Schimpfen oder Schmusen?

Als Spiegel-Online Leser habe ich diese Woche zwei Meldungen aufmerksam verfolgt:

Wolfgang Schäuble grenzt sich scharf gegen die AfD ab und macht aus seiner herzlichen Abneigung gegen das Programm und den Politikstil der Rechtspopulisten keinen Hehl: Sie sind „eine Schande für Deutschland“.

Xavier Naidoo zeigt sich am Nationalfeiertag in Berlin angeblich „privat“, aber dann eben doch ganz öffentlich, auf Veranstaltungen stramm rechter Gruppen (der „Reichsdeutschen“) und nennt Jesus als Vorbild dafür, denn der – so gibt SPON das sinngemäß wieder – habe sich ja auch von niemandem distanziert.

Wirklich nicht?

Es gibt ja auch im bunten Chor des Christentums ausgesprochen grenzwertige Stimmen. Muss ich „im Namen der Liebe“ also gute Miene zu deren Spiel machen (das wünschen sie sich natürlich, obwohl sie selbst oft mächtig holzen gegen andere), oder sollte ich lieber Schäubles Ansatz wählen und sagen, dass ich manche Positionen äußerst unsympathisch finde und auf gar keinen Fall mit denen in einen Topf geworfen werden möchte, die sie vertreten?

Muss ich, um es konkret zu machen, Xavier Naidoo verteidigen, weil er Christ ist? Oder sollte ich lieber hoffen und beten, dass er aus der Kritik lernt, die er jetzt zu hören bekommt? Und dass meine christlichen Bekannten, die (warum auch immer) die AfD super finden, merken, dass das weder für Deutschland noch für die Christenheit ein Ruhmesblatt ist?

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Crazy Love (2): Zorn und Zärtlichkeit

(Wer Teil 1 noch nicht gelesen hat, bitte erst hier klicken)

Schließlich kommt er doch – der Tag, an dem er nach langem Zögern beschließt, seine Frau zu verlassen. Er packt seine Sachen und verlässt das Haus. Von einem Tag auf den anderen ist er nicht mehr erreichbar. Für sie bricht eine Welt zusammen. Als wäre das nicht genug, gerät sie auch noch ins Visier der Geheimdienste. Ihr verschwundener Mann, munkelt man, habe Kontakte zu Staatsfeinden unterhalten.

Gleichzeitig beginnt der soziale Abstieg: Sie muss das Haus verlassen und in ein Zimmer zur Untermiete ziehen. Die Menschen in diesem Teil der Stadt sind ihr fremd, die wenigsten sprechen ihre Sprache, sie fühlt sich einsam. Arbeit zu finden ist nicht einfach, es bleiben nur schlechte Jobs. Frühere Freundinnen gehen ihr aus dem Weg, ihre Nachbarinnen tuscheln hinter ihrem Rücken. Männer behandeln sie zunehmend respektlos.

Alles, was sie an ihm auszusetzen hatte, wirkt plötzlich hoffnungslos kleinkariert. Warum beginnt man das, was man hatte, so oft erst dann zu schätzen, wenn man es verliert? Vom guten Leben ist sie weiter weg als je zuvor. Und das schlimmste ist, dass sie immer deutlicher sieht, wie sie selbst ohne Not alle Türen zu einer Versöhnung zugeschlagen hatte.Sie braucht noch eine ganze Weile, bis sie sich fängt. Aber dann weiß sie, dass sie sich nicht gehen lassen will. Sie will die Scherben aufsammeln und ihr Leben in den Griff bekommen.

Eines Abends besucht sie ein Freund ihres Mannes. Er hat eine Nachricht dabei. Die erste seit Jahren. Sie beginnt erst zögernd zu lesen, aber dann ist sie auf ganzer Linie überrascht vom Inhalt: Kein Vorwurf, keine Klage. Stattdessen die Erinnerung an das Kennenlernen, an die ersten Jahre, als sie ein Herz und eine Seele waren, und das Bekenntnis, dass er das nie vergessen wird. Er spricht davon, dass zwischen ihnen alles wieder gut wird.

Sie kann es nicht fassen. Sie legt die Brief weg und schaut eine Weile aus dem Fenster hinaus in die Dunkelheit. Dann dreht sie sich um, nimmt den Brief wieder zur Hand und liest noch einmal. Kein Zweifel, das ist seine Handschrift. Und auch Art, sich auszudrücken erkennt sie sofort wieder. Bei allen Unterschieden zwischen ihnen beiden, bei allen Überraschungen, die er ihr zugemutet hatte im Lauf der Jahre, allen Enttäuschungen, weil Dinge sich nicht nach ihren Vorstellungen entwickelt hatten, allem Frust und Streit – sie konnte sich immer auf sein Wort verlassen.

