Die unmögliche Nichterkenntnis

Frank hat zu meinem Adventspost eine spannende Frage gestellt, und ich dachte, die Antwort ist einen neuen Post wert. Hier also noch einmal die Frage:

Ist es aus christlicher Sicht denkbar, dass Gott (so es ihn gibt) dem Atheisten (dessen Vorstellung/Wunsch vom „Jenseits“ ja die Nichtexistenz ist), ebendieses erfahren lässt? Also: „Wenn jemand mich bewußt nicht erkennen will oder den Gedanken an meine Existenz ablehnt, dann erweise ich ihm trotzdem aus Liebe den Gefallen des Nichtweiterexistierens nach dem Tode.“

Die kurze Antwort darauf habe ich schon in den Kommentaren gegeben: es ist natürlich denkbar. Wobei es in meinem Text gar nicht um das Leben nach dem Tod/im „Jenseits“ ging, sondern um das Kommen Christi in diese Welt und deren Heilung und Verwandlung. Doch selbst dann stellt sich die Frage, ob man in dieser neuen Welt zuhause sein möchte oder nicht. Und wie Gott wohl reagieren würde, wenn jemand das nicht will. Ich finde, alles deutet eher in die Richtung, dass er niemanden dazu zwingen würde – Liebe drängt sich nicht auf. Am Ende, hat C.S. Lewis einmal recht lapidar gesagt, gibt es nur zwei Arten von Menschen: Solche, die zu Gott sagen: „Dein Wille geschehe“ und solche, zu denen Gott sagt: „Dein Wille geschehe.“ Das ist also die eine Seite.

Was mich aber fasziniert hat, war das Bild, das beim Nachdenken über diese Frage vor meinem inneren Auge entstand – womit ich nicht behaupten will, dass Frank das so gemeint hat –, die andere Seite dieser Frage also: Von einem Menschen, der nicht nur für den Augenblick sagt, dass er keine Anhaltspunkte für Gottes Existenz sieht (das ist ja auch oft schwer genug), sondern der diese Möglichkeit so kategorisch ablehnt, dass er – für den Fall, dass sie zur Realität wird – lieber die alte Illusion bestätigt bekommen möchte. Aber wäre es nicht tausendmal interessanter, einmal kurz über die eigene Täuschung den Kopf zu schütteln und dann staunend Gott Auge in Auge gegenüberzustehen? Gut, Gott kann einen schon erschrecken, davon weiß die Bibel einiges zu berichten. Aber dabei bleiben die biblischen und anderen Berichte ja nicht stehen. Müssten nicht alle, auch die großartigsten und bewegendsten Erfahrungen, die wir bisher gemacht haben, wie ein müder Abklatsch dieser Begegnung erscheinen? Anders gefragt: Kann man so wenig neugierig sein und das größte Geheimnis überhaupt ausblenden wollen?

Meine zweite Überlegung betrifft die Haltung der Welt gegenüber: Wenn sich herausstellen sollte, dass diese Welt tatsächlich Gottes Schöpfung ist und dass Gott sein unvollendetes Werk nun zur vollen Blüte und Entfaltung bringt, kann man sich in diesem Moment von ihr abwenden? Müsste nicht gerade eine humanistische Grundhaltung dazu führen, dass man alles daran setzt, zum ersten Mal in einem intakten Ökosystem leben zu können, Teil eines rundum angstfrei funktionierenden Gemeinwesens zu sein, geliebte Menschen frei von Gebrechen und Behinderungen zu sehen? Ist es vorstellbar, dass jemand lebens-müde auf der Ziellinie seines Langstreckenlaufs kehrt macht, sich verabschiedet und einsam im Nichts versinkt, und das alles nur, weil er Gott als den Ursprung alles Guten dieser Welt nicht erträgt (und wenn ja, was bedeutet das eigentlich für das gegenwärtige Verhältnis zu Mitmenschen und Schöpfung, wenn man es konsequent zu Ende denkt)?

Drittens: Was bedeutet das im Blick das eigene Selbst? Natürlich hält jeder seinen gegenwärtigen Standpunkt für gut begründet, er ist ja die Quintessenz der gesammelten Lebenserfahrungen. Aber Menschen ändern sich, wir sind lernfähig. Und große Ereignisse haben schon viele dazu gebracht, sich zu korrigieren. Solche Korrekturen störrisch abzulehnen muss also kein Zeichen heroischer Konsequenz sein. Fehlbarkeit gehört eben zum Menschsein, deshalb regen sich ja manche über den Papst auf (der sich im Übrigen auch in den allermeisten Fällen für fehlbar hält), es erinnert eher an Margot Honecker. Wenn wir unsere erstaunliche Fähigkeit zum Selbstbetrug noch dazurechnen, wird das Bild noch etwas beunruhigender. Es kann ja ungemein befreiend sein, Illusionen aufzugeben, wenngleich es immer auch beschwerlich und schmerzhaft ist. Aber soll Gott am Ende (wann und in welcher Form auch immer es kommt) unsere Lebenslügen unangetastet lassen und einfach auf die Löschtaste drücken? Wäre damit dann nicht alles, auch das Gute und Richtige, das in jedem Menschenleben auch vorkommt, ad absurdum geführt? Und – um wieder in die Gegenwart zurückzukehren – macht man sich mit diesem Wunsch nicht schon in dem Sinne selbst zum Gott, dass man davon ausgeht, dass die Wirklichkeit um uns herum sich nach unseren Vorlieben und Vorstellungen richtet, dem Diktat unseres Dogmas beugt?

