Vergesst den Planeten – rettet das Geld

Geld regiert die Welt, das haben aus der Sicht von Slavoj Žižek die jüngsten Ereignisse unmissverständlich bewiesen. Denn die schnellen Hilfen für die Finanzwirtschaft haben vor allem Glaubensgründe. Dieser Glaube eint auch die größten Gegner der Weltpolitik. Der erklärte Kritiker der TINA-Logik („There is no alternative“ – „es geht nicht anders“) schreibt in der Zeit :

Der Zusammenbruch des Finanzsystems macht es uns unmöglich, die himmelschreiende Unvernünftigkeit des weltweiten Kapitalismus zu ignorieren. Obwohl wir um die Dringlichkeit von Problemen wie AIDS, Hunger, Wassermangel oder Erderwärmung wissen, gibt es immer Zeit, darüber nachzudenken, Entscheidungen aufzuschieben – man erinnere sich nur an die Abschlusserklärung der Regierungschefs der Großmächte in Bali, die als Erfolg gefeiert wurde und in der nichts weiter stand, als dass man sich in zwei Jahren wieder zu Gesprächen treffen werde. Aber beim Dahinschmelzen des Finanzsystems gab es plötzlich einen Handlungsbedarf, der außer Diskussion stand, plötzlich wurde eine unvorstellbare Rettungssumme aufgetrieben.

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Sozial, transkulturell und herrschaftsfrei – Leonardo Boff über die Zukunft des charismatischen Christentums

Ich sitze an meiner Predigt für den dritten Advent und lese dazu Leonardo Boffs (morgen wird er 70!) Gedanken zur Zukunft des Christentums in einer globalen Kultur. Er hat ein sehr schönes Stück zur Bedeutung des charismatischen Christentums darin, und als ich das las, spürte ich eine wachsende Begeisterung für meine charismatischen Wurzeln:

Seit den siebziger Jahren ist überall auf der Welt ein beeindruckendes Anschwellen der charismatischen Bewegung zu beobachten, zunächst auf ökumenischer und dann auch auf katholischer Ebene. Das Phänomen ist Teil jener aufbrechenden Kultur, dass die Menschen Durst und Hunger nach Spiritualität, nach lebendiger Gotteserfahrung und nach flexiblem Umgang mit Traditionen haben. Millionen und Abermillionen von Charismatikern zeigen, dass es möglich ist, ein anderes Modell von Kirche zu haben, ohne dass dabei die Werte der großen Überlieferung zu Bruch gehen. Natürlich stimmt es, dass diese Bewegung noch kein definitives Profil zu erkennen gibt. Aber es stimmt auch, dass sie eine mächtige Leidenschaft für Gott und für den Geist an den Tag legt, ohne dass es ihr bisher allerdings gelungen wäre, diese mit der Leidenschaft für die Armen und dem Geist als dem pater pauperum, als Vater der Armen in ein rechtes Verhältnis zu bringen. Sobald der charismatischen Bewegung dieses neue Zu- und Miteinander gelungen sein wird, wird sie auch ihre volle evangeliumsgemäße Reife erreicht haben.

Die charismatische Bewegung lebt aus der Erfahrung des Geistes. Deshalb mangelt es ihr auch nicht an einer ausgearbeiteten Theologie. Diese gibt es also, wenn auch in der Form reflektierter Spiritualität, und der liegt freilich nicht sonderlich an Deckungsgleichheit mit der Gesamtarchitektur des religiösen Wissens.

Was für eine Zukunft hat das charismatische Christentum? Die charismatische Dimension am Christentum ist unvergänglich, weil sie zur Struktur des Ganzen gehört, welches per se in Bewegung ist. Aus diesem Grund hatte sie stets Vergangenheit, und aus diesem Grund wird sie auch stets Zukunft haben. In Begegnung mit den vielen spirituellen Wegen, die sich auf dem religiösen Weltmarkt tummeln, ist diese Spielart von Christentum womöglich eines der Modelle, die sich am besten dafür eignen, den inneren Wert der verschiedenen Ausdrucksformen des Geistes in den Kulturen der Völker zu erfassen. Es macht einen freimütigen Dialog zwischen allen möglich, und die Welt kann es akzeptieren, insofern es ein nichtimperialistisches, herrschaftsfreies Christentum darstellt, zugleich aber voller Spiritualität und Treue zum transkulturellen Charakter der Erfahrung Gottes.