Und doch ist er ein anderer geworden. So wie sie selbst eine andere geworden ist. Kann jetzt wirklich alles gut werden zwischen ihnen beiden? Wir haben diesen Brief. Hier ist der Wortlaut:

Für eine kleine Weile habe ich dich verlassen, aber weil ich dich von Herzen liebe, hole ich dich wieder heim. Als der Zorn in mir aufstieg, habe ich mich für einen Augenblick von dir abgewandt. Aber nun will ich dir für immer gut sein. Das sage ich, der Herr, der dich befreit. Zur Zeit Noachs schwor ich: ‘Nie mehr soll das Wasser die Erde überfluten!’ So schwöre ich jetzt: ‘Nie mehr werde ich zornig auf dich sein und nie mehr dir drohen! Berge mögen von ihrer Stelle weichen und Hügel wanken, aber meine Liebe zu dir kann durch nichts erschüttert werden und meine Friedenszusage wird niemals hinfällig.’ Das sage ich, der Herr, der dich liebt.

Wie die Geschichte weitergeht? Dazu in Kürze mehr.

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Crazy Love (1): Ein unwahrscheinliches Paar

Dies ist eine wahre Geschichte über Freude und Schmerz und wie nahe beides beisammen liegen kann. Sie handelt von einem kreativen Self-Made-Man. Er hatte, quasi aus dem Nichts, ein florierendes StartUp in der Biotechnik-Branche auf die Beine gestellt – und sich damit eigentlich für den Olymp der Reichen und Schönen qualifiziert. Doch in deren Gesellschaft fand er niemanden, der zu ihm gepasst hätte. Sie kamen alle zu selbstverliebt daher und neigten dazu, andere zu benutzen und von oben herab zu behandeln. Und weil er jemand war, der Ungerechtigkeit nur ganz schwer ertragen konnte, machte ihm diese Mentalität schwer zu schaffen.

Die Firma lief gut und stabil genug, dass er es sich leisten konnte, allein und weitgehend inkognito durch die Welt zu reisen. Er verließ die Welt der Villenviertel und tauchte ab als Wanderer, nur einem Rucksack unterwegs. Und so traf er schließlich in einem Flüchtlingslager in Afrika eine junge Frau. Sie wirkte rebellisch und leidenschaftlich, wenn es um Gerechtigkeit ging, mit einem ungeheuren Freiheitsdrang und vor allem voller waghalsiger Träume.

„Ist sie das alles wirklich“, fragte er sich anfangs, „oder sehe ich das nur in ihr, weil es mir selbst so wichtig ist?“ Er musste es herausfinden. Vielleicht war sie ja auch ein bisschen von beidem? Also verriet er ihr bei den ersten Begegnungen nur zögerlich, wer er war. Er wollte nicht, dass sie in ihm nur das Ticket in ein besseres Leben sah.

Umgekehrt stellte er fest: Sie stammte aus bescheidenen Verhältnissen und wusste, wie es sich anfühlt, wenn man keine Lobby und keine Rechte hat, wenn man unterdrückt und ausgenutzt wird. Sie war gewiss keine Heilige, aber sie gehörte zu exakt den Menschen, um die es ihm mehr als um alles andere ging. Dort in Afrika fingen sie an, gemeinsam von einer besseren Welt zu träumen, in der Menschen nicht unter die Räder des Sicherheitsapparats, der Konzerne oder der Hassprediger und ihrer Anhänge kommen.

Schließlich verhalf er ihr zur Flucht vor dem autoritären Regime, indem er ihr einen Pass besorgte, mit dem sie ausreisen konnte. Fast wäre sie an der Grenze noch gestoppt worden, aber es funktionierte dann doch noch alles. Sie verbringen ein paar Wochen allein in den Bergen und beschließen in dieser Zeit zu heiraten. Dann nimmt er sie mit zu sich nach Hause.

Vermutlich hatten sie sich das beide einfacher vorgestellt: Er muss sie immer wieder gegen den Spott der etablierten Nachbarn in Schutz nehmen, die sie wegen ihrer einfachen Herkunft verachten. Und es macht ihm Sorgen, dass sie immer weniger miteinander reden. Manchmal scheint ihm, sie ist ganz zufrieden damit, dass ihre Welt nun eine bessere ist. Gelegentlich sagt oder tut sie Dinge, die sie so oberflächlich erscheinen lassen wie die anderen Frauen, mit denen er sich ein gemeinsames Leben nie vorstellen konnte.

Wenn er wieder über seinen Traum von einer gerechten Welt für alle spricht, ist sie nicht mehr so aufmerksam und interessiert wie früher. Manchmal hat er das Gefühl, dass sie ihn belächelt. Ist das noch die Frau, in die er sich verliebt hat? Und kann er noch auf sie zählen?

