Begrenzte Allmacht

Seit gestern liegt der Aufsatzband „Theopolitik“ des Berner Alttestamentlers Walter Dietrich auf meinem Schreibtisch. Passend zur Diskussion bei Con:Fusion und zum letzten Thema der Allianz-Gebetswoche am Sonntag habe ich mir gleich „Grenzen göttlicher Macht nach dem Alten Testament“ angesehen und bin nicht enttäuscht worden.

Dietrichs Fazit vorweg, weil ich es so prägnant finde:

Die Bibel weiß viel von Grenzen Gottes: von ihm anscheinend vorgegebenen, die er aber dann verschoben und durchbrochen hat, noch mehr von solchen, an die er sich selbst gebunden hat, ohne doch ihr Gefangener zu werden. So ist es wohl nötig, die Rede vom allmächtigen Gott aufgrund des biblischen Zeugnisses sorgfältig zu kontrollieren, wohl auch zu korrigieren; sie jedoch minimieren und ganz eliminieren zu wollen, dazu bietet die Bibel kaum Hand.

Auf der Website der Evangelischen Allianz heißt es zum kommenden Sonntag nicht ganz so differenziert: „Unverfügbar, unanfechtbar und gerecht und zugleich liebevoll, geduldig und barmherzig steht er über allem […] Herrlich – vollkommen, souverän, gerecht und zutiefst gut ist der Gott, den wir als „Vater“ anreden dürfen.“ Die Frage nach einer Einschränkung, welcher Art auch immer, kommt dort gar nicht in den Blick. Wie aber bringt man so ein Gottesbild von totaler und maximaler Souveränität in Einklang mit dem prekären Zustand unserer Welt?

In der hebräischen Bibel gibt es immer wieder Hinweise auf räumliche Begrenzungen, von denen Israel im Blick auf Gott reden kann. Gott scheint begrenzt auf sein Volk und dessen Siedlungsgebiet (Dtn 32,8-10; 1Sam 26,18f), noch genauer auf das palästinische Bergland (1Kön 20,23) und erst allmählich – es geht auf das Exil zu – wird vorstellbar, dass er die Fronten und den Ort wechseln könnte. Eine andere Grenze war der Tod (daher das strikte Verbot, Totes zu berühren), bevor sich im Jesajabuch dann der Gedanke Bahn bricht, Jahwe könne den Tod überwinden.

Neben dem Tod dringen auch Chaosmächte in Gottes Schöpfung ein, symbolisiert etwa durch den Leviathan. Jene Schöpfung, deren Existenz sich einer Selbstbegrenzung Gottes verdankt und der Gott von Anfang an die Macht gegeben hat, selbst wieder Leben aller Art hervorzubringen (Gen 1,24), statt bloß passives Produkt göttlichen Schaffens zu sein. Auch hier setzt Gott sich selbst Grenzen, indem er Eigenwirksamkeit und Eigenwillen seiner Geschöpfe, vor allem der Menschen, zulässt. Und wie die Geschichte von der Sintflut zeigt, stellt ihn das sofort vor größte Herausforderungen.

Deutlicher noch als im Verhältnis zur Schöpfung setzt er seiner Macht Grenzen, indem er sich an Israel bindet. Es führt zu einer komplizierten Liebesgeschichte, in der Gott die Rolle des verletzten und enttäuschten Partners einnimmt. Bekenntnisse zärtlicher Liebe wechseln mit zornigen Drohungen ab; am Ende, so Dietrich, „hatte Israel mehr Macht über ihn, als es einem allmächtigen Gott lieb sein kann“ und bei Gott siegt Treue und Barmherzigkeit über den berechtigten Zorn. Indem sich Gott so festlegt, verliert er Optionen, die seine Macht sichern. Im Buch Jona wird diese sanfte Seite Gottes weiter entfaltet. Jona wirft Gott vor, den heidnischen Assyrern gegenüber viel zu nachsichtig zu sein.

Man kann mit alldem im Hinterkopf, was ich jetzt sehr gerafft und möglicherweise auch leicht verkürzt hier wiedergegeben habe, das Neue Testament als eine Erzählung davon betrachten, wie Gott mit diesen Einschränkungen seiner Allmacht, die damit keine blanke Willkür mehr ist (das haben leider nicht alle, auch nicht alle Christen, verstanden) in und an der Welt zu ihrem Heil wirkt und handelt. Auch da wird man dann sehen, dass Gericht und Gnade eng miteinander verflochten sind, dass aber die Gnade das Übergewicht hat, und dass vermutlich auch deswegen manches länger dauert, als wenn man immer sofort draufhaut. Als einzelner wie als Angehöriger der Menschheit insgesamt kann man darüber eigentlich nur erleichtert sein.

(Foto: „omnipotence | brooklyn superheroes store“ von Lars K via flickr/creative commons 2.0)

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Beten in Beutelsend

Manchmal bekommt man die Illustrationen eines Sachverhalts frei Haus geliefert, noch während man ihn bedenkt. Letzte Woche habe ich ein paar kommentierte Zitate zur aktuellen Zeitgeist-Analyse von Julia Friedrichs gepostet. Bei verschiedenen Diskussionen auf Facebook habe ich gemerkt, dass die Thematik auch viele andere beschäftigt.

Ein paar Tage später nun bin ich bei einer christlichen Veranstaltung unter dem Motto „Dein Wille geschehe“. Eine größere Gruppe gebildeter, vorwiegend junger Menschen ist zusammengekommen und es gibt fünf oder sechs Redebeiträge zum Thema. Sie bleiben alle im Privaten stecken: Angstbewältigung, Stressreduktion, Konflikte und Befindlichkeiten im emotionalen Nahbereich. Gott als Helfer und Tröster, Gottes Wille darauf zugespitzt, dass es am Ende der einzelnen gut geht. Wie war das mit den „f… first world problems“?

