Barmherziger ist gerechter

Eine Welle der Anteilnahme hat gestern die Nachricht ausgelöst, dass Rick Warrens jüngster Sohn sich das Leben genommen hat. Die Familie Warren, die für ihren Sohn lange gekämpft und mit ihm gelitten hat, hat das ebenso verdient wie viele andere, weniger bekannte Menschen, die mit dem Suizid eines Angehörigen zurecht kommen mussten und müssen. Die meisten von uns kennen betroffene Familien und wir alle ahnen, was für ein schwerer Schatten damit auf ihr Leben gefallen ist.

Freilich ist diese positive Anteilnahme in der Geschichte christlicher Moralvorstellungen ein relativ junges Phänomen. In früheren Zeiten wurden Selbstmörder nicht kirchlich bestattet oder zumindest nicht in „geweihter Erde“. Familien fürchteten die Schande und das böse Gerede der anderen und deshalb wurden viele Selbstmorde geleugnet oder vertuscht. Trauern musste man dann ganz heimlich. Heute schütteln wir – völlig zu Recht – darüber nur noch den Kopf.

Theoretisch kann man mühelos „biblisch“ begründen, warum es eine Sünde ist, sich das Leben zu nehmen. Aber wird man damit der konkreten Situation und vor allem Motivation dessen gerecht, dem seine Lage womöglich so ausweglos erscheint, dass er keine andere Lösung findet? Und hilft man mit der kategorischen Verurteilung und der sozialen Ächtung einer solchen Tat (und damit auch der Person, die sie begeht und sich nicht mehr von ihr distanzieren kann) denen, die mit den Folgen leben müssen und sich ohnehin oft genug schon mitschuldig am Tod des geliebten Menschen fühlen?

Wie gesagt, das alles muss man zum Glück kaum noch jemandem erklären. Die Frage wäre, ob man diesen Fortschritt nun noch auf ein paar andere Situationen übertragen könnte, wo das mit der Annahme und Barmherzigkeit und dem Aussetzen des Urteils noch nicht so gut funktioniert.

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Risiken und Nebenwirkungen der Reformation

Neulich habe ich Iain McGilchrists kritische Perspektive auf Wesen und kulturelle Wirkung der Reformation hier skizziert. Wer das interessant fand, hat vielleicht auch Spaß an dieser Vorlesung des US-Historikers Brad S. Gregory, der die Reformation indirekt und unbeabsichtigterweise für etliche Charakteristika unserer westlichen Zivilisation verantwortlich macht, allen voran den „Hyperpluralismus“ – die unvermittelte Gleichzeitigkeit widersprüchlicher Wahrheitsbehauptungen. Was unsere Gesellschaften heute de facto einzig noch verbindet, sind die Ausrichtung auf Konsum und materiellen Wohlstand. Religion ist dagegen ausgerechnet durch die gesellschaftliche Wirkung der Reformation zur Privatangelegenheit geworden, die abgelöst vom übrigen Leben persönlichen Präferenzen überlassen bleibt.

Wenn er Recht hat, dann wäre die konservative Vorstellung, der Rekurs auf die Theologie der Reformatoren, allem voran auf das Schriftprinzip, sei der Weg zur verloren gegangenen Einheit des Glaubens, eine tragische Illusion. Ob er Recht hat, darüber lässt sich streiten. Aber vorher muss man ihm erst einmal zuhören, und das ist bei der gehobenen Sprache und dem vorgelegten Tempo keine Kleinigkeit.

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Torn (12): Die Spannung offen aushalten

Im Schlusskapitel von Torn bringt Justin Lee nach den schon beschriebenen Ratschlägen noch einen weiteren wichtigen Gedanken ins Spiel. Christen, die zu ihrer Homosexualität stehen, sagt er, sollten ihren Platz in der Kirche finden. Er selbst habe sich immer gefragt, ob Gott etwas mit ihm anfangen könne, obwohl er doch homosexuell sei. Nun sieht er, dass er nicht trotz, sondern wegen seiner Orientierung etwas Besonderes zu geben hat.

Christen wie er können dazu beitragen, die schon ausführlich thematisierte Kluft zwischen den beiden „Lagern“ zu überwinden. Viele haben tiefe Krisen und Zweifel durchlebt, und haben dabei zu inneren Klärungen und einem tieferen Gottvertrauen gefunden. Und weil viele von ihnen auch unter den Zuständen in den Kirchen gelitten haben, können sie einen authentischen Beitrag zur Versöhnung leisten.