Er stellt sie zur Rede. Sie weicht ihm immer wieder aus. Manchmal wirft sie ihm vor, er liebe sie nicht genug. Anderen Frauen ginge es besser. Seinetwegen sei sie eine Außenseiterin in der High Society. Er stecke viel zu viel von ihrem gemeinsamen Vermögen in seine sinnlosen Weltverbesserungsprojekte. Andere Male ist sie zerknirscht und sagt unter Tränen, dass sie sich ändern werde. Aber die guten Vorsätze halten nicht lange.

Mit der Zeit spürt er immer deutlicher, dass sie sich selbst nicht leiden kann. Sie sucht Trost in Luxusartikeln, behandelt die Angestellten im Haus schlecht und beneidet die Nachbarn, bei denen angeblich alles besser ist. Hat sie ihn wirklich jemals geliebt? Ist sie in diesem inneren Zustand dazu überhaupt fähig? Auch wenn er ihr nie vorgehalten hat, dass sie von ihm abhängig ist, dass er ihr alles erst ermöglicht hat – nimmt sie ihm diese Ungleichheit insgeheim doch übel?

Er versucht ihr zu erklären, dass sie dabei ist, nicht nur sich zu zerstören, sondern auch diese Beziehung. Sie reagiert defensiv und zieht sich weiter zurück. Die Positionen verhärten. Er ahnt, dass er sie verlieren wird.

Fortsetzung folgt

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„Wenn nur was käme und mich mitnähme…“

In manchen Kreisen, so mein Eindruck, gibt es zwar eifrige Lippenbekenntnisse zur Demokratie, aber insgeheim träumen nicht wenige immer noch von einer Monarchie; freilich mit einem idealen Regenten. Manche finden, auch die Kirche sollte besser möglichst undemokratisch funktionieren. Autoritäre Weltbilder stehen erstaunlich hoch im Kurs – ein schmaler Grat.

Natürlich wäre das Leben einfacher, wenn wir uns um den Staat und die Ordnung keine Gedanken machen müssten, sondern das in kompetente Hände legen könnten und dabei wüssten, dass dieser Monarch alles richtig macht, wenn er „durchregiert“. Flüchtlinge, Terror, Klimawandel, TTIP, Jugendarbeitslosigkeit und Ebola würden uns keine schlaflosen Nächte mehr bereiten. Das ist im Grunde ein romantischer und nostalgischer, vor allem aber ein verzweifelter und letztlich verantwortungsloser Traum. Und die neuen Feudalherren sind nur zu gern bereit, diesen Wunsch zu erfüllen.

Neulich habe ich (wieder einmal, nach längerer Pause) ein eng verwandtes Statement gehört. Unter Bezug auf ein paar Bibelstellen ging es dort um das Verhältnis der Geschlechter und jemand machte sich stark für eine Rückorientierung am Patriarchat. Freilich wurde er nicht müde, die Last der Verantwortung und den Ernst der Aufgabe des Patriarchen herauszustellen, er schien aber durchaus der Überzeugung zu sein, dass die meisten Frauen sich nichts sehnlicher wünschen als einen solchen Gentleman als Retter, Vormund oder Schirmherr.

Wie schon Friedrich Rückert dichtete: „Wenn nur was käme und mich mitnähme!“

Mag sein, dass es solche Träume gibt. Die Motive dürften in diesen Fällen ähnlich gemischt sein wie bei den Royalisten. Vielleicht liegt die Sache aber in Wahrheit ganz anders, als es dem freundlichen Patriarchen schien. Das Zeitmagazin interviewte vor einer Weile den Paartherapeuten Ulrich Clement. Der vermutet, dass weibliche Unterwerfungsphantasien, die vor allem der feministischen Forschung Rätsel aufgaben, in Wirklichkeit verkappte Allmachtsphantasien sind. Kaum eine Frau will also wirklich zurück ins 19. Jahrhundert.

(Frage: Was passiert mit uns Männern, und was mit geistlichen Leiter_innen, wenn wir uns diesen Schuh anziehen und diesen Messiaskomplex aufhalsen?)

Aber Beziehungen auf Augenhöhe sind schwieriger als solche mit Gefälle, und Demokratien sind anspruchsvoller als autoritäre Formen von Regierung. Zum Glück haben Christen ja schon immer den schmalen, herausfordernden und risikoreichen Weg gewählt, nicht den breiten, anspruchslosen…

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Mit Gottes Reich ist es wie mit dem Internet…

Jesus spricht in Lukas 17 davon, dass man beim Reich Gottes nicht einfach sagen könne, es sei hier oder da. Dennoch ist es nahe, in Reichweite, am Kommen und im Wachsen begriffen. Für letzteres verwendet Jesus durchweg organische Bilder, insofern ist der Vergleich, den ich jetzt anstelle, etwas heikel. Trotzdem:

Seit etwa 20 Jahren gibt es das Internet. Auf die Frage, wo das Internet denn sei, kann man auch nicht einfach auf irgendetwas zeigen. Bildschirme, Router, Datenleitungen, Satelliten, Netzknotenpunkte, Inhalte, Nutzer, Protokolle, Software – alles gehört irgendwie dazu und nichts ist für sich genommen schon das Internet.

