Advent 2010 (3): Unterwegs zum Sehen

(Hier gibt es den gesamten Text der letzten drei Posts als PDF)

In dem Abschnitt (siehe letzter Post) Jes 52,7-10 erscheint der unsichtbare Gott, der im Kommen ist, nie direkt. Er spiegelt sich nur in den Schritten des Boten, der Stimme der Wächter und der Erwartung, dass sogar die Steine in Jubel ausbrechen. Ganz am Ende ist davon die Rede, dass er seinen mächtigen Arm entblößt: Er krempelt die Ärmel hoch und lässt die Muskeln spielen.

Bleiben wir noch einen Moment bei Gottes Unsichtbarkeit. Man muss sie ernst nehmen, um richtig davon reden zu können, dass Gott in der menschlichen Geschichte erschienen ist. Und es gibt zwei verwandte Stimmen, auf die zu hören sich dabei lohnt. Das eine ist die Stimme der Atheisten. Tomas Halik schreibt ja davon, dass hier eine existenzielle Wahrheit hörbar wird, nämlich die der Abwesenheit Gottes. Und die erfahren nicht auf die eine oder andere Art alle Menschen zu bestimmten Zeiten. Für Christen ist es eine wirkliche, wenn auch vorläufige Wahrheit. Sie ist aber nur in der Hoffnung aufgehoben, nicht in unserer täglichen Erfahrung. Da taucht die immer wieder auf, und wir können nachfühlen, was der „tolle Mensch“ in Nietzsches Fröhlicher Wissenschaft sagt:

Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Giebt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?

Die andere Wahrheit, die uns herausfordert, ist die des Judentums, das sich nicht zu Jesus als dem Messias bekennen kann, wie etwa Martin Buber und Schalom Ben-Chorin sagen. Und man muss die Begründung ernst nehmen, auch wenn sie nur ein vorläufiges Nein zu Jesu messianischem Anspruch ist:

Der Jude weiß zutiefst um die Unerlöstheit der Welt und er erkennt und anerkennt inmitten dieser Unerlöstheit keine Enklaven der Erlösung. Die Konzeption der erlösten Seele inmitten einer unerlösten Welt ist ihm fremd, urfremd, von Urgrund seiner Existenz her unzugänglich. (…) Erlösung heißt jüdisch gesehen, Erlösung von allem Übel. Übel des Leibes und der Seele, Übel der Schöpfung und der Kultur.

Die eine Stimme sagt uns also: Es wird nichts mehr kommen. Die andere sagt uns: es ist noch nichts geschehen. Christen teilen die Erfahrungen des leeren Raumes und der unerfüllten Hoffnung, und doch reden wir vom Kommen Gottes. Der Grund dafür liegt in den Versen, die sich am Ende von Jesaja 52 anschließen und den Auftakt für das berühmte Gottesknechtslied in Jes 53 bilden:

Seht, mein Knecht hat Erfolg, er wird groß sein und hoch erhaben. Viele haben sich über ihn entsetzt, so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch, seine Gestalt war nicht mehr die eines Menschen. Jetzt aber setzt er viele Völker in Staunen, Könige müssen vor ihm verstummen. Denn was man ihnen noch nie erzählt hat, das sehen sie nun; was sie niemals hörten, das erfahren sie jetzt. (Jes 52,13-15)

Hier finden wir diese gewaltige Spannung zwischen er unauffälligen, ja abstoßenden Gestalt dessen, den Gott sendet, um das Schicksal Israels zu wenden, und der Erwartung, dass diese Wende dennoch nicht nur die Innerlichkeit betrifft, sondern das ganze Leben grundlegend auf den Kopf stellt. Dann versteht man auch endlich, warum so viele Worte und Gleichnisse Jesu damit zu tun haben, dass man das Kommen Gottes (beziehungsweise des Menschensohnes) verpassen kann. Das sind keine Warnungen vor dem, was wir manchmal den „jüngsten Tag“ nennen. Seine Wiederkehr in Herrlichkeit wird niemand verpassen, dann werden die Steine schreien und die Trümmer jubeln. Aber das erste, unscheinbare, verkleidete Kommen, das konnte man sehr wohl verpassen. Es war missverständlich, und dennoch nötig. Gott markiert damit seinen Eintrittspunkt in die Geschichte: Draußen, unten, am Rande. Nicht etabliert, oben, im Zentrum. Und er erduldet die Ablehnung der Welt, statt sie zu ersticken und zu übertrumpfen. Nur so werden neben den Übeln von Leib und Seele auch die der Kultur überwunden.

