Die Sprache der Brüderlichkeit und Schönheit

IMG_0087Wenn wir uns der Natur und der Umwelt ohne diese Offenheit für das Staunen und das Wunder nähern, wenn wir in unserer Beziehung zur Welt nicht mehr die Sprache der Brüderlichkeit und der Schönheit sprechen, wird unser Verhalten das des Herrschers, des Konsumenten oder des bloßen Ausbeuters der Ressourcen sein, der unfähig ist, seinen unmittelbaren Interessen eine Grenze zu setzen.

Wenn wir uns hingegen allem, was existiert, innerlich verbunden fühlen, werden Genügsamkeit und Fürsorge von selbst aufkommen.

Papst Franziskus in der Enzyklika Laudato Si

 

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Gott, die Schulden und die Griechen

Christsein als Erlösung aus einer Schuldenkrise – das ist das Paradigma von Erlösung, das die westliche Christenheit seit Anselm von Canterbury pflegt, schrieb der britische Theologe Giles Fraser vor einer Weile im Guardian (danke an Christian Renz für den Tipp!). Menschen haben sich bei Gott verschuldet, ein Ausgleich ist nötig, aber sie können ihn nicht leisten. Erst der blutende und sterbende Christus schafft den Bailout für die Menschen und sorgt dafür, dass die vormals miese Bilanz wieder stimmt. Der Preis ist bezahlt, davon singen vor allem Evangelikale praktisch jeden Sonntag im Gottesdienst, ganz besonders freilich an Karfreitag und Ostern.

Die orthodoxe Kirche hat davon nichts mitbekommen. Sie hat sich 1054 vom Westen getrennt (Anselm erfand seine Satisfaktionstheorie erst 1089). Für die Ostkirche ist Ostern kein Bailout, sondern ein prison breakout, daher ist er mit der Kreuzigung auch nicht abgeschlossen, sondern erst mit der Auferstehung. Christus schafft den Ausbruch aus dem Gefängnis des Todes und nun steht diese Tür allen Menschen offen. Erlösung ist ein Machtkampf und keine Frage der Buchhaltung. Mehr Drama als Deal.

Fraser sieht (so weit ich sehe, ganz zutreffend) in Angela Merkel die Repräsentantin westlicher Erlösung durch schmerzhafte Tilgung der Schulden und in Alexis Tsipras den Vertreter der östlichen Sicht, weil er die Schuldenlast abschütteln will, ohne den von ihr Betroffenen unmenschliche Qualen aufzubürden.

So weit, so schön. Allerdings fragt Fraser zwischendurch rhetorisch, was denn Sünde mit Schulden zu tun habe. Und da würde ich ihm, bei aller gemeinsamen Abneigung gegen das westliche Erlösungsparadigma, widersprechen. Wir finden die Verbindung in den beiden Textvarianten des Vaterunsers: Bei Matthäus wird um den Erlass von Schulden gebetet, während im Lukasevangelium an gleicher Stelle die Vergebung der Sünden erscheint. Und es ist gut vorstellbar, dass die Schulden die ursprünglichere Formulierung sind. Jesus hatte ständig mit Menschen zu tun, für die das ein sehr reales Problem war, daher taucht die Schuldenproblematik in etlichen Gleichnissen auf, wie Richard Horsley detailliert herausgearbeitet hat.

Ein kürzlich erschienener Appell verschiedener Theologen, den das Institut für Theologie und Politik in Münster veröffentlicht hat (danke dafür an Walter Faerber!), nimmt denn auch genau diesen Faden wieder auf, zieht aber eine ganz andere Konsequenz als die Bundesregierung, weil sie Gott nicht in das menschliche Schuldenproblem verwickelt, wie Anselm und seine Nachfolger das taten und tun. Gott beharrt keineswegs auf dem Ausgleich, sondern er verzichtet darauf und widerspricht der gnadenlosen Logik der Kompensation:

Schulden müssen erlassen werden, wenn sie nicht zurückgezahlt werden können und zu Verelendung und Armut führen. Nach der Bibel besteht die Schuld des Menschen vor Gott darin, unbezahlbare Schulden unerbittlich einzutreiben. Gott erlässt dem Menschen die Schuld, die er bei Gott hat, wenn Menschen die Schulden erlassen, die andere bei ihm haben. Die Bibel enthält die jahrtausende alte Weisheit, die sich auch heute in Griechenland bewahrheitet: Unbezahlbare Schulden zerstören das Leben des Schuldners. Die Vaterunser-Bitte “Und vergib uns unsere Schulden” verlangt Verzicht auf die Erfüllung von Gesetzen, die Menschen umbringen. Um des menschlichen Lebens willen, damit also Schuldner leben können, bittet das Vater-unser um Widerstand gegen das Gesetz, dass die Schulden bezahlt werden müssen.

Deutschland hat vom Schuldenerlass nach dem 2. Weltkrieg profitiert, schreiben die Autoren. Nun wäre es an der Zeit, sich zu erinnern und das folgende Jesuswort zu beherzigen:

Wenn ihr denen leiht, von denen ihr es wieder zu erhalten hofft, welchen Dank habt ihr da? Denn auch Sünder leihen Sündern, um das gleiche zurückzuerhalten. … tut Gutes und leihet ohne zurückzuerwarten, und euer Lohn wird groß sein, und ihr werdet Söhne des Höchsten sein … ( Lk 6,34-35)

P.S.: Papst Franziskus thematisiert Schuld und Schulden aktuell in „Laudato Si!“ mit dem Hinweis auf die ökologischen Folgen von Schulden und Ausbeutung der armen Länder:

Die Auslandsverschuldung der armen Länder ist zu einem Kontrollinstrument geworden, das Gleiche gilt aber nicht für die ökologische Schuld. Auf verschiedene Weise versorgen die weniger entwickelten Völker, wo sich die bedeutendsten Reserven der Biosphäre befinden, wei- ter die Entwicklung der reichsten Länder, auf Kosten ihrer eigenen Gegenwart und Zukunft. Der Erdboden der Armen im Süden ist fruchtbar und wenig umweltgeschädigt, doch in den Besitz dieser Güter und Ressourcen zu gelangen, um ihre Lebensbedürfnisse zu befriedigen, ist ihnen verwehrt durch ein strukturell perverses System von kommerziellen Beziehungen und Eigentumsverhältnissen.