„Das Internet“ ist ständig im Werden. Praktisch jede(r) kann sich anschließen lassen. Zwar nutzt nicht jede(r) das Internet, manche finden es zu teuer, zu gefährlich oder zu kompliziert. Aber das Internet hat im Laufe der relativ kurzen Zeit, seit es „nahe herbeigekommen“ ist, das Leben vieler Menschen und ganzer Gesellschaften verändert – mal etwas mehr, mal etwas weniger.

Natürlich ist das Reich Gottes nicht das Internet (ebenso wenig wie das Internet das Reich des Bösen ist, wie manche argwöhnen). Aber es gibt Analogien, die uns helfen können, besser zu verstehen, wie das mit dem Reich Gottes „funktioniert“. Man lernt zum Beispiel über das Internet Menschen kennen, denen man anders bei begegnet wäre. So ist es mit dem Reich Gottes auch.

Das ließe sich jetzt bestimmt noch in verschiedene Details fortsetzen, und sicher werden manchen nun alle möglichen Aspekte einfallen, in denen der Vergleich mächtig hinkt. Schließlich hat das Internet keineswegs nur gute Seiten. Ich beschränke mich daher auf diese knappen Gedanken.

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Beflügelnde Begegnung

Ein Jahr lang sind wir in dieselbe Schule gegangen, ich in die fünfte und er in die zehnte Klasse. Als „Frischling“ habe ich die Großen damals nur aus schüchterner Distanz bestaunt. Kennengelernt haben wir uns nun 39 Jahre später, als Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm am Samstag mit uns Gottesdienst feierte. Und das fand wieder in einer Schule statt.

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Den Talar ließ der Bischof im Koffer, zwei Bewegungslieder machten ihm keine Mühe und bei den Fürbitte-Gebeten in kleinen Gruppen saß er, ehe ich mich versah, mit drei Jugendlichen ganz vertieft auf dem Fußboden – keine Spur von Distanz oder Herablassung, die sogar bei einfachen Amtsträgern gelegentlich vorkommt. Da war ich dann einen heiligen Moment lang wirklich sprachlos.

In seiner Predigt über das Jesuswort vom alten Wein in der alten Schläuchen und dem neuen Wein in den neuen warb er für ein gutes Miteinander ohne Abwertung und Konkurrenz, und sprach auch die Probleme an, die entstehen, wenn alt und neu zusammentreffen. Da konnte ich gut mit, es deckt sich mit meinen Erfahrungen. Und es passt wunderbar zum Konzept der Mixed Economy, das die Anglikaner und ihre Partner bei den Fresh Expressions betonen (in Norddeutschland ist daraus ein Mischwald geworden). Darüber haben wir im Anschluss auch noch kurz gesprochen, im strukturkonservativen Bayern stecken solche Überlegungen bislang in den Kinderschuhen.

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Denn wenn wir heute nicht darüber nachdenken, wie wir den neuen Wein lesen und lagern (gestern bin ich durch Iphofen geradelt, da ist der neue Wein gerade in aller Munde und bringt Menschen ziemlich in Bewegung), dann haben wir irgendwann keinen reifen, alten Wein mehr (und – auch wenn Jesus es nicht ausdrücklich erwähnt, es steckt ja im Bild –manchmal liegt auch ein reifer Wein schon länger im Keller, als ihm gut tut).

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Drei Themen haben mich aus dieser Begegnung mit dem Landesbischof besonders bewegt: Er redet erstens mit Begeisterung. Der Geist Gottes spielt für ihn eine wichtige Rolle – im Leben der einzelnen und der Gemeinden. Wir haben auch kurz darüber gesprochen, welchen Stellenwert der Heilige Geist in der aktuellen ökumenischen Missionstheologie spielt. Unsere Jugendlichen schließlich fragten nach seinem Lieblingsvers aus der Bibel und er antwortete mit 2.Kor 3,17: Der Herr aber ist der Geist, und wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit.

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Aus dieser Freiheit des Geistes wächst der – im besten Sinne „missionarische“ – Impuls, auf andere zuzugehen, mit ihnen die Schätze des Glaubens zu teilen, für das Leben mit den menschenfreundlichen Gott zu werben. Aus Freude, und nicht etwa aus Höllenangst und Pflichtgefühl, oder wie es Fulbert Steffensky einmal sagte: „Mission heißt zeigen, was man liebt.“ In der Predigt vom Samstag kam das schön zum Ausdruck und mischt sich mit dem dritten Impuls, Menschen mit weitem Herzen zu verbinden und das Denken in kleinen Karos, Konkurrenz und Konfrontation zu überwinden:

Es ist egal, ob ihr alte Schläuche nehmt oder neue Schläuche nehmt, aber lasst den Wein des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung durchfließen! Lasst ihn überfließen, dass alle davon kosten können! Lasst die Kleinen und die Großen davon kosten! Lasst die Armen und die Reichen davon schmecken! Lasst die Traurigen und die Frohen sich daran laben! Schickt niemanden weg, auch wenn er keine Ahnung hat, wie man den Schlauch anfasst! Und: bleibt beieinander! Gönnt euch einander! Wachst über euch hinaus und geht in die Welt und seid Salz der Erde!

