: “Die biblische Geschichte zeigt, dass immer dann, wenn wir denken, wir hätten die Antworten, und versuchen, die Ereignisse der Welt in die Hand zu nehmen, sich Gott von uns zurückzieht.” Das ist erfrischend anders als die brisante Mischung aus Patriotismus und Religion, die bei ähnlich tragischen Anlässen auch schon bemüht wurde.

Im Übrigen beeindruckt mich die ruhige Gelassenheit (oder der Friede und die Zuversicht), die Arnolds Zeilen ausdrücken, mehr als das brüchig-trotzige “jetzt erst recht” mancher Leute, das die Medien in letzter Zeit transportiert haben. Hier hat einer tatsächlich keine Angst vor dem Tod und daher keine Angst vor dem Terror. Die Trotz-Partys haben doch irgendwie auch ein Moment von Verdrängung, scheint mir.

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Christlicher Relativismus?

Ken Wilber hat zum Stichwort “Boomeritis” herausgestellt, wie leicht sich narzisstisches, egozentrisches Verhalten hinter (postmoderner?) Relativierung absoluter Normen und Autoritäten verschanzt. Dabei werden diese Normen und Autoritäten unter den (ja eben nicht immer ganz unbegründeten) Verdacht gestellt, sie festigten die herrschenden Machtverhältnisse und nutzten den Eliten, die den Rest der Gesellschaft unterdrücken.

Erschwerend kommt hinzu: Wenn tatsächlich alles total relativ wäre (so denken allerdings doch die Wenigsten), dann bleibt tatsächlich nur die fühlbare Konstante der eigenen Wünsche, Bedürfnisse und Antriebe. Ich glaube, dass deshalb die Relativierung des eigenen Ego nicht zu trennen ist von der Relativierung der herrschenden Mächte in der Gesellschaft.
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Fromme Feigenblätter

Vor einiger Zeit war ich bei einer größeren Festivität eingeladen. Es war ein würdiger Rahmen (leider kein Sekt, das blaue Kreuz war mit von der Partie). Viele wichtige Leute hielten gewichtige Reden, streckenweise auch interessant. Leider alles Männer.

Aber dann kam der Moment, als eine gigantische Torte angeschnitten wurde und einer der Verantwortlichen die Gelegenheit beim Schopf ergriff, die Frauenquote über 0% zu heben und sich die Gattin eines der wichtigen Redners zum Anschneiden der Torte heraussuchte. Ich war sprachlos.

Ich bin sicher, der Schritt war spontan und in diesem Sinne unüberlegt. Ich bin sicher, beim nächsten größeren Anlass werden die Frauen Reden halten und ein Mann muss (Pardon: darf) die Torte anschneiden.

Ich bin kein Fan von Quoten und Proporz. Aber manche Feigenblätter machen die Blöße, die wir uns geben, erst so richtig offensichtlich…

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Gurus, Mentoren und transformatorisches Lernen

Nächsten Samstag wirke ich bei einem Seminar zum Thema “Mentoring” mit und bin mitten in den Vorbereitungen. Dabei bin ich auf einen Artikel von Elizabeth Debold zur Zukunft der Schüler-Lehrer-Beziehung gestoßen. Vielleicht ist er um so interessanter, als ihm der christliche Hintergrund völlig fehlt. Sie setzt sich engagiert und detailliert mit dem Buch “Do you need a Guru?” von Mariana Caplan auseinander. Caplan beschäftigt sich ihrerseits mit der Autoritätskrise östlicher Spiritualität nach den Guru- und Sektenexzessen des 20. Jahrhunderts (zu denen es wenigstens weitläufige Parallelen in verschiedenen christlichen Strömungen gab).

