Südkorea: Die ersten Schritte

Der erste volle Tag der Studienwoche mit dem Studienprogramm Leadership and Global Perspectives des GFES hat begonnen und ich bin halbwegs ausgeschlafen. Es ist draußen in Seoul weiterhin sehr schwül, zum Glück etwas kühler als gestern (vielleicht ja auch nur am Morgen) und es regnet recht konstant weiter – mal mehr, mal weniger. Wir haben uns zu zweit erfolgreich mit der U-Bahn durchgeschlagen zum Campus des PCTS, und mit diesem Erfolgserlebnis im Rücken fühle ich mich schon etwas mehr „angekommen“ in dieser Zehn-Millionen-Metropole.

Die Leute hier sind freundlich und hilfsbereit, und wenn sich ein Deutscher und ein Amerikaner über einen Stadtplan beugen, bekommen sie schnell Hilfe angeboten. Viele Schilder haben englische Untertitel, manche Läden haben den Namen sogar nur in lateinischer Schrift angebracht. So zum Beispiel das Café, über dem ein paar von uns wohnen, für die im Luce Center for the Global Church kein Platz mehr war.

Die Grundidee dieser interkulturellen Studienwoche ist: Man muss erst mal weg von Zuhause, um den eigenen Kontext besser sehen und verstehen zu können. Wenn man bewusst eine Weile aussteigt und sich fremden Eindrücken aussetzt, dann erscheint manches, was bis dahin selbstverständlich und daher alternativlos schien, plötzlich in einem anderen Licht. Zu den Reisen kommt in diesem Studienprogramm die Nutzung sozialer Medien. Darum geht es jetzt gleich hier, während in Deutschland allmählich alle aus den Betten krabbeln.

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Die Gemeinschaft der offenen Fragen

In der letzten Woche habe ich mit ein paar anderen Leuten aus unserem Lukas-10-Experiment die Northumbria Community in Felton/GB besucht. Vor ein paar Jahren war ich ja schon einmal da, inzwischen ist das „Mutterhaus“ Netter Springs umgezogen, weiter weg von Lindisfarne und näher Richtung Newcastle. Die Unterbringung in dem neuen Gebäude ist deutlich komfortabler, die zugige (oder bei angenehmen Temperaturen wie diesmal: luftige) Kapelle habe ich allerdings schon vermisst.

Das Haus wird von einem fünfköpfigen Team geführt, dazu kommen Gäste – dieses Jahr offenbar besonders viele Deutsche. Die Tagzeitengebete sind mir inzwischen schon sehr vertraut, also stand diesmal das Gespräch mit den Leuten vom Haus im Mittelpunkt. Uns interessierte, wie diese ökumenische Gemeinschaft funktioniert, die nicht unter einem Dach, sondern in der Zerstreuung lebt – so gesehen war das, was wir erlebten, die verdichtete Ausnahme.

Vieles hat mit der Lebensregel zu tun, die sich um die zwei Brennpunkte von Verletzlichkeit und Verfügbarkeit dreht. Unter den vielen unterschiedlichen Ausprägungen des New Monasticism fällt dabei vor allem die große Gestaltungsfreiheit (und damit verbunden die große Eigenverantwortung) ins Auge. In den konkreten Umsetzung vor Ort kann das nämlich so verschieden aussehen, dass es für uns erst einmal schwer zu greifen war. Doch je länger wir redeten und je mehr verschiedene Gesprächspartner wir bekamen, desto spürbarer war auch die Verbundenheit in vielen Dingen.

Nicht die einheitliche, gemeinsame Dogmatik bestimmt den Kurs (da gibt es eine ganz große Weite), sondern die Anteilnahme am – möglicherweise ganz anderen – Weg des anderen und die gemeinsame Praxis des achtsamen Hörens auf Gottes Führung. Zu den rund 350 Companions, die sich jeweils für ein Jahr verpflichten, gesellen sich in den Community Groups und darum herum weltweit noch einmal rund 3.000 Freunde, so weit ich das verstanden habe.

Nicht die Antworten, sondern die Fragen weisen den Weg, was sowohl Gesetzlichkeit als auch Beliebigkeit verhindert. Rowan Williams hat einmal gesagt, dass Christus nicht nur unsere Fragen beantwortet, sondern auch unsere Antworten hinterfragt. Und so lauten die Leitfragen, bei Alan Roxburgh würden sie als god questions firmieren:

  • Wen suchen wir? (vgl. Joh 18,7)
  • Wie sollen wir also leben?
  • Wie können wir ein Lied für den Herrn auf fremdem Boden singen? (Ps. 137,4)

Aber nicht nur die umsichtige Zurückhaltung (man kann auch sagen: die keltische Liebe zur Unordnung) bei Strukturen und verpflichtenden Inhalten, sondern auch der Umgang mit Gästen und Gesprächspartnern hatte auf Anhieb einen gewissen intuitiven Wiedererkennungs-Effekt, sie riefen ein für mich fast überraschendes Gefühl der Verwandtschaft auf beiden Seiten hervor.

In den letzten Monaten hatte ich mit etlichen Leuten Gespräche über solche dezentralen und weitmaschigen Formen der Weggefährtenschaft geführt. Das Thema scheint viele zu beschäftigen, und vielleicht gibt es in solchen Bewegungen auch Dinge, die in den meisten Ortsgemeinden irgendwie untergehen oder zurückbleiben, wo Programme und Projekte, Personal und Struktur und nicht zuletzt Immobilien die Tagesordnung oft so gründlich dominieren.

Ich denke, wir führen das Gespräch über die Fragen und das Ethos vor Ort fort und werden auch die Verbindung über den Kanal weg halten. Es ist eine sehr spannende Spur, auf die wir hier gestoßen sind.

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Was bin ich?

Bei einem Rundgang auf Holy Island fand ich mich diese Woche am Beispiel der keltischen Heiligen mit der Frage konfrontiert, was meine Träume und Ziele sind. Kurz darauf las ich bei Abraham Heschel die folgenden Zeilen:

Eine Person ist das, was sie anstrebt. Um mich zu kennen, frage ich: Was sind die Ziele, die zu erreichen ich mich bemühe? Was sind die Werte, die mir am wichtigsten sind? Welches sind die größten Sehnsüchte, von denen ich mich bewegen lassen möchte?