Zuletzt: Gott bewusst nicht erkennen zu wollen scheint mir logisch gesehen ein Ding der Unmöglichkeit. Genau genommen bedeutet das, ihn eben schon erkannt zu haben und nachträglich die Augen davor zu verschließen. Oder zumindest verrät die Formulierung doch so viel: Ich weiß genau, wo ich hinschauen müsste – aber ich tu’s nicht, weil ich schon ahne, was ich dann sehe. Nur – wenn ich um jeden Preis vermeiden will, Gottes ansichtig zu werden, dann werde ich auch viele andere Dinge im Leben womöglich nie sehen, weil sie ihm so nahe sind, dass sie schon etwas von seinem Licht widerspiegeln oder dass sein Schatten auf sie fällt. Ängste und Aversionen können uns blenden, aber in den seltensten Fällen unseres Alltags ist das eine gute Sache. Warum sollte es in den großen Fragen von Leben und Tod anders sein?

So gesehen haben Atheisten ja eigentlich einen Vorteil: Wenn sie sich in ihrer Weltanschauung getäuscht haben, können sie es noch herausfinden. Wenn Christen sich täuschen, wenn die Welt sich nicht ändert und mit dem physischen Tod alles aus ist, werden sie es nie erfahren. Will man aber partout bis zuletzt Recht behalten, müsste man als Atheist die Fronten wechseln.

Bis jetzt dachte ich, Atheisten sind in der Regel der Meinung, dass Christen sich Illusionen über die Welt machen, weil diese schöner und tröstlicher sind als die schnöde Wirklichkeit. Jetzt aber frage ich mich, ob es nicht einen Atheismus gibt, der die Vorstellung einer gott-losen Welt so schön und attraktiv findet, dass er sie unbedingt glauben will

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Wer ist hier benebelt?

In den letzten Monaten fand ich beim evangelikalen Medienmagazin Pro den einen oder anderen lesenswerten Kommentar und dachte schon, ob die Redaktion ihre stramm konservative Linie nun aufgibt? Doch mit diesem Versuch, den Verteidigungsminister gegen angebliche Medienhetze in Schutz zu nehmen, rückte sich das Bild wieder zurecht: Alles bleibt, wie es immer war.

Zur Erinnerung: zu Guttenberg war in der Öffentlichkeit fast (und das war das Neue) unisono für seinen Afghanistan-Trip kritisiert worden, auf dem ihn seine Frau und Johannes B. Kerner begleiteten. Letzterer ist (abgesehen von dem Mini-Eklat um Eva Herman in seiner Sendung) ja nicht gerade als kritischer Fragensteller bekannt, sondern als jemand, der seinen Plaudergästen weit entgegenkommt, Und Kerner ist kein politischer Journalist, sondern er macht Unterhaltung im Privatfernsehen. Dass so etwas in Amerika üblich ist, preist „Pro“ nun als Fortschritt an: Der Krieg sei dort als Normalität akzeptiert, man gehe pragmatisch damit um.

Wir hingegen, behauptet „Pro“, haben ein gespaltenes Verhältnis zum Krieg in Afghanistan, davon zeugen die angeblich „benebelten Reaktionen“ der Presse. Vor allem sei man gleichgültig gegenüber dem Schicksal der Soldaten, und es sei Guttenbergs Verdienst, diese Gleichgültigkeit überwunden zu haben.

Da frage ich mich, in welchem Land der Kommentator Moritz Brecker eigentlich lebt. Von „Gleichgültigkeit“ kann keine Rede sein. Natürlich gibt es eine gewisse Zurückhaltung, vielleicht auch Sprachlosigkeit, aber die rührt doch daher, dass wir feststellen, aus purer Gefälligkeit gegenüber den Amerikanern vor neun Jahren mit in ein Land einmarschiert zu sein, das sich keineswegs so leicht „befrieden“ lässt, wie man damals dachte. Und jetzt, so scheint es vielen, sitzen wir mit auf dem Pulverfass und können weder vor noch zurück. Eine stabile Regierung in Kabul ist nicht in Sicht. Ein Abzug unverrichteter Dinge wäre ebenfalls eine Katastrophe. Was bitteschön sollen wir da noch sagen? Die Familien der toten Soldaten haben sicher Anteilnahme verdient, und die Truppen vor Ort unseren Respekt, aber wer kann denn heute noch den Sinn solcher Opfer stimmig erklären? Völlig Zu Recht schreibt die Zeit dazu:

Aber erklärt werden soll nichts, sondern beworben mit der üblichen Masche, die Kerners und auch Guttenbergs Markenzeichen ist, nämlich kübelweise Emotion, Herz und Betroffenheit. Zweifellos sind die Erzählungen der Soldaten furchterregend. Anstatt zu fragen, warum so etwas überhaupt erlitten werden muss, wendet Kerner das Leid der Truppen in einen Appell an die Bevölkerung, falls diese nicht schon vor dem Fernseher eingeschlafen ist.

Vielleicht wäre mehr Schweigen angesichts der nagenden Zweifel und bitteren Ratlosigkeit derzeit tatsächlich angemessener. Und vielleicht sollte Guttenberg (und in seinem ergebenen Gefolge auch „Pro“ als eifriger Verteidigungsministerverteidiger) das schon mal einüben.

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Afrika: Schwarzseher irren

Da habe ich eben noch geschrieben, dass wir zu oft ökonomische Maßstäbe anlegen, und just erscheint ein Bericht der Zeit, dass gerade ausgerechnet Ökonomen beweisen, dass es mit Afrika spürbar bergauf geht und extreme Armut dort möglicherweise weitgehend überwunden werden kann – vielleicht muss man also fragen: Was ist schlimmer, als alles ökonomisch zu bewerten? Und die Antwort lautet: Es ökonomisch falsch zu bewerten.