Ich frage mich, während ich zuhöre, ob wir es hier mit einer Hobbit-Theologie zu tun haben: Irgendein mächtiger Zauberer wird die schwarzen Reiter schon fernhalten und uns das sorglose Leben im beschaulichen Beutelsend ermöglichen. So hätte sich der gute alte Bilbo das wenigstens gewünscht. Und wünschen darf man ja wohl noch…?

Moment – der allerletzte Kurzbeitrag erwähnt dann doch noch en passant den Weltfrieden. Mit genau diesem Wort (zweifellos ironiefrei), ohne auch nur im Ansatz auf irgendeine der vielen konkreten Krisen einzugehen, die diese Welt gerade umtreiben und unsere Gesellschaften zu zerreißen drohen.

Zum Beispiel das Schicksal osteuropäischer Roma, die sich hier bei uns im Winter mit Betteln irgendwie durchschlagen, weil es in ihren Heimatländern keine Arbeit und kaum Sozialhilfe gibt. Die Stadtverwaltung und einige Ehrenamtliche bemühen sich mit jeweils begrenzten Kapazitäten, pragmatische Lösungen zu finden. Mein Sitznachbar erzählt mir davon, bevor die Veranstaltung beginnt.

Ich komme später nicht mehr dazu, ihn zu fragen, wie ihm der Abend gefallen hat. Bei mir hat wenigstens das kurze Gespräch mit ihm die Hoffnung wach gehalten, dass Gott auch andere Interessen haben könnte.

(Bild: En Bouton, Escapism. Moleskin Entry via Flickr/creative commons 2.0)

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Gruppenbild mit ohne Dame(n)

Eine ultraorthodoxe Tageszeitung aus Israel hat das Foto der Staatschefs, die den Trauerzug für Charlie Hebdo am Sonntag anführten, für ihre Leser so bearbeitet, dass alle Frauen aus dem Bild verschwanden. Prominentestes Opfer: Angela Merkel.

Die Aktion, so ungewöhnlich sie an dieser Stelle sein mag, kam mir bekannt vor. Erst vor ein paar Wochen nahm ich an einer Diskussion teil, in der ein Teilnehmer sich dafür aussprach, die Vielfalt der dort geäußerten Positionen (vor allem natürlich die Positionen, die seiner eigenen widersprachen) möglichst nicht öffentlich zu machen, weil es die Menschen, für die er sich verantwortlich fühlte, verwirren und irritieren könnte, wenn es da plötzlich Indizien für eine Meinungsvielfalt oder gar einen -umschwung gebe.

Es ist also gar kein frommer „Realitätsverlust“, wie manchmal gesagt wird, keine unbewusste Verdrängung, kein unwillkürliches Übersehen. Vielmehr wird die Realität von denen, die sie genau kennen und mit ihr umgehen (können, müssen, …) dogmatisch retuschiert. Eine Lachnummer ist sie dennoch überall da, wo Menschen noch andere Informationsquellen nutzen und diesen vertrauen. Doch anscheinend gibt es Blasen, in denen diese Beschneidung der Bilder und Berichte funktioniert.

In beiden Fällen habe ich mich gefragt, was für ein kümmerliches Bild diese Vormünder von ihren „Schäfchen“ (hier passt der Begriff endlich mal) haben. Oder sind sie nur willige Dienstleister, die ihren pluralitätsstressgeplagten Kunden die erwünschte Komplexitätsreduktion ins Haus und Hirn liefern? Anscheinend sind bestimmte Menschen ja dankbar, wenn ihnen jemand die anstrengende Vielstimmigkeit der vermeintlichen „Lügenpresse“ erspart.

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Achtsamkeit oder Apfelbäumchen? Das Zeitgeist-Dilemma

„Die Welt ist mir zu viel – und ich selbst bin mir genug.“ Auf diesen schlichten, treffenden Nenner bringt Julia Friedrichs den aktuellen Zeitgeist-Trend im Zeit-Magazin. Mich haben die Entwicklungen, die sie skizziert, zurück zu einer Art Neo-Biedermeier und möglichst weit weg von der „postmodernen Vielfalt der achtziger Jahre“, an so manche Erfahrung und Begegnung aus den letzen Wochen und Monaten erinnert, zum Beispiel an dieses Bild:

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Bevor sich jemand verfrüht freut, dass die Postmoderne endlich vorbei ist – auch dieser spießige Eskapismus ist natürlich hochgradig „postmodern“. Zu besichtigen ist dieser ambivalente Trend aktuell auf dem Zeitschriftenmarkt:

Die Zeitschrift Landlust – sozusagen das Zentralorgan der Eskapisten – hat in den vergangenen fünf Jahren an Auflage zugelegt wie kein Blatt sonst. Im dritten Quartal 2014 verkauften sich pro Ausgabe 1.011.802 Hefte. Im Vergleich zu 2009 ist das ein Plus von 87,3 Prozent. Auch in Landlust dreht sich alles um Garten, Küche und Natur. Die Sprache ist freundlich, Konflikte gibt es nicht…

… In keinem der Magazine findet sich auch nur ein Spurenelement dessen, was gemeinhin für einen elementaren Teil der Gesellschaft gehalten wird: Politik und Wirtschaft. Auch Konflikte oder Armut tauchen nicht auf, erst recht keine Kriege. Nichts Schwieriges, nichts Unbehagliches, kein Dreck. Die Verkäuferin – hübsch wie ihre Kunden – sagt, fast jede Woche kämen jetzt neue Hefte wie diese auf den Markt, europaweit.