 

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Hunger nach Wundern oder Wunder nach Hunger?

Die Geschichte von der Speisung der Fünftausend stellt heutige Ausleger vor große Probleme, scheint mir (keine Ahnung, ob die Ausleger selbst das auch merken). Vieles, was dazu gesagt wird, bewegt sich auf den folgenden zwei Ebenen:

Die eher fromme Predigt wird das Wunder betonen, und daraus resultierend die göttliche Allmacht, in der Jesus hier „übernatürlich“ handelt und Unmögliches tut. Sie wird zum Staunen angesichts dieser Allmacht aufrufen und als Anwendung … ok, da wird es dünn: Entweder heißt es dann recht unspezifisch (und damit immer „richtig“, aber seltsam irrelevant, weil die Art dieses Wunders dafür gar keine Rolle spielt): Vertrau, dass Jesus auch in deinem Leben Wunder tut. Oder der Hunger wird spiritualisiert und dann macht Jesus uns eben alle irgendwie innerlich satt und zufrieden mit unserem Leben, und natürlich geschieht das durch sein Wort (der Mensch lebt ja schließlich nicht vom Brot allein…), oder sie wird das wahre Bedürfnis einer jeden Menschenseele darin sehen, Vergebung zu empfangen, die angesichts Gottes unbestechlicher Gerechtigkeit aber eigentlich noch unmöglicher ist und daher ein noch größeres Wunder, das nur Jesus allein tun kann.

Die eher liberale Alternative wird das Wundersame in den Hintergrund rücken (oder gleich komplett bestreiten) und dann vom Teilen reden, sie wird sagen, dass es auf der Erde genug gibt jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier, es ist dann von Solidarität die Rede und wie Jesus ein Zeichen setzt, vom Teilen und davon, dass jeder irgendwie bedürftig ist, oder auch von der Verantwortung, die Jesus seinen Jüngern für ihre Mitmenschen auferlegt, obwohl die sich doch ganz ohnmächtig fühlen. Es ist eben oft „mehr möglich“, als man denkt.

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Tabgha am See Genezareth – hier hat der Tradition nach die Speisung stattgefunden

Aus beiden Richtungen kann man dann über die Stichwortassoziation „Brot“ die Kurve zum Abendmahl kratzen und damit ein bisschen verschleiern, dass man aus dem Text nur das herausgelesen hat, was eh schon jeder wusste: Vergebung und „spiritueller Hunger“, Solidarität und Teilen, irgendwie ist das wichtig und richtig und hat mit Jesus zu tun.

Weitgehend ausgeblendet wird in beiden Fällen der Kontext von Armut und Hunger, der eben nicht der unsere ist. Die Leute hatten ja nicht einfach ihr Picknick vergessen oder die Ladenschlusszeiten ignoriert. Dabei lehrt Jesus ja auch im Vaterunser, um das tägliche Brot zu beten und den Erlass der Schulden, was schon ein klarer Hinweis darauf ist, dass er es mit verarmten und verschuldeten Menschen zu tun hatte, die sich aus gutem Grund um ihren Lebensunterhalt sorgten (und nicht fürchten mussten, beim üppigen Konsum nicht mithalten zu können). Die Knappheit hatte mit der Steuerlast durch Kaiser, Militärgouverneure und die üppigen Ansprüche der Tempelpriesterschaft zu tun. Eine Missernte führte zum Verlust des Saatguts, zu Schulden, in die Verpfändung von Grund und Arbeitskraft, in Armut und Unterernährung, selbst in einem eigentlich so fruchtbaren Gebiet wie in Galiläa. Daher steht am Anfang auch die implizite Kritik an der selbstsüchtigen Aristokratie: Die Menschen sind „wie Schafe ohne Hirten“ (Markus 6,34 vgl. Ezechiel 34).

Ebenso unsichtbar bleibt meistens die anti-imperiale Zuspitzung der Speisung. Ein Kapitel zuvor „versenkt“ Jesus in der Dekapolis eine „Legion“ Dämonen via Schweineherde im See. Eine Legion hatte etwas über 5.000 Soldaten. Jesus speist also nun am galiläischen Ufer eine Legion Menschen, und dazu teilt er sie in Gruppen zu Hundert – da kann man an Zenturien denken, oder an die Abteilungen von 50 und 100 aus Israels Richter- und Königszeit. Nur ist diese Armee der Hungernden unbewaffnet und bekommt von Jesus das, was sie normalerweise an die Besatzer abtreten müssen: Nahrung. Und zwar mehr als genug. Das Ereignis wird als Machttat bezeichnet, weil es tatsächlich die Machtfrage berührt. Jesus stellt, und sei es auch nur für den Moment, eine Anti-Legion der Hungernden auf. Und nachdem diese Legion abgezogen ist, ist mehr Essen übrig, als am Anfang da war (vgl. 2.Könige 4).

Die Frage, die sich für jede Auslegung und Aktualisierung daraus ergibt, ist für mich die: Verliert diese Erzählung nicht jeden Sinn, wenn sie aus diesem Kontext von Armut und Unterdrückung herausgelöst wird, und wenn sie von Menschen erzählt und aktualisiert wird, die dafür kein Verständnis haben, weil sie im Überfluss leben? Im Magnificat heißt es: „Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.“ Und unmittelbar davor lesen wir: „Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind. Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.“

Während ich die letzten Zeilen dieses Blogeintrags schreibe, lese ich, dass heute Nacht ein Brandanschlag auf die Brotvermehrungskirche in Tabgha verübt wurde. Im Mutterkloster der Benediktiner von Tabgha, der Dormitio in Jerusalem, gab es am 26. Mai auch schon eine Brandstiftung. Es scheint ein Zusammenhang mit rechtsextremen Siedlern im Westjordanland zu bestehen.

