“Der Fisch stinkt immer vom Kopf her”…

… sagte diese Woche ein ob des holprigen Verfahrens beim Gesundheits-Kompromiss erzürnter zorniger SPD-Funktionär und meinte die Kanzlerin, nicht aber den Vizekanzler – der ist ja aus den eigenen Reihen.

Weil es ein Sprichwort ist, widerspricht niemand. Dafür hat man Sprichwörter ja, sie nehmen uns das Selberdenken ab. Ohne es für den konkreten Fall verifizieren oder widerlegen zu können, frage ich mich, ob es denn immer so simpel ist. Bequemer ist es allemal, “die da oben” für alles verantwortlich zu machen, was einem nicht passt, ohne selbst in die Schusslinie zu geraten?

Hat jemand das mal überprüft – an Fischen? Vielleicht stimmt es ja nicht mal da. Dann können wir die Phrase getrost entsorgen. Wir haben noch genügend komplizierte Probleme zu lösen, wo wir es nicht allen Recht machen können. Da wird es noch vieles geben, was dem einen oder anderen stinkt.

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Sternstunden des Sportjournalismus II: “Was ist das für ein Gefühl?”

Kompliment an Monica Lierhaus: In unzähligen, fast schon kreativen Variationen stellte sie heute auf der Fanmeile den Akteuren die Frage, was sie empfinden. Martina kommentierte dazu nur süffisant: „Das sind doch alles Männer. Denkt sie wirklich, dass sie eine Antwort bekommt auf diese Frage?“

Sie bekam eigentlich auch keine. Seit Generationen antworten Sportler bei solchen Ereignissen mit dem ausweichenden Hinsweis, dass sie bestimmt erst in etlichen Tagen gänzlich begreifen werden, was sich am Tag des Erfolgs ereignet hat. Diesen semantischen Haken können auch unsere Nationalspieler schlagen. Nur unsere Moderatoren versuchen es immer aufs Neue. Vielleicht sind auch die Berufsschwätzer urlaubsreif?

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Sternstunden des Sportjournalismus I: Macht Klinsmann weiter?

Ein superpeinliches Kapitel des WM-Jouralismus spielt sich seit dem kleinen Finale gestern abend ab: Jeder meint, er müsse der erste sein, der Jürgen Klinsmann das Versprechen entlockt, dass er weitermacht. Wenn das so weitergeht, sagt er nur deswegen ab, um diesen Nervensägen nicht wieder über den Weg laufen zu müssen.

Angela Merkel hat gestern gesagt, der größte Gefallen, den man Klinsi tun kann, ist ihm Zeit zu geben für seine Entscheidung. Als ich darüber nachdachte, habe ich begriffen, dass die beiden tatsächlich Freunde sind und es kein Zufall war, dass der Bundestrainer die Kanzlerin im Daimler-Stadion umarmt hat wie das zuvor kaum jemand in der deutschen Öffentlichkeit mit ihr gemacht hat.

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Nektarinen

Wer ist eigentlich für diese Züchtung verantwortlich? Sie sind wirklich nett anzusehen. Immer wieder einmal unternehme ich daher einen neuen Versuch und will eine Nektarine essen. Entweder ist sie noch steinhart und sauer. Oder sie ist saftig und süß, aber weder im einen noch im anderen Fall löst sich das Fruchtfleisch vom Kern (wie bei Pfirsichen und Aprikosen) und es gibt ein Getropfe und Geklebe ohne Ende.

Aber bestimmt geht’s nur mir so.

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Erwachsen Beten

Ich arbeite an einer Predigt zum Thema Gebet, die ich gern “erwachsenes Beten” nennen möchte. Wer will, kann hier mit einem Kommentar zu diesem Post also noch das Schlimmste abwenden 😉

Der Grundgedanke ist, dass sich unsere Beziehung zu Gott im Laufe der Zeit verändert, uns manchmal aber nicht klar ist, wie und warum. Und plötzlich “funktionieren” Dinge nicht mehr so wie früher. Die Unmittelbarkeit und Naivität der Anfangszeit wird durch Fragen und Zweifel erschüttert, weil Gott sich scheinbar zurückzieht.

