Leute, wo bleibt die Freiheit?

Heute nachmittag blätterte ich bei meinen Eltern in einem christlichen Magazin und fand einen Artikel, der sich mit dem deterministischen Menschenbild mancher Neurobiologen befasste. Wir sind nichts als das Produkt unserer ererbten Hirnstruktur. Schlagzeile und entsetzte Schlussfolgerung waren: Dann gibt es keine Sünde mehr!

Ich verstehe diese Art zu denken einfach nicht. Viele unserer Zeitgenossen kämen super klar in einer Welt, in der es keine Sünde mehr gibt (und folglich, das ist der tiefere Grund der nachvollziehbaren Freude, keine Moralapostel, die einem ein schlechtes Gewissen machen). Aber natürlich liegt das Problem an einer anderen Stelle: Es gibt keine Freiheit mehr, wenn wir total programmiert sind. Es gibt keine Persönlichkeit und Individualität mehr, nur zufällige, unveränderliche Verkabelungen. Es gibt keine Hoffnung mehr auf Veränderung (oder nur durch erzwungene Reprogrammierung), es gibt keine Liebe mehr (die ist nur eine nützliche romantische Illusion zur Brutpflege und Arterhaltung) und es gibt keine Verantwortung mehr, keine Gerechtigkeit, keine Wahrheit – weil jeder nur noch die Wahrheit erkennen kann, auf die er programmiert ist.

Und wenn man das alles gesagt hat, kann man meinetwegen auch sagen, dass es keine Sünde mehr gibt. Wer es andersherum versucht, gerät schnell in den Verdacht, dass er diese negative Folie braucht, um andere damit zu tyrannisieren oder die eigenen Ängste und Komplexe daraus zu speisen. Um die Unfreiheit der Sünde in die Bevormundung durch fromme Moral und soziale Kontrolle zu überführen. Und jenseits aller (nur zu berechtigten, wie ich fürchte) Verdachtshermeneutik stellt sich hier die theologische Frage, ob hier eine ganze Glaubensrichtung den Sündenfall der Menschheit zum theologischen Urdatum erklärt hat und nicht die Güte der göttlichen Schöpfung.

Ehrlich – das kann doch niemand ernsthaft wollen?

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Religionen auf einen Blick :-)

gefunden bei Heike:

Stuff happens. What do the world’s religions have to say about this vexing existential problem?

Taoism: Stuff happens. Who gives a stuff?
Hinduism: This stuff has happened before and will happen again.
Buddhism: The stuff that happens doesn’t really.
Zen: What is the sound of stuff happening?
Islam: The stuff that will happen will happen.
Judaism: Lord, why is this stuff happening to me?
Evangelicalism: Jesus, we praise you and just wanna ask why this stuff isn’t happening to someone else?
Catholicism: Stuff happens because you deserve it.
Open Theism: Stuff happens to God too.
Pentecostalism: Tuffs appensh.
Anglo-Catholicism: Verily, verily, stuff happeneth.
Atheism: Stuff happens. Then you die. No more stuff.
Rastafarianism: Let’s smoke the stuff.
Hare Krishna: „Stuff“ happens! „Stuff“ happens! „Stuff“ happens! „Stuff“ happens! . .
Jehovah’s Witnesses: Let us in and we’ll tell you why stuff happens.
Quakers: Quietly praise God for the blessings that stuff brings.
Calvinists: Stuff won’t happen to you if you work hard enough.
Christian Scientists: Agree that there is no stuff.
Televangelists: Stuff won’t happen to you if you send in your love offering.

for us Mennonites:
No matter what stuff happens, we will not resist, even if it kills us. Peace onto stuff.

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Demontiert

Die längst erwartete Zeitenwende in Bayern: Die CSU hat die absolute Mehrheit mit großem Abstand verfehlt. Vielleicht ist ihr ausgerechnet der beispiellose Erfolg der letzten Landtagswahl mit zwei Dritteln der Mandate dabei zum Verhängnis geworden. Selbst ein treuer Anhänger der Christsozialen sagte heute morgen zu mir, die absolute Mehrheit tue Bayern nicht gut. Jetzt wird analysiert und diskutiert werden. Ich empfehle fürs erste diesen Kommentar der SZ.

