Es gibt ihn doch (auf Deutsch): Mr. Wright

Endlich ist ein Buch von N.T. Wright auch auf Deutsch erhältlich. Rainer Behrens aus Kreuzlingen hat Simply Christian übersetzt und es im Johannis-Verlag unter dem Titel Warum Christ sein Sinn macht herausgebracht. Als nächstes steht „What St. Paul really said“ auf dem Programm.

Ich habe das Original mit viel Gewinn gelesen und alle, die Wright noch nicht kennen, haben hier die Chance, auf einem sehr allgemeinverständlichen Niveau einzusteigen in richtig gute Theologie, die keine Spur von Langeweile aufweist.

Ich kann nur sagen: Lesen!

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Nicht militant genug

Peter Rollins findet, dass Fundamentalisten nicht gewaltsam genug sind. Hinter der aggressiven Gebärde bleibt nur allzu oft alles beim Alten: Das Denken in Feindbildern entlang herrschender Grenzen von drinnen und draußen, oben und unten; ungerechte Privilegien und hierarchische Machtverhältnisse. Der Status quo wird eher zementiert als gekippt. Man sollte daher auch der militanten Rhetorik nicht auf den Leim gehen, sagt er in Anspielung auf die Exponenten des Neofundamentalismus:

… the next time we hear of some blustering speaker attempt to bolster their support by making themselves sound like the follower of a cage-fighting, bodybuilding Jesus, we should avoid the trap of arguing that their image of Jesus is too violent and instead show how it isn’t nearly violent enough. Drawing out how, amidst all their seeming machismo they are little more than a timid sheep in wolves clothing.

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Profilbilder

Ich habe mich zu einem Online-Spiel auf Facebook verführen lassen und bei der Gelegenheit inzwischen viele hundert Profilbilder dort betrachtet, nicht nur die meiner Freunde. Und ganz allmählich scheint mir, man kann da ein paar Kategorien ausmachen, selbst wenn man die Menschen hinter den Bildern nie näher kennenlernt:

Der Handy-Schnappschuss: Verträumt im Cafe oder verschwitzt mit Sportgerät, der Bildhorizont unbegradigt und mit leichten perspektivischen Verzerrungen vom Weitwinkel des Geräts. Botschaft: Ich bin ein unkomplizierter Typ

Noch etwas schlimmer im der Webcam-Variante: Blaustich vom Monitior im Gesicht, obere Bildhälfte in der Regel leer) oder bei einem schlechten Blitz (käsiges Gesicht mit schwarzer Umgebung. Botschaft: Ich bin vielleicht blass, aber dafür immer online

Die Partyszene: Man sieht den Betreffenden, an jemanden angelehnt oder in einer Traube von Menschen, mit und ohne Zigarillo oder Bierflasche, an der Bar oder am Pool, das Grinsen meist so breit wie … man eben in diesem Moment war. Botschaft: Mit mir gibts jede Menge Spaß

Das Urlaubsbild: Prinzipiell mit Sonnenbrille und/oder -brand. Am Mittelmeer oder Grand Canyon, vor der Freiheitsstatue oder unter dem Eiffeltum. Botschaft: Ich bin ein Mensch von Welt

Der Platzhalter: Ein Kinderfoto (von sich selbst oder dem – eigenen? – Nachwuchs), ein Haus- oder Stofftier, ein Cartoonbild im South-Park-Stil, das Logo einer Firma, für deren Produkte man schwärmt. Irgendein Promi muss auch ab und zu als Strohmann herhalten. Botschaft: Kein Foto würde mir wirklich gerecht

Das Hochglanzfoto: Perfekt ausgeleuchtete Pose, besonders die Körperpartien, die der Abgebildete als wichtig oder vorteilhaft empfindet, gern schwarz-weiß oder (gähn) das digitale Passbild, das von der letzten Bewerbung oder der Anmeldung bei Xing noch im Rechner war. Botschaft: Und wie siehst Du aus?

Das Statussymbol: Hat in der Regel zwei oder vier Räder und frisst Sprit (Haus und Pool sind zu groß, um richtig in Szene gesetzt zu werden, die Rolex zu klein). Botschaft: Wer hat gesagt, ich sei unwichtig?

Und jetzt im Fasching natürlich aktuell: Kostümiert, vermummt, bemalt….

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Halbherzig

Die Bahn wirbt mit einem großformatigen Plakat (nicht nur) auf dem Nürnberger Hauptbahnhof für eine Hotline gegen Vandalismus. Finde ich gut, erst einmal. Ich sehe genauer hin (bei Hotlines muss man das ja) und tatsächlich, der Anruf bei einer 01805-Nummer kostet mindestens 14 Cent. Da wäre die gute alte 110 günstiger, und merken muss ich mir dafür auch nichts.