Dazu müssen sie sich aber auf allen Ebenen des Gemeindelebens einbringen dürfen, was zu erheblichen Spannungen führen kann, wenn etwa ein homosexuelles Paar auf eine Gemeinde trifft, die davon überzeugt ist, dass die beiden zölibatär leben sollten. Oft wird in diesem Zusammenhang dann auf 1.Korinther 5 Bezug genommen, wo Paulus darauf beharrt, dass Christen sich in einem Umfeld, dass sie misstrauisch beäugte, moralisch tadellos verhalten sollten. Heute ist in westlichen Ländern die Situation freilich umgekehrt: Kaum jemand lauert auf eine Chance, Christen als moralisch verwerflich zu diskreditieren, vielmehr werden konservative Christen als strenge Moralapostel gemieden. Der gesellschaftliche Konsens, dass Homosexualität prinzipiell „falsch“ sei, bricht momentan überall zusammen, allmählich auch unter Evangelikalen.

Statt in 1.Korinther 5 liefert uns Paulus den Schlüssel zum richtigen Umgang mit unterschiedlichen moralischen Urteilen in Römer 14, wo Paulus dazu aufruft, dass die verschiedenen Seiten einander erlauben, ihrem Gewissen zu folgen. Selbst unter homosexuellen Christen gibt es unterschiedliche Positionen, die im Gay Christian Network miteinander ins Gespräch gebracht werden. Es gibt durchaus gleichgeschlechtliche Paare, die sich aus bewusst einer Gemeinde angeschlossen haben, die ihre Beziehung offiziell nicht unterstützt, weil sie sich dorthin von Gott gerufen sehen.

Damit das gelingt, muss man sich im Dialog üben: Eltern müssen lernen, ihren homosexuellen Kindern zuzuhören, statt voreilige Schlüsse zu ziehen. Schwule und lesbische ChristInnen sollten mit ihren Verwandten und Freunden Geduld haben, unüberlegte Äußerungen nicht auf die Goldwaage legen, und ehrlich von den eigenen inneren Kämpfen reden. In Gemeinden und zwischen Gemeinden gilt es, offen und ohne Druck ins Gespräch zu kommen über die unterschiedlichen Standpunkte.

Das ist Christen ja generell aufgetragen: den Anderen ernsthaft verstehen zu wollen, auch wenn man selbst noch nicht verstanden wird – etwa, indem wir Vorurteile aussetzen und die Sprache des anderen lernen. Das bedeutet sich den Verzicht auf die eigene Meinung, aber die Bereitschaft, sie als etwas Vorläufiges zu betrachten. Schließlich haben wir täglich mit Menschen zu tun, die in vielen Fragen ganz anderer Auffassung sind als wir selbst. Wenn wir einander im Licht der Gnade sehen, dann treten diese Unterschiede zurück und die Gemeinsamkeiten rücken in den Vordergrund.

Ich hoffe, der Kurzdurchgang hat gezeigt, dass sich die Lektüre von Torn lohnt. Momentan ist leider kaum zu erwarten, dass sich ein evangelikaler Verlag an eine Übersetzung wagt. Das allein zeigt natürlich auch, wie tief die Gräben derzeit noch sind. Aber es muss ja nicht ewig dabei bleiben.

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Alles drin!

Mir ist das auch nicht immer in allen Einzelheiten bewusst, aber es lohnt sich, hin und wieder einmal kurz durchzubuchstabieren, wie sich ganze Geschehen von Passion und Ostern im Abendmahl verdichtet:

Da ist der Gründonnerstag mit den Vorbereitungen für das Mahl, und auch jede Abendmahlsfeier hatte ihre Vorbereitung bis hin zur Herstellung von Brot und Wein. Schon die scheinbar profanen Handgriffe, die kaum jemand mitbekommen hat, sind Teil dieses geistlichen Ereignisses.

