Leitung einer missionalen Gemeinde (1)

In den nächsten Tagen werde ich hier einige Punkte aus Alan Roxburghs The Missional Leader: Equipping Your Church to Reach a Changing World zusammenfassen und wenn möglich auch kurz kommentieren. Roxburgh und Co-Autor Fred Romanuk gehen der Frage nach, wie sich bestehende Gemeinden verändern können oder auch müssen, um den Anforderungen einer neuen Zeit gerecht zu werden, und kommen im ersten Kapitel auf in sechs Hauptpunkte:

  1. Dass sich die Gesellschaft grundlegend gewandelt hat, ist vielen bewusst. Aber die Frage, was für konkrete Folgerungen daraus für das Gemeindeleben erwachsen und welche Rolle LeiterInnen dabei spielen können, ist damit noch längst nicht beantwortet.
  2. Die meisten Führungskonzepte antworten darauf, indem sie herkömmliche Modelle neu verpacken: Der Leiter als Therapeut, als Lehrer oder als Manager und Stratege, das sind nur die häufigsten. Aber eine Gemeinde ist eben keine Tagesklinik, keine Schule und keine Firma.
  3. Übersehen wird dabei, dass der Wandel in der Regel nicht kontinuierlich, sondern in vielfältigen Brüchen verläuft. Es reicht also nicht aus, die bisher vorhandenen Fertigkeiten zu optimieren, sondern es sind plötzlich ganz andere Dinge notwendig geworden, die in den konventionellen Ausbildungskonzepten in der Regel nicht vermittelt wurden.
  4. Trotz aller offensichtlicher Auflösungserscheinungen kommt es nach wie vor auf die Gemeinden an. Und nach wie vor wirkt Gottes Geist unter seinem Volk, also in den real existierenden Gemeinden.
  5. Leiter kommen sich dabei so vor, als hätten sie sich auf ein Baseballspiel vorbereitet und müssen nun Basketball spielen. Die Paradigmen und Vorstellungen davon, wie Leitung in einer Gemeinde auszusehen hat, gehen auseinander.
  6. Eine Gemeinde ist eine einzigartige Organisation, und anstatt sich die Führungskonzepte anderer Organisationen zu borgen, müssen wir unsere Vorstellungskraft mobilisieren und wie die Urchristen eigene Ansätze finden, wie Gemeinde heute „funktioniert“.

So weit für heute. Das Kapitel enthält auch eine mögliche (nicht aber die einzig mögliche) Gegenüberstellung des pastoralen und des missionalen Leitungsparadigma, die aber sehr von den amerikanischen Verhältnissen her gedacht ist. Bevor ich zum zweiten Kapitel gehe – hier ist sie.

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Zurück aus den Bergen

Die Wanderexerzitien liegen hinter mir und ich bin dabei, meine Eindrücke zu sortieren. Die knapp fünf Tage des Betens, Schweigens und Wanderns haben mir sehr gut getan. Zu Beginn lief das innere Schwungrad meiner Gedanken und Gefühle auf Hochtouren, was mir im normalen Rhythmus von Arbeit und Leben nicht so richtig bewusst war, nach einer Weile aber stellte sich auch innen nicht nur Ruhe, sondern allmählich auch ein Frieden ein.

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Das „Wandern“ in der Gruppe (aber eben still) war ein sportlich wenig anspruchsvoller, ausgedehnter Spaziergang. Dass ich dennoch Muskelkater in den Waden bekam, lag daran, dass ich das Tempo bergab mächtig drosseln musste. Das Wetter war ideal: die 34 Grad Hitze im Tal konnte man 1.000 m höher ganz gut ertragen. Aus der Distanz konnten wir Unwetter über der Steiermark als phänomenales Wetterleuchten sehen, im Lavanttal dagegen blieb es trocken, bis zur Abreise am Samstag früh.

Als einziger Evangelischer (knapp die Hälfte der TeilnehmerInnen waren Priester und Ordensleute) durfte ich jeden Abend die Messe mitfeiern und habe mich wieder an die katholische Liturgie gewöhnt – auch wenn ich gelegentlich ganz froh war, ein paar Passagen nicht auswendig mitsprechen zu können. Aber ich hatte noch die Woche zuvor von George Lindbeck gelernt, dass man Unterschiede in Lehre und Bekenntnis nicht zwingend als Widersprüche verstehen muss, sondern dass hier eine andere „Grammatik des Glaubens“ gilt und ich auch deswegen nicht immer ganz mitkomme.

