Die Idee Gottes kann zum letzten Hindernis auf dem Weg zu Gott werden.
Meister Eckhart

Vor ein paar Tagen hatte ich ein sehr interessantes Gespräch mit einer sympathischen Mutter über Reinkarnation. Sie erzählte, wie sie und andere mit Hilfe von Hypnose und eines Therapeuten den Ereignissen früherer Leben auf die Spur kamen und mit diesen Einblicken aktuelle Probleme lösen konnten, sprach von Kindern mit „alten Seelen“ und dass es doch, gäbe es nur dieses eine Leben, ein unerträglicher Gedanke wäre, wenn manche viel früher sterben als andere oder ein grausames Schicksal zu erdulden hatten.
Und dann wollte sie wissen, wie ich das sehe.
Ich stimmte zu, dass der Gedanke an einen viel zu frühen Tod, ein unerfülltes Leben, und noch mehr der an schreiende Ungerechtigkeit und maßloses Leid schwer zu ertragen ist. Aber macht die Annahme, es gebe ein nächstes und ein übernächstes Leben, das Ganze besser? Wäre sie nicht (mindestens so wie die feige „Vertröstung“ auf den Himmel, die Christen immer wieder, und gelegentlich leider zu Recht vorgeworfen wurde) insgeheim eine eher abstrakte Rechtfertigung dieser Dinge, die man sich durch Fehlverhalten in einem früheren Leben zugezogen hat oder im nächsten Leben dann erstattet bekommt? Und wie würde sich das auswirken auf meinen Einsatz für Gerechtigkeit jetzt, in diesem Leben?
Noch viel schwieriger fand ich den Gedanken da, wo er konkret wird: Wenn es eine „Seelenwanderung“ gibt, wir es also nicht mit einzigartigen Menschen zu tun haben, sondern mit einzigartigen Seelen (die Differenzierung stammte von meiner Gesprächspartnerin) – leider mit einer gehörigen Teilamnesie! –, dann ist mein Kind gar nicht mein Kind und ich bin nicht das Kind meiner Eltern, sondern lediglich eine „Seele“, die sich dieses Umfeld als Durchgangsstation ausgewählt oder zugewiesen bekommen hat. Mit mir hat das herzlich wenig zu tun. Zu glauben, dass nicht nur Augenfarbe, sondern auch seelische Eigenschaften nur ansatzweise „vererbt“ sein könnten, wäre eine Illusion. Wir wären alle irgendwie Adoptiveltern. Das kann natürlich auch gutgehen und würde vielleicht die Gefahr reduzieren, dass Eltern ein Kind als Erweiterung des eigenen Selbst missverstehen. Es käme ja schon irgendwie „fertig“ auf die Welt.
Über Vererbung hingegen müssten wir dann gar nicht mehr reden, und alles soziale Lernen würde mächtig relativiert, es bildet lediglich die oberste Schicht eines dicken, schier undurchdringlichen Psycholaminats. Psychische Störungen werden dann nicht mehr nur als verstehbare Reaktionen auf die überschaubare (und in der Regel auch überprüfbare) Lebensgeschichte und Umgebung hin befragt. Das Buddeln nach Erklärungen in der Vergangenheit und im Unbewussten, das schon der klassischen Psychoanalyse einiges an Kritik eingetragen hat, kann nun spekulativ ins Unendliche erweitert werden. Wenn man von „alten Seelen“ ausgeht, die schon etliche Leben auf dem Buckel haben (und eventuell von einem ganz anderen Planeten stammen), dann ist irgendwann jede nur denkbare Komplikation auch „tatsächlich“ passiert und erlebt worden.
Und der Skeptiker in mir argwöhnt: Freilich wird in den meisten Fällen dazu ein „Therapeut“ nötig sein, und freilich kostet das immer eine Stange Geld. Nicht auszuschließen, dass die intensive persönliche Zuwendung positive Wirkungen entfaltet – aber beweist das schon die Theorie? Zumal man dann eine ganz strikte Geist/Materie-Spaltung annehmen muss, unser Denken, Fühlen und Erinnern also ein gänzlich körperloses wäre und damit im krassen Widerspruch zu dem stünde, was wir gerade über unser Gehirn alles entdecken…
Mich interessiert das Ganze auch, weil wir an diesem Wochenende in einem Seminar mit Andreas Ebert und Niklas Tartler über Leid und Schuld, aber auch den großen Segen nachdenken werden, den unsere jeweiligen Familiensysteme mit sich bringen. Immer ausgehend von der Annahme: Jeder Mensch ist einzigartig. Wie wir miteinander umgehen, spielt eine wichtige Rolle – nicht nur für die oberste Schicht unserer Persönlichkeit. Aufgrund des ganz konkreten Ortes, den konkreten Zeit und konkreten Verhältnisse, in die ich hineingeboren wurde, ergeben sich ganz für jede(n) einzigartige Zumutungen und Möglichkeiten. Statt hinter diese Dinge zurückzuspekulieren hilft es mir, diese geschichtliche Situation genau zu betrachten und mit Gottes Hilfe und Führung richtig darauf zu antworten.