Zurück nach Afrika und zum Nutzen richtiger Bewertungen: Die Misere dieses Kontinents ist lange als unabänderlich beklagt worden, Lichtblicke schien es wenige zu geben. Dabei zeigen die Wirtschaftsdaten nach den Analysen der Ökonomen Maxim Pinkovskiy vom Massachusetts Institute of Technology und Xavier Sala-i-Martin von der Columbia University in New York, dass die Entwicklung seit Jahren zum Guten hin verläuft und keineswegs alles so bleiben muss, wie es aufgrund der bösen oder tragischen Vorgeschichte bisher war. Denn die Zahl der Armen nimmt ab, inzwischen sogar recht zügig, und das lässt hoffen:

Die Zahl der Menschen, die in extremer absoluter Armut leben müssen, sank von 41,6 Prozent im Jahr 1990 auf 31,8 Prozent im Jahr 2006. Sie sank sehr viel schneller in Ländern, die mit besonders hohen Armutsraten begonnen haben, also passen sich die Armutsraten an. »Sogar die elendsten Teile des ärmsten Kontinents können auf einen nachhaltigen Pfad gelangen und innerhalb eines Jahrzehnts die Armut ausrotten«, folgern Pinkovskiy und Sala-i-Martin.

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Worship Bingo

Die Sprache der Anbetung ist ja die Sprache der Liebe und der Poesie – Logik ist da erst mal zweitrangig. Heute morgen etwa sangen wir den Satz „Du bist mein Stecken und mein Stab“, in einer Adaption von Psalm 23. Trotzdem: Gott als mein Stecken… ?

Aber auch die Poesie wäre ausbaufähig. Frische Worte und schöpferische sprachliche Bilder täten vielen Liedern gut. Sonst kommt es irgendwann noch so weit, dass unsere Gemeindeglieder anfangen, Worship Bingo zu spielen. Die Regeln sind die gleichen wie hier, nur die Begriffe sind andere, und wer seinen Zettel als erste(r) voll hat, ruft natürlich „Halleluja“.

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Beten und büßen – wer und wofür eigentlich?

Morgen ist wieder Buß- und Bettag. Er zeigt, wie wenig anderes, die Absurditäten bayerischer Politik und das Dilemma unserer (noch-)Regierungspartei: Die Eltern gehen arbeiten, die Kinder haben schulfrei. Freilich zu einer Jahreszeit, wo man sich nicht ins Freibad oder in den Garten legen kann. Ein Feiertag, aber kein freier Tag.

Vor einigen Jahren gab die CSU dem Druck der Arbeitgeber nach und strich den Feiertag, um die Wirtschaft zu entlasten. Es gibt im Freistaat ja etliche kirchliche Feiertage, dran glauben musste allerdings ein evangelischer, weil man lieber Protestchen aus der Meiserstraße entgegennimmt als Donner aus Rom. So wurde der protestantische Feiertag zwischen den Mühlen des Kapitals und des Vatikans zermahlen. Sei’s drum – man kann trefflich drüber streiten ob Büßen und Beten wirklich noch evangelische Tugenden sind.

Aber ein paar Evangelische gibt es doch noch in der Partei, und kurz darauf ruderte man halbherzig zurück, man „besserte nach“ – wie beim G8 auf deutlich wütenderere Proteste hin, wie beim Rauchverbot, das die Bürger schließlich der verzweifelt um Popularität bemühten Mehrheitsfraktion aus der Hand nahmen und selber regelten. Vielleicht sollten wir das mit den Feiertagen ja auch machen. Viele Kirchengemeinden springen nun ein und machen Bibeltage, sicher immer gut gemeint und oft gut gemacht, aber der Makel des Lückenbüßertums lässt sich nicht abweisen.

Unsere halbherzigen, kurzatmigen und opportunistischen Volksvertreter, die uns diese ungenießbare Suppe eingebrockt haben und statt gute Lösungen faule Kompromisse in Kauf nehmen, bringen so sich nicht nur sich selbst, sondern die Politik an sich und den Staat insgesamt in Misskredit, und damit versündigen sie sich an den Fundamenten der Demokratie. Der Buß- und Bettag in seiner heutigen Form ist ein Symbol für all diese Absurditäten.

Morgen büßt also die evangelische Kirche nicht ganz freiwillig dafür, dass sie in den Augen der CSU-Führung zu harmlos ist – und daran ist sie zum Teil ja tatsächlich selbst schuld, weil „evangelisch“ vielerorts nicht mehr zu unterscheiden war von „bürgerlich“ und man evangelische Freiheit nicht als Freiheit zum Engagement, sondern als Freiheit von allen Verpflichtungen außer der Kirchensteuer begriffen hatte. Heute klagt man über die Folgen dieser Individualisierung und entdeckt – zaghaft noch – dass geistliche Übungen nichts „katholisches“ im negativen Sinne sind.

Was aber, wenn wir Evangelischen unsere bequeme Bürgerlichkeit an diesem Tag aufgäben, einen Tag Urlaub nehmen und mit ein paar hunderttausend Leuten nach München fahren würden, um die CSU „büßen zu lassen“ – besser noch: zu einer echten Umkehr zu bewegen? Themen gäbe es genug: Die halbherzige Sozialpolitik mit ihren knauserigen Hartz IV-Sätzen; die elitäre Bildungspolitik zu Lasten schwacher Schüler, ihrer Eltern und Lehrer, und der Studenten an überfüllten und schlecht ausgestatteten Hochschulen; die kurzsichtige Energiepolitik zugunsten der Atomlobby und Energieriesen; die Peinlichkeiten der Integrationspolitik, die man erst verweigerte und nun die Folgen dieser Verweigerung denen anzukreiden versucht, die schon seit Jahren eben davor gewarnt haben.

Solche Sünden öffentlich beim Namen zu nennen, deutlich und trotzdem nicht von oben herab, das wäre für ein „evangelisches Profil“ besser als irgendwelche Lutherromantik. Der arme Günter Beckstein muss sich zwar leider entscheiden, auf welcher Seite er an diesem Tag steht. Aber ich bin ziemlich sicher, dass bei so einer Aktion auch ein paar Katholiken mit von der Partie wären, womöglich sogar der eine oder andere Atheist.

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Nicht von dieser Welt?

