Ich habe heute mittag mein Portugal-Trikot angezogen und schon die ersten spannenden Erlebnisse auf der Straße gemacht: Ich werde fassungslos angestarrt oder jemand ruft mir irgendwas hinterher. Ein bißchen Lust an der Provokation ist dabei, man muss doch auch mal gegen den Strom schwimmen können…
Aufdrucksstark
Genial einfach, dieser Protest: Eine Bloggerin und Greenpeace Aktivistin bestellt bei Tchibo T-Shirts mit Wunsch-Aufdruck: „Tchibo Shirts: Gefertigt für Hungerlöhne“ und „Dieses T-Shirt hat ein Kind für Tchibo genäht“.
Tchibo liefert die bestellten Shirts tatsächlich, und gerät in die Schlagzeilen. Nun wird wieder über faire Arbeitsbedingungen diskutiert. Die Arbeiterinnen verdienen 18-14 Euro. Im Monat!
Kein Cordoba
… aber wahrhaftig keine Glanzleistung. Auf der Straße vereinzeltes Hupen von Fans, die die Chance zum Autokorso noch nutzen wollen.
Die Portugiesen werden sich schon freuen auf unsere Rumpelfußballer, die endlich wieder so spielen, wie man das von Duetschland kennt und sie in dieser Verfassung vor keine großen Probleme stellen dürften. Oder doch? Im Fußball ist ja – wie man täglich hört – alles möglich.
Schön locker bleiben…
In den letzten Wochen habe ich immer mal wieder die Diskussion über die Erweckung in Lakeland verfolgt. Mit recht zwiespältigen Gefühlen: Manches schien eine Art „Toronto reloaded“ zu sein, mit vielen Begleiterscheinungen, denen ich bisher nicht besonders nachgetrauert hatte. Zudem hatte mich das Niveau, auf dem Begeisterte und Entgeisterte diskutierten und mit häufig kontextbereinigten Bibelzitaten um sich warfen, auch nicht besonders beeindruckt. Schließlich schien mir das Ganze zu oft auch einfach furchtbar humorlos vorgetragen, und zwar von allen Seiten.
Vielleicht muss man sich noch viel gründlicher von der Vorstellung befreien, dass es Gottes Wirken irgendwo in Reinkultur gibt, selbst wenn Leute ganz intensive Erfahrungen machen. Vielleicht muss man die eigenartige Mischung, die so ein Phänomen erzeugt, auch mal eine Weile auf sich wirken lassen, ohne den Druck, alles entweder verklären oder verdammen zu müssen. Vielleicht hat Unterscheidung der Geister viel mehr damit zu tun, mit einer gesunden Portion Offenheit auch ebenso berechtigter Skepsis den ganzen Betrieb unter die Lupe zu nehmen, das (manchmal allzu) Menschliche daran einfach so stehen zu lassen und eben darüber auch mal zu lachen.
Mike K. hat das unter dem Titel „Leaving Lakeland“ auf the Ooze getan. Der erste Teil ist online und ich freue mich auf die Fortsetzung. Beim Lesen musste ich mehrfach laut lachen, weil er ziemlich frech schreibt („She wanted to bring the “Fire™” back home to her church„) und die Dynamik der segenshungrigen Meute so gut beobachtet (“People have been hungry for God” said the lady with red and gray highlights. “Yes. People will crawl over one another to get to God!” said another woman).
Parallel lese ich weiter in New Monasticism und lasse mich in Kapitel 4 wieder daran erinnern, dass Gottes primäres Augenmerk nicht dem Wohlbefinden und der persönlichen Entfaltung des einzelnen dient, sondern dass das alles eingebettet ist in die Vision einer Gemeinschaft, die dazu berufen ist, diese Welt zu verändern. Mehr geistliche Dynamik in dieser Richtung könnten wir sicher brauchen – ob sie nun via Internet und Satellit aus Florida kommt oder sich aus anderen, weniger bizarren Quellen speist.
Nachtrag: Inzwischen ist auch Teil 2 online.
Gut aufhören können
Vor einiger Zeit haben wir beschlossen, unser LebensArt Projekt nach sieben Jahren einzustellen. Es hatte eine ganze Reihe von Gründen, und irgendwie schien allmählich die Luft raus zu gehen. Die meisten hatten das eine Weile schon so empfunden, und dann fiel die Entscheidung recht schnell. Es war dann bei aller Wehmut auch ein gutes Gefühl, dass viele sagten, es wird ihnen etwas fehlen und noch keiner gefragt hatte, wie lange wir das eigentlich noch machen wollen.