Wie gesagt: Die christliche Vorstellung von der Auferweckung von den Toten kann zwar auch als „Opium“ missbraucht werden. Richtig verstanden aber bestätigt sie gerade die Einzigartigkeit eines jeden Menschen. Gottes Liebe zielt ja gerade darauf ab, diese ganz besondere Geschichte mit jedem von uns nicht abbrechen zu lassen, sondern ihrer konkreten Erfüllung entgegenzuführen. Wir müssen nicht selber alles gut machen, neben dem Leben wird uns auch das Heil geschenkt. Daher hoffen wir mit Paulus auf die eine leibliche Auferstehung, die das Soziale (geheilte Beziehungen) und Ökologische (geheilte Schöpfung) mit einschließt. Daher sind auch die Beziehungen jetzt und hier, in der Familie, zu den Mitchristen, zum Nächsten nichts Austauschbares oder Belangloses. Auf sie fällt schon der helle Vorschein der neuen Welt. Sie haben Ewigkeitspotenzial, das unbegrenzt wachsen kann.
Authentische Spiritualität will uns öffnen für die Wahrheit – was auch immer die Wahrheit ist, wohin auch immer die Wahrheit uns führt. Eine solche Spiritualität diktiert nicht, wohin wir gehen müssen, sondern vertraut darauf, dass jeder Weg, den wir mit Integrität gehen, uns zur einem Ort der Erkenntnis führt. Eine solche Spiritualität macht uns Mut, Vielfalt und Konflikt zu begrüßen, Ambivalenz auszuhalten und das Paradoxe anzunehmen.
Parker Palmer, To Know As We Are Known. Education As A Spiritual Journey

Ich habe heute angefangen, Arno Gruens Buch Dem Leben entfremdet. Warum wir wieder lernen müssen zu empfinden zu lesen. Gruen stammt aus Berlin, emigrierte während des Dritten Reichs in die USA und lebt nun in der Schweiz. Er benutzt Ortega y Gassets Metapher vom Schiffbruch, um die existenzielle Situation des Menschen, der sich mit der verunsichernden Frage „Wer bin ich?“ konfrontiert sieht, zu charakterisieren:
Das Leben ist seinem Wesen nach ein ständiger Schiffbruch. Aber schiffbrüchig sein, hießt nicht ertrinken … Das Gefühl des Schiffbruches, da es die Wahrheit des Leben ist, bedeutet schon die Rettung.
Allerdings unternehmen viele Menschen (Goethe wird als Paradebeispiel angeführt) diese Situation zu überspielen und zu verdrängen. Aus dem „Wer bin ich?“ wird ein durch Leistung und gesellschaftliche Anerkennung objektivierbares „Was bin ich?“, die Konfrontation mit sich selbst, die „Erkenntnis des Schmerzes“ und mit ihr die Empathie bleiben aus. Gruen folgert:
Wer ein anderes als sein eigenes Leben lebt, wer nicht mit der Wahrheit des Schiffbrüchigseins verbunden ist, fälscht sein Selbst, um sich abstrakt rechtfertigen zu können und zementiert sein Leben, dessen Grundfrage ebenso gefälscht ist. Wer sein Leben nicht lebt, fälscht es unbewusst, weil Schmerz, Leid und Schiffbruch in unserer Kultur mit Schwachsein gleichgesetzt werden. (S. 16)
Mich erinnert das noch ganz frisch an ein Gespräch in den letzten Tagen, in dem mir mein Gegenüber erzählte, wie ein ganz massiv auf Anpassung an äußere Normen angelegtes Christentum zwar lange half, seinen Schmerz irgendwie zu beherrschen, aber auf Kosten einer solchen Fälschung. Nun ist er aufgewacht zu diesem befreienden Lebensgefühl des Schiffbruchs, das auch eine gewisse schmerzhafte Heimatlosigkeit mit sich bringt. Das ist die positive Seite.
Es erinnert mich im Negativen auch an Jona, dessen Story mich die letzten Wochen begleitet hat. Der erscheint als komplett unfähig zu jeder Art von Empathie. Gott hält ihm das am Ende auch drastisch vor. Der zwischenzeitliche „Schiffbruch“ ändert das nur kurzzeitig – kaum hat er nämlich wieder physisch festen Boden unter den Füßen, funktioniert das alte Muster krankhafter Objektivierung wieder: Alles, was ihn interessiert, ist dass das Schema in seinem Kopf auch umgesetzt wird, indem die angekündigte Katastrophe eintrifft. Selbst Gott scheint kaum noch ein Gegenüber zu sein, das zu ihm durchdringt, sondern nur noch eine Art Prinzip. Wahrscheinlich liegt es daran, dass bei Jona keinerlei innere Entwicklung stattfindet. Sicher eine Karikatur, aber eine erschreckend aktuelle.