Zudem sprach Pater Josef Kazda, der Exerzitienleiter, in seinen abendlichen, stets völlig frei gehaltenen Predigten und den Anleitungen zur Meditation am Morgen und Nachmittag durchaus „meine“ Sprache. Und ich kann mir kaum vorstellen, dass jemand die Aufforderung, seine eigenen inneren Monologe und Zustände gütig zu betrachten und dann auch gleich wieder loszulassen, besser verkörpern könnte als dieser freundliche, weise und sanfte Jesuit. Es durfte wirklich jeder sein, wie er eben war.

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Hätte kein Schweigegebot gegolten, wären in der 16-köpfigen Gruppe sicher auch viele spannende Gespräche entstanden. Beim ersten Teil der Rückfahrt habe ich mich wenigstens zum Teil noch mit zwei anderen sehr angeregt unterhalten können. Aber man lernt Leute auch kennen, wenn sie still sind: wie sie sich bewegen, wie (und ob) sie einander ansehen und andere Signale der Körpersprache. Und es gibt eine andere, interessante Dynamik in der Gruppe, denn im Schweigen bilden sich keine Untergrüppchen, aus denen sich einzelne womöglich ausgeschlossen fühlen.

Die Übungen selbst empfand ich zu Beginn fast wie eine Art spirituelles Stretching lange vernachlässigter Partien der Seele und Erproben ungewohnter Bewegungsabläufe, aber mit der Zeit wurde der Kraftaufwand geringer und die positiven Wirkungen spürbarer. Ich habe mir fest vorgenommen, diese Schätze in der Form zu hüten, dass ich sie fest in meinen geistlichen Tages- und Wochenrhythmus integriere. Dass man das Jesusgebet auch in Bewegung beten kann, hilft mir dabei ungemein.

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Das wandernde Herz

Hier ein täglich wiederholter Rat aus der zurückliegenden Exerzitienwoche, vielleicht etwas überspitzt formuliert, aber in dieser Einseitigkeit als Ermutigung gedacht:

Wenn dein Herz wandert oder leidet,

bring es behutsam an seinen Platz zurück

und versetze es sanft in die Gegenwart deines Herrn.

Und selbst, wenn du in deinem Leben nichts getan hast

außer dein Herz zurückzubringen und wieder

in die Gegenwart unseres Gottes zu versetzen,

obwohl es jedesmal wieder fortlief,

nachdem du es zurückgeholt hattest,

dann hast du dein Leben wohl erfüllt.

Franz von Sales – der Patron der Schriftsteller und Journalisten

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Zweirad-Lektionen

Keine Sorge, hier geht es nicht um die Tour der France, Doping oder Ähnliches: Neulich war ich mit meinem Sohn Radfahren. Wir flogen nur so dahin und ich war begeistert über das ansehnliche Tempo. Was mir gar nicht richtig auffiel, war der leichte Rückenwind, der uns auf dem ebenen Gelände anschob. Dann bogen wir ab und es ging erstens bergauf, zweitens bremste uns nun der Wind. Und schon war unser Tempo (und mit ihm unsere Selbsteinschätzung) ganz anders.

Ich habe den Verdacht, dass es im Leben manchmal ähnlich läuft: Die Strecke ist leicht abschüssig, der Wind kommt von hinten (soll heißen: die Umstände sind günstig und tragen einen großen Teil zu Erfolg bei) und ich erliege der Illusion, ich könne Bäume ausreißen oder ewig so weitermachen. Dann dreht sich der Wind, die äußeren Bedingungen werden härter. Und ich sehe plötzlich, wie es um meine Kondition tatsächlich bestellt ist.

Darin liegt der Sinn geistlicher Übungen – dass wir in den angenehmen Lebensphasen für die Zeiten trainieren, wo es plötzlich mal hart auf hart geht. So lange alles flutscht, scheine ich das gar nicht zu brauchen. Wenn es aber mal anders kommt (und das ist nur eine Frage der Zeit), dann zahlt sich das vielfach aus.

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Kleine Gemeinde – große Herausforderung

Stellen wir uns einen Moment lang Folgendes vor: In einer Stadt in einem zu 90% katholischen Gebiet soll eine Moschee entstehen. Deutlich sichtbar und an einer belebten Straße. Die Initiatoren sind den Stadtvätern bekannt, leben seit einem guten Jahrzehnt im Land und sind nie durch zwielichtige Umtriebe aufgefallen. Ein paar Einheimische sind zum Islam konvertiert und die Gruppe möchte einen repräsentativen Ort für ihr Gebet haben. Es ist die einzige Moschee um Umkreis von 50 km. Da ist für Diskussionsstoff gesorgt – manche wählen dafür wahrscheinlich die Leserbriefecke der Heimatzeitung, man muss aber auch damit rechnen, dass ein paar Unverbesserliche Hauswände  beschmieren oder gelegentlich ein Fenster einwerfen. Für alle – Kritiker wie Befürworter – ist das aber eine neue Situation, mit der umzugehen man lernen muss.