Dann ist da das Abschiedsmahl selbst, in dem Jesus sein bevorstehendes Leiden mit der Erinnerung an den ersten und der damals sehr lebendigen Hoffnung auf einen neuen Exodus verbindet. Zuvor hatte er schon am Tempel und in Jerusalem deutlich gemacht, dass der eigentliche Feind nicht die Römer waren und sich Licht und Finsternis nicht einfach auf den Kontrast von Juden und Nichtjuden hin deuten ließ. Die Heilsgeschichte ließ sich nur dann aus der Blockade befreien, wenn Israel sich den eigenen Schatten stellt und statt gewaltsamer Vergeltung gewaltlose Versöhnung mit Gott und dem Feind sucht. Jesus identifiziert, fernab des Tempels, wo die Opfer stattfanden, die beiden alltäglichsten Elemente dieses Mahls, Brot und Wein, mit seinem Leib und Blut. Blut steht für Leben und Lebenskraft, der Leib für die ganze Vielfalt der konkreten Beziehungen und der einzigartigen Geschichte, die Jesus ausmachten.

Der Weg ins „gelobte Land“ oder das Kommen des Reiches Gottes führt durch Finsternis, Leid, Einsamkeit, Schmerz und Tod – für Jesus selbst, aber auch für viele seiner Nachfolger. So wie der Weg, den Mose seine Landsleute geführt hatte, am Ufer des Schilfmeers anscheinend auch in den sicheren Untergang führte. Daher verlassen Jesus und seine Jünger das Haus wieder und ziehen in den Garten Gethsemane, wo die Jünger vergeblich mit dem Schlaf ringen während Jesus sich einsam der Todesangst stellt.

Es folgen die Ereignisse der Karfreitags – eine lange Kette psychischer und physischer Gewalt, in der der Leib gebrochen und das Blut vergossen wird und sich der Himmel in der Todesstunde verdunkelt. Aber das ist auch der Augenblick, wo der Vorhang zum Allerheiligsten reißt und die Toten sich rühren. Einen Moment lang wackelt die gewohnte Ordnung der Wirklichkeit mit ihren säuberlichen Trennungen.

Und etwas mehr als eine vollen Erdumdrehung später zeigt sich, dass das Beben einen epochalen Umbruch angedeutet hatte. Der macht sich zunächst negativ bemerkbar – am leeren Grab. Er wird begleitet von weiteren Erscheinungen, statt der Toten sind es aber nun Engel. Die tauchen bevorzugt an den großen Wendepunkten von Gottes Geschichte auf. Und schließlich tritt mit dem auferstandenen Jesus der „Prototyp“ einer neuen Wirklichkeit mitten in den Raum (beziehungsweise ans Ufer des Sees) und lädt seine völlig überraschten Jünger zum Essen ein. Da schließt sich der Kreis.

So wie sich Israel beim Passah nicht einfach nur erinnerte, sondern in der Feier den Auszug aus der Sklaverei im Blick auf die verheißene Zukunft vergegenwärtigte, so vergegenwärtigt das Abendmahl diesen Weg Jesu und seine bleibende Gegenwart, die keine rein „geistige“ und damit „reine“ und eben auch abstrakte, sondern (darauf beharrte Luther stur bis zum Abwinken) eine leibliche Gegenwart ist, eine Gegenwart mitten in den Wehen und Wirren unseres Lebens, dessen Gastgeber er ist. Deshalb kehren wir, so oft wie es geht, an seinen Tisch zurück, an dem seine Geschichte auch unsere Geschichte wird, sein Tod unser Tod ist und sein Leben in unserem Leben eine neue Richtung, Entschlossenheit und Hoffnung zur Geburt bringt.

Das Abendmahl ist das Konzentrat der biblischen Heilsgeschichte von Mose bis zum Tag X. Mit einfachsten Mitteln und ganz wenigen Worten, die niemanden überfordern – und doch von einer Tiefe, die wir auch nach Jahrzehnten des Feierns noch nicht völlig ergründet haben.

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Es gibt eine Alternative

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Ein bewegtes Osterwochenende neigt sich dem Ende zu. Am Gründonnerstag und Karfreitag hatten wir über 1.800 Gäste im Henninger-Keller. Im Bericht der Erlanger Nachrichten gestern hieß es am Ende, viele hätten auch nach dem Verlassen des Kreuzwegs noch geflüstert (leider waren aber nicht alle so leise…). Immerhin – es war auch sehr bewegend zu sehen, wie viele Eltern ihren Kindern die Leidensgeschichte erklärt haben. Vielleicht setzen sich diese Gespräche aus dem Keller in den Familien ja noch weiter fort.