Ab und zu begegnen mir Menschen, die im Blick auf Gott alles ganz genau wissen. Wie er über dieses und jenes denkt, wann wie er im einzelnen die Welt gemacht hat, wen er mag und wer bei ihm nichts zu lachen hat, und so weiter. Gott scheint für sie ein weitgehend gelüftetes Geheimnis zu sein. Als wäre er ein großes Zahnrad im Inneren dieser Welt, das dafür sorgt, dass alles in den Bahnen berechenbarer Ordnung verläuft.

Die Bibel dagegen ist das große Geheimnis. Auf mysteriöse Weise ist sie vom Himmel direkt in die Feder ihrer Autoren geflossen und obwohl sich manches widersprüchlich liest und geschichtlich nach unseren heutigen Maßstäben nicht immer zu hundert Prozent plausibel klingt, obwohl hier und da manche befremdliche Moralvorstellungen aufblitzen, ist sie kein Gegenstand dieser Welt, sondern man muss ihr mit unbedingter Unterwerfung begegnen und darf keine kritischen Fragen stellen.

Das nämlich wäre sündiger Relativismus und dann bekäme man es mit Gott zu tun. Schließlich ist es sein Job, die Autorität der Bibel zu schützen. Noch Fragen?

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Feigenhasser

Über einen Post von Michael Frost auf Facebook fiel mir das folgende Dokument in die Hände. Jetzt wissen wir, warum es vielen Menschen auf dieser Welt so schlecht geht! Ich kann nur sagen: Wer Ohren hat zu hören, der höre…

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Der Tag der Wahrheit

Der erste Kongresstag begann mit extremen Wechselbädern, aber das ist eben auch „Lausanne“. Nach Carver Yu, der sich an einer Grundsatzkritik am Pluralismus (im Sinne eines radikalen Relativismus) versuchte, die etwas grob ausfiel, schlug Michael Herbst deutlich bescheidenere und differenziertere Töne an. Sein Paper steht schon im Netz. Er beschrieb die ostdeutsche Situation und die Notwendigkeit, dass Christen als Minderheit demütig, aber zuversichtlich von Jesus reden lernen.

Unsere Gruppe hatte sich gerade angeregt darüber unterhalten, dann holte Os Guinness zum Paukenschlag aus. Christen dürften nicht ablassen von Anspruch, eine absolute Wahrheit zu vertreten. Wo dieser Anspruch zurückgenommen oder relativiert werde, sei alles verloren. Seine sechs Gründe jedoch waren eher sechs Behauptungen, und auf dem Fuß folgten verbale Ausfälle gegen Christen, die das anders sehen. So aggressiv war noch niemand aufgetreten, und es war angemessen, dass es keine Diskussion mehr gab an den Tischen, denn die „friß oder stirb“-Logik einer monolithisch-propositionalen Wahrheit (die Herbst so schön vermieden hatte) ließ dafür keinen Raum mehr. Leider war eher ein Beleg dafür, dass die Leute, die apologetisch alles an die Wahrheitsfrage hängen und das so steil vertreten, tatsächlich ein gehöriges Aggressionspotenzial darstellen. Schade!

Beruhigend war dafür die Multiplex-Einheit zum Thema Pluralismus. Dort gab es differenziertere stimmen wie die von Robert Calver, die auch auf der Website zum Kongress zu finden ist.

An diesem Tag haben bisher nur Männer gesprochen, die meisten Europäer. Das beste Statement zum Pluralismus waren aber gar nicht deren theoretische Ausführungen, sondern der Beitrag eines Libanesen, der von der Lage der Christen unter 350 Millionen muslimischen Arabern sprach und sagte, ob man diese als Freunde oder Feinde betrachte, lieben müsse man sie allemal. Das hätte Michael Herbst über die Atheisten in Ostdeutschland auch sagen können. Gar nicht richtig angesprochen wurde die Tatsache, dass Säkularisierung immer auch dem Schutz religiöser Minderheiten diente und dass Christen denselben Vorgang der Pluralisierung in islamischen Ländern durchaus begrüßen würden. Insgesamt fand ich das Ganze unbefriedigend.

Ich traf eine südafrikanische Professorin und wir fragten uns beide, warum Desmond Tutu eigentlich nicht da war, wenn der Kongress schien Versöhnung zum Thema hat. Hat man ihn nicht eingeladen, oder konnte er nicht kommen? Bislang ist Afrika eher Kulisse als eine hörbare Stimme, aber vielleicht wird das ja noch anders.

Ich gehe mit sehr gemischten Gefühlen in den Abend. Wie es weitergeht, kann ich Dan im nächsten post erzählen. Das Netz im Kongresszentrum ist notorisch überlastet, ich werde also nicht auf jeden Kommentar antworten und nicht auf alle Mails, so lange ich hier bin. es ist auch wenig Zeit, die Pausen sind kurz und man trifft ständig interessante Leute, gestern Michael Frost, heute Andrew Jones und natürlich die alten und neuen Bekannten aus der deutschen Delegation. Schon, aber auch schwer, das alles zu verarbeiten. Ich hoffe, dass das Stimmungsbild trotzdem interessant ist, und vielleicht hört ja der eine oder die andere mal eine Aufzeichnung an. Es muss ja nicht Guinness sein…

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Wenn der Förster wildern geht

Die Zeitungen haben es während der Sarrazin-Debatte der letzten Wochen ja regelrecht herbeigeschrieben, was Horst Seehofer nun, wenige Tage nach der – inzwischen muss man ja sagen: umstrittenen – Wulff-Rede verkündet hat: Er wünscht keine Zuwanderung aus islamischen Ländern. Ständig wurden Statistiken präsentiert, welches Wählerpotenzial eine Partei rechts der Union angeblich hat. Und dass Angela Merkel vielleicht zu weit in die Mitte gerückt sei.

