So lange unsere LebensArt Homepage noch keine Podcast-Rubrik hat, kann, wer will, das November-Thema “Die Qual der Wahl” hier nachhören. Das geniale Lied danach fehlt aber leider aus rechtlichen Gründen.
Mensch sein können
Im Zusammenhang mit dem Überfall auf die Schule in Emsdetten wird über die Motive des Täters diskutiert, die das Abschiedsvideo erkennen lässt. Die Ambivalenz zwischen Opferdenken (“ihr habt mein Leben kaputt gemacht”) und Größenwahn (“ich bin göttlich”) – beziehungsweise wie das eine in das andere umschlägt -, ist zutiefst beunruhigend. Schon deshalb, weil sie in milderen Formen gar nicht so selten sind.
Tobias hat geschrieben, wir sollten uns fragen, was in unserer Gesellschaft nicht stimmt. In der Zeit sagt der Pädagoge Wolfgang Bergmann gestern dazu:
Moderne Kinder sind sehr viel narzisstischer als frühere Kindergenerationen. Sie wachsen in einem Klima auf, in dem alles zur Verfügung stehen sollte, in dem sie selber der Mittelpunkt sind. Dieses Verwöhnklima hat durchaus seine positiven Seiten, die negative Seite ist, dass solche Kinder, wenn sie in der Realität scheitern, sich überhaupt nicht mehr zu helfen wissen. Sie haben nicht gelernt, Niederlagen einzustecken oder dass das Leben auch mal tragische Züge haben kann, aber dann trotzdem weitergeht. Diese Kinder denken gleich: Jetzt geht gar nichts mehr weiter, alles ist aus. Der Narzissmus ist immer eine Wut, einer fast besinnungslosen Wut seelisch benachbart, und diese Wut richtet sich nach innen und außen.
Ich habe mich gefragt: Verlernen wir gerade das Menschsein? Und gehört Gott als Gegenüber nicht dazu, wenn wir von Humanität reden wollen? Wenn wir nämlich akzeptieren, dass wir nicht Gott sind und die Welt sich nicht um uns dreht, aber dass wir in dieser Welt trotz aller Widrigkeiten nicht allein sind, dann haben wir auch gute Aussichten zu entdecken, dass wir längst nicht so ohnmächtig sind, wie wir tun. Und dass wir dafür verantwortlich sind, uns und diese Welt zum Guten zu verändern.
Ein Post von Kim Fabricius bei Faith and Theology mit zehn Thesen über das Menschsein bringt es gut auf den Punkt, worum es dabei geht: Um Kontingenz (es ist nicht notwendig, dass es uns gibt), Widersprüchlichkeit, um Leiblichkeit und Spiritualität, Beziehungen und Verantwortung, um Spiel und Anbetung, um Christusähnlichkeit und Herrlichkeit.
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Endlich online
Nachts sind (fast) alle Londoner schwarz
Es war mal eine ganz andere Stadtansicht: Als ich heute morgen um 4.00 Uhr von Kensington gen Stansted aufbrach, sah ich fast ausnahmslos schwarze Gesichter auf der Reise. Erst im Flughafen selbst dann wieder die gewohnte Mischung. Die paar “Bleichgesichter”, die so früh auf sind (viele können es nicht sein) sitzen in den PKWs.
Auf der Straße und im Bus sind die unterwegs, die Schicht arbeiten, vor allem im öffentlichen Dienst und Transportwesen – also nicht die Millionäre, zu denen angeblich jeder zwanzigste in der Londoner Klassengesellschaft gehört. Irgendwer muss ja auch die paar Kilometer Luxusappartments zwischen Tower und Canary Wharf bezahlen…
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Allwissender Google
Hin und wieder sehe ich nach, mit welchen Suchbegriffen Leute auf meinem Blog landen. Manchmal gibt es mir Rätsel auf. Manchmal sind aber auch ausformulierte Fragen darunter, die das Anliegen erkennen lassen; gestern etwa: “Welche Sexualmoral hat Präsident Bush?”
Oder vor ein paar Wochen suchte jemand, um Lebenshilfe bemüht: “Warum können Frauen Seitensprünge der Männer so schwer verstehen?” Ich würde ja vermuten: Aus denselben Gründen, aus denen Männer die Seitensprünge von Frauen nicht toll finden.
Vielleicht ist es ja nur noch eine Frage der Zeit, bis Google in eigenen Sätzen darauf antwortet. Oder die Wikipedia?
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London-Impressionen II: Saddams Swimmingpool
Canon Andrew White anglikanischer Pfarrer berichtet aus seinem Alltag in Bagdad. White war sieben Jahre Leiter des International Center for Reconciliation in Coventry und arbeitet heute für Versöhnung im Nahen Osten. Er leidet an MS und musste vor einer Weile sein Haus am Tigrisufer verlassen, weil er unter Beschuss war. Elf seiner Mitarbeiter kamen im letzten Jahr ums Leben. Ein ganzes Team, das nach Jordanien gereist war, kam nicht mehr zurück. Die Bedingungen sind, vorsichtig gesagt, schwierig. Um ans andere Ende des vielleicht gefährlichsten Pfarrbezirks der Welt zu kommen, muss er im Hubschrauber fliegen und kugelsichere Kleidung und einen Helm tragen. Wer zum arabischen Gottesdienst (im Regierungsgebäude des schiitischen Premierministers) kommen will, braucht drei Stunden, um die Sicherheitskontrollen zu passieren.