Der Rückzug aus einer chaotischen, instabilen Welt und den grenzenlosen Anforderungen der rastlosen Arbeitswelt nimmt also nicht nur die aggressive Form der Pegida-Demonstranten an, die sich unter „Biodeutschen“ einigeln wollen, sondern auch die sanfte der Achtsamkeitswelle, des Handarbeitsbooms, der unterschiedlichen Techniken zur Entschleunigung. Christliche Entsprechungen zu diesen Bewegungen (und Verlagsprodukten) gibt es mehr als genug, und vielleicht profitieren die Kirchen und Gemeinden von diesem aufkommenden Trend ja auch bald schon, indem sie einen religiösen Flügel der Bewegung aufmachen.

Die Weichen dafür sind zum Teil schon gestellt und die Frage lautet: Werden Christen ihren Glauben noch apolitischer präsentieren, als es oft schon der Fall ist? Werden sie die Renaissance vermeintlich „christlicher Werte“ feiern und verkennen, dass sie im Neo-Biedermeier eben jenem Zeitgeist auf den Leim gehen, vor dem sie so eindringlich gewarnt haben? Wird das (ich finde: etwas weinerliche) „Du bist mein Zufluchtsort“ der Titelsong für eine Generation von Mittel- und Wohlstandsgemeinden, deren Programm darauf abgestellt ist, die ein Familienidyll pflegen und Sehnsüchte nach der heilen Welt bedienen? Wo man nicht in die Kirche geht, um ungelösten Krisen und Konflikten zu begegnen, sondern um tunlichst nicht an sie erinnert zu werden.  (Ebenfalls begünstigt wird diese Mentalität von Angela Merkels Politikstil und umgekehrt: „Mutti“ steht für Kontinuität und Verlässlichkeit und wird das schon irgendwie pragmatisch richten, wenn wir sie schalten und walten lassen.)

Friedrichs betrachtet einige der säkularen Beispiele von Weltflucht und fragt angesichts nachhaltiger Brillen für 800 und veganer Hosen für 300 Euro:

Ist das „Slow“- und „Mindful“-Programm nichts als ein elitäres Projekt? Ich denke an einen Freund, der manchmal böse zischt: „Fuckin’ First World problems.“

Und so bleibt für sie vor allem der Gegensatz stehen. Fast jedenfalls. Am Ende kommt sie auf Luthers angeblichen Satz von Apfelbäumchen zu sprechen. Es wird theologisch.

Was also, wenn sich demonstrieren ließe, dass Achtsamkeit und einfaches Leben, dass ein Rhythmus von Ruhe und Anstrengung, dass die Wiederentdeckung mancher Traditionen (freilich nicht primär der bürgerlichen des 19. Jahrhunderts nach dem Verlust der revolutionären Energien) eine radikale Hinwendung zur Welt fördern kann – einen Aktivismus, der mindestens so nachhaltig und hartnäckig ist, wie die Probleme, unter denen unsere Welt leidet?

Könnten wir das alle bitte ganz praktisch anpacken? Sofort, wenn’s irgendwie geht? Man muss vermutlich kein Prophet sein, um mit Friedrichs festzustellen:

Es wird nicht funktionieren. Das Bedrohliche wird seinen Weg auch in das Leben der Abgeschotteten finden: Die Verzweifelten kommen mit Booten übers Meer, die Panzer formieren sich im Osten, der Wasserspiegel steigt auch an der Nordseeküste. Und wer sich weigert hinzusehen, könnte dereinst selbst zu denen gehören, die in Lumpen auf der Flucht sind.

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Meine Liebe – deine Liebe

Mehr denn je bin ich davon überzeugt: Die Liebe ist der Daseinsgrund und das oberste Gesetz der Gemeinschaft. Aber bei uns wie bei anderen habe ich erlebt, dass man der Liebe recht übel mitgespielt hat – und das im Namen der Liebe!

Weder das Bemühen, von sich selbst abzusehen, noch die Ermahnung, doch an die übernatürliche Dimension zu denken, scheinen zu genügen, um solche Flurschäden zu verhindern. Alle, die gegenseitig aufeinander losgingen, waren davon überzeugt, dass man „Gott über alles lieben müsse und seinen Nächsten wie sich selbst“ – aber jede hatte ihre eigene Auffassung und ihre eigene Version dieser Liebe.

Madeleine Delbrêl, Deine Augen in unseren Augen. Die Mystik der Leute von der Straße, 139.

 

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Ein messianischer Spitzname

Vor mir liegt das ungemein anregende Buch Die Zeit, die bleibt von Giorgio Agamben über den Römerbrief. Es hat beim nachweihnachtlichen Lesen den neuen Rebus von Ian Rankin ausgestochen, der hald fertig auf dem Sofa liegt. Faszinierend ist vor allem, was Agamben alles an großen Gedanken aus Kleinigkeiten herausholt, die andere überlesen oder für trivial halten.

Das beginnt schon mit seiner Beschreibung des Autors, von dem Apostelgeschichte 13,9 sagt: „Saulus, der auch Paulus heißt“:

Paulus nennt sich in seinen Briefen immer nur Paulus. Das ist alles, und dem gibt es nichts hinzuzufügen.