Leicht war das Ganze allerdings nicht. Und dabei fiel mir auf, was sich heute in einem Gespräch über andere Dinge noch einmal bestätigt hat: Ich glaube, wir sind nicht so gut darin, Dinge aufzuhören. Vielleicht verwechseln wir das auch mit Treue. Die allerdings brauchen wir wirklich. Sie besteht darin, vor Schwierigkeiten nicht davon zu laufen und Durststrecken zu ertragen.
Aber manchmal verwalten wir einfach nur den Stillstand und haben nicht den Mut, die Reißleine zu ziehen, wenn das Verfallsdatum erreicht ist. Vielleicht auch aus Verlegenheit und weil wir nicht wissen, was wir sonst tun sollten. Und das hat dann Folgen: Wir schleppen als einzelne wie als Gemeinden einen gewissen Ballast an Aktivitäten und Programm herum, der Kräfte bindet und wenig einbringt. Wir nehmen uns kreative Freiräume, die wir nutzen könnten, um Bestehendes zu verbessern oder Neues zu entwickeln. Wenn wir dann schließlich doch loslassen, sind wir müde und genervt und empfinden das Ganze als Niederlage.
Diesmal werden wir feiern. Einmal mit unseren Gästen und einmal als Team. Es wird ein guter Abschied.
Neuer Lesestoff
Seit vorgestern lese ich Jonathan Wilson-Hartgroves Buch New Monasticism: What It Has to Say to Today’s Church und finde nach den ersten beiden Kapiteln, es ist eine gute Ergänzung und Vertiefung zu Shane Claibornes „Ich muss verrückt sein“.
Neben seiner eigenen Geschichte und der seiner Kommunität beschreibt Wilson-Hartgrove den theologischen und geschichtlichen Hintergrund des „neuen Mönchtums“ systematischer und zusammenhängender, als es die Episoden und Aphorismen des bekannten Mitstreiters hergeben. Und trotzdem hat er immer wieder prägnante Formulierungen, über die ich lange und ausführlich nachdenken möchte.

Vergebung für 40 Euro
Ich bekam heute einen Stapel Flyer, in denen für eine Vergebungszeremonie geworben wird, die auf einem indianischen Ritual basiert. Grundlage ist die so genannte „Tipping-Methode“; und die ist, so lese ich, an keine religiösen Überzeugungen gebunden. Für die drei Stunden zahlt man dann 40 Euro als Teilnehmer.
Irgendwie widerstrebt mir der Gedanke, dass Vergebung hier zur weltanschaulich keimfreien Methode gemacht wird. Sicher hilft das Konzept manchen Menschen, erlittenes Unrecht zu verarbeiten. Aber für mich ist das doch nicht zu trennen vom Evangelium der Versöhnung zwischen Gott und Menschheit und deshalb dann auch zwischen einzelnen Menschen.
In diesem Sinne haben wir als Christen doch mehr zu sagen und zu bieten. Vielleicht müsste man die vorhandenen Angebote etwas profilierter herausstellen. Aber kostenlos sollten sie in jedem Fall bleiben, denn gerade Vergebung haben wir nach Mt 10,8 umsonst empfangen. Umsonst, aber nicht vergeblich…
Kleiner Trost?
Seit Beginn der EM habe ich auf der Startseite von Times Online vergeblich nach Berichten aus den Alpenländern gesucht. Stattdessen verschnupftes Schweigen. Wenn die eigene Mannschaft nicht spielt, ist das Turnier offenbar uninteressant.
Heute hat sich das geändert: Die Niederlage Italiens, der erste Favoritensturz des Turniers, hat nun doch Nachrichtenwert. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt…
Gute Antwort
Dass Deutschland Polen besiegt, war vielleicht keine ganz große Überraschung. Das Lukas Podolski beider Tore macht, schon eher. Wie er aber den Ball beim Jubeln flach hält (und es schien ja für ihn völlig normal zu sein, in kein Triumphgeheul auszubrechen), das war vorbildlich – und die denkbar beste Antwort auf die bluttriefenden Schlagzeilen im Vorfeld des Spiels.