Aber es gibt auch die andere Seite: Mitten in allem Chaos finden in den Alpha Kursen, die auf englisch, spanisch und arabisch stattfinden, Dutzende Menschen zum Glauben und damit zu einer lebendigen Hoffnung. An Ostern wurden mehrere Menschen im Swimmingpool von Saddam Husseins Residenz getauft (darunter, wenn ich es richtig verstanden habe, auch ein General); der Kurs fand in den Räumen statt, wo sich Saddams Kabinett traf. Und es gibt immer wieder überraschende Gebetserhörungen. Wer mehr wissen will, kann das Buch lesen, das 2005/2006 den Preis für das beste christliche Buch abgeräumt hat.
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“Iraq: Searching for Hope” (Canon Andrew White)
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London-Impressionen: Eichhörnchen und Schlangenpsychologie
Es scheint beim Fliegen feste Rituale zu geben. Etwas dies, dass vor dem Abflug alle aus ihren Sitzen hochschießen, so bald die Durchsage kommt, dass der Einsteigevorgang nun beginnt. Dann stehen die Leute mit scharrenden Füßen in einer langen Schlange an der Bordkartenkontrolle. Als gäbe es etwas umsonst, aber nicht genug für alle (etwa die besten Plätze), oder als könne man den Flug jetzt noch verpassen.
Die ersten aus der Schlange dürfen zur Belohnung länger im kalten Bus warten, der sich langsam füllt, und sind dafür beim Aussteigen aus dem Bus die letzten. Taktisch gesehen eine Meisterleistung. Vermutlich sind das aber dieselben, die nach der Landung klatschen (ja, die gab’s heute) um gleich danach kollektiv aufzuspringen und sich in den Gang zu drängeln (so als ob sie deswegen schneller raus dürften), statt die Zeitung zu Ende zu lesen und dann in Ruhe und ohne Drängelei den Flieger zu verlassen. Zwischendrin ein korpulenter Althippie, der sich, als alles längst in Bewegung ist, zwei Minuten in den Gang stellt, seine Sachen anzieht und sein Handgepäck zusammensucht.
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London
Morgen geht es für zwei Tage und zwei Nächte nach London. Bei Alpha International kommen Leute aus Europa, Afrika und dem Nahen Osten zusammen. Immer eine sehr interessante Zeit, aber auch stressig wegen des vollen Programms und der vielen Leute.
Wenn ich mich mal nach nebenan ins naturgeschichtliche Museum (mit gutem Capuccino und WiFi) abseilen kann, gibt es das eine oder andere Schlaglicht auf diesem Blog. Jetzt muss ich erst mal die Fläschchen und Tuben für die Reise richtig packen…

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Superzynisch
Gestern war überall davon zu lesen, dass Israels Luftwaffe einen Angriff auf ein Versteck mutmaßlicher Terroristen abgeblasen hat, weil hunderte Zivilisten als lebende Schutzschilde um das Haus standen. Punkt für Israel – und, ja, mit Gewalt ist dieser Konflikt nicht zu lösen.
Trotzdem ist das hier nicht der mutige noble David gegen den groben bösen Goliath. Hier wird Gewaltlosigkeit perfide instrumentalisiert von Leuten, denen ein Menschenleben, zumal das eines Zivilisten, nichts bedeutet – sofern dieser ein Israeli ist. Das Erschreckende ist: Für Selbstmordbomber in Israels Bussen und Einkaufszentren gibt es Beifall von denselben Leuten, die die Drahtzieher hier schützen. Je mehr Tote und Verstümmelte, desto besser. Aber sie wissen, dass bei den Israelis in der Regel nicht genauso mit zweierlei Maß gemessen wird.
Und wer jetzt wieder nur den Israelis die Schuld für die Radikalisierung der Palästinenser gibt, muss sich fragen, für wie mündig und verantwortungsfähig er letztere eigentlich hält. Und ob er den Extremisten damit womöglich in die Hände spielt.
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Dressiert
Ich glaube, unser Meerschwein hat es geschafft, meinen Sohn zu dressieren. Seit einer Weile fiept es mehrmals täglich so dramatisch, als wäre es kurz vor dem Hungertod. Wenn sein zart besaiteter Versorger in Hörweite ist, flitzt er sofort los und bringt dem Tierchen etwas zu fressen und/oder zu trinken. Wenn er nichts findet, bekommt er die Krise.