Wir leben im Glauben, sagt Paulus, und noch nicht im Schauen. Und doch ist es nicht weniger ganzheitlich. Der irdische Jesus, schreibt Jürgen Moltmann, war auf dem Weg zur Offenbarung seiner Messianiät. Der auferstandene Herr ist auf dem Weg zu seiner Herrschaft, die der ganzen Welt umfassenden Frieden bringt. Aber er ist eben noch auf dem Weg – auch auf dem Weg mit uns, die wir bei jeder Feier des Abendmahls mit Paulus sagen: „So oft ihr von diesem Brot esst und aus diesem Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.“ (1.Kor 11,26)

Hat das erste Kommen des Messias die Welt verändert? Nietzsches „toller Mensch“ (der einzig „normale“ in einer verrückten Welt) hat einen interessanten Gedanken dazu, der sich nicht nur auf das „Ereignis“ des vermeintlichen, von uns Menschen herbeigeführten Todes Gottes beziehen lässt, sondern vielleicht eben auch auf seine Auferstehung:

Ich komme zu früh, sagte er dann, ich bin noch nicht an der Zeit. Diess ungeheure Ereigniss ist noch unterwegs und wandert, – es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. Blitz und Donner brauchen Zeit, das Licht der Gestirne braucht Zeit, Thaten brauchen Zeit, auch nachdem sie gethan sind, um gesehen und gehört zu werden.

Das ungeheure (Christus-) Ereignis ist noch unterwegs. Wenn das keine Adventsbotschaft ist! Etwas spekulativ gefragt: Beschreibt Jesaja 52 vielleicht einen geschichtlichen Prozess in dem Sinne, dass die Apostel und die ersten Christen der Bote auf den Bergen waren, spätere Generationen (uns eingeschlossen) den Wächtern auf der Mauer entsprechen und wir den Einzug in die Stadt und den Gesang der Trümmer erst noch vor uns haben und dann gemeinsam feiern – mit Juden und Atheisten und allen Menschen, denen er nämlich auch gilt, und zwar zum Heil, nicht zum Unheil?

Was kann man damit praktisch tun? Nur eins: Vor-läufig schon jetzt so leben, als wäre das die einzige, alles bestimmende Wirklichkeit. Frohe Weihnachten!

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Advent 2010 (2): Ungewohnte Geräusche

(Teil 1 ist hier zu finden)

Alles beginnt mit einer Stille, so stelle ich mir das zumindest vor. Während alle beschäftigt sind, das Rad am Laufen zu halten, gibt es auch ein paar Überflüssige, ins Abseits geratene, die in den Ruinen des einstmals stolzen Jerusalem hausen. Für sie und über sie dichtet der namenlose Prophet ein Leid voller Hoffnung. Es dringt durch die Grabesstille, durch das bedrückte Schweigen (Jes 52,7-10):

Wie willkommen sind auf den Bergen die Schritte des Freudenboten, der Frieden ankündigt, der eine frohe Botschaft bringt und Rettung verheißt, der zu Zion sagt: Dein Gott ist König.

Horch, deine Wächter erheben die Stimme, sie beginnen alle zu jubeln. Denn sie sehen mit eigenen Augen, wie der Herr nach Zion zurückkehrt.

Brecht in Jubel aus, jauchzt alle zusammen, ihr Trümmer Jerusalems! Denn der Herr tröstet sein Volk, er erlöst Jerusalem.

Der Herr macht seinen heiligen Arm frei vor den Augen aller Völker. Alle Enden der Erde sehen das Heil unseres Gottes.

Das erste, was wir hören, sind Schritte.

Ein Bote kommt gelaufen. Wenn es ein Film wäre, dann sähen wir eine Hügelkette mit Jerusalem in der Ferne, und einen Weg, der den Kamm erreicht. Auf diesem Weg sähen wir federnd ein paar Füße laufen, nicht mit schweren Soldatenstiefeln. Jemand fliegt fast dahin und hat doch noch genug Luft, vom Frieden zu sprechen dabei. Anders als der legendäre Marathonläufer stirbt er auch nicht am Ziel. Er eilt dem nahenden König voraus, Waffen und Gepäck hat er abgeworfen, weil er weiß, er wird nie wieder kämpfen müssen. Friede ist eingekehrt: Nicht zu einer Stippvisite, sondern er bleibt.

Das zweite, was wir hören, sind Stimmen.

„Horch!“, sagt der Prophet (was zeigt: er muss Franke gewesen sein!). Die Wächter schlafen oder arbeiten nicht wie andere, sie halten die Augen offen. Und so sehen sie als erste den Tross heranrücken, dessen Banner die richtige Farbe hat. Ihre Stimmen wecken Jerusalem aus seinem Dornröschenschlaf. Die Wächter sehen schon, was die anderen erst zu hören bekommen. Und sie jubeln.

Das dritte, was wir hören, sind die Steine.

Ja, richtig, die Steine. Während in meinem Film zu Jesaja 52 der König (er bleibt für uns unsichtbar – wir „sehen“ hier nur die Reaktionen) durch die Straßen reitet und sein Schatten auf Pflaster- und Mauersteine fällt, brechen auch die Trümmer Jerusalems in Jubel aus. Nicht nur die Menschen müssen erlöst werden, auch die Strukturen, in denen sie leben: Die Straßen, die sie verbinden und auf denen sie sich treffen, die Mauern, die sie beschützen und ihnen nachts die Wärme erhalten und am Tage Schatten spenden. Die Trümmer, die das sichtbare Symbol dafür waren, dass Gott seine Hand von Juda abgezogen hatte, sie sollen jetzt jubeln. So wie ein paar Kapitel später die Bäume in der Hände klatschen. Wenn diese (seine Jünger) schweigen, sagt Jesus am Palmsonntag den Kritikern, dann werden die Steine schreien: Diese Steine.

