Weihnachten und die letzten Dinge

Jesus war für die meisten seiner Zeitgenossen ein extrem gewöhnungsbedürftiger Messias, weil er viel zu friedlich und gewaltlos daherkam. Programmatisch wird das in seiner ersten Predigt in Kapernaum, wo er Jesaja 61 zitiert und das Gnadenjahr ausruft, aber genau da abbricht, wo (das wissen seine Hörer ganz genau) von Gottes Vergeltung die Rede ist.

Manche Christen sagen nun: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, beim ersten Kommen war Jesus lieb und sanft, aber beim zweiten Kommen wird er all das nachholen, das Zuckerbrot gegen die Peitsche tauschen – und dann folgten unterschiedliche Visionen göttlichen Zorns, von Strafe und Vergeltung (und ja, es lassen sich manche Bibelstellen so auslegen – nur, ist das sachgemäß?).

Das Problem dabei ist nämlich, dass das gesamte NT davon spricht, dass Gott sich in Christus (genauer: in dem irdischen Jesus) umfassend offenbart hat. Wer also denkt dass Jesus bei seiner Wiederkunft Gerechtigkeit (das hoffen alle Christen) aufrichtet, indem er primär bestraft, vergilt und vernichtet, der nimmt diese Aussagen nicht ernst. So gesehen hätte sich Gott in Christus nämlich gar nicht offenbart, sondern als nett und freundlich verstellt, um später doch noch gewalttätig zu werden. Zudem begeht man denselben Fehler wie die Pharisäer und Schriftgelehrten zur Zeit Jesu (die konnten sich auch auf Bibelstellen berufen, aber das hat Gott anscheinend nicht davon abgehalten, genau diesen Weg zu wählen).

Also dürfen wir alle gespannt sein, wie Jesus bei seinem zweiten Kommen sich wieder als die Liebe zeigt, die sich selbst verschenkt und bis ins größte Extrem geht, um das Verirrte zu finden und zu versöhnen. Das finde ich eine wahrhaft weihnachtliche Perspektive auf die letzten Dinge. Dann hätten wir aus dem ersten Kommen vielleicht wirklich etwas gelernt.

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Angenehm überrascht

David Hart rehabilitiert Anselm von Canterbury gegen den notorischen Vorwurf, seinetwegen dominiere in der westlichen Theologie das Strafleiden Christi und damit verbunden ein zumindest ambivalentes, im Grunde aber gewalttätiges Gottesbild und ein juristisches Verständnis von Rechtfertigung (vgl. die verbreiteten erbaulichen Phrasen wie Blut geflossen, Preis bezahlt, Genüge getan, Zorn besänftigt, Schuld getilgt…). Für Hart stellt sich die Sache anders da:

Christus nimmt die menschliche Geschichte (“human story”) auf und erzählt sie richtig, indem er auf Gottes Aufruf die richtige Antwort gibt; in seinem Leben und Sterben erzählt er die Menschheit neu (“renarrates humanity”) nach ihrem wahren Muster von liebendem Gehorsam, Demut und Nächstenliebe, und zeigt so, dass alle menschlichen Geschichten von Gerechtigkeit, Ehre und Recht Erzählungen von Gewalt, Falschheit und Tod sind; und indem er es zulässt, dass die ganze Menschheit durch seinen Tod innerhalb dieser neu erzählten Geschichte ihren Ort findet, stellt Christus sie wieder her zur Gemeinschaft mit dem Gott unendlicher Liebe, der sie zu seinem Wohlgefallen geschaffen hatte.

The Beauty of the Infinite, S. 371

 Wikipedia Commons 5 59 Anselm Of Canterbury

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Werkstatt: Fragestellungen

Ich bin immer noch am Thema “Sünde, Kreuz und Bekehrung im Horizont der Postmoderne” und frage mich gerade, ob die Themenstellung nicht schon symptomatisch ist für die Probleme, auf die christliche Verkündigung eines bestimmten Typs trifft.

  • Um adäquat über Sünde zu reden, müsste man zuerst über die Schönheit der Schöpfung reden.
  • Um adäquat über das Kreuz zu reden, müsste man zuerst über die Menschwerdung Gottes reden.
  • Um adäquat über Bekehrung zu reden, müssten wir zuerst über die Neuschöpfung aller Dinge reden.

Dann können wir auch darauf hoffen, dass wir verstanden werden. Und das nicht nur, weil wir in der Postmoderne leben, sondern auch, weil es die biblischere Perspektive ist.

