Glückskeks-Bibel

Neulich wieder, eine Besprechung bei einer kirchlichen Dienststelle: Der Gesprächsleiter liest den Bibelvers aus den Losungen vor, es folgt ein kurzes freies Assoziieren in der Runde, was man aus dem in sich schon schwierigen Satz für die nun anstehende Tagesordnung für Schlüsse ziehen könnte. Wir kapitulieren und gehen schulterzuckend zur selbigen über. Losungen werden ja nicht für solche Anlässe konzipiert und ausgesucht.

Wenn das unter „Profis“ schon so läuft, wie viel mehr wird das durchschnittliche Gemeindeglied an diesem Tag ebenso konsterniert über die fehlende „Relevanz“ der Bibel in seinen Tag starten (oder das Ganze gar als schlechtes Omen werten?). Ja, ich weiß, es gab auch Tage, da traf das Losungswort voll ins Schwarze. Je nachdem, wie assoziationsfreudig jemand ist, wird das unterschiedlich oft der Fall sein, dass einem so ein Wort den Tag über neue Erfahrungen aufschließt.

Die Losungen können nichts dafür. Sie sind ja kein Orakel. Als sie erfunden wurde, las die Gemeinschaft, für die sie galten, mehr als nur (wenn überhaupt…) zwei Verse am Tag in der Schrift. Die kontextfreien Bibelschnipsel hatten also einen breiten Resonanzboden. Den kann man heute nicht mehr voraussetzen. Sie wirken eher wie eine Art christlicher Glückskeks ohne Keks.

Meine Frage ist, ob diese minimale Dosis Menschen für das dicke Buch eher interessiert oder sie immunisiert. Pauschal wird sie schwer zu beantworten sein. Ich denke, wer mit dem Bibellesen beginnt oder eher wenig liest, sollte statt einzelner Verse lieber ganze Geschichten lesen, lieber längere Zusammenhänge, lieber fortlaufend. Das wäre sozusagen der Keks zum Glücksspruch. Aber es gibt zum Glück auch andere Kekse, etwa die Tageslese.

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Pfingstkirchen und „geistliches Kapital“

Dieses Symposium an der USC – exakt 100 Jahre nach der legendären Azusa Street Revival – ist schon ein paar Jahre her, aber es enthält ein paar spannende Studien über die Pfingstbewegung und ihren gesellschaftlichen Einfluss, vor allem in Afrika, mit interessanten Ergebnissen.

In Deutschland trifft man an dieser Stelle noch viel Unkenntnis, Vorurteile und Missverständnisse an. Sieht man genau hin, dann schaffen Pfingstgemeinden eine Menge „soziales Kapital„!

Gastgeber bzw. Moderator ist der bekannte Soziologe Peter L. Berger, er kommentiert die drei Referenten.

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Bäh, langweilig!

„Mir ist langweilig!“ Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz aus einem Kindermund im Laufe der Jahre gehört habe. Die meisten Unterrichtsfächer in der Schule wurden als „langweilig“ eingestuft; mag sein, dass der eine oder andere Pädagoge auch seinen Teil dazu beitrug, vor allem aber konnte das System Schule eben kaum anstinken gegen Youtube, Xbox und iPod und die Fixierung auf deren Inhalte. Selbst Joggen im Wald ohne Berieselung auf den Ohren galt schon wieder als „langweilig“: Am besten ein Klamauk- oder Actionvideo gucken und nebenher noch chatten mit den Freunden.

Das Urteil „langweilig!“ erklingt meist im Ton der Majestätsbeleidigung. Als gebe es ein Grundrecht auf Dauerbespaßung durch die Mediengesellschaft, das einem in diesen Augenblicken boshaft verwehrt wird. Und das ist es, was mich unruhig macht: Wie lässt sich früh genug vermitteln, dass Langeweile zum Leben dazugehört? Dass jede Arbeit langweilige Anteile hat, dass es auch in der besten Beziehung nicht in einer Tour „funkt“, dass geistliches Leben immer auch Wüstenzeiten und Durststrecken enthält und dass jede persönliche Entwicklung scheitert, wenn man in solchen Momenten aussteigt und nach einem neuen Reiz sucht?