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Das Vorbild-Problem

Tim Keel macht sich in Intuitive Leadership Gedanken zu idealisierten Vorstellungen von Kirche und Gemeinde und den problematischen Folgen:

Unzählige Male habe ich Leiter und Gemeindeglieder (oder desillusionierte Ex-Kirchgänger) sagen hören: „Hätten wir doch nur so eine Gemeinde wie in Apostelgeschichte 2,“ oder „wir müssen eine neutestamentliche Gemeinde sein“ oder „Gott möchte, dass Gemeinden Gemeinschaften sind, die nach Apostelgeschichte 2 leben“. Wenn aber solche Erklärungen Gottes dauerhafte Absicht für die Kirche wiedergeben, hat er in der Umsetzung lausige Arbeit geleistet. So weit ich sagen kann, hielt die Gemeinde von Apostelgeschichte 2 nur zwei bis drei Kapitel, und von da ab beobachten wir ein gerade eben noch beherrschtes Chaos, während die Gemeinden treu versuchen, mit dem Leben Schritt zu halten, das unter ihnen und um sie her explodierte.

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Wahrheitsfindung im Internet-Zeitalter

Kürzlich erfuhr ich zum ersten Mal, dass die Existenz des HIV-Virus umstritten sei. Alles nur eine Lüge der Pharmakonzerne, um ihre teuren und schädlichen Produkte unters ahnungslose Volk zu bringen? Als medizinischer bzw. molekularbiologischer Laie habe ich nur die Wahl, wem ich glauben will, nicht ob ich etwas davon glaube.

Das wiederum ist nichts Besonderes: Die Erderwärmung wird – ebenfalls von einer Minderheit – bestritten, die jedoch behauptet, von der Medienmacht der Mehrheit (zumindest außerhalb des Einflussbereichs von George W. Bush) mundtot gemacht zu werden, ebenso wie die AIDS-Dissidenten oder die Holocaust-Leugner. Die Auflistung allein zeigt schon, dass ich dazu neige, diese Position als eine weitere absurde Verschwörungstheorie einzustufen. Während ich mir beim Holocaust relativ sicher bin (und der Mondlandung, denn die habe ich ja selbst im Fernsehen gesehen als kleiner Junge…), kann ich mich bei AIDS irren. Oder beim Klima. Derzeit halte ich es für unwahrscheinlich, weil ich nicht so ganz sehen kann, wie eine solche umfassende Manipulation hätte geschehen können.

Zu Weihnachten wird wieder eine Illustrierte mit einem Jesus-Artikel aufwarten, der unter Berufung auf eine seit 50 Jahren überholte Theorie behauptet, nun sei der Beweis erbracht, dass damals alles ganz anders war, als wir immer glaubten. Das Ganze beleuchtet die Schwierigkeit der Wahrheitsfindung im pluralistischen Internet-Zeitalter: In jeder wissenschaftlichen Disziplin gibt es zu jedem beliebigen Thema mehr als eine Meinung. Das ist erst einmal eine gute Sache, denn die Alternative wäre totalitärer Meinungsterror. Aber es stellt mich vor die Frage, an welchen Kriterien ich „Wahrheit“ nun erkenne, wenn ich die jeweils behaupteten „Fakten“ nicht kenne (bzw. es gar keine reinen, objektiven, absoluten und eindeutigen Fakten gibt). Es gibt schlicht keine Autorität, die in diesem Meinungsstreit entscheidet.

Oder vielleicht doch? Wird die Meinungsbörse Internet heimlich von Google und seinen Konkurrenten (aber wer sagt, dass es nicht Komplizen sind?) so manipuliert, dass in der vermeintlichen Vielfalt die tatsächliche Wahrheit als einzige doch unterschlagen wurde? Dann wäre die Suche reine Zeitverschwendung. Umgekehrt kann man sich auf den Standpunkt stellen, dass im Zweifel die Mehrheit Recht hat. Man darf nur nicht daran zweifeln, dass die Meinung der Mehrheit irgendwo tatsächlich erkennbar abgebildet ist. Wer glaubt schließlich noch Statistiken, die er nicht selber gefälscht hat?