All diese Stimmen trösten die niedergeschlagene Stadt. Aber selbst 2500 Jahre später fragen wir uns beim Lesen: Nehmen sie den Mund nicht ganz schön voll? Ist die Antwort auf drohende Resignation denn blauäugiger Triumphalismus?

(Teil 3 gibt es morgen)

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Advent 2010 (1): Das ewig alte Lied?

Unser Podcast hatte diese Woche ein technisches Problem, da habe ich beschlossen, die Predigt vom Sonntag in mehreren Abschnitten zu posten, für alle, die es nochmal nachlesen wollen, wenn -hören schon nicht geht. Morgen geht es weiter mit Teil 2.

In diesen Tagen ist die Frage ja erlaubt: Wartet die Welt auf irgendetwas? Alle wirken so beschäftigt. Die Mächtigen wollen, dass alles so bleibt, wie es war. Die Pyramiden, auf denen ihre Macht beruht, sollen halten. Bestenfalls rutscht der einzelne einen Platz nach oben. Und selbst viele, die unten sind in den Pyramiden, träumen nur vom Aufstieg, nicht vom Abbruch dieser Konstruktionen – ein armseliger Traum mit tragischen Folgen. Religion und Militär hatten aus der Sicht der Pyramidenkönige schon immer den Zweck, diese zu sichern und dafür zu sorgen, dass alles beim Alten bleibt. Das war schon im Alten Orient so. Das Symbol dafür war neben der Pyramide das Rad: Es dreht sich immer im Kreis. Einzelne Menschen kommen und gehen, werden geboren und sterben, aber das Volk bleibt und das Großreich mit seinem Gottkönig auch. Es konnte nichts Neues geben. Das Neue kann nur ein Irrtum sein. Wirklich Bestand hat nur das ewige Jetzt.

Nur einer sprang ab vom ewigen Rad. Ein Verrückter, der die Stimme eines Unsichtbaren gehört hatte, eines Gottes, der weder Namen noch Adresse an einer der Prachtstraßen Mesopotamiens vorzuweisen hatte. Abram verlässt Ur und folgt der Verheißung des Neuen. Später hört Mose die Stimme des unbekannten Gottes, von dem es keine Bilder geben durfte, und führte Israel aus dem Schatten der Pyramiden Ägyptens in das Land der Verheißung. Ein Volk von Propheten, das von dem her lebte, was erst noch kommen sollte. Eine Oase der Möglichkeiten in der Wüste ewiger, unerbittlicher Notwendigkeit und Schicksalhaftigkeit.

Aber auch Israel bekommt Probleme. Seine Könige bauen die Pyramiden nach, die sie verlassen hatten. Sie stellen Armeen auf, sie instrumentalisieren die Priester und das Heiligtum, sie bürden den Armen hohe Abgaben auf und bevorzugen die Reichen. Sie verstopfen ihre Ohren gegen die Klagen des Volkes und die Stimmen der Propheten. Am Ende werden Israel und Juda überrollt. Die Militärmaschinen der Assyrer und Babylonier walzen über es hinweg. Es kommt unter das Rad der Geschichte, die offenbar immer eine Geschichte der Großen ist.

Die Revolution ist beendet. Die Reformer sind gestrauchelt.

Das Experiment ist gescheitert. Die Utopie ist gestorben.

Die Lieder von der verheißenen Freiheit sind verstummt.

Die Kriegsmaschinen und Kultbetriebe der Großen drehen sich ungestört weiter und ihr gleichbleibendes Summen scheint zu sagen: Selig die nichts mehr erwarten, denn sie können nicht enttäuscht werden.

Bei uns sind dieses Jahr die Reichen wieder um viele Millionen reicher geworden und die Armen bekommen … 5 Euro mehr Hartz IV – vielleicht. Banker beziehen wieder unanständig hohe Boni, Herr Berlusconi hat wieder ein Misstrauensvotum überlebt. Wir Deutschen sind der drittgrößte Waffenexporteur der Welt, die Wirtschaft brummt auch deshalb und die Bundeswehr verteidigt unverklemmt die Handelswege. Alles bliebt beim Alten: Firmen verlagern Jobs und vergiften weiter Arbeiter und Umwelt, die Eliten verlagern ihre Konten und verachten die Armen, Scharfmacher hier und anderswo gießen Öl ins Feuer der Konflikte, weil man so mehr Bücher, Waffen, Menschen oder Rohstoffe verkaufen kann. Und selbst in den Oasen des Wohlstands: Menschen fühlen sich wie die Zahnräder des Systems: Sie stehen neben sich, sie werden gelebt, alle positive Leidenschaft für einen Beruf, mit dem man sich identifizieren kann, für Menschen, an die man sich mit Haut und Haaren verschenkt, scheint blockiert. Es fehlt den Dingen der Glanz, nichts leuchtet mehr.

Damals wie heute – das Alte scheint so übermächtig. Gott scheint so

… schwach

… abwesend

… desinteressiert?