Die vierte Kreuzwegstation beschreibt die Begegnung zwischen Jesus und seiner Mutter Maria. Hier sieht man unsere bildhafte Umsetzung aus diesem Jahr: eine Fotomontage, die auf die Kellerwand projiziert wurde. Für mich war sie besonders persönlich, weil mein Sohn das Schild hält auf dem Foto (das Jesusgesicht in der Endmontage ist freilich ein anderes). Es hat mich schon die ganze Karwoche über begleitet.

Den Kindern anderer Menschen Gewalt anzutun ist eine der übelsten Formen des Terrors – etwas, das im Repertoire der organisierten Kriminalität ebenso wie bei zahlreichen Diktatoren auftaucht. Dagegen kann man sich noch weniger wehren als gegen Schmerz, den man am eigenen Leib spürt. Es ist eine doppelte Geiselnahme: Auch der, der körperlich unversehrt bleibt, wird zum Opfer von Folter und Erpressung.

Maria folgt trotz dieser Qualen ihrem Sohn durch diese letzten Stunden; sie ist deshalb auch eine der Frauen, denen der Auferstandene an Ostern zuerst begegnet. Und damit ist sie für alle Christen ein Vorbild: Wer in der Nähe des Leidenden bliebt, der wird auch Zeuge der Macht Gottes über den Tod. Wer sich abwendet, wer sich raushält, wer sich zurückzieht, der verpasst das Wichtigste.

Dass dieses schmerzhafte Dranbleiben auch eine politische Dimension hat, hat Jakob Augstein heute in seiner Kolumne auf SPON herausgestellt:

Man muss kein Christ sein um die Bedeutung der Auferstehung schätzen zu lernen. Die Auferstehung ist der Sieg des utopischen Denkens. Und zwar im Diesseits. Nicht in irgendeinem Wolkenkuckucksheim. Das ist der Triumph der Utopie über die Hoffnungslosigkeit des Todes. Der Tod kommt daher wie ein Finanzkapitalist und sagt „There is No Alternative“ – und dann straft die Auferstehung Christi diese Worte Lügen. Das ist unerhört. Es gibt eine Alternative.

Wir sind gewiss nicht immun gegen Schmerz; aber die Hoffnung darauf, dass das Leid nicht das letzte Wort hat, kann uns weniger erpressbar machen. Frohe Ostern!

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Wahnsinnig interessant

Ein ausgesprochen spannender TED-Talk des Journalisten Jon Ronson über Geisteskrankheit, seelische Gesundheit, einseitige Wahrnehmungen, vorschnelle Urteile und die Schwierigkeit, hier überhaupt eine klare Unterscheidung zu treffen.

Wer erst einmal im Verdacht steht, ein Psychopath zu sein, kann eigentlich fast nichts mehr richtig machen. Ist das Fazit zu pessimistisch? Es klingt jedenfalls fast wie ein Kommentar zum Fall Mollath.

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Oster-Giveaway

Der adeo-Verlag hat mir eine große Kiste mit Restexemplaren von Kaum zu fassen geschickt. Es sind mehr als ich in den nächstem Monaten allein verschenken kann, daher darf jeder mithelfen, der möchte. Unsere Aufgabenteilung bei dem Projekt lautete: Autor schreibt, Verlag verkauft. Als ich den Text einreichte, war das Echo vom Lektorat sehr positiv. Beim Cover und Titel habe ich mich nach einer Diskussion und unter Zeitdruck auf den Sachverstand der Profis verlassen. Was nun genau nicht so recht gelungen ist, Inhalt oder Verpackung, das darf jeder Leser selbst entscheiden (und gern die Leseprobe bzw. die Amazon-Rezensionen dazu lesen).

Das Buch ist eine Einladung an denkende Zeitgenossen, sich mit dem christlichen Glauben zu befassen – und für Christen, das Ganze mal wieder neu zu reflektieren. Dran schrieb dazu: „Ein kreativer, unkonventioneller Reisebegleiter in den Glauben. Gut zum Verschenken, aber auch zum eigenen kritischen Weiterdenken!“

Diese Woche haben wir ein paar hundert Stück bei Gott im Berg verschenkt. Zu Karfreitag und Ostern gibt es jeweils ein ganzes Kapitel, insofern bot sich das an. Und weil noch eine große Kiste übrig ist, wird feste weiter verschenkt. Wer mir einen frankierten und adressierten Rückumschlag schickt, bekommt ein Exemplar umsonst. Einzige Bedingung ist, dass Ihr es entweder selber lest oder es an andere verschenkt (oder beides).