Mensch Sein heißt unterwegs sein, und auch wenn niemand sein Ziel schon endgültig erreicht hat, erschließt sich meine wahre Identität erst von da aus. daher bin ich mehr als nur die Summe meiner Erfahrungen und mehr als nur das, was ich schon verwirklicht habe. Wer einen Menschen nur danach beurteilt, verkennt ihn im Grunde. Wer einen anderen verstehen möchte, muss die Sehnsucht verstehen, die ihn antreibt.

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Essen-tielle Lektüre

Ich sitze gerade über Jesaja 55, wo sich der Prophet über Israels Bereitschaft beklagt, viel Geld für mieses Essen auszugeben. Nebenbei erinnere ich mich an die eine oder andere überteuerte und lieblos zubereitete Mahlzeit im Urlaub (es gabt auch andere!!).

Interessanterweise läuft derzeit die Diskussion wieder an, endlich auch mal ohne einen Lebensmittelskandal. Auf Spiegel Online schreibt Bastian Henrichs darüber, dass wir Europäer zuviel Essen an Tiere verfüttern und so indirekt Menschen in anderen Regionen der Welt die Nahrung wegessen (ganz zu schweigen von der grauenhaften Massentierhaltung, die unser billiges Fleisch erst möglich macht).

Und schon vorletzte Woche prangerte Berit Uhlmann in der SZ den Etikettenschwindel der Lebensmittelindustrie an und zitierte dabei unter anderem den Amerikaner Michael Pollan, der schlicht und einfach sagt:

Meiden Sie Lebensmittel, die Ihnen unbekannte, unaussprechliche oder mehr als fünf Zutaten haben.

In diesem Sinne: Allen BlogleserInnen ein schmackhaftes Wochenende!

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Authentisch glauben

To have faith does not mean, however, to dwell in the shadow of old ideas conceived by prophets and sages, to live off an inherited estate of doctrines and dogmas. In the realm of faith only he who is a pioneer is able to be an heir. The wages of spiritual plagiarism is the loss of integrity; self-aggrandizement is self-betrayal.

Authentic faith is more than an echo of tradition. It is a creative situation, an event. For God is not always silent, and man is not always blind.

Abraham Heschel

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Die guten Fragen bleiben

»Die interessanten Fragen bleiben immer Fragen. Sie bergen ein Geheimnis. Mann muss jeder Antwort ein ‚vielleicht‘ hinzufügen. Nur die uninteressanten Fragen habe eine endgültige Antwort.«

Eric Immanuel Schmitt, Oskar und die Dame in Rosa

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Weisheit der Woche: Erkennen

Für den Philosophen ist Gott ein Objekt, für betende Menschen ist er das Subjekt. Ihr Ziel ist nicht, ihn als Konzept des Erkennens zu besitzen, informiert zu sein über ihn, als wäre er eine Tatsache neben anderen. Sie sehnen sich danach, von ihm ganz in Besitz genommen zu werden, Gegenstand seines Erkennens zu sein, und das zu spüren. Die Aufgabe ist nicht, das Unbekannte zu kennen, sondern von ihm durchdrungen zu sein; nicht zu kennen, sondern von ihm erkannt zu werden, uns ihm auszusetzen, nicht ihn uns; nicht zu urteilen und sich zu behaupten, sondern zu hören und von ihm beurteilt zu werden.

Abraham J. Heschel, Man is not Alone, S. 128f.

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Alpha analysiert (3): Das „blaue“ Kreuz

In den letzten Jahren haben sich für mich eine ganze Reihe von Fragen an „Fragen an das Leben“ ergeben. Vor einigen Wochen habe ich begonnen, die in einer Serie von Blogposts etwas zu bearbeiten. Zum einen ist das eine Antwort auf etliche Anfragen, die mich zu den Themen des Kurses erreicht haben, zum anderen denke ich, dass von einer offenen Diskussion alle profitieren, auch wenn der eine oder andere Kommentar unten kritisch ausfällt. Die positiven Seiten habe ich übrigens hier gewürdigt.

Im zweiten Kapitel das Alpha-Kurses folgt der Christologie die Soteriologie, also die Lehre von der Erlösung. Auch hier ist der modernistische Charakter der Logik und Begrifflichkeit unübersehbar. Und wieder ist der Einstieg sehr direkt: Nicky Gumbel beginnt mit „dem Problem“ – Sünde – auf das dann „die Lösung“ – Kreuz – folgt.

Sünde wird klassisch als individuelle moralische Schuld verstanden, die jedem anhaftet, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Sie wird mit den Begriffen „Korruption“ (hier als Verunreinigung und Verderbnis verstanden) und „Kontrolle“ (Unfreiheit) bezeichnet, die „Kosten“ heißen Tod und die „Konsequenz“ ewige Trennung von Gott. Im theologisch konservativen Spektrum ist das nichts Ungewöhnliches, aber der soziale und strukturelle Aspekt fällt dabei ebenso unter den Tisch wie andere Vorstellungen, die nicht in Kategorien von Recht und Moral angesiedelt sind, etwa der Verlust der Gottebenbildlichkeit. Wieder kann man diskutieren: Notwendige Elementarisierung oder problematische Verkürzung? Ich tippe eher auf Verkürzung, das zeigt sich im weiteren Verlauf des Kapitels auch immer deutlicher.

Es folgen zwei deftig ausgemalte Hinrichtungsszenen: Pater Maximilian Kolbe, der in Auschwitz für einen Mithäftling stirbt, und die Kreuzigung Christi. Mit einem Zitat von Raniero Cantamalessa wird schließlich gesagt, dass Jesus stellvertretend für jeden einzelnen Menschen den Zorn Gottes erleidet. Ob und inwiefern irgendein Zusammenhang zwischen Leben und Verkündigung Jesu und diesem stellvertretenden Tod besteht, wird dabei mit keinem Satz bedacht. Die Problematik der Verbindung Gott-Zorn-Gewalt bleibt ebenfalls unkommentiert. Wie schon die Gestalt Jesu erscheint auch das Ereignis der Kreuzigung aus allen historisch-politischen Bezügen gelöst. Dabei hätte man wunderbar beschreiben können, wie seine Solidarität mit den ausgewiesenen „Sündern“ Jesus auch ganz konkret ans Kreuz brachte.