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So schön kann Theologie sein

Gestern kam David Bentley Harts “The Beauty of the Infinite” mit der Post. Was soll ich sagen? Schon auf den ersten paar Seiten hat mich das Buch gefesselt. Hart ist ostkirchlicher Theologe und auf der Höhe der Zeit, wenn es um die Philosophie der Postmoderne und ihre Kritik an der klassischen Metaphysik und den modernen Metanarratives geht:

Theologie ist keine Kunst, die von der Geschichte auf die Ewigkeit abstrahiert, von Fakten auf Prinzipien, sondern eine, die – unter dem Druck der Geschichte, die zu interpretieren sie aufgerufen ist – entdeckt, wie die Sphäre ihrer Erzählung sich in immer größere Dimensionen des Offenbarten hinein ausdehnt, die Linie zwischen dem Geschöpflichen und dem Göttlichen überschreitet (…), weil diese Linie schon überschritten ist, nicht symbolisch, sondern tatsächlich, in der konkreten Person und Geschichte Jesu.

Aber mehr noch als das hat mich der Ansatz beim Thema Schönheit berührt. Auf den ersten Seiten zu diesem Begriff wusste ich schon gar nicht mehr, was ich noch alles anstreichen sollte. Hier ein kleiner Auszug, weil es einfacher ist auf Englisch:

In the beautiful God’s glory is revealed as something communicable and intrinsically delightful, as including the creature in its ends, and as completely worthy of love; what God’s glory necessitates and commands, beauty shows also to be gracious and inviting; glory calls not only for awe and penitence, but also for rejoicing; God’s ordinance is also ordonnance, so to speak. There is also a moral element in receiving the glory of God’s work under the aspect of beauty: the beautiful fosters attachment that is also detachment, possession in dispossession, because it can be received only at a distance, only in letting be, as gift; where glory bestows itself as beauty it consecrates otherness as good, and of God’s goodness.

David Bentley Hart, The Beauty of the Infinite: The Aesthetics of Christian Truth

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Nicht zu wörtlich nehmen

David Bosch schreibt unter dem Stichwort “the emergence of a postmodern paradigm” in Transforming Mission: Paradigm Shifts in Theology of Mission folgendes, das mich auch an unsere immer wiederkehrenden Fragen des Bibelverständnisses erinnert (vor allem: wie wörtlich muss man was nehmen und zählt nur das wörtliche Verständnis?). Der Text steckt voller Zitate, ich habe hier auf die vielen Anführungszeichen verzichtet, wer will, kann bei Bosch auf S. 353 selbst nachlesen.

Die zentralen Lehren des traditionellen Christentums, (…) können nur in Form einer Metapher ausgedrückt werden; jeder Versuch, darüber hinaus zu gelangen und die Lehren zu “erklären”, riecht stark nach intellektueller Sterblichkeit. In der Tat wird Götzendienst, wo er in der Bibel verurteilt wird, oft als ‚wörtliche‘ Projektion eines Bildes in die Außenwelt betrachtet, das als poetische Metapher akzeptabel gewesen wäre. (…)
Metapher, Symbol, Ritual, Zeichen und Mythos, lange schlecht geredet von jenen, die sich nur für den “exakten” Ausdruck von Rationalität interessierten, werden heute rehabilitiert; sie schaffen Formen, die die Integration von Denken und Wollen herstellen und hervorrufen; sie berühren nicht nur den Verstand und dessen Konzepte, und rufen gezieltes Handeln hervor, sondern sie bewegen das Herz. Also sehen wir eine Welle des Interesses, vor allem in Kirchen der Dritten Welt, an narrativer Theologie, Theologie als Story und anderen nichtkonzeptionellen Formen des Theologisierens.

Bosch schreibt, diese Ansätze sind weder irrational noch vernunftfeindlich, sie stellen lediglich eine nötige Erweiterung der Vernunft dar, auf die man sich zu lange beschränkt hatte. Leider hat es sich noch nicht überall herumgesprochen, dass es (inspirierte – kein Zweifel!) Dichtung und Mythen auch in der Bibel gibt, und dass ein wörtliches Verstehen der falsche Weg ist, um aus diesen Texten klug zu werden. Aber ein sehr “moderner”.