Ehrlich: Was soll man da noch erwarten? Es müsste schon ein Prophet kommen, um den verhangenen Horizont aufzureißen…

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Rooney in Narnia

Gestern habe ich den dritten Narnia-Film, „Die Reise auf der Morgenröte“, in 3D ansehen können, nun sortiere ich meine Eindrücke. Es ist zwar schon länger her, dass ich das Buch dazu das letzte Mal gelesen habe, aber die Geschichte wirkt ziemlich maßstabsgetreu umgesetzt. Die Animationen sind im Vergleich zum ersten Film, der heute abend im Fernsehen läuft, deutlich verbessert. Die Akteure sind im Wesentlichen dieselben wie bei Prinz Kaspian, nur dass diesmal der käsegesichtige Cousin Eustachius dazu kommt, den man auf Anhieb unsympathisch findet – wenn schon nicht wegen seines exaltierten Namens, dann weil einen die platte Nase unwillkürlich an Wayne Rooney erinnert.

Die Transformation vom Kotzbrocken zum Edelmann ist dann auch das Thema der Handlung, aber da fehlt mir etwas die Tiefe hinter der gelungenen 3D-Oberfläche. Eustachius entdeckt auf einer Wüsteninsel, die die Crew auf der Suche nach sechs der sieben verschollenen Lords erreicht, eine Müllkippe voll Gold und erliegt dem Glitzerzauber. Die Folge ist die Metamorphose des Äußeren entsprechend dem Inneren: Er wird zu dem Monster, das er schon immer war: ein Drache, der – keine Angst – auch bei kleineren Kindern keine Albträume verursachen dürfte. Entsprechend läuft ab da die Handlung in die umgekehrte Richtung: Eustachius erkennt seine Fehler, stellt sich erstmals in den Dienst der Gemeinschaft und wird dafür am Ende von Elmar Gun… äh, Aslan natürlich, erlöst. Das heißt, er bekommt seine ursprüngliche Gestalt zurück und freut sich erstmals „ein Junge“ zu sein (statt den besserwisserischen Erwachsenen zu geben).

Die Rooney-Nase hat er immer noch. Aber man findet sie nicht mehr ganz so unsympathisch.

Es mag an meiner Tagesform gelegen haben – irgendwie hat mich dieser Film nicht so recht berührt. Vielleicht deshalb, weil er sehr an seiner literarischen Vorlage klebt, allerdings selbst mit guter Computergrafik das innere Ringen des Eustachius nicht annähernd so umsetzen kann, wie es der allwissende Erzähler im Buch darstellt. Aber auch die anderen Charaktere bleiben recht schablonenhaft. Nur ein Akteur spielt alle anderen an die Wand: Reepiecheep. Das sagt eigentlich alles…

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Messiashoffnung – zwei Wirkungen

Die Messiashoffnung kann in beiden Richtungen wirken: Sie kann das Herz der Menschen aus der Gegenwart abziehen und in die Zukunft setzen. Dann entleert die Messiashoffnung das gegenwärtige Leben, das Handeln, aber natürlich auch das Leiden an den gegenwärtigen Unterdrückungen. Sie kann aber auch die Zukunft des Messias vergegenwärtigen und die Gegenwart mit dem Trost und dem Glück des nahenden Gottes erfüllen. Dann erzwingt die messianische Idee gerade kein »Leben im Aufschub«, sondern ein Leben in der Vorwegnahme, in welchem alles schon in endgültiger Weise getan werden muss, weil das Reich Gottes auf die Weise des Messias schon »naheherbeigekommen« ist.

Jürgen Moltmann in: Der Weg Jesu Christi. Christologie in messianischen Dimensionen. S. 43

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Wer ist hier benebelt?

In den letzten Monaten fand ich beim evangelikalen Medienmagazin Pro den einen oder anderen lesenswerten Kommentar und dachte schon, ob die Redaktion ihre stramm konservative Linie nun aufgibt? Doch mit diesem Versuch, den Verteidigungsminister gegen angebliche Medienhetze in Schutz zu nehmen, rückte sich das Bild wieder zurecht: Alles bleibt, wie es immer war.

Zur Erinnerung: zu Guttenberg war in der Öffentlichkeit fast (und das war das Neue) unisono für seinen Afghanistan-Trip kritisiert worden, auf dem ihn seine Frau und Johannes B. Kerner begleiteten. Letzterer ist (abgesehen von dem Mini-Eklat um Eva Herman in seiner Sendung) ja nicht gerade als kritischer Fragensteller bekannt, sondern als jemand, der seinen Plaudergästen weit entgegenkommt, Und Kerner ist kein politischer Journalist, sondern er macht Unterhaltung im Privatfernsehen. Dass so etwas in Amerika üblich ist, preist „Pro“ nun als Fortschritt an: Der Krieg sei dort als Normalität akzeptiert, man gehe pragmatisch damit um.

Wir hingegen, behauptet „Pro“, haben ein gespaltenes Verhältnis zum Krieg in Afghanistan, davon zeugen die angeblich „benebelten Reaktionen“ der Presse. Vor allem sei man gleichgültig gegenüber dem Schicksal der Soldaten, und es sei Guttenbergs Verdienst, diese Gleichgültigkeit überwunden zu haben.