Ein Exemplar wiegt 257 Gramm, in eine Büchersendung passen (je nach Gewicht des Umschlags) ein (Groß) oder drei Stück (Maxi). Bitte schickt die Umschläge ins Büro: ELIA, Obere Karlstr. 29, 91045 Erlangen, denn da liegen die Bücher. Ich tüte sie dann ein und schicke sie zurück.

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Verschämt

Eben habe ich eine Bildzeitung gekauft. Streng dienstlich natürlich. Ich muss Buchstaben ausschneiden und aufkleben. Nichts Kriminelles, falls jemand das befürchtet. Wäre ja auch nicht klug, das im Internet zu veröffentlichen.

Doch wie war ich froh, dass es schon dunkel wurde und so kalt war, dass kein Nachbar mich dabei beobachtete, wie ich zu dem Automaten ging und das Machwerk herausholte. Vielleicht könnten man noch braune Papiertüten dazulegen?

Kaum war ich wieder zuhause und hatte die Schere herausgekramt, kam mein Sohn herein und runzelte die Stirn. Was ich mit der Zeitung wolle, und ob das nicht wahnsinnig peinlich sei, hoffentlich hätte mich niemand gesehen. Ich versicherte, die Aktion sei unbemerkt vonstatten gegangen und klebte weiter.

Es gibt Augenblicke, da ahnt man, dass Erziehung und Vorbild doch nicht ganz vergebens waren…

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Tod einer Subkultur?

Schon vor ein paar Monaten fragte Tony Campolo in diesem Blogpost, ob der Evangelikalismus vor der Spaltung stünde. Die Differenzen sieht er in der Frage nach dem sozialen Engagement in der Gesellschaft vs. einer Ausrichtung auf das ewige Heil (und die zu dessen Erlangung nötige Moral!), im strengen oder weniger streng wörtlichen Bibelverständnis, in Fragen der Liturgie und in der unterschiedlichen Haltung zur Politik der republikanischen Partei.

Nun hat Roger Olson in einem ausführlichen Artikel erläutert, dass es die evangelikale Bewegung nicht mehr gibt, nur noch ein evangelikales „Ethos“. Theologisch ist der Dialog zwischen den unterschiedlichen Richtungen, die sich in den letzten 20 Jahren entwickelt haben, praktisch zum Erliegen gekommen. Konkret nennt er

  • die Neofundamentalisten, etwa der Gospel Coalition (dt: Evangelium 21)
  • eine Mittelpartei, deren Sprachrohr Christianity Today ist (das wäre in Deutschland vielleicht „Aufatmen“)
  • und schließlich postkonservative Evangelikale (z.B. Scot McKnight, Frost und Hirsch wären sicher auch in dieser „Schublade“)

Das evangelikale Ethos besteht für Olson – stichwortartig formuliert – aus Bibelfrömmigkeit, Bekehrungsglauben, Kreuzestheologie und sozialem/missionarischem Aktivismus plus einer hohen Achtung der reformatorischen Tradition. Es reicht aber nicht mehr aus, um einheitlich in der Öffentlichkeit aufzutreten oder sonst irgendwie an einem Strang zu ziehen.

Zuletzt hat sich nun Rob Bell zu den Wandlungen und Spannungen geäußert. In einem Interview bei der Grace Cathedral in San Francisco sagte er:

Ich denke, wir sind Zeugen des Todes einer bestimmten Subkultur, die nicht funktioniert. Ich denke, es ist eine sehr enge, politisch verfilzte, kulturell abgeschottete evangelikale Subkultur, der man gesagt hatte „wir verändern das Ding“, aber es kam anders. Und das hat viele Leute abgeschreckt. Und ich denke, wenn man einer Subkultur angehört, die im Sterben liegt, macht man viel mehr Lärm, weil es so weh tut.

Entweder stirbt man, oder man passt sich an. Und wenn man sich anpasst, bedeutet das, dass man sich der Art und Weise stellt, wie wir über Gott geredet haben, und die Menschen eigentlich nicht liebevoller und barmherziger hat werden lassen. Wir haben politische Maßnahmen und Weltbilder gefördert, die in Wahrheit destruktiv sind. Und wir haben das im Namen Gottes getan und müssen uns davon abwenden.