Vier Bilder – ein Muster

In Anlehnung an John Stott werden – und auch das hätte vom Ansatz her gut werden können – nun vier Metaphern für das Kreuz thematisiert: Aus dem Kultus der Begriff des Opfers, das Bild des Lösegeldes im Sinne des Freikaufs eines Sklaven oder Verschleppten, der Begriff des Freispruchs vor Gericht – der allerdings durch eine eilig angefügte Beispielgeschichte ad absurdum geführt wird, in der ein Richter die Strafe eines schuldig gesprochenen Delinquenten aus eigener Tasche bezahlt, ihn also gerade nicht freispricht und damit auch nicht „rechtfertigt. Viertens klappert das Thema „Versöhnung“ etwas nach, zu dessen Illustration der verlorene Sohn angeführt wird. Dass in dieser Geschichte überhaupt keine Transaktion „nötig“ war, die Vergebung des Vaters weder ein „Opfer“ noch einen „Preis“, ja nicht einmal eine Entschuldigung voraussetzte, bleibt auffällig unkommentiert.

Von den vier Bildern bleibt für die weitere Argumentation letztlich doch nur eben jene Kombination aus Opfer und Lösegeld übrig, die in den meisten zeitgenössischen Kolportagen von Anselms Satisfaktionslehre üblicherweise erscheint. Warum aber Gott einen Unschuldigen brutal töten muss, um mir vergeben zu können, bleibt unklar. Am Ende kommt die Zuspitzung im Sinne des augustinischen „Gott und die Seele“: Nicht nur gilt der Tod Christi jedem einzelnen, es geht auch, so muss man das wohl doch lesen, um nichts anderes als die Versöhnung des Individuums mit Gott.

Vereinfacht oder verengt?

Nun war die Vergebung individueller Schuld ja bereits unter den Bedingungen des „alten“ Bundes kein Problem – dafür gab es den Tempel, die Opfer, die Priesterschaft, die Kultvorschriften. In der Verkündigung Jesu erscheint dieser Aspekt als viel weniger problematisch, vielmehr tritt – je länger, je mehr – Gottes Gericht über sein Volk in den Vordergrund, dessen „Sünde“ nicht in moralischer Verkommenheit, nicht einmal in arroganter Leistungsfrömmigkeit bestand, sondern darin, dass es seinen geschichtlichen Auftrag aus dem Blick verloren hatte, die Spirale der Gewalt nicht bremste und so für den Rest der Welt weder Segen noch Licht mehr war. Deshalb wählt ja der Leidensmessias den Märtyrertod, um einen eschatologischen Neuanfang mitten in der gefallenen Welt zu setzen und einen neuen, gemeinschaftlichen Exodus aus der Herrschaft lebensfeindlicher Kräfte zu ermöglichen. Das Kreuz Christi ist nach Darstellung der synoptischen Evangelien Resultat eines politischen Prozesses und weder ein kultisches Ereignis noch eine Form von Satisfaktion. Ausgerechnet diese beiden Metaphern sind heute für viele Menschen ohne fromme Sozialisation unverständlicher denn je, taugen also nur sehr eingeschränkt.

Vor ein paar Jahren war ich auf einer Tagung und habe dort über die verschiedenen Farben der „Spiral Dynamics“ gesprochen und wie das Evangelium auf den unterschiedlichen Frequenzen ganz unterschiedlich erscheint. Am Nachmittag sprach mich eine Teilnehmerin auf den zweiten Abend des Alpha-Kurses an uns sagte, der sei ja tiefblau. Ich denke, sie hat das ganz richtig beobachtet. In der Art und Weise, wie das Kreuz hier thematisiert wird, findet nicht nur eine notwendige Zuspitzung, sondern eine hinderliche Verengung statt, die es manchen Hörern eher erschweren dürfte, einen Zugang zu finden – wenn sie nämlich nicht aus dem Milieu der Traditionalisten und Corporate Achievers stammen, wie John Drane es nannte, wo die Logik von Schuld und Strafe, beziehungsweise die Ökonomie der Transaktionen, weitgehend unhinterfragt gilt.

Man könnte die Perspektive aber auch ganz anders wählen. Slavioj Žižek hat das in Die gnadenlose Liebe recht anregend getan, wenn er schreibt:

Das Opfer Christi ist daher in einem radikalen Sinne sinnlos: kein Tauschakt, sondern eine überflüssige, exzessive, ungerechtfertigte Geste, die Seine Liebe zu uns, zur sündigen Menschheit beweisen soll. Es ist so, wie wenn wir in unserem Alltagsleben jemandem »beweisen« wollen, dass wir ihn/sie wirklich lieben, und dies nur mittels einer überflüssigen Geste der Verausgabung tun können. Christus »zahlt« nicht für unsere Sünden; Paulus hat deutlich gemacht, dass eben diese Logik der Bezahlung, des Tausches, gewissermaßen die Sünde selbst ist und die Wette von Christi Tat darin besteht, zu zeigen, dass diese Kette des Tausches durchbrochen werden kann.

Christus erlöst die Menschheit nicht dadurch, dass er den Preis für unsere Sünden entrichtet, sondern indem er uns zeigt, dass wir aus dem Teufelskreis von Sünde und Vergeltung ausbrechen können. Statt für unsere Sünden zu bezahlen, löscht Christus sie buchstäblich aus und macht sie durch seine Liebe rückwirkend »ungeschehen«.

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Alpha analysiert (2): Der dekontextualisierte Jesus

Viele andere Glaubenskurse schlagen erst einen weiten anthropologischen („Der Sinn des Lebens“) und theologischen („Gibt es einen Gott?“) Bogen, bevor sie „zur Sache“ kommen und von Jesus reden. Der Mut, mit Jesus einzusteigen, hat mir bei Alpha immer gefallen. Auch deswegen, weil ich denke, alles christliche Reden von Gott und vom Sinn des Lebens muss sich schon vom ersten Ansatz her an Jesus orientieren. Sonst landet man schnell bei philosophischen Gottesbildern, die – etwa weil sie leidensunfähig sind – sich mit der Geschichte des leidenden Messias nicht mehr in Einklang bringen lassen.