Da war doch klar, dass jemand diese Schäfchen wieder einsammeln muss, wenn (was ja alle Kommentatoren befürchteten) hier kein deutscher Wilders Karriere machen soll. Also krempelt Seehofer (der eben noch eine sicher nicht stammtischtaugliche Frauenquote für die CSU durchgeboxt hatte) die Ärmel hoch und wildert selbst im dichten Gestrüpp der Sarrazin-Leser und Sympathisanten, um sie wieder bei Mutter CSU zu beheimaten.

Schön ist das nicht, ganz ehrlich ist es vielleicht auch nicht einmal, und ob es wirkt, wird man sehen müssen. So wie jetzt gleich wieder alle pflichtbewusst aufschreien (und dafür sorgen, dass auch der letzte verschreckte Kleinbürger davon erfährt), muss man sich fast fragen, ob das nicht ein abgekartetes Spiel ist: Der populistische Theaterdonner, der kalkulierte mediale Widerhall, ein bisschen Volksheld spielen (der ist in Bayern mangels Küste nicht Pirat, sondern Wilderer), und dann in ein paar Wochen entweder andere zur Versöhnung vorschicken oder alles im Sand verlaufen zu lassen, wenn die Diskussion abebbt.

Wie das geht, sehen wir ja regelmäßig, wenn es um die EU geht. Laut schimpfen und dann doch brav mitmachen. Das geht eben nur in Bayern – hier wildert der Förster selbst. Wir bauchen keinen Geißler, wir haben den Protest gegen die eigene Politik schon in der Person des Landesvaters integriert. Da sollte sich Herr Mappus mal eine Scheibe von abschneiden…

Und weil wir alle keine Rechtspartei wollen, spielen wir mit: Bitte etwas öffentliches Seehofer-Bashing, möglichst aufgeregt und ohne zu viel Augenzwinkern. Ein paar von uns (es können ruhig dieselben sein) müssen in etwa drei Tagen schreiben, das müsse man doch noch sagen dürfen, wenn es schon so viele empfinden. Dann nochmal ein kleiner Reigen der Kritik, ein paar vermittelnde Worte der Kanzlerin (Nachtrag: voila – hier sind sie auch schon), die den Tanz beruhigen, und alles geht fast so weiter wie bisher. In einem Jahr trifft man sich diskret zum Bier und schmunzelt drüber.

Alles klar?

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Kaputte Kicker

Die Bayern in der Krise – was wurde da nicht alles geschrieben, gespottet und geunkt in den letzten Wochen. Die bekannten Reflexe abgründiger Schadenfreude sind zurück, selbst bei Zeitgenossen, die normalerweise fair und besonnen sind.

Freunde wie Feinde sollten einfach mal dieses nachdenkliche Interview mit Philipp Lahm lesen. Danach, danke ich, kann kaum einer, der im Sommer Deutschlandfähnchen geschwenkt hat (oder heute abend auf einen Sieg gegen die Türkei hofft), sich guten Gewissens an der Bayern-Misere weiden. Oder das beliebte Klischee der Arroganz bemühen.

Es geht nicht um Mitleid oder Sympathie, sondern einfach um sowas wie Achtung. Auf dem Platz jedenfalls ist Nachtreten verboten – zu Recht.

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Jeder Christ ein Fanatiker?

Das hier schon gelegentlich zitierte Buch von Schleichert ließ sich nach dem trockenen Beginn recht gut an, inzwischen jedoch quäle ich mich eher durch die Seiten. Nicht, weil es nicht verständlich wäre, sondern weil Schleicherts geballte Vorurteile nun richtig zu Buche schlagen.

Der kurze Abschnitt über subversives Argumentieren brachte wenig Neues. Dagegen verdichtet sich der Eindruck, dass jede Religion, die „heilige Texte“ hat (bei Ideologien, die Schleichert ursprünglich auch einbeziehen wollte, gibt es das genau genommen ja gar nicht), zu Fundamentalismus, Intoleranz und Gewalt neigt, weil die in diesen Texten (d.h. Bibel und Koran) ja enthalten und nicht zu tilgen sei. Folglich sind auch moderate Vertreter (er bezieht sich hier auf Christen und gelegentlich auch Juden) nur als inkonsequent zu betrachten, im Grund haben die Fanatiker den eigentlichen Glauben besser verstanden. Nun gehe es darum, Fanatikern wie Gemäßigten vor Augen zu führen, was sie da eigentlich Verrücktes und Schlimmes glauben.

Subversiv gedacht müsste man nun fragen, wo wir hinkämen, wenn – was leider nicht ausgeschlossen scheint – zum Beispiel die Kontrahenten in Sachen Stuttgart 21 nun nach folgender Maxime von Schleichert handelten (S. 118):

Den Gegner ernst nehmen, heißt vor allem, sein intolerantesten, bösartigsten, extremsten Sentenzen und Programm ernst nehmen, und niemals zu sagen, dass es „so schlimm schon nicht kommen wird“.

Es folgt der unvermeidliche Hinweis auf „Mein Kampf“. Im Prinzip macht Schleichert hier mit Christen nichts anderes, als was Alice Schwarzer und andere momentan mit dem Islam machen: Er unterstellt, dass der Extremist die eigentliche Norm sei und man daher immer mit dem Schlimmsten zu rechnen habe. Für Schwarzer ist jemand wie Tariq Ramadan nur der raffinierteste Verführer von allen – Christopher Hitchens lässt grüßen (hier ein lesenswerter Beitrag von William T. Cavanaugh zur Problematik). Auch Schwarzer verweist natürlich auf „Mein Kampf“. Das Gute an dieser Logik ist, dass man sich so mit den vielen Beispielen gar nicht mehr beschäftigen muss, die die eigene These gefährden könnten.