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Scharfschützen auf Glaubensdächern

Rob Bells neues Buch Mit Dir. Für Dich. Vor Dir. liegt genau da – vor mir. Ich habe schon auf den ersten Seiten, im typischen Rob-Bell-Stil geschrieben, so manche Weisheit gefunden. Zum Beispiel diese fast schon prophetische Aussage:

In puncto Glauben und Nichtglauben sind wir umgeben von Freunden, Nachbarn, Angehörigen, Intellektuellen und religiösen Systemen mit tief verwurzelten Interessen an den althergebrachten Konzepten, die genauso unbeweglich sind wie manche Traditionen und Auffassungen. Sie verhalten sich mitunter wie geistliche Wächter, Scharfschützen auf den Glaubensdächern. Und sind nicht im Entferntesten daran interessiert, strittige Fragen anzugehen.

Wie um zu beweisen, dass Rob Bell (um bei der Schützenmetapher zu bleiben) mit dieser Einschätzung ins Schwarze trifft, erschien dieser Verriss nun vor einigen Tagen. Der Autor, anscheinend unfähig, sich auf andere Sprachspiele als das eigene einzulassen, ist darüber empört, dass im Zusammenhang mit Gott der Begriff „Energie“ fällt. Also stempelt er Bell kurzerhand zum Esoteriker ab, mit dem Christen sich nicht abgeben sollten. Argumente, die über simple Stichwortassoziationen hinausgehen, sind dazu gar nicht nötig. Und da wir schon bei Stichworten sind: Es war immerhin Paulus, der im Zusammenhang mit Gott immer wieder von energeia sprach.

Nun lese ich „meinen“ Bell fröhlich weiter und bin gespannt, mit welchen Bildern und Begriffen er jenen Menschen eine Brücke baut, die nach einem Zugang zu Gott suchen, an dem ihnen die Wächter der reinen Lehre nicht auflauern.

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Bibelbrillen

Zwei Gespräche aus der vergangenen Woche haben mich beschäftigt. In beiden ging es darum, wie und unter welchen Prämissen wir die Bibel lesen. Die ersten Christen waren eine Minderheit, die immer wieder bedroht und verfolgt wurde. In Europa wurde die Kirche mächtig, regierte gut 1.000 Jahre mit und hat heute immer noch beträchtlichen Einfluss (trotz aller Klagen über Mitgliederschwund, „Werteverfall“ oder dass wir „kein christliches Land mehr“ sind).

Folglich wurde die Bibel eher staatstragend aufgefasst und ausgelegt. Diese Wirkungsgeschichte hat sich tief in die westliche Mentalität eingeprägt, auch bei Menschen, die sich gar nicht als Christen verstehen. Folglich ist aus Jesus ein apolitischer Messias geworden, der keine alternative Gesellschaft bringt, sondern dessen Reich etwas komplett jenseitiges ist, und dessen Einlassbedingungen der rechte Glaube und ein moralisches Leben sind. Und das Kreuz stellt staatliche Ordnungen samt der Gewalt, die zu ihrem Erhalt angeblich „nötig“ ist, keineswegs in Frage, sondern es legitimiert sie noch: Auf Feldzeichen, Flaggen und Orden, um nur mal die sichtbaren Formen zu nennen, oder auf Kruzifixen im Klassenzimmer. Für Paulus hingegen war noch völlig klar, dass die Mächtigen der Welt für den Tod Jesu verantwortlich waren und dass Gott ihr Urteil gegen sie selbst wendet. In der alten Kirche durften Christen daher nicht in der Armee sein, weil das die Handlangertruppe war, die Jesus getötet hatte und immer noch Menschen tötete, um das System zu erhalten.

THE EMPIRE WANTS YOU 2! by leg0fenris, on Flickr
Creative Commons Creative Commons Attribution-Noncommercial-No Derivative Works 2.0 Generic License   by  leg0fenris 

 

Eine junge Frau merkte bei anderer Gelegenheit an, es gebe in der Bibel doch viele Aufforderungen, sich den jeweils Regierenden unterzuordnen. Freilich wird vom Handeln der „Großen“ berichtet, oft aber ohne jede positive Wertung. Ich würde das daher auch nicht als Zustimmung betrachten. Mir fielen aber aus dem AT auf Anhieb deutlich mehr Passagen ein, in denen die Mächtigen kritisiert und getadelt werden. Und im Neuen Testament steht jede Form von „Autorität“ in der Kirche (und überhaupt) ohnehin unter dem Vorbehalt aus Markus 10,45, dass sie herrschaftsfrei zu sein hat, dass Titel wie „Vater“ und „Rabbi“ tabu sind (Matthäus 23) und dass äußere Unterschiede keine Rangordnung begründen (Galater 3,28). Stellt man das in Rechnung, dann relativiert sich das Wenige, was etwa Paulus noch über „Unterordnung“ schreibt, schon recht signifikant.

Wenn das so ist, meinte meine Gesprächspartnerin am Ende unseres Gesprächs, dann wirft das ja einige Fragen auf im Blick auf heutige Gemeindearbeit.

Womit sie zweifellos Recht hat.

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Das Kreuz als Störung

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Das Kreuz Jesu erinnert uns an all die Kreuze, die in der Welt immer wieder aufgerichtet werden. Es will die Leidunempfindlichkeit unserer Gesellschaft empfindlich stören. Diese Leidunempfindlichkeit ist wie ein Dämon, der sich auf das menschliche Denken legt und es trübt. Es verschließt uns die Augen vor dem Leid des Mitmenschen. Doch eine leidunempfindliche Gesellschaft ist eine grausame Gesellschaft.

