Herzensglaube

DSC07085Ich bin immer noch oder immer wieder mal an Iain McGilchrists Thesen zur Funktionsweise menschlichen Denkens und unserer Kultur dran. Er unterscheidet den Zugang, den die rechte und linke Hemisphäre zur Wirklichkeit pflegen. Die linke Hemisphäre hat die Aufgabe, Details zu isolieren und zu fokussieren, und dabei wird der Gegenstand objektiviert, verdinglicht, instrumentalisiert. Hier geht es darum, die Umwelt für die eigenen Zwecke zu nutzen, den Nutzen quantitativ zu bewerten, Zugriff zu bekommen, die wahrgenommenen Gegenstände zu manipulieren. Dazu wird eine mechanistische und reduktionistische Sicht der Dinge angewandt, die in bestimmten Situationen sehr effizient sein kann. Buber würde das den Ich/Es-Modus nennen. Das Subjekt-Objekt-Gefälle führt zur Präferenz von linearen Ursache-Wirkungs-Relationen, von zeitlosen, allgemeinen, statischen und abstrakten Satzwahrheiten. Es erkennt lieber Bekanntes als sich mit Neuem zu befassen. Er lebt in seinen „Definitionen“, „Prinzipien“ und ist verliebt in Mechanismen aller Art. Er schafft ein Klima, in dem die Seele verarmt und häufig auch erkrankt. Fulbert Steffensky sagte jüngst in der taz: „Man wird nur stark und reich am Fremden. Am Anderen.“

Entsprechend denkt die rechte Hemisphäre in Ich/Du-Relationen. Sie erkennt ihre Umwelt als etwas Lebendiges (und damit sich dynamisch entwickelndes, stets in Veränderung Begriffenes), sie kommuniziert in Bildern, Metaphern und Geschichten, sie zieht das Individuelle und Konkrete dem Allgemein-Abstrakten vor (unsere Fähigkeit zur Gesichtserkennung sitzt rechts), statt der Details steht das Ganze mit seiner Gestalt, den unverwechselbaren Mustern und der individuellen Anordnung im Mittelpunkt. Die rechte Hemisphäre hat besseren Zugang zu den körperlichen Empfindungen, sie denkt leiblich, sie zieht die erfahrbare Realität den gedachten, konstruierten und virtualisierten Modellen vor, die von links kommen. Daher entdeckt sie Inkongruenzen und Täuschungen, während die linke Hemisphäre lieber den Buchstaben und Idealen vertraut als den Sinnen. Weil sie, auf sich allein gestellt in einem geschlossenen, selbstreferenziellen Zirkel funktioniert, ist jede Infragestellung von außen schon eine Bedrohung des Ganzen.

So viel zur Rekapitulation. Wenn unser Denken gut funktioniert, beginnt es rechts, bewegt sich dann nach links, um eine bestimmte Frage eingehender zu betrachten, und kehrt dann wieder nach rechts zurück. Es beginnt mit dem Du, der Begegnung und der Erfahrung, mit der Ahnung und dem Gespür, mit der Öffnung für den Anderen, Fremden. Erst dann kommt der Schritt, dass zögernd Glaubensaussagen und -Sätze aufgestellt werden.

Da wo dogmatische Formeln und Regeln aber die Begegnung zu er-sätzen drohen, wo Glaube mit Zustimmung zu (freilich nur vermeintlich) zeitlos gültigen und vom konkreten geschichtlichen Kontext weitestgehend bereinigten Lehraussagen oder quasi-naturwissenschaftlichen „Tatsachen“behauptungen verwechselt wird, wo ein geschlossenes System von Wahrheiten entsteht, die von jeglicher Erfahrung abgekoppelt werden können, wo man also links beginnt und endet, da entsteht ein Kopfglaube, der sich in seinen eigenen frommen Hirngespinsten verliert und meist in eine lebensfeindliche Enge mündet, denn aus den Lehr-Sätzen des Propositionalismus werden leicht Ge-Sätze, die (auch wenn das anders deklariert wird) nicht mehr viel „Geistliches“ und damit Lebensspendendes an sich haben. Man erkennt die „Irrlehre“ immer nur im Fremden und anderen. Auch deshalb, weil einem durch das dualistische Denken, das alles in Schwarz und Weiß einteilt, der Zugang zu den eigenen Ambivalenzen nicht mehr möglich ist. Dafür werden alle Widersprüche ins Gottesbild verschoben: Je souveräner und abgehobener Gott dargestellt wird, desto janusköpfiger erscheint er auch, wenn er etwa mit der gleichen Inbrunst den einen in den Himmel und den anderen in die Hölle schickt.