Morgen werde ich über den Schluss der Jonageschichte predigen. Das Buch fällt völlig aus dem Rahmen der alttestamentlichen Prophetie, weil es eine Lehrerzählung ist und keine Sammlung von Prophetenworten. Jona ist nicht die einzige Gestalt, die in der Bibel mit Gott hadert, aber vermutlich die Absurdeste. Sogar Bileam kommt besser weg. Freilich ist alles karikiert: Der bockige Bote ist für Gott der harte Brocken, das vermeintlich so böse und große Ninive dagegen erweist sich als unglaublich harmlos.
Gottes entscheidende Frage an Jona (und der steht natürlich gleichnishaft für viele) lautet in dieser Geschichte jedoch: „Ist es recht von Dir, zornig zu sein?“ Jona gibt keine Antwort, und als Leser muss ich mich dieser Frage wohl auch stellen: Worüber rege ich mich denn gerade wirklich auf und wem nützt das überhaupt?
Vor ein paar Jahren habe ich den folgenden Text geschrieben – ich hänge ihn mit ein paar Änderungen hier einfach mal an:
Ich bin vom Typ her jemand, der gerne lacht, öfter mal melancholisch ist, selten wirklich traurig und niedergeschlagen. Ab und zu werde ich wütend. Damit bin ich in guter Gesellschaft. Für immer mehr Menschen scheint es die beherrschende Grundstimmung zu sein. Inzwischen treibt auch bei uns der unbeherrschte Zorn an den Schulen gewalttätige Blüten, die man vor kurzem nur in Amerika für denkbar hielt. Apropos Schule: Mein Zorn ist natürlich immer nur gerechter Zorn. So wie vor ein paar Jahren, als eines unserer Kinder vom Personal seiner Schule unfair oder wenigstens sehr ungeschickt behandelt wurde. Ich bat als besorgter Vater bei der Schulleitung um einen Gesprächstermin, nannte sachlich den Grund und bekam dann zu hören: „Ich sitze doch nicht hier herum und warte darauf, dass jemand mit mir reden will.“
Ich war im Bruchteil einer Sekunde von Null (ok: Siebzig) auf Hundertachtzig. Zorn ist im ersten Augenblick ein natürlicher und gesunder Impuls – ein Alarmsignal auf drohende Gefahr oder wenn ich verletzt werde. Der Affekt hat allerdings die Tendenz, sich (mit moralischen Urteilen zementiert) als Haltung festzusetzen und eine dauerhafte Quelle von Aggression zu werden, und genau da liegt das Problem, für das ich die Verantwortung trage: Zorn will verletzen und verletzt meistens auch schon allein dadurch, dass wir ihn mit entsprechender nonverbaler „Begleitmusik“ äußern. Daher sagt Paulus wohl auch in Eph 5,26: „Wenn ihr zornig seid, sündigt nicht“ – es passiert eben so schnell.
Benjamin Franklin hat einmal festgestellt: „Wir sind nie grundlos zornig, aber selten aus einem guten Grund.“ Zorn macht süchtig und ist ansteckend. Durch die Wucht der Aggression fühlt man sich plötzlich stark. Zorn nährt sich aus inneren, selbstgerechten Monologen unseres verletzten Egos. Solche sich selbst verstärkenden, negativen Gedankengänge haben insofern etwas „teuflisches“ (Eph. 5,27 ), als dieser in der Bibel eben als der Ankläger erscheint. Wir „geben ihm Raum“, indem wir uns in Vorwürfe gegen andere hineinsteigern und oft genug versäumen, das eigene Urteil, das dem Zorn zugrunde liegt, kritisch zu prüfen. Wir suchen nur noch selektiv nach dem, was ihn weiter nährt.
„Gerechter“ Zorn reduziert Hemmungen und schafft eine explosive Grundstimmung, die sich nur allzu häufig an der falschen Stelle entlädt: Ich komme frustriert von der Arbeit und kritisiere meine Frau oder schreie ein Kind wegen einer Kleinigkeit an. Die Bewältigung von Zorn ist aus biblischer Sicht ein Hauptproblem familiärer Beziehungen (Kol 3,19, Eph. 6,4). Denn Zorn bringt immer wieder Zorn hervor – gerade unter Menschen, die sich nahestehen.
Längst nicht alle werden offen aggressiv. Vielmehr macht sich kalter Zorn breit. Der Konflikt bleibt dennoch nicht sachlich, sondern bekommt eine persönliche Komponente: Verachtung. Mir ist es egal, ob der andere verletzt wird. Daher versteht Jesus an diesem Punkt schon längst keinen Spaß mehr. Den Ausdruck „Raka“ – das klingt wie das Räuspern, bevor man ausspuckt – nennt er einen ein Fall für den hohen Rat (Mt 5,22a), eine Form von Körperverletzung. Verachtung ist Gift für jede Beziehung.