Etwas Vergleichbares, nur umgekehrt, geschieht gerade in der Türkei: Eine kleine christliche Gemeinde kauft ein Gemeindehaus der der Stadt Yalova, südlich von Istanbul. Ungewöhnlich für türkische Verhältnisse ist dabei die Tatsache, dass alles so öffentlich geschieht. Das Verhältnis zu den Stadtoberen ist gut, ab und zu aber versuchen Extremisten, sich auf Kosten der Christen zu profilieren und Stimmung zu machen. Aber bisher verläuft alles recht friedlich, die Gemeinde wächst kontinuierlich weiter und immer wieder kommen Besucher aus der Stadt, um am Gottesdienst teilzunehmen.

Natürlich fragen nun manche, ob so ein Schritt nicht unnötig Spannungen provoziert. Umgekehrt, denke ich, kann man darin aber auch eine Beitrag zu einem normalen Miteinander von Christen und Muslimen in der Türkei sehen – ein weiterer kleiner Schritt auf einem langen Weg. Vielleicht lernen aber auch wir daheim davon – zum Beispiel, dass auch wir die Situation hiesiger Minderheiten besser verstehen lernen und ihnen helfen.

Die Religionsgesetze der Türkei erlauben die Gründung christlicher Gemeinden (das wäre undenkbar in so manchem anderen mehrheitlich islamischen Land), aber sie fordern für Gottesdienste und Versammlungen eigens ausgewiesene Räume. Um legal existieren zu können, ist ein Kauf oder Neubau nötig. Und ein türkischer Freund riet den Verantwortlichen, unbedingt darauf zu achten, dass das Gebäude auch repräsentativ sei. Was bei uns als Bescheidenheit positiv bewertet wird, wird dort eher so verstanden, dass man nicht an die eigene Sache glaubt. Aber billig ist das Ganze auch für unsere Maßstäbe nicht…

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Mit den Kosten für das neue Haus (Bild oben) ist die Gemeinde mit rund 50 Gottesdienstbesuchern schwer herausgefordert. Einzelne Gemeindeglieder (alles keine Großverdiener) sind dabei an ihre persönlichen Grenzen gegangen. Wir als Gemeinde haben uns entschlossen, das Projekt zu unterstützen und waren überwältigt von der Spendenfreudigkeit „unserer“ Leute.

Die Zeit drängt, bis Ende Oktober fehlt immer noch ein sechsstelliger Betrag. Wer sich also noch beteiligen möchte, kann das tun mit einer Spende oder einem Darlehen – die Kontodaten stehen hier und natürlich gibt es auch eine Spendenquittung für die Steuer.

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Funkstille

Ich habe mich schon eine ganze Weile darauf gefreut, diese Woche auf Wanderexerzitien zu gehen – bei den Jesuiten in St. Andrä im Lavanttal. Das ist ein ganz schönes Stück mit der Bahn und ich hoffe, dass das Wetter dort unten auch so ist, dass Wandern ein Genuss wird. Mindestens ebenso freue ich mich auf die Stille und die geistliche Begleitung.

Wie es war, werde ich dann berichten, aber in den nächsten Tagen ist auch dieser Blog etwas stiller. Aber nicht völlig stumm, denn im Laufe der Woche gehen noch ein paar Beiträge „ans Netz“, die ich vor der Abreise geschrieben habe.

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„Werte wählen“ – nur wie?

Die evangelische Allianz hat unter „werte-waehlen.de“ eine Internetseite erstellt mit Fragen, die Christen den Kandidaten für die Bundestagswahl stellen können. Das ist vom Ansatz her schon mal gut gedacht und wird hoffentlich auch geschehen. Und trotzdem hätte ich mir gewünscht, dass der Wertekatalog dort weniger penetranten Stallgeruch und Binnenperspektive gehabt hätte. Denn genau dies verraten die fünf Felder:

Es beginnt mit „Staat-Bürger-Medien“ – was man getrost als Reflex darauf verstehen kann, dass Evangelikale in der Öffentlichkeit – nach eigenem Dafürhalten zu Unrecht – einiges einstecken mussten und in die Fundi-Ecke gestellt wurden. Oder umgekehrt als Frage an die Politiker nach dem gesellschaftlichen Status und Schutz der eigenen (!) Bewegung.