Agamben nennt dann etliche Beispiele für Metonymien aus dem Judentum. Ein Buchstabe reicht aus, um Abraham und Sara nicht nur einen neuen Namen zu geben, sondern sie als neue Menschen erscheinen zu lassen. Für den jüdisch-hellenistischen Denker Philon wird hier aus dem Kleinen das Große, aus dem Besonderen das Allgemeine, aus dem Sterblichen das Unsterbliche. Eine derartige „neue Harmonie“ gibt es auch bei Paulus, allerdings ist die Richtung der Änderung hier umgekehrt:

Saulos ist nämlich ein königlicher Name, und der Mann, der diesen Namen trug, übertraf jeden Israeliten nicht nur nach Maßgabe seiner Schönheit, sondern auch seiner Größe (1Sam 9,2; im Koran heißt Saul daher Talut, der Große). Der Wechsel vom sigma zum pi bedeutet daher nicht weniger als den Übergang von Größten zum Kleinsten, von der Größe zur Kleinheit – paulus bedeutet im Lateinischen „klein, von geringer Bedeutung“ und in 1.Kor 15,9 definiert sich Paulus selbst als „den kleinsten [elachistos] der Apostel.“

Paulus ist kein Bei- sondern ein Übername (ein signum oder supernomen), und zwar ein messianischer. Im Übergang vom trinominalen System der Römer (wie in Gaius Julius Caesar) zum späteren christlichen bzw. modernen uninominalen System gab es unter Christen häufig solche Neubildungen von Spitznamen, die eine „kreatürliche Demut“ verrieten:

Saulos qui et Paulos enthält also eine onomastische Prophetie, die eine lange Nachkommenschaft haben sollte. Die Metonomasie realisiert das unversöhnliche messianische Prinzip, das vom Apostel mit Nachdruck ausgesprochen wird und wonach in den Tagen des Messias die schwachen und wertlosen Dinge – die gewissermaßen nicht existieren – über diejenigen Dinge die Überhand gewinnen, die die Welt als stark und wichtig einschätzt. … Das Messianische trennt den Eigennamen vom Namensträger, der von nun an nur einen uneigentlichen Namen, einen Spitznamen haben kann. Nach Paulus sind all unsere Namen nichts als signa, Übernamen.

Wenn man (Agamben spielt darauf nicht an) daran denkt, dass der Turmbau zu Babel dadurch motiviert war, dass Menschen sich einen Namen machen wollten, dann sehen wir hier unter dem Eindruck des „göttlichen Hauches“, wie das Gegenteil passiert: Menschen verlieren ihren Namen aus freien Stücken, sie wollen nicht nach oben, sondern sie folgen dem Messias Jesus nach unten.

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2015: Themen, Treffen, Trampelpfade

Das neue Jahr ist erst ein paar Tage alt. Schwer zu sagen, was es alles bringen wird, ein paar Dinge aber zeichnen sich schon ab, auf die ich mich freue. So etwas wie Trampelpfade in einem noch unberührten Gelände also. Ich zähle manche hier auf, weil es erstens um Themen geht, die mir besonders wichtig sind, und weil zweitens die eine oder der andere vielleicht interessiert ist oder auch einfach nur gerade in der Nähe der unterschiedlichen Treffen, die ich gleich aufzähle. Zu den motivierenden Seiten des Bloggens gehören für mich die persönlichen Begegnungen, die aus dem Lesen und Schreiben heraus entstanden sind. Vielleicht laufen wir uns ja – ob beabsichtigt oder nicht – über den Weg.

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Zweimal bin ich in diesem Jahr zum Thema Schöpfungsspiritualität unterwegs – im Frühjahr und im Spätsommer: Am 16. Mai für einen Tag bei Andreas Ebert in München St. Martin, wo es im Rahmen seines Credo-Projekts theologisch und praktisch thematisiert wird, und am 19. September bei Martin Horstmann in der Melanchthon-Akademie in Köln. Wer diesen Blog regelmäßig liest, hat vielleicht gemerkt, wie wichtig mir diese Fragen sind – nicht nur im Sinne eines Engagements für die Natur und Mitgeschöpfe, sondern auch, weil das für mich eine große Quelle von Kraft ist. In den letzten Wochen habe ich mit großem Interesse den aktuellen Forschungsstand zur Entstehung des Lebens wenigstens überflogen und dabei viel Neues gelernt.

Im Herbst freue ich mich auf zwei Besucher: Andreas Ebert „dreht den Spieß um“ und kommt uns bei ELIA im November besuchen, um mit uns über Familienverstrickungen nachzudenken. Im Oktober planen wir ein Wochenende mit Martin Pepper, wo wir uns mit Entwicklungsperspektiven für den Bereich „Lobpreis“ (ein besserer – deutscher! – Begriff allein wäre schon ein Gewinn…) beschäftigen wollen. Mal sehen, was da an neuen Inhalten und Gestaltungsideen zusammenkommt. Dazu habe ich im vergangenen Jahr ja ein paar Posts verfasst.

Jetzt gleich im Januar und dann verdichtet im Juli beschäftigt mich der Zusammenhang von Spiritualität, Theologie und Aktivismus, wie ich ihn bei Walter Wink kennengelernt habe. Wir werden hier in einer 14-tägigien Lektüregruppe Winks Buch „Verwandlung der Mächte“ bearbeiten und vom 3. bis 5. Juli werde ich mit dem Geistlichen Zentrum Schwanberg ein Wochenende zum Thema „Die Macht der Ohnmächtigen: Die biblische Rede von Mächten und Gewalten und eine Spiritualität der Ermächtigung“ anbieten (Infos gibt’s hier). Herzliche Einladung dazu!