Alle Rückmeldungen, die ich in den letzten Tagen bekommen habe, zeugen davon, dass diese Botschaft große Zustimmung findet, und dass diese Vision einer Kirche, die Gott und der Welt aktiv zugewandt ist, für ganz viele anschlussfähig ist.

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Gott lässt sich nicht spotten

Am Freitag hat die Heute-Show Teilnehmer am „Marsch für das Leben“ in Berlin ein bisschen auf die Schippe genommen. Ich fand die Interviews von Lutz van der Horst wie immer schlagfertig und witzig, aber eben nicht fies. In der Diskussion im Internet meldeten sich dennoch, wie so oft, empörte Stimmen zu Wort.

Die Standardphrase in solchen Diskussionen lautet: „Gott lässt sich nicht spotten“. Mit dem Bibelzitat verbinden sich meistens Erwartungen, dass Blasphemie wieder sanktioniert werden muss und untrügliche Symptome dafür, dass die Vertreter dieses Standpunktes zwar für sich selbst gern uneingeschränkte Religionsfreiheit in Anspruch nehmen, im Namen derselben jedoch Meinungs- und Pressefreiheit liebend gern einschränken würden. Pluralismus ist für sie ausschließlich negativ konnotiert. Da dürfen Meinungen geäußert werden, die nicht in das eigene dogmatische Raster passen.

Nimmt man die Bibel dagegen wirklich ernst, dann lässt Gott sich sehr wohl verspotten. Nachzulesen in der Passionsgeschichte. Und dann vergibt er denen auch noch, die ihn verspottet haben, lange bevor die überhaupt auf die Idee kommen, um Vergebung nachzusuchen.

Erstaunlich ist, dass Gott nicht nur bei Spott und Frotzeleien ein Auge zudrückt, sondern anscheinend auch bei Humorlosigkeit. Was dies betrifft, teile ich persönlich seinen Standpunkt allerdings noch nicht mit letzter Überzeugung.

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Zähe Gespräche, fruchtbare Gespräche und warum wir beides brauchen

So ein Arbeitstag bringt gewisse Wechselbäder mit sich. Heute morgen sprach ich mit der theologischen Referentin einer großen Kirche über eine noch relativ junge charismatische Gruppierung in ihrem Zuständigkeitsbereich, die ihr einige Sorgen bereitet. Die Kritik konnte ich mühelos nachvollziehen. Sie sprach davon, dass dort eine Radikalität und enorme Intensität zur Norm erhoben wird, die keinen Raum mehr dafür lässt, dass sich die Art zu glauben und das Engagement im Laufe eines Lebens verändert und entwickelt. Stattdessen wird jedes Nachlassen des religiösen Eifers und jedes Abweichen von der „klaren“ Linie mit Schuldgefühlen belegt.

Genau das war der Grund, warum ich irgendwann anfing, mich als „Postcharismatiker“ zu bezeichnen. Mir wurde schmerzhaft bewusst, dass ich die ständig geforderte, vermeintlich „normale“ Betriebstemperatur auf Dauer nicht halten kann, ohne daran innerlich kaputt zu gehen und andere kaputt zu machen. Der Weg zu dieser Einsicht hat aber ein paar Jahre gedauert, und vielleicht findet die betreffende Gruppe ihn ja auch noch irgendwann und muss dann andere Formen und Erfahrungen nicht mehr abschätzig bewerten.

Das andere Gespräch betrifft das gleiche Frömmigkeitsspektrum, aber eine gegenläufige Entwicklung. Ein Pfingstpastor erzählte von seinen Kontakten zur ACK, den manchmal schwierigen Diskussionen im eigenen Lager wegen so mancher Berührungsängste und Vorurteile, aber vor allem von seiner Begeisterung über die Aufnahme dort und die Impulse, die sich im Miteinander entwickeln. Das finde ich immens spannend. Der Ökumene in Deutschland kann das nur gut tun, wenn die Pfingstbewegung dort eine Stimme hat, und für die Pfingstbewegung wird es auch ein Segen sein, wenn Gräben zugeschüttet und Distanz überbrückt wird.

Heute nachmittag dann die Trauerfeier für einen jungen Mann, der letzte Woche auf einer Radtour von einem PKW über den Haufen gefahren wurde. Gott und Kirche waren ihm und den meisten Freunden weitgehend fremd geblieben, und nur ein Teil der Trauergäste konnte oder mochte das Vaterunser mitsprechen. Aber auch die gänzlich unfrommen Abschiedsworte hatten eine große Tiefe und in dem gemeinsamen Reden, Zuhören und Nachdenken entstanden in wenigen Augenblicken ganz tiefe Verbindungen. Jeder spürte die Echtheit des anderen in dem schweren Moment des Abschieds.