Dann geht es weiter mit den Themen Glaube-Politik-Menschenrechte, wobei darunter hauptsächlich (insofern eine Fortsetzung von Punkt 1) Religionsfreiheit verhandelt wird. Frauenrechte etwa werden gar nicht explizit thematisiert. Weiter geht es zu den konservativen Standardthemen (3) Ehe und Familie und (4) Lebensschutz und als Punkt 5 taucht dann schließlich doch noch (als ein Punkt!) Armut und Reichtum (bei uns! – wo bleibt der Rest der Welt?) und Bewahrung der Schöpfung.

Wie soll ich es sagen… mein Verdacht ist, dass wenn Evangelikale in der ganzen Breite nur mal den Punkt 5 (Ökologie und globale wie lokale Gerechtigkeit) in seinen vielen, vielen Aspekten angehen würden, sich Fragen zu Punkt 1 und zum Teil auch 2 binnen kurzer Zeit erübrigen würden.

Vielleicht sollte mal jemand eine Website aufmachen, in der Politiker Fragen und Wünsche an Evangelikale aussprechen könnten?

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… und er lebt doch ?!?

Die Süddeutsche kommentiert die – zu erwartenden – Gerüchte, dass Michael Jackson lebt. Als Beweis werden verpixelte Handyfotos angeführt und irgendwelche Leute wollen ihn hier oder da gesehen haben. An sich nichts Neues, Elvis lebt ja auch angeblich.

Was unterscheidet nun diese Behauptungen von der Auferstehung Jesu, kann man fragen. Oder eher anders herum: Was für Gründe gibt es, in der neutestamentlichen Botschaft von Jesu Auferweckung nicht eine bloße Analogie zu einem Fankult zu sehen, der den Tod des King of Pop nicht wahr haben möchte?

Natürlich gibt es keine verschwommenen Pixel mit Jesus drauf (welches digitale Bild beweist neute noch irgend etwas anderes als die Existenz von Photoshop?), wir müssen also die Berichte selbst ansehen. Ein paar Unterschiede fallen dabei auf:

  • Michael Jackson wollen fast ausschließlich einzelne gesehen haben, während im NT in der Regel nicht nur eine Person dem Auferstandenen begegnet.
  • Während zweitens Jackson nach Ansicht der meisten, die ihn gesehen haben wollen, nie tot war (ganz analog ist ja nach islamischer Überlieferung auch nur eine Art Doppelgänger oder Attrappe Jesu hingerichtet worden), war sein Tod für alle Zeugen der Auferstehung nie in Zweifel gestanden.
  • Drittens wird von den „Zeugen“ der Grund für Michael Jacksons Fortleben im Motiv der Flucht gesucht: Vor den Fans, vor den Schulden etc. Er verfolgt eher selbstbezogene Ziele. Die Auferweckung Jesu trägt – wie sein Leben und sein Sterben – für Christen immer den Charakter des „für uns“. Der Auferstandene kommt von sich aus auf seine Jünger zu!
  • Viertens ist das „für uns“ im NT so umfassend verstanden wir kaum etwas: Während niemand annimmt, Michael Jacksons Weiterleben eröffnet ihm selbst – geschweige denn der ganzen Welt – neue Lebensperspektiven und die Hoffnung auf eine grundlegende Verwandlung der Verhältnisse in Politik, Ökosystemen, menschlichen Beziehungen und der inneren Harmonie jedes einzelnen, wird von Jesus genau das gesagt: Er ist der Erstgeborene der neuen Schöpfung – und wir ahnen erst, was das alles noch bedeuten wird.

Wäre (im Blick auf Jesus) das auch nur an einem einzigen Punkt anders gewesen damals, dann würden wir heute ebenso wenig darüber reden wie man in 200 (geschweige denn 2000) Jahren noch von Jacko sprechen wird. So aber lohnt es sich bis heute, der Frage nachzugehen, ob und wozu Jesus auferstanden ist.

Ach übrigens: der Mann mit dem Regenschirm ist natürlich Pan Tau – mit Perücke statt Melone.