Das Glaubensleben wird auf einmal komplizierter. Die einen verdrängen das und singen noch etwas lauter, beten etwas angestrengter und formulieren ihre brüchigen Parolen etwas dogmatischer und trotziger, andere resignieren still und hören auf oder halten treu, aber ohne große Erwartung an einer guten Gewohnheit fest.

And I can’t quite remember how to pray anymore
I can’t quite remember what to say anymore
If it turns out that I can’t have my way anymore
How will I know which way to turn, when I walk out the door?
There’s a molecule of faith in this room
What they used to call the mustard seed
There’s a molecule of faith in this room
And a book that says that’s all I’ll ever need
I don’t know where it is, but I hope I find it soon
Cause nothing else will ever set me free
There’s a molecule of faith in this room
And even though it’s much too small to see,
If I have the courage to believe
I’ll find the one who left it here for me

Stubborn (Psalm 151) by Lee Ann Womack

„Erwachsen Beten“ weiterlesen

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Gemeinde minimal gedacht

Es gibt ja die verschiedensten Definitionen von Gemeinde bzw. Kirche. Momentan interessiert mich die Frage, wie man das möglichst kurz und prägnant fassen kann. Vulgärekklesiologisch wird ja in der Regel institutionell gedacht und auf Gebäude (“wir fahren in die Gemeinde”, “gehen in die Kirche” – hä???), Pfarrer/Hauptamtliche und Gottesdienst abgehoben.

Manche theologische Tradition scheint mir dazu (heute zumindest) unbrauchbar, etwa das Augsburger Bekenntnis, wo Wort und Sakrament (aber -damals wichtig – nicht Liturgie und Ritus) als konstitutiv bezeichnet, wobei andere Aspekte bestenfalls angedeutet werden – etwa der von Gemeinschaft und Beziehung. Man kann ja Gottesdienste so als sonntägliche “Versammlung” (statt alltäglicher Gemeinschaft) aufziehen, dass zwar Wort und Sakrament ihren Platz haben, aber so gut wie keine Interaktion zwischen den Gemeindegliedern stattfindet. Letztere konsumieren nur allzu oft selbstgenügsam das Angebot. Und durch die Hintertür wird der Ritus von den Insidern und/oder Funktionären dann wieder festgeschrieben oder vereinheitlicht.

Also lautet meine Definition: Gemeinde ist eine Gemeinschaft von Menschen, die Jesus nachfolgen und einen Auftrag wahrnehmen, der über sie selbst hinausgeht. Mit dem letzten Teil stellt sich natürlich die Frage, ob bestimmte Gruppierungen denn überhaupt noch “Gemeinde” sind, wenn sie nicht konkret für andere da sind – außer vielleicht auf dem Papier. Das ist ein Thema, das uns dauerhaft beunruhigen muss!

Klar lässt das auch Dinge offen, aber es verschiebt die Akzente weg vom Konsumieren ohne persönliches Engagement. Einen Hinweis auf die Notwendigkeit von Leitung habe ich mir auch geschenkt, weil in einer Gruppe immer jemand leitet (und zwar längst nicht immer der, der offiziell den Hut aufhat). Leitung ist also selbstverständlich – ob es dann gute Leitung ist, ist eine andere Frage. Ebenso, wie die Frage nach der “rechten” Verkündigung und Verwaltung der Sakramente ganz offenbar Anlass zu endlosen Diskussionen gegeben und in zahllose kirchenpolitische Sackgassen geführt hat.

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Der Segen des Party-Patriotismus

Die rechte Szene ist schwer verunsichert durch den fröhlichen Fußball-Patriotismus. Die FAZ zitiert den frustrierten NPD-Ideologen Gansel, der unter anderem einräumt: “Hier werden selbst Neger zu deutschen Patrioten”.