Anders gefragt: Ist es nicht ein Schlüsselthema für jegliche Art von Bildung, Menschen an Langweile zu gewöhnen? Es hat viel mit der Fähigkeit zu tun, sich selbst zu beruhigen und zu motivieren. Und sich zu interessieren, Anteil zu nehmen, Fremdheit zuzulassen! Wenn Langeweile keine Fluchtreflexe mehr auslöst, kann sie den gewohnheitsmäßigen Konsumenten zur Kreativität verleiten, zum Blick in die Tiefe ermuntern und den eingeschränkten Horizont erweitern.

Wenn mich immer jemand vor meiner Langeweile gerettet hätte, wäre ich heute kein Christ. Ich fing überhaupt erst richtig zu suchen und zu fragen an, als ich länger krank war, alle spannenden Bücher ausgelesen hatte und weil damals Fernsehen erst um 17.00 begann und ab 19.00 Uhr schon wieder langweilig wurde. Der Weg zu einem erwachsenen Umgang mit sich selbst und dem Leben führt nicht an der Langeweile vorbei, sondern durch sie hindurch. Nur: wie vermitteln wir das all den indignierten kleinen Majestäten? Ich habe schon vor einer Weile einmal Christian Schüle aus einem Beitrag für die Zeit zitiert:

Langeweile ist eine Erfindung der Beschleunigungsgesellschaft, deren Mitglieder fürchten, zu sich selbst kommen zu müssen und Leere zu finden.

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Adieu Alpha

Nach über 16 Jahren geht das Kapitel Alpha für mich am 31. Juli nun endgültig zu Ende. Die letzten drei Jahre lief es aus verschiedenen Gründen ohnehin eher auf Sparflamme: Engpässe bei den Ressourcen des Vereins, Sackgassen in unserem Schlüsselprojekt. Licht und Schatten wechselten sich also immer wieder ab. Nun freue ich mich auf Platz im Kalender für andere Aufgaben und alles, was an Begegnungen und Lernerfahrungen damit einhergeht. Im Augenblick wird das Erlanger Büro noch abgewickelt, und so ist es auch ein Moment des Rückblicks.

An einem Sonntag im März 1994 saßen Martina und ich bei Gumbels am Küchentisch. Zuvor hatten wir den Gottesdienst von HTB besucht und Nicky hatte uns mit seinem klapprigen Peugeot nach Clapham chauffiert. Ich stellte die naive Frage, ob er sich vorstellen könne, Alpha mal auf einer Gemeindefreizeit vorzustellen. Es wurde etwas größer: Im März 1996 kamen zu zwei Konferenzen binnen einer Woche fast 600 Leute, und danach fingen überall im Land Kurse an. Inzwischen gibt es schon Bischöfe mit Alpha-Erfahrung in Deutschland.

Irgendwie bliebt die Sache an mir kleben, wir gründeten einen kleinen Verein und richteten ein Büro ein, Alpha Deutschland war geboren aus einem Häuflein von Idealisten und Netzwerkern. Und die Sache wuchs munter vor sich hin, über die Grenzen von Konfessionen und unterschiedlichen Prägungen hinweg begegneten sich Christen, die gastfreundlich auf andere Menschen zugingen, um sie behutsam mit hineinzunehmen in das, was sie selbst mit Gott erlebten.

Ich fange mal mit dem Licht an. Drei Aspekte finde ich nach wie vor besonders faszinierend an Alpha:

  • Da ist erstens die schon erwähnte große Gastfreundschaft, die verhindert, dass dieser Glaubenskurs einen belehrend-informativen Volkshochschulcharakter bekommt. Stattdessen sitzen erst einmal alle um einen Tisch plaudern über alles mögliche und begegnen sich darin als Menschen. Die Verbindung, die dabei entsteht, hält auch die zum Teil erheblichen Differenzen in Glaubensfragen aus, die im Laufe des Kurses thematisiert werden. Und Gäste bleiben Gäste, daher bleibt der Umgang respektvoll, wenn es in die Diskussion geht. Wenn es ein „Geheimnis“ von Alpha gibt, eine Art pädagogischen Kniff, dann ist es diese Grundhaltung. Inzwischen haben viele andere Kurskonzepte dieses Element übernommen.
  • Zweitens die gelebte Ökumene: das ist offenbar einfacher mit den Vertretern unterschiedlicher Konfessionen, die sich nicht aufs dogmatische Rechthaben konzentrieren, sondern darauf, das Evangelium denen nahe zu bringen, die mit ihm noch nicht oder schon lange nicht mehr in Berührung gekommen sind. Bei den internationalen Treffen in London traf ich vom koptischen Bischof bis zum Pfingstler und vom Vineyardmenschen bis zur katholischen Ordensfrau die ganze Bandbreite der christlichen Kirchen und Gemeinschaften aus über 160 Ländern der Welt – alle fröhlich beieinander in der neugotischen Kirche bei Harrods um die Ecke zum Stehempfang, Kirchenpicknick, Erfahrungsaustausch und Gottesdienst. In Deutschland bildet sich das wunderbar ab in der Vielfalt der Alpha-BeraterInnen, die mit viel Herzblut dieses erstaunliche Netzwerk getragen und ausgebaut haben.
  • Drittens ist es zumindest in Ansätzen gelungen, hier verschiedene Strömungen in eine befruchtende Verbindung zu bringen: Die Tradition und gesellschaftliche Offenheit der anglikanischen Kirche, das Wochenende als Element des pfingstlich-charismatischen Christentums (global, auch wenn das in Deutschland manch einer gar nicht gern hört, die vitalste religiöse Bewegung überhaupt), die besonnene evangelikale Apologetik von C.S. Lewis und John Stott und, zumindest in Ansätzen, ein Herz für Arme, das zwar noch keine Sozialkritik á la Sojourners abwirft, aber immerhin etliche karitative Projekte und einen Beitrag zur Resozialisierung Strafentlassener.
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Der Hunger bringt den Geschmack

Ich habe Brennende Gegenwart weitergelesen: Bei den Straßenexerzitien geht es darum, Kontakt aufzunehmen mit der eigenen Sehnsucht. Sie enthält grundlegende Wahrheiten über mich selbst, aber sie wird immer wieder von anderen Dingen übertönt. Ärger, Traurigkeit oder Angst können mi die Richtung anzeigen, in der ich suchen muss. Aber auch spontane Anflüge von Freude.

Den Zugang zum Leben finden wir aber häufig in der Auseinandersetzung mit existenziellem Schmerz. So ging es der ausgeschlossenen Hagar oder Mose, der in der Fremde gestrandet war. Und das dreimalige „Nein“ Jesu in der Versuchungsgeschichte zu materieller Versorgung, sicherer Gewissheit und machtvollem Schutz kann man als ein vertrauensvolles Ja zum Leben in der Schöpfung lesen.

All das gehört zur Etappe der Fundamentsuche, der Frage nach dem eigenen Hunger, der in eine kindliche Haltung von Abhängigkeit und Erwartung führt. Am Ende dieses Abschnitts schreibt Herwartz:

Wahrnehmen des Lebens um und in uns setzt das Schweigen der eigenen schnellen Bewertungen voraus. Wir werden langsamer und finden Freude am Verkosten der Ereignisse; wir wollen ihnen nachspüren, sie ergründen.

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„Beten mit offenen Augen“

Ganz frisch liegt auf meinem Schreibtisch das kleine Buch Brennende Gegenwart von Christian Herwartz. Der Autor ist Jesuit und gehört zu den „Ordensleuten gegen Ausgrenzung“. Seit einigen Jahren bietet er Straßenexerzitien an und er bloggt unter dem Titel nackte Sohlen.

In der Einleitung beschreibt er kurz das Grundanliegen der Straßenexerzitien. Man verbringt als Gruppe Zeit in einer Stadt, bekommt dabei Begleitung und Anleitung, ist tagsüber auf den Straßen unterwegs und trifft sich dann gegen Abend zum Gottesdienst und Austausch. Es geht vor allem um die Begegnung mit Gott:

Das aufmerksame Wahrnehmen lässt sich nicht organisieren. Aber es wird durch Freiräume ohne Handlungsdruck ermöglicht. Sie sind nicht automatisch da. Absprachen sollen sie ermöglichen, damit wir still und staunend sein können.