In der konkreten Umsetzung jedoch stellt uns Nicky Gumbel vor ein großes Problem, indem er sein Jesuskapitel unter die Perspektive der Zweinaturenlehre stellt. Die erkenntnisleitende Fragestellung lautet, ob Jesus nur ein guter/interessanter/naiver/wichtiger Mensch war, oder der Sohn Gottes. Denn wäre es das nicht, so sagt Gumbel mit C.S. Lewis, dann war er ein Irrer oder ein Verführer. Und so werden die Evangelien nach Hinweisen auf alles abgeklopft, was Jesus von gewöhnlichen Menschen unterscheidet; neben den Wundern gehören etwa die „Ich-bin-Worte“ aus dem Johannesevangelium zu den Belegen. Die komplexe johanneische Frage wird jedoch nirgends aufgeworfen. Die Implikation ist, dass Jesus in seiner Verkündigung neben Aussagen zur Ethik und zum Heilsweg vor allem die eigene gottmenschliche Person thematisiert.

Weitgehend auf der Strecke bleibt dabei Jesus, der jüdische Prophet, die unbestreitbar politische Dimension seiner Reich-Gottes-Verkündigung und die Kontroversen um seinen messianischer Anspruch, wie sie N.T. Wright und andere herausgearbeitet haben. Von da aus ließe sich dann sehr wohl begründen, warum die Alte Kirche Jesus mit Gott in einer ganz bestimmten Weise identifiziert hat und wie die Vorstellung von der Dreieinigkeit Gottes entstehen konnte. Im jüdischen Kontext wurde der Begriff „Sohn Gottes“ damals ohne solche metaphysischen Konnotationen verwendet. Wenn Kaiphas Jesus in Markus 14 fragt: „Bist Du der Sohn des Hochgelobten?“ dann zielt das auf den Anspruch Jesu, der messianische König der Juden zu sein.

Denn die Auffassung, Jesus sei durch Palästina gezogen und hätte ständig von sich als der zweiten Person Gottes geredet, ist historisch absurd, wie Wright immer wieder betont. Das ist vor allem ein nachösterliches Thema. Erst im Rückblick auf die Auferweckung wird das analogielose Verhältnis Jesu zum Vater im Neuen Testament zum Thema (vgl. Römer 1,4) und der jüdische Monotheismus behutsam erweitert. Man kann die Christologie des 4. und 5. Jahrhunderts nicht einfach in die Evangelientexte zurückprojizieren. Freilich hat die christliche Kirche genau das Jahrhunderte lang getan und die meisten konservativen Evangelikalen tun es bis jetzt. Und so trifft Wrights Urteil nicht nur, aber auch den Alpha-Kurs, wenn er schreibt:

Für viele konservative Theologen würde es ausreichen, wenn Jesus (irgendwann im Verlauf der menschlichen Geschichte und vielleicht aus irgendeiner Rasse) von einer Jungfrau geboren worden wäre, ein sündloses Leben geführt hätte, einen Opfertod gestorben und drei Tage später von den Toten auferstanden wäre (N.T. Wright, Jesus and the Victory of God. Christian Origins and the Question of God Vol. 2, Minneapolis 1996, S.14)

Wright hat in Simply Christian gezeigt, dass man die Frage „Wer war Jesus“ auch anders beantworten kann. Nicky Gumbel dagegen verweist zum Ende (aber eben nicht zu Beginn) seines Plädoyers (das Schlüsselwort heißt evidence) für die Göttlichkeit Jesu Christi auf die Auferstehung. Damit stellt er seine Zuhörer vor die schroffe Entscheidung nach dem Alles-oder-Nichts-Schema, wenn er schreibt:

Zum Schluss stehen wir also, wie es C. S. Lewis ausgedrückt hat, „vor einer erschreckenden Alternative“. Entweder war (und ist) Jesus der, der er zu sein behauptete, oder er war verrückt oder noch Schlimmeres. C. S. Lewis erschien es offensichtlich, dass Jesus weder verrückt noch vom Teufel besessen war, und er schlussfolgerte: „[…] das bedeutet dann aber, dass ich anerkennen muss, dass er Gott war und ist – auch wenn mir das seltsam oder furchterregend oder einfach unwahrscheinlich vorkommt.

In Wirklichkeit gab und gibt es unter Christen eine Vielzahl von Perspektiven auf Jesus mit ganz unterschiedlicher Nuancierung. Allein der Satz „Jesus war Gott“ wurde und wird unterschiedlich verstanden und ausgelegt. So aber fällt nicht nur das Jüdische an Jesus weitgehend heraus (welch eine Ironie, wenn man bedenkt, dass Nicky Gumbels Vater als gebürtiger Jude aus Stuttgart emigrierte!), es kann auch durch diese unnötige Verengung des Horizontes schon zu Beginn des Kurses ein gewisser Druck entstehen. Gute MitarbeiterInnen werden es verstehen, ihren Gästen diesen Druck wieder zu nehmen. Besser wäre es für meinen Geschmack, wenn sie das gar nicht müssten.

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Alpha analysiert (1): Kochbuch-Methodismus und Zahlenverliebtheit

Zur Erinnerung: Ich hatte neulich meine positiven Erfahrungen mit Alpha und die guten Seiten dieses Konzepts gründlich beleuchtet. Jede Stärke hat freilich auch ihre Schattenseite, und auch die lässt sich klar benennen. Ich versuche das hier mal aus meiner begrenzten Perspektive.

1. Die quasi „magische“ Rezeptur:

Zugegeben, Alpha hat eine beeindruckende Erfolgsgeschichte geschrieben. Auf die statistische Seite komme ich später noch zurück, den ökumenischen Aspekt habe ich schon erwähnt. Da liegt es nahe, nach dem Grundsatz „never change a winning team“ zu verfahren, zumal sich auch bald herausstellte, dass viele eigenwillige Adaptionen (wir lassen ein paar Abende/Themen weg, wir verzichten auf das Wochenende etc.) keineswegs Verbesserungen darstellten.