Die Lehrer-Schüler Beziehung als der wichtigste Kontext für echte Transformation – also ein Lernen, das die Person verändert und nicht nur ihren Kenntnisstand – hat im letzten Jahrhundert durch den beispiellosen Vertrauensschwund in so gut wie alle Autoritäten (beziehungsweise deren Integritätsverlust) schwer gelitten. Bezold meint “wir sind zu aufgeklärt, um die Rolle des Abhängigen in einer autoritären Beziehung anzunehmen. und nur allzu oft ist der Wunsch nach einem Lehrer tatsächlich mit all unseren anderen Motivationen vermischt, welche mehr mit Bequemlichkeit und Trost zu tun haben als mit echter Transformation.”
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Orale “Potenz”?

Neulich kam eine der verbreiteten Viagra-Spams mit der netten Formulierung “oral potency pill”. Das wäre eine wesentlich interessantere Variante des Präparats. Zu klären wäre, ob orale Impotenz darin besteht, dass man nichts zu sagen hat oder es nicht in (die richtigen) Worte fassen kann?

Jedenfalls gäbe es einen Markt für die Pillen: “In 30 Minuten zum Power-Prediger”. “Reden Sie Stunden ohne dass ihre Zuhörer einschlafen oder wegbleiben.” Nicht nur Prediger, auch Wahlkämpfer würden sich damit dopen. Wenn keine Kontrollen eingeführt werden! Was, wenn Oskar Lafontaine oder Guido Westerwelle positiv getestet würden? Folgt dann die Disqualifikation bei positiver B-Probe?

Bei Gregor Gysi glaubt niemand, dass er das nötig hätte. Er muss auf seine Gesundheit achten und es könnte mit den Nebenwirkungen Probleme geben. Über die zu spekulieren wäre auch noch spannend.

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Nichts zu verschenken?

Letzten Sonntag habe ich eine sehr inspirierende Predigt über Jesaja 56 gehört, zum Thema Barmherzigkeit. Am Ende stand mir wie aus dem Nichts der Satz vor Augen “Wir haben hier nichts zu verschenken”. Hier treffen sich das Judentum des 5. Jahrhunderts vor und Deutschland im 21. Jahrhundert nach Christus: Man muss nur die Zeitung aufschlagen oder die Nachrichten anschalten. Ganz zu schweigen vom gewaltigen Appell der Live8 Konzerte (auch wenn offenbar nicht jeder den Akteuren oder dem Publikum uneingeschränkte Ernsthaftigkeit unterstellen möchte und Alibi-Aktionen oder Trittbrettfahrer vermutet). Dabei geht es für uns nicht alleine um Geld und Status (die Verengung ist schon Teil des Problems), sondern auch um Anteilnahme, Zeit zum Zuhören, Geduld, Privilegien und vieles andere.
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Keine Kinder für Babylon?

Irgendwie werde ich das Thema nicht los und fange wohl erst langsam an zu verstehen, warum das so ist. Walter Brueggemann hat eine spannende Beobachtung zu den Ursachen unserer krassen demographischen Entwicklung gemacht. Für ihn hat es mit der Abstumpfung und der Hoffnungslosigkeit zu tun, die Wohlstand und Konsumgesellschaft in unserem Bewusstsein hinterlassen. Im Umkehrschluss bedeutet das, es braucht mehr als magere finanzielle Anreize, sondern eine durchschlagende Vision und Botschaft der Hoffnung, wenn sich etwas ändern soll:

Der Begriff der Unfruchtbarkeit kann als Zustand der Verzweiflung in unserer Gesellschaft verstanden werden. So wird beispielsweise “Eunuchen” beiderlei Geschlechts ihr Mannsein und Frausein genommen durch den Druck und die Forderungen der Firma, der Akademie oder der Gemeinde. Tatsächlich wird deutlich, dass Professoren und Pfarrern ihre Energie und Familienleben ebenso effektiv genommen wird, wie denen in der Wirtschaft. Sie haben keine ausreichende Energie um schwanger zu werden oder zu zeugen, und wer will schon neue Kinder für Babylon gebären? Unsere geschichte beginnt immer mit der Unfruchtbaren, mit Sara (Gen 11,30), mit Rebekka (Gen 25,21), mit Rahel (Gen 29,31), mit Hanna (1. Sam 1,2) und mit Elisabeth (Luk 1,7). Ihnen, immer so gut wie tot (Hebr 11,12), wird das wunderbare Geschenk zuteil.