… Überraschend begegnet uns Gott durch einen menschen, ein Zeichen oder eine spontane Freude in uns selbst. er braucht keine Bedingung, um uns zu finden. Jeder Vergleich eines besseren oder schlechteren Weges zu ihm ist lächerlich. Gott kommt auf uns zu, und wenn er bei uns eine geöffnete Tür findet, dann tritt er mit seinem Frieden identitätsstiftend ein. Jeder Ort, an dem wir ihn empfangen dürfen, wird uns heilig sein.

Herwartz orientiert sich – was mich besonders freut, nachdem ich das Kapitel seit mehr als einem Jahr immer wieder lese – dabei an Jesu Anweisungen aus Lukas 10, die er für den Kontext der Exerzitien neu auslegt: Kein Geld (sprich: Sicherheiten), kein Beutel (mit Vorräten für alle Eventualitäten), keine Schuhe (eine Haltung der Friedfertigkeit), keine Einengung durch umständliche Etikette (das tut „man“, das tut „man“ nicht). Die Exerzitien sind „Einladungen zu einer vorurteilsfreien Haltung“, zur inneren Freiheit, neuen Lebensimpulsen zu folgen.

Meine Neugier ist geweckt. In den nächsten Tagen werde ich davon schreiben, wie es weitergeht.

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Sehr bemerkenswert

Da habe ich gestern noch auf ein paar Sätze von Kardinal Woelki zur Sexualethik hingewiesen, und nun lese ich überrascht, dass in den USA kein geringerer als Alan Chambers, Präsident von Exodus International, offenbar schwer am Umdenken ist, was seine bisherige Position zur Therapierbarkeit homosexueller Orientierung angeht. Er distanziert sich von dem Konzept der „reparative therapy“.

Die New York Times hat das Thema aufgegriffen. Dort wird auch erwähnt, dass sich Chambers Rücktrittsforderungen ausgesetzt sieht, weil er nicht bestreitet, dass Homosexuelle „in den Himmel kommen“. Chambers wiederholt diesen inklusiven Standpunkt in einem TV-Interview, das auch auf Chambers‘ Blog zu sehen ist. Vielleicht ist diese Aussage auf lange Sicht noch wichtiger. Ganz ausführlich kommt Chambers in The Atlantic zu Wort. Er vertritt immer noch (wie Woelki) eine relativ konservative Theologie, aber in einem sehr moderaten Tonfall, der dieser sehr gereizten Debatte definitiv gut tut.

Der Vorstand von Exodus International soll außerdem beschlossen haben, sich jeglicher Kriminalisierung von Homosexualität zu widersetzen. Den breiteren Hintergrund der Entwicklung in den USA beleuchtet aktuell dieser Artikel in der Zeit.

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Bemerkenswert

Die Zeit zitiert Kardinal Woelki mit der für offizielle katholische Verhältnisse doch bemerkenswerten Aussage:

»Ich halte es für vorstellbar, dass dort, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen, wo sie in einer dauerhaften homosexuellen Beziehung leben, dass das in ähnlicher Weise zu heterosexuellen Partnerschaften anzusehen ist.«

Woelki bestätigt das Zitat im Interview, bekräftigt zugleich das Bekenntnis der römischen Kirche zu Ehe und Familie, und sagt außerdem:

»Man hüte sich, sie in irgendeiner Weise ungerecht zurückzusetzen«, heißt es im Katechismus über Menschen, die homosexuell veranlagt sind. Wenn ich das ernst nehme, darf ich in homosexuellen Beziehungen nicht ausschließlich den »Verstoß gegen das natürliche Gesetz« sehen, wie es der Katechismus formuliert. Ich versuche auch wahrzunehmen, dass da Menschen dauerhaft füreinander Verantwortung übernehmen, sich Treue versprochen haben und füreinander sorgen wollen, auch wenn ich einen solchen Lebensentwurf nicht teilen kann.

Bemerkenswert ist das insofern, als Woelki nicht die Unterschiede, sondern die Gemeinsamkeiten in den Mittelpunkt stellt. Ist das nur freundliche Rhetorik dessen, der weiß, dass sich an der offiziellen Position ohnehin nichts ändern wird, ist das eine Einzelstimme, oder deutet sich da tatsächlich eine gewisse Offenheit an?