So darf es durchaus inhaltliche Elementarisierungen wie Jugend-Alpha geben, und jede(r) Referent(in) vor Ort kann eigene Beispiele und Erfahrungen in seine Kursvorträge einbauen, man verzichtet auch auf „Zertifizierungen“ oder „Lizenzierungen“ (das gibt es bei anderen Konzepten durchaus auch). Der Freiheit des Anwenders entspricht aber eine starke Betonung der Werktreue. Nicky Gumbels Questions of Life ist unter der Hand zu einer Art sacred text geworden. Verständlicherweise: Man kann durchaus, vor allem wenn man in London lebt, wo gefühlt alle Welt Englisch zu sprechen scheint und die Interessenten aus aller Herren Länder einem die Tür einrennen (während man die Skeptiker und die Enttäuschten nie zu Gesicht bekommt), den Eindruck gewinnen, dass Alpha ohne jede mühsame „Portierung“ immer und überall „funktioniert“.

Das klappt bei Coca-Cola ja auch bestens: die geheimnisvolle Rezeptur verkauft sich überall auf der Welt so gut, dass man sie möglichst unangetastet lässt. Also hat nach 20 Jahren selbst Nicky Gumbel seinen Text nur ganz leicht bearbeitet. Ausgetauscht wurden ein paar Zitate und Beispiele, gleich blieb die modernistische Apologetik á la C.S. Lewis und Nicky Gumbels Rhetorik im Stile des After-Dinner-Talks. Bei Schulungen und Trainingstagen wird – mit einem gewissen Recht – dann auch empfohlen, sich zunächst einmal möglichst so genau ans „Rezept“ zu halten, wie man das als Laie bei einem Kochbuch von Jamie Oliver tun würde.

Eine (nicht nur mir) aus hunderten von Gesprächen mit Leuten an der „Basis“ bekannte Tatsache ist aber auch, dass dieser Ansatz viele überfordert. Intuitiv merken „Anwender“, dass Stil und/oder Inhalt gewisse Inkompatibilitäten mit dem eigenen Kontext aufweisen. Und dann entstehen aus der Verlegenheit heraus problematische Adaptionen, die wiederum nur den Appell zu größerer „Werktreue“ verstärken. In der Schweiz hatte der katholische Pfarrer Leo Tanner das Problem schnell erkannt und das Material für seinen Kontext bearbeitet. Es war und blieb jedoch ein inoffizieller Schritt, dem keine weiteren mehr folgten.

Angesichts der Tatsache, dass unsere Gesellschaft seit Anfang der Neunziger viel postmoderner geworden ist, dass Deutschland mit seinem Drittelmix aus Protestantismus, Katholizismus und Atheismus in Glaubensdingen anders „tickt“ als die Briten, und angesichts der spürbaren Veränderungen, die der 11. September 2001 in der öffentlichen Debatte über Religion in der Gesellschaft ausgelöst hat, hätte hier gedanklich mehr investiert werden müssen. Nicky Gumbel dagegen ist keiner, der unentwegt theologisches und gesellschaftliches Neuland erkundet, sondern ein Meister des Recyclings. Egal ob er auf Dawkins oder den Da Vinci Code antwortet, er greift immer wieder auf seine eigenen Argumente zurück, die er in Why Jesus, einer Auskopplung aus Questions of Life, vor gut 20 Jahren geschrieben hat.

Dieser Hang zum Methodismus und die Konzentration auf eine zentrale Figur zeigen sich auch an anderer Stelle: Die Einheit der Kirchengemeinde Holy Trinity Brompton mit ihren vielen Gottesdiensten, die etwa in der Frage von Uhrzeit, Musikstil und Ambiente durchaus eine gewisse Vielfalt aufweist, hängt vor allem am Aushängeschild oder der Galionsfigur des Predigers, und so muss Nicky sich gelegentlich aus einem laufenden Gottesdienst ausklinken, um rechtzeitig am nächsten Veranstaltungsort zu erscheinen, wenn er nicht gleich per Video als digitale Konserve dort eingespielt wird. Oder darin, dass neben Alpha alle möglichen Kurse entwickelt und von einem engagierten Vertriebsteam verbreitet worden sind: Allen voran der Marriage Course (das Gesamtprogramm Ehe und Familie firmiert unter „Relationship Central„), dazu kommt zum Beispiel „Worship Central“ oder „God at Work“ aus der Feder des Investment-Bankers und HTB Ken Costa, der zwar einen ethischen Kapitalismus möchte, aber eine europäische Bankensteuer vehement ablehnt.

Der Begriff „Zentrale“ fällt keineswegs zufällig, er spiegelt eine bestimmte Mentalität wider: Vor zwei Jahren traf ich den Leiter des missionarischen Amtes einer deutschen Landeskirche, der gerade aus London zurückkam und etwas konsterniert bemerkte, dort werde ja für jede Lebenslage ein Kurs angeboten. Ich bin sicher, dass viele Menschen von diesen Kursen profitieren. Zugleich entsteht aber auch der Eindruck, dass da im Prinzip schon alle Antworten irgendwo vorfabriziert und abrufbar sind. Es kommt viel heraus aus diesem Pool, aber man ist (wie bei so manchen Megachurches) nicht immer sicher, ob da auch noch viel von Außen hineingeht.

Zurück zu Alpha: Ich vermute ja, dass weniger der theologische Gehalt der Vorträge den Kurs so populär gemacht hat als vielmehr der informelle Stil, die schon lobend erwähnte Kultur der Gastfreundschaft und – sofern er live oder (in vielen Kursen außerhalb von London) via DVD erscheint – die sympathische Ausstrahlung von Nicky Gumbel.