Echter Herzensglaube (den es durchaus auch auf einem beachtlich hohen theologischen Reflexionsniveau gibt) kann dagegen gut damit umgehen, dass sich das Leben nicht den Formeln und Gesetzen fügt, dass Zweifel und Widersprüche zum Menschsein dazu gehören und nicht verdrängt oder gar beseitigt werden können. Er lebt nicht in einem „bibeltreuen“ Kartenhaus von Propositionen, das einstürzt, wenn man irgendwo ein Element entfernt. Er lebt mit Poesie, Bildern und Geschichten, die keine VorSchriften sind, sondern zu einem neuen Blick und einer anderen Lebenshaltung führen; die Spielräume eröffnen, in denen Veränderung möglich wird. Der Herzensglaube kann, wie Luther einmal pointiert sagte, durchaus auch „Christus gegen die Schrift“ treiben und den Geist über den Buchstaben stellen, sich also mit dem Menschensohn über religiöse Grenzen und Vorschriften hinwegsetzen, um der Liebe und der Barmherzigkeit zu ihrem recht zu verhelfen, und er wird dafür auch Leid und Anfeindung in Kauf nehmen. Vielleicht wird er situativ auch die eine oder andere Fehlentscheidung treffen, aber selbst das Scheitern hat bei Gott seinen Platz und seinen Sinn: auch die dunklen Töne gehören zur Symphonie des Lebens.

Herzensglaube braucht keine Lehrgebäude, die für die Ewigkeit unverrückbar stehen. Er lebt fröhlich mit allerlei Provisorien, die es ihm erlauben, in Bewegung zu sein. Er ist keineswegs beliebig, aber er hat auch keine Berührungsängste gegenüber anderen Konfessionen, Religionen und Positionen; er lässt sich allerdings auch nicht mehr ins Gefängnis begrifflich fixierter Gewissheiten locken und wird sich gegen Vereinnahmungsversuche aus dieser Richtung durchaus auch leidenschaftlich zur Wehr setzen. Daher irritiert jede Form von Mystik die Wächter der durchgezogenen Linien so gewaltig, weil sie Menschen von der Bevormundung durch Regelwerke und Hierarchien befreit.

Wenn Herzensglaube zur Theologie wird, dann funktioniert das, indem man mit Gottvertrauen den Weg in die Weite beschreitet, wie David Bentley Hart in The Beauty of the Infinite so treffend sagt:

Theologie ist keine Kunst, die von der Geschichte auf die Ewigkeit abstrahiert, von Fakten auf Prinzipien, sondern eine, die – unter dem Druck der Geschichte, die zu interpretieren sie aufgerufen ist – entdeckt, wie die Sphäre ihrer Erzählung sich in immer größere Dimensionen des Offenbarten hinein ausdehnt, die Linie zwischen dem Geschöpflichen und dem Göttlichen überschreitet (…), weil diese Linie schon überschritten ist, nicht symbolisch, sondern tatsächlich, in der konkreten Person und Geschichte Jesu.

Herzensglaube ist also nicht Gefühlsduselei, aber er ist eben auch nicht gefühlsvergessen. Er weiß, dass uns die Wahrheit nicht in Worten begegnet, sondern personal, und wie jede Person wahrt die Wahrheit auch ein Geheimnis, das nicht vollständig aussagbar ist, sondern implizit bleiben muss. Und er weiß, dass diese Begegnung uns verändert und auf einen Weg schickt, der für jeden ein bisschen anders aussieht, dass dieser Weg schließlich auch oft mehr mit offenen Fragen als eindeutigen Antworten zu tun hat und daher mehr mit Vertrauen als mit kodifizierbarem Wissen.

Daher ist der Herzensglaube auch nichts Rückwärtsgewandtes, krampfhaft Konservatives, das einmal gewonnene Erkenntnisse für die Ewigkeit festschreiben will. Er kann loslassen und neu finden. Auch deshalb brauchen wir mehr davon: Es ist der Glaube der Pilger und Pioniere.

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Wohltäter und Opfer?