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Die Gottesfrage

Die Frage nach Gott ist keine Frage nach allen Dingen, sondern eine Frage aller Dinge; keine Untersuchung des Unbekannten, sondern eine Untersuchung dessen, wofür alle Dinge stehen; eine Frage, die wir für alle Dinge stellen. Man formuliert sie nicht in Kategorien des Verstandes, sondern in Taten, in denen wir über alle Worte hinaus rege sind. Der Verstand weiß nicht, wie er sie formulieren soll, aber die Seele seuzft sie, singt sie, fleht sie.

Abraham Heschel, Man is not Alone

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Es lebe die Philosophie!

In den USA hat das republikanische Wunderkind Jonathan Krohn verlauten lassen, er werde vermutlich für Obama stimmen. Der Junge ist 17 und hat im zarten Alter von 13 durch sein Buch Defining Conservatism auf sich aufmerksam gemacht. Die SZ berichtet Erstaunliches über die Hintergründe. Hier geht es, wie die SZ berichtet, nicht etwa um konservative Peinlichkeiten wie Mitt Romneys unversteuertes Auslandsvermögen in dreistelliger Millionenhöhe, sondern

Schuld am Sinneswandel des 17-Jährigen sind laut Krohn deutsche Philosophen wie Nietzsche, Wittgenstein und Kant, nach deren Lektüre er dem Konservatismus den Rücken kehrte.

Mit Bildung und deutschen Denkern aus der Krise, das lässt den schaurigen Rechtsruck der US-Konservativen in einem ganz anderen Licht erscheinen. Ob die Köpfe der Teaparty ausgebuffte Zyniker sind oder echte Ignoranten, spielt vielleicht eine nebensächliche Rolle. Punkten können sie nur, weil viel zu viele Menschen viel zu wenig nachdenken und das auch nie richtig gelernt haben. Kein Wunder, dass diese Politiker gar kein Interesse daran haben, Bildung zu verbessern: Die Einschaltquoten von Fox News könnten leiden.

Also, Leute, holt den Kant wieder aus dem Regal. Das Sapere Aude hat auch im 21. Jahrhundert nichts von seiner Aktualität eingebüßt.

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Erst auspowern, dann auftanken?

Work hard, play hard – erst auspowern und dann auftanken – ist ein verbreitetes Mantra der Leistungs- und Konsumgesellschaft. Wer reichlich Erfolg und dafür hart gearbeitet hat, hat auch genug Geld, um sich nötige Wellness zuzukaufen, von der lila Pause oder dem Ayurvedatee bis zum von hilfreichen Geistern umschwärmten Aufenthalt in einem Luxusresort. Die Aufgabe der Regeneration wird also zunehmend delegiert, und es finden sich bereitwillig Anbieter, die uns das dafür nötige Denken und Planen professionell abnehmen. Beruflich oder in der Familie stresst uns die Verantwortung ja schon genug. Zum umsichtigen Durchatmen bleibt da nicht mehr so viel eigene Energie.

Da wir – nicht ganz zu Unrecht, aber vielleicht zu ausschließlich – das geistliche Leben mit Regeneration verbinden, bieten alle möglichen christlichen Institutionen nun „Verwöhntage“ und Ähnliches an, selbst jene, die eine Anpassung an den Zeitgeist sonst strikt ablehnen. Mag sein, dass es die alte Anknüpfungsstrategie ist, mit der man Glauben wieder praktisch relevant zu machen versucht. Und freilich gibt es „aus biblischer Sicht“ einiges Aufmunternde zu sagen über müde Seelen (und wenn sie schon mal für ein Wochenende da sind, kann man sie physisch und psychisch auch kurz wohlig durchkneten). Entsprechend reden viele (durchaus dankbar, aber leider in einem Bild, das Passivität suggeriert) vom „Aufatmen“, „Auftanken“ oder „Akkus Aufladen“.

Kann es trotzdem sein, dass allein der Rahmen, in den wir Dinge wie die Beschäftigung mit Gott und dem eigenen Innenleben einordnen, ihnen die eigentliche Spitze nimmt? Deklarieren wir sie unter der Hand um zur Freizeitbeschäftigung, ein „nice-to-have“, wie es neudeutsch heißt, eine Art mentalen Energieriegel oder ein Maskottchen für unseren Weg auf der imaginären Siegerstraße? Und ist es so betrachtet vielleicht auch kein Wunder, dass wir dem praktischen Dualismus von Leistung und Konsum, Selbstausbeutung und Fremdverwöhnung, Aktionismus und Passivität, durchökonomisierter „Welt“ und apolitischer, eskapistischer Spiritualität oft so wenig entgegenzusetzen haben?