Trotzdem: Jeder glaubt irgendwas – auch der, der meint, niemandem glauben zu können. AIDS und der Holocaust sind ja kein rein logisches Problem. Ich muss mir also neben den Argumenten auch die Vertreter der jeweiligen Positionen ansehen und mich fragen, wen ich warum für glaubwürdig halte. Da spielt dann neben der Ratio auch die Intuition eine Rolle, ebenso wie der Austausch mit anderen Menschen. Trotzdem – kein Wunder, dass viele Menschen resignieren und nur noch die subjektive Wahrheit des eigenen Erlebens für wichtig halten. Verheerend dagegen, wenn die Skepsis dazu führt, dass wir nicht entschlossen auf die tatsächlich vorhandenen Probleme reagieren.

Zu allem Unglück gibt es christliche Subkulturen, die eine gewisse Außenseiter- und Verfolgungsmentalität pflegen und daher eine psychologische Affinität zu Dissidenten aller Art entwickelt haben. Früher war es der Solidarisierungsreflex mit Antikommunisten aller Art, der sie in die Arme der rechten Diktatoren von Hitler bis Pinochet trieb. Aber die Protagonisten der Weltverschwörung sind austauschbar. Von Al Gore über den Ökumenischen Rat bis zur Europäischen Kommission (z.B. beim Thema Gender Mainstream) ist alles möglich.

Radikale Skepsis und Leichtgläubigkeit sind dabei keine Gegensätze mehr, sondern zwei Seiten derselben Medaille. Denn um so skeptisch sein zu können, muss man ja der felsenfesten Überzeugung sein, dass man getäuscht oder belogen wird. Dazwischen liegt ein vorsichtiges Tasten und Abwägen und die anstrengende Bereitschaft, den eigenen Standpunkt immer wieder einmal auf die unvermeidlichen Fehler zu überprüfen. Anders geht es wohl nicht…

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Sinn-Fragen

Terry Eagletons The Meaning of Life: A Very Short Introduction liegt vor mir (das Original war mir lieber, aber es gibt auch eine deutsche Übersetzung. Gleich zu Anfang greift er die Frage auf, warum überhaupt etwas existiert. Interessant, wie er dabei die Antwort der Theologie darstellt (meine Übersetzung):

Gott ist kein himmlischer Konstrukteur, der ein strategisch kalkuliertes Ziel im Kopf hatte, als er die Welt schuf. Er ist ein Künstler, der sie nur dazu schuf, um sich daran zu freuen, und damit sich die Schöpfung selbst auch freut.

Eagleton beleuchtet die unterschiedlichen Aspekte der Sinnfrage und auch, wozu sie sich nicht eignet. Zum Beispiel eignet sie sich nicht dazu, Atheisten zu unterstellen, dass sie aufgrund ihres Glaubens, es gebe keinen Gott, zwangsläufig Nihilisten werden müssten, so wie das etwa Manfred Lütz in „Gott“ ansatzweise versucht. Eagleton schreibt:

Religiöser Fundamentalismus ist die neurotische Angst, dass es ohne einen Sinn der Sinne gar keinen Sinn gibt. Es ist lediglich die Kehrseite des Nihilismus. Dieser Anschauung liegt der Gedanke vom Leben als Kartenhaus zugrunde: schnalzt man unterste Karte weg, dann klappt die ganze wacklige Struktur zusammen. Jemand, der so denkt, ist ein Gefangener seiner Metapher. Tatsächlich lehnen auch viele Gläubige diese Ansicht ab. Kein religiöser Mensch mit Gespür und Verstand stellt sich vor, dass Nichtglaubende sich zwangsläufig in völliger Absurdität festfahren. Ebenso wenig glauben sie zwangsläufig, dass der Sinn des Lebens sich schlagartig erhellt, weil es einen Gott gibt. Im Gegenteil, manche Glaubenden finden, dass Gottes Gegenwart die Welt auf geheimnisvolle Weise noch unergründlicher macht. Wenn er ein Ziel hat, ist das beachtlich schwer zu durchschauen.