Da frage ich mich, in welchem Land der Kommentator Moritz Brecker eigentlich lebt. Von „Gleichgültigkeit“ kann keine Rede sein. Natürlich gibt es eine gewisse Zurückhaltung, vielleicht auch Sprachlosigkeit, aber die rührt doch daher, dass wir feststellen, aus purer Gefälligkeit gegenüber den Amerikanern vor neun Jahren mit in ein Land einmarschiert zu sein, das sich keineswegs so leicht „befrieden“ lässt, wie man damals dachte. Und jetzt, so scheint es vielen, sitzen wir mit auf dem Pulverfass und können weder vor noch zurück. Eine stabile Regierung in Kabul ist nicht in Sicht. Ein Abzug unverrichteter Dinge wäre ebenfalls eine Katastrophe. Was bitteschön sollen wir da noch sagen? Die Familien der toten Soldaten haben sicher Anteilnahme verdient, und die Truppen vor Ort unseren Respekt, aber wer kann denn heute noch den Sinn solcher Opfer stimmig erklären? Völlig Zu Recht schreibt die Zeit dazu:

Aber erklärt werden soll nichts, sondern beworben mit der üblichen Masche, die Kerners und auch Guttenbergs Markenzeichen ist, nämlich kübelweise Emotion, Herz und Betroffenheit. Zweifellos sind die Erzählungen der Soldaten furchterregend. Anstatt zu fragen, warum so etwas überhaupt erlitten werden muss, wendet Kerner das Leid der Truppen in einen Appell an die Bevölkerung, falls diese nicht schon vor dem Fernseher eingeschlafen ist.

Vielleicht wäre mehr Schweigen angesichts der nagenden Zweifel und bitteren Ratlosigkeit derzeit tatsächlich angemessener. Und vielleicht sollte Guttenberg (und in seinem ergebenen Gefolge auch „Pro“ als eifriger Verteidigungsministerverteidiger) das schon mal einüben.

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Viele Lichter und doch kein Leuchten

Wer sich im Advent durch die vorweihnachtlich kaufberauschten Massen in den Innenstädten schiebt denn das Geld sitzt den Deutschen, wie man liest und hört, wieder lockerer in den Taschen, es reckt gar konsumfreudig den Hals über deren Rand hinaus – der kann schon ins Grübeln kommen, ob hier noch irgendwer mit dem Begriff „Erlösung“ etwas anfangen kann, sich nach einer Rettung (geschweige denn einem Retter) sehnt. Sofern man kein Moralist ist (und wer will das noch sein?), kann man augenscheinlich ja doch ganz fröhlich genießen.

Doch passend zum Konsumgipfel des Jahres hört man Stimmen, die den aus der Mode gekommenen Begriff der „Entfremdung“ wieder rehabilitieren. Nicht in dem alten, bevormundenden Sinne des Essentialismus derer, die immer schon ganz genau wussten, was gut und richtig ist, aber um denen zu helfen, die Erfahrungen wie in Worte zu fassen versuchen wie das Gefühl, nicht zu leben, sondern gelebt zu werden. Die Berliner Soziologin Rahel Jaeggi nennt, so beschreibt es Christian Weber in der SZ,

Menschen, die sich in ihren gesellschaftlichen Rollen fremd fühlen, von ungewollten Wünschen beherrscht sind oder an der eigenen Gleichgültigkeit gegenüber ihrer Umwelt leiden.

und Ihr Kasseler Kollege Heinz Bude spricht laut Weber von

… Entfremdung in der Arbeit, wenn man keinen Stolz mehr darauf empfinden könne, selber etwas in Gang zu setzen. Entfremdung in der Liebe sei die Unfähigkeit zur Hingabe und dem Außersichsein. Und entfremdet sei auch eine Haltung zur Politik, die unfähig ist zu öffentlicher Leidenschaft. „Entfremdung ist, wenn nichts leuchtet, wenn uns nichts ergreift und wenn uns nichts auf den Grund setzen kann“, so Bude.

Ist es möglich, dass die vielen Lichter in den Fußgängerzonen, Vorgärten und Fensterbänken ein Signal der Sehnsucht sind, dass endlich wieder etwas richtig lebendig und von innen heraus leuchten möge? Und wäre das ein spätmoderner Zugang zu dem jesajanischen Text vom Volk, das im Dunklen wohnt (9,1ff), wenn Amy MacDonald in „The Road to Home“ zum Beispiel singt:

Oh the light is fading all the time and this life I’m in, it seems to pass me by

Und dann fährt sie fort:

But I’ll still remember which way to go. I’m on the road, the road to home

MacDonald sehnt sich zurück nach Schottland, nach ihrer Heimat. Weber schreibt dagegen, der Weg aus der Entfremdung heraus könne nicht im konservativen und/oder romantischen Irrtum bestehen, „den jeweils vorvergangenen Gesellschaftszustand als weniger entfremdet zu preisen.“

Die ersehnte Heimat liegt nicht hinter uns, sondern vor uns. So sagt es der Prophet auch dem Volk. Glücksratgeber und privatisierte, ihrer theopolitischen Wurzeln beraubte Religiosität helfen nur bedingt: Das Alte kehrt nicht mehr zurück, unsere ganze Hoffnung ruht auf der Verheißung, dass Gott etwas Neues tut, nämlich das drückende Joch entfernt und den Stecken des Treibers zerbricht. Auf dieses Neue passen also die Begriffe, die Jaeggi im Blick auf gutes, gelingendes Leben aufzählt, gar nicht so schlecht. Können Menschen selbstbestimmt Projekte verfolgen, mit denen sie sich identifizieren können, oder noch anders gesagt:

Ist etwas irgendwie anschlussfähig? Ermöglicht es Erfahrungen oder behindert es diese?