Wir hatten gestern Abend ein interessantes Gespräch in Berlin über die unterschiedlichen Aspekte der „Wiedervereinigung“ und die daraus bis heute resultierenden Spannungen. Irgendwann sagte Miroslav Volf dann, Deutschland und Frankreich seien ja ein Musterbeispiel für nationale Versöhnung, aber lasse sich eigentlich das klassische Muster von Versöhnung – das wir in Marburg zwei Tage lang diskutiert hatten – auf den Osten und Westen Deutschlands anwenden?

Und tatsächlich ist die Situation eine andere. Es gibt keine nahezu ebenbürtigen Feinde, die sich nach vielen Kriegen dauerhaft versöhnen, sondern einen großen Bruder, der dem deutlich kleineren irgendwie aus der Patsche helfen musste und sich nun wundert, das der daran auch noch etwas auszusetzen hat. Es geht nicht um eine Täter-Opfer Beziehung, sondern um eine Wohltäter-Opfer-Beziehung. Die ist ungleich schwerer zu klären, weil der Wohltäter ja subjektiv nur das Beste wollte oder das zumindest gern so sieht und zurückgespiegelt bekommen will.

Aber wir kennen ja alle diese Situationen, wo jemand nur das Beste für uns wollte und uns seine – keineswegs immer passenden – Lösungen für unsere wahren oder auch nur vermeintlichen Probleme übergestülpt hat. Wo es dann aber kaum möglich war, das anzusprechen, weil der Wohltäter dann empört oder zumindest mit Unverständnis reagierte auf diesen Undank. Fast jeder hat schon erlebt, dass jemand ihn mit den besten Absichten vereinnahmt hat. Solche Erfahrungen könnten als Schlüssel für ein Gespräch dienen, in dem die unguten Gefühle unverblümt benannt, die komplementären Rollen kritisch betrachtet werden – und wo man sich allmählich von beidem lösen kann.

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Das Glücksdilemma

DSC03040.jpgDie meisten Leute, die ich kenne, schenken gern. Dabei ist es zweitrangig, was man verschenkt. Wichtig ist, dass man es tut. Viele Geschenke weisen über sich hinaus und machen eine Aussage über die Beziehung zwischen den beteiligten Personen. Anders gesagt: sie sind kleine Zeichen der Liebe zwischen Menschen.

Der Zauber des Geschenks liegt in der Freiheit, aus der es kommt. Wenn jemand einen Anspruch oder gar eine Forderung erhebt, oder wenn Gewohnheit die Freiheit in Selbstverständlichkeit verwandelt, dann verliert ein Geschenk seinen Wert, dann wird aus dem Schenken ein Tausch, mit dem man eine Verstimmung zu verhindern hat oder Klagen zuvorkommen muss.

So weit die Theorie. In der Praxis gibt es sehr unterschiedliche Bedürfnisse zwischen Menschen. Und da wird es gar nicht so leicht, zu den eigenen Bedürfnissen zu stehen und zugleich dem anderen den Raum für Geschenke zu lassen. Beziehungsweise auch das als Geschenk zu erkennen, was das eigene Bedürfnis nicht gleich schon übererfüllt (sofern das überhaupt möglich ist), sondern vielleicht nur ansatzweise deckt.

Ich finde mich selbst mal auf dieser und mal auf jeder Seite dieses Glücksdilemmas wieder. Aber wenn das Kunststück gelingt, so weit Distanz zu sich selbst zu gewinnen, dass man dem anderen den Raum zum Schenken lässt, erlebt er sich nicht mehr als minderbemittelter Tauschpartner, sondern als jemand, der kompetent ist in Sachen Liebe. Und die Lust zum Schenken nimmt zu mit diesem Erfolgserlebnis, während sie mit jedem ungeduldigen „endlich hast Du’s begriffen“ oder „wieder nicht genug“ schwindet. Umgekehrt muss ein Zutrauen da sein, dass der andere gerne schenken würde, um die Forderungen zurückzunehmen, die es ihm unmöglich machen.

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„Liebe den Sünder, hasse die Sünde“

… ich dachte, „liebe den Sünder, hasse die Sünde“ sei die perfekte Zusammenfassung christlicher Gnade inmitten von Uneinigkeit. Heute stößt es mir auf, wenn ich höre, wie Leute das sagen.