Wer abfällig denkt und redet, wird früher oder später ausfällig. Mit dem vernichtenden Urteil „Gottloser Narr“ (Mt 5,22b) zerschneidet einer das Tischtuch zwischen sich und dem anderen, es ist eine Art eigenmächtige Exkommunikation – die Beziehung ist nach einer solchen tödlichen Bemerkung kaputt. Paulus verlangt wohl auch deshalb von den Ephesern, nicht zornig zu Bett zu gehen (und dort noch, wie ich beinahe, im Geist Beschwerdebriefe ans Schulamt zu verfassen). Ich werde nicht in jedem Fall eine Aussprache mit einem Konfliktpartner noch am selben Tag schaffen. Aber ich kann mich selbst belauschen und verhindern, dass ich meinen Zorn immer weiter anheize. Ich kann dem anderen vor Gott vergeben und mich bewusst bemühen, ihm auch im Falle eines offensichtlichen Fehlers das Beste und nicht das Schlimmste zu unterstellen. Das dämpft den Zorn.
Heute bin ich heilfroh, dass mir das damals gerade noch so gelungen ist. Das Gespräch in der Schule kam zustande, als ich ein paar Tage später hartnäckig, aber freundlich nachfragte. Mein Gegenüber entpuppte sich als etwas schrulliger, aber freundlicher Mensch, der auch Kinder hat, die ihm gelegentlich Sorgen machen. Und meinem Kind hatte ich damit vermutlich den allergrößten Gefallen getan.

Zur Zeit lese ich wieder einen Krimi aus der Merrily-Watkins-Serie von Phil Rickman. Die Heldin seiner Romane ist anglikanische Pfarrerin und „Deliverance Consultant“ der Diözese Hereford. In dieser Funktion bekommt sie es mit dem Grenzbereich von Aberglaube, Esoterik, Spukerscheinungen und existenziellen Erfahrungen des Bösen zu tun, echten Verbrechen ebenso wie einer Bosheit, die Menschen mehr von innen heraus plagt als durch handfeste äußere Einflüsse. Als Krimi liest sich das ganz gut, die sympathische Protagonistin ist ebenso sensibel, wie sie nüchtern und skeptisch denken kann. Mit versponnener Frömmigkeit hat sie wenig am Hut. Die Erfahrungen der Menschen, die sie um Hilfe bitten, nimmt sie aber erst einmal ernst, auch wenn sie deren Interpretationen nicht immer teilt.
Das Interessante daran ist, dass es diese Deliverance Consultans tatsächlich gibt bei den Anglikanern. Die Bischöfe haben klare Richtlinien für diesen Dienst verfasst, die unter anderem vorsehen, dass auch ärztlicher und psychiatrischer Rat eingeholt wird. Rickman erfindet zwar seine Geschichten und die konkreten Personen, aber er hat seine Hausaufgaben gemacht und den Hintergrund recherchiert. Immer wieder spielen theologische und pastorale Erwägungen eine Rolle, ab und zu zitiert er aus einschlägiger Literatur. Ob es Geister bzw. Dämonen tatsächlich „gibt“, bleibt zwischen den Zeilen weitgehend offen. Aber offenbar geht er, wie ja auch die Anglikanische Kirche, davon aus, dass diese Fragen nichts völlig Absurdes sind und dass es eine Anlaufstelle dafür braucht.
Wenn diese Einschätzung zutrifft, dann stellt sich die Frage, an wen man sich hier bei uns wenden würde. Wo findet ein evangelischer Pfarrer kompetente Unterstützung, wenn er das Gefühl hat, dass ein seelsorgerliches Problem nicht mit den gängigen psychologischen und (pastoral-)theologischen Kategorien bearbeitet werden kann, wenn er fremdartige Erfahrungen anderer nicht pauschal als Wahn abqualifizieren möchte? Und was ist mit den vielen Menschen bei uns, die aus anderen Kulturen stammen, in denen die mythische Matrix noch ganz lebendig ist?
Beim Lesen habe ich mich unter anderem gefragt: Wohin geht man hier bei uns mit solchen Erlebnissen – zum Weltanschauungsbeauftragten? Genügt es, Menschen primär zu informieren? Gibt es ein offizielles Forum, in dem dieses Themenfeld diskutiert und konkrete Hilfsangebote auf den Weg gebracht werden? Warum machen die – ich schätze mal: ebenso gebildeten und aufgeklärten – Engländer so etwas Heikles und setzen sich damit anscheinend lieber öffentlicher Kritik aus, als das unübersichtliche Feld anderen, meist obskuren Akteuren zu überlassen, die sich mit einer ungesunden Faszination für alles „Übernatürliche“ oder ihren unreflektierten und oft mit allerlei Ängsten und Vorurteilen befrachteten Dämonologien nur allzu gern darauf stürzen würden?
Eins jedenfalls lässt sich schon jetzt sagen: Rickmans Pfarrerin ist keine schlechte Werbung für die CofE. Vielleicht hilft ja auch die Romanlektüre schon ein bisschen, das verlegene Schweigen in den Kirchen etwas aufzuweichen?