Nun kann man als Christ weder leugnen, dass es in der Vergangenheit kirchlich sanktionierte Gewalt gab, noch dass es heute militante Christen gibt. Man kann höchstens versuchen, letztere als Randerscheinung abzutun. Oder als Verirrung: Die eigentliche Aufgabe wäre dann der Nachweis, dass religiöser Gewalt aus christlicher Sicht immer ein Missverständnis der Bibel in ihrer Gesamtheit zugrunde liegt. Der wiederum scheint mir nur gelingen zu können, wenn man die unterschiedlichen biblischen Texte nicht pauschal und eindimensional als wörtlich eingegeben und unfehlbar betrachtet, sondern begründen kann, dass manche Texte (z.B. die Bergpredigt) ein höheres Gewicht haben als andere (z.B. Texte über den Bann und den Heiligen Krieg im AT). Oder anders gesagt: dass es (im krassen Unterschied zu „Mein Kampf“) durchaus eine innerbiblische Bibel- und Sachkritik gibt. Wo das versäumt oder unterlassen wird, da wird man weiter mit dem Verdacht leben müssen, ein ambivalentes Verhältnis zu Zwang und Gewalt zu pflegen, das nur aus taktischen Gründen Zurückhaltung übt, solange die Mehrheitsverhältnisse ungünstig sind. Hier bei uns fragt man sich das momentan im Blick auf dem Islam, in den USA muss man jedoch diese Sorge eher beim Christentum eines Glenn Beck und der Teaparty-Bewegung (und deren Verklärung von Krieg, Todesstrafe und Waffenbesitz) haben – oder manche fragwürdige Synthese von Orthodoxem Christentum und Staatsmacht in (Süd-)Osteueropa.

Man kann nun natürlich den Spieß umdrehen und fragen, ob nicht auch die säkularistische Position ganz ohne Heilige Schriften dieselbe Ambivalenz aufweist und nun ihrerseits vor dem Dilemma steht, ohne Rekurs auf einen Kanon nachweisen zu müssen, dass solche Auswüchse nicht in der Konsequenz der Anschauung liegen, sondern ihrem Wesen zuwiderlaufen – ein ebenso unmögliches Unterfangen; ob wir also mit einer Erziehungsdiktatur zu rechnen haben, deren Konsequenzen aus Angst vor dem Islamismus auch von Christen unterschätzt werden.

So gesehen ist es interessant, Schleichert aus dieser doppelten Perspektive zu lesen: Wie geht er hier mit Christen um – und warum sollte es erlaubt sein, als Christ Muslimen gegenüber dieselbe Logik anzuwenden? An den Islam gerichtet stellt sich aber auch die Frage, ob es (wie in weiten Teilen des westlichen Christentums) in der Koranauslegung plausible Ansätze gibt, die zu einer im umfassenden Sinn gewaltfreien Praxis führen, und das verlässlich und dauerhaft. John Milbank, der das Dreieicksverhältnis von Christentum, Islam und Aufklärung untersucht, sieht in den mystischen Strömungen des Islam eine größere Offenheit in dieser Richtung.

Viele interessante Fragestellungen also…

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Die Guten schaffen sich ab

Wer bereit war, sein Leben eher zu opfern, als seine Kameraden zu verraten, (…) wird oft keine Nachkommen hinterlassen, seine edle Natur zu vererben. Die tapfersten Leute, welche sich stets willig fanden, sich im Krieg an die Spitze ihrer Genossen zu stellen, (…) werden im Mittel in einer größeren Zahl umkommen als andere Leute.

Das wird man ja wohl noch sagen dürfen… dass der pessimistische Gedanke, der derzeit so viele Gemüter erhitzt, von Charles Darwin stammt (hier gefunden). Die Logik ist unerbittlich – wenigstens so lange man fraglos akzeptiert, dass Krieg (militärisch, ökonomisch, religiös oder kulturell) die Grundmetapher des Lebens ist.

Nichts Neues also, davon sang Billy Joel auch schon, dass die Guten zu früh sterben, wenngleich er diese Tragik verdächtig fröhlich besingt:

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Fanatismus: Was bringt interne Kritik?

Kritik von Außen zieht bei Fanatikern selten, sie wird ja erwartet oder gar bewusst provoziert. Ein Weg wäre daher die interne Kritik. Man lässt sich auf die Denkvoraussetzungen des Gegenübers ein und versucht, den Fehler darin zu finden. Im Christentum bedeutete das oft genug, „dieselbe Bibel anders zu lesen“, sagt Hubert Schleichert.

Der Humanist Castellio etwa argumentiert gegen Calvins Intoleranz nicht, indem er dessen Ansichten komplett verwirft (nach dem Motto: Wer andere verbrennt, der kann nicht Recht haben), sondern er akzeptiert Calvins Theologie im Wesentlichen. Einserseits wird solch ein interner Kritiker eher gehört, für Außenstehende (und spätere Generationen) scheint er sich jedoch in den abstrus erscheinenden Details zu verhaspeln. Ähnlich wirkt heute die Argumentation mancher Aufklärer gegen den Hexenwahn. Ich würde noch dazu setzen: Heute wundern wir uns über Theologen (bzw. distanzieren uns), die rassistische Sprache und Denkmuster stehen ließen und zugleich versuchten, die Kirche vor den Nazis und gelegentlich auch Juden vor dem KZ zu retten. Und die Argumentation islamischer Feministinnen sieht anders aus als die von Alice Schwarzer. Die Frage ist, wer mehr bewirkt. Also fragt Schleichert (S. 96):

Vielleicht muss, solange überhaupt gekämpft werden muss, stets maskiert gekämpft werden, halb maskiert jedenfalls. Paradox formuliert: Sobald man laut und ohne Einschränkung sagen darf, dass es weder Teufel noch Hexen gibt, braucht man es eigentlich nicht mehr zu sagen.