Liebe Vandalenjäger, könntet Ihr vielleicht gegen Bahn-Bonus-Punkte Gratisanrufe anbieten? Oder das gleich kostenlos anbieten – es sind ja immerhin Eure Züge, die wir mit bewachen sollen?

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Auf dem Weg zur Basiskirche

Brauchen wir neue Gemeinde(forme)n in Deutschland? Für Johann Baptist Metz kann die notwendige „zweite Reformation“ nur über diesen Weg erfolgen, und an dem Punkt schlägt mein Herz noch etwas höher als sonst beim Lesen dieses Buches:

Zu dem Prozess einer zweiten Reformation wird es auch bei uns nur dann kommen, wenn unsere Großkirchen sich selbst endlich mehr an ihrer eigenen Basis ausdifferenzieren, wenn sie also ihrerseits Basisgemeinden ausbilden, Gemeinden, die um das Herrenmahl konzentriert sind, ohne etwa vom territorialen Prinzip geleitet zu sein und ohne eine gesellschaftliche und politische Scheinneutralität. Sie, diese Basisgemeinden, wären auch die Keimzelle für eine neue Ökumene. (Jenseits bürgerlicher Religion, S.89)

Die größten Hindernisse dafür sieht Metz in den Kirchenverträgen die ein „aufgeklärtes Staatskirchentum mit Privilegierung großkirchlicher Einrichtungen“ vorsehen, wie auch im Gemeindebild der Kirchenordnungen, besonders den Zulassungskriterien für kirchliche Ämter und dem herrschenden Pfarrersbild, das es mit der Trennung von Klerus und Laien nicht vorsieht, dass Leitungsaufgaben aus der Basisgemeinde selbst heraus vergeben und übernommen werden.

Für die emerging conversation dagegen macht Metz deutlich: alles Denken und Reden ist erst da am Ziel angekommen, wo es gemeinschaftlich gelebt wird. Nur so kann es wirken. Oder wie Lesslie Newbigin sagte: Die Gemeinde ist die Auslegung des Evangeliums.

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Abschied von der „reinen Lehre“

Der erstaunliche Johann Baptist Metz über die Notwendigkeit einer zweiten Reformation am Ausgang des bürgerlichen Zeitalters, die für den Protestantismus bedeuten würde, sich dem Sinnlichen zu öffnen und das Ideal der „reinen Lehre“ samt der damit verbundenen Berührungs- und Vermischungsänsgte aufzugeben, um sich wieder dem „inkarnatorischen Prinzip“ zuzuwenden (der Link unten im Text ist allerdings von mir eingefügt):

Zeigt sich (…) nicht, dass »rein« eigentlich eine idealistische Kategorie ist, die Kategorie eines nervösen, abstrakt unsinnlichen Kopfchristentums, das uns glauben machen möchte, die Gnade würde sich allein über das Wort mitteilen, so dass es bei ihr nichts zu schauen, nichts anzurühren, und schon gar nichts zu handeln gäbe? War es nicht ohnehin eine Fehleinschätzung der Reformation, dass sie meinte, die Anrufung der Gnade und die Reform der Kirche allein über das Wort und die »reine Lehre« erwecken zu können und nicht über die Subjekte und deren sinnenhafte, leidvolle Praxis … ?

… Getrieben von dieser Angst entwickelte sich ein über die Jahrhunderte geschichtsmächtiges bürgerliches Christentum, das vom Dualismus zwischen Gnadenwelt und Sinnenwelt geprägt ist: ein gnadenloses Menschentum, strikt besitzorientiert, konkurrenzorientiert, erfolgsorientiert -überwölbt von der Gnade.

… Dass wir jede sinnliche Praxis der Gnade (…) sofort als eine schlechte Politisierung, als banalen Aktionismus verdächtigen, mag zeigen, wie weit wir von einer Heimkehr der Sinne in die Gnade entfernt sind.

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Unruhige Nacht

Mein MacBook war weg. Ich versuchte krampfhaft, mich zu erinnern, wann und wo ich es gestern zum letzten Mal hatte. Hatte ich es irgendwo unterwegs in einem Café ausgepackt und stehenlassen? Was würde der (ehrliche?) Finder damit machen? Alle möglichen Daten, die Arbeit einiger Jahre, alle meine Termine und eine Menge Fotos waren darauf – kaum verwertbar oder interessant für dritte, aber für mich ein schwerer Verlust. Gut, es existiert zum Glück ein recht aktuelles Backup auf der Time Capsule. Trotzdem nervig, die Ungewissheit.