Martin Buber kannte Tom Wright oder Jürgen Moltmann nicht, und diese christlichen Theologen haben ja viel vom Judentum gelernt, insofern gilt der folgende Satz aus „Der Weg des Menschen nach der Chassidischen Lehre“ aktuell vielleicht nur noch für Teile des Christentums und wir sind (z.B. mit dem missionalen Ansatz) schon ein paar Schritte über diese Kluft hinaus:
Dies ist ja einer der Hauptpunkte, an denen sich das Christentum vom Judentum geschieden hat: dass es für jeden Menschen sein eignes Seelenheil zum höchsten Ziele machte. Für das Judentum ist jede menschliche Seele ein dienendes Glied in der Schöpfung Gottes, die durch das Werk des Menschen zum Reiche Gottes werden soll; so ist denn keiner Seele ein Ziel in ihr selbst, in ihrem eignen Heil gesetzt. Wohl soll jede sich erkennen, sich läutern, sich vollenden, wie nicht um ihres irdischen Glücks, so auch nicht um ihrer himmlischen Seligkeit willen, sondern um des Werks willen, das sie an der Welt Gottes vollbringen soll.
Ich habe Barbara Hagerty-Bradleys Fingerprints of God schon ein paarmal erwähnt. Kürzlich habe ich ihr Kapitel über „spirituelle Virtuosen“ gelesen. Darin wird der Unterschied zwischen kontemplativer und charismatisch-pfingstlicher Spiritualität kurz beleuchtet, allerdings nicht von der theologischen Seite (dazu gibt es ja genug Literatur), sondern aus der neurobiologischen Perspektive.
Wenn etwa franziskanische Nonnen meditativ beten, dann steigt die Aktivität in den Stirn- oder Frontallappen des Gehirns, während es in den Parietal- oder Scheitellappen ruhiger wird. Letztere dienen unter anderem der Orientierung, was vielleicht auch erklärt, dass Meditation oft als ein Verbundensein oder Einswerden (die unio mystica) mit Gott empfunden wird.
Den umgekehrten Zustand fanden die Hirnforscher bei Christen aus der Pfingstbewegung, die das Sprachengebet oder Glossolalie praktizierten. Dabei nimmt die Aktivität im Frontallappen stark ab, der die Aufmerksamkeit bündelt und in dem sich willentliche Entscheidungen abspielen, und die Parietallappen werden aktiv: Ein Zeichen dafür, dass die Person die Kontrolle aufgegeben habe. Glossolalie klinge zwar wie eine „echte“ Sprache, stehe aber in keiner Verbindung zu den Bereichen des Gehirns, in denen bewusste Kommunikation abläuft.
Während die Kontemplativen sehr bewusste Erlebnisse des Einswerdens machen, dominiert für die anderen das Aufgeben der bewussten Kontrolle und die Erfahrung des bleibenden Gegenübers, der Verschiedenheit des Beters von Gott. Zwei ganz unterschiedliche Ansätze, die zu unterschiedlichem Erleben führen, die aber beide als Gottesbegegnung empfunden werden. Es erklärt aber vielleicht auch, warum die beiden Richtungen einander oft fremd bleiben und sich womöglich auch schlecht „mischen“ lassen.
Schärfe und Unschärfe (das sind jetzt meine Worte) scheinen also verschieden verteilt, wenn es um die Polarität zwischen dem Selbst und Gott geht. Auf der einen Seite steht einem unscharfen Selbst das klare Bewusstsein des Gegenübers vor Augen, auf der anderen Seite empfindet ein aufmerksam gesammeltes Selbst die Berührung mit dem Du eher als etwas tief Innerliches, weniger als etwas, das „von außen“ kommt.
Die Auswirkungen von Übungen zur Kontemplation und Achtsamkeit scheinen nebenbei deutlich besser erforscht. Hier lassen sich, wie Hagerty verrät, eine ganze Reihe von Veränderungen bei gut trainierten Testpersonen messen. Ähnlich wie sich beim Ausdauersportler der Ruhepuls verschiebt, so sind Menschen hier in der Lage, schneller wieder zu einem seelischen Gleichgewicht zurückzukehren, sie sind deutlich emphatischer, wacher und fröhlicher, zudem halten die positiven Zustände länger an und erfordern weniger Reize von außen.
Christliche Prophetie ist immer ein spannendes und strittiges Thema gewesen. Diese Woche fand ich eine besonders nette Begebenheit in Barbara Bradley Hagertys Fingerprints of God. Die Journalistin Hagerty beschreibt, wie sie zu einem Treffen mit Nancy, einer modernen christlichen Prophetin, eingeladen wurde. Die hielt zunächst einen längeren Vortrag, bei dem bezeichnenderweise immer wieder das Thema Geld auftauchte. Dann forderte sie alle Anwesenden auf, für einander auf Gott zu hören – in einem so selbstverständlichen Ton, als ginge es darum, einander Kaffee nachzuschenken.