Anselm Grün

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Für einen Perspektivwechsel ist man nie zu alt

Diese Woche hat Tony Campolo, der große alte Vorkämpfer der Linksevangelikalen, eine kurze Erklärung veröffentlicht, in der es um die Akzeptanz Homosexueller in den christlichen Gemeinden geht. Nun war Tony schon immer jemand, der den traditionell konservativen Standpunkt (wenn du dich zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlst, bleib enthaltsam) mit maximaler Fairness gegenüber der inklusiven Gegenposition vertrat, was nicht zuletzt daran lag, dass er mit der wunderbaren Peggy verheiratet ist, die das schon immer anders sah. Tony seinerseits war eine Art Brückenbauer, der einen völligen Bruch zwischen den verschiedenen Lagern zu verhindern suchte.

Er war aber wohl auch sehr unsicher im Blick auf seine Position. Nun hat er sie, nach langem und intensivem Ringen, revidiert. Tony gibt keine Gründe an, die in der Diskussion nicht schon vorgekommen wären. Er ist sich auch der Möglichkeit bewusst, dass er sich irren könnte. Den Ausschlag gaben schließlich die Beziehungen zu ganz konkreten Menschen:

I have come to know so many gay Christian couples whose relationships work in much the same way as our own. Our friendships with these couples have helped me understand how important it is for the exclusion and disapproval of their unions by the Christian community to end. We in the Church should actively support such families. Furthermore, we should be doing all we can to reach, comfort and include all those precious children of God who have been wrongly led to believe that they are mistakes or just not good enough for God, simply because they are not straight.

Nach Steve Chalke im vorletzten und Vicky Beeching wie auch dem Ethik-Professor David Gushee im letzten Jahr ist mit Tony Campolo ein weiterer profilierter Evangelikaler zu einer Neubewertung seine Position gekommen. In Deutschland hat dieser Worthaus-Vortrag von Siegfried Zimmer für Diskussionen gesorgt. Für die EKD hat sich der Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm deutlich zu einer inklusiven Auffassung von Ehe bekannt.

Christian Piatt hat den entscheidenden Impuls für diesen Wandel der Auffassungen gestern treffsicher beschrieben:

Ultimately, marriage equality and being both open and affirming of people of all sexual/gender identities and orientations in our larger Christian community are not issues: they are people. They’re human beings, stories, families, relationships, children, struggles and joyful discoveries. They are school lunches, utility bills, career moves, birthdays weddings and funerals. They’re self doubt, a search for meaning, belonging and, often times, a desire to be connected with something bigger and more enduring than ourselves.

They’re like anyone else in these ways, and many more. They are us. All it usually takes is a willingness to sit down, listen, share and change in whatever ways love and compassion may work within us. It worked for Jesus. It worked for Tony. It’s good enough for me. What about you?

Annahme ist dann möglich, wenn ich sehe, wie viel größer die Gemeinsamkeiten sind als die Unterschiede. Doch das funktioniert nur, wenn ich keine Kardinaldifferenz zwischen Homo- und Heterosexuellen behaupte, sondern diesen Unterschied als nur einen von vielen möglichen sehe. Aber denken wir noch ein bisschen weiter:

Mich persönlich hat gestern eine Meldung aus Gambia beschäftigt. Der diktatorisch regierende Präsident Yahya Jamme hat die französische EU-Vertreterin aus Gambia ausgewiesen, weil sie den Umgang mit Homosexuellen kritisierte. Frage: Ist es denn wirklich nur ein dummer Zufall, dass so viele Diktatoren den Hass auf Schwule (es geht ja meistens um Männer…) schüren? Wenn nicht, wo genau liegt die innere Verbindung, der gemeinsame Nenner, der rücksichtslose Macht und rigide Ordnungsideologien bzw. die Ausgrenzung abweichender Orientierungen und Lebenskonzepte verbindet?

Ich unterstelle damit nicht, dass alle Konservativen verkappte Gewaltherrscher sind. Ich frage mich nur, ob da Denkstrukturen vorhanden sind, die auch dazu taugen, derartige Repression zu legitimieren oder die zumindest dafür sorgten, dass sie nicht schon längst entschlossen genug verurteilt und bekämpft wurde. Meine Vermutung: Die Wurzel liegt im Weltbild des Patriarchats (und damit verbunden der Heteronormativität). Ein strikt binäres und komplementäres Geschlechterverhältnis mit dem Mann als „Haupt“, das für Christen mit wenigen Ausnahmen seit der Römerzeit „normal“ war und das noch bei Max Weber als „naturgewachsen“ galt – das entspricht der Rede von der Schöpfungsordnung in manchen Theologien. Ein homosexuelles Paar bedroht nicht nur die traditionelle Vorstellung von Männlichkeit und damit die symbolische Ordnung, sondern auch die von Macht, weil in dieser Welt beides untrennbar zusammengehört.

Hier geht es um Privilegien, die für die Menschen unsichtbar sind, die sie genießen. Wunderbar dargestellt hat dies Susan Cotrell in diesem Blogpost zu einem Statement von Franklin Graham, der ebenso naiv wie zynisch behauptet hatte, Schwarze könnten es doch ganz einfach vermeiden von weißen Polizisten erschossen zu werden, sie müssten einfach immer nur uneingeschränkt allen Befehlen Folge leisten und Respekt vor der Autorität des Beamten zeigen. Graham gelingt es, zumindest vor sich selbst, den offensichtlichen Rassismus der Cops in ein Autoritätsproblem der schwarzen Minderheit umzudefinieren. Erst wenn man sich mit den Unterlegenen identifiziert (indem man sie, wie Cotrell, kennt, achtet und ihnen zuhört), wird die allgegenwärtige Unterdrückung sichtbar.

Tony Campolo hat diesen Schritt getan. Er hat dafür Jahre gebraucht, andere haben ihn noch vor sich. Hoffen wir, dass sein Beispiel Schule macht.