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Zurück in der Werkstatt

Ich habe die Arbeit an dem Referat “Sünde, Kreuz und Bekehrung im Horizont der Postmoderne” fortgesetzt. Die Problematik lässt sich im Bezug auf Christian Schüles “Deutschlandvermessung” umreißen: “Vielleicht haben WIR als erste Sartres Satz begriffen, der Mensch könne gar nicht anders, als sich selbst zu verwirklichen, da er zur Freiheit verurteilt sei (…) Wir sind die Kinder des Danach: des Postindustriellen, des Posthistorischen, des Postmoralischen, des Postmetaphysischen.

Schüle erklärt das noch etwas ausführlicher. Hier sind die Fragen, die sich mir stellen:

  • Wie sprechen wir von Sünde in einer postmoralischen Welt?
  • Wenn Freiheit eine Gegebenheit oder gar ein Fluch ist, wozu und wovon befreit uns das Kreuz?
  • Wenn postmetaphysisch Identität und soziale Bindung verflüssigt sind, die Geschichte keine Richtung mehr kennt und unklar ist, was vorne und hinten ist, welchen Sinn kann der Begriff „Bekehrung“ dann noch haben?

Für die Antworten habe ich bis zum 4. Januar Zeit…

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Emergent-Nachlese (8): rot/blaues und grünes Evangelium

In früheren Zeiten (und an manchen Stellen ist das heute noch so) fanden viele den Gedanken ausgesprochen attraktiv, zum auserwählten Volk zu gehören. Zunächst einmal ganz vordergründig politisch und national, nicht nur religiös. Da war es nicht anstößig, dass Gott die Seinen bevorzugt und die anderen seinen Zorn zu spüren bekommen. In dieser Situation lautete das Evangelium dann: Du darfst auf die Seite des Siegers wechseln und zu den Guten gehören. “Bekehrungen” aus Angst vor der “Hölle” waren keine Seltenheit. Für manche Ideale von Erweckung sind Predigten wie die von Jonathan Edwards daher heute noch konstitutiv. Gott war ein nach innen vielleicht freundlicher-strenger Herrscher, aber hart gegen die Feinde (egal ob das nun die Nachbarvölker, die Barbaren, andere Religionen oder Konfessionen sind). In der Logik der Spiral Dynamics, die Jens so gut dargestellt hat, ist das die blaue (und teilweise auch rote) “Frequenz”.

Heute ist dieses Evangelium schlicht nicht mehr vermittelbar. Was nicht heißt, dass manche es doch noch versuchen. Gerade gebildete Menschen sind sehr sensibel, wenn es um Ausgrenzung und Benachteiligung oder gar und Rache und Willkür geht. Das ist dann die “grüne”, ausgesprochen autoritätskritische Frequenz. Die meisten von uns empfinden intuitiv so: Wie kann man sagen, dass Gott Liebe ist, wenn sein Heil am Ende nur wenigen Auserwählten gilt? Oder muss man nicht Angst und Abscheu vor einem solchen Wesen empfinden – so wie in diesem Cartoon auf ASBO Jesus:

 2007 11 Do-You-Want

Muss man nicht sogar gegenüber einem solchen Gott (wie ihn das “blaue” Evangelium für “grüne” Ohren beschreibt?) das Angebot zur Kapitulation ausschlagen und im Zweifelsfall die Hölle aus Solidarität mit all jenen wählen, die keine faire Chance hatten? Ich lasse die vielen theologischen Implikationen beiseite – hier geht es nur darum, was unser Adressat tatsächlich hört. Auf dieser Frequenz gibt es keine Verständigung. Es muss also anders gehen.

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Emergent-Nachlese (5): Bibel-Pingpong

Dscf1066-2Über Jasons Blog habe ich diesen intelligenten Post von Chris Tilling zum Thema Proof-texting gefunden. Brian McLaren hat am Samstag auf dem Emergent Forum mit der interessanten Beobachtung aufgewartet, dass in Streitfragen oft die Methode, mit einzelnen, isolierten Belegstellen zu arbeiten ein ganz anderes Resultat ergibt (und in der Regel die herrschenden Machtverhältnisse rechtfertigt), während die Argumentation vom großen Bogen der Geschichte Gottes eher befreiende Ansätze hervorbringt. Rob Bell und seine Leute nannten das den redemptive arc.