Andere Möglichkeiten interner Kritik sind

  • aus den jeweils heiligen Texten auszuwählen und andere Schwerpunkte zu setzen. Schleichert hält das von der logischen Seite her für schwierig, weil man entweder die Autorität der Texte zu akzeptieren hat oder sie komplett verwirft. Ich halte diese Argument im Blick auf den biblischen Kanon und innerbiblische Sachkritik für nicht ganz zwingend. Notfalls, so sagte schon Luther, muss man Christus gegen die Schrift treiben, und er hatte eine Art Kanon im Kanon. Heute mag das anders aussehen als zu seiner Zeit.
  • Der Nachweis innerer Widersprüche gelingt oft schwer, weil er formalisierte Systeme voraussetzt; er wird von den Anhängern einer Ideologie zudem heftig bestritten werden. Schleichert fragt etwa, wie das denn zusammenpasse, dass Moses der demütigste Mensch gewesen sein soll und dann an einem Tag dreitausend Mann töten lassen könnte. Aber das sei eben nur unter bestimmten Bedingungen ein Widerspruch, andere sehen auch den Todesbefehl als Akt demütigen Gehorsams an (wir hatten dieselbe Problematik letzte Woche im Blick auf Lüge bzw. vorsätzliche Täuschung).
  • Man kann nun auch mit unterschiedlichen Textschichten argumentieren (der frühe Darwin/der späte Darwin, um mal ein anderes Beispiel zu wählen) oder anstößige Passagen durch allegorische Deutung zu entschärfen (z.B. das Hohelied als Bild der Liebe von Christus und Gemeinde, nicht als erotisches Gedicht über ein noch nicht verheiratetes Paar).
  • Interessant sind auch die Ausnahmen, die mancher bei der Forderung nach Toleranz macht (etwa: Ausländer ja, aber nur bestimmte). Hier zitiert Schleichert John Locke, der zwar religiöse Toleranz fordert, Atheisten davon aber ausdrücklich ausnimmt, mit folgender Begründung:

Doch sind diejenigen ganz und gar nicht zu dulden, die die Existenz Gottes leugnen. Versprechen, Verträge, Eide, die das Band der menschlichen Gesellschaft sind, können keine Geltung für einen Atheisten haben. Gott auch nur im Gedanken aufzuheben, heißt alles dies aufzulösen. Außerdem können die, die durch ihren Atheismus alle Religion untergraben und zerstören, sich nicht auf eine Religion berufen, auf die hin sie das Vorrecht der Toleranz fordern könnten.

  • weiter kommt man mit subversiver Kritik, wie sie sich in Voltaires Bibelkommentar findet. Der Absatz bei Schleichert ist spannend zu lesen, ebenso wie der Exkurs über wahre und falsche Propheten und das Dilemma von Orthodoxien gegenüber jedem Anspruch neuer Offenbarung. Der Grundkonflikt von Offenbarungsreligionen wird nicht nur in zahlreichen Sektenbildungen anschaulich, sondern auch im Verhältnis von Christentum, Judentum und Islam. Christen glauben, dass sich Gott in Jesus offenbart und damit die Offenbarung des ersten Testaments erfüllt und überbietet, aber sie lehnen den Anspruch Mohammeds ab, der 600 Jahre später den Anspruch erhob, von einem Engel eine weitergehende Offenbarung empfangen zu haben. Mit den Mitteln der Vernunft lässt sich das kaum entscheiden.
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Fanatismus: einige zwiespältige Argumente

Ein Dauerthema dieses Blogs ist die Frage, wie Christen in einer pluralistischen Gesellschaft dem Evangelium entsprechend leben können. Insofern sind Fanatismus und Toleranz zwei Begriffe, die ständig am Horizont erscheinen. Ob es sich um Kreuze und Kopftücher handelt, Sarrazin und die Integration, islamistischen Terror und westliche Reaktionen, Ökumene, Umgang mit Homosexualität und vieles mehr.

Hier vernünftige Grenzen zu ziehen und Unterscheidungen zu treffen ist wichtig – und folgenreich. Hin und wieder benutzen wohlmeinende Zeitgenossen dabei hochbrisante Argumentationsmuster. Vielleicht kann das auch gar nicht ausbleiben, wenn man sich auf dieses zerklüftete Terrain begibt. Trotzdem ist es gut, wenn man das Risiko wenigstens ahnt.

Wenn ich also im Folgenden ein paar Stichworte aus Hubert Schleicherts Wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren aufgreife, dann kann man das im Blick auf christlichen Fundamentalismus hören (den gibt es seltener in einer echt militanten, häufiger in einer dogmatischen Variante, die allerdings auch handfeste politische Konsequenzen hat), man kann es aber auch im Blick auf islamische Hardliner, dogmatischen Atheismus wie Christopher Hitchens oder, um einmal ein ganz anderes Beispiel zu wählen, auch mal im Blick auf die Diskussion, wie eine Demokratie mit Neonazis und anderen Verfassungsfeinden umgehen soll.

Keines dieser Argumente, sagt Schleichert, ist in sich rundweg falsch oder kategorisch abzulehnen. Er exerziert es zudem am Beispiel von Calvin und Augustinus vor, nicht weil die besonders böse Menschen waren, sondern weil es lange genug her ist, so dass niemand sich sofort auf den Schlips getreten fühlen muss.

Da ist zunächst das Gefährdungsargument: der Häretiker (oder Abtrünnige/Andersdenkende) wendet sich gegen die Wahrheit, die ihm bereits klar vor Augen stand. Dass das größeren Anstoß erregt, als wenn jemand den Glauben (egal an was genau) schlicht ignoriert oder missversteht, liegt auf der Hand. Es stellt, so Schleichert, „die innere Wirksamkeit der christlichen Doktrin in Frage“ (S. 70). Nur mal so: Nach 1945 Nazi zu sein ist schlimmer als vorher – oder?