Im kleineren Nachbarland haben heute die Rechten gut 30% der Wähler für sich gewonnen. Gar keine gute Nachricht…

Sich selbst demontiert inzwischen auch Sarah Palin in einem CBS-Interview, hoffentlich noch rechtzeitig vor der Wahl in den USA.

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Liturgie – was predigt eigentlich unser Gottesdienst?

Im charismatischen Lager ist „Liturgie“ lange ein böses Wort gewesen. Die Implikation war, dass hier der Geist in Formeln gepresst wird und Erstarrung und Unmündigkeit die Folgen sind. Inzwischen ist klar, dass man auch im charismatisch-freien Stil gepflegt erstarren und unmündig werden kann. Wie konnte es dazu kommen, bei all den guten Vorsätzen und hohen Erwartungen?

Das spätcharismatische Gottesdienstmodell (Lobpreis – Predigt – ggf. Segnung) predigt, wie auch die evangelikale Spiritualität aus Gebet und Bibellese, zwei Dinge: Es ist normal, Gott zu loben und es ist normal, in irgendeiner vermittelten Form auf ihn zu hören, sei es durch eine(n) Prediger(in) oder prophetische Beiträge. Textlich und musikalisch konnte dies auf recht unterschiedlichen Niveau stattfinden. Nicht normal dagegen sind Elemente wie Klage, Fürbitte, Schweigen. In Hauskreisen wird dieser Zweischritt noch um den persönlichen Austausch erweitert und das Gebet für einander. Nicht „normal“ im Sinne einer selbstverständlichen regelmäßigen Praxis bleibt auch hier das aktive Zugehen auf andere Menschen, um ihnen Gottes Liebe in Wort und Tat näherzubringen. Das ist die Kür. Und sie findet deshalb nicht statt, weil wir uns nicht dazu verabreden, sondern es jedem einzelnen überlassen. Und dann komme ich vor lauter Stress eben nicht mehr dazu, weil ich nicht zu den drei Prozent Naturtalenten gehören, die gar nicht anders können. Ich fühle mich verständlicherweise unsicher und ungeübt.

Es gab etliche Ansätze für „Lobpreistheorien“, die populärste davon folgte der Analogie des jüdischen Tempels: Vorhof, Heiligtum, Allerheiligstes. Sprich: Man holt die Leute mit ein paar flotten, fröhlichen Liedern ab und geleitet sie dann in eine zunehmend intime Begegnung mit Gott. Das wurde oft mit dem Begriff „Anbetung“ (langes „e“ und Betonung auf der zweiten Silbe) beschrieben. In der liturgischen Umsetzung hatten hier Liebeslieder mit einfachen Text ihren Ort, der sich mit geschlossenen Augen und vielen Wiederholungen singen lässt.

So weit, so gut. Die Probleme dieses Ansatzes sind: Wenn man erstens das Ziel der außergewöhnlichen Intimität „verfehlt“, entsteht eine gewisse Frustration. Zweitens befindet man sich nach dem emotional-spirituellen Gipfelerlebnis, wenn es denn eintritt, im weiteren Verlauf eines Gottesdienstes schon wieder auf dem Abstieg. Es sei denn, ein Prediger schafft es, mit wesentlich beschränkteren Mitteln als die Lobpreis-Crew, noch einmal geistliche Gänsehaut zu erzeugen. Nun bin ich durchaus zu haben für den Gedanken, Gottes Gegenwart zweckfrei zu genießen. Ich bestreite aber, dass dies der einzige „Zweck“ (da ist er schon wieder…) eines Gottesdienstes ist. Ich denke, es ist nicht einmal der Hauptzweck, bestimmte Erlebnisse zu vermitteln. Vielmehr geht es darum, dass wir uns an Gottes große Taten erinnern und einander auf dem alltäglichen Weg der Nachfolge bestärken: Wir nehmen die große Geschichte in den Blick, finden unseren Platz in ihr und bekräftigen das.