Die wirkliche Relevanz des Glaubens besteht darin, dass er uns helfen kann, eben diese Schizophrenie zu überwinden. Dann aber dürfen wir ihn nicht in die Wellness-Schublade stecken, nicht als weitere Freizeitaktivität (miss)verstehen, sondern als den bewussten Schritt über die alten Gegensätze hinaus an einen Ort, wo uns weder die Ansprüche von außen noch die eigenen Bedürfnisse so besetzen können, dass wir ihrer Eigendynamik ausgeliefert sind. Funktionieren wird das aber nur, wenn wir Gott als den Urgrund der inneren wie der äußeren Welt nicht nur als ein gedankliches Konzept behandeln, sondern als ein nahes, lebendiges Gegenüber erfahren.

Hier zerbricht der oben skizzierte Gegensatz schon deshalb, weil diese Erfahrung einerseits nicht machbar ist, Gott sich andererseits aber von denen finden lässt (oder die findet), die ihn suchen. Mit einem lahmen „melde dich doch bei Gelegenheit“, das dem anderen die Initiative überlässt, ist es im geistlichen Leben daher nicht getan. Es ist die eine Sache, wo wir mit ganzem Herzen, ganzer Seele und all unserer Kraft gefordert sind. Franz Jalicz sagt es in seinem jüngst erschienenen Buch über geistliche Begleitung

Die Hektik der Welt hat auf uns ihren ausschließlichen Anspruch verloren. Wir schauen mehr auf das Ewige als darauf, was auf Erden geschieht, und doch bewirken wir durch Jesus mehr auf Erden also vorher.

Mit der Ewigkeit ist nicht ein „später“ gemeint (das „Leben nach dem Tod“), sondern die Dimension Gottes, die wir im allzu „irdischen“ Alltag oft aus dem Blick verlieren. Wenn sie durchbricht, dann verändert sie nicht nur unser Inneres, sondern auch unsere Umgebung.

(Ein paar Impulse zur praktischen Umsetzung habe ich aktuell hier gepostet)

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Weisheit der Woche: Aufklärung und Vernunft

Aufklärung, wie sie gerade auch die deutsche Philosophie gelehrt hat, würde heißen, die eigene Weltanschauung zu relativieren und also im eigenen Handeln und Reden immer in Rechnung zu stellen, dass andere die Welt ganz anders sehen: Ich mag an keinen Gott glauben, aber ich nehme Rücksicht darauf, dass andere es tun; uns fehlen die Möglichkeiten, letztgültig zu beurteilen, wer im Recht ist. Aufklärung ist nicht nur die Herrschaft der Vernunft, sondern zugleich das Einsehen in deren Begrenztheit.

Navid Kermani in einem lesenswerten Beitrag für die SZ

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Krokodilstränen

Es war nicht das erste Mal: Herr A. hatte eine Entscheidung getroffen, die ihm selbst Vorteile verschaffte, jedoch für Frau B. unangenehme Konsequenzen hatte; er hatte dabei großzügig darauf verzichtet, sie zu informieren, geschweige denn einzubinden. Als er sich mit ihren – moderaten, aber engagierten – Protesten und Unmutsbezeugungen konfrontiert sah, kehrte er erst seinen höheren Rang heraus, um kurz darauf eine halbherzige Entschuldigung nachzuschieben – dafür, dass die Form vielleicht nicht so ganz vollendet gewesen war.

Es tue ihm leid, hieß es in bestem Günther-Oettinger-Gedächtnis-Sprech, wenn sich andere von seinem Vorgehen verletzt fühlten. Aber um der gemeinsamen Sache willen müsse man nun doch bitte wieder nach vorne schauen und friedlich zusammenarbeiten. Ein Termin wurde für eine Aussprache anberaumt. Die Differenzen wurden besprochen. Frau B. musste verreisen, daher fertigte Herr A. ein für ihn ebenso stimmiges wie schmeichelhaftes Gedächtnisprotokoll an, dass er – die Zeit drängte ja – ohne Rücksprache an die gemeinsamen Vorgesetzten versandte. Frau B. widersprach Tage später der einseitigen Darstellung, doch ihr Einspruch verhallte weitgehend ungehört. Der oberste Chef sandte eine Mail in die Runde, dass man sich angesichts großer Chancen auf dem Markt im Augenblick nun wirklich keinen solchen Streit leisten könne, wie Frau B ihn gerade anzettele.