2. Verliebt in Zahlen

In den ersten Jahren verlief das Wachstum von Alpha spontan und tatsächlich exponentiell. Natürlich hält eine solche Entwicklung nie unbegrenzt, und so begannen die Kurven flacher zu werden. Nun könnte man sich damit begnügen, die guten Erfahrungen der Gemeindebasis weiterhin für sich selbst sprechen zu lassen. Dann hätte sich ein verzweigtes, aber vielleicht auch etwas unübersichtliches Netzwerk entwickelt. In den letzten Jahren wurde allerdings die Tendenz immer deutlicher, aus Alpha eine Art Franchise-System zu machen: Man lizensiert ein Erfolgskonzept an einen regionalen oder nationalen Vertriebspartner, der vor Ort zwar selbständig agiert, aber mit sehr klaren Vorgaben und Erwartungen.

Der überraschende Anfangserfolg wie die beschriebene Entscheidung zur Vertriebsstruktur bedingen eine gewisse Zahlenverliebtheit, die bis heute ein hervorstechendes Merkmal der Öffentlichkeitsarbeit von Alpha ist, wie das Video oben zeigt. Wenn aber das Selbstbild mit der ansteigenden Kurve gekoppelt ist, kann das zur Falle werden. Zum einen wecken diese Kurven unrealistische Erfolgserwartungen bei Leuten, die Kurse anbieten wollen. Zum anderen wirken sinkende Zahlen nach innen verunsichernd, weil sie vom System her nicht vorgesehen sind, das sich auf die Geschichten von Wachstum und Erfolg spezialisiert hat, die sich in Zahlen darstellen lassen. Als wir die Statistik für Deutschland vor ein paar Jahren kräftig nach unten korrigierten – nicht aufgrund eines echten Rückgangs, sondern weil Kurse, deren Daten in den letzten 12 Monaten nicht aktualisiert wurden, jetzt automatisch nicht mehr erschienen – hat das reichlich Unruhe ausgelöst auf beiden Seiten des Ärmelkanals.

Es ist gewiss auch gesunder Pragmatismus, wenn man versucht, immer auf das Positive zu sehen, die Erfolge zu feiern, sich mit Problemen und Niederlagen nicht lange und schon gar nicht allzu öffentlich aufzuhalten. Statt lange über die Gründe des Scheiterns zu philosophieren, steht man lieber auf, blickt nach vorn, beschreitet andere Wege oder findet neue Partner. Geht man diesen Schritt aber zu schnell, dann verpasst man die Gelegenheit, über tiefere Fragen nachzudenken als die Arithmetik der Kennzahlen – und dabei etwas über sich selbst zu lernen, das einen schließlich auch verändern kann. Erfolge zu feiern und über Niederlagen zu trauern ist kein Widerspruch, sondern nur ein gesundes Gleichgewicht. Mit der sprichwörtlichen britischen stiff upper lip funktioniert das für mein Empfinden eher schlecht.

Der britische Theologe John Drane hat schon 2008 recht scharf formuliert:

Alpha is highly rationalized, and though to some people the label of ‚McDonaldization‘ is a bad thing, ab by-word for oppressive structures, narrow-mindedness and personal exploitation, Nicky Gumbel repeatedly cites the business model associated with this label as a way of justifying the imposition of a rigid form of control that insists that Alpha must conform to a particular scheme wherever it is delivered, regardless of the local cultural context. … In spite of the fact that discussion and questioning appears to be encouraged, the reality is that Nicky Gumbel always ha the right answer. Alpha tries to address this criticism though its informal style, the emphasis on meals, time spent in groups, and going away for weekends. … To use a communal model effectively, we need to trust the process, and Alpha (at least in its official formulations) fails to to this because all the outcomes need to be tidy.

Ich weiß nicht, ob etwa Graham Tomlin auf Dranes Bedenken irgendwo geantwortet hat. An anderer Stelle (vgl. z.B. den Godpod des St. Paul’s Theological Centre, wo auch Jane Williams – die Frau von Rowan Williams – mitwirkt) wird ja durchaus offen und mit weitem Horizont diskutiert. Vielleicht wirkt sich das irgendwann auch einmal auf andere Bereiche des HTB-Kosmos aus.

Mir geht es mit diesem Zitat nur darum zu zeigen, dass eben immer wieder dieselben Punkte hinterfragt werden. Und aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass solche Kritik organisationsintern auf den internationalen Alpha-Treffen, an denen ich teilgenommen habe, nirgendwo diskutiert wurde. Man breitet einfach den Mantel des Schweigens darüber – vielleicht auch nur aus Hilflosigkeit. Aber manchmal ist keine Antwort für das Gegenüber eben auch eine Antwort. Im Alpha-Kurs, das habe ich gleich zu Beginn gelernt und seither auch immer beherzigt, sind alle Fragen erlaubt. Meine Hoffnung ist, dass die Organisation, die daraus entstanden ist, das auch eines Tages noch lernt.

Mehr als das Hochglanz-Marketing, schreibt John Drane am Ende des oben zitierten Artikels, ist vielleicht ja die ehrliche Verletzlichkeit derer, die im Alpha-Kurs mitarbeiten, das Geheimnis seines offensichtlichen Erfolges.

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Helden und Heilige

Andrea Roedig schreibt bei Der Freitag über das immer beliebtere Genre moderner Heldenerzählungen. Das Thema hat mich hier ja auch ab und an schon beschäftigt. Vielleicht liefert die Olympiade ja neue Dramen. Dabei kommt alles darauf an, wie hier erzählt wird. Roedig beschreibt die neue Faszination des Journalismus für die Lichtgestalten unserer Zeit so:

Kennzeichen des Heroen sind Exzeptionalität, Mut und Größe. Der Held ist außergewöhnlich durch Kraft, Genie oder eine besondere Gabe. Seinen Mut beweist er im Kampf gegen Widerstände und Mächte. Immer verläuft seine Entwicklung am narrativen Faden von siegreich zu überwindenden Schwierigkeiten. Und groß wird der Held, weil er sich übersteigt. […]

Der Held ist kein Beamter, kein Angestellter, er ist kein Stratege und auch nicht unbedingt ein Demokrat. Vor allem aber ist er eines nicht: ein Opfer. Er siegt, und wenn er unterliegt, dann klagt er nicht, er nimmt den Schmerz auf sich als notwendigen Preis für sein Ziel und den Ruhm. „The Trick is: not minding that it hurts“, erklärt Lawrence of Arabia einem Untergebenen, der sich zu lautstark an einem Streichholz verbrennt. Besser kann man die Essenz des Heroischen nicht definieren.