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WiderSpruch des Tages

Es gibt diese seltsame Sehnsucht nach jemand, der führt – aber keine unangenehmen Entscheidungen treffen soll. Das blitzt immer mal wieder auf. Es gibt ein frei flottierendes Bedürfnis (…) nach autoritären, aber unverbindlichen Gesten. Ich finde das merkwürdig gerade bei Leuten, die von sich behaupten, nicht autoritär strukturiert zu sein.

Die scheidende Chefredakteurin Bascha Mika von der taz

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Undenkbar?

Who would have imagined, five years ago, that the best signs of life and hope would be coming out of these old Christendom churches, these hierarchies and structures that most of the new future seekers were ready to write off as irrelevant? We are at the end of a chapter in Western history when no one can predict or control what might be fermenting in the neighborhoods and communities where people are struggling to make do and God’s people are salt and light.

Alan Roxburgh von Allelon in einem spannenden Blogpost zu überraschenden Aufbrüchen in alten Kirchen, namentlich die Fresh Expressions der Anglikaner und Methodisten, und die Schwierigkeit von Prognosen auf der Grundlage dessen, was wir schon/noch wissen im „Zeitalter des Undenkbaren“ – angeregt durch ein Buch des Journalisten Joshua Cooper Ramos, das demnächst auch auf Deutsch erscheint.

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Taktische Entschuldigungen

Vor ein paar Monaten hatte ich eine etwas heftigere Auseinandersetzung mit jemandem. Am Ende des Gesprächs, in dem mir einige Drohungen um die Ohren geflogen waren, entschuldigte sich mein Gegenüber: „Es tut mir leid, wenn ich dich verletzt habe“. Hatte er, und ich hatte das auch gesagt, nur die drohenden Worte wurden in dem Zusammenhang weder erwähnt noch zurückgenommen. Ich hatte das Gefühl, die unbestimmte Entschuldigung war eher als ein Anreiz an mich gedacht, mich meinerseits zu entschuldigen und dabei hoffentlich auch von meiner Position (von der ich nach dem Gespräch überzeugter denn je war) abzurücken.

Es gibt solche Entschuldigungen, die nur allzu deutlich verraten, dass der, der sie äußert, noch gar nicht verstanden hat, womit er andere verletzt oder ungerecht behandelt hat. Etwa die von Günter Oettinger, der sich nicht für seine missglückte Grabrede für Hans Filbinger, sondern lediglich deren Wirkung entschuldigt hat. Wenn ich dem anderen zu verstehen gebe, dass das eigentliche Problem aus meiner Sicht nicht mein Handeln, sondern seine Reaktion war (und das kann, wenngleich sicher nicht bei Oettinger, ja auch in dem einen oder anderen Fall zutreffen), dann sollte ich mich dafür nicht entschuldigen. Ein „tut mir leid, dass du dich so aufregst“ ist dann nur eine weitere Beleidigung.

Wirklich entschuldigen und um Vergebung bitten kann ich erst dann, wenn ich verstanden habe, was den anderen verletzt hat und meinen Fehler in der Angelegenheit sehen kann – selbst wenn es nur eine Teilschuld ist. Dass jemand etwas an mir auszusetzen hat und sich über eine Entschuldigung freuen würde, ist allein noch kein Grund. So verständlich das Bemühen im einen oder anderen Fall sein mag, Spannungen, deren Ursache man noch nicht durchschaut, durch eine „Entschuldigung“ zu vermindern: Wirklich auf dem Weg der Besserung ist eine Beziehung erst dann, wenn zu dem Bedauern über den Konflikt die Einsicht und der Wille zur Veränderung dazu kommt. Geduldiges Nachfragen hilft da im Zweifelsfall mehr.

Ich habe mir beim Nachdenken darüber vorgenommen, mich vielleicht in Zukunft seltener zu entschuldigen, aber dann richtig.

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Waldgeister

„Mein“ Wald war schon immer ein mystischer Ort. Wenn ich auf der Suche nach Stille und Inspiration war, fand ich sie dort oft genug. Die Bäume entlang meiner Laufstrecke kennen vermutlich mehr von meinen intimsten Sorgen als der eine oder andere Freund. Natürlich rede ich nicht mit den Bäumen. Aber manchmal denke ich, sie hören mit.

Seit heute hat das Mysterium Wald eine neue Dimension. Ich ging bei immer noch über 25 Grad und gefühlten 3000% Luftfeuchtigkeit auf die Laufrunde und kurz vor der Hälfte begegnete mir ein Geist. Er trug einen schwarz-roten Trainingsanzug mit langen Hosen und langärmliger Jacke und auf dem Kopf eine Schirmmütze. Und trotz der dicken Kleidung lief ihm anscheinend kein Tröpfchen Schweiß über das Gesicht. Was beweist, dass es ein Geist gewesen sein muss. Hätte ich einen Spiegel dabei gehabt, er wäre darin nicht aufgetaucht.