In der Nacht kam ich nicht richtig zur Ruhe. Ich drehte mich von der einen auf die andere Seite und zerbrach mir den Kopf, was ich noch alles unternehmen sollte. Gegen Morgen, die Dämmerung hatte schon eingesetzt, wachte ich auf und erinnerte mich: Das MacBook liegt nebenan im Arbeitszimmer. Alles war nur ein Traum. Ich legte den Kopf wieder auf die Matratze und schlief noch eine Runde.

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Highlights am Wochenende

Ein munterer Haufen von Alpha-Leuten hat von Freitag auf Samstag die Jugendherberge in Fulda bevölkert. Alle zwei Jahre treffen wir uns mit den Beratern aus dem ganzen Land, um zu hören, was sich an den verschiedenen (geografisch und konfessionell) Orten so tut. Für uns aus dem Büro-Team, die wir manchmal die Engpässe mehr sehen als andere, ist das eine besondere Ermutigung.

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Eine Gruppe Jugendlicher im Südwesten waren so begeistert vom Jugend-Alpha, dass sie gleich eine Runde „Alpha Reloaded“ und „Alpha Revolutions“ dranhängten. Eine kleine Freikirche mit 37 Mitgliedern in Ostdeutschlands größter Plattenbausiedlung tauft nach dem ersten Alpha-Kurs vier Leute. Aus einem chaotischen Haufen Jugendlicher, die zu einem Alpha-Kurs im Schwarzwald zusammen kamen, entwickelt sich eine lebendige Alpha-Arbeit in mehreren umliegenden Orten, in die sogar die zunächst argwöhnischen Eltern als Mitarbeiter einsteigen. Ein älteres Ehepaar aus einem der feineren Stadtteile Hamburgs arbeitet mit in einem Alpha-Kurs auf dem Kiez von St. Pauli, der Leiter einer der berüchtigtsten Haftanstalten im Land gibt grünes Licht für eine christliche Gruppenarbeit, die von den Häftlingen selbst organisiert wird.

Ich hoffe, dass wir den meisten dieser Geschichten in den nächsten Wochen und Monaten noch gründlich nachgehen und sie sauber dokumentieren können. Gute Erfahrungen werden immer noch viel zu wenig erzählt.

Und wer sich einen Überblick verschaffen möchte, woran wir derzeit arbeiten, kann hier klicken.

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Intelligente Verschwendung

Es geht nicht mehr um Vermeidung und Verzicht, sondern um Lebensbejahung und um intelligente Verschwendung. Die Natur produziert unablässig Überfluss, ohne dass es uns schadet. Sie kennt weder Abfall noch Verzicht oder Einschränkungen, sondern bedient sich einfach der richtigen Materialien zum richtigen Zeitpunkt und am richtigen Ort. Eine vorausschauend handelnde Industriegesellschaft sollte es ihr nachtun.

Michael Braungart in der Zeit Online

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Ausbleibende Frühlings-Gefühle: Ideen gesucht

Am 22. März findet in der Innenstadt der Erlanger Frühling statt. Ich finde verkaufsoffene Sonntage nicht besonders toll, aber wir haben uns als Gemeinde vorgenommen, uns regelmäßig in einer geeigneten Form in der Stadt blicken zu lassen. Und da bietet so ein Tag eine Gelegenheit.

Ich habe in der letzten Woche etliches an Material zu solchen Aktionen durchgesehen, mit beschränktem Erfolg. Entweder sind das Dinge, die man nur mit ganz wenigen Leuten machen kann. Manchmal sind sie zu konfrontativ missionarisch, selbst wenn es witzig ist. Andere Dinge funktionieren in Amerika, aber nicht hier. Verkauft und verteilt wird an einem solchen Sonntag auch genug und letzteres wäre bei so vielen Leuten auch richtig teuer.

Wie also kann man in mehreren kleinen und größeren Gruppen

  • originell und kreativ
  • freundlich und positiv
  • interessant und möglichst ohne Peinlichkeit
  • mit überschaubarem Aufwand

im innerstädtischen Trubel Flagge zeigen? Ich würde gern mit Eurer Hilfe eine kleine Ideensammlung anlegen, die dann auch anderen wieder nützt.

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Fernsehen bildet doch

Medizinstudenten in Marburg lernen aus den (offenbar gut recherchierten) Fällen von Dr. House. Der Professor legt allerdings großen Wert auf folgende Feststellung:

Die durchgeknallte Persönlichkeit des Dr. House entspricht in keinster Weise dem Arztbild und dem Leitbild der Philipps-Universität Marburg.