Dass Helden wieder Konjunktur haben, liegt an den gesellschaftlichen Verhältnissen: Aus der Aufstiegs- ist eine Abstiegsgesellschaft geworden. Allzu oft hat der Tüchtige kein Glück, während zugleich allzu viele Glückspilze alles andere als tüchtig sind. Die neoliberale Botschaft an den Normalo heißt: Durchhalten und den Schmerz ignorieren; es ist immer noch alles möglich, der tatsächliche Erfolg steht aber unter dem Vorbehalt eben jenes launischen Schicksals, das die volatilen Märkte regiert. Den Blick auf jene, die es in den Olymp geschafft haben (oder dort geboren wurden), sollte man trotzdem nicht abwenden – etwa, indem man kritisch den Preis hinterfragt, den man für den Aufstieg zu zahlen bereit ist.

Sind das am Ende säkularisierte Hagiographien, mit denen wir es hier zu tun haben? Legen Helden wie Heilige einen beschwerlichen Weg zurück, erdulden beide eine schmerzhafte Passion, werden beide zum Modellfall von Tugendhaftigkeit, vollbringen beide uneigennützig Wunder, indem sie für sich und andere Unmögliches möglich machen?

Es wäre eine interessante Aufgabe (sucht vielleicht noch jemand ein Thema für eine Diplom- oder Masterarbeit?!?), einmal alle christlichen Blogposts zum Tod von Steve Jobs auf solche Korrelationen zu untersuchen, wie man sie zwischen Heldenmythen und Heiligenviten schon erforscht hat. Und dann nach Kriterien theologischer Kritik an diesem Narrativ und seinen Adaptionen zu fragen:

  • Darf man beispielsweise Paulus‘ eschatologisch motivierte Gedanken über den Gratifikationsaufschub des Wettkämpfers in 1.Korinther 9 auf den Kontext eines weltlichen Erfolgs und Ruhmes übertragen?
  • Sind die Gründer von Megachurches, die gefragten Konferenzredner und Bestseller-Autoren solche Kultfiguren?
  • Wie lässt sich das Neue Testament so auslegen, dass es Menschen gegen zweifelhafte Ideale von Erfolg immunisiert, die nur wie die berüchtigte Karotte vor dem Maul des Esels baumeln, der den Karren anderer zieht?

Diese Vertröstung auf später wurde ja oft den christlichen Kirchen vorgeworfen, die tatsächlich in verschiedenen Epochen der Kirchengeschichte mehr an möglichst gefügigen Untertanen interessiert waren als an einer Veränderung ungerechter Verhältnisse. Roedig wendet die Hermeneutik des Verdachts nun gegen eine Gesellschaft, in der das „unternehmerische Selbst“ postuliert und zunehmend die soziale Position vererbt wird, in der Heldenmythen den Status Quo eher sichern als in Frage stellen:

Wo gesellschaftliche und ökonomische Verhältnisse wie unbeherrschbare Naturgewalten erscheinen, braucht man die alten Geschichten. Der Mythos blendet und er tröstet, in ihm treffen sich Ideologie und Katharsis.

Es steckt also auch ein resignatives Element in diesen Geschichten. Vielleicht ist das auch ein Zeichen der Hoffnung, dass um viele „Heilige“ herum Gemeinschaften entstanden sind, die Jahrhunderte überdauert haben, nicht nur Firmen, Kapital und Medienhype. Und vielleicht ist bei einer/einem „Heiligen“ das Kriterium vor allem dies, dass sie/er einer bestimmten Berufung treu geblieben ist, egal mit welchem zählbaren Erfolg.

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Gott im „Ich“?

Ich finde die Praxis der Kontemplation eine ganz wertvolle und unverzichtbare Sache. Allerdings scheint mir, dass ich die dazugehörige Theorie manchmal erst in mein theologisches Koordinatensystem übertragen muss. In den letzten Woche habe ich das neue Buch von Franz Jaliczs gelesen. Ab und zu stolpere ich dabei über Aussagen wie diese, wo er davon spricht, die „Welt der Dualität“, wie er es nennt, hinter sich zu lassen:

Er ist kein Objekt, kein Gegenüber, das ich als Subjekt erkennen und kontaktieren kann. Wenn ich mich als ein „Ich“ von ihm abgrenzen (Subjekt) und ihn mit einer Du-Anrede von mir ausschließen könnte (Objekt oder Gegenüberstehendes), wäre er nicht mehr Gott. Gott kann man nicht begrenzen. Gott kann ich nicht von mir ausschließen, indem ich ihn als ein Gegenüber behandle. Gott ist überall und in jedem Geschöpf und auch nirgends, weil er nicht in Zeit und Raum eingeordnet werden kann. In der Wirklichkeit kann ich ihn viel mehr mit „Ich“ ansprechen als mit „Du“. Deswegen hat auch Mose Gott als „ich bin“ erkannt. Ich muss Gott in mir finden. Dort ist er unmittelbar da. (S. 141)

In der Tradition der Mystik, etwa bei Meister Eckhart, gibt es freilich viele ähnliche Aussagen. Ich denke, dass ich erahnen kann, was gemeint ist. Trotzdem finde ich die gewählte Sprache schwierig. Und die Exegese zum Gottesnamen, gelinde gesagt, sehr gewagt.