So langsam habe ich das Gefühl, das funktioniert nun so gut, dass der verfressene kleine Nager seinen Spaß dran findet. Ok, Spaß ist vielleicht etwas sehr menschlich geredet. Sagen wir, die beiden sind ein eingespieltes Team. Und es ist nicht immer klar, wer den Ton angibt. Obwohl, wenn wir von Ton reden, dann ist es doch eindeutig 🙂

exodus
ein tanz
kein marsch
keine prozession
keine parade
ein tanz
der wehrlosen
nicht der starken
nicht der gepanzerten
nicht der neutralen
ein tanz
der wehrlosen
in die freiheit
nicht die sicherheit
nicht die sattheit
nicht den stillstand
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Voraussetzungslos
Jesus kam, um die Toten aufzuwecken. Er kam nicht, um die Belehrbaren zu belehren; er kam nicht, um die Verbesserungsfähigen zu verbessern; er kam nicht, um die Reformierbaren zu reformieren. Nichts von all dem funktioniert.
Robert Farrar Capon in: The Pharisee and the Tax Collector
Ideenimport mit kirchlichem Segen
Ich hatte schon daraus zitiert: Prof. Michael Herbst und seine Mannschaft vom IEEG in Greifswald haben unter dem Titel “Mission bringt Gemeinde in Form” das Standardwerk zum Thema neue Gemeindeformen und Gemeindpflanzung in der anglikanischen Kirche auf Deutsch herausgebracht.
Das Buch ist gut übersetzt, leider hinkt für meinen Geschmack das Layout in der Übersichtlichkeit etwas hinterher. Man braucht auch etwas Geduld um durch die vielen fremden Namen und Beispiele zu navigieren, aber es ist die Mühe dann doch wert. Immer wieder sind Erklärungen für den deutschen Leser eingeflochten, in Vor- und Nachspann werden auch immer wieder Bezüge hergestellt.
Auf den theologischen Schultern von Lesslie Newbigin und David Bosch werden die bunten und vielfältigen Ansätze neuer Gemeinden in der Church of England dargestellt und mit deren Anspruch, Kirche für das ganze Volk zu sein, immer wieder gut verknüpft. Die Stärke des Buches ist schließlich auch die, dass hier Praxis beschrieben statt nur Theorie gepredigt wird. Ich glaube, dass dieses Buch vor allem, aber längst nicht nur Landeskirchler mit Gewinn lesen werden. Und wenn sie es dann auch noch umsetzen…
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Männer und Frauen
Nächste Woche findet in unserer Gemeinde ein Frauenwochenende statt. Ich darf nicht hin, aber in letzter Zeit habe ich das Thema bei Scot (ein “t”!) McKnight verfolgt. Heute geht es darum, dass Gott “Vater” ist, aber nicht maskulin im menschlichen Sinne. Ein theologischer Dauerbrenner.
Das Kontrastprogramm dazu bietet (wie könnte es anders sein?) Mark Driscoll aus Seattle, der über episkopale Bischöfinnen und allmählich sinkende Testosteronspiegel bei Männern im Allgemeinen schreibt. Dass und wie er die beiden Themen in Beziehung setzt, spricht Bände. Schürt er nur die Ängste anderer oder sind es die eigenen?
Rose Swetman hat Driscoll couragiert geantwortet und abgesehen davon bei Mars Hill in Michigan (bekannt durch Rob Bell) angefragt und die folgende Antwort bekommen. Ich denke, die meisten von uns würden (nachdem wir auch keine Sklaverei mehr verteidigen) hier zustimmen:
We believe that scripture is to be interpreted in light of a redemptive arc. This means that things that once were may no longer be. Therefore, our task becomes to apply the ancient text in light of our current context. Throughout scripture there are texts that speak to a specific group of people at a specific point in time.Scripture is not seen as static truths for all times; its context and ours must be taken into account. For example we cite I Timothy 2.11-12 where Paul says that women are not to assume authority over men. In light of a redemptive arc this is not considered a static timeless truth. It is to be applied to that group of people, at that point in history, in that specific setting. We have come to the conclusion that women in our context must have the freedom to serve in all capacities within the local church. For us, this includes the role of pastor and elder. We believe the church is to be a community of free and equal people.
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Das Wahre ist immer das Persönliche (?!?!)
Richard Sennetts Kritik an der allgegenwärtigen Forderung nach Authentizität (siehe Tobias‘ feine Posts auf pickaboo) und sein Verweis auf die Folgen dieser Mentalität hat mich ans Predigen erinnert. Da ist ja auch – je nach Gemeindekultur, und alles was jetzt kommt ist überspitzt formuliert! – die Erwartung gestiegen, dass ein Prediger sich, wenn schon nicht zum Thema, dann wenigstens zum Dauerexempel seiner Botschaft macht. Wenn es gut läuft, dann zum Erzheiligen, alternativ auch gern zum Erzsünder:
„Das übermäßige Interesse an Personen auf Kosten der gesellschaftlichen Beziehungen wirkt wie ein Filter, der unser rationales Gesellschaftsverständnis verfärbt.“ So entsteht der Glaube, Gemeinschaft sei das Produkt gegenseitiger Selbstentblößung.
Ich mag persönliche Beispiele, aber man kann es auch übertreiben. Und manchmal beunruhigt mich das Missverhältnis zwischen der Resonanz auf persönliche Anekdoten und der auf inhaltliche Aussagen. Fast so, als ob nur das erste hängen bleibt. Die Folgen könnten nämlich in doppelter Hinsicht zum Problem werden:
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