Spannend ist in diesem Zusammenhang auch das folgende Zitat aus neuerer Zeit von Karl Rahner – es wäre interessant zu wissen, ob sich kirchliche Sektenbeauftragte heute darauf noch beziehen:

Wer für den unmittelbar tödlichen Ernst einer Entscheidung darüber, ob dieser oder jener Satz wahr ist, keinen Sinn hat, der kann die christliche Einschätzung der Häresie nicht verstehen. […]. Denn hier wird die absolute Wahrheit, die schon in geschichtlich eindeutiger Weise ausgesprochen gegeben war, verloren […].
Das Heidentum […] bedeutet keine Gefahr für den Christen, der sich schlicht als weitergekommen, überlegen […] ansehen kann. Aber all das ist anders beim Häretiker: […] er verlässt das Ziel und gibt dabei vor, es allein zu besitzen. Ihm Gutgläubigkeit zuzubilligen, fällt daher dem Christentum schwerer als dem […] Ungläubigen gegenüber […]. Wie sollte er schuldlos […] das richtige und das gefälschte Christentum nicht auseinanderkennen? Er ist der Gefährlichste: er bekämpft die wirkliche und endgültige Wahrheit.

Es folgt das Hirtenargument, das bei Augustinus klassisch so lautet: Wer seinen Freund in einem Anfall von Fieberwahn auf einen Abgrund zulaufen sähe, würde ihn auch mit allen Mitteln davon abhalten, sich hinunterzustürzen: „Wer einen Tobsüchtigen bindet und einen Schlafsüchtigen aufrüttelt, fällt beiden lästig und liebt doch beide.“ Zugleich muss der verantwortungsvolle Hirte aber noch einen Schritt weitergehen, und darf die Wölfe zum Schutz der Herde nicht schonen.

Repression (lassen wir die Mittel einmal offen) wird gerechtfertigt gegen den Hinweis, dass sie noch lange bzw. an sich kein Umdenken bewirkt, sondern höchstens Heuchelei. Man kann auch an Guantanamo denken, wenn Schleichert hier Beza (er nennt ihn seltsamerweise Bezelius) zitiert mit den Worten aus de haereticis: „Nicht um von ihnen gewaltsam (…) falsche Reue zu erzwingen (werden Häretiker gestraft), sondern damit die Obrigkeit wahrhaft Gott dient (…) und die öffentliche Ordnung, die Lehre und die Sitten bewahrt bleiben.“

Das Gute rechtfertigt für Augustinus auch extreme Mittel: „Die Schläge des Freundes sind besser als die Küsse des Feindes“, das wusste schon Salomo (Spr 27,6). Zwang, der zum Guten dient, ist also etwas ganz anderes als Zwang zum Bösen. Folglich ist Gewalt gegen rechtgläubige Märtyrer qualitativ anders als Gewalt gegen Gotteslästerer. Das würden ein paar Millionen Muslime im Blick auf Kurt Westergaard vielleicht ähnlich sehen. Manche von ihnen verstehen womöglich auch

Toleranz als Ausdruck von Schwäche. Calvin etwa lehnte es ab, dem Beispiel des Gamaliel zu folgen (Apg. 5,34ff), denn dessen Zögern habe nur darauf beruht, dass er zweifelte und daraus die irrige Schlussfolgerung zog, man müsse Gott das Urteil überlassen, so würde sich das Gute von selbst durchsetzen. Manche Polemik gegen „liberale Theologie“ folgt ja derselben Spur: „Wenn die nichts mehr glauben, brauchen sie auch nichts zu verteidigen.“

Beliebt ist auch die Kriminalisierung. Dann wird der Andersdenkende zum Gotteslästerer, seine Theologie zur Blasphemie, er wird als Klassenfeind, Spion oder Kollaborateur verdächtigt. Der Homosexuelle wird zum wahrscheinlichen Kinderschänder, der Loveparade-Besucher zum schamlosen Lüstling, der Nazi per se als so dumm, zurückgeblieben oder geisteskrank hingestellt, dass man ihn zum Schutz der Allgemeinheit wohl doch besser wegsperren sollte. Nur um nicht falsch verstanden zu werden: Bei Neonazis und ihren Organisationen kommen wir tatsächlich kaum umhin, zu fragen, wo die Grenze zur kriminellen Vereinigung überschritten wird. Nur liegt die Dämonisierung anderer auch nicht weit von der Kriminalisierung weg, und die gibt es im frommen Spektrum viel häufiger.

Ein anderer Aspekt sind Denk- und Zweifelsverbote. Ob der Begriff in der Sarrazin-Debatte angebracht war, darüber kann man streiten. Calvins Opus gegen die Irrlehrer schließt mit einer Verwünschung ihrer „viehischen Spitzfindigkeiten“ – folglich erscheint ihm auch schon der suspekt, der Milde für die Abweichler fordert. In manchen christlichen Kreisen betrifft das Denkverbot die Evolutionslehre oder die Frage, wie eng man die Inspiration der Schrift zu verstehen hat, oder man verbietet den Widerspruch gegen bestimmte kanonische Autoritäten und sanktioniert das entsprechend.

Zum Schluss nennt Schleichert noch das Distanzierungargument: Der Rechtgläubige verfolgt den Häretiker nur aus Pflicht und aus Liebe, und nicht aus Selbstgerechtigkeit oder weil ihm das klammheimlich Spaß macht und Genugtuung verschafft. Solche Leute gibt es auch, aber mit denen hat der Gerechte nichts zu tun. Aktuell könnte man folgern: Es gibt Leute, die wollen muslimische Einwanderer aus dem Land oder aus der Öffentlichkeit bzw. den Sozialkassen verbannen (oder zur Assimilation drängen), weil sie Angst haben, oder neidisch sind, oder einen Sündenbock brauchen. Andere tun das aus tiefer, selbstloser Sorge um das Gemeinwohl.

So weit der spärlich kommentierte Überblick. Über die Folgen mache ich mir noch Gedanken, lese weiter und melde mich dann wieder an dieser Stelle. Wem langweilig ist oder wer das Thema vertiefen möchte, kann hier einen anregenden Artikel von John Milbank über Christentum, Aufklärung und Islam lesen

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