Das hätte Dr. Lisa Cuddy für das fiktive Princeton-Plainsboro Hospital auch unterschrieben. Also, beim nächsten Zipperlein auf nach Marburg. Da gibt es nur liebe Ärzte 🙂

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„Das ist doch kein Gottesdienst…“

Als sich unsere Gemeinde in den Anfangsjahren in einer Schulaula traf, die Band noch lauter und vielleicht auch nicht immer so gut wie heute spielte, kam ein Kirchenvorsteher aus dem Umland zu Besuch, um sich mal umzusehen. Seine Tochter erzählte mir später, er habe daheim gesagt, das sei kein Gottesdienst, was wir da machen. Der Grund war auch schnell ausgemacht: Es gab kein Vaterunser. Vor ein paar Monaten ist mir dasselbe bei einem Open Air Gottesdienst hier im Wohngebiet wieder passiert, da war es ein Herr aus der Nachbarschaft, der die Unterlassung vorwurfswoll kommentierte.

Später haben wir jeden ersten Sonntag im Monat einen Gottesdienst in einer Kneipe angefangen, und da waren es dann weniger die Gäste (die in der Regel ganz froh waren, dass es sich von dem, was sie mit „Gottesdienst“ assoziierten, wohltuend unterschied), sondern ein Teil unserer Gemeinde, der mit dieser neuen Form seine Mühe hatte. Immer wieder fiel am Monatsende der Satz, so beiläufig, dass man spürte, wie tief dieses Urteil sitzen musste: „Am nächsten Sonntag ist ja kein Gottesdienst“.

Das fehlende Vaterunser spielte dabei wohl keine Rolle. Aber solche Dinge wie: Bei einem Gottesdienst steht kein Bier oder Cola auf dem Tisch, zu einem Gottesdienst gehört eine „Lobpreiszeit“, ein Gottesdienst braucht eine bestimmte religiöse Sprache und einen sakralen Raum. Auf der anderen Seite: Im ersten Jahr besuchte uns Prof. Manfred Seitz, der in Erlangen lange Jahre praktische Theologie gelehrt hat, und bestätigte im anschließenden Gespräch, dass alle wesentlichen Elemente der Liturgik, die einen christlichen Gottesdienst konstituieren, enthalten waren.

Was also macht einen Gottesdienst aus? Die Frage wird immer drängender, wenn Christen ihre Selbstisolation überwinden wollen. Es ist vielleicht nicht die lateinische Messe nach tridentinischem Ritus wie bei den Piusbrüdern, aber andere alte und neue Traditionen (indem man etwa Latein durch einen der verschiedenen kanaanäischen Dialekte ersetzt), die letztendlich doch Nebensächliches zur Hauptsache machen. Zu Zeiten der Christenverfolgung war es ja durchaus sinnvoll, sich zu Zeiten und an Orten zu treffen, wo es niemand bemerkte. Heute dagegen ist die (in vielen Köpfen kaum auszurottende) Prämisse, ein „richtiger“ Gottesdienst finde am Sonntag vormittag statt, ein Hauptgrund, warum viele junge Leute und alle, die den sonntäglichen Kirchgang nicht von klein auf gelernt haben, sich dort nicht bereitwillig einfinden – ganz egal, wie viel Mühe wir uns mit der Gestaltung machen.

In der Suche nach neuen Formen von Gemeinde und Gottesdienst ist es also entscheidend, dass wir möglichst sauber unterscheiden lernen, was die (wenigen) Essentials sind und was alles variabel gestaltet werden kann, weil es sich „nur“ um unsere (manchmal sehr zählebigen) Vorlieben und Gewohnheiten handelt.

Beim Einkaufen heute war der Supermarkt, wo ich Stammkunde bin, umgeräumt. Nichts war mehr am gewohnten Platz. Ich habe dreimal so lange gebraucht wie sonst und es war anstrengend. Ich fühlte mich fremd und musste mich zur Hühnerbrühe durchfragen, die ich vorher im Schlaf gefunden hätte. Sie war natürlich am anderen Ende des riesigen Schuppens.

Aber es war immer noch ein Supermarkt…

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Mein erstes Mal

Murphys Gesetz der Predigtmitschnitte hatte mal wieder zugeschlagen. Ab und zu floppt die Aufnahme, diesen Sonntag war es mal wieder so weit. Gleich mehrere Leute hatten nach dem Gottesdienst gesagt, sie freuten sich schon auf Mitschnitt und Unterlagen zum Nachlesen, aber auf der CD fand sich nur Schweigen. Ich bin sicher, manch einer sieht darin auch ein Gottesurteil.