Mir erging es neulich so mit der Frage nach Frauen in Leitungsfunktionen, Brian spielte auf Sklaverei und Apartheid an, man könnte auch die Todesstrafe und andere Themen an dieser Stelle nennen. Isolierte Textportiönchen lassen sich so organisieren, dass sie den damaligen wie den heutigen – darauf hebt Chris Tilling ab – Kontext verschleiern:

… when they read scripture, it is used to decorate this pre-given, this assumed narrative concerning the meaning of faith, Christ, and the church. This is done even though assumed their social discourse is profoundly unbiblical in its wider concerns and shape. The failure of much conservative evangelical rhetoric is not that they use scripture in their arguments, but that their assumed ‚Christmas tree‘ upon which they often decoratively hang scripture, is in desperate need of reformation

Im übrigen sind die biblischen Aussagen in den meisten Fällen gar nicht auf einen stimmigen Nenner zu bringen. Es wird immer wieder mal ein Vers übrig bleiben, der in eine andere Richtung deutet. Und in manchen Fragen, etwa ob Todesstrafe oder nicht, gibt es nur ein entweder/oder. Ich kann nicht alle Aussagen der Schrift zu einem Thema aufmalen und dann die geometrische Mitte suchen. Ich muss nach der Richtung der Bewegung fragen und manchmal weiter gehen als Paulus & Co.

Wenn also jemand kommt und plump apodiktisch behauptet “die Bibel sagt”, dann stellt sich schon die Frage, was er damit rechtfertigen will. Aber man kann die Freunde des Proof-Texting nicht mit Bibelstellen-Pingpong auskontern. Wenn das ginge, gäbe es auch keine Zeugen Jehovas mehr. Man muss ihre Methode zurückweisen und das Gespräch auf eine andere, biblischere Basis stellen.

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Viel-zu-Vielfalt?

Kürzlich hatte ich mit einem Freund beim Kaffee ein interessantes Gespräch über die Beobachtung von D.G. Dunn im Anschluss an Ernst Käsemann, dass es eine Vielfalt neutestamentlicher Theologien gibt, die sich nicht auf einen Nenner bringen lassen. Jede Auslegungstradition hat ihren eigenen Kanon im Kanon: Die Katholiken die Pastoralbriefe, die Orthodoxen die johanneischen Schriften, Evangelische die frühen Briefe des Paulus, Pfingstler und Charismatiker die Apostelgeschichte, postmodern-sensible Denker und Praktiker (und da schließe ich mich ein) favorisieren das Lukasevangelium und (mit Bonhoeffer, Dallas Willard und Franz von Assisi) die Bergpredigt.

Es ist auch gar nichts falsch daran. Die (Lehr-) Einheit der ersten Christen ist eine historische Fiktion. So gesehen lässt sich auch die Frage nach der wahren Kirche über die reine Lehre nur so lösen, dass man sich ständig weiter spaltet, weil schon die Ausgangspunkte nicht ganz kompatibel sind. Ab einem gewissen Punkt wird das dann reichlich absurd.

Aber man könnte die Vielfalt eben auch als Stärke sehen, das eigene Repertoire erweitern statt auf Reinheitsgrade zu pochen, andere Standpunkte kennen und schätzen lernen und schließlich die Dinge aus der eigenen Tradition in die Mottenkiste packen, die im heutigen kulturellen Umfeld nicht mehr vermittelbar sind. Dazu freilich wäre eine Portion Sekundärschicht-Bewusstsein nötig, um es mal mit Ken Wilber zu sagen. Aber unmöglich ist es nicht.


“Unity and Diversity in the New Testament: An Inquiry Into the Character of Earliest Christianity” (James D. G. Dunn)

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Dekonstruktion und Wahrheit

In einer Dekonstruktion geraten die Dinge ins Wanken durch ihren eigenen inneren Impuls, durch eine Kraft, die ihnen keine Ruhe lässt, die an die Oberfläche drängt, die sich hinauszwängt und die Sache unruhig macht. Dekonstruktion dreht sich um die Idee, dass die Dinge eine unfassbare Wahrheit enthalten, dass sie etwas enthalten, was sie nicht halten können. Niemand muss daherkommen und Dinge “dekonstruieren”. Die Dinge dekonstruieren sich selbst durch die Tendenz ihrer eigenen inneren Wahrheit. In einer Dekonstruktion ist der “Andere” derjenige, der dem “Gleichen” die Wahrheit sagt; der Andere ist die Wahrheit des Gleichen, die Wahrheit die verdrängt und unterdrückt wurde, übergangen und marginalisiert, oder manchmal schlicht umgebracht, wie Jesus selbst, weshalb Johann Baptist Metz von der “gefährlichen Erinnerung” an das Leiden Jesu spricht und weshalb ich Dekonstruktion als Hermeneutik der Herrschaft Gottes beschreibe.