Überhaupt möchte ich in diesem Jahr noch intensiver darüber nachdenken (und das auch zu Papier bringen), wie Winks Ansatz zu einer Art „praktischen Befreiungstheologie für das Konsumzeitalter“ (manche reden ja schon von „Postdemokratie“) entwickelt werden kann. Seit den Achtzigern haben sich die globalen Machtkonstellationen deutlich verändert. Ohnmachtsgefühle sind dabei eher größer geworden, und der (keineswegs nur unberechtigte) Frust dient allen möglichen geistigen Brandstiftern dann als Zündstoff für ihre Kampagnen gegen noch Schwächere. Lässt sich darauf eine konstruktivere Antwort finden als rechte Ressentiments?

Auf ein paar Einladungen freue ich mich auch: Zum Abschluss der Allianz-Gebetswoche werde ich am 18. Januar im ehrwürdigen Bremer Dom predigen und Ende Juni bin ich ein Wochenende in Berlin bei Kirche 21, etwas weniger ehrwürdig vielleicht, aber ganz bestimmt nicht weniger spannend.

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2014: Sieben Stichworte

Ein schwerer Abschied – damit muss ich anfangen. Den letzten Jahreswechsel haben wir bei Udo gefeiert. Es war ein fröhlicher Abend voller guter Gespräche. Ein halbes Jahr später standen wir mit vielen anderen erschüttert an seinem Grab. Diese Lücke ist unglaublich präsent, zumal an einem Tag wie heute. Und meine Gedanken sind bei seiner Familie.

Ein anstrengender Umzug – Nach elf Jahren im Gemeindehaus am Bohlenplatz hat das nomadische Gen sich wieder durchgesetzt und wir sind als Gemeinde weitergezogen. Mobil zu bleiben strengt an, doch es tut auch gut. Es gab viel Krempel auszumisten, aber irgendwann war dann alles verräumt. Neue Abläufe spielen sich allmählich ein. Und nun gibt es neues Terrain zu erkunden. Darauf freue ich mich im neuen Jahr.

Eine neue Erfahrung Die Straßenexerzitien bei Andreas Ebert in München unter der Anleitung von Christian Herwartz waren eine wunderbare Zeit der Vertiefung, Klärung und Gottesbegegnung in einer ungewohnten Form. An dieser Sache möchte ich dran bleiben. Mein Freund HaSo nennt so etwas urbane Spiritualität.

Ein ermutigender Einblick – Zweimal war ich 2014 zu Gast bei der Pfingstbewegung: Zu einem großen Treffen der Volksmission in Schorndorf und mit Pastoren der Foursquare-Gemeinden in Bern. Beide Male bin ich ausgesprochen herzlichen und gastfreundlichen Menschen begegnet, die aus einer hierzulande weithin unterschätzen Tradition kommen und sich viele gute Gedanken machen, wie dieses Erbe für das 21. Jahrhundert fruchtbar werden kann. Ein Gewinn für die Ökumene, findet Papst Franziskus. Und der muss es wissen.

Ein charmanter BesucherLandesbischof Heinrich Bedford-Strohm hat uns besucht und damit just in dem Moment, als wir in keinen kirchlichen Räumen mehr zu Gast waren, ein Zeichen der Gemeinsamkeit gesetzt. Wenige Wochen später wurde er dann zum Ratsvorsitzenden der EKD gewählt. Für mich der richtige Mann am richtigen Ort.

Ein gelungenes Projekt – Emergent Deutschland ist ein quicklebendiges Netzwerk von Querdenkern und Originalen. Das haben wir bei Con:Fusion 2014 lebhaft gespürt.

Eine prägende Pilgerreise – In diesem Jahr hat es endlich geklappt, die Iona Community näher kennenzulernen. Was für ein Reichtum an engagierter Spiritualität und liturgischer Innovation, in der vieles zusammenfindet, was andernorts noch als Gegensatz gilt oder gar nicht im Blick zu sein scheint.

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Visueller Jahresrückblick

Statt eines langen Textes habe ich mich wieder entschlossen, zwölf Bilder für dieses Jahr sprechen zu lassen. Eins aus jedem Monat, die Auswahl war nicht immer gleich reichhaltig, aber so ist das ja auch mit dem richtigen Leben.

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Januar: Der Aegerisee, wo ein ThinkTank des IGW stattfand

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Baiersdorf Ende Februar, der Winter verabschiedet sich

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Die Orangerie am 1. März

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Kalchreuth – der Klassiker im April

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Ende Mai zwischen Berching und Hilpoltstein

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Lange Schatten im Juni

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Im Juli eine Mittagspause in Augsburg

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August (oben) und September (unten) auf Iona und Skye

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Oktober ein Besuch in Heidelberg

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November im Westen von Erlangen und ein letztes Funkeln im Dezember

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Sprachlicher Schweinebraten

Wenn man heute mit einer großen Gruppe irgendwo hinfährt, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass irgendwer kein Gluten verträgt, jemand anders keine Laktose oder Fructose, dass manche vegetarische und vegane Ernährung bevorzugen. Manchmal gibt es eine klare medizinische Indikation, manchmal ist es eine Ahnung oder Vermutung, der Menschen folgen, manches lassen sie sich vielleicht auch bloß einreden, und manches mag eine Laune sein, die mal besser, mal schlechter begründet ist.