In Deutschland ist die Lage anders und überschaubarer, aber eben nicht völlig anders. Sterbe- und Anpassungsprozesse gibt es auch hier. Wie die jedoch verlaufen, das wird eine spannende Frage sein in den nächsten Jahren.

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Bemerkenswerte Selbstkritik

Vor ein paar Wochen lief Töte zuerst auf Arte und in der ARD. In den letzten Tagen hatte ich zwischendurch Zeit, die Aufnahme in mehreren Etappen anzusehen. Der Film dokumentiert die Geschichte des Schin Bet, Israels Inlandsgeheimdienst, und dessen unbarmherzigen Kampf gegen den Terror – den palästinensischen zumindest, denn militante jüdische Fanatiker wurden vom Parlament nach kurzer Haft begnadigt.

Dabei kommen mehrere ehemalige Chefs zu Wort, die wenig Gutes über die Besatzungspolitik ihres Staates zu sagen haben. Wie klar und reflektiert sie reden, das verdient großen Respekt (erst Recht, wenn man das mit unseren pannen- und skandalgeplagten Verfassungsschützern vergleicht). Hoffnungsvoll klingt keiner von ihnen, aber immerhin wird klar: Es gibt schlicht keine Alternative zu Friedensgesprächen, und man muss mit allen reden, selbst mit dem Iran.

Die derzeitige Führung scheint daran kein großes Interesse zu haben, wie die verhaltenen Reaktionen auf Obamas Werben für den Friedensprozess zeigen. Benjamin Netanjahu soll sich geweigert haben, den Film überhaupt anzuschauen. Am 16. April wird er auf Arte wiederholt, wer ihn noch nicht gesehen hat, sollte unbedingt einschalten oder den Aufnahmeknopf drücken.

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Wenn Schweigen nicht weiter hilft

Und noch eine Gesprächsrunde mit Miroslav Volf in Berlin. Viele spannende Fragen wurden aufgeworfen. Zwischendurch spricht einer aus der Runde die demnächst zu erwartende Gleichstellung homosexueller Lebensgemeinschaften an und bemerkt, dass viele Christen gar keine Stellung nehmen und dass die wenigen konservativeren Stimmen, die öffentlich sagen, dass sie da nicht mitkönnen, in den Medien heftig Prügel beziehen. Wie sollten sich Christen in dieser Situation verhalten?

Es war nicht die Frage nach der „richtigen“ und der „falschen“ Position, sondern eher das Erschrecken über die Sprachlosigkeit in einer Frage, die gerade ganz Europa (und die USA) bewegt: Kürzlich berichtete SPON, dass laut ARD Deutschlandttrend sogar die Mehrheit der CSU-Anhänger für die „Homo-Ehe“ sei. Die Parteiführung positioniert sich (momentan – das muss man bei Horst Seehofer ja immer einschränkend dazu sagen) jedoch dagegen, mit Rücksicht auf ihre konservativeren Wähler. Wohl um zu verhindern, dass diese an der schwankenden Haltung der Union verzweifeln, hat es CSU-General Dobrindt dann auch gleich wieder in gewohnter Manier krachen lassen. Den Satz mit der „schrillen Minderheit“ hat er wohl beim politischen Aschermittwoch nicht mehr im Manuskript unterbringen können (nebenbei ist eine ganz eigene Problematik dabei in der katholischen Kirchen entstanden, wie dieser Artikel von David Berger bei Zeit Online zeigt).

In der Gruppe ließ sich das Ganze nicht mehr ausdiskutieren, auch nicht die verschiedenen Ausgrenzungstendenzen, die es allerorts befördert. Nachdem unser Oberthema jedoch die Versöhnung war in diesen Tagen habe ich mich gefragt, ob es nicht ein echter Beitrag zur gesellschaftlichen Diskussion wäre, wenn Christen ihre unterschiedlichen Positionen untereinander in aller Offenheit, mit der angemessenen intellektuellen Redlichkeit und Sorgfalt und in versöhnlichem Ton diskutieren könnten, ohne dass der Konservative gleich als „homophob“ betitelt wird und ohne dass der Progressive (ich weiß, die Kategorien sind unbefriedigend) sich anhören muss, er habe die „biblische Wahrheit“ verraten.