John D. Caputo, What Would Jesus Deconstruct?: The Good News of Postmodernism for the Church

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Die Sünden der Väter?

Ich hatte diese Woche ein interessantes Gespräch zur Frage, inwiefern wir unter der Schuld vergangener Generationen leiden. Dass wir unter den Folgen des Handelns unserer Vorfahren leiden, ist an manchen Stellen unübersehbar. Mein Gesprächspartner ging aber (ob in der individuellen Seelsorge oder wenn es um größere Gemeinschaften geht) noch weiter.

Meine Position ist, dass in der Schrift der Gedanke von generationsübergreifender Schuldverstrickung zwar existiert (und das Individuum weniger isoliert gesehen wird als bei uns), aber innerbiblisch von den Exilspropheten unmissverständlich aufgehoben wird um im neuen Testament keine Rolle spielt. Mein Gegenüber fand, wir reden hier von Geheimnissen, die sich nicht lüften lassen (anders gesagt: man kann das nicht so deutlich sagen; noch anders gesagt: wenn wir nichts festlegen, können wir besser spekulieren?).

Dann beschäftigten wir uns mit einem konkreten Fall. In einem Dorf war im Dreißigjährigen Krieg der Vertreter eine Konfession von den Truppen der anderen Seite bestialisch ermordet worden. Und noch heute ist das Verhältnis zwischen den Konfessionen (jetzt sind es ein paar mehr) sehr schwierig. Er vermutet einen Zusammenhang mit diesem Ereignis. Um Aussöhnung zu erreichen, müsse man um Vergebung bitten und sie aussprechen.

Ich fand, man kann das auch anders sehen. Einzelne Gräueltaten waren systemisch betrachtet auch damals Ausdruck der Tatsache, dass Religion ein Politikum war und die Territorialherren mit Druck und notfalls auch Gewalt Abweichungen verhinderten und der Krieg den Hass schürte. Reste dieser Unfähigkeit, mit anderen Glaubensrichtungen umzugehen, haben sich bis heute erhalten, auf dem Land noch mehr als in der Stadt. Zur Legitimation der bestehenden Fronten wird dann auch altes Unrecht immer wieder einseitig aufgewärmt. Es ist keine Frage der Schuld (gut: der eigenen Schuld eventuell schon, nur nicht der der Väter); wohl aber muss man sich geschichtliche (Fehl-)Prägungen gründlich bewusst machen und überlegen, wie man seine Vorurteile gegenüber der anderen Seite ablegt und den Umgang mit einander anders gestaltet. David Schnarch nennt das “resolving the past in the present”.

Mir ist bei diesem Ansatz wohler, weil man nicht nach Leichen im Keller der Geschichte buddeln muss (“haben wir da etwas noch nicht bekannt/vergeben?”). Bei unseren komplexen Familien- und Stammeshistorien finden wir immer etwas, das als Erklärung heutiger Ängste und Probleme herhalten könnte. Doch wir sind nun nicht mehr die Opfer der Geschichte, sondern – und darum ging es Ezechiel und Jeremia – frei, die Verantwortung für unsere Generation hier und jetzt zu übernehmen, statt im Misthaufen der Geschichte zu stochern.

“Stellvertretende Buße” halte ich schon deswegen für ein problematisches Konzept, weil es bei “Buße” darum geht, seine Einstellung zu ändern. Das kann ich aber nur für mich selbst tun. Die Toten haben ihre Einstellung mit ins Grab genommen. Entweder wird der Begriff “Buße” in einer solchen Konstruktion auf ein bloßes Bekennen der Schuld anderer nivelliert, oder er ist schlicht sinnlos.

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Wachstums-Logik

LeRon Shults und Steven Sandage haben das Modell des Schmelztiegels (engl.: crucible) von David Schnarch für geistliche Wachstumsprozesse adaptiert und mit den drei Wegen der Mystik (Läuterung, Erleuchtung, Einswerden) verbunden. Damit sind sie der Gefahr entronnen, plump Phasen und Stufen an einander zu reihen, und sie haben die Dynamik des Konflikts positiv einbezogen.


Ich habe für unser Mitarbeiterwochenende die Grafik aus “Transforming Spirituality: Integrating Theology and Psychology” übersetzt. Hier könnt Ihr sie ansehen. Sie eignen sich gut zur Beschreibung individueller Entwicklungen. Für ganze Gruppen gibt es vielleicht Analogien, aber die Gefahr ist groß, mehr in die Situation hineinzulesen, als sie hergibt.