Aber weil wir gemeinsam etwas erleben oder besprechen wollen, debattieren wir nicht mehr über Sinn und Unsinn der unterschiedlichen Ernährungsgewohnheiten, sondern gehen pragmatisch damit um. Vielleicht auch, weil wir wissen, wie ethisch und gesundheitlich fragwürdig das Essen inzwischen ist, das für die meisten noch „normal“ im Sinne von „gewohnt“ und „üblich“ ist. Jeder bekommt, was er braucht – oder, in den Augen der Skeptiker: was er vielleicht auch nur zu brauchen meint. Am Ende kann und muss das jeder selbst beurteilen. Für das Küchenpersonal und die Verwaltung von Hotels und Tagungshäusern ist es zweifellos ein größerer Aufwand, dessen Kosten alle gemeinsam tragen, aber wir haben uns daran gewöhnt. Jeder kennt inzwischen Leute, die besondere Wünsche oder Bedürfnisse haben. Wozu sollten wir sie ausgrenzen oder benachteiligen? Es wäre ein ebenso schmerzhafter wie unnötiger Verlust.

Das ist ein schönes Beispiel für einen weithin funktionierenden Pluralismus. Er funktioniert sogar in Gruppen, in denen der Begriff „Pluralismus“ sonst eher Pickel verursacht.

Vielleicht kann die erfolgreich gelernte Lektion ja als Modell dienen, das sich auf andere Bereiche übertragen lässt. Kürzlich postete ein Facebookfreund ein Foto von Charlton Heston mit dem Zitat, Politische Korrektheit sei eine Diktatur mit Manieren. Sarrazins „Tugendterror“ lässt grüßen. Heston hat unter anderem mal in einem Bibelfilm mitgespielt und ist ein erklärter Waffenfreak, für ihn besteht da offenbar kein Widerspruch. Vor allem aber ist er weiß, männlich und schon recht alt. Vermutlich tut er sich schwer damit, dass plötzlich alle möglichen Minderheiten mitreden wollen und manche gewohnten Rede- und Denkweisen der alten Eliten nachdrücklich in Frage stellen. Die Welt war für seinesgleichen damals eben noch heiler und das Leben einfacher, als man noch bedenkenlos „Neger“ sagen durfte – man selbst war ja keiner. Zeitlich mag das stimmen oder auch nicht mit dem einfacheren, besseren Leben, ursächlich haben unsere Probleme heute aber rein gar nichts damit zu tun, dass wir sensibler mit Menschen umgehen, die anders sind als wir.

Freilich kann man(n) sich nun darüber empören, dass manchen Leuten Omis traditionell gewürzter sprachlicher Schweinebraten nicht mehr gut genug ist und sie die begriffliche Speisekarte ändern wollen, aber davon werden die Unterschiede nicht weggehen und die Spannungen nicht aufhören – im Gegenteil.

Man muss nicht jede Unverträglichkeit teilen, nicht jede Präferenz anderer gut finden und jede einzelne sprachliche Innovation für einen Gewinn halten. Gelassenheit und Großmut reichen einstweilen aus: Solange mir die unterschiedlichen Menschen etwas bedeuten und ich sie dabei haben möchte – in der Kirche, als Freunde und Nachbarn, Seite an Seite im Ringen um gute politische Lösungen für unsere Probleme – kann ich nicht nur den Speiseplan, sondern auch meine Worte mit Bedacht wählen und mich bemühen zu verstehen, warum andere dieses oder jenes so schwer verdaulich finden.

Vielleicht kommt unterdessen manche(r) ja doch noch auf den Geschmack.

 

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Pilger, Künstler, Aktivisten

Die Gnadenlosigkeit vieler Mitchristen und ganzer Strömungen im nordamerikanischen Christentum beklagt gegenwärtig Philip Yancey im lesenswerten Interview mit Hauke Burgarth. Das an sich ist gewiss keine völlig neue Erkenntnis. Aber Yancey bleibt auch nicht stehen bei der Analyse, sondern er nennt drei vorbildliche Typen des Glaubens in postchristlicher Zeit, die nicht durch verurteilendes Moralisieren und sturen Dogmatismus auffallen, oder anders gesagt: Denen es gelingt, in der Welt zu sein ohne „von der Welt“ zu sein:

Aktivisten handeln mit Taten von Barmherzigkeit. Damit erreichen sie die Herzen von Menschen. Diese öffnen sich für ihre Botschaft. Und irgendwann wollen diese Menschen wissen, warum sie das tun.

Künstler sind auch effektiv darin. Kunst schleicht sich unterbewusst ein. Historisch gesehen war die Kirche immer ein grosser Kunstförderer, heute trifft dies auf manche Gemeinden zu, auf andere kaum. Künstler ordnen sich nicht leicht ein, aber sie sind sehr gut darin, das Evangelium einer Gesellschaft zu sagen, die es eigentlich ablehnt.

Die letzte Gruppe sind die Pilger. Wir können sagen: «Hallo, wir sind genauso unterwegs wie du, aber wir wissen etwas vom Ziel, so und so hat uns das im Leben geholfen», statt klarzustellen: «Wir sind drinnen, ihr seid draussen. Ihr seid schlecht. Und ihr geht dafür in die Hölle.»

Beim Lesen spürte ich sofort, wie sehr sich das mit meinen Erfahrungen und Empfindungen deckt. In der Umgebung solcher Christen fühle ich mich wohl, während andere Typen und die Kultur, die sie prägen, auf mich viel weniger positiv wirken.

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Freundlich bedrängt

23. Dezember – (vor)letzte Einkäufe stehen an, ich schwinge mich aufs Rad Richtung Innenstadt. Auf dem Weg überquere ich eine dicht befahrene Straße und ein Wagen, der eigentlich noch weit genug entfernt ist, um sich nicht behindert zu fühlen, hupt. Es ist ein unangenehm „krächzender“ Hupton. Ich bin nicht sicher, ob ich gemeint bin, also biege ich ab und radle weiter.