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Das menschliche Element

Spannend: Die New York Times berichtet von einem Gelehrtenstreit unter Muslimen über den göttlichen Ursprung des Korans: Der Korankenner und iranische Dissident Abdulkarim Soroush stellt die im Islam gängige These einer ganz strikten Verbalinspiration in Frage. Mohammed ist für ihn nicht nur passiver Empfänger („kein Papagei“), sondern aktiver Mitgestalter des Textes. Diese menschliche Dimension sei beim Lesen spürbar. Das bedeutet für Soroush auch, dass manche Vorstellungen und Vorschriften zeitgebunden sind und man heute einem Dieb nicht mehr die Hand abhacken muss.

Interessant ist auch die Reaktion der Ayatollahs im Iran: Die Auseinandersetzung mit „Philosophie und Pseudophilosophie“, die „das Denken des Volkes verderben“, sollte nicht mit Todesdrohungen geschehen, sondern Soroush solle durch die „religiösen Wahrheiten“ widerlegt werden. Irgendwie kommt mir diese Begrifflichkeit bekannt vor…

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Christen, die der Welt gut tun

Andrea Riccardi von der katholischen Gemeinschaft Sant’Egidio bekommt den renommierten Karlspreis. Das wird die Initiative Miteinander für Europa freuen, die gerade in Stuttgart den Ökumenepreis 2008 verliehen bekommen hat. Neben Sant’Egidio gehören da auch der CVJM, die Fokolarbewegung und gut 200 andere Bewegungen dazu – Alpha International ist auch dabei. Vorbildlich ist das soziale Engagement von Riccardis Gemeinschaft, die 50.000 Mitglieder in 70 Ländern zählt:

Weltweite Aufmerksamkeit erregten Riccardi und seine Mitstreiter spätestens zu Beginn der 90er Jahre. Über die Lieferung von Hilfsgütern und einfache Aufbauprojekte mit den Kriegswirren in Mosambik in Berührung gekommen, wurden sie zu Vermittlern bei den Verhandlungen, die nach mehr als anderthalb Jahrzehnten Bürgerkrieg zum Friedensschluss führten. (SZ vom 6.12.08)

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Vom Post- zum Postpost-?

In so ziemlich jeder Gruppe, die sich neu mit dem Stichwort “Postmoderne” befasst, fällt irgendwann mal der Satz: “Die Postmoderne ist ja schon vorbei, wir haben längst die Post-Postmoderne”.

Hin und wieder, befürchte ich, ist das der Versuch, eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen Postmoderne zu umgehen, indem man es zur Eintagsfliege erklärt und hofft, die Sache aussitzen zu können, um dann weiterzumachen wie bisher. Was aber, wenn zwei “post” einander nicht aufheben? Wird das Zähneknirschen in dem Moment, wo man den Kopf aus dem Sand zieht, dann nicht um so größer?

Logisch ist das Problem ja dieses: Postmoderne sagt nur aus, was nicht mehr ist. Der Mythos der Moderne wurde gerade nicht durch ein neues System ersetzt. Insofern wäre auch “postpost” nur “post”. Und wo es das nicht ist, wäre es einfach nur die bruchlose Fortführung der Moderne. Die gibt es natürlich in vielen Bereichen unserer Gesellschaft, und das wird auf absehbare Zeit auch noch so bleiben. Die Frage ist nur, ob von da noch Antworten zu erwarten sind auf die globalen wie auch die spirituellen und kirchlichen Krisen unserer Zeit.