Also war ich am Überlegen, aus meinen Stichworten einen Text zu stricken, als Daniel mir vorschlug, ich könnte ja einen Podcast machen. Die Aussicht, damit Zeit zu sparen, gab schließlich den Ausschlag. Nun saß ich da plötzlich im leeren Zimmer nur mit meinem Mac und versuchte, die Gedanken vom Sonntag zu wiederholen. Gar nicht so leicht, ohne dabei Gesichter ansehen zu können und die ganze Live-Atmosphäre. Definitiv nett ist jedoch die Möglichkeit, nach größeren Verhasplern zu schneiden und den verkorksten Satz wieder von vorn zu beginnen. Aber wenn man mal anfängt mit dem Spielen und Basteln, dann kostet das alles noch viel mehr Zeit.

Das Thema am Sonntag war „Wiedergeburt“, insofern ist die Wiedergeburt einer toten Aufnahme ja vielleicht doch sehr passend. Nun ist es jedenfalls geschafft. Zwischendrin habe ich noch den Raum und das Mikrofon gewechselt, das hört man vermutlich, auch wenn Dirk, der unsere Podcasts managt, nun alles noch akustisch geglättet hat. Wer Lust hat, das Resultat zu begutachten, kann einfach hier klicken.

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Der Irrtum mit der Irrtumslosigkeit

Ich bin kürzlich auf einen älteren Post angesprochen worden, der das Postulat der Irrtumslosigkeit bzw. Unfehlbarkeit der Bibel kritisch beleuchtete. Das war wohlgemerkt keine Kritik an, sondern ein Plädoyer für die Glaubwürdigkeit der Schrift. Aus folgenden Gründen:

Erstens ist es immer eine Behauptung, und zwar eine, die nicht positiv beweisbar ist. Denn nur jemand, der selbst unfehlbar und irrtumslos ist, könnte die Irrtumslosigkeit irgendeiner Instanz bestätigen. Da wir Menschen das aber in der Regel nicht sind (und Grund zu der Annahme besteht, dass sich gerade jene, die sich für fehlerlos halten, am heftigsten irren), kann der Wahrheitsgehalt dieser Behauptung gar nicht bestimmt werden, sie ist logisch und praktisch sinnlos.

Zusätzlich ad absurdum geführt wird sie durch die Streitereien und Spaltungen derer, die die Schrift für irrtumslos halten und dann in ihrer jeweiligen Interpretation zu derart verschiedenen Ergebnissen kommen, dass die Gräben unüberwindlich sind – was wiederum den Eindruck bestätigt, dass nicht einfach nur die Bibel, sondern das jeweilige Subjekt der Aussage (sie sei unfehlbar) sich nolens volens für unfehlbar halten muss.

Die darin enthaltene Anmaßung (also Unfehlbarkeit bzw. jede Art von Irrtum erkennen und beurteilen zu können) fordert auch noch derart zum Widerspruch heraus, dass man sich in der Suche nach (beziehungsweise der Abwehr von) echten und vermeintlichen Widersprüchen und Fehlern verzettelt und vergisst, schlicht einmal das ernst zu nehmen und umzusetzen, was man verstanden hat.

Und schließlich führt die damit verbundene Alles-oder-Nichts-Mentalität dazu, dass das Boot des Glaubens mit nur einem Leck schon sinkt. Man mag diese Überzeugungen verbissen verteidigen, aber wenn nur an einer Stelle der Damm bricht, dann ist auch unwiderruflich alles verloren, wie in diesem Fall, der exemplarisch für viele steht.

Ich beschränke mich lieber darauf zu sagen, dass ich die Bibel in dem, was sie über Gott und sein Verhältnis zu uns Menschen erzählt, für glaubwürdig halte. Das ist ein positives Attribut – unfehlbar bzw. irrtumslos sind ja doppelt negative Formulierungen. Positiv beschrieben habe ich das in aller Ausführlichkeit hier.

Wer gern Englisch liest: Eine gelungene theologische Auseinandersetzung bietet Chris Tilling, für den es auch ein intensives persönliches Ringen war, sich von allzu starren Bibeldogmen zu befreien: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4

Kleiner Nachtrag: Es tut sich was in der Evangelikalen Szene. Christoph Morgner vom Gnadauer Verband hat sich jüngst sehr deutlich gegen ein derart enges Bibelverständnis ausgesprochen. Und laut Wissenschaftsrat hat selbst die FTA in Gießen die Irrtumslosigkeit aus dem Bekenntnis gestrichen.

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