Doppelte Schrecksekunde

DSC09757Christliche Prophetie ist immer ein spannendes und strittiges Thema gewesen. Diese Woche fand ich eine besonders nette Begebenheit in Barbara Bradley Hagertys Fingerprints of God. Die Journalistin Hagerty beschreibt, wie sie zu einem Treffen mit Nancy, einer modernen christlichen Prophetin, eingeladen wurde. Die hielt zunächst einen längeren Vortrag, bei dem bezeichnenderweise immer wieder das Thema Geld auftauchte. Dann forderte sie alle Anwesenden auf, für einander auf Gott zu hören – in einem so selbstverständlichen Ton, als ginge es darum, einander Kaffee nachzuschenken.

Nancy begann selbst, ausgerechnet mit Hagerty, und begann von einem reichen Mann orientalischer Herkunft, einem Privatflugzeug und vielen Kleinkindern in Afrika zu sprechen. Danach kamen alle anderen aus der Runde dran und zum Schluss sollte Hagerty ihre Nachbarin Sheila über Gottes Willen ins Bild setzen. Die peinliche Stille zog sich in die Länge, die Leere im Kopf wurde größer unter dem Druck, etwas Bedeutsames zu produzieren. Hagerty sagte das erstbeste, was Ihr einfiel: Sie sehe Wasser, ein Schwimmbecken, und einen Sprungturm. Sheila stehe oben und sie solle keine Angst vor dem Sprung haben. Aufatmen – sie hatte die Erwartungen erfüllt.

Sechs Jahre später stieg Hagerty in ein Washingtoner Hotel ab und lief dort einer Frau in die Arme, die sich als Sheila zu erkennen gab. Sheila sprach sie auf ihre „Prophetie“ von damals an und erzählte, sie habe gleich am folgenden Tag ihren Job gekündigt. Hagertys unwillkürliche Sorge, für eine getürkte Prophetie zur Rechenschaft gezogen zu werden, war zum Glück grundlos: Sheila war in ihrem neuen Beruf erfolgreich und mit ihrem Leben zufrieden…

Share

5 Antworten auf „Doppelte Schrecksekunde“

  1. eine getürkte Prophetie unter Druck – nein, so sollte es wirklich nicht sein. Nicht jeder hat die Gabe zur Prophetie, und Gott gibt auch keine Prophetie auf Knopfdruck und Befehl.
    Und dennoch kann es sein, dass Gott diese sehr menschliche Situation mit all ihren Fehlern für Sheila zum Guten benutzt hat!

  2. @Tineli
    Ja, so sehe ich das auch.
    Geld, Status (Flugzeug), Familienstand – das waren nicht die Themen von Prophetien wie ich sie in der Gemeinde erlebte. Die Prophetien die ich mitbekommen habe in der Gemeinde hatten immer Bezug zum dreieinigen Gott, hatten Bezug zu körperlicher und seelischer Heilung, hatten Bezug zu konkreten Gefahren- und Entscheidungssituationen, hatten Gemeindebezug, o.ä..

  3. Na, sowas kann klappen, kann auch in die Hose gehen. Ich finde es schwierig soetwas unhinterfragt zu lassen.
    Was will mir die Autorin sagen? Das es irgendwie schon in Ordnung ist, wenn man sich dem Gruppendruck beugt und so tut als ob?
    Und nur, weil es eine Person nicht in eine Katastrophe gestürzt hat, heißt das ja noch lange nicht, dass es eine Prophetie war und auch nicht, dass jemand anders das auch auf sich bezogen hat und jetzt so richtig im Riss ist.
    Ich denke, ein langmütiger Beichtvater kann da mehr, wenn man geistliche Weisung sucht.

  4. Für mich hat das so viel mit Prophetie zu tun wie das Horoskop in der Bäckerblume. Eine allgemeine Aussage, die man auf ganz verschiedene Situationen anwenden kann, und wenn man das so sehen möchte, ist sie hinterher eingetroffen.

    In diesem konkreten Fall hätte man auch ganz nüchtern übersetzen können: Wenn du eine wichtige Entscheidung zu treffen hast, dann triff sie. Das ist fast immer richtig, aber manchmal braucht es einen Anstoß.

    Rein menschlich-psychologisch im konkreten Fall natürlich interessant und kribbelnd.

  5. Die Autorin interessiert in diesem Fall die psychologische und neurologische Seite, ihr Thema ist Geist und Gehirn. Sie spekuliert gar nicht darüber, wo Gott in dieser Episode zu suchen wäre und wo nicht. Der konkreten „Prophetin“ gegenüber und der Praxis, schnell mal so ein Wort von Gott rauszuhauen, steht sie spürbar reserviert gegenüber. Es ist also nicht zum Nachmachen empfohlen, falls das irrtümlich so rüberkam.

Kommentare sind geschlossen.