Genau so soll es sein. Vielleicht sollten wir uns schon deshalb eine Portion davon über die WM hinaus bewahren und demnächst rechte Kundgebungen statt mit Transparenten und Sprüchen mit Deutschlandfahnen, Spaß und geschminkten Gesichtern untergehen lassen – unter der Schminke ist die Hautfarbe sowieso egal 🙂

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work hard – play hard?

Wie ein Kommentar zur Lebensdevise zahlreicher Führungskräfte liest sich diese Passage aus Moltmanns Eschatologie:

Der Tod befristet unsere Lebenszeit und macht das Leben kurz: Vita brevis est. Unbewusste, nicht verarbeitete Todesangst zeigt sich in der Lebenseile. Presto! Nur wer schneller lebt, hat mehr vom Leben. Die »moderne Welle« ist die beschleunigte Welt. Wir »modernisieren« immer schneller. Wir bewegen uns immer mehr und hasten von einem Ort zum anderen. Wir nehmen immer mehr Erfahrungen auf und verbrauchen immer mehr Leben ohne erkennbares Tempolimit.

Die Antwort haben die Dixie Chicks in Easy Silence so formuliert:

When the calls and conversations
Accidents and accusations
Messages and misperceptions
Paralyze my mind

Busses, cars, and airplanes leaving
Burning fumes of gasoline
And everyone is running
And I come to find a refuge in the

Easy silence that you make for me
It’s okay when there’s nothing more to say to me
And the peaceful quiet you create for me
And the way you keep the world at bay for me

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plakative Fehlpässe

In der Erlanger Bahnhofsunterführung hängt ein Plakat, auf dem steht “Jesus ich vertraue dir”. Dazu im Nazarenerstil ein blasser, schmalzgelockter, bärtiger Jesus in ein Bettlaken gehüllt. Er scheint etwas leidenschaftslos zu leuchten. Alan Hirsch würde sagen, der verlässt die Kirche nie.

Dem soll ich also vertrauen? Ich muss gar nicht in die Haut der “ungläubigen” Adressaten solch frommer Werbung versetzen: Das wäre nicht der Typ, mit dem ich über Geld- oder Beziehungsprobleme reden wollte, nicht die Art Mensch, die ich eines Tages zu werden hoffe und träume.

Schlimmer: Es ist nicht der Jesus der Evangelien (jawoll – nicht einmal der des Johannes, der so lange Reden hält…), der Menschenaufläufe hervorruft, bei den Zöllnern zu Tisch sitzt, sich von einer Prostituierten die Füße salben lässt und sich mit dem irritierten Establishment anlegt.

Nein, diesem Jesus vertraue ich nicht. Und das ist gut so…

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nicht nur Hoffnung für die »Seele«…

Der Mensch hat seine Existenz nicht nur im Verhältnis zu sich selbst, sondern auch und zuerst im Verhältnis zu anderen und zur Natur. Es ist zu eng, »Existenz« allein im Selbstverhältnis des Menschen, nicht aber auch in seinem Sozialverhältnis und seinem leiblich-sinnlichen Verhältnis zur Natur zu sehen.
Christliche Eschatologie lehrt nicht nur Hoffnung für die »Seele«, das war das frühere Wort für »Existenz«, sondern auch für den Leib, nicht nur für den einzelnen, sondern auch für die Gemeinschaft, nicht nur für die Kirche, sondern auch für Israel, nicht nur für die Menschen, sondern auch für den Kosmos. Diese überindividuellen Hoffnungshorizonte kann man nur dann »mythologisch« nennen, wenn man an den Verhältnissen, über die sie gespannt werden, kein Interesse hat. Die Resignation auf das eigene Selbst ist kaum christlich zu nennen.

Jürgen Moltmann, Das Kommen Gottes: Christliche Eschatologie, S. 38

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Freiheit – flach oder tief?