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Weisheit der Woche: Alles simpel?

Ich habe mich immer gewundert, dass wir zwar von jedem Fernsehtechniker erwarten, auf der Höhe der Zeit zu handeln, dass aber ausgerechnet dort, wo es um die Fragen des Lebens und Sterbens geht, alles ganz einfach liegen soll. Ich habe deshalb meine Probleme mit Theologen, die alles simpel haben wollen – sich auch mit entsprechender Simplizität in die Diskussionen der Welt- und Wirtschaftskinder einschalten.

Robert Leicht in der Zeit

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Afrika: Schwarzseher irren

Da habe ich eben noch geschrieben, dass wir zu oft ökonomische Maßstäbe anlegen, und just erscheint ein Bericht der Zeit, dass gerade ausgerechnet Ökonomen beweisen, dass es mit Afrika spürbar bergauf geht und extreme Armut dort möglicherweise weitgehend überwunden werden kann – vielleicht muss man also fragen: Was ist schlimmer, als alles ökonomisch zu bewerten? Und die Antwort lautet: Es ökonomisch falsch zu bewerten.

Zurück nach Afrika und zum Nutzen richtiger Bewertungen: Die Misere dieses Kontinents ist lange als unabänderlich beklagt worden, Lichtblicke schien es wenige zu geben. Dabei zeigen die Wirtschaftsdaten nach den Analysen der Ökonomen Maxim Pinkovskiy vom Massachusetts Institute of Technology und Xavier Sala-i-Martin von der Columbia University in New York, dass die Entwicklung seit Jahren zum Guten hin verläuft und keineswegs alles so bleiben muss, wie es aufgrund der bösen oder tragischen Vorgeschichte bisher war. Denn die Zahl der Armen nimmt ab, inzwischen sogar recht zügig, und das lässt hoffen:

Die Zahl der Menschen, die in extremer absoluter Armut leben müssen, sank von 41,6 Prozent im Jahr 1990 auf 31,8 Prozent im Jahr 2006. Sie sank sehr viel schneller in Ländern, die mit besonders hohen Armutsraten begonnen haben, also passen sich die Armutsraten an. »Sogar die elendsten Teile des ärmsten Kontinents können auf einen nachhaltigen Pfad gelangen und innerhalb eines Jahrzehnts die Armut ausrotten«, folgern Pinkovskiy und Sala-i-Martin.

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Emergente Christologie

Vor einer Weile habe ich hier skizziert, wie mein Doktorvater Berndt Hamm den aus der Biologie und Systemtheorie entlehnten Begriff der Emergenz gewinnbringend auf die Kirchengeschichte angewandt hat, und schon vor längerer Zeit darauf verwiesen, dass er auch bei Michael Welker in der Pneumatologie erscheint.

Nun habe ich in den letzten Tagen über der Christologie gebrütet und dazu einen Aufsatz in diesem Sammelband von Hans-Joachim Eckstein gelesen, wo er beschreibt, wie sich innerhalb kürzester Zeit, sprich: schon in den frühen Paulusbriefen, Ansätze einer „hohe Christologie“ herausgebildet haben, die den christlichen Gottesbegriff radikal verändert haben gegenüber dem jüdischen Mono- und dem heidnischen Polytheismus.

Und wieder ist es die innovative Verknüpfung zweier längst vorhandener Traditionen, die die Grundlage dafür bildet: Auf der einen Seite stehen Messias, Menschensohn, Gottesknecht – also die Erwartung, dass Gott durch konkrete Personen geschichtlich handelt und das Schicksal der Welt wendet -, auf der anderen Seite die Weisheit Gottes, die ewigen Ursprungs ist und an der Erschaffung der Welt beteiligt, auch wenn sie im Judentum nicht als richtig eigenständiges Wesen gedacht wird. Nur so war es möglich, die (durchaus später noch auftretenden) falschen Alternativen des Adoptianismus (der wäre so neu nicht gewesen in der Antike) oder des Modalismus (Gott verkleidet sich vorübergehend als Mensch) zu vermeiden.

Freilich geschah dies erst im Rückblick auf das Leben, den Tod und die Auferstehung Christi. Wie das Staunen der Jünger und der Protest der Pharisäer, Priester und Schriftgelehrten zeigt, waren zwar die Puzzleteilchen dafür zwar längst vorhanden, niemand aber hatte sie bis dahin in dieser Form zusammengesetzt und nicht jeder fand die neue Konstellation großartig. Exakt diese spannungsreiche, dynamische Verbindung von Kontinuität und Diskontinuität ist es, was der Begriff „Emergenz“ bezeichnet. Ein paar Jahrhunderte später erfindet die Kirche dafür dann den Begriff der Dreieinigkeit.