Wenn wir über Ökumene nachdenken, über Wachstum und Wandel des Glaubens, über das Problem von Engführungen, Übereifer und anmaßenden Abgrenzungen, dann mit dieser Perspektive des Nachmittags: Wie können wir in solchen Momenten und mit solchen Menschen die gute Nachricht angemessen verkörpern und in Worte fassen?

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New York, Rio, Rosenheim und der „aufgeklärte“ Aberglaube

Kürzlich las ich einen Bericht zur Ebola-Problematik in Westafrika. Ein gravierendes Problem stellen die traditionellen Bestattungsriten dar, die vorsehen, dass die Familie den Leichnam gemeinsam wäscht und küsst, und wo das ausbleibt, da sucht der Geist des Verstorbenen die treulosen Hinterbliebenen heim. Angst und Unkenntnis führen dazu, dass sich immer mehr Menschen infizieren

Wir Europäer haben in den letzten Jahrhunderten gelernt, wie man Ansteckung vermeiden kann und an böse Geister glaubt auch kaum noch einer. Aber wir waren und sind zum Teil immer noch der Meinung, dass man unbegrenzt Klimagase in die Luft pusten kann, ohne dass etwas passiert. Und wenn sich etwas abzeichnet, dann postulieren wir andere Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge, die unsere Lebensgewohnheiten unangetastet lassen. Die Folge: Der westantarktische Eisschild ist nach Ansicht vieler Experten dabei, unwiderruflich zu verschwinden (danke an Daniel Wildraut für den Lesetipp!). Der Meeresspiegel würde allein dadurch um etwa drei Meter ansteigen, egal, was jetzt noch geschieht. Sollte auch die Ostantaktis und Grönland abtauen, steigen die Ozeane bis zu 60 m und darüber an (Berlin liegt in Teilen nur 35, Köln 53 Meter über NN, und die Hamburger leben dann auf Hausbooten zwischen den Kirchturmspitzen ihrer versunkenen Stadt).

Ob Afrika oder Antarktis – das Phänomen ist dasselbe. Ein bestimmtes Weltbild mit seinen Lebens- und Denkgewohnheiten verhindert, dass wir Gefahren rechtzeitig erkennen und unsere Lebensweise umstellen. Der nicht mehr zu leugnende Klimawandel wird als eine Art Schicksal oder Fluch verstanden, den wir nicht verschuldet haben, ergo auch nicht ändern können. Es sind zwar keine Geister im Spiel, der westliche Aberglaube gibt sich ganz wissenschaftlich und aufgeklärt. In Wirklichkeit aber ist er selbstgefällig, rigide und denkfaul.

Passend dazu heißt es im Dossier „Denken“ des Philosophie-Magazins unter Verweis auf Hannah Arendt:

Das Gegenteil des Denkens ist nach Arendt nicht die Dummheit, sondern die Gedankenlosigkeit als der sorglose Unwille, eigene Überzeugungen kreativ in Frage zu stellen.

Und etwas später lese ich dort:

Wer sich in der Kunst, Unrecht zu haben, üben will, benötigt nicht zuletzt ein Selbstbewusstsein, das stark genug ist, fundamentale Erschütterungen des eigenen Glaubenssystems nicht als Verlust, sondern als möglichen Gewinn zu empfinden.

Vielleicht sollten wir alle im nächsten Jahrzehnt noch einmal möglichst viele Küstenstädte und -regionen aufsuchen, wenn diese demnächst von der Landkarte verschwinden. New York und Rio zum Beispiel. Unsere Enkel können dann, um bei den Sportfreunden Stiller zu bleiben, nur noch nach Rosenheim. Und dort werden dann auch deutlich mehr Menschen leben, denn viele Küstenregionen sind extrem dicht besiedelt.

Und auf irgendeiner schwimmenden Insel setzen wir Hannah Arendt und den so oft und übel geschmähten Klimaforschern ein Denkmal.

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Nur eine Frage der Zeit?

In der aktuellen Ausgabe des Philosophie-Magazins berichtet Michel Eltchaninoff aus der iranischen Stadt Ghom. Dort trifft er einige der wichtigsten Rechtsgelehrten der Schiiten und fragt nach dem Verhältnis von Glaube und Politik. Das hat im Iran seit der Revolution nach dem Muster der religiösen Statthalterschaft funktioniert, indem man den Brauch der Vormundschaft eines Geistlichen für Minderjährige oder geistig Verwirrte auf den gesamten Staat ausdehnte – mit gravierenden Folgen.