Im LebensArt Team hatten wir eine interessante Diskussion über Freiheit. Jemand sagte, dass man durch eine Entscheidung wie zum Beispiel Heiraten seine Freiheit einschränkt. Mich hat an dem Gedanken etwas gestört, und dann begriff ich, dass es in Wahrheit umgekehrt ist: Durch eine Entscheidung nutze und betätige ich meine Freiheit, selbst wenn ich mich festlege. Sie wird dadurch nicht geringer, sondern wirklicher.

Sich alles offen zu halten (was Bruder Paulus als “flächendeckende Suche” beschreibt) ist nur die Illusion von Freiheit, nach dem Motto “Ich könnte jederzeit…” Echte Freiheit hat dagegen immer mit Mut und Verantwortung zu tun. Mut, sich zu entscheiden und bestimmte Dinge mit ganzer Hingabe zu tun. Verantwortung, weil ich zu meinen Entscheidungen samt deren (oft unabsehbaren) Folgen für mich und andere stehe: Partnerschaft, Berufswahl, mein spiritueller Weg.

„Freiheit – flach oder tief?“ weiterlesen

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Verpasste Berufungen

Im Alter zwischen 20 und 30 verstehen sich immer mehr Menschen als Jugendliche, die immer noch etwas zu suchen haben. Damit verpassen sie es, sich in die Tiefe hinein auszubilden. Viele schauen immer noch umher und fragen sich: Bin ich hier richtig, oder bin ich da richtig? Sie betreiben eine flächendeckende Suche nach ihrer wahren Berufung, wollen nicht konkret werden, sich nicht binden, nichts verbindlich in den Terminkalender schreiben. Und dann ist ein Mensch 30 Jahre alt, und mit einem Mal fehlt ihm der Elan, mit dem er noch Wurzeln treiben könnte. Manche werden zu spät wach und sehen, dass die Zukunft, von der sie dachten, sie liege vor ihnen, plötzlich hinter ihnen liegt.

Bruder Paulus im Interview mit der Zeit

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Sirenen

Dieser Gesang,
der über die See weht,
dringt tief in die Seele.
Jede Sehnsucht,
die je dort lebte,
fängt an zu brennen.
Verbrauchte Träume
wieder auf Sendung
glasklar, hautnah.

Diese Stricke,
die mich hier halten,
retten mein Leben.
Denn zwischen mir
und dem, was mich zieht,
liegt nur Zerstörung.
Taube Gefährten
rudern treu weiter
das Boot das uns trägt.

Diese Zweifel,
die mich bedrängen,
wollen nicht schweigen.
Kann denn das Schöne
nicht zugleich wahr sein,
nicht immer gut?
Werde ich jemals
wieder vergessen,
was an mein Ohr drang?

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Positiv überrascht

Wenn mir noch vor kurzem jemand gesagt hätte, ich könnte Countrymusik gut finden, hätte ich das weit von mir gewiesen. Seit ich das neue Album der Dixie Chicks Taking The Long Way kenne, ist das anders.

Die Musik alleine wäre es noch immer nicht ganz, aber die intelligenten Texte heben sich angenehm ab von viel heiler-Welt-Lyrik, die in dem Genre sonst oft schablonenhaft transportiert wurde. Manches davon trifft bei mir momentan gefühlsmäßig voll ins Schwarze.


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Bell’s hell :-)

Rob Bell bringt das Thema “Hölle” schön auf den Punkt. Die zeitliche, nicht die ewige Perspektive gibt den Ausschlag. Im Gleichnis vom Weltgericht werden Leute danach beurteilt, wie sie sich zu den irdisch-konkreten Formen von Hölle verhalten. Guter Punkt!

Es ist beunruhigend, wenn Leute mehr über die Hölle nach diesem Leben reden als über die Hölle hier und jetzt. Als Christ möchte ich tun, was ich kann, um zu verhindern, dass die Hölle auf die Erde kommt. Armut, Ungerechtigkeit, Leiden, das alles sind Höllen auf Erden, und wir Christen widersetzen uns dem mit all unserer Energie. Das hat Jesus uns aufgetragen.

Rob Bell, Velvet Elvis S. 148

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