Dazu wäre es immens hilfreich, wenn unsere Gottesdienste regelmäßig – statt dem Weg ins „Allerheiligste“ – den gesamten Bogen der Heilsgeschichte (und damit – das ist der Punkt – der missio dei ) abschreiten würde, dessen Horizont die Erneuerung der Welt ist, nicht nur die Rettung und Heil(ig)ung einzelner. Der Akzent darf dabei durchaus wandern (das wäre der Sinn des Kirchenjahres), und die Methoden dürfen vielfältig sein. Verschiedene Leute werden an verschiedenen Stellen tiefer berührt werden und an anderen weniger. Nur ist das Liedgut aus dem Lobpreis-Repertoire dafür bestenfalls bedingt geeignet, wie wir an Weihnachten und Ostern immer wieder feststellen, wenn uns die Songs ausgehen oder über stereotype Formeln nicht hinauskommen. Aber es gibt hoffnungsvolle Ansätze, das zu ändern.

Es geht nicht um einen Gott der statischen Gegenwart (das suggeriert der Tempel – so richtig es auch ist, dass wir Gott immer nur in unserer Gegenwart begegnen können), sondern um Gott, der sich aufgemacht hat und der in jedem Moment unserer Gegenwart kommt, um uns und diese Welt auf seine Zukunft vorzubereiten. Insofern ist jeder Gottesdienst ein Stück Advent – unabhängig davon, ob wir das nun akut gespürt haben oder nicht. Wir müssen uns von der Überforderung befreien, zu viel erleben und empfinden zu müssen. Sie ist der Tod der meisten geistlichen Übungen. Die leben davon, dass wir bestimmte Dinge in festen Rhythmen tun und nicht ständig fragen, was es nun gebracht hat (und sie gegebenenfalls dann bleiben lassen). Das wäre dann wirklich zweckfrei, weil es uns von der Fixierung auf unsere eigenen Erwartungen und Bedürfnisse, unseren persönlichen Zwecken, befreit.

Wie also könnte ein Gottesdienst ablaufen, der den Bogen der missio dei aufspannt und uns in Gottes Zweck und Absichten einbettet und die deutlich macht, dass der entscheidende Gottesdienst sich im Alltag abspielt?

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Öfen und Ohrwaschl

Über die Eisenstraße hin und das „Ohrwaschl“ zurück bin ich heute mittag seit langem mal wieder eine große Runde gelaufen. Meine Polaruhr fand, ich hätte 1.500 Kalorien dabei verfeuert, und mir war tatsächlich recht warm. Die Herbstsonne hat Licht und Schatten auf den Waldboden gezaubert. Im Bauch einige Dinge, die ich noch nicht richtig verdaut und somit auch noch nicht gründlich durchdacht hatte. Da hat Laufen immer etwas Meditatives, Klärendes. Für manche Dinge braucht man allerdings ein paar Kilometer.

Mein Innenleben ist wie ein Backofen: Manche Dinge gehen darin erst richtig auf, anderes brodelt und brutzelt vor sich hin, Flüssiges wird allmählich fest, manches wird darin erst genießbar und anderes verkohlt oder brennt an. Das alles geht an dem Ofen nicht spurlos vorüber. Wäre nett, wenn er selbstreinigend wäre…

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Mission ja – nur welche?

Die SZ hat sich aus gegebenem Anlass mit Sarah Palin beschäftigt und skizziert, wie sich bei ihr Glaube und Politik verbinden. Die Mischung aus Patriotismus, Kreationismus und anderen Zutaten ist sicher nicht jedermanns Fall, aber die Videoclips von einem Auftritt vor Theologiestudenten in ihrer Pfingstgemeinde in Wasilla sind in jedem Fall interessant.

Zum Hintergrund von Palins Nominierung stellt die Welt Vermutungen an, in denen James Dobson eine wichtige Rolle spielt. Spiegel Online findet dagegen nach Palins Parteitagsrede auch sympathische Züge

… für einen neokonservativen Falken ist sie nicht kriegslüstern und nicht verschlagen genug. Ihr Konservatismus mag antiquiert wirken, aber nicht aggressiv und arrogant.