Das Fazit nach ausführlichen Gesprächen in Ghom, das für Schiiten weltweit wie eine Kombination aus Vatikan und Oxford ist, klingt erstaunlich hoffnungsvoll:

Die überraschenden Begegnungen mit Chomeinis alten Weggefährten und reformerischen Geistlichen bringen mich letztlich zu der Überzeugung, dass der Traum von einer religiösen Statthalterschaft im Iran fast tot ist. Grund dafür st die traditionelle schiitische Lehre selbst. Wie der Iran-Experte Yann Richard schreibt: „Durch den Umstand, dass der Imam ‚anwesend‘, aber verborgen ist, wird jeder absolute Anspruch auf Autorität über die Menschen illegitim, denn ein Souverän, der die Befehlsgewalt übernimmt, entmachtet widerrechtlich die innig existierende Autorität.“ Nachdem sie jahrzehntelang davon geträumt hatten, politische und geistliche Macht zu vereinen, scheint die Mehrheit des obersten Klerus und der Theologen zu einer vernünftigen Trennung der beiden Sphären zurückkehren zu wollen. Es ist nur noch eine Frage der Zeit.

 

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Zufälle gibts…

Zum Beispiel letzte Woche: Die Traupredigt war schon fertig, da entdeckte ich noch eine schöne Anekdote über Henry Ford.

Der ließ einst seine Produktion auf Effizienz überprüfen und der Berater wollte einen vermeintlich nutzlosen Mitarbeiter feuern, der den ganzen Tag die Füße auf dem Schreibtisch liegen hatte. Ford soll geantwortet haben, der Mann bleibe, denn er habe eine Entdeckung gemacht, durch die seine Firma sehr viel Geld sparte. Und so weit er wisse, habe er damals genau so dagesessen.

Die Geschichte passte wunderbar zum Predigttext, also erzählte ich sie im Traugottesdienst. Als wir etwas später aus der Kirche kamen, stand das Brautauto vor der Tür: Ein uralter Ford Model T. Mit Felgen aus Holz und einer Kurbel zum Anlassen. Außer dem Bräutigam und zwei weiteren Personen hatte das niemand gewusst, nicht einmal die Braut.

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Das komplexe Spiel mit den Grenzen

Kürzlich habe ich diesen Vortrag von Antje Schrupp über Meinungsfreiheit und political correctness gelesen. Er stammt vom Jahreskongress des Verbandes der Redenschreiber in deutscher Sprache. Sie analysiert darin vieles in unseren öffentlichen Debatten sehr treffend. Wenn etwa (das Thema hat mich ja auch schon beschäftigt) Sarrazin, Broder oder Hahne (der sich neuerdings um die Zukunft des Zigeunerschnitzels sorgt) und andere die Meinungsfreiheit bedroht sehen, weil andere ihnen nun ebenso öffentlich widersprechen, wie sie selbst sich seit Jahr und Tag äußern, dann hält sie dagegen:

… das Recht auf Meinungsfreiheit umfasst eben nicht das Recht, die eigene Meinung jederzeit und überall ohne jegliche Konsequenz sagen zu dürfen. Das ist es in Wahrheit, was viele Kritiker und Kritikerinnen einer angeblich grassierenden Political Correctness einklagen. Meinungsfreiheit umfasst nicht das Recht, dass alle einem zuhören müssen, sie umfasst nicht das Recht, dass alle einen ernst nehmen müssen, und sie umfasst nicht das Recht, von niemandem kritisiert zu werden.

Zweitens fasst dieser Absatz wunderbar zusammen, wie man als Blogger ständig über die Grenzen zwischen dem Diskutablen und dem Indiskutablen entscheiden muss. Darin konnte ich mich sehr gut wiederfinden (gewiss zum Ärger des einen oder anderen, der diesen Blog gern für als Plattform seine – in meinen Augen jedoch indiskutablen – Themen und Positionen benutzt hätte):

Bloggen ist im Übrigen eine ganz hervorragende Übung darin, ein Gespür dafür zu bekommen, wie diese Grenze immer wieder hergestellt wird. Denn mit jedem Kommentar, den ich als „indiskutabel“ weglösche, markiere ich ja diese Grenze. Und mit jedem Kommentar, bei dem ich überlege, weil er eben „grenzwertig“ ist, wird mir bewusst, wie schwierig das ist. Je nachdem, was ich an Beiträgen freischalte und was nicht, ziehe ich nämlich automatisch bestimmte Leserinnen und Leser an und schrecke andere ab. Wenn ich antifeministische Kommentare lösche, dann nicht deshalb, weil ich Zensur ausübe und die Meinungsfreiheit einschränke, wir mir dann manchmal entgegengehalten wird, sondern um eine bestimmte Gesellschaft zu umreißen. Denn würde ich diese Grenze nicht ziehen, würde ich andere Leserinnen und Kommentatorinnen verlieren, nämlich die, die auf „so eine Gesellschaft“ keinen Wert legen. Deren Beiträge sind mir aber wichtiger. Im Übrigen wird ja auch niemand daran gehindert, seinen von mir gelöschten Kommentator gleich nebenan in seinem eigenen Blog doch noch zu veröffentlichen.