Tatsächlich gibt es unterschiedliche Postmodernismen, die durchaus miteinander konkurrieren können. Die erste Welle, Dekonstruktion etwa, ist vielleicht schon am Auslaufen. Bei Tim Keel Intuitive Leadership: Embracing a Paradigm of Narrative, Metaphor, and Chaos habe ich heute ein Zitat gelesen von Walter Truett Anderson, Präsident der US-Zweigs der World Academy of Art an Science, der in The Truth about the Truth: De-confusing and Re-constructing the Postmodern World darauf anspielt:

Viele Menschen hoffen inbrünstig, dass der Postmodernismus – was immer sie darunter verstehen – vorbei geht. Und viele werden diesen Wunsch erfüllt bekommen: Stilformen ändern sich natürlich. (…) Postmodernismen werden kommen und gehen, aber die Postmoderne – der postmoderne Zustand – wird immer noch da sein. (…) Und obwohl er verschiedene Leute völlig unterschiedlich berührt, betrifft er doch uns alle. Wir alle entwickeln uns weg von der Sicherheit unserer Stämme, Traditionen, Religionen und Weltbildern hin zu einer globalen Zivilisation, deren Pluralismus uns blendet und überwältigt.

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(Post-)Charismatische Woche

Hasos Workshop „Postcharismatik“ auf dem Emergent Forum war (obwohl ich den letzten Teil verpasst habe) eine sehr anregende Sache. Die meisten Gesprächsteilnehmer hatten in der Vergangenheit überwiegend positive Erfahrungen mit der charismatischen Bewegung gemacht. Und doch war im Laufe der Zeit immer deutlicher geworden, dass an manchen Stellen eine gewisse Ernüchterung eingetreten war: Einiges „funktionierte“ nicht mehr wie früher, anderes schien zu fehlen – besonders im Hinblick auf eine ganzheitliche und erfüllte Spiritualität, die uns dauerhaft weiterbringt, und auf gesellschaftliche Relevanz der Sprache und Gottesdienstformen. Viele waren der ständig neuen Wellen und der chronisch vollmundigen Verheißungen überdrüssig geworden. Fast alle hatten Freunde und Bekannte, die an den Parolen und Vorbildern verzweifelt waren. Den Hunger nach Gott und die Sehnsucht nach einem Leben mit mehr Kraft und Tiefgang dagegen hatten die wenigsten aufgegeben.

Wie bewahrt man nun auf dem weiteren Weg in der Nachfolge Christi das Gute der charismatisch-pfingstlichen Bewegung, die ja immerhin der wohl dynamischste Teil der Weltchristenheit ist? Natürlich ist sie nicht frei von Fehlern und problematischen Seiten – aber das kann man von den anderen Flügeln der Weltkirche auch nicht behaupten. Im Unterschied zu den verbürgerlichten reformatorischen Kirchen erreichen Pfingstler gerade die armen und einfachen Leute. Johannes Reimer erzählte in einem persönlichen Gespräch am Rande vom explosiven Wachstum der Pentecostales in Lateinamerika. Und Haso wies auf die Mitwirkung großer Pfingstgemeinden bei der Überwindung der Rassentrennung in Südafrika hin. Und in der Ursprungszeit der Pfingstbewegung waren Frauen und Männer, Arme und Reiche, Schwarze und Weiße tatsächlich eins. Für mich das deutlichste Zeichen, dass hier der Geist Gottes am Werk gewesen sein muss und es noch ist.

Die charismatische Bewegung in den westlichen Ländern hat diese Radikalität nicht so oft erreicht. Und während es durchaus in Ordnung ist, einem Armen irgendwo auf der Welt zu sagen, dass Armut nicht der Wille Gottes ist, so hat das umstrittene Wohlstandsevangelium im Kontext mancher (aber bei Weitem nicht aller!) charismatischen Vorstadtgemeinden das Evangelium problematische Züge angenommen. Mit der (hin und wieder auch kommerzialisierten) Betonung auf Heilung und Wohlbefinden wurden manche Richtungen fast zum christlichen Pendant der Esoterik und Wellness-Bewegung. Aber vielleicht lässt sich das ja ergänzen durch einen ebenso intensiven Einsatz für Diakonie und soziale Gerechtigkeit.

Die letzten Tage habe ich dann mit einigen Leitern aus dem bunten charismatischen Spektrum zugebracht und mich an der Vielfalt, Lebendigkeit und Offenheit gefreut, die mir dort entgegen kam. Natürlich gibt es auch mehr oder weniger große theologische und kulturelle Differenzen, aber überall war der Wille erkennbar, unterschiedliche Positionen nicht als Trennungsgrund zu betrachten, sondern die Unterschiede stehen zu lassen und einander so gut es geht zuzuhören. Viele machen an ihrem Ort und auf ihre Weise Schritte in ihr gesellschaftliches Umfeld hinein und erleben dabei gute und ermutigende Dinge.

