Eine Frage, viele Meinungen

Am Wochenende hat sich eines unserer Kinder beim Sport verletzt. Mein Frau brachte es zum orthopädischen Notdienst, erhielt dort eine erste Diagnose und wurde zur Erstellung eines CT in die Uniklinik geschickt. Dort sprach sie mit einem Assistenzarzt, der das CT für überflüssig hielt und eine Halskrause verschrieb. Wenn es bis morgen nicht besser wird, müssen wir noch einmal zum Arzt, das wäre dann der dritte, und wenn wir Pech haben, die dritte Meinung.

Ähnlich muss es viele Leuten mit den verschiedenen Religionen und Konfessionen gehen. Wie schön wäre es, wenn sie in den wesentlichen Fragen von Diagnose unserer persönlichen und gesellschaftlichen Situation übereinstimmen und dieselbe Therapie verschreiben würden. Oder wenn die Wirtschaftwissenschaftler in der Bewertung der Konjunktur einig wären und unseren Politikern keine verwirrende Vielfalt von Prognosen und Maßnahmenkatalogen gäben.

Wir müssen aber zum Arzt, wir müssen uns um unsere Wirtschaft kümmern (selbst wenn es immer wieder Situationen gibt, wo Nichtstun auch zu sehr annehmbaren Resultaten führt) – und wir müssen uns selbst (und gelegentlich anderen auch) Rechenschaft darüber geben können, was wir glauben und warum es uns sinnvoll erscheint. Wir müssen – um ein weiteres Beispiel zu bemühen – demnächst auch wieder wählen und dabei aus vielen unterschiedlichen Parteien und Kandidaten auswählen.

Die Vielstimmigkeit in all diesen Bereichen ist kein gutes Argument dafür, sich erst gar nicht richtig mit den Themen auseinanderzusetzen. Daher erstaunt es schon, dass die Ansicht so weit verbreitet ist, dass wir es uns leisten können, Fragen nach Gott oder dem Grund und Ziel unserer Existenz scheinbar offen zu lassen. Sollte das die Kapitulation vor der eigenen Ratlosigkeit angesichts des religiösen Pluralismus sein, dann könnte der Arztbesuch vielleicht ein paar Ideen abwerfen, was man tun könnte. Irgendwie schaffen wir es ja auch, eine Entscheidung zu treffen, und sei es nur im Trial-and-Error-Verfahren:

Natürlich kann ich mich auch als Patient einlesen in die Materie, ich kann mich über den Ruf und die Qualifikation der verschiedenen Ärzte informieren (bei Bekannten, im Internet, ggf. in Zeitschriften, alles natürlich ohne Gewähr…) und den auswählen, der am besten abschneidet, oder ich kann meinem Bauchgefühl oder meiner Intuition vertrauen. Je gravierender das Problem, desto mehr Zeit werde ich mir dafür nehmen. In jedem Fall ist es aber ein Risiko und in jedem Fall geht es darum, wem ich vertraue und auf wen ich mich verlasse. Sicheres „Wissen“ gibt es immer erst hinterher, auch in Politik, Medizin und Wirtschaft.

Steht also bei der Entscheidung für eine Glaubensrichtung, Weltanschauung oder Religion akut etwas auf dem Spiel? Eine ganze Menge, wenn man es ernst nimmt: Wofür werde ich Zeit, Kraft und Mittel einsetzen und wofür nicht? Wie definiere ich Erfolg? Worauf setze ich meine Hoffnung und was bringt mich dazu, an ihr auch unter erschwerten Bedingungen festzuhalten? Mit welchen Menschen lasse ich mich ein und wen nehme ich mir zum Vorbild? Niemand ist gezwungen, sich darüber Gedanken zu machen. Es tut nicht weh, wenn wir es unterlassen. Gut, vielleicht tut es schon weh, nur können wir den Schmerz verpasster Chancen oder falscher Entscheidungen gar nicht richtig zuordnen und halten das für „normal“ – schließlich geht es vielen so. Und schlicht auf die Stimmen zu setzen, die mir sagen, was ich hören will, kann auch ins Auge gehen.

Die Entscheidungen fallen dann eher unbewusst – unsere familiären und sozialen Skripte regeln das Überleben schon irgendwie: eine Art quasireligiöse „Werkseinstellungen“, die dann eben unverändert bleiben. Wenn wir also meinen, dass wir unsere Autonomie bewahren, indem wir uns erst gar nicht mit Religionen befassen, die sie eventuell einschränken könnten, dann ist das ein Irrtum. Irgendwer hat schon längst festgelegt, was für uns selbstverständlich ist. Wir haben uns nur noch nie gefragt, wer es war und mit welcher Absicht das geschah.

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3 Antworten auf „Eine Frage, viele Meinungen“

  1. Hallo Peter,

    guter Vergleich. Trotzdem denke ich, dass der Grund für mangelndes Wissen-Wollen in geistlichen Fragen nicht so sehr die verwirrende Vielfalt ist, als vielmehr die empfundene Irrelevanz des Themas. Mit welcher Sorte Getreide mein Brot gebacken wird, ist mir (bislang) herzlich egal – deshalb forsche ich beim Bäcker nicht groß nach und kaufe mal hier und mal da…

  2. Hi!
    Ich glaube dieses „interessiert mich halt nicht“, das Pixelpastor anspricht ist nur ein Vorwand für viele, um nicht ihr Köpfchen anstrengen zu müssen. Der Verstand ist wie ein Muskel, wenn wir ihn nicht benutzen, verkümmert er – und das macht den Einstieg aus unserer gedanklichen Bequemlichkeit des Altgewohnten nicht einfacher für eine „geistige Couchpotato“…
    Grüßle
    Natz

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