Hier ist das Schema für alle, die es interessiert:

Schmelztiegel

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Dramatische, bunte Gottesbilder

Bei der Frage nach Sünde und Kreuz in der Postmoderne bin ich auf den schwedischen Theologen Gustaf Aulén gestoßen, dessen Werk “Christus Victor” im Englischen immer wieder genannt wird.

Hier ein Stück aus einem anderen Buch, “Das Drama und die Symbole”, das ich heute bekommen habe. Dort heißt es im Vorwort:

Die biblischen Gottessymbole sind vielfältig und vielfarbig, ja man möchte sagen, sie leuchten in allen Farben des Spektrums. Diese vielfachen Lichtfarben treffen sich in einem Brennpunkt, in dem das Licht mit gesammelter und voller Kraft leuchtet, eben in dem Christus, von dem es in der Bibel heißt, er sei der “Widerschein von Gottes Herrlichkeit”. Das bedeutet nicht, dass der Gott, der hier “gesehen”, “geschaut” wird, nicht mehr der “Unsichtbare”, der “im Verborgenen Wohnende” wäre. Wohl aber bedeutet es, dass das Gottesbild hier eine Darstellung erhalten hat, die nicht überboten oder wegretuschiert werden kann. Dasselbe lässt sich auch so ausdrücken: Das christliche Gottesbild spiegelt sich in dem Christus-Drama wider, in dem Gott den Nahkampf gegen die zersetzenden Mächte des Daseins aufnimmt.

Dscf1464

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“Unnatürlicher” Glaube

Peter L. Berger ist beim Thema Schöpfung angekommen und betrachtet den Unterschied zwischen (mono-)theistischem Glauben und dem, was er “mythische Matrix” nennt. Zuvor hat er schon bei der Theodizeefrage ganz vehement Stellung bezogen gegen jegliche Stiliserung des Todes (und damit zwangsläufig auch des Leidens) als einer guten und natürlichen Sache.

Nun legt er nach, und nachdem mir der allzu unkritische Gebrauch organischer Metaphern – oft werden diese in der Ekklesiologie ja gar nicht mehr als Metaphern verstanden – schon immer suspekt war (als sei alles “Natürliche” per se gut), hier ein prägnantes Zitat seines (und meines) Standpunktes:

Die biblische Wirklichkeitssicht stellt uns einen Gott vor, der jenseits der Natur ist, und der Mensch ist insofern “zum Bilde Gottes” geschaffen, als er eben dieses unnatürliche Wesen teilt. Anders ausgedrückt – die Natur ist in keiner Weise normativ. Beziehungsweise: Wenn etwas natürlich ist, bedeutet dies keineswegs, dass es Anspruch auf moralische Zustimmung hätte (…). Die Menschen sind selbstverständlich Teil der Natur, insofern sie biologische Organismen und Ergebnisse biologischer Evolution sind. Doch es gibt im Menschen ein wesentliches Element, man nenne es, wie man will, das die Natur transzendiert.

(Erlösender Glaube? S. 55)

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Gute Fragen

Heute morgen habe ich mich durch die ersten beiden Kapitel von Peter L. Bergers Erlösender Glaube? Fragen an das Christentum bewegt und war begeistert. Das Cover und Inhaltsverzeichnis (er hangelt sich am apostolischen Glaubensbekenntnis entlang) hatten erst einmal gar keine großen Erwartungen geweckt.

Aber es ist spannend, wie Berger sich hier vorantastet angesichts zweier universaler Erfahrungen, nämlich der nicht harmonisierbaren Pluralität von Religionen und Glaubensrichtungen einerseits und – sofern man nicht zur kleinen Gruppe religiöser Genies wie Abraham oder Paulus gehört – des Schweigens Gottes andererseits. Kein völliges Schweigen allerdings, aber ein Reden, das uns eben nur mittelbar erreicht und daher vor die Frage stellt, wo wir Gottes Offenbarung anzutreffen meinen und wo nicht.

Berger bringt Philosophie, Religionswissenschaft und christliche Theologie in ein spannendes Gespräch, indem er nicht so sehr abstrakte Sätze gegen- oder nebeneinander stellt, sondern in der Ich-Form fragt, was ihm beim Glauben hilft oder hindert und wie er an die Aufgabe herangeht, zwischen verschiedenen Angeboten und Möglichkeiten zu entscheiden.

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