Es lohnt sich, den Text ganz zu lesen, schon um der vielen gut gewählten Beispiele willen. Schließlich finde ich auch ihr Fazit sehr hilfreich:

Ich versuche, bei dem, was ich sage, diese Grenze argumentativ so weit zu dehnen, wie es in dieser konkreten Situation und mit den konkreten Menschen, mit denen ich es jeweils zu tun habe, möglich ist, ohne dass die Beziehung abbricht. Weil sonst nämlich keine Debatte mehr möglich ist.

Die meisten Menschen sind durchaus interessiert daran, nicht immer nur die ewig gleichen Wahrheiten serviert zu bekommen. Sie möchten auch in ihren Ansichten herausgefordert werden, sind interessiert an Aspekten und Argumenten, die sie bis dahin noch nicht kannten.

 

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Marktkonformes Christentum?

Kürzlich sprach ich mit einem befreundeten Juristen über die unterschiedlichen Verhältnisbestimmungen von Kirche und Staat/Gesellschaft. Er erinnerte an den Versuch der Gleichschaltung der Kirchen im Dritten Reich, mit dem der Staat die Kirchen instrumentalisierte. Heute ist dieser Kult um die Nation keine akute Gefahr in Deutschland, darin waren wir uns einig.

Beim Weiterdenken (ich erinnerte mich an diese Worte von Jürgen Moltmann) fiel mir auf: In Zeiten der „marktkonformen Demokratie„, die nicht mehr durch äußeren Zwang herrscht, sondern einen inneren Anpassungsdruck erzeugt (um bloß nicht den Anschluss zu verlieren im gnadenlosen und unablässigen globalen Wettbewerb), liegt die größte Versuchung für dir Kirchen darin, vorauseilend die eigene Nützlichkeit und den „Mehrwert“ des Glaubens zu beteuern: Als leistungssteigernde Wellnessoase, als erfolgsrelevante Bildungseinrichtung, als eine Art legales Glücksdoping und metaphysicher Stimmungsaufheller im Zeitalter der allgemeinen Selbstausbeutung.

Ich habe das vor kurzem auf einer christlichen Website im Grunde genau so formuliert gefunden. Glaube fungiert dann als Lösung und Therapie für das Leben im neoliberalen System, als Schmierstoff fürs Räderwerk, aber eben nicht mehr als Störung, als Irritation, als subversiver Akt der Auflehnung gegen die anonymen und angeblich objektiv alternativlosen Zwänge.

Und all das ganz freiwillig – das ist das Verrückte. Aber irgendwie war die Fusion von Glaubenseifer und nationalem Pathos ja vor hundert Jahren auch freiwillig, wie selbstverständlich, ja sogar fröhlich bis euphorisch. Die oben erwähnte Website hat ihren Text inzwischen ausgebessert. Vielleicht ist das ja ein Hoffnungszeichen?

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Belebende Spaltung

Bin ich Protestant? Oder im Herzen katholisch? Orthodox? Zum Wesen des Christentums – eben nie mit sich selbst identisch – gehören die Spaltungen und inneren Kämpfe. Sie beleben den »Leib Christi«, weil die Wahrheit des Christentums immer zugleich deren Widerruf ist. Die Kirche spricht im Horizont einer kommenden Verwandlung. Was sie in Sprache fasst, widerruft sie, weil sie’s nur in der Sprache der Menschen sagen kann, und da ist kein Halt, bis der Christus kommt und sagen wird: »Im Anfang war das Wort.«

gefunden bei: Christian Lehnert, Korinthische Brocken

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Kein Gleichnis

Auf dem Weg, der vom Sofa zum Kühlschrank führt, befand sich ein Teller. Jemand war mit Messer und Gabel über ihn hergefallen und hatte ihn dann, mit Essenszeiten verklebt, achtlos stehen lassen. Wilde Tiere begannen derweil, sich für ihn zu interessieren.

Da kam ein junger Mann vorbei, sah erst den Teller, dann die Whatsapp-Nachricht auf seinem Smartphone, machte einen Bogen um den Teller und und ging weiter. Ein anderer junger Mann kam auf demselben Weg, sah den Teller, und machte einen Bogen darum, um erst einmal in die Muckibude zu gehen.

Schließlich kam ein dritter, sah den Teller und erbarmte sich. Er trug den Teller in die Küche, entfernte vorsichtig die gröbsten Verschmutzungen und steckte ihn in den Geschirrspüler. Er gab aus seinem Vorrat eine Spültablette dazu, und erteilte dem Geschirrspüler den Auftrag, den Teller bis zu seiner Rückkehr zu säubern und zu wärmen, bis er trocken sei.

Frage: Wer war dieser unbekannte Dritte?

 

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