Die Differenzen in der Sache werden wir damit ziemlich sicher nicht lösen, aber vielleicht braucht unsere Gesellschaft auch viel dringender ein Modell, wie man Streitfragen respektvoll behandelt, als eine „richtige“ Antwort, mit der man gleich wieder siegesgewiss auf andere losgehen kann? Mehrheitsbeschlüsse sind eine Sache, die andere ist, wie man einen Raum schafft, in dem ein echter Konsens entstehen kann, wenn der bisherige nicht mehr trägt. Und hoffentlich gelingt das dann besser als Dobrindt und Seehofer das in bewährt taktierender good-cop/bad-cop-Manier derzeit vorführen, weil mal wieder Wahlen anstehen.

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Wohltäter und Opfer?

Wir hatten gestern Abend ein interessantes Gespräch in Berlin über die unterschiedlichen Aspekte der „Wiedervereinigung“ und die daraus bis heute resultierenden Spannungen. Irgendwann sagte Miroslav Volf dann, Deutschland und Frankreich seien ja ein Musterbeispiel für nationale Versöhnung, aber lasse sich eigentlich das klassische Muster von Versöhnung – das wir in Marburg zwei Tage lang diskutiert hatten – auf den Osten und Westen Deutschlands anwenden?

Und tatsächlich ist die Situation eine andere. Es gibt keine nahezu ebenbürtigen Feinde, die sich nach vielen Kriegen dauerhaft versöhnen, sondern einen großen Bruder, der dem deutlich kleineren irgendwie aus der Patsche helfen musste und sich nun wundert, das der daran auch noch etwas auszusetzen hat. Es geht nicht um eine Täter-Opfer Beziehung, sondern um eine Wohltäter-Opfer-Beziehung. Die ist ungleich schwerer zu klären, weil der Wohltäter ja subjektiv nur das Beste wollte oder das zumindest gern so sieht und zurückgespiegelt bekommen will.

Aber wir kennen ja alle diese Situationen, wo jemand nur das Beste für uns wollte und uns seine – keineswegs immer passenden – Lösungen für unsere wahren oder auch nur vermeintlichen Probleme übergestülpt hat. Wo es dann aber kaum möglich war, das anzusprechen, weil der Wohltäter dann empört oder zumindest mit Unverständnis reagierte auf diesen Undank. Fast jeder hat schon erlebt, dass jemand ihn mit den besten Absichten vereinnahmt hat. Solche Erfahrungen könnten als Schlüssel für ein Gespräch dienen, in dem die unguten Gefühle unverblümt benannt, die komplementären Rollen kritisch betrachtet werden – und wo man sich allmählich von beidem lösen kann.

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Die Ferne zu den anderen

Die Ferne zu den anderen … wird noch einmal größer, wenn uns klar wird, dass unsere Gestalt den Anderen nicht so erscheint wie den eigenen Augen. Menschen sieht man nicht wie Häuser, Bäume und Steine. Man sieht sie in der Erwartung, ihnen auf bestimmte Weise begegnen zu können und sie dadurch zu einem Stück des eigenen Inneren zu machen. Die Einbildungskraft schneidet sie zurecht, damit sie zu den eigenen Wünschen und Hoffnungen passen, aber auch so, dass sie an ihnen die eigenen Ängste und Vorurteile bestätigen können. Wir gelangen nicht einmal sicher und unvoreingenommen bis zu den äußeren Konturen eines Anderen. Unterwegs wird der Blick abgelenkt und getrübt von all den Wünschen und Phantasmen, die uns zu dem besonderen, unverwechselbaren Menschen machen, der wir sind. Selbst die Außenwelt einer Innenwelt ist noch ein Stück unserer Innenwelt, ganz zu schweigen von dem Gedanken, die wir uns über die fremde Innenwelt machen und die so unsicher und ungefestigt sind, dass sie mehr über uns selbst als über den anderen aussagen.

Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon, S. 100

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Kirche trifft Zukunft

Unter diesem Motto werden wir vom 12. bis 14. April ein Wochenende lang nachdenken, diskutieren und mit Musik und Mahl (einem richtigen) feiern. Und das nicht einfach nur intern – ELIA wird in diesen Wochen 20 Jahre alt – sondern mit möglichst viele und möglichst vielen unterschiedlichen Christen aus nah und fern.

Ein besonderer Gast an diesem Wochenende ist Paul M. Zulehner aus Wien, den viele von seinen Büchern oder Vorträgen schon kennen. Ich finde seine poetische Sprache, seine theologische Weite und sein Wiener Humor sehr erfrischend, und weiß von vielen, denen das ganz ähnlich geht.