Nancy begann selbst, ausgerechnet mit Hagerty, und begann von einem reichen Mann orientalischer Herkunft, einem Privatflugzeug und vielen Kleinkindern in Afrika zu sprechen. Danach kamen alle anderen aus der Runde dran und zum Schluss sollte Hagerty ihre Nachbarin Sheila über Gottes Willen ins Bild setzen. Die peinliche Stille zog sich in die Länge, die Leere im Kopf wurde größer unter dem Druck, etwas Bedeutsames zu produzieren. Hagerty sagte das erstbeste, was Ihr einfiel: Sie sehe Wasser, ein Schwimmbecken, und einen Sprungturm. Sheila stehe oben und sie solle keine Angst vor dem Sprung haben. Aufatmen – sie hatte die Erwartungen erfüllt.
Sechs Jahre später stieg Hagerty in ein Washingtoner Hotel ab und lief dort einer Frau in die Arme, die sich als Sheila zu erkennen gab. Sheila sprach sie auf ihre „Prophetie“ von damals an und erzählte, sie habe gleich am folgenden Tag ihren Job gekündigt. Hagertys unwillkürliche Sorge, für eine getürkte Prophetie zur Rechenschaft gezogen zu werden, war zum Glück grundlos: Sheila war in ihrem neuen Beruf erfolgreich und mit ihrem Leben zufrieden…
Andreas Ebert hat mir ein Exemplar von Bubers „Weg des Menschen nach der Chassidischen Lehre“ geschenkt und mir gestern gleich die folgende wunderbare kleine Geschichte vorgelesen. Letzte Woche habe ich noch mit den Studenten meines Kirchengeschichtskurses über August Hermann Franckes „Bußkampf“ gesprochen – das wäre das Kontrastprogramm zu dieser rabbinischen Episode:
Als Rabbi Chajim vom Zahns seinen Sohn der Tochter des Rabbi Elieser vermählt hatte, trat er am Tag nach der Hochzeit beim Brautvater ein und sagte: „Schwäher, Ihr seid mir nahe gekommen, und ich darf Euch sagen, was mein Herz peinigt. Seht, Haupt- und Barthaar sind mir weiß geworden, und noch habe ich nicht Buße getan!“ „Ach, Schwäher“, erwiderte ihm Rabbi Elieser, „Ihr habt nur Euch im Sinn. Vergesst Euch und habt die Welt im Sinn!“
Zu Pfingsten fiel mir ein uralter Song von Simon and Garfunkel ein: „A Church is Burning“ Ursprünglich bezog er sich auf den Rassismus in den USA, als Sympathisanten des Ku-Klux-Clan „schwarze“ Kirchen abfackelten. Heute tun das die Sympathisanten von Boko Haram.
Die Gewalt und das Unrecht werden nicht beschönigt, die Antwort ist aber auch nicht einfach nur trotzig, sondern von einer tiefen Überzeugung über das befreiende Evangelium getragen, die uns allen gut tut:
A church is more than just timber and stone
And freedom is a dark road when you’re walking it alone
But the future is now, and it’s time to take a stand
So the lost bells of freedom can ring out in my land
A church is burning
The flames rise higher
Like hands that are praying
Aglow in the sky
Like hands that are praying
The fire is saying,
„You can burn down my churches
But I shall be free.“
Parker Palmer schreibt über die Versuchungen und das Potenzial von Gemeinschaft, und seine Worte gehen mir seit einigen Tagen nach, vielleicht geht es dem einen oder der anderen ja auch so:
Wir sind umgeben von Gemeinschaften, in denen es darum geht, einander „in den Schuh zu helfen“ – letztlich ein totalitäres Unterfangen, das die scheue Seele in Deckung gegen lässt. Zum Glück gibt es andere Modelle…
Der Schlüssel zu dieser Form von Gemeinschaft liegt darin, ein Paradox auszuhalten – das Paradox, Beziehungen zu unterhalten, in denen wir die Einsamkeit des anderen schützen. Wir müssen so zusammenkommen, dass wir die Einsamkeit der Seele achten, dass wir die unbewusste Gewalt vermeiden, die wir verüben, wenn wir versuchen, einander zu retten, dass wir die Fähigkeit wecken, das Leben des anderen zu halten ohne sein Geheimnis zu verletzen, und den anderen nie dazu zwingen, unserem Bedürfnissen zu entsprechen.
Für sich selbst zu sorgen ist nie ein Akt der Selbstsucht – es ist schlicht ein gutes Haushalten mit dem einzigen Geschenk, das ich habe, das Geschenk, mit dem ich auf diese Erde geschickt wurde, um es anderen anzubieten. Jedesmal, wenn wir auf das wahre Selbst hören können und ihm die Fürsorge angedeihen lassen, die es braucht, tun wir das nicht nur für uns selbst, sondern auch für die vielen anderen, deren Leben wir berühren.