Wer nun meint, ich hätte ein getrübtes Bewusstsein aufgrund der Hitze oder einer FSME-Infektion in Folge eines Zeckenbisses – mein Pulsmesser zeigte keine Auffälligkeiten an. Ich hatte wohl auch das eine oder andere Flugobjekt ins Auge bekommen, aber mein Blick war immer noch klar. Außer Erdbeerkuchen vom Nachmittag hatte ich auch nichts im Magen.

Es muss also ein geist gewesen sein. Denn ich glaube nicht an Aliens, das ist unbiblisch. Und nicht daran (obwohl viele das vermuten), dass Siemens schon längst Roboter erfunden hat, die von echten Menschen nicht zu unterscheiden sind. So weit ich weiß, haben sie in Stepford keine Niederlassung…

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Kein Buchhaltergott

„Nicht ein einziger Brief wurde zugunsten von Mr. Madoff eingereicht. Keine Freunde, keine Familienangehörigen. Das sagt viel aus.“ So lautet das Fazit des Richters im größten Betrugsprozess der Geschichte. Der Bericht des Spiegel trägt den Titel „Möge Gott dir keine Gnade gewähren“ – die Worte stammen von einem der vielen Menschen, deren wirtschaftliche Existenz Madoff zerstört hat. Wenn das nächste Mal das Gleichnis von Schalksknecht zur Predigt ansteht, bietet sich dieser Vergleichspunkt für die Höhe und Dreistigkeit des Betrugs durchaus an.

Es gibt also nach wie vor diesen Sachverhalt der – finanziellen wie moralischen – Schuld. Und wie zu Jesu Zeiten kann das einen Menschen auch die Freiheit kosten. Madoff muss 150 Jahre hinter Gitter, er wird im Gefängnis sterben.

Am selben Tag las ich bei Anselm Grün zum Thema Erlösung und der Frage, wie die biblischen Bilder für die Erlösung durch Jesus heute verstanden werden können, den folgenden Satz:

Der Blick in die Finanzwelt war offensichtlich für Jesus selbst und die biblischen Autoren eine Hilfe, das Geheimnis der Vergebung und Erlösung von Schuld zum Ausdruck zu bringen. Was finanzielle Schulden sind, weiß heute jeder. Und oft genug drücken diese Schulden. Manchmal sind sie so hoch, dass sie sich nicht zurückzahlen lassen (…) Gott erweist sich am Kreuz nicht als Buchhalter, der über unsere Schulden Buch führt, sondern als großzügiger Geldverleiher, der uns unsere unbezahlbare Schuld erlässt.

Man muss gar keine Milliarden wie Madoff veruntreuen. Manches, was ich anderen zufüge oder schuldig bleibe, lässt sich nicht wieder gut machen, zumal nicht mit Geld – ob das nun körperlicher, seelischer oder sozialer Schaden ist. Manche verpasste oder verpatzte Gelegenheit, Gutes zu tun und sich für das richtige einzusetzen, kommt kein zweites Mal.

Die Geschichte vom Schalksknecht kehrt sich im Fall Madoff aber auch irgendwie um: Früher oder später stehen die Geschädigten, die ihm jetzt die Pest an den Hals wünschen, vor der Frage, ob sie zur Vergebung bereit sind (und so auch selbst frei werden von der Fixierung auf dieses Unrecht und dessen Folgen).

Soll nun der kleine Fisch dem Großen vergeben, der Unschuldige (oder nur-ein-kleines-bisschen-Schuldige) dem über alle Maßen Schuldigen? Nicht im Sinne von Straffreiheit vor der Justiz, aber wenigstens so weit, dass man die persönliche Anklage fallen lässt und Madoff wieder als Mitmenschen sieht? Vielleicht hilft das klare Gerichtsurteil ja dabei. Allerdings: Ein Schritt dahin könnte eben diese Einsicht sein, dass Madoffs Schuld zwar vom Ausmaß her alles Bisherige in den Schatten stellt, qualitativ aber eben auch nur das ist, was wir „Normalos“ alle in der einen oder anderen Form kennen: ein Schaden, den wir nicht aus eigener Kraft (und weil „unbezahlbar“ auch nicht mit unserer Kreditkarte) wieder gut machen können.

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