Nach vorn gedacht bedeutet das, dass Theologie durchaus zu neuen Deutungen und Begrifflichkeiten kommen kann, die nicht etwa ein Abfall von der bekannten Wahrheit sind, sondern ein tieferes Verstehen ermöglichen und alte Alternativen überwinden – also auch hier ein „dritter Weg“. Manchmal muss man wohl auch alle vorhandenen Traditionen zusammenbringen und neu kombinieren, um dem gerecht zu werden, was Gott in der Welt tut. Und um noch einmal auf Hamm und die Reformation zurückzukommen: Manchmal ist die Zeit dafür einfach reif.

Ob das auch auf unsere Situation zutrifft, wissen wir dann in fünfzig Jahren…

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Machtrausch, Marken und Moneten

Seit einer ganzen Weile schon beschäftigt mich das Stichwort „Ökonomisierung“. Das ist ein gesellschaftliches Phänomen, das sich überall beobachten lässt. Wirtschaftliche Kriterien werden immer häufiger in den verschiedensten Lebensbereichen angelegt, zum Teil sicher auch deswegen, weil uns ethische Kriterien als zu unscharf und zu wenig „eindeutig“ erscheinen und wir meinen, nüchterne Zahlen sprächen eine klare Sprache, zum anderen, weil ideologische Diskussionen und weltanschauliche Grabenkämpfe verfahrene Situationen produziert haben, und schließlich, weil so mancher einstmals unumstrittene Maßstab längst individueller Beliebigkeit gewichen ist.

Familie, Liebe, Partnerschaft und vor allem Kinderwunsch und Geburtenrate werden immer stärker in ökonomischer Begrifflichkeit von kurz- und langfristigen Kosten und deren Kompensation beschrieben und analysiert, im Bereich der Zuwanderung rechnet Sarrazin uns beängstigende Zahlen vor und andere rechnen engagiert dagegen, kaum jemand stellt jedoch in Frage, ob das Rechnen denn die höchste Bürgerpflicht ist. Und in der Klimadebatte geht es nicht zuerst um aussterbende Spezies und das Elend der Opfer von Flut und Dürre, sondern ein paar Schlaumeier rechnen sich hier und da äußerst zweifelhafte Vorteile heraus.

In diesen Tagen zog die Studie „Deutsche Verhältnisse 2010“, die weltweit größte Vorurteilsstudie, laut Tagesschau.de das deprimierende Fazit, dass Deutschland nicht nur momentan ganz physisch, sondern langfristig und konstant sozial vereist:

Wer eine ökonomistische Sichtweise teilt – also Menschen nach ihrem Nutzen beurteilt – neigt der Studie zufolge deutlich eher zur Abwertungen schwacher Gruppen. Der Zusammenhang ist bei denen besonders hoch, die sich selbst „oben“ verorten. Insgesamt sei „eine ökonomistische Durchdringung sozialer Verhältnisse zu registrieren“.

Aber selbst wenn man in die Kirchen schaut, wird auch überall gerechnet, gerechnet, gerechnet. Die großen Kirchen errechnen Stellenpläne, die entlang demografischer Kurven schrumpfen müssen, und am manchen Orten hat sich längst eine Art Dienstleistungsekklesiologie etabliert, wo man sich als Anbieter religiöser Waren und Leistungen versteht und aus der Nachfrage nach solchen Dingen die Existenzberechtigung der Institution wie auch ihrer Strukturen (hier vor allem der Kirchensteuer) ableitet.

In evangelikalen Gemeinschaften und den verschiedenen Freikirchen sieht man die große Institution eher kritisch, meidet tendenziell ein allzu unverbindliches Verständnis von „Dienstleistung“, hat aber das trojanische Pferd der Ökonomie von der anderen Seite her in die Stadt geschoben: Möglichst kräftiges quantitatives Wachstum wird häufig unreflektiert zum Kriterium von Erfolg und Qualität gemacht, „Kennziffern“ orientieren sich an der Zahl der Köpfe. Statt der Institution wird nun die Firma zur heimlichen Metapher, die Leiter sind nun nicht mehr Gelehrte – oder seit den 70er Jahren auch sehr verbreitet: Therapeuten –, sondern Manager und Unternehmer. Wachstumskonzepte werden (ohne das transparent zu machen) aus dem Marketing geklaut (zum Beispiel kopiert der unselige G12-Ansatz einen Strukturvertrieb). Wie in der „realen Wirtschaft“ entsteht auch hier ein Verdrängungswettbewerb mit alle möglichen ungesunden Zwängen. Plötzlich muss man sich zum Beispiel um das Image der „Marke XY“ sorgen. „Mission“ wird unter der Hand zum Vertriebsproblem: Wie bringt man das Evangelium so an den Mann, dass es sich für die Organisation auszahlt?