Parker Palmer
Ich bin immer noch oder immer wieder mal an Iain McGilchrists Thesen zur Funktionsweise menschlichen Denkens und unserer Kultur dran. Er unterscheidet den Zugang, den die rechte und linke Hemisphäre zur Wirklichkeit pflegen. Die linke Hemisphäre hat die Aufgabe, Details zu isolieren und zu fokussieren, und dabei wird der Gegenstand objektiviert, verdinglicht, instrumentalisiert. Hier geht es darum, die Umwelt für die eigenen Zwecke zu nutzen, den Nutzen quantitativ zu bewerten, Zugriff zu bekommen, die wahrgenommenen Gegenstände zu manipulieren. Dazu wird eine mechanistische und reduktionistische Sicht der Dinge angewandt, die in bestimmten Situationen sehr effizient sein kann. Buber würde das den Ich/Es-Modus nennen. Das Subjekt-Objekt-Gefälle führt zur Präferenz von linearen Ursache-Wirkungs-Relationen, von zeitlosen, allgemeinen, statischen und abstrakten Satzwahrheiten. Es erkennt lieber Bekanntes als sich mit Neuem zu befassen. Er lebt in seinen „Definitionen“, „Prinzipien“ und ist verliebt in Mechanismen aller Art. Er schafft ein Klima, in dem die Seele verarmt und häufig auch erkrankt. Fulbert Steffensky sagte jüngst in der taz: „Man wird nur stark und reich am Fremden. Am Anderen.“
Entsprechend denkt die rechte Hemisphäre in Ich/Du-Relationen. Sie erkennt ihre Umwelt als etwas Lebendiges (und damit sich dynamisch entwickelndes, stets in Veränderung Begriffenes), sie kommuniziert in Bildern, Metaphern und Geschichten, sie zieht das Individuelle und Konkrete dem Allgemein-Abstrakten vor (unsere Fähigkeit zur Gesichtserkennung sitzt rechts), statt der Details steht das Ganze mit seiner Gestalt, den unverwechselbaren Mustern und der individuellen Anordnung im Mittelpunkt. Die rechte Hemisphäre hat besseren Zugang zu den körperlichen Empfindungen, sie denkt leiblich, sie zieht die erfahrbare Realität den gedachten, konstruierten und virtualisierten Modellen vor, die von links kommen. Daher entdeckt sie Inkongruenzen und Täuschungen, während die linke Hemisphäre lieber den Buchstaben und Idealen vertraut als den Sinnen. Weil sie, auf sich allein gestellt in einem geschlossenen, selbstreferenziellen Zirkel funktioniert, ist jede Infragestellung von außen schon eine Bedrohung des Ganzen.
So viel zur Rekapitulation. Wenn unser Denken gut funktioniert, beginnt es rechts, bewegt sich dann nach links, um eine bestimmte Frage eingehender zu betrachten, und kehrt dann wieder nach rechts zurück. Es beginnt mit dem Du, der Begegnung und der Erfahrung, mit der Ahnung und dem Gespür, mit der Öffnung für den Anderen, Fremden. Erst dann kommt der Schritt, dass zögernd Glaubensaussagen und -Sätze aufgestellt werden.
Da wo dogmatische Formeln und Regeln aber die Begegnung zu er-sätzen drohen, wo Glaube mit Zustimmung zu (freilich nur vermeintlich) zeitlos gültigen und vom konkreten geschichtlichen Kontext weitestgehend bereinigten Lehraussagen oder quasi-naturwissenschaftlichen „Tatsachen“behauptungen verwechselt wird, wo ein geschlossenes System von Wahrheiten entsteht, die von jeglicher Erfahrung abgekoppelt werden können, wo man also links beginnt und endet, da entsteht ein Kopfglaube, der sich in seinen eigenen frommen Hirngespinsten verliert und meist in eine lebensfeindliche Enge mündet, denn aus den Lehr-Sätzen des Propositionalismus werden leicht Ge-Sätze, die (auch wenn das anders deklariert wird) nicht mehr viel „Geistliches“ und damit Lebensspendendes an sich haben. Man erkennt die „Irrlehre“ immer nur im Fremden und anderen. Auch deshalb, weil einem durch das dualistische Denken, das alles in Schwarz und Weiß einteilt, der Zugang zu den eigenen Ambivalenzen nicht mehr möglich ist. Dafür werden alle Widersprüche ins Gottesbild verschoben: Je souveräner und abgehobener Gott dargestellt wird, desto janusköpfiger erscheint er auch, wenn er etwa mit der gleichen Inbrunst den einen in den Himmel und den anderen in die Hölle schickt.
Echter Herzensglaube (den es durchaus auch auf einem beachtlich hohen theologischen Reflexionsniveau gibt) kann dagegen gut damit umgehen, dass sich das Leben nicht den Formeln und Gesetzen fügt, dass Zweifel und Widersprüche zum Menschsein dazu gehören und nicht verdrängt oder gar beseitigt werden können. Er lebt nicht in einem „bibeltreuen“ Kartenhaus von Propositionen, das einstürzt, wenn man irgendwo ein Element entfernt. Er lebt mit Poesie, Bildern und Geschichten, die keine VorSchriften sind, sondern zu einem neuen Blick und einer anderen Lebenshaltung führen; die Spielräume eröffnen, in denen Veränderung möglich wird. Der Herzensglaube kann, wie Luther einmal pointiert sagte, durchaus auch „Christus gegen die Schrift“ treiben und den Geist über den Buchstaben stellen, sich also mit dem Menschensohn über religiöse Grenzen und Vorschriften hinwegsetzen, um der Liebe und der Barmherzigkeit zu ihrem recht zu verhelfen, und er wird dafür auch Leid und Anfeindung in Kauf nehmen. Vielleicht wird er situativ auch die eine oder andere Fehlentscheidung treffen, aber selbst das Scheitern hat bei Gott seinen Platz und seinen Sinn: auch die dunklen Töne gehören zur Symphonie des Lebens.