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A Sense of Wonder

Vor anderthalb Jahren sollte ich einen Text darüber schreiben, wie es ist, wenn man auf seinen 50. Geburtstag zugeht. Ich nahm drei Anläufe und stellte schließlich fest, dass ich es nicht sagen konnte, weil ich einfach noch nicht da war. Man kann die eigene Entwicklung nicht gedanklich extrapolieren (um es mal mathematisch zu sagen) und dann zurückschauen wollen.

Hebron

Jetzt aber liegt tatsächlich ein Jahrzehnt hinter mir mit Erfahrungen, die mich verändert haben – mehr als die Dekade zuvor. Wenn ich nachdenke über das Leben und die Welt, über Theologie und Politik, dann fällt mir auf, wie groß der Unterschied ist. Aber auch die Art der Veränderungen war eine andere. Die Beben fanden viel tiefer unter der Oberfläche statt. ich habe in mehr und tiefere Abgründe geblickt als zuvor. Und es war wohl das tränenreichste Jahrzehnt bisher, auch das gehört dazu.

Der 9. Juni ist der Gedenktag des St. Columba von Iona, Patron der Buchbinder und Dichter. Zwei von vielen Gründen, warum mich der große Crimthann nun schon seit Jahren fasziniert. Apropos Poeten: Aus dem Lautsprecher neben mir fragt sich Bruce Cockburn gerade, wo nur die Löwen geblieben sind, und stellt dann fest Some kind of ecstasy got a hold on me

Ecstasy – da war doch was: Die Juden feiern 50 Tage nach dem Passa ein Erntefest. Christen feiern die Ausgießung des Geistes. Das lässt sich vielleicht auch auf ein Menschenleben übertragen: Freudig einsammeln, was gewachsen ist. Dann stellt sich die Begeisterung und das ekstatische Gefühl ganz von selbst ein.

Van the Man gibt meine Stimmung heute gut wieder:

Didn’t I come to bring you a sense of wonder
Didn’t I come to lift your fiery vision bright
Didn’t I come to bring you a sense of wonder in the flame

 

 

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Junikind

Das Rot erster Früchte lugt durchs üppige Grün,
Gerste wogt seidig auf den Hügeln dahin.

In den Schimmer tupfen Kornblumen kräftiges Blau,
ein Gewitter türmt sich auf im ersten Hitzestau.

Es poltert heran und zerfällt über Nacht;
der Morgen ahnt nichts mehr von Blitzen und Krach.

Der Himmel ist heiter, leicht feucht noch die Luft;
am Waldrand lauert mächtig der Holunderduft

Selbst die Sonne steht früh auf, um nichts zu verpassen,
geht erst spät und widerwillig, denn sie kann nicht nicht satt seh’n.

Pappeln schütteln weiße Flocken in den Sommerwind,
mein Herz schlägt Purzelbäume, ich bin ein Junikind.

kornblumen

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Homosexualität und das moralische Verstummen unter Christen

Die Iren haben sich deutlich für die gleichgeschlechtliche Ehe ausgesprochen, ein Vertreter des Vatikan hat dies als Niederlage für die Menschheit bezeichnet, die Bundesregierung hat ein Mini-Reförmchen vor, das ein paar Verbesserungen bringt und noch weniger Aufregung bei den Unions-Wählern (mit hohem Katholiken-Anteil) verursacht. Es wird viel geredet und geschrieben, es scheint eigentlich auch schon alles gesagt (nur noch nicht von jedem, dafür von anderen mehrfach). Oft jedoch ist die Verständigung zwischen den unterschiedlichen Positionen sehr schwierig, darum dreht sich viel im Kreis.

Die Gründe dafür liegen in Einstellungen, die bei jeder ethischen Urteilsbildung eine entscheidende Rolle spielen, selbst aber kaum oder gar nicht zum Thema werden. Der Religionspsychologe Richard Beck hat das in seinem Buch Unclean: Meditations on Purity, Hospitality, and Mortality beleuchtet. Zum einen behandelt er dort die Psychologie des Ekels (das wäre einen weiteren Blogpost wert), die gerade bei Thema Sex eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt. Zum anderen nennt er zwei Studien, die sich mit den Prämissen und Grundhaltungen moralischer Urteile befassen.

Beck berichtet vom Phänomen des Moral Dumbfounding („moralischen Verstummens“): Ab einem bestimmten Punkt versagen rationalen Argumente, aber es bleibt eine tiefe innere Überzeugung, dass eine bestimmte Handlung nicht richtig ist. Der Affekt reicht weiter als die Vernunft – schon David Hume wusste das. Unverfängliches Beispiel von Beck: Der Hund einer Familie wird vor dem Haus überfahren. Jemand erinnert sich daran, dass Hundefleisch gut schmecken soll, also wird er zerlegt und kommt als Braten auf den Tisch. Unvorstellbar für die meisten von uns, aber eine stringente Begründung dafür zu liefern, ist gar nicht so einfach.

Wie Richard Shewder zeigt, gibt es Unterschiede in der „moralischen Grammatik“, die kulturell bedingt sind. Da ist die Grammatik der Autonomie, die empfindlich auf jede Verletzung der Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung einer Person reagiert. Die Ethik der Gemeinschaft dreht sich um Pflicht und Loyalität, die Achtung von Autorität und Einhaltung von Normen. Gemeinschaft und Autonomie zusammen bilden das Koordinatensystem für die meisten sozialen und politischen Entscheidungen, in den unterschiedlichen Kulturen wird dieses Verhältnis unterschiedlich bestimmt.

Doch es gibt noch eine dritte Dimension, Shewder nennt sie „divinity ethic“. Da geht es um das Heilige. Und zwar nicht nur im klassisch religiösen Sinn, und keineswegs nur in bestimmten Kulturen: Es geht um Würde und Integrität, um Ehrfurcht und Reinheit. Zwei Metaphern dominieren dieses Feld: Reinheit und Verschmutzung auf der einen Seite (das gilt für Kindesmissbrauch ebenso wie für die Verwüstung unberührter Natur), und den Unterschied zwischen Hohem und Tiefem bzw. Oben und Unten. Oben ist dann Gott und das Gute angesiedelt, unten das Chaos, die „niederen“ Instinkte und Beweggründe, das Animalische und Unheimliche. Als Mensch sollte ich mich, der Logik des Heilgen folgend, nach oben orientieren. In vielen Kulturen sind das Heilige und das Profane säuberlich getrennt, um eine Verunreinigung zu vermeiden. Die Vorstellungen davon, was genau eine Verletzung des Heiligen darstellt, können im Einzelfall aber weit auseinander liegen.