Das Unvermögen ein Kind zur Welt zu bringen ist eine merkwürdige Sache und wir wissen, dass bei all unserer Wissenschaft die Gründe meistens historische, symbolische und zwischenmenschliche sind. Es ist oft eine Nachricht – gute Nachricht, Doxologie – die die neue Zukunft in Kraft setzt und die neue Energie um zu gebären.

(The Prophetic Imagination, S. 75)

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Galaktischer Film

Aus einem Kultbuch könnte ein Kultfilm werden: Gestern habe ich Douglas Adams‘ “Per Anhalter durch die Galaxis” gesehen. Eine wunderbar schräge Geschichte genial in Bilder umgesetzt, auch dank Aliens aus Muppet-Vater Jim Hensons Werkstatt.

Ganz nebenbei zeigt sie, dass etliches, was heute unter Postmoderne diskutiert wird, schon über 25 Jahre alt ist: Beißender Spott über die Industriegesellschaft (und ihre Umgehungsstraßen), über technischen Fortschritt (Roboter Marvin, der menschliche Psyche simuliert und depressiv wird), über die eine letzte Antwort auf alle Rätsel der Welt, die zwar existiert (typisch modern-reduktionistisch gedacht: eine Zahl), aber niemand kennt die entsprechende Frage dazu. Verkündet wird sie von einer Mischung aus Computer und Buddha-Statue. Weltformel ade.

Kleine theologische Fußnote: Dan Kimball zitiert in “The Emerging Church” Dan Allenders Aussage auf einem Willow Creek (!) Leadership Summit: “Wir sind an Prinzipien orientierte, linear und in Vereinfachungen denkende Menschen, denen Antworten wichtiger sind als Jesus Christus selbst.”

Bingo, Douglas!

Am Ende kehrt Arthur Dent zurück in “sein” Haus, alles sieht aus wie vorher und ist es doch nicht. Die Realität ist nur eine dünne, brüchige Oberfläche. Was wirklich zählt, sind Freunde. Hinterher kann man noch stundenlang nachdenken und darüber reden, was diese oder jene Szene vielleicht alles andeuten wollte. Wirklich sehenswert. Oder gleich das Buch? Die englische Hörbuchvariante, gelesen von Steve Fry, ist auch eine schöne Alternative.

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Familienfeindliche Sozialsysteme

Verbesserungen beim Kindergeld und dem Beitrag zur Pflegeversicherung sind Augenwischerei, wie Sozialrichter Jürgen Borchert in einem (nicht nur für Familien) lesenwerten Interview der SZ sagt. In Wahrheit benachteiligen unsere Steuer- und Sozialsysteme Familien weiterhin massiv, nur eben so, dass es weniger auffällt.

Was dabei alle angeht und ärgerlich ist: Wieder mal verschieben wir Probleme in die Zukunft. Und ob ein möglicher Regierungswechsel daran etwas ändert, darf bezweifelt werden.

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Prophetisches oder imperiales Bewusstsein

Walter Brueggemanns Gedanken zur bewusstseinsbildenden Funktion von Propheten finde ich faszinierend – und sehr provokativ zugleich. Sie bringen eine ganz andere Dimension ins Spiel, die wir heute vielleicht deshalb so leicht übersehen, weil wir zu satt sind und zu „imperial“ denken? Vor knapp 100 Jahren hat Chesterton schon prophezeit, dass der Mangel an Idealen und Visionen zum Diktat der Ökonomie führen würde. Wenn man den eben beginnenden Wahlkampf betrachtet, könnte man die Lage nicht treffender beschreiben. Jede Lösung, die nicht das Bewusstsein verändert, greift zu kurz.