Im Grunde ist es ja wahr. Aber „liebe den Sünder, hasse die Sünde“ fühlt sich recht unterschiedlich an, je nachdem, auf welcher Seite des Tisches man sitzt. Für den, der „liebt“, klingt das großherzig: Obwohl dieser Mensch ein Sünder ist, werde ich ihn mit Liebe und Barmherzigkeit behandeln!“

Aber wenn das jemand über dich sagt, fühlt es sich nicht mehr so großzügig an. Ja, ich weiß, ich bin ein Sünder, wie wir alle, aber der Satz hat etwas Herablassendes und Entmenschlichendes, als wäre ich jetzt „der Sünder“ statt der Freund oder Nächste des anderen, und als wäre mich zu „lieben“ nun das neue Projekt, das er eher aus einem Pflichtgefühl Gott gegenüber auf sich nimmt als deswegen, weil ihm daran liegt, dass es mir gutgeht.

Justin Lee, Torn. Rescuing the Gospel from the Gays-vs.-Christians Debate, S. 227

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Weisheit der Woche: Geduld

Warten ist eine Form der Demut, während sich im Vorwärtsdrang unsere Selbstsucht und Arroganz ausdrückt. Der Rastlosigkeit unserer Seelen wird nicht abgeholfen dadurch, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Warten wenigstens als unnötige Zumutung erscheint, oder gar als Verletzung der Menschenrechte…

Wenn wir in der Lage sind, uns zu entspannen und unseren Zugriff auf die Zeit zu lockern, dann wird sie unser sanfter Begleiter sein statt unser ständiger Feind. Wir entdecken, dass wir die Zeit verstreichen lassen können ohne darunter zu leiden, dass wir sie „verloren“ haben.

Mike Riddell, The Sacred Journey

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Der Weg der Zerrissenheit

Barbara Bradley Hagerty fragt in ihrem spannenden Buch Fingerprints of God. What Science is Learning About the Brain and Spiritual Experience nach Gotteserfahrungen, die Menschen schlagartig und nachhaltig verändern. Im Kapitel 4 richtet sie den Blick auf Auslöser für solche Erfahrungen spiritueller Transformation. Ein Element sticht dabei hervor: Zerrissenheit (engl.: brokenness).

Zerrissenheit tritt ein, wenn dich das Leben – in der Gestalt von Sucht, Krebs, Alleinsein, Arbeitslosigkeit oder eines undefinierbaren Elends – zu Boden wirft. Sie geschieht, wenn du ans Ende deiner selbst kommst, wenn die eigenen Mittel erschöpft sind, die eigene Kraft und Widerstandsfähigkeit, mit der augenblicklichen Situation fertig zu werden. Du gibst auf, und in diesem Loslassen entdeckst du eine merkwürdige Ruhe. Es ist der einzige Weg, wie so manche störrische Seele Gott findet.

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Dreifaches A und O

Der amerikanische Psychiater Daniel Siegel hat mit „Mindsight“ ein kluges und spannendes Buch über das Zusammenspiel von Geist und Gehirn geschrieben, das sich wohltuend abhebt vom Determinismus mancher Neurobiologen wie auch vom allgegenwärtigen, marktkonformen Optimierungswahn. Wenn wir uns beim Denken beobachten, dann finden wir in kritischen Momenten auch die Freiheit, Kurzschlusshandlungen zu vermeiden und Entscheidungen zu treffen, die nicht nur für uns selbst gut sind, sondern auch für andere.

Drei Begriffe spielen in diesem Zusammenhang eine Rolle, sie fangen im Englischen alle mit einem „O“ an: Openness, Observation und Objectivity. Es geht also erstens um die Offenheit, sich mit dem zu befassen, was tatsächlich ist (statt mit dem, was sein sollte oder müsste), und zwar so, wie es ist. Zweitens gelingen uns Dinge besser, wenn wir eine gewisse Distanz zu uns selbst und den unwillkürlichen Impulsen finden, die sich als Reaktion auf das einstellen, was wir antreffen – wir stecken den Rahmen der Beobachtung weiter und schließen uns selbst mit ein. Drittens hilft (der Begriff ist freilich missverständlich) Objektivität dabei, die eigenen spontanen Empfindungen zu relativieren: Sie sind vorübergehende Phänomene (morgen könnte es schon anders sein), sie sind nur ein Teilaspekt von uns (ich gehe also in meinem Ärger oder Kummer nicht komplett auf), sie werden der komplexen Situation nicht immer gerecht.