Jonathan Haidt und Jesse Graham haben, wie Beck ausführt, solche Konflikte untersucht und sind dabei auf fünf Gründe gestoßen, warum Menschen etwas als moralisch falsch einstufen:

1. Harm/Care: Anderen Schaden zuzufügen oder ihn nicht zu verhindern
2. Fairness/Reciprocity: Menschen ungleich oder unfair zu behandeln oder Gutes nicht zu erwidern
3. Ingroup/Loyalty: sich nicht für das Wohl und den Schutz der Gruppe einzusetzen, der man angehört
4. Authority/Respect: Die Missachtung von (Rang-)ordnungen und Autoritäten und die Verletzung von Pflichten
5. Purity/Sanctity: Wo Würde, Reinheit, religiöse Gefühle in den Schmutz gezogen werden

Beck kommentiert, dass für „Liberale“ (ich weiß, die Terminologie ist grob gestrickt, man kann vielleicht auch „Traditionalisten“ und „Modernisierer“ sagen) die beiden letzten Kriterien in der Regel keine große Rolle spielen, während sie bei Konservativen hoch im Kurs stehen und dazu führen können, dass die Gleichheit auf der Strecke bleibt oder (etwa in Uganda) beträchtlicher Schaden für die Betroffenen billigend bzw. stillschweigend in Kauf genommen wird. Daher prangern die einen die Ausgrenzung Homosexueller vehement an, während die anderen vor allem um die Integrität der „Schöpfungsordnung“ fürchten, die Reinheit der Kirche und den Gehorsam gegenüber der Schrift betonen. Aus ihrer Perspektive erscheint auch eine partnerschaftliche Beziehung zwischen Menschen gleichen Geschlechts als „Perversion“ menschlicher Sexualität und ein Absinken auf der vertikalen Skala (statt des gewünschten Aufstiegs zu Gott hin). Derselbe Grundkonflikt zeigt sich aber auch in der Diskussion um Mohammed-Karikaturen und Blasphemiegesetze.

Das Moral Dumfounding entsteht oft da, wo es um die Dimension von Heiligkeit und Reinheit geht. Während Erfahrungen von Ungerechtigkeit und erlittener Schaden eher von Empörung und Zorn begleitet werden, ist hier ein unterschwelliger Ekel die beherrschende Emotion, die sich immer wieder gut beobachten lässt.

Die Frage, der Beck im weiteren Verlauf des Buches nachgeht, ist die nach der Wirkung von „sozialem Ekel“ und inwiefern das Evangelium, das Jesus gepredigt hat, klar erkennbar und nachvollziehbar auf dessen Überwindung hin angelegt ist. Ich würde sagen, Jesus hat das Reinheitskriterium dem Gerechtigkeitskriterium weitestgehend untergeordnet. Und das hat vielfältige Konsequenzen, bis heute.

Die Diskussion über Regelungen und Gesetze in einem säkularen Staat und einer multireligiösen Gesellschaft lässt sich um so leichter führen, je mehr der (unter Gäubigen kontroverse, bei nichtreligiösen Menschen weitgehend irrelevante) Heiligkeitsaspekt ausgeklammert werden kann.

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Biblische Mystik

Mystik wurde oft missverstanden als der Versuch, der einfachen Welt der Phänomene zu entfliehen in die reinere Existenz eines jenseitigen Himmels. Das ist keine Mystik, sondern Gnosis. Biblische Mystik ist der Versuch, aus „dieser Welt“ heraus zu einer alternativen Wirklichkeit zu gelangen, die die alte Ordnung durchdringt. Ihr Ziel ist, ein Denken abzustreifen, das behauptet, Gier sei gut, Selbstsucht sei normal und Töten sei notwendig. Mystik im biblischen Sinne ist keine Flucht, als die sie von vielen karikiert wurde, sondern ein Kampf für Ethik und gesellschaftlichen Wandel.

Walter Wink

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Muss Blatter bald Toiletten putzen?

Es ist eines der am häufigsten zitierten Jesusworte, dass die ersten die letzten sein werden und umgekehrt (Mt 19.30). Angesichts der Tatsache, dass auf dieser Welt unzählige Menschen unter der Willkür weniger Mächtiger leiden, ist das erste Gefühl, das diese Aussage hervorruft, Erleichterung und Genugtuung – völlig zu Recht. Die Vorstellung von einer Welt, in der Sepp Blatter und seine Handlanger die Klos putzen, Putin PET-Flaschen sammelt (das ist nur der Alliteration geschuldet, es gibt freilich keine PET-Flaschen mehr in dieser Welt, zum Verdruss von Nestlé) – das hat schon was.

 

Viele Revolutionen sind genau diesem Schema der Umkehrung der Machtverhältnisse gefolgt. An den Gefängnissen und Friedhöfen ließ sich das gut ablesen. Und die Unterlegenen planten schon, sofern sie noch konnten, den Umsturz des Umsturzes. Hat Jesus das so gemeint und gewollt?

Wenn nämlich das Reich Gottes darin besteht, dass niemand mehr Macht über andere ausübt und alle gleich geachtet und gleich unmittelbar zu Gott sind, wenn Gottes Herrschaft das Herrschen über andere kategorisch ausschließt, wie kann es dann noch „Letzte“ geben?