In der imperialen Welt des Pharao und Salomo ist die prophetische Alternative ein schlechter Witz, den man entweder mit Gewalt unterdrückt oder in Sattheit ignoriert. Aber wir sind ein umgetriebenes Volk, weil wir glauben, dass der schlechte Witz im Wesen Gottes selbst wurzelt, eines Gottes, der nicht das Spiegelbild des Pharao oder Salomo ist. Er ist ein Gott mit einem eigenen Namen, den niemand als er selbst aussprechen kann. Er ist kein Spiegelbild von etwas, denn er hat seine eigene Person und behält das alles für sich. Er ist ein Gott, der nicht vom Imperium gebilligt wurde, unbekannt bei Hofe, unerwünscht im Tempel. Und seine Geschichte beginnt mit seiner Aufmerksamkeit für die Schreie der Ausgestoßenen.

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Plötzlich „Vorzeige-Charismatiker“?

Heute morgen habe ich entdeckt, dass dieser Blog in der deutschen Wikipedia zum Thema „Charismatische Bewegung“ aufgeführt wird. Der dazugehörige Artikel bringt einiges durcheinander. Aber auch mal ganz abgesehen davon hat das zwiespältige Gefühle bei mir ausgelöst.

Es hat wahrscheinlich damit zu tun, dass dem Etikett so viele Vorurteile anhaften, ohne die ich auch gut leben könnte. Aber auch damit, dass es viele Dinge in dieser Bewegung gibt, mit denen ich mich nicht (mehr) identifizieren kann. In letzter Zeit sind es eher mehr als weniger geworden. Vor zwei oder drei Jahren habe ich mal bei Dr. Hempelmann von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin angerufen und gefragt, wo man aus der Charismatischen Bewegung austreten kann. Ich glaube, der Anlass war das „Deutsche Geschichtsbuch für Beter“, dem keiner in der Bewegung widersprochen hat. Natürlich haben einzelne Anfragen und Bedenken, aber man diskutiert gar nicht theologisch (weil das der „Einheit“ schadet…?). Komisch – denn an anderen Stellen grenzt man sich ganz munter ab. Wahrscheinlich habe ich da etwas nicht kapiert. Wie war das mit der Unterscheidung der Geister…?

Zugleich gibt es da aber eben auch eine Menge Leute, die ich sehr schätze und denen ich viele gute Anstöße verdanke. Oft sind das nicht die, die für großes Aufsehen (also Skandale oder Sensationen) sorgen. Wie schafft man es also, sich von bestimmten Inhalten zu distanzieren und nicht zugleich das Tischtuch zu Freunden zu zerschneiden?

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Manchurian Kanzler?

Just an dem Tag, der die Weichen in Richtung Neuwahl stellte, haben wir „The Manchurian Candidate“ angesehen. Seltsam und irgendwie sehr beruhigend zugleich, dass man sich bei uns das nicht wirklich vorstellen kann, was in den USA zumindest denkbar erscheint: Eine sorgsam präparierte Marionette soll zum ferngesteuerten Präsidenten werden.

Wahrscheinlich liegt es daran, dass man auch Parteigremien und den Bundesrat „gleichschalten“ müsste und gegen solche Versuche haben wir uns ja (wohl wissend, warum) abgeschottet. Nebenbei sind wir Deutsche zwar im Ausland beliebt, aber einfach nicht wichtig und mächtig genug, dass es den Aufwand lohnen würde. Und manipulieren kann man ja auch anders.

Wie, das werden vielleicht auch die nächsten Wochen zeigen. Für neue Spannung sorgt jedenfalls, dass Angela M. in vier Wochen 10% Sympathie verloren hat. Gerhard S dagegen wurde gestern in einer Art Nachruf sogar von der „Welt“ positiv gewürdigt. Der Sommer wird heiß.

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Spontaneität, Vielfalt und Struktur

Matthew Mirabile (welch ein Name…) hat in the ooze sehr lesenwerte Gedanken über Gottes komplexe Ordnung beschrieben. Spannend (und für manche sicher auch anstößig, muss ja nicht schlimm sein) ist vor allem auch dies: Jenseits des Zusammenbruchs der Moderne und des Flügels des Protestantismus, der sich an sie gekettet hatte, wartet eine größere Katholizität. Aber bevor ich jetzt alles nur schlecht zusammenfasse: Selber lesen.

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