Miroslav Volf setzt sich in Von der Ausgrenzung zur Umarmung mit dieser Frage, ob die Grenzen des Selbst am Ende völlig aufgehoben werden, kritisch auseinander. Wie Jaliczs geht auch er von der Trinität als Vorbild aus. So wie sich dort Einheit und Unterschied nicht aus- sondern einschließen, Vater und Sohn also zu jedem Zeitpunkt unterscheidbar bleiben, aber nicht zu trennen sind, so gilt das auch für die Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch:

Wenn sich die Trinität so der Welt zuwendet, werden der Sohn und der Geist in dem schönen Bild des Irenäus die beiden Arme Gottes, durch die die Menschheit erschaffen und in Gottes Umarmung aufgenommen wurde (vgl. Adversus Haereses 5,6,1). Dieselbe Liebe, die in der Trinität in sich nicht abgeschlossene Identitäten erhält, ist darauf aus, „in Gott“ Raum für die Menschheit zu schaffen. Die Menschheit ist jedoch nicht einfach der Andere Gottes, sondern der geliebte Andere, der zum Feind geworden ist. Wenn Gott sich daran macht, den Feind zu umarmen, ist das Kreuz das Ergebnis. Am Kreuz öffnet sich der tanzende Kreis der Selbsthingabe und gegenseitigen Einwohnung der göttlichen Personen für den Feind; in der Qual der Passion hält die Bewegung für einen kurzen Augenblick an und ein Riss erscheint, so dass die sündige Menschheit mitmachen kann (vgl. Johannes 17,21). Wir, die anderen – wir, die Feinde – werden von den göttlichen Personen umarmt mit derselben Liebe, mit der sie einander lieben, und deretwegen sie für uns in ihrer ewigen Umarmung Raum schaffen.

Also begegne ich Gott nicht als einem Fremden, ich begegne ihm nicht nur außerhalb meiner Selbst, sondern auch in mir (das darf man dann gern „Seelengrund“ nennen). Man muss aber das „Du“ nicht als etwas Ausgrenzendes missverstehen, wie Jalics es explizit tut. Nicht einmal der johanneische Jesus, der ja deutlich anders spricht als der synoptische, kann auf das „Du“ verzichten. Freilich will niemand Gott zum Objekt machen im Sinne des Ich/Es von Martin Buber. Aber hinter das richtig verstandene „Ich und Du“ geht es auch nicht richtig zurück, und da soll es vermutlich auch gar nicht.

Klar kann man Gott nicht begrenzen. Aber Gott hat sich in der Schöpfung selbst begrenzt und zurück genommen, damit Raum für etwas anderes entstehen kann. An dieser Vorstellung hängt theologisch viel zu viel, um sie zu verwischen oder aufzugeben. Zugleich hört Jalizcz ja keineswegs auf, vom „Ich“ zu reden, das ja in seiner Auffassung als Gegensatzpaar den Gedanken der Abgrenzung ebenso transportiert wie das „Du“. Das ist zumindest missverständlich.

Vielleicht wäre eine etwas entwickeltere Pneumatologie die Lösung für die Spannung, die Jalicz beschreibt. Der Heilige Geist fristet in diesem Buch jedenfalls ein Schattendasein, aus dem man ihn befreien sollte. Wenn wir überhaupt von „Unmittelbarkeit“ reden wollen, dann wohl am besten so, dass der Geist verbindet, ohne die Unterschiede obsolet zu machen.

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Sprechen Sie Papst?

Heute auf der Landesgartenschau, im GottesGarten der Religionen. Wenig Spektakuläres stand da, in einem Pavillon liegen Blumen zum Binden und vom Band ertönt eine Stimme. Noch bevor ich höre, was da geredet wird, weiß ich schon, dass es katholisch ist. Weil da dieser charakteristische Ratzinger-Singsang ist, den Josef Ratzinger gar nicht erfunden hat, sondern in dem zahllose katholische Bischöfe schon seit ich denken kann (und vermutlich länger) redeten.

Freilich haben auch Evangelische ihre Macken (ich bin sicher, ein listiger Kommentator wird sie unten alle aufzählen). Aber diesen völlig unnatürlichen Einheitstonfall gibt es bei uns einfach nicht. Faszinierend, wie hier die Institution prägend auf die Intonation durchschlägt! Wo wird das weitervermittelt? Im Gottesdienst? Im Priesterseminar?

Die brennendste Frage aber an diesem Tag: Ist Kardinal Marx wirklich katholisch? So wie der redet…?

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„Altes“ Buch – neue Möglichkeiten

Kürzlich schrieb mir ein Leser von Mit Gott im Job , der aus Asien stammt und seit einigen Jahren in Deutschland lebt:

Vor ca. 4 Wochen bin ich getauft worden. Ihr Buch lese ich seit ca. 3 Jahren finde ich immer wieder Anstöße. Es ist auch ein ganz wichtiges Thema, Arbeit und Glauben, überhaupt.

Das Buch erschien 2004, und nach so langer Zeit freut mich eine solche Rückmeldung besonders. Er fragte weiter, ob man das Buch in seine Muttersprache übersetzen könnte. Warum nicht? Eine koreanische Übersetzung existiert schon, ich kann sie nur nicht lesen…

Zurück nach Deutschland: Diese Woche habe ich nun die Rechte am Text vom Verlag zurückbekommen und möchte es (zum Beispiel für alle Montagsgläubigen, die es derzeit gibt) überarbeitet als e-Book herausbringen.

Wer also noch Anregungen für die Überarbeitung hat, kann sie hier gern als Kommentar hinterlassen oder mir anderweitig zukommen lassen!

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Chefsache

In diesen Tagen war zu lesen, dass der Ministerpräsident das Gymnasium zur „Chefsache“ erklärt hat. Da muss einem Angst und bange werden. Das letzte Mal nämlich, als Bildungspolitik zur Chefsache wurde, bekamen wir das G8. Ich frage mich ja manchmal: hätte es am Ende sogar funktionieren können, wenn man einfach die Kollegen nördlich der Staatsgrenzen, in Thüringen und Sachsen, gründlich interviewt und deren Know How übernommen hätte?

Aber Chefs erfinden das Rad neu und beweisen damit fatale Tatkraft.

Kein gutes Omen also, wenn wieder ein Regent ohne große Erfahrung in der Bildungspolitik die Sache an sich reißt. Es bedeutet nur, dass ein Jahr vor der nächsten Wahl das Thema den Interessen der Partei unterworfen wird, nicht etwa dem der Schüler, Eltern und Lehrer. Die Eltern haben das kapiert, inzwischen boomen die Realschulen und in ein paar Jahren können FOS und BOS anbauen und Lehrkräfte einstellen.

Bis irgendwann meine Enkel in die Schule kommen, ist es dann hoffentlich keine Chefsache mehr. Und hoffentlich auch nicht mehr derselbe Chef.

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