Allenfalls eben so: Dass die ehemals Überlegenen schon die Gleichheit als eine solche Zurücksetzung, Demütigung und Kränkung empfinden, dass sie unter allen Ebenbürtigen die einzigen sind, die unglücklich über diese fairen Verhältnisse sind. Das ist ja das Absurde, dass manchen Zeitgenossen nichts so gegen den Strich geht wie die Gleichheit aller Menschen. Wenn ihre Privilegien futsch sind, geht für sie die Welt unter. Wenn unter mir niemand mehr ist,  wer bin ich dann noch?

Und dann sitzen sie im Schmollwinkel wie der alte Jona unter seiner verdorrten Rizinusstaude und schimpfen über „Gleichmacherei“, „Gutmenschen“, „Sozialismus“. Wenn jemand mal eine Vorstellung von „Hölle“ sucht, die irgendwie mit der Botschaft Jesu kompatibel ist – das wäre ein Ansatz.

Ob das allerdings ewig dauert? Ich kann es mir nicht vorstellen.

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Blutige Erlösung (2): Stellvertretung

Wie kann es sein, dass der Tod eines einzelnen sich auf das Leben vieler, möglicherweise aller Menschen auswirkt? Was für die einen eine Selbstverständlichkeit ist, die sie nie angezweifelt haben, ist für andere schwer einzusehen. Die Tage haben wir das wieder einmal in einer Gesprächsrunde diskutiert.

So lange wir uns in der Metapher von Kult und Opfer bewegen, ist die Sache klar. Da gehört (ähnlich wie im magischen Denken) die „Stellvertretung“ zu den ungeschriebenen Regeln des Spiels: Ein Opfertier repräsentiert eine Gruppe von Menschen, und dann kann auch das Lebewesen noch durch Lebensmittel ersetzt werden und es ist immer noch ein „gültiges“ Opfer, das seinen rituellen Zweck erfüllt.

Was aber, wenn diese Selbstverständlichkeit nicht schon da ist? Welche Analogien lassen sich dann finden? Stellvertretung „funktioniert“ in unserer Gesellschaft über Institutionen und Strukturen. Die ermächtigen Menschen, für ganze Gruppen als deren Repräsentanten Entscheidungen zu treffen und Zusagen zu geben, im Gegenzug gibt es (wenigstens auf dem Papier) eine Pflicht zur Rechenschaft und regeln für die Entscheidungsfindung. Der Bundespräsident kann nur ein Gesetz unterschreiben, das der Bundestag zuvor beschlossen hat, und manchmal muss auch der Bundesrat noch zustimmen.

Es gibt aber auch, und damit kommen wir Jesus wieder näher, eine charismatische, nichtinstitutionelle Form der Stellvertretung oder Repräsentanz. Wir finden sie in Bewegungen und deren Führergestalten. Und dann lassen sich ähnliche Aussagen finden: Als Martin Luther King ermordet wurde, da galt dieser Anschlag nicht nur ihm als Person, sondern der Bewegung, für die er stand. Er wusste von der Gefahr und nahm das Risiko bewusst auf sich. Insofern starb King für die Rechte der Afroamerikaner, man kann aber auch sagen, dass er „für alle Amerikaner“ starb, denn der Rassismus belastete den Frieden im ganzen Land. Man kann vielleicht noch einen schritt weitergehen und sagen, er starb für alle Menschen, die in der einen oder anderen Form von Rassismus und sozialer Ausgrenzung betroffen sind – Opfer wie Täter. Ganz ähnlich lässt sich das von Oscar Romero sagen, der heute seliggesprochen wird für seinen todesmutigen Einsatz für die Armen. Und freilich galt dieser Einsatz auch den Reichen und Mächtigen, die er zur Umkehr rief.

Wenn wir bei Märtyrern sind – freilich nicht der völligen Perversion dieses Begriffs durch Selbstmordattentäter, sondern bei Menschen, die sich für die Würde und Rechte anderer einsetzen und dabei Gewalt erleiden – dann könnten viele Zeitgenossen auch noch mit, wenn wir sagen, sie setzen sich für etwas ein, das ihnen (und womöglich uns auch) „heilig“ ist. Etwa die Vision, die wir in der Erklärung der Menschenrechte formuliert finden. Wenn Menschen ihr Leben riskieren für etwas, das uns heilig ist, dann tun sie das in einem gewissen Sinn immer auch „für uns“ mit, sie repräsentieren alle Gleichgesinnten, und die Gewalt, die sie erleiden, wird von allen als persönlicher Angriff erlebt, die sich mit ihnen identifizieren.

Wenn wir von da aus auf Jesus zurückschauen und uns vergegenwärtigen, dass er quasi auf der Grenzlinie – beziehungsweise im Niemandsland – zwischen Juden- und Heidentum starb (oder in römischer Sprache: Römern und „Barbaren“), dann lässt sich das eben analog verstehen wie Kings Bedeutung für Angehörige aller Rassen und Völker oder Romeros für die Armen und deren Unterdrücker. Paulus scheint das in Galater 3,28 so verstanden zu haben, und er fügt den konfliktträchtigen Unterschied der Geschlechter dort gleich noch hinzu, ebenso wie die soziale Kluft zwischen Herren und Sklaven (das Kreuz war die Strafe der Herren für aufständische Sklaven). Ganz verschiedene Abgrenzungen und Identifikationen treffen also in diesem Punkt zusammen.

Es lassen sich also genug Kategorien für Konflikte und Zerwürfnisse finden, die auf uns zutreffen. Damit sind auch „unsere Sünden“ markiert und qualifiziert. Der Katholik James Alison hat sie in einer erfrischenden Interpretation des Sühnegeschehens summarisch so beschrieben: »… he was giving himself entirely without ambivalence and ambiguity for us, towards us, in order to set us “free from our sins” – “our sins” being our way of being bound up with each other in death, vengeance, violence and what is commonly called “wrath”.«

Inwiefern lässt sich das als „Erlösung“ deuten? Märtyrer wie King, Romero und andere weigern sich, sich in die ihnen zugewiesene Opferrolle zu fügen. Sie weigern sich ebenfalls, die gewaltsame Opfer-Täter-Relation einfach umzukehren. Sie demonstrieren damit eine Freiheit, sich über die Logik des Aufrechnens und der Vergeltung hinwegzusetzen. Sie räumen dieser Freiheit einen höheren Stellenwert ein als der eigenen Unversehrtheit und dem Überleben. Sie sind überzeugt davon, dass ein solcher Tod nicht sinnlos ist, sondern die Gewalttäter und deren Motive demaskieren, ihre fadenscheinigen Legitimierungen erschüttern und damit schließlich den Niedergang und Zerfall ihrer Macht herbeiführen kann.