Ganz ähnlich sind die drei deutschen Begriffe, mit denen Maria-Anne Gallen und Hans Neidhardt in Das Enneagramm unserer Beziehungen den „inneren Beobachter“ charakterisieren: Absichtslos statt zweckgerichtet und ergebnisfixiert, akzeptierend statt wertend und beurteilend – aufmerksam statt indifferent, zerstreut und abgestumpft – man kann es auch eine kontemplative Grundhaltung nennen, oder nicht-duales Denken.

Der mögliche Gewinn: Ich kann von der Bühne meines Lebens in den Zuschauerraum wechseln. Und mit dem, was ich von da aus sehe, bin ich nicht mehr nur Darsteller in diesem Stück, sondern ich werde zum Regisseur. So bekommt die Figur auf der Bühne neue Spielräume.

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Der andere Blick

Immer wieder mal überlege ich, inwiefern sich meine Lebensperspektive in den vergangenen Jahren verändert hat. Ich fand das bisher gar nicht leicht zu beschreiben, aber nun habe ich vielleicht doch eine Metapher gefunden, die es einigermaßen trifft:

Man kann das Leben durch ein Telezoom betrachten. Der Blick geht dabei in die Ferne und aufs Detail, einzelne Elemente eines Bildes treten scharf hervor und anderes rückt oft unscharf in den Hintergrund. Vieles wirkt näher, als es ist, und andere Dinge erscheinen nicht im Bild, obwohl sie zur direkten Umgebung gehören. Und man selbst kann dabei der Illusion erliegen, das Ziel sei eigentlich schon zum Greifen nahe.

Und dann gibt es die Weitwinkel-Perspektive. Da erscheint auf einmal ein größeres Panorama und es ist weniger vorsortiert. Neben dem, was in der direkten Blickrichtung liegt, treten auch die Dinge rechts und links davon ins Bild. Alles wirkt etwas kleiner, das Auge schweift von einem zum anderen Teil des weit geöffneten Feldes.

Manchmal stürzen in der Weitwinkelperspektive die Linien, und wer im Weitwinkel lebt, fühlt sich manchmal auch selbst klein und auf schwankendem Boden. Er sieht nicht nur die Gipfel, Türme und anderen Höhepunkte sondern hat auch ein Gespür für die schwindelerregenden Abgründe dazwischen und dahinter.

Zugleich wird im Weitwinkel klarer, wo man selbst steht, während man das bei den langen Brennweiten oft nur vermuten kann. Im Telemodus dominiert das Objekt ein Bild (freilich sorgsam in Szene gesetzt von einem unsichtbaren Subjekt), im Weitwinkel kann schon mal Hand und Fuß des Betrachters am Bildrand erscheinen.

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Der wache Blick

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„Religiöses Denken, Glauben, Fühlen gehört zu den trügerischsten Aktivitäten des menschlichen Geistes. Wir gehen oft davon aus, dass es Gott ist, an den wir glauben, aber in Wirklichkeit könnte es ein Symbol unserer persönlichen Interessen sein, mit dem wir uns beschäftigen. Wir gehen vielleicht davon aus, dass wir uns zu Gott hingezogen fühlen, aber in Wirklichkeit könnte es eine Kraft innerhalb dieser Welt sein, die Gegenstand unserer Anbetung ist. Wir gehen vielleicht davon aus, dass es uns um Gott geht, aber wir könnten mit unserem Ego beschäftigt sein. Unsere religiöse Existenz zu prüfen ist daher eine Aufgabe, der wir beständig nachkommen müssen.“

Abraham J. Heschel, God in Search of Man, S. 9

In diesem Sinne: Ein ganz großes Danke für Euer Interesse, die vielen Kommentare und auf ein Wiedersehen/-lesen im neuen Jahr!

(PS: Das Bild oben zeigt zwar eine Klippe, aber die wird dank Leuchtturm erfolgreich umschifft)

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Alles ist unterwegs

Andrea Schwarz vergleicht in Eigentlich ist Weihnachten ganz anders: Hoffnungstexte unsere vorweihnachtliche Eile mit dem biblischen Eilen der verschiedenen Akteure rund um Jesu Geburt (Weise, Hirten, Engel und natürlich Josef und Maria auf dem Weg, der Flucht, später dem Rückweg). Und schreibt dann:

Es gibt ein Unterwegs-Sein, damit das Fest so schön wird wie letztes Jahr, damit man allen Erwartungen gerecht wird, damit bloß kein Streit entsteht, damit alle zufrieden sind – oder anders gesagt: damit alles so bleibt, wie es ist.