Obwohl in dieser Straße nur 30 erlaubt sind und ich nur knapp drunter liege, kommt der Huper von eben hinter mir schnell näher. Viel schneller, als er dürfte. Und tatsächlich, er hupt mich schon wieder an! Zum Überholen ist kein Platz. Ich drehe mich um und mache eine … abweisende Geste.

Der Fahrer hat sein Fenster heruntergelassen und ruft mir zu, ich habe einen Handschuh verloren. Ich entschuldige mich reichlich überrumpelt für meine ungehaltene Reaktion, er lächelt mich an und meint, damit habe er schon gerechnet. Ich bedanke mich, drehe um und sammle den verlorenen Handschuh auf.

Angehupt zu werden kann also viele Gründe haben. Anderen erst mal die besten Motive zu unterstellen, schadet da nicht.

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Die Angst vor der „orientalischen Despotie“

Für meine Weihnachtspredigt habe ich mich in den vergangenen Tagen durch zahlreiche Lebensbeschreibungen des Kaisers Augustus gefressen, die zu seinem zweitausendsten Todestag dieses Jahr erschienen sind. Besonders interessant fand ich einen kleinen Absatz aus dieser Schilderung von Maria Dettenhofer, die für die Zeit den Aufstieg des Octavius zu Gottkaiser erklärt.

Um seinen Rivalen um die Alleinherrschaft im Reich, M. Antonius, loszuwerden, verbreitet er in Rom das Gerücht, dieser wolle im Falle eines Sieges die Hauptstadt nach Alexandria verlegen. Den Machtkampf im Inneren durch die Beschwörung einer Bedrohung durch Fremde aus dem Osten anzufeuern, das hat ja derzeit leider auch bei uns Hochkonjunktur. Dettenhofer führt aus:

Die „orientalische Despotie“ ist das zentrale Schlagwort in seiner Propaganda. Damit gelingt es ihm, den Krieg gegen Antonius, der für das kommende Jahr erneut als Konsul vorgesehen ist, als Krieg gegen Kleopatra, also einen äußeren Feind, darzustellen

Die Bürger bekamen keinen orientalischen, sondern einen abendländischen Despoten. In Perugia, das dem Antonius nahe stand, ließ er nach seinem Sieg 300 Einwohner zu Ehren seines Adoptivvaters Cäsar auf einem Altar abschlachten.

So aktuell kann die Bibel sein: Das Weihnachtsevangelium sieht die Heilsbringer Jesus und Augustus in einem scharfen Gegensatz. Der christliche Umgang mit Macht und dem Fremden ist dem des Imperiums diametral entgegengesetzt. Gut, dass uns das bevorstehende Fest so unmissverständlich daran erinnert.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern, dass zwischen Braten und Besinnlichkeit, Lebkuchen und Lichterglanz dafür noch genug Raum zur fundamentalen Beunruhigung bleibt.

 

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Theologie mit Hirnschaden?

Ab und zu ist mir im zu Ende gehenden Jahr ein irritierendes Phänomen begegnet. Ich habe ja nun wirklich nichts gegen das Denken, aber manchmal verblüfft es mich schon, wie manche ihre theologischen Urteile gerade deshalb für besonders objektiv und sachlich halten, weil sie konkrete Personen und Lebensschicksale dabei offenbar schroff ausblenden können. Richard Beck hat das in einem seiner Posts ganz treffend auf den Punkt gebracht:

Orthodoxe Alexithymie („Gefühlsblindheit“) entsteht, wenn die intellektuellen Facetten christlicher Theologie um des korrekten und rechten Glaubens willen vom Gefühl, der Empathie und der Verbundenheit entkoppelt werden. Rechtgläubige Alexithymiker sind wie Patienten mit einem Hirnschaden am ventromedialen Präfrontalkortex. Ihre Gedankengänge können ausgeklügelt und in sich stimmig sein, aber sie sind losgelöst vom menschlicher Emotion. Und ohne dass christusförmige Einfühlsamkeit die Kette der Berechnungen leitet, landen wir bei der theologischen Entsprechung dazu, uns lieber am dogmatischen Finger zu kratzen als die Zerstörung der ganzen Welt zu verhindern. Logisch und lehrmäßig lassen sich solche Präferenzen rechtfertigen. Sie sind nicht „wider die Vernunft“. Aber sie sind unmenschlich und monströs. Emotion fehlt, nicht der Verstand.

… Zu ihrer Rechtfertigung werden rechtgläubige Alexithymiker die Sichtweise der Griechen hervorheben: Der Verstand muss die Leidenschaften zähmen. Wir können Gottes Willen nicht erkennen, wenn wir zulassen, dass Gefühle ins Spiel kommen. Gefühle sind Versuchungen. Daher müssen wir unserer Gefühle dem Verstand unterwerfen. Der Verstand führt dich zu Gott. Also lass die Gefühle beiseite. Wenn eine theologische Argumentationskette anfängt, dich zu erschrecken, dann musst du diese Gefühle unterdrücken.

Gestern hat Papst Franziskus seiner Kurie die Leviten gelesen und dabei 15 Krankheiten aufgezählt. Unter Punkt 3 redet er von „Abstumpfung“. Das ist vielleicht nicht ganz dasselbe wie Alexithymie, aber es kommt nahe hin. Umgekehrt spricht der Engel zu den Hirten von Gottes Wohlgefallen. Der betrifft sicher nicht die allgemeinen Zustände auf Erden, aber seine grundsätzliche Einstellung Menschen gegenüber und ganz besonders gegenüber Menschen mit Brüchen in der Biografie. Wohlgefallen ist kein moralisches Urteil, sondern Gottes Form von Empathie. Eine Empathie, das muss man gegenüber der Perversion von Weihnachtsliedern durch Pegida-Anhänger betonen, die gerade nicht nur dem gilt, der kulturell und ethnisch als „Gleicher“ wahrgenommen wird.