Wenn man das nun in einem weiteren Interpretationsschritt zusammendenkt mit dem paulinischen „Gott war in Christus“, dann folgt daraus:

  • Gott solidarisiert sich mit den Opfern und öffnet den Tätern die Tür zur Versöhnung
  • Er „braucht“ keine Gewalt, sondern er stellt sie bloß in ihrer ganzen Abscheulichkeit
  • Er legitimiert auch keine menschliche Gewalt als „notwendig“
  • Er offenbart einen Gott, der frei ist von Rachegelüsten und Vergeltung (und sie auch nicht als „Strafe muss sein“ tarnt)
  • Er macht als Opfer von Gewalt das Angebot der Versöhnung
  • In dem allen wird ein Neuanfang möglich

Fortsetzung folgt, Teil 1 steht hier

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Soundtrack zum nächsten Bahnstreik

Nun ist der Bahnstreik (erst einmal?) wieder vorbei. Für alle, die sich schon drauf eingestellt hatten (und erst mühsam wieder umschalten im Kopf) oder noch am Zweifeln sind, ob es auch wirklich der letzte war, hier schon mal ein möglicher Soundtrack für die nächste Runde:

Slow Train Coming – Bob Dylan fährt im Regionalzug weiter

Homeward Bound – Simon und Garfunkel studieren den Notfahrplan

Downtown Train – Rod Stewart wartet vergeblich auf seine Mitreisende

Railway Hotel – Mike Batt hat den Anschlusszug verpasst

High Speed Train – REM fahren in einem ICE, der nicht in Wolfsburg hält

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Don’t Answer Me – Alan Parsons in der Warteschleife der Bahn-Hotline

If I Could Turn Back Time – Cher wäre lieber mit dem Auto gefahren

Don’t Leave Home – Dido sagt die Reise gleich ganz ab

On the Evening Train – Johnny Cash ist streikmüde

Nine Million Bicycles – wo hatte Katie Melua nochmal ihr Fahrrad abgestellt?

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Credo (A.D. 2015)

Den Impuls für den folgenden Text hat mein Freund Andreas Ebert mir am vergangenen Samstag in einem Münchner Biergarten gegeben. Er ist nicht mehr als ein Zwischenstand. Ich habe auf jede Art der Absicherung gegen Missverständnisse verzichtet, weil auch das zu einem Bekenntnis gehört. Ich habe auch auf theologische Standardformeln so weit wie möglich verzichtet, weil sie meist ins Reich der Gewohnheit deuten.

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Ich glaube, dass im Ursprung alles gut ist und dass es das am Ende auch wieder sein wird. In der Zwischenzeit ist es, wie wir alle wissen, ziemlich kompliziert.

Ich glaube, dass diese Welt der Quanten und Quasare nicht von Ungefähr denkende und fühlende Wesen beherbergt, dass sie geistreich, kommunikativ und schöpferisch ist: Lebende Verbindungen, aus denen heraus Überraschendes geschieht – wie gute Poesie, zwischen deren Zeilen sich mehr andeutet, als ich erfasse.

Ich glaube, dass wir Denkende und Fühlende das Potenzial haben, über uns hinauszuwachsen, oder das Gute, das wir uns wünschen, zu sabotieren. Und dass wir beides tun. Doch mitten in dieser Geschichte des zaghaften Lernens und krachenden Scheiterns begegnen manche einer Stimme, die herausruft: Aus der Stadt in die Steppe, aus dem Frondienst in die Freiheit, von den Hecken und Zäunen an den gedeckten Tisch zu Wein, Musik und Tanz.

Ich glaube, dass dieser Ruf allen gilt und sich einzigartig ausspricht im Leben Jesu von Nazareth, der diese Botschaft nicht nur bringt, sondern ist. Weil er bei den Abseitigen erscheint und ihnen eine Stimme gibt, mit seiner Zuwendung soziale, mentale und physische Wunden heilt, die Nutznießer der alten Ordnung aufschreckt, eine Gerechtigkeit an den Tag legt, die noch ihre Feinde umarmt, und Menschen in eine herrschaftsfreie Ordnung einweiht, wird er des Verrats und der Verführung angeklagt und im Namen der Staatsräson zur Abschreckung von Nachahmern am Kreuz brutalstmöglich vernichtet.

Ich glaube, dass der Autor der kosmischen Poesie, die wir „Welt“ und „Geschichte“ nennen, die Gerechtigkeit vor den Mächtigen gerettet und damit ein neues Kapitel aufgeschlagen hat. Sein Ruf der Liebe dringt durch das Leid, durch Hass und Gleichgültigkeit bis hinein in den absoluten Abgrund des Grabes. Das Neue beginnt dort – mit einer Person, die durch verschlossene Türen geht. Und es setzt sich fort in einer Gemeinschaft von Ausbrechern, die (gewiss oft zögernd und zweifelnd, dann aber auch wieder zielstrebig und mutig) soziale, kulturelle und ethnische Schranken überwinden.

Ich glaube, der Geist des Lebens befreit dazu, dass wir zu unserem verwundeten Menschsein stehen, mit uns selbst und anderen versöhnt leben, zerstörerischen Kräften in uns selbst und um uns her trotzen, und gelassen in die Zukunft schauen.

Ich glaube, dieses alltägliche Wunder ist der Vorbote einer großen Verwandlung.

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