Andere Denkweisen sind also gefragt: Will man Kirche/Gemeinde „organisch“ denken darf man nicht nur auf exponentiale Reproduktionskurven abfahren (da wären wir wieder beim Schneeballsystem des Strukturvertriebs), sondern man muss sie eher als Ökosystem innerhalb eines größeren Ökosystems denken. Nach innen wie nach außen muss ein fruchtbarer, nachhaltiger Austausch stattfinden. Vor allem muss der Punkt herauskommen, der Paulus zu seinem organischen Vergleich in 1.Kor 12 veranlasst hat: Niemand ist minderwertig oder überflüssig. Auch nicht die, die die neuesten kirchlichen Erfolgstrends ignorieren oder verschlafen haben.

Meine grundlegende Sorge aber ist die: Wenn wir ökonomische Metaphern weiter in diesem Maß akzeptieren, werden sie unsere Gedanken und Diskussionen beherrschen – und schließlich pervertieren. Wir müssen uns von ihnen befreien. Und in einer Gesellschaft, die das schon längst exzessiv tut, müssen wir unbedingt gegen den Strom schwimmen, wenn wir das Evangelium nicht – nicht einmal mit dem besten Absichten – verraten wollen. Im Magnificat finden wir dazu eine Ahnung von Gottes alternativer, weil barmherziger Ordnung, die die Schwachen nicht ab- sondern aufwertet. Ganz einfach deshalb, weil er sie erwählt hat, und weil in dieser Erwählung Nützlichkeitskriterien keine Rolle spielen:

Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er lässt die Arroganten ins Leere laufen;

er kippt die Mächtigen aus ihren Chefsesseln und erhöht die Niedrigen.

Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.

Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen, das er unsern Vätern verheißen hat,

Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.

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Weite Wege und feine Unterschiede

Diese Woche las ich die bekannten Verse aus Matthäus 18:

Jesus sagte zu seinen Jüngern: Was meint ihr? Wenn jemand hundert Schafe hat und eines von ihnen sich verirrt, lässt er dann nicht die neunundneunzig auf den Bergen zurück und sucht das verirrte? Und wenn er es findet – amen, ich sage euch: er freut sich über dieses eine mehr als über die neunundneunzig, die sich nicht verirrt haben.

Beim Lesen erinnerte ich mich an folgende Aussage in Matthäus 23,15:

Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr zieht über Land und Meer, um einen einzigen Menschen für euren Glauben zu gewinnen; und wenn er gewonnen ist, dann macht ihr ihn zu einem Sohn der Hölle, der doppelt so schlimm ist wie ihr selbst.

und fragte mich: Was genau unterscheidet nun das eine vom anderen? Missionseifer und die Bereitschaft, weite Wege zu gehen jedenfalls nicht. Gilt hier also: Wenn zwei das Gleiche tun, ist es deshalb noch lange nicht das Gleiche…?

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Weisheit der Woche: Gedanken-Gänge

Wenn ganz Deutschland jeden Tag für eine Stunde nicht kommunizieren würde, dann hätten wir hier den größten Innovations- und Kreativitätsschub, den man sich vorstellen kann.

und:

Der Physiker Hermann von Helmholtz sagte einmal, er könne überhaupt nur im Gehen denken. Ich erlebe das ähnlich: Im Gehen kommen mir die besten Ideen.

Der Forscher Ernst Pöppel in einem lesenswerten Artikel auf Zeit online

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Die Spargefahr

Noch tagen sie in Cancun, aber auch der kleine Mann darf ja überlegen, wie man Strom spart und das Klima schont. Wobei auch das eine zwiespältige Sache sein kann. Wir haben im Treppenhaus eine Birne gegen eine Sparlampe ausgetauscht – blöderweise ein NoName-Produkt – und wenn man nun schnell von einem Stockwerk ins andere will, muss man sehr vorsichtig gehen, weil das Teil Minuten braucht, um die volle Leuchtkraft zu erreichen. Bis dahin bin ich schon entweder gestolpert oder oben und schalte wieder aus. Auf Dauer viel zu gefährlich. Aber wenn man die Lampen im Geschäft sieht, brennen sie meistens schon und sind natürlich auch gleich wieder voll da, wenn man sie kurz ausknipst und wieder einschaltet. Edison würde sich im Grab umdrehen bei diesem Ramsch.

In einem anderen Zimmer habe ich eine Lampe mit Sparbirnen montiert, und es passen da nur Produkte eines Billiganbieters hinein. Die sind zwar nur halb so teuer wie das Markenprodukt mit gleicher Leistung, leider haben sie, wie sich herausstellte, auch weniger als ein Viertel der Lebensdauer (und müssen dann in den Sondermüll…) – und sie machen auch gar kein schönes Licht. Also kaufen wir ab jetzt nur noch die des großen Markenherstellers mit den orangen Packungen, trotz Premium-Preis. Alles andere wäre am falschen Ende gespart. Und von der Lampe mit den Sparbirnen aus der blau/grünen Packung habe ich die Schirmchen abmontiert, da kommen jetzt „gescheite“ Leuchtmittel hinein. Das sind wir dem Advent schuldig…

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