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Vorra: Mehr Licht als Schatten

Vorra ist ein pittoresker kleiner Ort im Pegnitztal. Im Sommer machen Wanderer, Kletterer, Rad- und Kanufahrer dort Rast. Um die Dorfkirche stehen ein paar Läden und Wirtshäuser. Eins davon stand leer, dort sollten demnächst Flüchtlinge untergebracht werden. Es wurde letzte Woche angezündet, zusammen mit zwei weiteren Gebäuden im Ort, alle sind schwer beschädigt. Hakenkreuz-Schmierereien deuten auf rechtsextreme Täter hin, die Polizei ermittelt, noch ohne Ergebnis.

Gestern sammelten sich einige hundert Menschen am Bahnhof von Vorra, viele aus dem Ort und dem Umland: Ältere Menschen, Familien mit Kindern. Am Straßenrand parkt der Dienstwagen von Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm neben dem Ü-Wagen des Bayerischen Rundfunks. Überall im Ort stehen Einsatzfahrzeuge der Polizei. Um 17:00 kommt die total überfüllte Regionalbahn aus Nürnberg an und Schwall überwiegend junger Antifa-Aktivisten quillt aus der Unterführung, mit Transparenten und Flugblättern ausgerüstet. Ab und zu skandieren Grüppchen kernige Parolen.

Eine Erklärung wurde vorgelesen, der Zug setzte sich in Bewegung Richtung Dorfkern; die einen schwiegen, die anderen riefen Sprüche und schwenkten Fahnen und Plakate. Neben mir lief eine Frau, die zu dem stattlichen Helferkreis gehörte, den der evangelische Pfarrer für die zu erwartenden Flüchtlinge ins Leben gerufen hatte. Wir kamen ein bisschen ins Gespräch über die gute Entwicklung und das jähe Entsetzen am Freitag, als das friedliche Vorra solch traurige Berühmtheit erlangte. Dass ich aus Erlangen gekommen bin, erstaunt sie. Ich dagegen finde, es hätten ruhig noch mehr Erlanger kommen können.

Der Zug steht vor dem Gasthof. In der Dunkelheit sieht man kaum Spuren des Feuers. Aber man ahnt, in welcher Gefahr sich auch die Anwohner im eng bebauten Dorfkern befanden. Wir hören noch eine Rede, spontaner Beifall kommt eher zu den Passagen auf, die weniger Antifa-Jargon enthalten. Ein paar versöhnliche Worte an alle, die heute den Schweigemarsch bevorzugt hätten. Dann dreht der Zug um und geht Richtung Bahnhof. Ich verabschiede mich von meiner Gesprächspartnerin. Für mich hat Vorra nun ein sympathisches Gesicht und sie weiß hoffentlich, dass wir die Bürger von Vorra nicht für Rassisten halten. Irgendwann, sagte sie, sind die Häuser fertig und alle Schäden behoben. Dann wird es wohl immer noch Bedarf an Wohnraum für Flüchtlinge geben.

Als ich mit diesem Lichtblick im Herzen zurück durch die dunkle Hersbrucker Schweiz fahre, höre ich im Radio: In Nürnberg hielt derweil die CSU ihren Parteitag ab. Also jene Partei, die wie keine andere im Bundes- und Landtag in so gut wie jeder Aussage, die sie öffentlich über Flüchtlinge und Zuwanderer macht, Begriffe wie „Belastung“; „Probleme und Risiken“, „Sorgen“, „Missbrauch“ und „Begrenzung“ unterbringt, bevor sie zwischendurch vielleicht auch mal etwas Nettes sagt oder ein Lippenbekenntnis zur Willkommenskultur ablegt. Die Partei, die sich nun, wie ich höre, fürchterlich missverstanden fühlt, weil Grüne und Linke das Offensichtliche aussprechen: Dass nämlich diese Taktik, mit solchen pauschalen Verdächtigungen und fein dosierten Ressentiments gegen Fremde eben jene rechten Wähler an sich zu binden, die ihr derzeit die absolute Mehrheit sichern, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in der bürgerlichen Mitte wieder gesellschaftsfähig macht.

Und damit, dass sie Sorgen nicht entkräftet oder widerlegt, sondern unter dem Vorwand des „Ernstnehmens“ gezielt verstärkt, ist die CSU natürlich für die aktuelle Klimaverschlechterung mitverantwortlich, wie auch für deren mittelbare Folgen: Denn wenn in der vermeintlichen „Mitte“ immer öfter gesagt wird „ich habe ja nichts gegen Flüchtlinge, ABER…“, dann bleibt vor allem dieses große „Aber“ im Raum stehen. Und der Nachhall nutzt den Radikalen, die aus der Furcht und dem Ressentiment Hass erzeugen.

Keiner aus der Parteispitze machte sich an diesem Nachmittag auf den kurzen Weg flussaufwärts. Ob das feige war oder taktvoll (die Antifa-Fraktion hätte ein Auftritt von Seehofer, Herrmann oder Söder vermutlich erst so richtig in Fahrt gebracht), ist schwer zu entscheiden. Vielleicht sollte die nächste Demo vor der CSU-Zentrale stattfinden. Andererseits sollte man ihnen keine Chance geben, sich beim Stammtischpublikum als Opfer linker Intoleranz darzustellen.

Wir brauchen noch viel mehr Licht in diesem Land.

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