Dazu gibt es Workshops zu spannenden Themen, die einige MitarbeiterInnen aus der Gemeinde machen, aber auch Tobias Fritsche von Lux in Nürnberg. Wer also mal hinter die Kulissen von „Gott im Berg“ schauen möchte, bekommt hier seine Chance.

Den Flyer könnt Ihr hier herunterladen und gern weitergeben.

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Torn (11): Und jetzt?

Justin Lee schließt seine Geschichte mit Gedanken dazu, wie sich das Verhältnis zwischen Homosexuellen un Christen konstruktiv weiterentwickeln lässt. Christen müssen erstens Andersdenkenden weitherziger begegnen. Homosexuelle erleben die meisten Christen immer noch als Menschen, die sie ablehnen oder meiden und alle möglichen Vorurteile pflegen.

Zweitens geht es darum, Christen konstruktiv anzuleiten im Umgang mit Homosexuellen. Dabei ist kaum etwas so wichtig wie das Erzählen der eigenen Geschichte. Wenn sich ein Mensch öffnet und ein anderer ihm zuhört, dann können Ängste und Hemmungen überwunden werden.

Drittens gilt es, den Ansatz der „Ex-Gay“-Bewegung aufzugeben. Hier wird Lee immer wieder gefragt, ob eine solche Arbeit nicht wenigstens einer kleinen Minderheit wirklich nützt und daher unterstütz werden sollte. Manche Christen scheuen davor zurück, von Homosexuellen Enthaltsamkeit zu verlangen, ihre theologische Position lässt aber keinen anderen Spielraum zu, daher erscheint die Aussicht auf eine eventuell erfolgreiche Therapie attraktiv. Auf der Negativseite steht jedoch zu Buche, dass der Ansatz bei den meisten scheitert und auf dem Weg dahin viel Schaden entstehen kann – für die Betroffenen selbst, für ihren Glauben und für die Menschen um sie her. Der Glaube an die Therapierbarkeit hat zudem (auch wenn die unterschiedlichen Ex-Gay-Gruppen ihre Erfolge inzwischen bescheidener darstellen) oft dazu geführt, dass jemand, der nicht an diesen Treffen teilnehmen wollte, sich den Vorwurf gefallen lassen musste, er drücke sich ja nur um den anstrengenden Prozess der Veränderung.

Viertens muss es für Homosexuelle auch in Ordnung sein, zölibatär zu leben und dabei zu seiner Homosexualität zu stehen. Diese Gruppe darf nicht zwischen den anderen Positionen zerrieben werden: Heterosexuelle und Ex-Gays neigen dazu, diesen Weg ebenso mit Argwohn zu betrachten wie Homosexuelle, die sich für eine Partnerschaft entscheiden. Und dann müssten Gemeinden auch aktiv Wege suchen, diese Menschen zu unterstützen (vor allem dann, wenn ihre Theologie keinen Raum bietet für Partnerschaften zwischen Mann und Mann oder Frau und Frau). Zusätzlich wird das noch dadurch erschwert, dass Christen das Alleinleben an sich tendenziell schon als defizitären Zustand begreifen; darunter leiden dann auch viele heterosexuelle Singles, aber die müssen sich wenigstens keine harten Worte wegen ihrer Orientierung anhören.

Fünftens muss der Mythos überwunden werden, die Bibel sei gegen Homosexuelle. In der konservativen kirchlichen Tradition hat sich aufgrund dieser Ansicht die Neigung zu scharfen Abgrenzungen durchgesetzt, während „liberalere“ Zeitgenossen wohlmeinend einwenden, man dürfe die Bibel eben nicht allzu wörtlich nehmen. Da hören die anderen statt „nicht wörtlich“ „nicht ernst nehmen“ heraus und es entsteht wieder der Eindruck, dass „Bibeltreue“ immer irgendwie Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit nach sich zieht. Aber Justin Lee hatte ja schon gezeigt, dass man die Bibel durchaus ernst nehmen und trotzdem Raum für gleichgeschlechtliche Partnerschaften sehen kann.

Es folgen noch zwei weitere Vorschläge, für die brauche ich etwas mehr Platz und Zeit, es wird zu Torn also noch einen letzten Post geben.

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