Und es gibt ein Unterwegs-Sein, weil in mir etwas in Bewegung gekommen ist, weil da etwas Neues geschieht, weil es eine Verheißung gibt, eine Zusage, eine Hoffnung, ein Licht, einen Stern – oder anders gesagt: damit nichts so bleibt, wie es ist. […]

Die spannende Frage scheint zu sein:

Sind wir unterwegs um sitzen zu bleiben oder um neu aufzubrechen?

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Weisheit der Woche: Zwischen Determinismus und Menschlichkeit

Gestern Abend hatte ich das Vergnügen, Peter Jacksons „Hobbit“ im O-Ton zu genießen, mit einem großartigen Martin Freeman, einem überraschend witzigen Gollum und Gandalfs verräterischem, weil für den Film programmatischen Satz „a good story deserves embellishment“. Passend dazu lese ich heute:

Kinder brauchten Märchen, so hieß es bei Bruno Bettelheim; in der Aufklärung steckengebliebene Gesellschaften brauchen Fantasy.

… Hier tobt auch der Kampf zwischen Fundamentalisten und Mystikern, zwischen Determinismus und Menschlichkeit. Und ist ein Hobbit wirklich irrealer als ein Xetra-Dax? Er wurde jedenfalls mit etwas mehr Liebe erfunden.

Georg Seesslen in Der Freitag

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Anbetung als Parodie

In unserem Adventsgottesdienst heute stand die „Thronsaalvision“ aus der Offenbarung des Johannes (Kapitel 4-5) im Zentrum. Passend dazu haben wir etliche Lieder – als und neu – gesungen, die sich der Bilder und Symbole dieses Textes bedienten. Daniel Hufeisen wies dann in seiner Predigt darauf hin, dass neben vielen alttestamentlichen Bezügen vor allem auch die Thronbesteigungszeremonie der römischen Kaiser im Hintergrund dieser Schilderung steht.

Man kann das also so lesen: Da wechselt diese kleine religiöse Minderheit den erhabenen Kaiser in der ewigen Stadt Rom gegen ihren in Schmach und Schmutz gekreuzigten Messias. In den Augen des Systems eine ähnliche Persiflage auf die wahren Machtverhältnisse wie zwei Generationen zuvor der Einzug Jesu am Palmsonntag in Jerusalem auf einem königlichen Reittier, mit Jubelrufen, Palmen und Mänteln auf der Straße und aller messianischen Symbolik, die man ad hoc aufbieten konnte. Sein Gegenstück findet dieser Einzug dann in der Symbolik der Dornenkrone und des Titutlus am Kreuz.

Nicht nur wird mit dieser Schilderung des Johannes der Machtanspruch der Herrschenden ironisiert, es wird auch ein paradoxer Machtanspruch aufgerichtet, der allen sichtbaren Machtverhältnissen spottet.

Und jetzt meine Frage: Wenn das eine Parodie ist, müssten unsere Lieder das nicht irgendwie widerspiegeln? Wird man ihr gerecht, wenn man sie einfach so ungebrochen und aus dem Zusammenhang gerissen vertont und wiederholt, und dabei die antike Symbolik (die uns heute ganz fremd geworden ist) für bare Münze nimmt, ihr also die herrschaftskritische Spitze damit abbricht?

Ich habe immer ein mulmiges Gefühl bei diesen Liedern, in denen sich die königlichen Attribute und Unterwerfungsgesten so massiv häufen. Erstens sind solche Texte im Laufe der Geschichte immer wieder zur Legitimation „christlicher“ Herrschaft (sei es Papst oder Kaiser, ich habe gerade wieder drei Tage Kirchengeschichte des Mittelalters unterrichtet) herangezogen worden, als säße Gott an der Spitze einer Machtpyramide, auf deren mittleren Rängen dann Könige und Adel folgen und der Rest – wir – auf den untersten Etagen, ohne das Recht aufzumucken.

Gott so naiv als orientalischen Potentaten (der römische Kaiserkult kam ja aus dem Osten!) hinzustellen hat zudem auch etwas total Unwirkliches in unserer Welt, die so sehr ihren eigenen Gesetzen zu gehorchen scheint und in der ganz andere Mächte den Ton angeben. Vielleicht kommen wir viel näher hin, wenn wir (analog zur Johannesoffenbarung) den Kult unserer Zeit, seine Machtdemonstrationen und seine Heilsversprechen ironisch brechen und ihr die ganz andere Macht Gottes gegenüberstellen?

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