Chapeau – das muss Oliver Pocher erst mal nachmachen…
Dixie-Chicks-Tag
Die CD stand eine Weile im Schrank, aber die letzten Tage haben die drei standhaften Damen aus Texas mich wieder ganz neu angesprochen. Heute besonders: Not Ready to Make Nice und Easy Silence. Klug getextet – schön gesungen und gespielt. Im letzten Lied heißt es am Anfang:
When the calls and conversations
Accidents and accusations
Messages and misperceptions
Paralyze my mind
Busses, cars, and airplanes leaving
Burnin‘ fumes of gasoline and
And everyone is running and I
Come to find a refuge in theEasy silence that you make for me
It’s okay when there’s nothing more to say to me
And the peaceful quiet you create for me
And the way you keep the world at bay for me
The way you keep the world at bay
Statistiken…
… sollte man genau lesen, damit kein Quatsch herauskommt, wie dieses Interview wieder einmal beweist:
sueddeutsche.de: Eine Tageszeitung titelte kürzlich: „Jede zweite Ehefrau geht fremd“ …
Beer: Woher wissen die das?
sueddeutsche.de: Die berufen sich auf Ihre Theratalk-Studie.
Beer: Dann haben die wohl etwas falsch verstanden.
sueddeutsche.de: Moment, in dem Artikel steht, dass 55 Prozent der Frauen und 49 Prozent der Männer schon einmal eine Affäre hatten.
Beer: An unserer Studie nahmen aussschließlich Untreue teil. Davon sind 55 Prozent Frauen, 45 Prozent Männer. Mit dem Anteil der Untreuen in der Gesamtbevölkerung hat das nichts zu tun.
Intuitionen
Diese Woche habe ich über ein paar Entscheidungen nachgedacht, bei denen ich gegen ein leichtes Unbehagen gehandelt habe. Irgendwie dachte ich, man muss auch mal über seinen Schatten springen. Ein paar Jahre später hat sich dann aber herausgestellt, dass ich die Lage intuitiv richtig erfasst hatte. Die späteren Probleme waren damals nicht klar zu sehen, aber ich hatte es irgendwie doch geahnt.
Unterm Strich aber ist die Verlegenheit, Entscheidungen unzureichend begründen zu können, doch leichter zu ertragen als die Selbstvorwürfe, warum ich damals nicht auf meine (?) innere Stimme gehört habe. Also versuche ich jetzt, konsequenter zu sein. Ich hoffe also, dass ich in drei Jahren nicht wieder so einen Post schreibe.
Gut gearbeitet
Die erste von drei Klausuren für unsere Alpha-Kerntruppe liegt hinter uns und es war eine sehr gute Zeit. Paul Donders von Xpand hat durch seine Fragen und Aufgabenstellungen unsere Köpfe kräftig rauchen lassen und geholfen, unsere Ideen zu sortieren. Und für einen wahrhaft fürstlichen Rahmen sorgte unser 2. Vorsitzender und Gastgeber Dr. Emanuel Prinz zu Salm, der uns zu sich nach Rhede eingeladen hatte.
Mit dicken Rollen vollgeschriebener Flipcharts sind wir wieder zurückgekehrt. In gut drei Wochen dann geht es hier in die nächste Runde.
Eine Stunde am Tag
Es muss eine Stunde am Tag geben, wo der planende Mensch all seine Pläne vergisst und handelt, als hätte er überhaupt keine.
Es muss eine Stunde am Tag geben, wo der Mensch, der zu reden hat, verstummt. Dann formt er im Geist keine Anträge mehr, und er fragt sich: hatten sie einen Sinn?
Es muss eine Stunde geben, wo der Mann des Gebets anfängt zu beten, als geschähe es zu ersten Mal in seinem Leben, wo der Mann der Entschlüsse seine Entschlüsse beiseite schiebt, als wären sie alle zerronnen, und wo er eine neue Weisheit lernt: die Sonne vom Mond zu unterscheiden, Sterne vom Dunkel, das Meer vom festen Land und den Nachthimmel von der Wölbung eines Hügels.
Im Schweigen lernen wir zu unterscheiden. Wer das Schweigen flieht, flieht auch die Unterscheidungen. Er will nicht allzu klar sehen. Verwirrung ist ihm lieber.
Thomas Merton