Frau B. zog die Konsequenz und kündigte. Herr A. bedauerte, dass jemand offenbar persönliche Empfindsamkeiten über das gemeinsame Projekt zu stellen bereit war. Der oberste Chef wies alle Beteiligten an, eine gemeinsame Erklärung zum Wechsel in der Abteilung zu verfassen. Herr A. und der Chef brachten sie zu Papier und Frau B. erfuhr aus der Hauspost davon. Frau B. monierte, Herr A. entschuldigte sich – wieder mal.

Als ich Frau B. so zuhörte, dachte ich: Mich erinnert das an den prügelnden Ehemann, der nach der Tat verkatert und zerknirscht auf seine Frau einredet, ihn nicht zu verlassen oder anzuzeigen. Beide wissen jedoch genau, dass er irgendwann wieder einen über den Durst trinkt und wieder ausrastet. Wenn „Vergebung“ nicht nur ein Deckmäntelchen sein soll, unter dem die alten hässlichen Muster von Machtmissbrauch fortbestehen können, dann muss man so wie Frau B. handeln und die Konsequenzen ziehen – und sich aus dem Machtbereich dessen lösen, der zu keiner konstruktiven Veränderung willens ist.

Denn vor (!!) der Aufforderung, siebzig mal siebenmal zu vergeben, steht in Matthäus 18 die Anweisung, andere für ihr Fehlverhalten zur Rede zu stellen und notfalls den Personenkreis zu erweitern, wenn der Konflikt nicht gelöst wird. Im schlimmsten Fall bricht man den Kontakt dann sogar ab. Das ist keine Anleitung zum frommen Mobbing und moralischem Pranger, sondern es sind sinnvolle Maßnahmen zum Schutz von Opfern vor übergriffigem Verhalten. Im besten Fall wird Versöhnung zu einem späteren Zeitpunkt möglich. Bei Frau B. wird sich Herr A. nun nicht mehr entschuldigen müssen. Das hat sie fürsorglich so eingerichtet. Ob er ihr dafür eines Tages danken wird?

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Solche und solche Beweise

Gottes Existenz kann von menschlichem Denken nie überprüft werden. All unsere Beweise sind nur Demonstrationen unseres Dursts nach ihm. Braucht der Durstige einen Nachweis seines Durstes?

Abraham Heschel, Man is not alone, 94

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Feurig beten

Es brennt im US-Bundesstaat Colorado, Zehntausende werden evakuiert, mein Facebook-Feed ist voller Gebetsaufrufe. Und ich bin innerlich gespalten. Freilich will ich nicht, dass irgendwem Schaden an Leib und Leben widerfährt, dass Menschen Hab und Gut verlieren und die Ökosysteme der großartigen Natur großflächig zerstört werden.

Zugleich steckt da aber auch dieser Gedanke im Hinterkopf: Die USA sind maßgeblich verantwortlich für die Verschwendung fossiler Brennstoffe, einen Immensen Ausstoß an Treibhausgasen und eine Verschleppung der weltweiten Bemühungen zur Verhinderung einer wahrscheinlichen Klimakatastrophe. Und Amerika denkt erfahrungsgemäß nur dann (und auch dann nur vielleicht…) um, wenn die Katastrophe zuhause einschlägt.

Wenn diese Feuer {verschwindend klein, wie diese Hoffnung auch sein mag) zu einem Umdenken und nachhaltigen Bewusstseinswandel führen, dann würden sie für viele Menschen in der Zukunft unter Umständen Gutes bewirken, überall auf der Welt. Das schmälert das Leid der Betroffenen nicht, aber die wohnen wenigstens in einem wohlhabenden Land.

Geht hingegen alles noch glimpflich ab, dann wacht davon niemand auf, alles geht weiter wie bisher und wenn die nächsten Brände, Fluten oder Stürme in irgendeiner abgelegenen und armen Region eintreten, rüttelt das auch niemanden mehr auf.

So. Was wollte ich jetzt eigentlich genau beten?

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