Für mich waren die Gespräche sehr wertvoll, weil ich dort ein aufrichtiges und leidenschaftliches Suchen nach Gott und seinen Wegen gefunden habe und die Bereitschaft, sich dafür ganz einzusetzen. Und es gibt viele Parallelen zur Emerging Church, vielleicht weniger in den Formen als vielmehr in den Haltungen: Viele sind anfangs auch als Bilderstürmer und lästige Rebellen behandelt worden, jede(r) kann von Fehlern und Irrwegen berichten, die sie oder er im Lauf der Jahre gemacht und – oft mit Hilfe von Mentoren oder treuen Betern – auch wieder hinter sich gelassen hat. Und wir sprachen auch von Erfolgen und Rückschlägen und der immer noch vorhandenen Sehnsucht nach einem erfüllten geistlichen Leben, wachsenden Gemeinden und einer echten Transformation der Gesellschaft, die sich nicht allein auf guten Willen und menschliche Anstrengung, sondern auf den Geist Gottes gründet.

Jetzt im ICE nach Erlangen bereite ich den vorletzten Abend des Alpha-Kurses vor: Heilt Gott heute noch? Ich lese in Nicky Gumbels Skript eine ganze Reihe kleiner und größerer Heilungsgeschichten und bin neu motiviert, für Kranke zu beten, auch wenn meine eigenen Erfahrungen noch deutlich bescheidener ausfallen. Andererseits fragen immer mal wieder Leute, ob es Alpha auch „weniger charismatisch“ gibt. Ich würde sagen: In der Form vielleicht schon, in der Sache aber wäre das ein schwerer Verlust.

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Spruch der Woche

Aber im Allgemeinen könne man sagen, dass die Schönheit der Welt in der christlichen Tradition fast keinen Platz habe. Das ist befremdend. Die Ursache schwer verständlich Es ist eine furchtbare Lücke.

Simone Weil (Danke an Reiner für den Tipp)

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Minze und Dill

Nicht unbedingt meine Lieblingszutaten im Essen, aber es geht auch nicht um Kochrezepte, sondern um einen Ausspruch Jesu, mit dem er gegen eine Art Glauben protestiert, der bei Kleinigkeiten im Nahbereich pingelig ist und dabei fundamentale Schieflagen und Absurditäten im weiteren Zusammenhang unseres Lebens toleriert. Alibi-Aktionen, mittels derer wir uns um das Eigentliche drücken:

Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr gebt den Zehnten von Minze, Dill und Kümmel und lasst das Wichtigste im Gesetz außer Acht: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue. Man muss das eine tun, ohne das andere zu lassen. (Matthäus 23,23)

Ich habe mich gefragt, wie das heute klingen würde. Ein paar Dinge sind mir dazu eingefallen:

  • Ihr spendet an eure christlichen Einrichtungen – und wählt Politiker, die armen Ländern die Entwicklungshilfe kürzen
  • Ihr protestiert gegen Abtreibungskliniken – und feiert Soldaten als „Helden“, die den Ölnachschub gewaltsam sichern und massive „Kollateralschäden“ in Kauf nehmen
  • Ihr werft kein Stück altes Brot weg – und fahrt jeden noch so kurzen Weg mit eurem spritfressenden Autos, die nicht nur die Atmosphäre aufheizen, sondern auch die Nachfrage nach Biosprit steigern und riesige Flächen von Regenwald vernichten

Die Reihe lässt sich in den Kommentaren fortsetzen, hoffentlich ohne dabei aus „Minze und Dill“ plötzlich das Spiel „Splitter und Balken“ werden zu lassen. Es geht ja nicht darum, selbstgerecht eine gute Sache gegen eine andere auszuspielen – das eine tun, ohne das andere zu lassen, sagt Jesus. Wie wäre zum Beispiel dieser Satzanfang: Ihr trinkt fair gehandelten Kaffee – und …

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