Herzensglaube braucht keine Lehrgebäude, die für die Ewigkeit unverrückbar stehen. Er lebt fröhlich mit allerlei Provisorien, die es ihm erlauben, in Bewegung zu sein. Er ist keineswegs beliebig, aber er hat auch keine Berührungsängste gegenüber anderen Konfessionen, Religionen und Positionen; er lässt sich allerdings auch nicht mehr ins Gefängnis begrifflich fixierter Gewissheiten locken und wird sich gegen Vereinnahmungsversuche aus dieser Richtung durchaus auch leidenschaftlich zur Wehr setzen. Daher irritiert jede Form von Mystik die Wächter der durchgezogenen Linien so gewaltig, weil sie Menschen von der Bevormundung durch Regelwerke und Hierarchien befreit.
Wenn Herzensglaube zur Theologie wird, dann funktioniert das, indem man mit Gottvertrauen den Weg in die Weite beschreitet, wie David Bentley Hart in The Beauty of the Infinite so treffend sagt:
Theologie ist keine Kunst, die von der Geschichte auf die Ewigkeit abstrahiert, von Fakten auf Prinzipien, sondern eine, die – unter dem Druck der Geschichte, die zu interpretieren sie aufgerufen ist – entdeckt, wie die Sphäre ihrer Erzählung sich in immer größere Dimensionen des Offenbarten hinein ausdehnt, die Linie zwischen dem Geschöpflichen und dem Göttlichen überschreitet (…), weil diese Linie schon überschritten ist, nicht symbolisch, sondern tatsächlich, in der konkreten Person und Geschichte Jesu.
Herzensglaube ist also nicht Gefühlsduselei, aber er ist eben auch nicht gefühlsvergessen. Er weiß, dass uns die Wahrheit nicht in Worten begegnet, sondern personal, und wie jede Person wahrt die Wahrheit auch ein Geheimnis, das nicht vollständig aussagbar ist, sondern implizit bleiben muss. Und er weiß, dass diese Begegnung uns verändert und auf einen Weg schickt, der für jeden ein bisschen anders aussieht, dass dieser Weg schließlich auch oft mehr mit offenen Fragen als eindeutigen Antworten zu tun hat und daher mehr mit Vertrauen als mit kodifizierbarem Wissen.
Daher ist der Herzensglaube auch nichts Rückwärtsgewandtes, krampfhaft Konservatives, das einmal gewonnene Erkenntnisse für die Ewigkeit festschreiben will. Er kann loslassen und neu finden. Auch deshalb brauchen wir mehr davon: Es ist der Glaube der Pilger und Pioniere.
Wir hatten gestern Abend ein interessantes Gespräch in Berlin über die unterschiedlichen Aspekte der „Wiedervereinigung“ und die daraus bis heute resultierenden Spannungen. Irgendwann sagte Miroslav Volf dann, Deutschland und Frankreich seien ja ein Musterbeispiel für nationale Versöhnung, aber lasse sich eigentlich das klassische Muster von Versöhnung – das wir in Marburg zwei Tage lang diskutiert hatten – auf den Osten und Westen Deutschlands anwenden?
Und tatsächlich ist die Situation eine andere. Es gibt keine nahezu ebenbürtigen Feinde, die sich nach vielen Kriegen dauerhaft versöhnen, sondern einen großen Bruder, der dem deutlich kleineren irgendwie aus der Patsche helfen musste und sich nun wundert, das der daran auch noch etwas auszusetzen hat. Es geht nicht um eine Täter-Opfer Beziehung, sondern um eine Wohltäter-Opfer-Beziehung. Die ist ungleich schwerer zu klären, weil der Wohltäter ja subjektiv nur das Beste wollte oder das zumindest gern so sieht und zurückgespiegelt bekommen will.
Aber wir kennen ja alle diese Situationen, wo jemand nur das Beste für uns wollte und uns seine – keineswegs immer passenden – Lösungen für unsere wahren oder auch nur vermeintlichen Probleme übergestülpt hat. Wo es dann aber kaum möglich war, das anzusprechen, weil der Wohltäter dann empört oder zumindest mit Unverständnis reagierte auf diesen Undank. Fast jeder hat schon erlebt, dass jemand ihn mit den besten Absichten vereinnahmt hat. Solche Erfahrungen könnten als Schlüssel für ein Gespräch dienen, in dem die unguten Gefühle unverblümt benannt, die komplementären Rollen kritisch betrachtet werden – und wo man sich allmählich von beidem lösen kann.