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Theologisch Poker

Es gibt eine witzige Kurzgeschichte mit dem Titel „Jüdisch Poker“ von Ephraim Kishon. Jüdisch Poker, sagt sein Freund Jossele, funktioniert so: Beide Spieler denken sich eine beliebige Zahl, und wer die höhere hat, gewinnt. Die ersten paar Runden lässt Jossele sich immer mal besiegen, aber als es dann um richtig viel Geld geht, kommt er plötzlich mit „Ultimo“ heraus und sackt das Geld ein. Allerdings hat Jossele nicht damit gerechnet, von seinem schlagfertigen Widersacher in der nächsten, entscheidenden Runde mit dem Ruf „Ben Gurion!“ übertölpelt zu werden.

jeweiligen Namen hat Kishon in den verschiedenen Auflagen immer wieder geändert – zuletzt war es „Pavarotti!“. Das Muster gibt es aber auch in theologischen Diskussionen: Es gewinnt der, der als erster dreist die höchste denkbare Autorität für sich reklamiert. „Wer zuerst Luther sagt, hat gewonnen“, meint ein befreundeter Pfarrer schon vor Jahren. Das gilt natürlich nur da, wo Luther die höchste Autorität ist (und wird dadurch erschwert, dass Luther so viel geschrieben hat!).

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Sinnlich Geben

Gestern morgen las ich bei Brian McLaren etwas über Geben (bzw. Spenden) als geistliche Übung. Ich erinnerte mich daran, wie mir vor ein paar Jahren ein junger Mann nach dem Gottesdienst ein ganzes Bündel Banknoten in die Hand drückte. Ich war etwas überrumpelt, bedankte mich und fragte, warum er das Geld nicht einfach auf das Gemeindekonto überwiesen hatte. Er sagte, ihm war es wichtig, das Geld tatsächlich in die Hand zu nehmen und es wegzugeben.

Vielleicht haben wir uns viel zu sehr daran gewöhnt, dass unser „Geben“ automatisiert ist. Wer trägt heute noch größere Beträge in bar herum? Also richten wir Daueraufträge ein oder erteilen (momentan etwas verunsichert) Einzugsgsermächtigungen. Und dann bekommen wir im nächsten Jahr einen Serienbrief mit der Spendenbescheinigung fürs Finanzamt.

Geben als ein fröhliches und sinnliches Erlebnis verschwindet damit aus den Gemeinden. Wir erleben es vielleicht noch bei persönlichen Geschenken, aber eben nicht im Kontext von Gemeinde oder Reich Gottes. Ob das noch ausreicht, um eine Kultur der Großzügigkeit zu schaffen und im Sinne des Paulus zu jenen fröhlichen Gebern zu werden, die Gott liebt?

Hier also meine Frage: Lässt sich eine liturgische Inszenierung finden, die nicht peinlich ist, nicht missbraucht werden kann zur Selbstdarstellung, wo Kinder beispielsweise ihren Eltern zusehen können und nicht jeder mit sich allein bleibt?

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MarinKäfer

Fast wären wir vorgestern spontan noch hingegangen zur Deutschland-Belgien. Den größten Lichtblick dieses eher mühsamen Testspiels kommentiert die SZ heute so:

Marin vs. van Buyten, das war ein Duell wie Mini gegen Zwanzigtonner: Der Zwanzigtonner hat mehr PS und mehr Hubraum, aber zum Wenden braucht er den Stadionparkplatz. Dem Mini-Marin reicht zum Wenden eine Telefonzelle. Und viel größer ist der Raum meistens nicht, in dem sich heutzutage Fußballspiele entscheiden.

Ein Hauch von Spanien – das schauen wir gern auch öfter an…

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Unglückliche Unterscheidung

Der verräterische Sprachgebrauch natürlich/übernatürlich hat mich schon immer gestört. Eben wurde ich wieder daran erinnert. Ein Grund ist, dass das „Natürliche“, sprich: die Schöpfung, dabei banalisiert wird. Das ist oft weder beabsichtigt noch konsequent durchgezogen. Aber die Schöpfung an sich ist doch das größte Wunder.

Alle anderen Wunder gehören nach biblischen Kategorien zur Neuschöpfung der Welt, sie sind ihre vorlaufenden Zeichen, in denen sie vorweg genommen wird. Die unglückliche Unterscheidung Natur/Übernatur trennt hier also, was zusammen gehört. Und sie ist einem völlig unbiblischen deterministischen Weltbild verpflichtet, das in der Wissenschaft längst ausgedient hat.

Also – reden wir doch einfach von „Wundern“, wo immer wir Gottes Herrlichkeit wahrnehmen und ins Staunen kommen; weil wir wissen, es ist die natürlichste Sache überhaupt, dass Gott in seiner (!) Welt wirkt. Und lassen den alten Dualismus weg.

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